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Termpaper, 2005, 22 Pages
Authors: A. M. Beigui, Schirin
Subject: African Studies
Details
Tags: Grammatikalisierung, Aspektsystem, tschadische Sprachen
Year: 2005
Pages: 22
Grade: 2
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-07612-3
File size: 113 KB
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Fulltext (computer-generated)
Universität Hamburg. IAA. Abteilung für Afrikanistik. SS / 04
Autorin: A.-M.-Beigui, Schirin
Hauptseminar: Grammatikalisierung.
Thema: Grammatikalisierung im tschadischen Aspektsystem.
Inhaltsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis 1
Was will die folgende Arbeit 2
1. Grammatikalisierung 2
1.1. Geschichte der Grammatikalisierungstheorie 2
1.2. Was ist Grammatikalisierung 3
1.3. Einführung in das Thema dieser Arbeit 5
2. Die Unterteilung der tschadische Sprachfamilie 8
3. Grammatikalisierungsphänomene im Aspektsystem 9
3.1. Diachrone Entwicklung der Aspektmarkierung 9
3.1.1. Segmentale Distinktivität der Verbstämme 10
3.1.2. Der Ton des Verbstamms 13
3.1.3. Der Ton des Subjektpronomens 16
3.2. Zusammenfassung 18
Literaturverzeichnis 20
Abkürzungsverzeichnis:
Newman & Schuh 1974 (NS)
Heine & Reh 1984 (HR)
Heine & Claudi & Hünnemeyer 1984 (HCH)
grammatisch(er) GR
lexikalisch(er) LEX
Perfektiv PRF
Imperfektiv IPRF
Subjunktiv SB
Verbstamm VS
Subjektpronomen SP
Vokal V
1
Was will die folgende Arbeit
Folgende Hausarbeit ist aufgrund eines Seminars mit dem Titel ,,Grammatikalisierung" bei
Prof.Dr.Reh, der ich für einschlägige Tipps danken möchte, im Sommersemester 2004
entstanden. Im Seminar wurden die Grundsätze und Phänomene, die als Grammatikalisierung
kategorisiert werden diskutiert, also verfolgt diese Arbeit diesen Ansatz in ihrer
Untersuchungen. Anhand einzelner Sprachen der tschadischen Sprachfamilie sollen
Grammatikalisierungsprozesse im Aspektsystem analysiert werden. Eine Zusammenfassung
der analysierten Prozesse soll einen verallgemeinerten Blick auf die Entwicklung des
Aspektsystems in tschadischen Sprachen geben, wie sie auch in der Literatur vertreten
werden. Die zu analysierenden Daten wurden aus komparativen Arbeiten, Beschreibungen
einzelner Sprachen und in der Literatur wiedergegebener Paradigmensets zusammengestellt.
Hypothesen und Rekonstruktionen basieren vor allem auf Arbeiten von Jungraithmayr, Wolff,
Newmann und Schuh.
1. Grammatikalisierung
1.1. Geschichte der Grammatikalisierungstheorie
Dass eine Sprache sich sowohl aus lexikalischen, als auch aus grammatischen Formen
konstituiert, ist in der Geschichte der Sprachwissenschaft ein seit langem erkanntes und
bekanntes Phänomen. In der europäischen Wissenschaft des 18. und 19. Jahrhunderts
repräsentieren Wilhelm v. Humboldts Ausführungen über den ,,Ursprung grammatischer
Formen" (1822) die zeitgenössische Suche nach Typologien von Sprachen. Diese Zeit vertrat
die Idee linearer, evolutionärer Stufen in den grammatischen Erscheinungen von Sprachen.
Mit Georg v. der Gabelentz′s Ausführungen (1891) erschien erstmals eine Aufstellung von
Prinzipien, die für die Entwicklung grammatischer Formen verantwortlich sein sollten.
Gabelentz beschrieb die Motivation zur Grammatikalisierung von linguistischen Elementen
durch den Konflikt der Sprecher einerseits zu vereinfachenden Artikulationen zu tendieren
und andererseits der Notwendigkeit eine Distinktivität verschiedener grammatischer
Funktionen zu bewahren. Auf diese Art konnte Gabelentz eine Spirale postulieren, in der sich
Sprachveränderungen zyklisch abspielten ohne das Wort ,,Grammatikalisierung" als
linguistische Kategorie einzuführen. Erst der französische Linguist Meillet (1922) rückte den
Prozess der Grammatikalisierung als linguistisches Konzept in den Mittelpunkt seiner Arbeit,
um Sprachveränderungen zu erklären. Er erkannte unter dem Begriff ,,
grammaticalization"
2
das altbekannte Prinzip der analogen Bildungsweise in Sprachkonstruktionen und eine
Transformation grammatischer Morpheme aus lexikalischen
Einheiten. Er schreibt:
,,these two processes, analogical innovation and the attribution of grammatical
character to a previously autonomous word, are the only ones by which new
grammatical forms are constituted."
(S:31)
Bis in die 1970′er hinein blieb die weitere Erforschung von Grammatikalisierungsprozessen
in nicht-indoeuropäischen Sprachen weitgehend unbeachtet, bis die Suche nach Universalien
im Sprachwandel und das Interesse für diachrone Erklärungsansätze synchroner
Spracherscheinungen neu erwachte. Givons Arbeit zur morphologischen Entwicklung in
einigen afrikanischen Sprachen (1971, 1979) und Greenbergs vergleichenden Arbeiten zu
afrikanischen Sprachen (1966,1978) markieren einen Anfang in der Erforschung dieser
Prozesse in afrikanischen Sprachen. Einen historischen Überblick über die
Forschungsgeschichte der Grammatikalisierung gibt Lehmann (1982). Einen allgemeinen
Überblick über Mechanismen, die Grammatikalisierungsprozessen zugrunde liegen, geben
Hopper,Traugott (1983). Motivation und Faktoren einer Grammatikalisierung werden in
Heine,Claudi,Hünnemeyer (1984) diskutiert. Eine ausführliche Kategorisierung von
Grammatikalisierungsphänomenen anhand afrikanischer Sprachen mit zahlreichen Beispielen
findet sich in Heine,Reh (1984).
1.2. Was ist Grammatikalisierung
Grammatikalisierungsprozesse wiederholen sich in Zyklen oder Spiralen (HR:68) und sind in
der Regel unidirektional in Richtung eines ,,mehr an Grammatik und weniger an
Semantik/Pragmatik" eines Morphems und/oder einer Konstruktion (HCH:4).
Grammatikalisierung ist ein prozeßhafter Vorgang, der meist als diachrone Entwicklung
aufgefasst wird und stellt als solches eine Universalie in Sprachen dar (HCH:4). Sie ist ein
Kontinuum, dessen Phänomene als vorübergehend stabile Zustände einer Sprache erscheinen
können, die aber auch von graduellem Charakter sind, indem mehrere Funktionen einer Form
bzw. mehrere Interpretationsmöglichkeiten einer Form in einer Sprache koexistieren können
(HR:15). Den Grad der Grammatikalisierung für eine Einheit kann man an der Menge der
Ersetzungsmöglichkeiten für die Einheit an derselben syntaktischen Stelle messen; je weniger
Substitutionsmitglieder gleicher Kategorie vorhanden sind, desto grammatischer die Einheit
(Reh:im Seminar) Folgende Definitionen geben die Ansätze in der genannten Literatur
3
wieder. Heine & Reh definieren Grammatikalisierung als einen Prozess, bei dem eine
linguistische Einheit bestimmte Transformationserscheinungen zeigt.
,,With the term "grammaticalization" we refer essentially to an evolution whereby
linguistic units lose in semantic complexity, pragmatic significance, syntactic
freedom, and phonetic substance, respectively."
(HR:15)
Traugott & König definieren Grammatikalisierung wesentlich enger, als einen Prozess, bei
dem eine lexikalische Einheit die grammatische Funktion erhält alte oder neue Beziehun-
gen zu vercoden.
"Grammaticalization...refers primarily to the dynamic, unidirectional historical
process whereby lexical items in the course of time acquire a new status as
grammatical, morphosyntactic forms, and in the process come to code relation that
either were not coded before or were coded differently"
(Traugott,König, zitiert in: HCH:4)
Im Lexikon der Sprachwissenschaft (Bußmann1990) ist folgender Eintrag zu finden:
,,...Bezeichnung eines Sprachwandelprozesses, in dessen Verlauf eine autonome
lexikalische Einheit allmählich die Funktion einer abhängigen grammatischen
Kategorie erwirbt. (...). Unter formalen Aspekt tritt ein Verlust an syntaktischer
Unabhängigkeit und morphologischer Unterscheidbarkeit von anderen Elementen
des gleichen Paradigmas ein; außerdem wird das Vorhandensein des
grammatikalisierten Elements mehr und mehr obligatorisch bei gleichzeitig
wachsender Abhängigkeit von bzw. phonologischer Anpassung an eine andere
(autonome) sprachliche Einheit. Dieser Prozeß [sic] wird begleitet vom
allmählichen Schwinden phonologischer Merkmale im segmentalen und
suprasegmentalen Bereich, sein absoluter Endpunkt ist in der Regel >>zero
phonological content<<"
Diese Definition unterscheidet sich von den zwei vorhergehenden vor allem in der Prämisse,
dass der Grammatikalisierung ein Prozess zu Grunde liegt bei dem eine Einheit von einem
autonomen Status zu einem abhängigen Status gelangt.
Für die folgende Analyse wird eine Symbiose der Definitionen von (HR) und (HCH)
angesetzt, bei der eine Formfunktionseinheit einem Prozess unterliegt, in dessen Verlauf
bestimmte Phänomene zu beobachten sind. Eine ausführliche Darstellung der beobachtbaren
Phänomene, die die Grammatikalisierung einer Einheiten konstituieren, findet sich in
Heine,Reh (:67)
,,Thus, the more grammaticalization processes a given linguistic unit
undergoes,
4
(1) the more does it lose in semantic complexity, functional significance and/or
expressive value;
(2) the more is the number of members belonging to the same category or
paradigmatic set reduced (...);
(3) the more does it lose in pragmatic significance and gain in syntactic
significance;
(4) the more does its syntactic variability decrease, i.e., the more does its
position within the clause become fixed;
(5) the smaller is the number of other linguistic units combining with it;
(6) the more does its use become obligatory in certain contexts and
ungrammatical in others;
(7) the more does it coalesce phonetically, morphosyntactically and semantically
with other units;
(8) the more does it lose in phonological substance;
(9) the more is its morphophonological status affected by the following
evolution: allophony > allomorphy > suppletion."
1.3. Einführung in das Thema dieser Arbeit
Erstmals hat Klingenheben in seiner Arbeit ,,Die Tempora Westafrikas und die semitischen
Tempora,, (1929) eine Beschreibung des Aspektsystems oder ,,
Aktionsarten"
in der damals
noch hamitisch genannten Sprachfamilie anhand der Hausa-Sprache vorgestellt. Seitdem sind
viele Artikel erschienen, die verschiedene Punkte der verbalen und verbonominalen
Paradigmen in verschiedenen tschadischen Sprachen vergleichen, und versuchen eine
historische Kontinuität der heute beobachtbaren Formen und Funktionen herzustellen. Dabei
sind mehrere kontroverse Interpretationen aufgetreten, die in erster Linie die Genese heutiger
Formen der Aspektmarkierung betreffen, außerdem die Vielfalt der beobachtbaren
morphophonologischen Formen und Funktionen der einzelnen Paradigmen und ihre
historische Rekonstruktion und Herleitung. Das Hausa nimmt dabei eine Sonderstellung ein,
nicht nur was seine Konstruktion der einzelnen Paradigmen betrifft, sondern auch bezüglich
seiner Stellung der am häufigsten und ausführlichsten beschriebenen Sprache. Zur historisch-
komparativen Diskussion der verschiedenen Kategorisierungen des Hausaaspektsystems siehe
Wolff (1991) Jungraithmayr (1983) und Newmann,Schuh (1974) (siehe aber auch Parson
(1965) und Gouffe (1963/66) zur synchronen Beschreibung des Hausa- Verbalsystems).
5
In der Rekonstruktion des tschadischen Aspektsystems tritt die erste Kontroverse bei
einzelnen Autoren in der Verortung des Grundaspektes und der Rekonstruktion
protosprachlicher Kategorien auf. Jungraithmayr (1977a:83,1966b:232) macht im
tschadischen System eine grundlegende, binäre Opposition Perfektiv;
-i/-e
vs. Imperfektiv;
-a
als rekonstruierbar aus und nimmt eine Ausdifferenzierung des Imperfektiv in 1. Punktualis
(inklusive Aorist und Jussiv) und 2. durativ (Progressiv) bei marginaler heutiger Nutzung des
Perfektiv an. Entsprechend schreibt er in seinen komparativen Arbeiten von einem
historischen Paradigma, dem:
,,...Aorist-Subjunctive with its mixed Indicative-Mood character
[which]
still reflects an originally unfolded state of development..."
(1966b:228ff,1968:22),
aus dem sich ein narratives und ein modales Paradigma entwickelt hätten. Newmann,Schuh
(1974:7) stimmen in ihren Analysen Jungraithmayr zu, rekonstruieren allerdings neben der
Opposition Perfektiv vs. Imperfektiv zusätzlich zwei unmarkierte Paradigmen; einen
Grundaspekt und einen Subjunktiv. Wolff (1984:225:227) lehnt eine aspektuell binäre
Opposition für das Prototschadische ab und geht von zwei historischen Verbalstämmen nebst
einem nominalem Stamm aus, wobei der modale Verbstamm (Subjunktiv) durch ein Auslaut
-i
gekennzeichnet gewesen sei. Darüber hinaus nimmt er für das Prototschadische einen
Aorist (oder Grundaspekt) an, der neben dem morphologisch markierten Subjunktiv (oder
Jussiv) existierte, durch Zero gekennzeichnet war und im Laufe der Entwicklung mit diesem
zusammengefallen sei. Und rekonstruiert aufgrund seiner Daten aus dem Biu-Mandara Zweig
den Zusammenfall eines verbonominalen Aspektstammes mit einer Pluralstammformation, die
beide das Element
-a-
aufwiesen. Erst aus dieser Entwicklung soll sich laut Wolff ein
Imperfektiv-Stamm gebildet haben (1991:173ff:176, 1984:227:228f). Schuh (1976:6-10)
rekonstruiert er für das Prototschadische drei distinktive Verbalstämme: einen vokalisch
distinktiven, lexikalischen Stamm, einen Subjunktiv-Stamm mit Auslaut
-i
und einen
Imperfektiv-Stamm der Form
CaCa
und nimmt zumindest für das Daffo an, dass Grundaspekt
und Perfektiv
"...probably developed from a single proto-form".
Jungraithmayr vergleicht west- und osttschadische Sprachen, Newmann,Schuh vergleichen in
der Hauptsache west-tschadische bzw. Plateau-Sahel Sprachen, während Wolff (1984) sich
ausdrücklich auf den Biu-Mandara Zweig der tschadischen Sprachen konzentriert. Eine
Übergreifende Einschätzung bezüglich des tschadischen Aspektsystems gibt Wolff
(1984:226), indem er schreibt:
,,The existence of aspect systems in some modern Chadic languages can be
explained by, and related to, processes which occured in the linguistic history of
6
the individual branches or sub-branches of the family and which are to be treated
as post-Proto-Chadic developments."
Es gibt, neben der kontroversen Rekonstruktion einzelner Aspektoppositionen, einige
Übereinstimmungen in der Literatur bezüglich des Aspektsystems in tschadischen Sprachen1:
-
Eine Reorganisation des Aspektsystems in der tschadischen Familie2
-
Distinktive Verbalstämme zur Aspektmarkierung
-
Partikel zur Aspektmarkierung3
-
Aspektmarkierung am Subjektspronomen
-
Verbstamm-Markierung ist historisch die ältere Form4
-
Segmentale Markierung ist älter, als tonale Markierung5
Diese Merkmale verteilt Jungraithmayr (1977b) auf vier bis fünf sprachhistorische Schichten.
Für eine Einteilung eines kontinuierlich verlaufenden, grammatischen Prozesses6, der sich im
Aspektsystem der tschadischen Sprachen erkennen lässt7, sollen in dieser Arbeit diese
Schichten als weiterer Ansatzpunkt dienen.
I. Ablaut im Verbalstamm (Bsp.: Daffo (West), Mubi (Ost)
II. Auslautopposition (Bsp.: Bole (West), Birgit (Ost))
III. tonale Opposition (Bsp.: Fyer (West), Zime (Ost)
IV. keine Verbstamm-Markierung (Bsp.: Tumak (Ost), Sura (West))
V. Suffix -wa am Verbstammm (Bsp.: Hausa (West))
Die von Jungraithmayr und anderen beschriebenen Phänomene betreffen lexikalische,
morphophonologische und syntaktische Beziehungen der drei Elemente Verb, Partikel und
Pronomen. Im Rahmen dieser Arbeit soll untersucht werden welche Grammatikalisierungs-
prozesse in der Entwicklung der Aspektsysteme in der tschadischen Sprachfamilie analysiert
werden können. Dabei wird Bezug genommen auf die unter 1.2. ausgeführten Definitionen
und Merkmale von Grammatikalisierung.
Im Kapitel II findet sich die tschadische Familie in genetischer Formation wiedergegeben.
1 Nicht jeder der folgenden Punkte betrifft jede Sprache und jedes Paradigma einer Sprache gleichermaßen .
2 Siehe Schuh (1976:2), der sich auf Diakonoffs (1965:13) historische Entwicklungsstufen im Afroasiatischem
Vergleich bezieht.
3 Partikel werden im Folgendem nicht behandelt.
4Siehe Jungraithmayr 1966b anhand komparativer Beispiele, Jungraithmayr (1983:227), NS (1974:5) und Schuh
(1976:6).
5 Siehe Wolff 1986(:565) und Wolff 1991(:177) anhand komparativer Beispiele.
6 Die Einteilung der Grammatikalisierungsprozesse auf seinem Kontinuum ist willkürlich. Siehe die Ausführung
in HR 1984 (:15).
7 Zu historischen Merkmalen verbaler Konstruktionen im Tschadischen siehe auch Schuh (1976) unten.
7
Die Interpretation einzelner morphophonologischer Prozesse findet in Kapitel 3.1. statt. Dort
werden einzelne Konstruktionselemente in Hinblick auf Grammatikalisierung kategorisiert. In
3.2. wird eine Zusammenfassung der analysierten Phänomene gegeben und Hypothesen
formuliert.
2. Die Unterteilung der tschadische Sprachfamilie
Die heute etablierte Sprachfamilie mit der Bezeichnung Tschadisch umfasst ca. 150 Sprachen.
Diese wurden erstmals von Greenberg (1963) in neun Gruppen unterteilt. Newman,Ma
(1966), anschließend Hoffmann (1971) und Newman (1972, 1974) fassten diese neun
Gruppen in drei Zweige zusammen, die sich wie folgt unterteilen:
I. Greenbergs Gruppe 1 mit der von Newman geprägten Bezeichnung Plateau-Sahel, die
Jungraithmayrs Westtschadisch entspricht, konstituiert sich aus folgenden Sprachen:
(1.) (a) Hausa, Gwandara, (b) Ngizim, Mober, Auyokawa, Shirawa, Bede, (c) (i)
Warjawa, Afawa, Diryawa, Miyawa, Sirawa, (ii) Gezawa, Seiyawa, Barawa of Dass,
(d) (i) Bolewa, Karekare, Ngamo, Gerawa, Gerumawa, Kirifawa, Dera (Kanakuru),
Tangale, Pia, Pero, Chongee, (ii) Angas, Ankwe, Bwol, Chip, Dimuk, Goram, Jorto,
Kwolla, Miriam, Montol, Sura, Tal, gerka, (iii) (Ron Gruppe:)8 Scha Kulere, Fyer,
Bokkos, Daffo.
II. Greenbergs Gruppen 2 bis 8, die von Newman Biu-Mandara, genannt werden Konstitu-
ieren sich aus folgenden Sprachen:
(2. Kotoko group) Logone, Ngala, Buduma, Kuri, Gulfei, Affade, Shoe, Kuseri, (3.
Bata-Margi group) (a) Bachama, Demsa, Gudo, malabu, Njei (Kobochi, Nzangi,
Zany), Zumu (Jimo), Holma, Kapsiki, Baza, Hiji, Gude (Cheke), fali of Mubi, fali of
Kiria, Fali of Jilbu, Margi, Chibak, Kilba, Sukur, Vizik, Vemgo, Woga, Tur, Bura,
Pabir, Podokwo, (b) Gabin, Tera, Jera, Hinna (Hina), (4.) Hina, Daba, Musgoi,
Gauar, (b) Gisiga, Balda, Muturua, Mofu, Matakam, (5.) Gidder, (6.) Mandara,
Gamergu, (7.) Musgu, (8.) Bana, Banana (Masa), Lame, Kulung.
III. Greenbergs Gruppe neun, die von Newman Osttschadisch oder Kelo-Telfan genannt wird
konstituiert sich aus folgenden Sprachen:
(9.) (a) Somrai, Tumak, Ndam, Miltu, Sarwa, Gulei (b) Gabere, Chiri, Dormo,
Nangire, (c) Sokoro, (Bedanga), Barein, (d) Modgel, (e) Tuburi, (f) Mubi, Karbo.
8 Siehe Jungraithmayr 1966a.
8
Jungraithmayr gibt eine weitere Unterteilung der osttschadischen Sprachen (1987:49):
Südlicher Zweig:
Kwang-Kera, Lai, Sumray
Nördlicher Zweig:
(i) Sokoro, (ii) Dangla, Bidiya, Migama, (iii)Mokilko, (iv) Mubi
-Toram
Viele dieser Sprachen wurden seitdem von verschiedenen Autoren beschrieben. Allgemeine
Beschreibungen finden sich für das Sura: Jungraithmayr (1963), das Miya: Schuh (1998), das
Chip, Montol, Gerka und Burrum: Jungraithmayr (1964), das Ron Daffo: Seibert (1998), das
Kanakuru: Newman (1974), die Bole-Tangale Sprachen: Schuh (1978), das Bidiya: Voigt
(1988), die Kotoko Gruppe: Lukas,Meyer-Bahlburg (1980). Aspektsysteme und/oder
Pronomen werden in der Literatur unter verschiedenen Gesichtspunkten behandelt. Einen
Überblick über verschiedene Konjugationsformen für fünfzehn Sprachen mit Schwerpunkt
Plateau-Sahel gibt Jungraithmayr (1975), die Bildung der Aspektstämme für Ron Sprachen
vergleicht Jungraithmayr (1966a), einen Vergleich der Aspektsysteme für das Hausa, Angas
und die Ron Sprachen finden sich in Jungraithmayr (1968) und einen Vergleich des Mubi und
Bidiya gibt Jungraithmayr (1987). Tonalität im Aspektsystem untersucht für die Zime-Mesme
Gruppe Wolff (1983), im Dangaleat Wolff (1986) und im Tangale Kidda-Awak (1995).
Personalpronomen in siebenundzwanzig tschadischen Sprachen listet Blazek (1995) auf und
Pronomenparadigmen im Bolanci beschreibt Lukas (1970). Eine Analyse der Verbstämme im
Mokulu und Migama findet sich in Jungraithmayr (1977a). Ein diachroner Fokus findet sich
in Jungraithmayr (1966b), (1977), (1983) Wolff (1983), (1984), (1991), Schuh (1976) und
Newman&Schuh (1974).9
3. Grammatikalisierungsphänomene im Aspektsystem
3.1. Diachrone Entwicklung der Aspektmarkierung
Ohne die kontroversen Rekonstruktionen des tschadischen Aspektsystems an dieser Stelle
diskutieren zu können, soll die Gemeinsamkeit festgehalten werden, dass Aspekt im
*P-Tschadischen historisch am Vokalismus des Verb markiert wurde (s.o.1.3.).
Darüber
hinaus rekonstruiert Schuh (1976:6) präfigierte, strukturell gleichförmige *P-
Subjektspronomen, während sich in der Literatur aktuelle Beispiele für tonale
Aspektmarkierung am Pronomen finden.
9 Diese Auflistung erhebt in keinem Fall den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern zeigt nur einen Ausschnitt
der bis dato erschienenen Literatur.
9
Aus Grammatikalisierungssicht sind mehrere Phänomene zu kommentieren: 1. der Verlust der
(aspektuell) segmentalen Distinktivität der Verbstämme, 2. eine Grammatikalisierung der
Verbstammtonalität, 3. eine Grammatikalisierung des Subjektpronomens und 4. eine
syntaktische Verschiebung der Aspektmarkierung nach links.
3.1.1. Segmentale Distinktivität der Verbstämme
Im Folgenden soll der Vokalismus des Verbstamms analysiert werden. In tschadischen
Sprachen sei segmentale Markierung der Aspekte am Verb auf das afroasiatische Erbe
zurückzuführen (Jungraithmayr1977a, 1968:20, Schuh1976:9), indem die beiden
Bedeutungskomponenten Handlung und Struktur der Handlung wahrscheinlich komplementär
auf Konsonanten und Vokale verteilt gewesen seien (Schuh1976:13).
In der Analyse der Vokalismus der Verben im Mokulu und Migama (Osttschadisch)
unterscheidet Jungraithmayr (1977a) zwei in der Vokalqualität distinktive Aspektstämme mit
den Zentren: 1.
I (U)
für perfektivisch und 2.
A (O)
für imperfektivisch. Diese verbinterne
Form der Aspektmarkierung ordnet Jungraithmayr seiner ersten oder ältesten historischen
Sprachstufe in der tschadischen Sprachfamilie zu (s.o.1.3.). Beispiel für das:
Migama:
1.
gi
!
ze
$
2. ka
!
za
$
′i
!′
i
$$
na
!
′a
!
′ u
$
nu
!
′u
!
u
!
ne
$
′o
!
o
!
ni
$
yo
!
(Jungraithmayr1977a:84)
Schuh (1978) zeigt in seiner Beschreibung der Bole-Tangale Gruppe (Westtschadisch), dass
das Gera und Galambu, neben tonal distinktiven lexikalischen Verbklassen, ein distinktiv am
Verbstamm auslautendes
-i
in modalen Konstruktionen aufweisen:
Galambu:
Perfektiv:
na
$
ma
!
z-a
$
ala
!
I shoot
na
$
kwa
$
z-a
!
ala
$
I chase
extended: shi$
ma
!
za
$
a k
$
ri
!
he shot (it) down
modal: na
$
ma
!
zi
!
[that] I shoot
kwa
$
zi
!
chase!
Schuh (1978:66ff:97ff)
Wolff (1991) vergleicht die Aspektmarkierung in mehreren westtschadischen Sprachen. Das
Ngizim (und Bole) unterscheidet demnach einen seiner modalen Konstruktionen (
1st
subjunctive
) von indikativen Konstruktionen durch Auslautopposition am Verbstamm:
10
lexikalisches /
-A
/ vs. Subjunktiv-Suffix
-i/-e
10 .
Ngizim:
Perfektiv: na
!
ra
$
wa
!
-w I run
na
!
v
$
ru
!
-w I go out
Sunjunktiv: na
$
ra
!
wi
!
that I run
na
!
v
$
ri
$
that I go out
Wolff (1991:177)
Newman′s Monographie zum Kanakuru (Westtschadisch) (1974) zeigt, dass alle verbalen
Konstruktionen auf
-i
oder
-e
auslauten. Verbstämme, die auf
-i
auslauten reduzieren den
Auslautvokal unter Beibehaltung des Silbentones, wenn sie syntaktisch in nicht-finaler
Position stehen (Apokope)11.
Kanakuru:
a
$
shi
$
r
i!
he stole it
a$
shi
$
n-no
!
he stole from me
a$
b
$
ni
!
he knows it
na
$
na
!
i that I drink
na
$
b
"!
ide that I ask
12 Newman(1974:41ff)
Jungraithmayr (1968:19ff) zeigt in einem Vergleich der Aspektstämme, dass das Angas und
das Hausa (Westtschadisch) einen unveränderlichen Verbstamm13 aufweisen. Im Hausa lauten
alle Verben aspektunabhängig auf
-a, -e
oder
-o
aus. Wolff (1991b:96) führt an
anderer Stelle aus:
,,Not all verbs operate their etymologically simplest form (...) any longer in the
language but are being used in one of their derived stems instead. Thus the verb
taaraa
$
"collect" (...) is not a simple H-L stem ending in a(a) (...) but rather an
extended "applicative" stem derived (by suffixation) from a basic H-L i-stem
[*taari] (cf. the "irregular" verbs of same shape like taashi "rise", barii "let,
leave" etc. (...))"
10 Zusätzlich zum tonal markierten
2 nd subjunctive
.(s.u. 3.1.3.)
11 Das Kanakuru zeigt neben distinktiven Pronomen Sets zwei grammatische Tonmuster am Verb, die perfektiv
von nicht-perfektiv trennen.
12 Das Kanakuru kennt eine zweite Subjunktiv Form, die obligatorisch mit einem Partikel und Tieftonmuster am
Verbstamm (ebd.:48)
13 Beide Sprachen zeigen eine tonale Markierung der präfigierten Subjektspronomen.
11
Die Funktionen der vokalischen Segmente und die beschriebenen Veränderungsprozesse der
Verbstämme in den einzelnen Sprachen, von internen, vokalischen Veränderungen über Aus-
lautmarkierungen bis zur segmentalen Stabilität des Verbstammes in allen verbalen Aspekt-
paradigmen, lassen sich wie folgt zusammenfassen.
LEX V-Sequenz GR.V-Sequenz Funktion Position
Migama
--- A (O) / I (U) Oppostion PRF / IPRF VS-Intern
Galambu
+ -i Markierung Modalität VS-Auslaut
Ngizim
/-A/ -i Markierung 1. SB VS-Auslaut
Kanakuru
-i, -e --- VS-Auslaut
Hausa
-a, -e, -I --- VS-Intern
In der Tabelle erkennt man eine Abnahme der grammatischen Bedeutung der Vokalismus von
oben nach unten, mit dem ,,Mischzustand" im Galambu und Ngizim. Wenn man die
verschiedenen Prozesse im Verbstamm entsprechend den historischen Sprachschichten
Jungraithmayrs (s.o.1.3.) als sprachübergreifende Tendenzen in der tschadischen
Sprachfamilie begreift, und wenn man der These folgt, dass der vokalische Anteil der
Verbstämme das historisch ältere, grammatische Element des Verbs sei, dann manifestierten
sich ursprünglich zwei Bedeutungen am segmentalen Verbstamm: 1. ein lexikalisches
Handlungskonzept und 2. eine im Vokalismus vercodete Aussage über die Art des
Handlungsablaufes (Aspekt), wie es noch heute in Migama und Mokulu zu finden ist. In
anderen Sprachen wie dem Galambu beschränken sich die grammatischen, vokalischen
Bestandteile der Verbstämme auf die Auslautposition. In einigen Sprachen, wie dem Ngizim
vercoded der verbale Vokalismus nur noch einen Teilbereich der modalen Oppositionen im
Aspektsystem. In anderen Sprachen, wie dem Kanakuru, Hausa und Angas generalisierte sich
ein bestimmtes vokalisches Muster für Verben in allen Aspekten.
Wie lassen sich die verschiedenen Funktionen der Vokalsequenzen in den Verbstämmen in
der tschadischen Sprachfamilie unter Grammatikalisierungsgesichtspunkten beschreiben und
welche Schlüsse können bezüglich des Grammatikalisierungsgrades der Verben geschlossen
werden?
(a) Laut den Definitionen von Grammatikalisierung handelt es sich bei den beschriebenen
Prozessen, nämlich der stetigen Abnahme an funktionalem Gehalt der vokalischen
Verbsegmente, nicht um Grammatikalisierung, weil mit dem Vokalismus des Verbstammes
tendenziell weder eine alte Funktion auf neue Weise, noch eine neue Funktion vercoded wird.
12
(b) Grammatikalisierungsmerkmale:
Sprachübergreifend könnte man eine ,,Simplifikation" des vokalisch distinktiven Aspekt-
Paradigmas oder die Tendenz einer ,,Generalisierung" eines verbalen Vokalmusters unter
Verlust der Distinktivität der Verbstämme annehmen (Kanakuru), mit dem letztendlichen
,,
loss"
der grammatischen Funktion der vokalischen Segmente (Hausa, Angas). Der Verlust
der Distinktivität der Verbstämme bedeutet eine Vermehrung der Mitglieder gleicher
Kategorie. Übrig bleibt der lexikalische Gehalt des Verbs. Dementsprechend treffen keines
der unter 1.2. aufgeführten Merkmale einer Grammatikalisierung, wie Reduktion der
Mitglieder gleicher Kategorie und segmentale Restriktion je nach Aspekt auf die Verbstämme
zu. Im Gegenteil, wie zu erwarten erhöht sich die Zahl möglicher Vokalmuster, die in einer
Sprache in einem Aspektparadigma auftauchen dürfen (z.B. im unmarkierten Subjunktiv
Verbstamm des Kanakuru, oder Hausa) Es gibt mit anderen Worten weniger Restriktionen
bezüglich der Vokalmuster. Auch größere vokalische Kombinationsmöglichkeiten innerhalb
eines Verbstammes würde unter diesen Umständen zu erwarten sein, was linguistisch
nachzuweisen wäre14.
(c) Ergebnis:
Die Entwicklung des Vokalismus des Verbstammes kann nicht als Grammatikalisierung
kategorisiert werden. Aber wenn der Grammatikalisierungsgrad einer Einheit an der relativen
Menge der Mitglieder gleicher Kategorie gemessen werden kann und vokalische Restriktionen
je nach Aspekt abnehmen, könnte man unter diesen Umständen von einer Tendenz zur
Lexikalisierung oder Degrammatikalisierung der segmentalen Bestandteile des Verbstammes
in der tschadischen Sprachfamilie sprechen? Und wäre dies ein Gegenbeispiel für die
Unidirektionalität des Grammatikalisierungszyklus eines Elements, nämlich Vokalismus.
3.1.2. Der Ton des Verbstamms
Im folgendem soll die Funktion des Tones des Verbstammes analysiert werden. Wolff (1987)
beschreibt für die Zime-Dialekte (Osttschadisch) die morphophonologisch bedingte
Transformation lexikalischer Verbstamm-Töne zu einer aspektsensitiven tonalen Distinktivität
am Verbstamm. Ein grammatisches Perfektiv-Tiefton-Suffix bekleidet zunächst eine
syntaktische Position rechts vom Verbstamm und wirkt dabei nach rechts auf folgende Nomen
(
floating
)15. Dieser Einfluss ist unter anderem im Tchimiang-Dialekt zu sehen, wenn ein
14 Vergleiche die Auszählung und Systematisierung für das Mokulu und Migama in Jungraithmayr 1977a.
15 Schuh (1978:67ff) beschreibt für das westtschadische Galambu tonale Assimilationserscheinungen, indem
pronominale Direkte und Indirekte Objekte zwischen Verbstamm und postverbalem Perfektiv-Suffix treten und
dabei sowohl tonal distinktive Verbklassen neutralisieren, als auch den Ton des rechts von ihm liegenden
13
eigentlich hochtoniges direktes Objekt dem Verb im Perfektiv folgt und durch Assimilation
mit dem Tiefton-Suffix mitteltonig erscheint:
Tchimiang "
basic stem" na ti
!
ke
!
rfe
!
I eat fish
"Perfective" na ta
!
kerfe ti
$
na ta
!
ke
!
rfe
!
ti
$
I ate fish
(Wolff 1987:480)
Durch verschiedene morphophonologische Prozesse wie Dissimilation, Substitution bzw.
Verschmelzung16 mit dem Ton des Verbstammes, assoziiert sich das Tiefton-Suffix nach links
und ist nur noch mit dem Verbstamm verbunden. In folgenden Dialekten sind einige dieser
Prozesse ,,noch" aktiv [nicht markierte Töne sind mitteltonig):
Tchimiang
pu
!
m + low = *pu
^
m pum merger
Mesme
pu
!
m + low = *pu
^
m pu
$
m delition
Pala-houa
gi
$
r + low = *gi
!
r
$
gi
^^
r gir dissimilation and merger
(Wolff 1987:481)
Durch diese Prozesse wird die syntaktische Stelle des Suffix frei und der Ton des
Verbstammes wird wie im Mesme als grammatisches Markierungselement des Perfektiv neu
interpretiert.
Mesme
,,basic" na tu
!
m-u
!
I beat you
"perfective" na tu
$
m-u
$
I have beaten you
(Wolff 1987:481)
Wolff (:482) schreibt:
,,...in the "perfective" formation, the tone of the lexical verb stem becomes umlauted
by the tone of the [tonal] "perfective" suffix which itself, in a second step, becomes
deleted (...). After these two steps, the original function of the suffix is now shifted to
the "umlaut" tone
[of the verb stem]
(which originally is a product of
straightforward assimilation)."
Dem folgend kann die Entwicklung der distinktiven Verbstämme in den Zime-Dialekten
schematisch wie folgt rekonstruiert werden:
Perfektivmorphems konditionieren. Das Gera hingegen (:100ff) zeigt zwar dieselbe syntaktische Bildungsweise,
aber ein stabiler Verbton konditioniert den Ton der pronominalen Objekte.
16 Je nach Einzelsprache.
14
Konstruktion : VS + Suffix > Stamm
I. Stufe: Ton +/- tief tief > tief /mittel17
Aspektmarkierung - + > +
II.Stufe: Ton + tief --- > tief
Aspektmarkierung + --- > +
Die zweite Stufe der Tabelle zeigt eine aspektsensitive, tonale Markierung, die der III.
Sprachschicht Jungraithmayrs entsprechen würde. Davon ausgehend, dass Töne in einer
Sprache eine eigenständige morphophonologische Sequenz konstituieren18, sollen nun die
oben in 1.2. wiedergegebenen Merkmale der Grammatikalisierung linguistischer Einheiten
überprüft werden.
(a) Dass es sich bei der beschriebenen Entwicklung um Grammatikalisierung von Tönen
handelt, kann aufgrund der Definition von Traugott,König bejaht werden, da eine vormals
lexikalisch relevante Einheit (Kategorien von Verbklassen) nunmehr ein semantisch
eingeschränktes Konzept vercoded; den Perfektiv. Aber welchen Grammatikalisierungsmerk-
malen unterliegt der Verbstamm-Ton?
(b) Grammatikalisierungsmerkmale:
Der lexikalische Verbstamm erfährt eine
,,Expansion" der Funktion
seines Tonmusters
(Verbklassen?), ausgelöst durch morphophonologische Prozesse zwischen Verbstamm und
Perfektiv-Suffix in der Aspektmarkierung. Während das verbale Tonmuster in den Zime-
Dialekten in der Grundform von der lexikalischen Form der Verba abhängt, ,,expandiert
"
es
nach seiner morphophonologischen Transformation in das Aspektsystem und das so markierte
Verb erfährt eine Erweiterung seiner prädikativen Bedeutung, nämlich die zeitliche
Strukturierung der Handlung; Perfektiv. Anders herum gesagt, eines der lexikalischen
Tonmuster übernimmt die Funktion eines der gegebenen oppositionellen Paradigmen der
Sprache zu vercoden. Es werden die pragmatischen Deutungsmöglichkeiten des verbalen
Konzeptes durch den Ton auf dem Verbstamm eingeschränkt. Es reduzieren sich die Anzahl
möglicher Töne für den perfektiven Verbstamm aus der Menge in der Sprache zur Verfügung
stehender, verbaler Tonmuster bzw. tonale Verbklassen werden neutralisiert und ein
oberflächlich obligatorisch erscheinendes Tieftonmuster der Verbstämme im Perfektiv ist das
Ergebnis19.
17 Je nach Einzelsprache.
18 Siehe die Beweisführung für das Tangale in Kidda-Awak, 1991,"Floeting Tones in Tangale".
19 Auch die westtschadischen Sprachen Kanakuru (Wolff1991:178), Ngizim und Fyer kennen eine tonale
Opposition des Verbstamms (Jungraithmayr (1966a:123), NS (1974:5).
15
(c) Ergebnis:
In einigen Zime-Dialekten, wie dem Mesme, hat sich die verbale Tonsequenz
grammatikalisiert und im Perfektiv erscheint ein grammatisch bedingtes Tonmuster. Für das
Suffixmorphem kann ein Verlust an Substanz angesetzt werden, weil es seine eigene
syntaktische Position und sein
floating
Charakter
verliert. Es ist leider nicht bekannt, ob das
Suffixmorphem für die Zime-Dialekte segmental rekonstruiert werden kann20, aber in dem
Fall könnte ein Verlust der segmentalen Bestandteile und die tonale Verschmelzung mit dem
Verbstamm als das Ende des Grammatikalisierungszykluses eines Perfektiv-Suffix und
seinem ,,
loss"
interpretiert werden. Der beschriebene Prozess der Grammatikalisierung des
Verbstammes könnte als
renewal
oder
rennovation
kategorisiert werden (HR:49). Kann man
unter diesen Umständen vom Start eines Grammatikalisierungszyklus des Verbstammes
sprechen, zumindest was seine tonalen Sequenzen angeht?
3.1.3. Der Ton des Subjektpronomens
Im folgendem soll der Ton der Subjektpronomen hinsichtlich seiner Beziehung zum
Aspektsystem analysiert werden. Wolff (1991
:178ff) vergleicht die Tonalität von
Verbkomplex und Subjektpronomen in mehreren westtschadische Sprachen und hypothetisiert
sprachinterne, tonale Assimilationserscheinungen. Er beschreibt unveränderliche
Subjektspronomen für das Kanakuru21 (Westtschadisch), bei einer tonalen Opposition
Perfektiv vs. Subjunktiv auf den Verbstämmen.
Kanakuru
Perfektiv: na
$
wu
$
pe
$
I sold
Subjunktiv: na
$
na
!
i that I drink
(Newman1974:45ff)
Im Gegensatz dazu zeige das Ngizim (Westtschadisch) einen polaren Ton des präverbalen
Subjektpronomens und ein lexikalisches Tonmuster auf dem Verb. Gleichzeitig würde der
Zweite Subjunktiv
mit einem hochtönigen Verb-Suffix gebildet, der Perfektiv mit einem
20 Für die westtschadischen Bole-Tangale Sprachen: Tangale, Ngamo, Karekare, Bolanci beschreibt
Jungraithmayr (1966b:231f) ein postverbales Perfektiv-Suffixmorphem der Form / Ko$ /, wobei K >
/g,k,w,F / und /o/ > [+/- geschlossen] erscheint. Schuh (1978:) beschreibt für das zur selben Gruppe gehörende
Kirfi (:39) den Verlust des postverbalen Perfektivmorphems, bei Vorhandensein eines pronominalen direkten
oder Indirekten Objektes. Ähnliche Phänomene finden sich im Bele (:23)Bolanci und Karekare (:1) Siehe aber
auch NS (1974:7), die einen präverbalen, tieftönigen Perfektiv-Partikel der Form */kA/ für das Proto Plateau-
Sahel rekonstruieren und Wolff (1984:227), der denselben Partikel für die Biu-Mandara Gruppe rekonstruiert. Ist
das postverbale Suffix in der Bole-Tangale Gruppe ein Fall von
verbal attraction
? Suffigierende
Subjektspronomen, die in Opposition zu Präfixpronomen stehen finden sich in Bidiya und Mubi
(osttschadisch)(Jungraithmayr 1987:50:56) Gebundene ICP′s und Indirekte Objektspronomen beschreibt
Newman (1974:40) für das Kanakuru (west).
21Das Scha, Kulere und Bolanci zeigen auch ein gleichförmiges Pronomenset für die untersuchten Aspekte
(Jungraithmayr1966b:235).
16
Tiefton-Suffix am Verbstamm. Tonale Assimilationserscheinungen führten dazu, dass
oberflächlich im Zweiten Subjunktiv das Subjektpronomenparadigma einen grammatisch
bedingten Tiefton aufweist (Wolff 1991:178f), dagegen das polare Tonmuster des Subjekt-
pronomens im Perfektiv dementsprechend immer hochtonig erscheint (NS:5).
Ngizim
Sunjunktiv: na
$
ra
!
wi
!
that I run
na
!
v
$
ri
$
that I go out
2er Subjunktiv: na$
, ka
$
, ... I, you (SG)
Perfektiv: na
!
ra
$
wa
!
-w I run
(Wolff 1991:177f)
Das Hausa und Angas würden ihre modalen von nicht-modalen Paradigmen durch tonale
Opposition ausschließlich am Subjektpronomen, bei gleichförmig bleibendem Verbstamm
unterscheiden (Wolff 1991:179).22
Angas
Aorist / Jussiv:
N
a se /
N
a
$
se I eat
yi se / yi
$
se you (f) eat
(Jungraithmayr 1975:404)
Die folgende Tabelle zeigt schematisch die Verteilung des grammatischen Tons auf den
zwei Konstruktionselementen Verbstamm (VS) und Subjektpronomen (SP).
GR.TON LEX.TON
Kanakuru
SP - +
VS + -
Ngizim
1
SP + -
VS - +
Angas
SP + -
VS - +
1 nur im Zweiten Subjunktiv und Perfektiv.
Die Tabelle zeigt die Entwicklung einer Aspektsensitivität am Subjektpronomen aus einem
vormals gleichförmigen Pronomen. Das Ngizim nimmt wieder eine Sonderstellung zwischen
der Positionierung des grammatischen Tons auf dem Pronomen bzw. Verbstamm ein. Die
tonale Entwicklung ist sowohl mit der These der historisch gleichförmigen *P-
Subjektspronomenparadigmen vereinbar, (Schuh 1976:6), als auch mit den historischen
22 Auch das Fyer und das Daffo (Ron) zeigen bei sonst unveränderlichen Subjektpronomen einen Tiefton im
Pronomenset des ,,Jussiv" (Jungraithmayr1966b:235).
17
Sprachschichten Jungraithmayrs. Aber sind die beschriebenen Phänomene und
morphophonologischen Prozesse unter Grammatikalisierungsgesichtspunkten interpretierbar?
(a) Bei sprachübergreifender Betrachtung, ist eine Grammatikalisierung der Subjekt-
pronomen analog den Definitonen in 1.3. da zu bejahen, wo vormals gleichförmige
Pronomenparadigmen, nach phonologischer Transformation wie Wolff sie rekonstruiert, nun
eine aspektuelle Opposition vercoden wie im Angas und Hausa. Im Ngizim erscheint in zwei
aspektuell distinktiven Paradigmenoppositionen oberflächlich ein grammatischer Ton am
sonst polartonigem Pronomen. Auch für diese Sprache ist dementsprechend eine
Grammatikalisierung der Pronomen zu bejahen. Im Kanakuru trägt das Subjektpronomen
keine Markierungselemente für verschiedene Aspektparadigmen, und ist also nicht
grammatikalisiert.
(b) Grammatikalisierungsmerkmale:
Wolff beschreibt, wie der Hochton eines modalen Suffix am Verbstamm letztendlich zu einer
tonalen Konditionierung der Subjektpronomen in bestimmten Paradigmen führt. Sprachen wie
das Ngizim zeigen deutlich eine ,,interne Expansion
"
der grammatischen Funktion des
Pronomenset′ (Konkordanz, Pers., Nr., (Genus)) welche nun zusätzlich eine Modalität des
Satzprädikats vercoden. Bei Verlust der Distinktivität des Verbstammes führt dies dazu, dass
Aspekte am Pronomen unterschieden werden. In Sprachen wie dem Angas müssen die
Pronomen des modalen Paradigmas, bei unveränderlichem Verbstamm, als markierendes Set
interpretiert werden. Der Tiefton des modalen Pronomenset′ wird in anderen Konstruktionen
ungrammatisch.
(c) Ergebnis:
In einigen Sprachen hat sich ein Pronomenset grammatikalisiert. Dieser Prozess scheint mit
einer historisch tonalen Markierung am Verb in Verbindung zu stehen. Es bleibt die Frage
offen, ob ein grammatischer Verbstammton durch ,,
loss"
reduziert wurde, wie Wolff
(1991:182) für das Angas und Sura annimmt und der Prozeß als
,,functional shift"
der
Vercodung zum Pronomen hin
kategorisiert werden kann.
3.2. Zusammenfassung
(a) In 3.1. wurden verschiedene Vercodungsmethoden in einem Vergleich verschiedener
Sprachen prozesshaft in Beziehung zueinander gesetzt.
-
Grammatischer Vokalismus am VS (Migama, Galambu, Scha)
-
Verlust der segmentalen Distinktivität am VS (Angas, Hausa, Kanakuru)
18
-
Tonale Suffixmarkierung am Verbstamm (Tchimiang)
-
Grammatikalisierung des Verbstammtones (Mesme, Kanakuru)
-
Verlust der tonalen Distinktivität am Verbstamm (Angas, Hausa)
-
Grammatikalisierung der Subjektpronomen (Angas, Sura, Hausa)
Viele Sprachen wie das Ngizim, Daffo und Fyer zeigen mehrere der beschriebenen
Markierungsmethoden für verschiedene Aspekte. Eine segmentale Markierung am Verbstamm
durch Auslaut oder Suffix (Ngizim, Daffo) und eine oberflächliche, tonale
Distinktivität der Pronomensets (Ngizim, Fyer) bzw. des Verbstammes (Fyer, Daffo).
(b) Da alle heutigen Spracherscheinungen theoretisch auf eine *Protoform zurückgeführt
werden können, wurde eine diachrone Entwicklung der Aspektmarkierung, unter
Zuhilfenahme von Kategorien aus der Grammatikalisierungstheorie, prozesshaft analysiert.
-
Functional split
des Vokalismus des Verbstammes (Im Galambu koexistieren
lexikalische und grammatische Vokalmuster)
-
Simplifikation des Verbstammes (Im Kanakuru hat sich ein Verbstammauslaut
-i
,
-e
generalisiert)
-
Expansion der Funktion des verbalen Tonmusters ( Im Tchimiang koexistieren
lexikalisches und grammatisches Tonmuster am Verb).
-
Shift,
loss
und Rennovation tonaler Markierung (Im Zime ist ein tieftoniges
Verbsuffix nach tonaler Assimilation mit dem Verbstamm reduziert worden. Der
Verbstammton vercodet nun die aspektuelle Opposition)
-
Expansion der Funktion der Pronomen ( Im Angas vercoden Pronomen
neben Pers.Nr.Genus nun zusätzlich den Aspekt des Verbs).
Es zeigt sich, dass verschiedene morphophonologische Prozesse in den tschadischen Sprachen
dazu führen, dass Aspektmarkierungen im laufe der sprachgeschichtlichen Entwicklung
anders vercodet werden als vorher. Mehrere dieser Prozesse konnten als Grammatikalisierung
einzelner Konstruktionselemente interpretiert werden. Die Kategorien der
Grammatikalisierung zeigen die prozessuale Verbindung der verschiedenen Sprachschichten,
die Jungraithmayr für die tschadische Sprachfamilie aufgestellt hat und unterstützen diese
m.E.
(c) Die Grammatikalisierung wurde nicht nur für autonome Einheiten, wie Pronomen, sondern
auch für Tonmuster und Vokalismus analysiert. Dabei zeigt sich, dass wenn man den
Verbstamm als Morphemkomplex analysiert, das einen grammatischen Vokalismus, und/oder
grammatische Tonalität aufweist, mit dem Enden eines Grammatikalisierungszyklus′ nicht ein
19
Substanzverlust einhergehen muss. Vielmehr ist meine Hypothese an dieser Stelle, dass es
sich bei diesem Prozess um Lexikalisierung der Elemente handelt.
(d) Es scheint eine syntaktische Linkstendenz in der Veränderung der Markierungsposition zu
geben. Folgendes Schema soll dies verdeutlichen.
Markierung am Suffix Markierung am VS (Zime)
Markierung am VS Markierung am SP (Angas)
Diese Hypothese müsste in einem breiteren linguistischen Vergleich erwiesen werden.
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