Bitte warten
Bitte installieren Sie den Flash Player, wenn kein E-Book erscheint.
Facharbeit (Schule), 2004, 24 Seiten
Autor: Laura Gycha
Fach: Mathematik - Sonstiges
Details
Tags: Gödel`sche, Unvollständigkeitsaxiom, Kontext
Jahr: 2004
Seiten: 24
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-07728-1
Dateigröße: 177 KB
Andere Nutzer haben sich auch für folgende Titel interessiert:
Volltext (computergeneriert)
Adam-Kraft-Gymnasium
Schwabach
Kollegstufe 2002/2004 Abiturjahrgang 2004
Facharbeit
Thema
Das Gödelsche Unvollständigkeitsaxiom im historischen
Kontext
Verfasserin: Laura Gycha
Leistungskurs: Mathematik
Bearbeitungszeitraum: Kurshalbjahre 12/2 und 13/1
Abgabetermin: 2. Februar 2004
Unterschrift des Kursleiters
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung .3
2. Die Geschichte der Logik
2.1 Die Aristotelische Logik 4
2.2 Logik im 19. Jahrhundert
2.2.1 Boole′sche Algebra 5
2.2.2 Peano-Arithmetik .6
2.3 Das Hilbert-Programm 8
2.4 Die Principia Mathematica .8
2.5 Die Metamathematik 9
3. Gödels Werk
3.1 Einführung der Gödelzahl 10
3.2 Arithmetisierung der Arithmetik 14
3.3 Das Kernstück des Gödelschen Beweises
3.3.1 Der erste Unvollständigkeitssatz 16
3.3.2 Der zweite Unvollständigkeitssatz .19
4. Schlussfolgerung 20
Hommage à Kurt Gödel 22
Literaturverzeichnis 23
Bestätigung 24
Anhang
2
Einleitung
,,
Jetzt war Hügelbart von seiner Unbesiegbarkeit überzeugt und wollte diese auch beweisen.
In die Zeit heftiger Dispute zwischen seinen Anhängern und Skeptikern fiel die
Veröffentlichung von Knödels ′Unmöglichkeitssatz′, der streng bewies, dass beim Spiel,
dessen ungeschlagener Meister Hügelbart war, Unbesiegbarkeit eines Spielers unmöglich ist.
Die Skeptiker frohlockten. Die Fachwelt aber war erstaunt, hatte doch Knödel erst vor kurzem
einen ′Möglichkeitssatz′ verfasst, der Hügelbarts Überzeugung stärkte. Der ′Möglichkeitssatz′
beanspruchte Gültigkeit für eine Klasse von Spielen und wurde meist so interpretiert, dass
Unbesiegbarkeit eines Spielers möglich ist.
Die Fortschritte junger Spieler sprachen mehr und mehr gegen Hügelbarts Überzeugung. Das
Vertrauen in die Richtigkeit des ′Unmöglichkeitssatzes′ nahm stetig zu. Nach Hügelbarts
erster Niederlage wurde der Beweis als eine der größten Leistungen menschlichen Denkens
gefeiert.
Nach und nach kristallisierte sich aus den unzähligen Definitionen, Theoremen und Schlüssen
das Beweisprinzip heraus: <Allen denkbaren Spielern wird eine Zahl zugeordnet. Damit der
Spieler der Zahl n unbesiegbar ist, muss er die Spieler aller Zahlen besiegen. Da n zur Menge
aller Zahlen gehört, folgt auch eine Niederlage des Spielers der Zahl n, womit die
Unbesiegbarkeit widerlegt ist.>
Der ′Möglichkeitssatz′ hingegen gilt, wenn es neben Sieg oder Niederlage auch
Unentschieden geben kann. Obwohl es nicht darum gegangen war, dass Hügelbart eine
Niederlage bei einem Spiel gegen sich selbst nicht vermeiden kann, stieg der
′Unmöglichkeitssatz′ in den Rang einer heiligen Schrift auf."1
Der ,Unmöglichkeitssatz′ stellt eine triviale Analogie zu Kurt Gödels 1931 veröffentlichtem
Unvollständigkeitssatz dar, wobei sich Gödel anstatt mit Spielern eines Spiels mit Sätzen
eines Systems beschäftigt hatte, und es dabei nicht um die Unmöglichkeit der
Unbesiegbarkeit, sondern um die Unbeweisbarkeit der Widerspruchsfreiheit der Axiome, die
die Grundlage des Systems bilden, geht.
1 Quelle 1: Wolfgang Gasser: Der Unmöglichkeitssatz
3
Diese Arbeit ist ein Versuch, den Gödelschen Beweis, trotz seiner Komplexität, zu
veranschaulichen und ihn in die Historie der Logik und der Mathematik einzubetten, was uns
seine globale Bedeutung erst bewusst werden lässt.
Die Geschichte der Logik
Die Aristotelische Logik
Um die Entwicklung der Logik bis zu Gödels Unvollständigkeitsaxiomen nachvollziehen zu
können, fangen wir vor über 2000 Jahren bei einem Philosophen namens Aristoteles an.
Dieser lebte von 384-322 v. Chr. und gilt damals wie auch heute als einer der Begründer der
Logik.
Aristoteles beschäftigte sich hauptsächlich mit Argumenten und deren Aussagen und
Schlussfolgerungen. Ein Argument definierte er als eine Anordnung von Aussagen, wobei
sich die eine Aussage, die Schlussfolgerung, aus den anderen Aussagen, den Grundgedanken,
ergibt. Aussagen definiert Aristoteles als Sätze, die entweder eine Wahrheit oder eine
Unwahrheit ausdrücken. Er unterteilt die Aussagen in verschiedene Klassen, nämlich in
,universelle′ Aussagen, die etwas strikt dementieren oder bestätigen, und in ,partikuläre′
Aussagen die dies nur bis zu einem gewissen Grad tun. Aristoteles zog somit vier Arten von
Aussagen in Betracht: Die universelle Bestätigung, die universellen Dementis, die partikuläre
Bestätigung und die partikulären Dementis. Diesen Aussagen ordnete man später die
Buchstaben A,E,I,O, in Anlehnung an die lateinischen Wörter affirmo (ich bestätige) und
nego (ich dementiere), zu, die wir aus reiner Bequemlichkeit im folgenden Beispiel auch
verwenden werden:
Jeder Mensch ist weiß:
A
Gegensätze
E
: Kein Mensch ist weiß
impliziert Widersprüche impliziert
Einige Menschen
sind weiß:
I O
:Einige Menschen
sind nicht weiß
Anhand dieses Diagramms lassen sich nun leicht Aussagen über den Wahrheitsgehalt der
einzelnen Aussagen treffen, wobei eine Aussage stets als ´wahr` oder ´falsch` vorgegeben sein
muss. W ist die Abkürzung für ´wahr`, F für ´falsch`.
4
Annahme:
A
ist W. Dann ist
A
gleich W (vorgegeben),
E
ist F (da
A
und
E
Gegensätze sind),
I
ist W (da
A I
impliziert), und
O
ist F (da
A
und
O
Widersprüche sind).
Nicht allen Aussagen können W oder F zugeordnet werden. In einem solchen Fall benützen
wir U für ´unentscheidbar`, z.B.:
Annahme:
A
ist F. Dann ist
A
gleich F (vorgegeben),
E
ist U, da wenn ´jeder Mensch ist
weiß` falsch ist, dann kann ´kein Mensch ist weiß` sowohl wahr als auch falsch sein, weil
auch nur ´einige Menschen sind weiß` wahr sein könnte. Für
I
ergibt sich ebenfalls U und für
O
W.2
Aristoteles war der Erste, der Symbole in der Logik benutze, auch wenn diese Symbole nur
Buchstaben waren, die aus Bequemlichkeitsgründen Aussagen oder Wörter abkürzen sollten.
Die Symbolik, wie auch die Unentscheidbarkeit, die schon Aristoteles beschäftigte, werden
wir gut 2000 Jahre später im Gödelschen Unvollständigkeitssatz wieder finden, nachdem
weitere Grundsteine für Gödels Werk in der Geschichte der Logik und der Mathematik gelegt
wurden.
Logik im 19. Jahrhundert
Die Boole′sche Algebra
Nach Aristoteles kam die Weiterentwicklung der Logik fast zu einem Stillstand, da man sich
mit den Ergebnissen, die er erbracht hatte, zufrieden gab und alle Wahrheiten ergründet zu
sein schienen. Immanuel Kant erklärte 1787, dass die formale Logik seit Aristoteles ,,auch bis
jetzt keinen Schritt vorwärts hat tun können und also allem Ansehen nach geschlossen und
vollendet zu sein scheint." 3
Erst 1847, mit der Veröffentlichung von George Booles (1815-1864)
The Mathematical
Analysis of Logic
, ,,setzte eine Wiederbelebung der logischen Untersuchungen in der Neuzeit
ein."4 Boole konstruierte eine Klassenalgebra mit der es möglich war, logische Beziehungen
der Aussagenlogik darzustellen. Diese Klassenalgebra beruhte auf Symbolen und Variablen,
deren konsequenter Gebrauch es in Aussagesätzen ermöglichte, logische Ausdrücke von
umgangssprachlichen Zweideutigkeiten zu befreien und somit die Logik in einer vollständig
formalisierten Sprache darzustellen. Die Anwendung der Klassenalgebra soll folgendes
Beispiel verdeutlichen:
2 vgl.: Howard Delong: A Profile of Mathematical Logic. United States of America 1970. S. 14ff.
3 Ernest Nagel / James R. Newman: Der Gödelsche Beweis. Wien / München 1964. S. 43.
4 Ernest Nagel / James R. Newman: Der Gödelsche Beweis. Wien / München 1964. S. 44.
5
Die ursprünglichen Aussagen lauten:
Alle Gentlemen sind höflich
Kein Bankier ist höflich
Kein Gentleman ist Bankier
Mit Hilfe der Klassenalgebra werden diese Aussagen durch Variablen und Symbole
wiedergegeben. Dafür werden die Subjekte wie folgt definiert:
- Gentleman/Gentlemen: g (Klasse aller Gentlemen)
- Bankier: b (Klasse aller Bankiers)
- höflich: h (Klasse aller höflichen Menschen)
- nicht höflich: h` (Klasse aller unhöflichen Menschen)
Daraus ergibt sich eine neue Darstellungsweise, nämlich:
g h
b h`
g b`
Das Symbol ´` bedeutet ´ist enthalten in`, so das ´g h` aussagt, dass die Klasse
(gleichbedeutend mit Menge) aller Gentlemen in der Klasse aller höflichen Menschen
enthalten ist.5
Die Anwendung von Symbolen und Variablen vervollständigte und verbesserte der deutsche
Mathematiker und Philosoph Friedrich Ludwig Gottlob Frege (1848-1925) in seinem 1878
erschienenen Hauptwerk
Begriffsschrift,
in dem die Logik erstmals als eine vollständig
formalisierte Sprache dargestellt wurde. Frege gilt als der
Begründer der modernen Logik.
Die Peano-Arithmetik
Der nächste größere Schritt in Richtung des Gödelschen Unvollständigkeitsaxioms ist die
Axiomatisierung der Arithmetik. Der Begründer dieser Bewegung war der deutsche
Mathematiker Julius Wilhelm Richard Dedekind (1831-1916), der einen rein logischen
Aufbau der Arithmetik anstrebte, aber keine großen Errungenschaften in dieser Hinsicht für
sich verbuchen konnte. Erst der Italiener Giuseppe Peano stellte 1889 in seinem Werk
Arithmetices Principia nova methoda exposita
ein Axiomensystem für die natürlichen Zahlen
auf. In diesem Axiomensystem umgeht Peano umgangssprachliche Uneindeutigkeiten, indem
5 Ernest Nagel / James R. Newman: Der Gödelsche Beweis. Wien / München 1964. S. 44.
6
er eine Symbolsprache der Logik einführt, die nach bestehenden Regeln festgelegt ist. So
werden strukturelle Merkmale der natürlichen Zahlen innerhalb der Axiome in logischer
Symbolik wiedergegeben, welche nach Peano PA (Peano-Arithmetik) genannt wird. Die
,,Sprache" PA bezieht sich nur auf Prädikate über Individuen aus dem Bereich der Sprache,
nicht aber auf Aussagen über Aussagen, und ist somit ,,Sprache" PA der ersten Stufe mit
Identität. Identität bedeutet, als Symbol wiedergegeben, ´=` und hat folgende Eigenschaften:
1. Reflexivität: a = a (Gleichheit ist eine reflexive, transitive und symmetrische
Relation)
2. Substitutivität: a1 = a2 (a1) = (a2) (wenn zwei Objekte identisch sind,
dann gilt: wenn das eine Objekt eine
bestimmte Eigenschaft hat, dann hat
sie auch das andere Objekt)
Die sechs Peano-Axiome lauten wie folgt:
(1) 0 N Null ist Element der natürlichen Zahlen
(2) x(~s(x)=0) für alle x gilt: Null ist nicht der Nachfolger
einer natürlichen Zahl; Null hat keinen
Vorgänger
(3) xy(s(x)=s(y) x=y) Wenn zwei natürliche Zahlen den gleichen
Nachfolger haben, sind sie gleich;
verschiedene natürliche Zahlen haben
verschiedene Nachfolger
(4) (0) x[(x) (s(x))] x(x) Prinzip, der vollständigen Induktion:
wenn eine Eigenschaft für Null gilt und
der Schluss ,,Wenn für eine Zahl x gilt,
dann auch für deren Nachfolger s(x)"
zutrifft, dann gilt für alle natürlichen
Zahlen die Eigenschaft
(5) xy(x+0=x) x+s(y)=s(x+y) Induktive Definition von Addition und
(6) xy(x×0=0) x×s(y)=s(x×y)+x Multiplikation6
Das Hilbert-Programm
6 Gianbruno Guerrerio: Kurt Gödel - logische Paradoxien und mathematische Wahrheit. Spektrum der
Wissenschaft. Biographie 1/2002. S. 48f.
7
David Hilbert (1862-1943), dessen wohl begabtester Schüler Kurt Gödel war, versuchte
diejenigen mathematischen Gebiete, in denen es Grundlegungsbedarf gab, auf eine Grundlage
von eindeutig formulierten Axiomen zu stellen. Diese Axiome mussten nur den folgenden
drei Bedingungen genügen:
(1) die Axiome des Systems sollte unabhängig sein, d.h. es sollte keines der Axiome aus
den anderen abgeleitet werden können
(2) die Axiome sollten vollständig sein, d.h. alle Sätze des zu axiomatisierenden
Gebietes sollte aus den Axiomen abgeleitet sein
(3) die Axiome sollte einander nicht widersprechen, d.h. das System sollte
widerspruchsfrei sein und es sollten auch keine widersprüchigen Sätze aus den
Axiomen abgeleitet werden können
Diese letzte Bedingung, die Hilbert an die Axiome eines Systems stellte, beinhaltete die
Forderung nach einem Widerspruchsfreiheitsbeweises für axiomatische Systeme.7
Im Jahr 1900, auf dem zweiten Mathematiker-Kongress in Paris, präsentierte Hilbert den
übrigen Teilnehmern eine Liste, bestehend aus 23 ungelösten mathematischen Problemen,
deren Lösung er als Agenda für die Mathematik, und somit für die Mathematiker und Logiker
des 20. Jahrhunderts betitelte. An zweiter Stelle stand auf dieser Problemliste der ausstehende
Widerspruchsfreiheitsbeweis für die Axiome der Arithmetik, dessen sich Jahre später der
junge Gödel annahm.
Principia Mathematica
1910 erschien das monumentale, aus drei Bänden bestehende, Werk von Bertrand Russel
(1872-1970) und Alfred North Whitehead (1861-1947)
Principia Mathematica
. Der Wunsch
Russels und Whiteheads war es, die Mathematik auf eine sichere logische Basis zu stellen.
Die Mathematik, besonders aber die Arithmetik, wird in den
Principia
als reines Teilgebiet
der formalen Logik behandelt. Russel versuchte, wie es vor ihm schon Frege getan hatte, zu
zeigen, dass sich alle arithmetischen Begriffe mit logischen Mitteln definieren lassen können
und dass sie gänzlich aus logischen Axiomen ableitbar sein sollten. Russel und Whitehead
reduzierten den Beweis der Widerspruchsfreiheit mathematischer Systeme, den das Hilbert-
Programm forderte, auf die Widerspruchsfreiheit der formalen Logik. Sie verglichen die
7 vgl.: Quelle 2: Volker Peckhaus: Kurt Gödel Die Entdeckung der Unvollständigkeit Leben und Lehre des
Begründers der Modernen Logik.
8
Widerspruchsfreiheit der Axiome der Arithmetik, die sie als ,,einfache Umschreibungen
logischer Theoreme"8 definierten, mit der Widerspruchsfreiheit der ,,fundamentalen logischen
Axiome" 9. Diese Methode lieferte deswegen keine endgültige Antwort auf die Frage nach der
Widerspruchsfreiheit. Trotzdem zählen die
Principia Mathematica
zu den bedeutendsten
Schriften zur Untersuchung der Widerspruchsfreiheit, da sie zwei wichtige Aspekte in sich
vereinen, nämlich beinhalten sie zum einen ein sehr umfassendes Zeichensystem, mit dem es
möglich war, alle Sätze der Arithmetik gesetzmäßiger Weise zu kodieren. Zum anderen
listeten sie die meisten in mathematischen Beweisen verwendeten Ableitungsregeln auf und
wurde so zum Hauptwerk was die Problemlösung der Widerspruchsfreiheit angeht.
Die Metamathematik
Die zunehmende Arbeit an Beweistheorien, z.B. am Widerspruchfreiheitsbeweis, den Hilbert
forderte, zwang die Mathematiker die beiden Ebenen der Mathematik strikt zu trennen. Die
eine der beiden sprachlichen Ebenen ist die Ebene einer Theorie selbst, die andere ist
diejenige, in der über eine gegebene Theorie Untersuchungen angestellt werden. Das
bedeutet, dass alle Diskussionen über die Mathematik in der Metamathematik statt finden, in
der Sprache in der man über die Mathematik spricht. Ein einfaches Beispiel soll dies noch
verdeutlichen:
2 + 3 = 5
Dieser Ausdruck ist gänzlich aus elementaren arithmetischen Zeichen aufgebaut und gehört
zur Mathematik (Arithmetik). Hingegen stellt der
Satz
´2 + 3 = 5` ist eine arithmetische Formel
eine Behauptung über den genannten Ausdruck dar. Er drückt keine arithmetische Tatsache
aus und gehört nicht zur formalen Sprache der Arithmetik, sondern zur Metamathematik, da
er eine Kette arithmetischer Zeichen als Formel bezeichnet.
Die Metamathematik ist von solch großer Bedeutung für die Beweistheorien, dass auch Gödel
seinen Beweis darauf aufbaut.
Gödels Werk
Die Einführung der Gödelzahl
8 Ernest Nagel / James R. Newman: Der Gödelsche Beweis. Wien / München 1964. S .46.
9 Ernest Nagel / James R. Newman: Der Gödelsche Beweis. Wien / München 1964. S .46.
9
1931 veröffentlichte Kurt Gödel im Alter von gerade mal 24 Jahren seine Abhandlung ,,Über
formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme I" im
Monatsheft für Mathematik und Physik 38
, in dem er seine beiden Unvollständigkeitssätze
erstmals der Öffentlichkeit präsentierte und somit für heftige Diskussionen bezüglich deren
Richtigkeit sorgte.
Immerhin stellte Gödels Arbeit die Theorie seines Lehrers David Hilbert über die
Widerspruchsfreiheit eines formalen Kalküls, einem System von Zeichen, auf den Kopf.
Gödel behauptete bewiesen zu haben, dass ein System S unvollständig sei, da es einen Satz G
enthalte, der innerhalb von S nicht bewiesen werden könne. Ferner erweiterte er seinen
Beweis bezüglich der Widerspruchsfreiheit einer Theorie und stellte fest, dass die meisten
formalisierten Systeme der Mathematik nicht in der Lage wären ihre eigene
Widerspruchsfreiheit zu beweisen und dass ein solches System S somit unvollständig sei, da
es eines erweiterten Systems S′ bedürfe, um diesen Beweis durchzuführen. Wobei wiederum
auch das erweiterte System S′ unvollständig sei und deren Widerspruchsfreiheit nur mit
einem System S′′ bewiesen werde könne, was zu einer endlosen Folge von Systemen führen
würde. Der zweite Teil dieser Abhandlung erschien nie.
Da es sich dabei um ein sehr komplexes Werk handelt, ist einige Vorarbeit zu leisten, um
Kurt Gödels Beweisführung folgen zu können.
Das arithmetische System in dem Gödel seinen Beweis durchführt, ist auf Axiomen, Regeln,
aufgebaut, die er von Guiseppe Peano übernommen hat:
(1) 0 N Null ist Element der natürlichen Zahlen
(2) x(~s(x)=0) für alle x gilt: Null ist nicht der Nachfolger
einer natürlichen Zahl; Null hat keinen
Vorgänger
(3) xy(s(x)=s(y) x=y) Wenn zwei natürliche Zahlen den gleichen
Nachfolger haben, sind sie gleich;
verschiedene natürliche Zahlen haben
verschiedene Nachfolger
(4) (0) x[(x) (s(x))] x(x) Prinzip, der vollständigen Induktion:
wenn eine Eigenschaft für Null gilt und
der Schluss ,,Wenn für eine Zahl x gilt,
10
dann auch für deren Nachfolger s(x)"
zutrifft, dann gilt für alle natürlichen
Zahlen die Eigenschaft 10
Da Gödel mit seinen Beweisen Aussagen über die Mathematik trifft, bedient er sich der so
genannten Metamathematik, die, um in den Beweisen verwendet werden zu können,
formalisiert, d.h. mit arithmetischen Mitteln dargestellt werden muss. Dies führt dazu, dass
man metamathematische Aussagen im arithmetischen System abbilden kann. Es gibt dabei
zwei Arten von Objekten, die man in der Arithmetik darstellen will, nämlich die gängigen
Elementarzeichen und Variablen, deren Zuordnung wie folgt geschieht:
Zuerst führte er die so genannte Gödelzahl ein, mit der es möglich ist den zehn konstanten
Elementarzeichen eines Theorems, einer aus den Axiomen abgeleiteten Aussage, in einem
formalisierten Kalkül eine eindeutige Zahl zuweisen. Ein Kalkül ist ein aus den Axiomen
abgeleitetes System, das nur aus konstanten Zeichen und Variablen besteht, wobei die
Axiome angeben, nach welchen Regeln diese Zeichen kombiniert werden können. Die
Bedeutung dieser Elementarzeichen und die denen zugewiesene Gödelzahl zeigt die folgende
Tabelle11:
Gödelzahl Elementarzeichen Bedeutung
1 ~ Nicht
2 v Oder
3
Wenn... dann...
4
Es gibt ein...
5 =
Ist gleich
6 0 Null
Gödelzahl Elementarzeichen Bedeutung
7 s
Unmittelbarer
Nachfolger von...
10 Gianbruno Guerrerio: Spektrum der Wissenschaft. Kurt Gödel - logische Paradoxien und mathematische
Wahrheit. Biographie 1/2002. S. 48f.
11 vgl.: Ernest Nagel / James R. Newman: Der Gödelsche Beweis. München 1964. S. 71.
11
8 (
Interpunktionszeichen
9 )
Interpunktionszeichen
10 ,
Interpunktionszeichen
Gödel selbst benutze ein etwas anderes Kodierungssystem. Er baute seine Beweisführung auf
nur sieben Elementarzeichen auf, und verwendete als Gödelzahlen für diese Elementarzeichen
nicht die natürlichen Zahlen 1 10, sonder die ersten sieben Primzahlen. Dieser Unterschied
ist für uns jedoch völlig unerheblich, solange wir unser System mit den zehn
Elementarzeichen und den natürlichen Zahlen 1 10 konsequent durchziehen.
Neben den Elementarzeichen existieren noch drei Arten von Variablen. Die erste Art ist die
der Zahlenvariablen
x, y, z...
, die für Zahlzeichen eingesetzt werden
(z.B. 0, s0, y,...);
die
zweite sind Satzvariablen
p, q, r...,
die Theoreme oder Axiome darstellen
(z.B. 0=0; (
x)(x =
sy);...)
. Die letzte Variablenart ist die der Prädikatvariablen
P, Q, R...
, die Prädikate wie zum
Beispiel ,
Primzahl
′, ,
größer als
′, ,
zusammengesetzt
′,... ausdrücken. Diesen Variablen
werden wiederum Gödelzahlen zugeordnet, was nach den folgenden Regeln geschieht:
(i)
Zahlenvariablen werden Primzahlen größer als 10 (11, 13, 17,...) zugeordnet
(ii)
Satzvariablen werden die Quadrate von Primzahlen größer als 10 (11², 13², 17²,...)
zugeordnet
(iii)
Prädikatvariablen werden die dritte Potenz von Primzahlen größer als 10 (11³, 13³,
17³,...) zugewiesen
Nun können wir ein beliebiges Theorem, das aus den Axiomen des formalen Kalküls
abgeleitet wurde, und sich uns in Form von Elementarzeichen präsentiert, durch die
zugewiesenen Gödelzahlen ersetzten. Die Gödelzahl dieses Theorems ist das Produkt der
ersten Primzahlen (2, 3, 5, 7, ...), der Reihe nach, potenziert mit jener Gödelzahl g die dem
entsprechenden Elementarzeichen zugewiesen wurde. Dies geschieht nach folgender
Vorschrift:
2g1
gk
x 3g2 x 5g3 x ... x pk ; wobei pk die k-te Primzahl ist12
Auf diese Weise erhalten wir für jedes einzelne Theorem eine eindeutige Zahl.
12 vgl.: Gianbruno Guerrerio: Kurt Gödel - logische Paradoxien und mathematische Wahrheit. Spektrum der
Wissenschaft. Biographie 1/2002. S. 49.
12
Für die Formel
(
x)(x = sy)
funktioniert das wie folgt:
Formel:
(
x ) ( x = s y )
Gödelzahlen der Elementarzeichen: 8 4 11 9 8 11 5 7 13 9
Die Gödelzahl dieser Formel lautet dann:
28x 34 x 511 x 79 x 118 x 1311 x 175 x 197 x 2313 x 299
welche wir als
m
bezeichnen wollen.
Betrachtet man sich nun unsere Formel
(
x)(x = sy),
die ausgesprochen besagt: es gibt ein
x
,
und dieses
x
ist der unmittelbare Nachfolger von
y
, und ersetzt das
y
, welches ja eine
Zahlenvariable darstellt, durch ein Zahlzeichen, z.B.
0
, so erhält man eine zweite Formel, die
aus der ersten abgeleitet wurde.
(
x)(x=sy) [=m]
Subst.: y=0
(
x)(x=s0) [=n]
sprich, es gibt ein
x
und dieses
x
ist der unmittelbare Nachfolger von Null. Folglich ergibt
sich, dass jede Zahl einen unmittelbaren Nachfolger hat. Diese zweite Formel nennen wir
n
.
Beide Formeln zusammen, stellen eine endliche Folge von Formeln dar. Wieder wird eine
Gödelzahl gesucht, um diese endliche Folge von Formeln zu kennzeichnen. Analog zur
Gödelzahl einer Formel können wir die Gödelzahl einer Folge von Formeln bestimmen,
indem wir wiederum das Produkt der ersten Primzahlen bilden, wobei die Primzahlen mit der
1., 2., 3., ... Gödelzahl G, die diesen Formeln zugewiesen wurden, potenziert werden, nach
der Vorschrift:
2G1 x 3G2 x 5G3 x 7G4 x ... x p Gk
k
, wobei pk wiederum die k-te Primzahl ist13
In unserem Beispiel lautet die neue Gödelzahl, die Gödelzahl des Beweises, wir wollen sie
k
nennen, wie folgt:
k = 2m x 3n
13 vgl.: Gianbruno Guerrerio: Kurt Gödel - logische Paradoxien und mathematische Wahrheit. Spektrum der
Wissenschaft. Biographie 1/2002. S. 49.
13
Mit dieser so genannten Gödelisierung haben wir das formale Kalkül vollständig
arithmetisiert und die erste Hürde zum Gödelschen Beweis genommen
Die Arithmetisierung der Metamathematik
Diese Methode kann man nun auf Aussagen über Beziehungen, Zusammenhänge und
Struktureigenschaften des Kalküls erweitern, die mit Hilfe einer arithmetisierten Sprache im
Kalkül selbst ausgedrückt werden können. Um solche Aussagen in der Mathematik treffen zu
können bedarf es einer eigenen logischen Sprache, der Metamathematik. Um diese in der
Beweisführung verwenden zu können, muss auch sie, wie schon das formale Kalkül,
arithmetisiert werden, d.h. mit einfachen arithmetischen Mitteln dargestellt werden. Ein
,weltliches′ Beispiel für eine solche Aussage über Beziehungen ist die Situation in einem
Arbeitsamt: Jeder der dort in einem persönlichen Gespräch Rat sucht, muss bei Betreten des
Amtes eine Nummer ziehen. Diese Nummern sind natürliche Zahlen (1,2,3,...) und werden
der Reihe nach aufgerufen, um die entsprechenden Personen zu einem solchen Gespräch zu
bitten. Somit wird auch die Beziehung zwischen diesen Nummern klar, denn je kleiner die
Nummer, die man gezogen hat, desto früher ist man an der Reihe. Mit Hilfe dieser Nummern
kann man leicht feststellen, wie viele Personen schon beraten wurden, und wie viele noch
warten. So kann ein jeder feststellen, wie lange er noch warten muss, oder um wie viel früher
ein anderer an der Reihe ist, der eine kleinere Nummer gezogen hat, also das Amt früher
betreten hat. Wie im Arbeitsamt jeder Arbeitssuchende durch eine eindeutige Nummer zu
identifizieren ist, so wird jeder metamathematische Satz durch eine eindeutige Formel und
somit durch eine eindeutig zuweisbare Gödelzahl repräsentiert.14
Man kann verschiedene metamathematische Aussagen bezüglich eines Satzes, einer Formel,
eines Kalküls treffen, z.B. über die Beziehung zweier Formeln zueinander, oder über den
Zusammenhang zweier Sätze in einer Formel. Dies sollen die folgenden Beispiele
verdeutlichen:
(a) Zusammenhang zwischen Formel und einem Satz dieser Formel
14 vgl.: Ernest Nagel / James R. Newman: Der Gödelsche Beweis. Wien/München 1964. S.77.
14
Betrachten wir uns nun das formale Axiom ,(
p v p)
p′
, mit der Satzvariablen
p,
das
ausgesprochen heißt: wenn p oder p, dann p. Die Gödelzahl dieses Axioms lässt sich leicht
zuweisen:
Formel:
( p v p )
p
Gödelzahlen der Elementarzeichen : 8 11² 2 11² 9 3 11²
Die Gödelzahl des Axioms lautet folglich:
28 x 311² x 52 x 711² x 119 x 133 x 1711²
diese bezeichnen wir kurz mit ,
a
′.
Nun nehmen wir uns einen Teil dieser Formel, nämlich ,
(p v p)
′, deren Gödelzahl 28 x 311² x
52 x 711² x 119 ist, und bezeichnen sie mit ,
b
′. Wir machen nun die Aussage, dass es sich bei
dieser Formel um ein Teilglied des Axioms ,
(p v p)
p′
handelt. Dies ist aber nur dann der
Fall, wenn die kleinere Gödelzahl ,b′ ein Faktor von ,a′ ist. Stellt sich diese Aussage als wahr
heraus, dann ergibt sich daraus, dass ,(p v p)′ wirklich ein Teilglied von ,(p v p) p′ ist.
(b) Beziehung zwischen Formel und einem Teilglied
Beziehen wir nun unser neues Wissen auf unser vorheriges Beispiel mit der Gödelzahl des
Beweises
k =
2
m
x 3
n
,
wobei
n
die Gödelzahl eines Teilglieds ist. Um die Beziehung
zwischen
k
und
n
ausdrücken zu können, schreiben wir die Formel ,
Dem(x,z)
′- ,
Dem
′ steht
für Demonstration, sprich, Beweis - wobei das
x
unser
k
, und das
z
unser
n
repräsentiert. In
Wortsprache lautet die Formel ,
Dem(x,z)
′: ,,Die Formelfolge mit der Gödelzahl
x
ist ein
Beweis für die Formel mit der Gödelzahl
z
."
Um uns dem Kernstück des Gödelschen Beweises nähern zu können, müssen wir einen
weiteren Schritt tun, und zu unserer neu eingeführten Symbolik etwas ergänzen. Gehen wir
von unserer schon bekannten Formel
(
x)(x = sy)
aus, die die Gödelzahl m hat. Nun
substituieren wir die Variable
y
,
die eigentlich eine Zahlenvariable ist und durch eine
Primzahl größer als Zehn dargestellt werden müsste, z.B. 13, durch die Gödelzahl
m
.
Die daraus entstehende Formel nennen wir
r
:
(
x ) ( x = s y ) [=m] ;( y= 13)
Substitution: y = m
(
x ) ( x = s m ) [=r]
15
(
x ) ( x = ssss...ss 0 )
Gödelzahlen der (m+1)-mal
Elementarzeichen : 8 4 11 9 8 11 5 7777 ...77 6 9
r
= 28 x 34 x 511 x 79 x 118 x 1311 x 175 x 197 x 237 x...x p9m+10
(m+10)te Primzahl
r bezeichnet dabei eine ganz bestimmt arithmetische Funktion von m und 13, in der innerhalb
der Funktion die Funktion selbst abgebildet werden kann, da wir m in sich selbst, anstelle
einer Variablen, substituiert haben. Dies Bezeichnen wir als ,sub(m,13,m)′; sprich: ,,die
Gödelzahl der Formel, die man aus der Formel mit der Gödelzahl m erhält, wenn für die
Variable mit der Gödelzahl 13 das Zahlzeichen m substituiert wird." Diese Bezeichnung kann
man natürlich auch für Zahlzeichen anwenden, z.B. ,sub(y,13,y)′, sprich: ,,die Gödelzahl
jener Formel, die man aus der Formel mit der Gödelzahl y erhält, wenn man für die Variable
mit der Gödelzahl 13 das Zahlzeichen y substituiert". Da es sich bei y jedoch um eine
Zahlenvariable selbst handelt, erhält man nach der Substitution eine bestimmte ganze Zahl,
die keinerlei Behauptungen aufstellt, und somit nicht wahr oder falsch seien kann.
Die Arithmetisierung der Metamathematik war der letzte große Schritt auf dem Weg zum
Kernstück des Gödelschen Beweises, welchem wir nun unsere gesamte Konzentration
widmen müssen, um der Beweisführung folgen zu können.
Das Kernstück des Gödelschen Beweises
Gödels erster Unvollständigkeitssatz
Der Hauptteil von Gödels Arbeit besteht nun darin, einen arithmetischen Satz zu finden, der
von sich selbst behauptetet, nicht beweisbar zu sein. Der erste Schritt zu diesem Ziel ist es,
eine Grundkonstruktion für diese Behauptung zu finden. Der für uns wohl passendste Anfang
ist die Beweis-Formel
Dem(x,z),
da wir mit ihrer Hilfe einen Beweis konstruieren können.
Ausgehend von der Formel
Dem(x,z)
können wir nun deren Negation bilden, nämlich
~Dem(x,z)
,die besagt, dass die Formelfolge mit der Gödelzahl
x
kein Beweis
sei für die Formel mit der Gödelzahl
z
. Fügen wir zu dieser Formel nun ein
(x)
hinzu,
welches die Bedeutung von, für jedes x gilt′ hat. Die neue Formel lautet nun
16
(x)~Dem(x,z)
,und drückt aus, dass für jedes
x
gilt, dass die Formelfolge mit der
Gödelzahl
x
kein Beweis ist für die Formel mit der Gödelzahl
z
. Kurz gesagt, die Formel mit
der Gödelzahl
z
ist nicht beweisbar, bzw. es kann für sie kein Beweis erbracht werden.
Anstelle dieses z müssen wir nun die Gödelzahl einer Formel finden, die von sich selbst
aussagt, nicht beweisbar zu sein. Es versteht sich fast von selbst, dass man dazu diese Formel
in sich selbst durch Substitution abbilden muss, um eine solche Aussage zu erreichen. Dazu
wenden wir das bereits eingeführte Substitutionsverfahren (
sub(y,13,y)
)an:
Ersetzt man das
z
nun durch die Gödelzahl einer Formel, z.B. ,
sub(y,13,y)
′, so erhält man die
folgende Formel:
(1)
(x)~Dem(x, sub(y,13,y)) [=n]
wir wollen diese
n
nennen.
Substituieren wir das
y
in der obigen Formel durch
n
selbst, um die Formel in sich selbst
abzubilden, erhält man
(G)
(x)~Dem(x, sub(n,13,n))
deren Gödelzahl
sub(n,13,n)
ist, da
sub(n,13,n)
per Definition die Gödelzahl derjenigen
Formel ist, die man erhält, wenn man in die Formel mit der Gödelzahl
n
(1) für die
Zahlenvariable
y n
einsetzt. Und genau so wurde
G
gebildet.
G
sagt also aus, dass die Formel
mit der Gödelzahl
sub(n,13,n)
nicht beweisbar sei, wobei die Formel mit der Gödelzahl
sub(n,13,n) G
selbst ist. Diese arithmetische Formel vertritt im Kalkül den
metamathematischen Satz: ,,die Formel
(x)~Dem(x, sub(n,13,n)) [=G]
ist nicht beweisbar"
und wird nach Gödel
G
genannt.
G
sagt von sich selbst aus, nicht beweisbar zu sein
Um diese Aussage zu überprüfen, gehen wir von der Annahme aus, dass
G
beweisbar ist, d.h.,
dass es innerhalb der Arithmetik eine Folge von Formeln geben muss, die den Beweis für
G
bildet (->
Dem(x,z)
), diese Formelfolge nennen wir
k
. Daraus erhalten wir die wahre
arithmetische Formel ,
Dem(k, sub(n,13,n))
′, die die Relation zwischen
k
, der Gödelzahl des
Beweises, und
sub(n,13,n)
,
der Gödelzahl von
G
, bezeichnet. Da es laut Annahme ein k gibt,
das
G
beweist, kann man die Behauptung, dass es überhaupt eine Zahl gibt, die
G
beweist,
leicht ableiten:
17
((x)Dem(x, sub(n,13,n))
Dieser Satz sagt nun aus, dass für alle
x
gilt: Die Formelfolge mit der Gödelzahl
x
ist ein
Beweis für die Formel mit der Gödelzahl
sub(n,13,n).
Wenn man aufmerksam die Herleitung
von G verfolgt hat, wird man bemerken, dass es sich bei diesem Satz um nicht anderes als die
Verneinung von G handelt. G sagt ja aus, nicht beweisbar zu sein, wenn man dies aber
verneint, behauptet der neue Satz genau das Gegenteil, nämlich beweisbar zu sein.
~((x)~Dem(x, sub(n,13,n))
~G
Daraus lässt sich entnehmen, dass wenn
G
ableitbar ist, auch deren Negation
~G
ableitbar
sein muss, und die Arithmetik somit widersprüchig ist, da man aus den Axiomen nicht eine
Aussage und gleichzeitig deren Negation, also deren gegenteilige Aussage ableiten dürfte. Ist
die Arithmetik widerspruchsfrei, so ist
G
nicht beweisbar, da
~G
nicht beweisbar ist. Die
Formel
G
ist somit wahr, da sie ja gerade behauptet nicht beweisbar zu sein, und ist eine
formal unentscheidbare Formel, was sich an folgendem Beispiel verdeutlichen lässt:
Wir denken uns ein genügend reichhaltiges System, in Form eines Rechtecks, das den Satz G
enthält, der ausdrückt, dass er nicht beweisbar sei:
.
.
Dieser Satz ist nicht beweisbar.
.
.
(a) Angenommen, G ist wahr, dann entspricht das, was der Satz ausdrückt der Wahrheit
und G ist nicht beweisbar.
(b) Angenommen G ist falsch, dann entspricht das, was der Satz ausdrückt nicht der
Wahrheit und deswegen ist G beweisbar.
(a′) Angenommen G ist beweisbar (~ ,wahr′), dann ist der Satz, da er ja ausdrückt, nicht
beweisbar zu sein, falsch.
18
(b′) Angenommen G ist nicht beweisbar (~ ,nicht wahr′), dann ist der Satz, da er besagt
nicht beweisbar zu sein, wahr.15
Daraus schließen wir, dass, wenn wir ein System haben, das reichhaltig genug ist um G
auszudrücken, dieses System einen Satz (nämlich G selbst) enthält, der dann und nur dann
wahr ist, wenn er nicht beweisbar ist.
Die Axiome eines Systems sind dann vollständig, wenn alle wahren Aussagen formal aus
ihnen ableitbar sind. Wie jedoch gerade gezeigt, ist
G
zwar eine wahre Aussage, aber nicht
aus den Axiomen ableitbar, da alle aus den Axiomen abgeleiteten Aussagen beweisbar sind,
was G allerdings nicht ist. Somit sind die Axiome unvollständig, auch wenn man
G
als neues
Axiom zu dem System hinzufügen würde, da man dann ein neuen Satz G′ bilden könnte, der
wiederum wahr, aber nicht beweisbar ist.
Gödels zweiter Unvollständigkeitssatz
,,Wir kommen zum letzten Satz von Gödels grandioser intellektueller Sinfonie"16, nämlich
dass, wenn die Arithmetik widerspruchsfrei ist, sie unvollständig ist.
Auf Grund der Tatsache, dass die Axiome des Systems, wie oben gezeigt, unvollständig sind,
kann man die Behauptung aufstellen, dass die Arithmetik an sich unvollständig ist. Analog zu
G wird nun eine Formel A konstruiert, die aussagt: ,,die Arithmetik ist widerspruchsfrei" (vgl.
,,G ist beweisbar"), das wäre dann der Fall, wenn es mindestens eine Formel y gäbe, die nicht
beweisbar ist. Was in Worten bedeuten würde: ,,Es gibt mindestens eine Zahl y, dass für alle x
gilt: x steht in keiner Relation Dem zu y."
(A)
(
y)(x) ~Dem(x,z)
Dieser Satz stellt ein Teilglied des Satzes ,,wenn die Arithmetik widerspruchsfrei ist, ist sie
unvollständig" dar. Der zweite Teil dieses Satzes, nämlich ,,die Arithmetik ist unvollständig",
lautet in anderen Worten ausgedrückt: ,,Es gibt mindestens einen wahren arithmetischen Satz,
der innerhalb der Arithmetik nicht formal beweisbar ist." Diesen Satz, nämlich G, haben wir
gerade erst konstruiert und können somit beide metamathematischen Sätze zu einem
15 vgl.: Howard Delong: A Profile of Mathematical Logic. United States of America 1970. S. 160f.
16 Ernest Nagel / James R. Newman: Der Gödelsche Beweis. Wien/München 1964. S. 93.
19
zusammenfügen, der lautet: ,,wenn die Arithmetik widerspruchsfrei ist (A), dann ist sie
unvollständig(G)."
Dieser wird durch die folgende arithmetische Formel dargestellt:
,,Die Arithmetik ist wiederspruchsfrei" ,,Die Arithmetik ist unvollständig"
A G
(
y)(x)~Dem(x,y)
(x)~Dem(x, sub(n,13,n))
A ist also innerhalb der Arithmetik nicht beweisbar, sonst wäre das auch G, und dies haben
wir, wie oben gezeigt, ausgeschlossen. David Hilberts Forderung nach der
Widerspruchsfreiheit der Arithmetik kann damit nicht durch einen metamathematischen
Beweis, der auf die Arithmetik abgebildet wird, erbracht werden. )17
Bertrand Russel sagte einst: ,,Die reine Mathematik ist jene Disziplin, bei der man weder
weiß, worüber man spricht, noch ob das, was man sagt, wahr ist."18 Dieser bezeichnende
Ausspruch hat auch heute noch Gültigkeit und man kann David Hilbert seine Fehlbarkeit in
Bezug auf den Widerspruchfreiheitsbeweis nicht verübeln.
Schlussfolgerung
Die Globale Bedeutung der Gödelschen Unvollständigkeitssätze, speziell aber die des ersten,
kann man dann erkennen, wenn man den Satz ,,die Arithmetik ist unvollständig" auf die
ganze Mathematik ausweitet: Die Mathematik ist unvollständig, beziehungsweise
unerschöpflich, oder kann einfach mit den Möglichkeiten des menschlichen Verstandes nicht
erfasst werden. Man kann die Ablehnung, auf die Gödel nach Veröffentlichung seiner
Abhandlung gestoßen ist fast verstehen, da sie das Weltbild der damaligen Zeit auf den Kopf
stellte, unter anderem indem sie den Beweis für das Vorhandensein von unentscheidbaren
Aussagen in formalen Theorien der Mathematik lieferte.19
Ein meiner Meinung nach passendes Beispiel hierfür liefert die Astronomie: ,,Gibt es außer
uns Menschen noch andere ,intelligente′ Lebensformen im Universum?" Eine Antwort auf
diese Frage kann in unserer Zeit nicht erbracht werden, ist also unentscheidbar. Es gibt noch
17 Ernest Nagel / James R. Newman: Der Gödelsche Beweis. Wien/München 1964.
18 Ernest Nagel / James R. Newman: Der Gödelsche Beweis. Wien/München 1964. S. 18f.
19 Gianbruno Guerrerio: Spektrum der Wissenschaft. Kurt Gödel - logische Paradoxien und mathematische
Wahrheit. Biographie 1/2002. S. 52.
20
viele andere Aspekte des menschlichen Lebens, die unergründlich sind und die Menschheit
den Rest ihres Daseins beschäftigen werden. Ob der menschliche Geist jedoch jemals in der
Lage sein wird, solche Dinge wie die Unendlichkeit des Universums zu begreifen, ist fraglich.
21
Hommage à Gödel - Hans Magnus Enzensberger
Münchhausens Theorem, Pferd, Sumpf und Schopf,
ist bezaubernd, aber vergiss nicht:
Münchhausen war ein Lügner.
Gödels Theorem wirkt auf den ersten Blick
Etwas unscheinbar, doch bedenk:
Gödel hat recht.
"In jedem genügend reichhaltigen System
lassen sich Sätze formulieren,
die innerhalb des Systems
weder beweis- noch widerlegbar sind,
es sei denn das System
wäre selber inkonsistent."
Du kannst deine eigene Sprache
in deiner eigenen Sprache beschreiben:
aber nicht ganz.
Du kannst dein eigenes Gehirn
mit deinem eigenen Gehirn erforschen:
aber nicht ganz
Usw.
Um sich zu rechtfertigen
muss jedes denkbare System
sich transzendieren,
d.h. zerstören.
"Genügend reichhaltig" oder nicht:
Widerspruchsfreiheit
ist eine Mangelerscheinung
oder ein Widerspruch.
(Gewissheit = Inkonsistenz)
Jeder denkbare Reiter,
also auch Münchhausen,
also auch du bist ein Subsystem
eines genügend reichhaltigen Sumpfes.
Und ein Subsystem dieses Subsystems
Ist der eigene Schopf,
dieses Hebezeug
für Reformisten und Lügner.
In jedem genügend reichhaltigen System
also auch in diesem Sumpf hier,
lassen sich Sätze formulieren,
die innerhalb des Systems
weder beweis- noch widerlegbar sind.
Diese Sätze nimm in die Hand
Und zieh!
22
Literaturverzeichnis
Delong, Howard: A Profile of Mathematical Logic. Addison-Wesley Publishing
Company, Inc..United States of America 1970.
Kleene, Stephen Cole: Interduction to Metamathematics. American Elsevier
Publishing Company, Inc.. New York 1971.
Kleene, Stephen Cole: Mathematical Logic. John Wiley & Sons, Inc.. New York
1967.
Lorenzen, Paul: Metamathematik. Bibliographisches Institut AG. Mannheim
1962.
Nagel, Ernest / Newman, James R.: Der Gödelsche Beweis (aus dem Engl.). R.
Oldenbourg. Wien / München 1964.
Quellen aus dem Internet
Gasser, Wolfgang Gottfried: Der Unmöglichkeitssatz
http://members.lol.li/twostone/satire3.html
Anhang: Quelle 1
Peckhaus, Volker: Kurt Gödel Die Entdeckung der Unvollständigkeit
Leben und Lehre des Begründers der Modernen Logik.
Dokumenten Nr. 13195.DOC. Brockhaus - Die
Infothek. Erlangen-Nürnberg 2001.
Anhang: Quelle 2
23
Kommentare
Bisher keine Kommentare
Andere Nutzer haben sich auch für folgende Titel interessiert:
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit - Formatvorlage / Vorlage für eine Hausarbeit für Microsoft Word
Autor: GRIN VerlagVorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren, 2005 Als PDF-Datei downloaden für 6,99 EUR
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit - Formatvorlage / Vorlage für eine Hausarbeit für OpenOffice.org
Autor: GRIN VerlagVorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren, 2005 Als PDF-Datei downloaden für 9,99 EUR
Formatvorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit / Vorlage zur Erstellung einer Hausarbeit
Autor: Marco FeindlerVorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren, 2005 Als PDF-Datei downloaden für 6,99 EUR
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Autor: GRIN VerlagVorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren, 2008 Als PDF-Datei downloaden für 6,99 EUR
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit
Autor: Zoran ZivkovicVorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren, 2004 Als PDF-Datei downloaden für 5,99 EUR
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Autor: Claudia NickelVorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren, 2006 Als PDF-Datei downloaden für 4,99 EUR
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Autor: Maik PhilippVorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren, 2004 Als PDF-Datei downloaden für 5,99 EUR
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - Hausarbeiten - Seminararbeiten
Autor: Mark RichterVorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren, 2008
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden: