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'Wanderer, wähle deinen Weg' - Die Gärten von Wörlitz: Innehalten und Schauen

Wissenschaftlicher Aufsatz, 1997, 8 Seiten
Autoren: Dr. phil. Walter Grode, Jörgen Beckmann
Fach: Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Details

Kategorie: Wissenschaftlicher Aufsatz
Jahr: 1997
Seiten: 8
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V109448
ISBN (E-Book): 978-3-640-07629-1
ISBN (Buch): 978-3-640-11839-7
Dateigröße: 128 KB
Anmerkungen :
Erschienen in: LM, Heft 10: Oktober 1997.


Zusammenfassung / Abstract

Notiz: Die >Stiftung Dessau-Wörlitzer Gartenreich< befindet sich in großen finanziellen Schwierigkeiten. Dies ist der Grund, daß ich den folgenden interdisziplinären Essay - den ich im Sommer 1997 gemeinsam mit dem Biologen Dr. rer. nat. Jörgen Beckmann verfaßte und der kulturzentrierte Ökologie und politische Philosophie miteinander zu verbinden sucht – vorgezogen habe. Der Text erschien erstmalig im Heft 10/1997 der >Lutherischen Monatshefte< (Kirche im Dialog im Wissenschaft, Kultur und Politik) Bei uns eingehende Autorenhonorare werden an die >Stiftung Dessau-Wörlitzer Gartenreich< überwiesen. Bankverbindung für weitere Unterstützung: Kreissparkasse Anhalt-Zerbst; BLZ 805 502 00; Konto-Nr.: 3105000233 Wer bei einem Besuch in Wittenberg einige müßige Stunden, oder besser noch, einen halben Tag erübrigen kann, um Besinnung und Einkehr in Natur und Kunst zu suchen, dem sei ein kleiner Abstecher in die kaum 20 Km entfernten Wörlitzer Anlagen anempfohlen. Und dies selbstverständlich nicht nur deshalb, weil Wörlitz geographisch immer noch etwas im Abseits liegt. Von Wittenberg über Coswig kommend, überquert der Besucher die Elbe, mit einer allein von der Kraft des Stromes bewegten Gierfähre. Noch ist die Elbe hier ein breiter, wenig verbauter und nicht begradigter Strom. In Form von Mäandern durchzieht er die Landschaft und verändert sie auch. Seit vielen Jahrhunderten prägen Wiesen- und Weidewirtschaft das Landschaftsbild an der mittleren Elbe.


Volltext (computergeneriert)

>WANDERER WÄHLE DEINEN WEG<.

DIE GÄRTEN VON WÖRLITZ: INNEHALTEN UND SCHAUEN

Eingereicht von:

Jörgen Beckmann / Walter Grode

 

Notiz: Die >Stiftung Dessau-Wörlitzer  Gartenreich< befindet sich in großen finanziellen Schwierigkeiten. Dies ist der Grund, daß ich den folgenden interdisziplinären Essay - den ich im Sommer 1997 gemeinsam mit dem Biologen Dr. rer. nat. Jörgen Beckmann verfaßte und der kulturzentrierte Ökologie und politische Philosophie miteinander zu verbinden sucht - vorgezogen habe. Der Text erschien erstmalig im Heft 10/1997 der >Lutherischen Monatshefte< (Kirche im Dialog im Wissenschaft, Kultur und Politik)

 

Wer  bei  einem Besuch in Wittenberg einige  müßige  Stunden,  oder besser  noch,  einen halben Tag erübrigen kann,  um  Besinnung  und Einkehr in Natur und Kunst zu suchen, dem sei ein kleiner Abstecher in  die kaum 20 Km entfernten Wörlitzer  Anlagen  anempfohlen.  Und dies  selbstverständlich nicht nur deshalb,  weil  Wörlitz  geographisch immer noch etwas im Abseits liegt.

Von Wittenberg über Coswig kommend,  überquert der Besucher  die Elbe,  mit einer allein von der Kraft des Stromes bewegten Gierfähre.  Noch ist die Elbe hier ein breiter,  wenig verbauter und nicht begradigter  Strom.  In Form von Mäandern durchzieht er  die  Landschaft  und verändert sie auch.  Seit vielen  Jahrhunderten  prägen Wiesen-  und Weidewirtschaft das Landschaftsbild an  der  mittleren Elbe. 

Am  Rande  der alten Kopfsteinpflasterallee  weiden  weiße  Kühe. Solche  Kühe  grasten schon vor 200 Jahren in dieser mit  der  Elbe verbundenen und durch Dammbrüche von ihr immer wieder  überschwemmten Niederungslandschaft. Damals ist aus dem Jagdrevier Wörlitz, in das die Anhaltiner im Sommer 15 Kilometer von ihrem Dessauer Schloß hinausfuhren,  zu dem geworden,  was es heute ist:  eine idyllische Parklandschaft,  eine  Synthese  aus Geist  und  Natur,  kurz:  ein

Gesamtkunstwerk.

Der  junge Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau  hat  diese Anlage als mikrokosmisches Sinnbild des Lebens,  beeinflußt von den ästhetischen  Prinzipien der englischen Landschafts-gärten  und  den Idealen der Aufklärung geplant und zusammen mit seinem um ein  paar Jahre  älteren Freund,  dem Architekten Friedrich Wilhelm von  Erdmannsdorff 1764 begonnen und in vierzig Jahren ausgeführt.

Entgegen den formalen Idealen der Aufklärung aber besaß der Fürst keine  feste Planung,  schon gar keinen Gesamtplan.  Er  ließ  sich statt  dessen vielmehr von seiner Intuition leiten und  griff  auch selber zum Spaten,  um B„ume und Sträucher einzupflanzen.  Entsprechend hatte er auch keine Hemmungen, die bereits angelegten Gartenbereiche  Jahre  später  wieder neu  zu  gestalten,  wenn  ihm  das Arrangement  oder die farblichen Zuordnungen und Abstufungen  nicht gefielen.

Spazierengehen, Plaudern, Essen, sich sonnen und Blumen pflücken, diese  fünf sehr irdische Wünsche hatte sich bereits  der  Humanist Erasmus von Rotterdam im Garten erfüllt.  Von solcher  Beschaulichkeit begeistert fühlte sich der junge,  hugenottisch erzogene Fürst Franz,  der  zum Mißfallen von Friedrich II.  aus  der  preußischen Armee  austrat,  wofür er vom Großen Friedrich  mit  Kontributionen belegt wurde und sein Leben lang den Zielen des Pazifismus  verbunden  blieb.  Später  nannten die Dessauer ihren  Fürsten  liebevoll "Vater Franz" und Goethe pries es als ein "wohladministriertes  und zugleich  äußerlich geschmücktes Land,  eine  schöne,  durch  Kunst verherrlichte Gegend".  Doch zu Zeiten des jungen Franz wurde weder dessen intellektuelle Neugier,  noch sein reformerischer Impetus in diesem Doudezfürstentum befriedigt.  Sein Wissens-durst zog ihn  aus seinem  700  Quadratkilometer kleinen Reich hinaus und  von  seinen 30.000  Landsleuten fort in Kulturlandschaften,  die ihm zum  lehrreichen  Bilderbuch  wurden,  zum Katalog,  würden wir  heute  wohl sagen,  aus dem er  sich in Gedanken nahm, was ihm gefiel, um es  - übrigens  ausschließlich von Einheimischen,  die er in  der  Fremde hatte ausbilden lassen - zu Hause nachbilden zu lassen.

Aber nicht nur englische,  italienische und  französische,  also Beispiele aus der Gotik, der Renaissance, dem Barock und dem Rokoko begeisterten  ihn.  Fürst  Franz  hatte größtes  Interesse  an  der Weltumseglung die Reinhold Forster zusammen mit seinem Sohn  Georg, angeführt  von Captain Cook auf den Spuren Rousseaus und der  Suche nach  den "Edlen Wilden" gerade zum zweitenmal  unternommen  hatte. Die  Begeisterung muß auf Gegenseitigkeit beruht haben,  denn  1775 schenkte in London Georg Forster seine Südseesammlung dem  Prinzen, wovon die heute in den Vitrinenschränken eines Wörlitzer Pavillons  Kunde geben.

Im  Wettstreit der Künste untereinander hatte im Barock die  Architektur  gewonnen  und  die Gartenkunst  sich  deren  Geselligkeitsgesetzen  unterworfen:  Kugelspiele,  Schaukeln,  Ring--stechen, Schießscheiben,  Theater,  Jagden und Feuerwerke waren seither  die Gestaltungsele-mente.  Das änderte sich erst im frühen 18.  Jahrhundert,  als  das  bürgerlich orientierte England  zum  Ursprungsland eines neuen Gartentypus,  des Landschaftsgartens wurde. Der Rückzug aus der "Sittenverderbtheit der Stadt" aufs gesund bäuerliche  Land galt nunmehr einer sich als aufgeklärte Avantgarde fühlenden  Elite als oppositionelle Haltung,  im Spannungsfeld zwischen Arkadia  und Utopia.  Als  1717  die ersten  Freimaurerlogen  gegründet  wurden, traten in diese Geheimgesellschaften auch viele Gartenbesitzer  und -gestalter ein. Die Malerei wurde zur Schwester der Kunstgärtnerei erklärt.  1752  prägte  der  englische Dichter  Joseph  Spence  den Begriff  von  der "Gemäldegalerie unter  freiem  Himmel".  Von  der "gardenesken  Wirkung"  war fortan die Rede.  Um die  gleiche  Zeit entstanden  die ersten Gartenführer,  ein "Gartentourismus"  setzte ein, und der Landschaftsgarten wurde Englands kultureller Exportartikel.

Nicht der Verstand, sondern das Gefühl sollte von der gestalteten Natur  überwältigt werden.  Die Fülle der farblichen  Nuancierungen der Bäume,  Sträucher und Stauden weckte und weckt im Besucher eine innere Gestimmtheit.  Denn die Natur erleben und erkennen ist stets ein  innerer Vorgang,  der im Bewußtsein stattfindet.  Es  ist  die Verarbeitung des durch die Sinne aufgenommenen Gegenübers.

Imagination war stets gefordert,  der Garten sollte  sowohl  als Pädagoge  wie als Therapeut dienen.  Denn wer ein glückliches  Herz und deshalb ein gutes Gefühl hat,  ist besser - und genau das hatte Fürst  Franz im Sinn - als ein Misanthrop geeignet,  die Sitten  zu verbessern.

Unser Weg durch Schochs Garten, dem wohl ausgereiftesten Teil des Wörlitzer Parks,  ist wie ein Spaziergang durch eine Folge räumlich gestalteter Bilder,  die sich mit jeder Wegbiegung neu erschließen. Von  fast jedem Punkt des Weges aus eröffnen sich neue  Sichtachsen und -beziehungen,  die den Blick lenken und die Sinne auf angenehme Weise verwirren.  So wird der Blick gleich eingangs von der  Wolfsbrücke,  einer 1811 errichteten Sandsteinbrücke,  nach Süden in den Schloßgarten und zum ehemaligen Gasthof "Zum Eichenkranz"  gezogen, bevor  man nach Norden vom kontrastreichen Effekt  des  gestalteten Bildes  mit  dem  Venustempel auf seiner grüner Höhe  am  Ende  des dunklen Kanals überrascht wird.

Ein anderes Beispiel für die verspielte Art der  Gestaltung  des Parks  ist  die Bepflanzung am Südrand des  Floragartens.  Auf  den ersten Blick ist sie lediglich ein langgestrecktes, etwas deplaziert wirkendes Blumenbeet, das den Fußweg von einem Getreidefeld trennt. Identifiziert  man jedoch die Stiefmütterchen als  Orchestergraben, den  Roggen  als  Bühne  und die Bäume  am  Rand  als  Vorhang  und Mittelgrund,  so wird der eigene Standort zu einer Theaterloge,  in der man erleben kann,  wie der Spielplan der gestalteten Natur  von Woche zu Woche wechselt.

Mit jeder Kopfdrehung verändert sich die Szenerie der Landschaft, die  Färbung des Laubs und des Wassers,  die Struktur  der  Wasseroberfläche.  Unser Blick schweift weit voraus in andere  Parkteile, Weidenheger,  Neumarks Garten oder Neue Anlagen benannt, die untereinander durch Wege,  Fähren und eben die Sichtachsen verknüpft und meist  durch natürlich entstandene Seen und künstliche  Kanäle  getrennt sind,  die freilich optisch von anderen Punkten  aus gesehen einfach wieder verschwinden.

Über  diese  Gewässer führen mehr als ein  Dutzend  Brücken,  die zusammen  eine regelrechte Brückenhistorie bilden:  von der  primitivsten Form,  dem einfach über den Bach gelegten Baumstamm bis zur Nachbildung  der damals modernsten Brücke in  Eisenkonstruktion  im West-englischen Coalbrookdale.  Diese legt Zeugnis ab für die Begeisterung  des Prinzen für den technisch-industriellen Fortschritt  im England des 18. Jahrhunderts.

Einen  halben  Engländer haben die Zeitgenossen den  Fürsten  Franz genannt, der religiös-freimaurerische Ansichten vertrat und gemeinsam  mit Erdmannsdorff als "Meisterspion im Reich  anderer  Spione" tätig wurde. Denn die frühen Gestalter englischer Parks, wie Joseph Addison,  Sir  William Chambers oder William Gilpin  waren  Italien geradezu verfallen. Sie brachten den Palladionismus aus Norditalien mit und transportierten so die wiederentdeckte Antike nach  Norden, holten  aber auch den in Rom gefeierten Ägyptenkult auf ihre  Insel und mischten die strenge Linie,  mischten dorische Säulen, Tympana und Imitationen der Cheops-Pyramide unter die wiederbelebten Spielarten  der Gotik,  einer an Ritter,  Reiter und  Kämpfe  erinnernde Bauart.

Fürst  Franz schwärmte nach seinen Englandbesuchen  für  gotische Spitzbögen  und Rippen-gewölbe,  Erdmannsdorff  fürs  Palladioneske, also die vom italienischen Baumeister Andrea Palladio Mitte des 16. Jahrhunderts entwickelte klassizistische Verbindung von Bogen, Säulen und Dreiecken. Es muß deshalb niemanden wundern, daß die beiden zu  Hause  in  Wörlitz ihre  Park-architektur  ziemlich  hemmungslose architektonische Mischehen eingehen ließen. So ist zum Beispiel das am Wolfskanal gelegene "Gotische Haus",  aus der einen Ansicht, aus einer spätgotischen venezianischen Kirche und,  wie aus der  entgegengesetzten Perspektive erkennbar,  der Backsteinfassade des Lübecker Katharinenhospitals zusammengesetzt.

Gerade dieses Schlößchen, das seine Privatwohnung in Wörlitz war, ist ein hervorragendes Beispiel für die intellektuelle und ethische Haltung des Fürsten Franz: Aufklärung zum Anfassen, gewissermaßen.

Diese  Haltung symbolisieren auch mehrere "Sichtfenster"  entlang des  Führungswegs  durch den Park,  die die  Wörlitzer  Kirche  und Synagoge gleichberechtigt nebeneinander erscheinen lassen.  Das war im Deutschland zur Zeit von Lessings Nathan noch keineswegs selbst-verständlich, wie auch vom aufgeklärten Dessau die Emanzipation der deutschen Juden ausgegangen ist.

Am Gotischen Haus betrieb der Fürst öffentlich so exotische Dinge wie  Seidenraupenzucht oder Pomologie.  Doch nicht nur seine  Obstplantagen, sondern auch die landwirtschaftlichen Nutzungen reichten bis  unmittelbar  vor seine  Tür.  Dort  weideten  Rinder,  standen Kleeschober und aus England importierte moderne Ackergeräte.  Durch diese  und weitere Neuerungen (wie Horden- und Stallfütterung  oder die  Abschaffung  der Brache) wirkte  die  dessauische  Agrarreform geradezu revolutionierend auf die deutsche Landwirtschaft in  jenen Jahrzehnten.

Dennoch  erfolgte und erfolgt noch heute  im Zentrum wie  an  der Peripherie  des  "Gartenreichs" eine  ausgesprochen  naturnahe  Bewirtschaftung. Extensiv bewirtschaftete Acker- und Grünlandflächen sind  von Baumgruppen durchsetzt;  die Waldzonen zeigen  ihrerseits tiefe Einbuchtungen. Damit sind die Gärten von Wörlitz als Teil des neuen  "Biosphärenreservats  Mittlere Elbe"  zugleich  Vorbild  für einen  zukünftigen Ausgleich zwischen touristisch  genutzter  Parklandschaft und naturverträglicher Landwirtschaft.

Auch wenn uns heute romantische Vorstellungen anderes  suggerieren: Die  allgemeine  Kluft zwischen Nützlichkeit und Schönheit  war  in vorindustriellen Zeiten eher noch größer als heute.  Aus den Erträgen seiner Obstplantagen am Gotischen Haus bezahlte Friedrich Franz die Kontributionen,  die ihm vom Preußenkönig,  ob seiner militärischen Dienstunwilligkeit auferlegt worden waren. Noch bemerkenswerter aber ist, daß der Fürst zunächst ein Reformprogramm auf den Weg brachte,  um der durch Friedrichs,  "des Großen", Kriege vermehrten Armut Herr zu werden und der Unbildung und den daraus  erwachsenden Vorurteilen zu Leibe zu rücken.  Erdmannsdorffs erster Großbau  war nicht etwa eines der vielen Schlößchen und Schlösser,  sondern 1766 das (1945 ausgebrannte und 1958 gesprengte) Dessauer Armenhaus.  Es war  Teil  eines hervorragend organisiertes  Armenwesen,  das  u.a. unentgeltliche gesundheitliche Betreuung einschloß.

Seinen Ruhm als Schulreformer und -verbesserer errang Franz  1771 durch die Berufung des verketzerten Johann Bernhard Basedow  (1724-1790) und die Eröffnung eben dieses Philantropins im Jahre 1774, der Schule  der  Menschenfreundlichkeit,  die einer ganzen  Epoche  der deutschen  Schulgeschichte den Namen  gab:  Philanthropismus.  Hier wurde "eine fröhliche Erziehung" angestrebt,  ohne die damals übliche  Prügelstrafe  und ein  unbefangenes  Lehrer-Schüler-Verhältnis löste die Paukschule alter Prägung ab.  Man erstrebte  Anschaulichkeit des Unterrichts durch Modell- und Naturaliensammlungen,  durch Besichtigungen,  handwerklichen Unterricht und durch  Gartenarbeit. Alljährlich fanden zum Geburtstag der Fürstin Luise am 24.  September Wettläufe der Jungen und der Mädchen des Wörlitzer Winkels  und der Philanthrophinschüler statt,  sowie  Pferderennen,  Festschmaus und Tanz bis in die Nacht hinein.

Zu  dem Bildungsprogramm gehörte auch die Gründung  des  Dessauer Theaters. Erdmannsdorffs forschrittlicher Theaterbau brach mit dem barocken Kasten-Theater und beseitigte u.a.  die  Fürstenloge. 1796 begründete Erdmannsdorff die "Chalkographische (Kupferstecher-) Gesellschaft",  die  durch "Veduten",  Nachstiche berühmter  Gemälde, Architekturwerke  aus dem  Dessau-Wörlitzer Gartenreich" und  deren Verbreitung,  ebenfalls der "allgemeinen Geschmacksverbesserung der Untertanen" dienen sollte.

Ein kleiner Spaziergang durch den Wörlitzer Park und ein  Besuch im  Dessau-Wörlitzer Garten-reich ist also mehr als nur eine  Wanderung durch Zeit und Raum und Illusion in einem Gesamt-kunstwerk  von Gartengestaltung,  Bauwerken und bildender Kunst. Denn er verbindet überall das Schöne mit dem Nützlichen.  Diese Haltung war  Ausdruck des aufgeklärt-humanistischen Reform-willens des Fürsten, der seinen Untertanen, wie Goethe sagte "ein goldenes Zeitalter vorleuchtete".

Deshalb  ist  er,  etwas  flapsig formuliert,  so  etwas  wie  eine Frühform unserer Trimm-Dich-Pfade,  allerdings als geistiges  Training und nicht zur Reduzierung der Wohlstandspfunde gedacht. "Wähle Wanderer  Deinen Weg mit Vernunft",  heißt es,  mit dem  Blick  auf Herkules gerichtet,  an einer der vielen Wörlitzer  Erlebnis-,  Gefühls- und Geschmacksgabelungen.

Das  Terrain  um den Wörlitzer See,  in dem  schwarze  und  weiße Schwäne  ihre  Schnäbel unter die Flügel stecken  und  als  lebende Kulisse dienen,  ist eine mit fünfzig Monumenten belebte  Parklandschaft,  mit Denkmalen, Tempeln und der weisen Voraussicht, daß die Natur etwas ist,  das reicher und schöner wird,  durch den Partnerschaft  mit  dem Menschen:  "Wanderer,  achte Natur und  Kunst  und schone  ihre  Werke",  heißt es auf dem wohl  ersten  Umweltschutz-Denkmal,  das "der Landespfleger auf dem Fürstenthron"  bezeichnenderweise Warnungsaltar nannte.

Im  Park von Wörlitz begegnen wir gestalteter  Natur,  die  durch künstlerische Intuition in besonderer Weise konzipiert worden  ist. Hierdurch  werden  gerade auch unvorbereitete Spaziergänger in  besonderer  Weise  angeregt,  diese Natur zu betrachten und  sie  mit allen Sinnen aufzunehmen. Sie erleben, wie die Natur unser Wesen in einer intensiven Form anspricht.  Und vielleicht liegt das Geheimnis von Wörlitz ja darin, daß sich die "gestrenge" aufklärerische Absicht,  die ja auch dem Protestantismus und dem erzieherischen Impetus nicht fremd ist,  im Laufe eines einzigen,  kundig geführten und mit Muße betriebenen Spaziergangs in ein Spiel für die  Phantasie verwandelt, ohne daß dabei die Ausgangsintention verloren geht.


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