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'Schreiben nach Vietnam' - Die Möglichkeit der Erinnerung an den amerikanischen Krieg nach dem Funktionswandel der vietnamesischen Literatur

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 27 Pages
Author: Nicole Tzanakis
Subject: History - Non-German

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 27
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V110217
ISBN (E-book): 978-3-640-08393-0
ISBN (Book): 978-3-640-45428-0
File size: 157 KB

Abstract

Bei dem Versuch, einen Überblick über die Erinnerungen an den amerikanischen Vietnamkrieg zu erlangen – sei es im Bereich des Films, der Zeitzeugenberichte oder der autobiographischen bzw. fiktiven Literatur – scheint die obige These auf den ersten Blick verifiziert. Unzählige Vietnamkriegsfilme und -romane sind seit Kriegsende von amerikanischen Filmemachern und Schriftstellern publiziert worden. Der Ausspruch „Winners write history; losers live with it“ scheint sich in diesem Fall ins Gegenteil verkehrt zu haben: Hier werden wir mit einem äußerst einseitigen Geschichtsbild konfrontiert – der amerikanischen Erinnerung und somit Interpretation des Vietnamkrieges. Die Amerikaner haben zwar den Krieg verloren, aber es sind ihre Schilderungen, die auf Grund ihrer Dominanz maßgeblich bestimmen, wie sich der Westen an den Krieg erinnern wird. „The U.S. lost the shooting war, but, so far, it is winning the meta-war.” Zwar existieren Interviews mit vietnamesischen Zeitzeugen oder Dokumentationen über Vietnam, deren Intention es ist, die vietnamesische Perspektive stärker in den Vordergrund zu stellen. Doch auch dort, wo sie authentisch erscheinen wollen, sollte hinterfragt werden, wer diese Interviews führt und inwieweit dadurch bewusst oder unbewusst die jeweilige Aussage verzerrt wird. Dennoch gibt es einen Bereich, der wahrscheinlich am ehesten einen realistischen Blick zulässt: Es sind dies die Romane der im Westen als Dissidenten bezeichneten vietnamesischen Schriftsteller, die versuchen, dem eben erwähnten Ungleichgewicht von amerikanischen und vietnamesischen Publikationen entgegenzuwirken. Doch wie genau sieht diese vietnamesische Erinnerung an den amerikanischen Vietnamkrieg aus? Auf welche Hindernisse stoßen vietnamesische Autoren bei der Veröffentlichung? Und warum sind ihre Werke nicht annähernd so verbreitet wie diejenigen ihrer ehemaligen Gegner? Diese Arbeit soll eine mögliche Antwort auf jene Fragen geben und dem Leser einen Anreiz bieten, sich mit weiteren vietnamesischen literarischen Kriegserinnerungen auseinanderzusetzen. [...]


Excerpt (computer-generated)

 

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Historisches Seminar VI

Semester: WS 2005/06

Seminar: HS Der Vietnamkrieg

Hausarbeit

„Schreiben nach Vietnam“

Die Möglichkeit der Erinnerung an den amerikanischen Krieg

nach dem Funktionswandel der vietnamesischen Literatur

Name: Nicole Tzanakis

Fächer: Germanistik/Geschichte, MA

Semesterzahl:  9/8

 

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung  S. 1

2. Politik und Literatur – Literatur versus Politik S. 2

  2.1 Der Mythos des tapferen Kriegers:

    Vietnam im Krieg – Die revolutionäre Schule S. 3

  2.2 Der Mythos bröckelt:

  1975 als Zäsur – Die Abkehr von der revolutionären Schule beginnt  S. 4

  2.3 Der Mythos wird zerstört:

  1986-1989 – Kurzfristige Liberalisierung im Zuge von „doi moi“   S. 6

3. Schonungsloser Realismus – Kriegserinnerungen in Bao Ninhs

  „The Sorrow of War“ und Duong Thu Huongs „Roman ohne Namen“    S. 8

  3.1 „The Sorrow of War“   S. 9

  3.2 „Roman ohne Namen“   S. 13

4. Schlussbemerkung   S. 16

Literaturverzeichnis   S. 18

 

 

1. Einleitung

„[A] still more implicit and powerful difference posited by the Orientalist as against the Oriental is that the former writes about, whereas the latter is written about.“[1]

Bei dem Versuch, einen Überblick über die Erinnerungen an den amerikanischen Vietnamkrieg zu erlangen – sei es im Bereich des Films, der Zeitzeugenberichte oder der autobiographischen bzw. fiktiven Literatur – scheint die obige These auf den ersten Blick verifiziert.

Unzählige Vietnamkriegsfilme und -romane sind seit Kriegsende von amerikanischen Filmemachern und Schriftstellern publiziert worden. Der Ausspruch „Winners write history; losers live with it“[2] scheint sich in diesem Fall ins Gegenteil verkehrt zu haben: Hier werden wir mit einem äußerst einseitigen Geschichtsbild konfrontiert – der amerikanischen Erinnerung und somit Interpretation des Vietnamkrieges.

Die Amerikaner haben zwar den Krieg verloren, aber es sind ihre Schilderungen, die auf Grund ihrer Dominanz maßgeblich bestimmen, wie sich der Westen an den Krieg erinnern wird. „The U.S. lost the shooting war, but, so far, it is winning the meta-war.”[3]

Zwar existieren Interviews mit vietnamesischen Zeitzeugen oder Dokumentationen über Vietnam, deren Intention es ist, die vietnamesische Perspektive stärker in den Vordergrund zu stellen. Doch auch dort, wo sie authentisch erscheinen wollen, sollte hinterfragt werden, wer diese Interviews führt und inwieweit dadurch bewusst oder unbewusst die jeweilige Aussage verzerrt wird.[4]

Dennoch gibt es einen Bereich, der wahrscheinlich am ehesten einen realistischen Blick zulässt: Es sind dies die Romane der im Westen als Dissidenten bezeichneten vietnamesischen Schriftsteller, die versuchen, dem eben erwähnten Ungleichgewicht von amerikanischen und vietnamesischen Publikationen entgegenzuwirken.

Doch wie genau sieht diese vietnamesische Erinnerung an den amerikanischen Vietnamkrieg aus? Auf welche Hindernisse stoßen vietnamesische Autoren bei der Veröffentlichung? Und warum sind ihre Werke nicht annähernd so verbreitet wie diejenigen ihrer ehemaligen Gegner?

Diese Arbeit soll eine mögliche Antwort auf jene Fragen geben und dem Leser einen Anreiz bieten, sich mit weiteren vietnamesischen literarischen Kriegserinnerungen auseinanderzusetzen.

Um überhaupt ein Verständnis von den Möglichkeiten der literarischen Kriegserinnerung in Vietnam zu erlangen, soll zunächst das Verhältnis von Politik und Literatur dargestellt werden. Welche Rolle spielte letztere während des Krieges, warum konnte diese nach Kriegsende 1975 nicht mehr beibehalten werden und inwiefern wurde mit „doi moi“ die Rahmenbedingung für eine ganz andere Art der Kriegserinnerung konstituiert?

Anhand der Romane zweier nordvietnamesischer Autoren – „The Sorrow of War“ von Bao Ninh in englischer und „Roman ohne Namen“ von Duong Thu Huong in deutscher Übersetzung – soll im Anschluss die Besonderheit jener Aufarbeitung beispielhaft demonstriert werden.

Bis heute sind viele Werke immer noch nicht in Übersetzung erschienen, so dass ich mich in dieser Arbeit lediglich auf jene beiden beziehe. Eines wird jedoch hoffentlich deutlich werden: Saids anfangs zitierte Behauptung stimmt so nicht ohne weiteres: Vietnamesen schreiben! Ob sie jedoch gelesen werden, ist eine andere Frage...

 

2. Politik und Literatur – Literatur versus Politik

„Während des Krieges galt das Motto ’den Lärm der Bomben durch Lieder übertönen’, um zur Stärkung des revolutionären Heldentums unter den breiten Massen beizutragen“[5], schreibt Nguyen Khac Vien über den Funktionswandel der vietnamesischen Literatur, und fügt hinzu: „Klar ist allerdings, daß wir bis zum Aufkommen wirklich großer Werke noch lange Jahre des Friedens abwarten müssen.“[6] Die Frage ist, ob die Glorifizierung jenes Heldentums angesichts der Nachkriegsrealität und der nach und nach aufkeimenden Zweifel der Bevölkerung, insbesondere der jungen Generation, an der Sinnhaftigkeit des Kampfes überhaupt noch ein adäquates Mittel zur Vergangenheitsbewältigung sein kann. Was erwartet die „breite Masse“ von vietnamesischen Schriftstellern? Das Verhältnis von Literatur und Politik beginnt sich nach 1975 tendenziell umzukehren: Neben der offiziell propagierten Erinnerung erscheinen zunehmend kritische Stimmen. Welcher Art werden nun die „großen Werke“ sein, anhand derer die Öffentlichkeit sich an den Vietnamkrieg aus vietnamesischer Perspektive erinnern wird?

2.1. Der Mythos des tapferen Kriegers:

  Vietnam im Krieg – Die revolutionäre Schule

„Today, a poem must have steel/

A poet must learn to wage war.“[7]

-Ho Chi Minh- 

Während des Krieges waren die Schriftsteller den Prinzipien des Sozialistischen Realismus[8] verpflichtet. Truong Chinh, Generalsekretär des Zentralkomitees, definiert in einem 1948 veröffentlichten Bericht zu Marxismus und vietnamesischer Kultur den Stil des Sozialistischen Realismus folgendermaßen:

„As we understand it, socialist realism is a method of artistic creation which portrays the truth in a society evolving towards socialism according to objective laws. Out of objective reality we must spotlight ‘the typical features in typical situations’ and reveal the inexorable motive force driving society forward and the objective tendency of the process of evolution.”[9]

Diese Definition bleibt recht diffus, einzig die ständige Betonung der Objektivität fällt ins Auge. Chinh gibt zu, dass manch objektive Wahrheit nicht unbedingt der Sache förderlich ist: „For example, shall we report a battle we have lost truthfully?“[10] Eine rhetorische Frage, denn die Antwort gibt er selbst: Wenn über verlorene Kämpfe berichtet werde, dann müsse stets der heroische Aspekt hervorgehoben werden, um einer Demoralisierung der Kämpfer entgegenzuwirken.[11]

So entstanden in der Zeit des Krieges Werke, deren Erzählperspektive zwangsläufig mit der seitens der Partei propagierten Ideologie korrespondierte. Im Gegensatz zur westlichen Kultur stand hier nicht das Individuum im Fokus des Interesses; in der revolutionären vietnamesischen Literatur ging die individuelle Perspektive vielmehr im Kollektiv unter.[12] Dementsprechend ist die Suche nach wahren, sich entwickelnden Charakteren vergebens. Ziel und Zweck der revolutionären Gedichte und Erzählungen war primär, die kollektive Kraft der Kämpfer zu betonen.[13] Diese wurden dadurch (aus unserer heutigen, westlichen Sicht) zu bloßen Stereotypen degradiert – aus damaliger vietnamesischer Sicht allerdings zu Helden gemacht.

Literatur und Politik bildeten also quasi eine Allianz zur Stärkung des revolutionären Heldentums und die Schriftsteller trugen somit nicht minder zur nationalen Mythenbildung bei.

2.2. Der Mythos bröckelt:

1975 als Zäsur – Die Abkehr von der revolutionären Schule beginnt

„Es gibt zwei Arten von Weltgeschichte:

die eine ist die offizielle, verlogene,

für den Schulunterricht bestimmte;

die andere ist die geheime Geschichte,

welche die wahren Ursachen der Ereignisse birgt.“[14]

-Honoré de Balzac-

Die Propagandaarbeit der Regierung ging auch nach Kriegsende 1975 weiter, um zu gewährleisten, dass die Bevölkerung auch weiterhin vom Zusammenhang zwischen dem Sieg über die Amerikaner und der Partei überzeugt blieb.

Diese These stützt die autobiographische Arbeit „Our Great Spring Victory“ von General Van Tien Dung, die zum ersten Jahrestag des Kriegsendes 1976 zuerst als Serie von Artikeln in der „Nhan Dan“, einer Zeitung der Vietnamesischen Arbeiterpartei (heute KPV) erschien.[15] Die Geschichte der letzten und schließlich zum Sieg führenden militärischen und politischen Kampagne sollte darin in all ihrem Erfolg aufgezeigt werden. Der Heldenmythos zieht sich hierbei ebenso durch das gesamte Werk wie die Glorifizierung Ho Chi Minhs:

„So we must do what it takes, fight truly well, and defeat the Americans if we want to make Uncle Ho happy. [...] We were following Uncle’s introductions and continuing the footsteps Nguyen Chi Thanh had left in the jungle zones [...].”[16]

Dies ist nur ein Beispiel einer Fülle von seitens der Regierung inszenierten Memoiren, in denen die offizielle Version von Kriegserinnerungen zelebriert wird.[17]

Gerade Memoiren sind ein geeignetes Genre, um die Leistungen einer Gruppe hervorzuheben, wodurch sie sowohl mit der traditionellen vietnamesischen Literatur als auch mit der marxistischen Ideologie zu vereinbaren sind.[18]

Doch die meisten der veröffentlichten Memoiren sind von hochrangigen Politikern oder militärischen Führungskräften verfasst worden; nicht von gewöhnlichen Soldaten. Getreu dem Motto „Individualismus ist der grausame Feind des Sozialismus“[19] enthalten sie nur dann persönliche Details über den Verfasser, wenn diese dazu beitragen, die Entwicklung des eigenen revolutionären Geistes zu offenbaren.

Allerdings beginnt sich in der Literatur allmählich eine neue, desillusionierte und nicht heroisierende Sicht auf den Krieg durchzusetzen; womit sich das Ende eines Zeitalters der unreflektierten Heldengeschichten andeutet:

„Before the war, the whole nation of Vietnam had a common aim. [...] The target was victory. But after the war, the shadow fell differnetly on each soldier.”[20]

“Half a piece of bread is half a piece of bread, but half the truth is a lie. The old heroic literature about the war was not a lie, but is was not the truth.”[21]

2.3. Der Mythos wird zerstört:

1986-1989 – Kurzfristige Liberalisierung im Zuge von „doi moi“

„[...] and it is now his [the writers] task to

expose the realities of war and to

tear aside conventional images.”[22]

- The Sorrow of War -

Die Situation änderte sich nach dem sechsten Parteikongress von 1986, als die KPV aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage und eines Generationenwechsels innerhalb der Parteiführung weitreichende Reformen beschloss. Die vietnamesische Regierung musste von ihrem radikalen Kurs teilweise abweichen und Vietnam öffnen, um eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage einerseits und die damit zusammenhängenden Beziehungen mit den westlichen Staaten andererseits zu erreichen.[23] So bedingten die Reformen nicht nur die Liberalisierung der Wirtschaft, nämlich den Übergang von der sozialistischen Planwirtschaft hin zur Marktwirtschaft, sondern auch eine gewisse Art der Meinungsfreiheit.[24]

Im Zuge jener als „doi moi“ bekannt gewordenen Reformpolitik wurden vietnamesische Schriftsteller ermutigt, sich auf ihre Weise an den Amerikanischen Krieg zu erinnern, zumal ihnen von der Regierung eine größere Freiheit bezüglich der Veröffentlichung solcher Werke zugesichert wurde, die sich gegen die vorherrschende offizielle Verklärung des Widerstandskampfes in der Literatur wendeten.[25] Der Generalsekretär Nguyen Van Linh erklärte in einer Rede vor dem vietnamesischen Schriftstellerverband, die Schriftsteller sollten sich ihre Federn niemals durch die Macht, niemals durch Drohungen oder irgendwelcher Vorteile verbiegen lassen.[26] Obwohl die Parteimitglieder beunruhigt auf diese neue Art der Literatur reagierten, war es zu spät, um die Zusage zurückzunehmen, denn eine Vielzahl von Romanen war bereits in Vietnam produziert und publiziert oder außerhalb des Landes zuerst in vietnamesisch veröffentlicht und dann ins Englische übersetzt worden.

In gewisser Hinsicht änderte sich die Definition dessen, was akzeptabel war. Zuvor hatte Literatur lediglich einem Zweck zu dienen – sie musste der Revolution und dem Sozialismus nützlich sein. Jetzt erweiterte die Parteiführung die Definition derart, dass auch Werke, die nicht nützlich waren, jedoch als harmlos eingestuft werden konnten, zugelassen wurden und Eingang in den Kanon fanden.[27]

Wir haben es in diesen Werken mit einem radikalen Perspektivwechsel zu tun, da der Blick sich jetzt auf das Individuum zentriert. Dunkle Bereiche der menschlichen Existenz und bestimmte Seiten der Nachkriegsrealität werden aufgedeckt, wobei die Figuren selbst freilich keineswegs mehr Helden sind. Doch genau an diesem Heldenmythos wollte die Partei festhalten, sie verlangte ungebrochene Helden als literarische Figuren:

„Denn wenn etwa in ihnen [den Werken] der Sinn des Widerstandskrieges in Frage gestellt wird, […] dann steht ein nationales Tabu zur Debatte, ist jene ‚Einheit’ gefährdet, die nicht nur konfuzianische Grundüberzeugung ist, sondern auch die wichtigste Triebkraft bei der Erringung des Sieges war.”[28]

Kriegsmüdigkeit und unüberwindbare Sehnsucht nach der Heimat während des Kampfes waren, auch als vorübergehende Anwandlungen, bislang tabu. Einen Tabubruch jedoch konnte die Partei nicht zulassen. Anscheinend hatte sie sich in ihrer Einschätzung der veröffentlichten Romane geirrt: Harmlos waren sie ganz sicher nicht! Die zugesicherte Meinungsfreiheit wurde daraufhin wieder zurückgenommen. Bereits 1990 bescheinigte u.a. die „taz“ der politischen und kulturellen Öffnung Vietnams das Ende. Verfolgt werde einzig noch das chinesische Modell einer ökonomischen Liberalisierung bei gleichzeitiger Kontrolle durch die Partei.[29] Viele Schriftsteller wurden des Antikommunismus beschuldigt und konnten ihre Werke nicht mehr veröffentlichen; Chefredakteure mehrerer Zeitungen wurden entlassen. Die erneute staatliche Kontrolle deutete sich im Oktober 1989 in einer Rede des Premier Muoi auf den Kongressen des Schriftsteller- und Journalistenverbandes an:

„In letzter Zeit haben einige literarische Werke zu Pessimismus und Skeptizismus geführt, da sie einen falschen Blick auf die Geschichte und den heutigen Alltag geworfen haben. [...] Einige Leute haben die Presse dazu benutzt, Berichte und Artikel zu veröffentlichen, die von einer irrtümlichen Wahrnehmung ausgehen, und um falsche Tendenzen und Standpunkte gewisser Einzelpersonen zu propagieren, die nicht mit Parteiprinzipien zu vereinbaren sind. Das ist bei uns und im Ausland von Verbrechern ausgenutzt worden.“[30]

Mit einem neuen Pressegesetz manifestiert die Partei im Dezember 1989 ihren Entschluss, wieder die vollständige staatliche Kontrolle über den Medien- und Kulturbereich zu übernehmen. Es sei die Pflicht der Medien, „Linie, Position und Politik der Partei zu propagieren und zu verbreiten“[31]und es sei ein Vergehen, „gegen die herrschende Kommunistische Partei und gegen den Sozialismus Propaganda zu machen, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Regierung zu untergraben oder Parteiorganisationen zu verleumden.“[32]

Auch Nguyen Van Linh distanziert sich mit folgender Aussage von seiner nur wenige Jahre zuvor verkündeten Forderung:

„Die sozialistische Revolution Vietnams ist untrennbar verbunden mit der Weltsituation. Mehr denn je muß sie im Licht der revolutionären und wissenschaftlichen Lehrsätze des Marxismus und der Realitäten Vietnams durchgeführt werden. Wir dürfen niemals unsere revolutionäre Wachsamkeit erlahmen lassen [...].“[33]

So wurde das Reformprogramm von 1986 schon 1989 fast wieder eingestellt und ausschließlich auf Wirtschaftsreformen beschränkt. Dennoch hatte die literarische Bewegung in der kurzen Periode von 1987-1989 die Veröffentlichung einiger Werke zur Folge, die nicht mehr propagandistisch waren und eine kritische Sicht auf den Krieg und dessen Nachwirkungen lieferten. Zwei Beispiele solcher Werke werden im Folgenden genauer analysiert.

 

3. Schonungsloser Realismus – Kriegserinnerungen in Bao Ninhs

„The Sorrow of War“ und Duong Thu Huongs „Roman ohne Namen“

Viele amerikanische Kriegsfilme und -romane hinterlassen den Eindruck, dass das, was geschehen ist, sich an fernen, unrealen Orten ereignet hat. Die vietnamesischen Kämpfer werden entweder als anonyme Masse dargestellt oder derart stereotypisiert, dass ihnen jegliche menschlichen Attribute abgesprochen werden.

Dem Bild der „Kampf-Maschine“ stellen Duong Thu Huong und Bao Ninh in ihren Romanen ein vollkommen anderes Bild gegenüber. Teilweise autobiographisch[34] verdeutlichen beide Werke, dass auch die nordvietnamesischen Soldaten Ängsten und Zweifeln ausgesetzt waren und bis heute mit ähnlichen Kriegstraumata zu kämpfen haben. In beiden vollzieht sich eine Entwicklung des Protagonisten von einem anfänglichen Kriegseuphorismus hin zur Desillusion – ein Prozess der einhergeht mit einem allgemeinen Verlust der Humanität unter den Kämpfern.

Erstaunlicherweise wird dies bei Duong und Ninh mit dergleichen Analogie versinnbildlicht: So wie das Tier scheinbar zum Menschen wird, wird der Mensch seinerseits durch seine Handlungen selbst zum Tier:

„Und diese Tiere [die Affen] haben leuchtende Augen, genauso wie der Mensch. Ihr Blick kann strahlend und fröhlich, verbittert, traurig oder leidvoll sein ... Und dann noch die glatte und weißliche Haut an den Armen und Beinen wie bei einem zweijährigen Kind.“[35]

„One day ‚Lofty’ Thinh from Squad 1 courageously went into the village and there, in the ashes, shot a big orang-utan. [...] But, oh God, when it was killed and shaved the animal looked like a fat woman with ulcerous skin, the eyes, half-white, half-grey, still rolling.”[36]

3.1 „The Sorrow of War“

„Young people have become bored with stories of victory

and older people have become dissappointed.

Veterans begin to doubt the truth of what they hear.”[37]

-Bao Ninh- 

Bao Ninh entwirft mit seinem Protagonisten Kien, der ab 1965 bis zum Fall Saigons 1975 ein aktiver nordvietnamesischer Kämpfer gewesen ist, eine Figur, anhand derer er die Entwicklung von anfänglichem Enthusiasmus hin zur totalen Ernüchterung demonstriert. Erzählt wird zu Beginn, wie Kien 1976 zu einer Einheit gehört, die die Leichname der im Dschungel gefallenen Soldaten bergen muss. Während dieser Tätigkeit kehrt er an viele Orte zurück, an denen er selbst gekämpft hat – und so kehren auch die Erinnerungen an die Schrecken des Krieges zurück:

„The uprush of so many souls penetrated Kien‘s mind, ate into his consciousness, becoming a dark shadow overhanging his own soul. Over a long period, over many, many graves, the souls of the beloved dead silently and gloomily dragged the sorrow of war into his life.“[38]

Von diesem Zeitpunkt an hat Kien immer wieder mit diesen grausamen Erinnerungen zu kämpfen. Die anfangs noch linear wirkende Erzählung verläuft von da an fern jeglicher Chronologie: Episoden aus der Vor-, Kriegs- und Nachkriegszeit werden scheinbar willkürlich aneinander gereiht, wobei der Wechsel fließend ist. Die geschilderte Traumatisierung des Protagonisten spiegelt sich in der Erzählstruktur wider. Kiens Kriegserinnerungen vermischen sich stets mit den Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend, an Freundschaft, Familie und vor allem an seine große Liebe Phuong. Diese Erinnerungen sind stets positiv konnotiert, was zu einer Idealisierung der Vorkriegszeit insgesamt führt:

„For Kien, the most attractive, persistent echo of the past is the whisper of ordinary life, not the thunder of war, even though the sounds of ordinary life were washed away totally during the long storms of war. The pre-war and the post-war peace were in such contrast.”[39]

„Happiness seemed to lie in the past; the older he grew the rosier the past looked to him. Life before going south as a teenage soldier now seemed to him to have been one long, beautiful day.”[40]

Kien hat erkannt, dass der Krieg diese glückliche Zeit für immer zerstört hat. Wieder in Hanoi versucht er, seine Erinnerungen schriftlich festzuhalten, um somit seine Vergangenheit aufzuarbeiten. Das Schreiben dient hierbei zur Befreiung von Schmerz und Schuld, wird jedoch zugleich als Last empfunden:

„[…] in writing this work he has driven himself to the brink of insanity. There is no escape, no saviour to help him. He alone must meet this writing challenge, his last duty as a soldier“[41]

„I must write! To rid myself of these devils, to put my tormented soul finally to rest instead of letting it float in a pool of shame and sorrow.“[42]

„From the time of that realisation he felt that day by day his soul was gradually maturing, preparing for its task of fulfilling the sacred heavenly duty of which the novel would become the earthly manifestation.“[43]

In seiner Selbstreflexion beschränkt sich das Leid nicht nur auf die Kriegsjahre selbst, sondern zieht sich auch in Zeiten des Friedens weiter durch sein Leben:

„What remained was sorrow, the immense sorrow, the sorrow of having survived. The sorrow of war.“[44]

“Justice may have won, but cruelty, death and inhuman violence had also won. Just look and think: it is the truth, Losses can be made good, damage can be repaired and wounds will heal in time. But psychological scars of the war will remain forever.”[45]

Die erhoffte Belohnung für Jahre des Kampfes bleibt aus und Zweifel am Sinn des Krieges manifestieren sich. Kiens anfängliche Kriegsbegeisterung ist zu diesem Zeitpunkt längst vergangen:

„Those who survived continue to live. But that will has gone, that burning will which was once Vietnam‘s salvation. Where is the reward of enlightenment due to us for attaining our sacred war goals? Our history-making efforts for the great generations have been to no avail. What‘s so different here and now from the vulgar and cruel life we all experienced during the war?“[46]

„The future lied to us, there long ago in the past. There is no new life, no new era, nor is it hope for a beautiful future that now drives me on, but rather the opposite.”[47]

“After 1975, all that had quieted. The wind of war had stopped. The branches of conflict had stopped rustling. As we had won, Kien thought, then that meant justice had won; that had been some consolation. Or had it? Think carefully; look at your own existence. Look carefully now at the peace we have, painful, bitter and sad. And look at who won the war.”[48]

Der Roman endet damit, dass Kien, nachdem er seine Aufgabe erfüllt hat, das Manuskript vernichten will – es hat seinen Selbstzweck erfüllt, denn „Kien had written for the sake of writing, not to publish.“[49]; er verlässt Hanoi.

Zurück bleibt eine stumme Frau, die den größten Teil der Blätter rettet und später einem unbekannten Fremden überreicht, der zum Hüter des ungeordneten Manuskriptes und so zum fiktiven Autoren des Buches „The Sorrow of War“ wird.

Interessanterweise wurde der Roman, als er Anfang 1991 in Vietnam erschien, aufgrund seiner ehrlichen Darstellung des Krieges von der Literaturkritik gepriesen und sogar für den höchsten Literaturpreis vorgeschlagen.

Wie ist dies zu erklären? Wird hier doch gleichfalls dem Sieg der Glorienschein genommen und damit ein nationales Tabu gebrochen. Dennoch ist das Werk anscheinend vorschnell als harmlos eingestuft worden. Der Grund liegt zum einen in der metafiktionalen Struktur der Erzählung: „The Sorrow of War“ ist eine Geschichte über das Schreiben einer Geschichte. Lässt sich der Roman bis zur Mitte noch als Kriegs- und Liebesroman zugleich lesen, so verdichtet er sich gegen Ende auf dieses eine Thema. Der Akt des Schreibens zieht sich zwar durch den gesamten Text, der fiktive Autor, mit dem erst jener postmoderne Aspekt hinzukommt, tritt aber erst auf den letzten fünf Seiten in Erscheinung: „I simply played the role of the Rubik cube player, arranging the order.“[50] Mit dieser Aussage wird er dem Leser als ein verlässlicher Erzähler der Geschichte verkauft, der aus angemessener Distanz und scheinbarer Objektivität versucht, Kiens Wahrnehmung der Nachkriegszeit im letzten Moment noch zu relativieren:

„Now, before my eyes the abandoned novel by our writer took on another form, in harmony with the reality it described.“[51]

Er solidarisiert sich mit Kien als einfachem traumatisierten Fußsoldaten, weicht aber im entscheidenden Punkt ab, nämlich in der Wahrnehmung der Nachkriegszeit.

„Our only post-war similarities stemmed from the fact that everyone had experienced difficult, painful and different fates. But we also shared a common sorrow, the immense sorrow of war. It was a sublime sorrow, more sublime than happiness, and beyond suffering. [...]

But now we are living the most beautiful lives we could ever have hoped for, because it is life in peace. Surely this was what the real author of this novel intended to say? [...]

However, the sorrows of war had been much heavier for this author than they had been for me. His sorrows prevented him from relaxing by continually enticing him back into the past.”[52]

Die Erzählung wird überwiegend in der dritten Person erzählt, wechselt manchmal zur ersten und am Ende steht das gerade beschriebene andere „Ich“. Infolge dieses permanenten Wechsels der Erzählperspektive lässt sich kaum noch bestimmen, ob und wo genau die Meinung des Autors durchscheint – was Dichtung, was Wahrheit sein soll. So entgeht Bao Ninh eingehüllt in den Schutzmantel der Fiktion also vorerst der Zensur.

Diesem rein ästhetischen Mittel lässt sich ein zweiter Grund für die ungehinderte Publikation anfügen – ein eigentlich noch simplerer Kunstgriff. Da der Roman sich wie angedeutet auch als tragische Liebesgeschichte lesen lässt, veröffentlichte Ninh ihn in der vietnamesischen Originalfassung unter dem Titel „The Destiny of Love“.[53]; „The Sorrow of War“ wäre schließlich politisch inakzeptabel gewesen. Wie es möglich ist, die Leseerwartung allein aufgrund der Titelmatrix zu lenken, braucht nicht erwähnt zu werden. Nichts wirkt harmloser als ein unverfänglicher Titel!

Dennoch wurde der Roman kurz nach Erscheinen indiziert, was ihm, betrachtet man die Fülle an Raubkopien, die in englischer Sprache im Land bis heute kursieren[54], wahrscheinlich nur noch zu größerer Popularität innerhalb der Bevölkerung verhalf. Bao Ninhs Werk ist dadurch paradoxerweise nicht nur international, sondern auch in Vietnam selbst zu einem Bestseller geworden.

 

3.2 „Roman ohne Namen“

„They have built the war into an arch of triumph,

but behind that arch are mountains of bones

and rivers of blood shed by Vietnamese people.”[55]

-Duong Thu Huong-

Ein Bestseller wurde Duong Thu Huongs Buch allerdings nur im Ausland, die Suche nach einer vietnamesischen Rezeptionsgeschichte ist vergebens. „Roman ohne Namen“ ist in Vietnam offiziell verboten, die Autorin verbrachte 1991 unter Anschuldigung, geheime Dokumente ins Ausland geschmuggelt zu haben sogar sieben Monate in Haft. Darunter dass Manuskript dieses Romans, der daraufhin 1992 in französischer Sprache veröffentlicht wurde.[56]

Die Geschichte wird vom Ich-Erzähler Quan erzählt, einem zum Zeitpunkt der Erzählung 28-jährigen nordvietnamesischen Soldaten, der bereits einen zehnjährigen Dschungelkampf hinter sich hat und dessen Mission nun darin besteht, seinen alten Freund Bien zu suchen, um diesen anscheinend durch die Kriegstraumata verrückt gewordenen zurück in sein Heimatdorf zu begleiten. Während seiner einsamen, langen und gefährlichen Reise, durchlebt er in einer Serie von Flashbacks die Ereignisse, die ihn in die jetzige Situation gebracht haben. Analog zu Kien in „The Sorrow of War“ wird auch Quan immer wieder mit den schrecklichen Kriegserlebnissen konfrontiert[57], auch ihn holen Erinnerungen an Kindheit, Jugend und Jugendliebe ein, so dass auch er sich letztendlich angesichts der Kriegsrealität die Frage stellt, ob der Kampf den immensen Verlust wert sei:

„Früher hatte ich immer ganz eifrig die Frontberichte gelesen. Doch einmal fand ich in der Militärstation 88 zufällig ein Stück aus einer alten Zeitung. Auf diesem Stück der Nhan Dan lobpreiste man die Siege an der Front B 5 im Jahr des Affen, genau die Front, an der wir waren. Und genau in diesem verhängnisvollen Jahr des Affen habe ich wer weiß wie viele Kameradeneigenhändig begraben.“[58]

„Ich hatte die Zeitung zerfetzt und in den Fluß geworfen. Selbstverständlich habe ich mit niemandem über diese Geschichte gesprochen. Doch seit dieser Zeit wußte ich, daß Lügen ein alltägliches Spiel des Menschen ist.“[59]

Die Erzählung wechselt ständig zwischen der realistischen Darstellung des Kriegsalltags und surrealen Traumepisoden. Insgesamt bleibt sie eher der klassischen Erzählstruktur verbunden als Bao Ninh mit seiner Metafiktion. Auch die Beschreibungen der Natur und die Einbindung von Liedern und Gedichten knüpft an die klassische vietnamesische Literatur an.

Exakt im Zentrum des Werkes[60] befindet sich das entscheidende Kapitel, in dem die Systemkritik explizit thematisiert wird. In diesem Punkt unterscheidet sich Huongs Roman von „The Sorrow of War“, der viel subtiler in seiner Kritik ist. Als Quan auf einer Zugfahrt Zeuge eines Gespräches zweier höherer Offiziere der Kommunistischen Partei wird, verfestigen sich seine Zweifel an Partei und Ideologie:

„Diese dicken Menschen, weiß wie Grillen, die man für ein paar Tage in eine Streichholzschachtel gesperrt hatte, waren zu namenlosen Herrschern inmitten der Masse geworden. [...] Das ganze Klima im Eisenbahnwaggon hatte sich vollkommen verändert. Da war eine unbekannte Macht, die sie alle beherrschte.“[61]

Er erkennt, dass er in diesem Spiel lediglich eine Marionette in den Händen der Mächtigen ist:

„Milliarden von Seelen warteten auf ein Zeichen, um sich allesamt in ein Becken mit siedendem Öl zu stürzen, in das Feuer der Hölle. Unter den Milliarden von Menschen war auch ich, waren ausnahmslos alle, die mir lieb und vertraut waren. Und er, der kleine Zauberer mit der plattgedrückten Nase, saß in einem königlichen Palast, rauchte und lächelte...“[62]

Huongs Kritik an Vietnams sozialistischer Nachkriegsregierung, ihrer Propaganda und der missachteten Meinungsfreiheit wird deutlich, als sie den Offizieren folgendes in den Mund legt:

„Worte sind wie alle Dinge: sie werden geboren, leben und sterben. [...] Die Revolution ist wie die Liebe, sie entsteht und sie vergeht wieder. Nur daß die Revolution schneller vergeht als die Liebe. Genosse! Wenn das Wesentliche in den Beziehungen der Menschen, die gemeinsam an einer Front kämpfen, nicht mehr dem des Genossen entspricht, müssen die Herrschenden einen viel größeren und lauthalsigeren Aufwand betreiben, um dieses Wort zu popularisieren! Und dann sind alle in die Pflicht genommen, die Schriftsteller, die Kulturschaffenden und die edelmütige Lehrerschaft. Genau dafür bezahlt man sie.“[63]

„Für ein unerfahrenes Volk wie das unsere muß man eine entsprechende Religion finden, die das Volk auf dem kürzesten Weg zum Ruhm führt, das ist hundertmal leichter, als sie Zivilisation zu lehren.“[64]

Ernüchtert blickt Quan am Ende des Romans in eine Zukunft, die nichts für ihn und diejenigen, die für den Sieg gekämpft haben, bereit halten wird:

„Und er hatte diesen endlosen Marsch mitgemacht, ohne Traum ohne nach Ruhm zu streben, ohne Hoffnung auf Beute. Sein kühler Verstand ließ ihn das Siegestor als einen bunten Regenbogen erscheinen, und wenn man diese halbkreisförmige Illusion durchschritten hatte, würde man wieder im Schlamm der Reisfelder waten, wie immer seit ewigen Zeiten.“[65]

Quan nimmt hier Bezug auf das konfuzianische, zyklische Geschichtsbild, das im alten Vietnam vorherrschte und dessen Erfüllung als erhofftes Ziel am Ende des Kampfes stehen sollte. Allerdings merkt er, dass diese Hoffnung sich nicht für jeden bewahrheiten sollte:

„Manchmal gibt es das Volk, und manchmal ist es nur ein Schatten. Wenn Reis gebraucht wird, ist das Volk der Ochse, der den Pflug zieht. Wenn Krieg ist, legt sich der Ochse einen Harnisch an und hängt sich eine Waffe um. Und wenn alles vorbei ist, die Siegesfeiern beginnen und die Geschenke verteilt werden, dann verehrt man das Volk, [...], aber den Klebreis und das Fleisch genießen die anderen.[66]

In einem Interview mit der Züricher Zeitung legt Huong offen, für wie verlogen sie die offizielle Version des Krieges hält: „Stets sind die ärmsten Länder die größten Mythomanen, denn dort muss man sich an Mythen klammern, um zu überleben, um die bittere Realität zu vergessen.“[67] und fordert die Menschen in ihrem Land heute zur Wahrheit auf: „Schriftsteller, die wenigen, die sich trauen, müssen reden. [...] Denn alle haben Angst, eine tiefe Angst vor den sogenannten Ordnungskräften. Aber die Autoren müssen sagen, dass der Preis zu hoch war.“[68]

 

4. Schlussbemerkung

Bao Ninhs Roman “The Sorrow of War” kann in einer Hinsicht als das repräsentativere Beispiel einer Darstellung sowie Aufarbeitung vietnamesischer Kriegserinnerungen bezeichnet werden, nämlich rezeptionsgeschichtlich. Da „Roman ohne Namen“ in Vietnam nie publiziert worden ist, kann nur darüber spekuliert werden, ob und inwieweit die vietnamesische Bevölkerung die darin enthaltene Kritik am System akzeptiert hätte.

Ninh hingegen stieß mit seiner Erzählung auf breite Resonanz. Er erklärt, warum dies seiner Ansicht nach der Fall ist:

„I think the public in general can appreciate this book. They have no problem with how it portrays the war because they – the people, the intellectuals, the soldiers – they were in the war, they took part and understand. But the leadership, although they directed the war, did not actually take part in the war.”[69]

International haben sich beide einen Ruf als Paradebeispiel der vietnamesischen Sicht etabliert. Viele Rezensenten nennen sie in einem Atemzug. Darüber hinaus lässt sich nicht besonders viel aussagekräftiges Material finden. Tapfer stehen sie den amerikanischen Publikationen an der Medienfront gegenüber und können diesen Krieg doch nicht gewinnen: Schwer zugängliches Material, kaum Übersetzungen, wenn dann größtenteils Werke kommunistischer Schriftsteller, die vom Foreign Languages Publishing House in Hanoi übersetzt bzw. herausgegeben werden und dementsprechend propagandistisch sind, führen dazu, dass selbst der ambitionierte Leser schnell an seine Grenzen stößt. Zu Zeiten des Kalten Krieges waren diese Exemplare ohnehin nur in akademischen Bibliotheken oder über diverse Friedensbewegungen erhältlich[70].

Im Kanon sind selbst die in dieser Arbeit zitierten Werke selten zu finden. Ob mangelndes Interesse allein die Ursache sein kann? Vielleicht ist der Grund woanders zu suchen.

Die vietnamesische Kriegserinnerung ist ebenso kulturgebunden wie jede andere.

Wir verfügen im Allgemeinen nicht über genügend Hintergrundwissen, um die tiefe Bedeutung der Texte wirklich zu erfassen.[71] Wenige können von sich behaupten, die Kultur Südostasiens, insbesondere die Literaturgeschichte, zu kennen. Manche Editionen beinhalten zwar eine kurze Information zum Inhalt und über den Autoren, jedoch bleibt es meist bei ein oder zwei biographischen Details. Wir bleiben allein mit dem Text zurück. Und das will freilich niemand...

 

Literaturverzeichnis

Ashwill, Mark A; Thai Ngoc Diep: Vietnam Today. A Guide to a Nation at a Crossroads, Yarmouth, Maine 2005.

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Dick, Philip K.: Das Orakel vom Berge, 4. ern. Auflage, München 1990.

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Lek Hor Tan: Die Korrektur der Linie. Vietnams Ära der Offenheit scheint zu Ende, in: die tageszeitung, 25.08.1990, zitiert nach einer Kopie des „Vietnam Archivs“ Düsseldorf.

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Voykowitsch, Brigitte: Bitterer Reis, in: Neue Zürcher Zeitung, 14.06.2004, zitiert nach LexisNexis, [Stand: 12.02.2006].

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Bildnachweis

Haubold, Erhard: Dissidenten in Vietnam. Kein Vertrauen mehr in die Kommunistische Partei, in: Frankfurter Allgemeine, 18.07.1991, zitiert nach einer Kopie des „Vietnam Archivs“ Düsseldorf.


[1] Said, Edward W.: Orientalism, New York: Vintage Books 1978, S. 308.

[2] Schafer, John C.: Vietnamese Perspectives on the War in Vietnam. An Annotated Bibliography of Works in English, Yale University Council on Southeast Asia Studies 1997, S. 1.

[3] Ebenda.

[4] Vgl. zum Beispiel Hess, Martha: Then the Americans Came. Voices from Vietnam, London 1993. Im Grunde genommen handelt es sich hierbei trotz des viel versprechenden Titels ebenfalls um eine Verarbeitung des Vietnamkrieges auf amerikanischer Seite, da der Leser nicht wirklich feststellen kann, inwiefern die Gespräche gekürzt bzw. im Wortlaut geändert wurden, um eine von der Herausgeberin gewünschte Aussagekraft zu erhalten.

[5] Nguyen Khac Vien: Vietnam. Eine lange Geschichte, Düsseldorf/Hanoi 1999, S. 351.

[6] Nguyen Khac Vien: Vietnam. Eine lange Geschichte.

[7] Ho Chi Minh, zitiert nach Schafer, S. 45.

[8] Zum Begriff des “Sozialistischen Realismus” vgl. Struve, Gleb: Russian Literature under Lenin and Stalin: 1917-1953, University of Oklahoma Press 1971, S.262.

[9] Truong Chinh, zitiert nach Schafer, S. 71-72.

[10] Ebenda.

[11] Truong Chinh, zitiert nach Schafer, S. 71-72.

[12] Dies war jedoch bereits in der traditionellen vietnamesischen Literatur der Fall. Auch dort wird das Individuum stets als ein Teil des übergeordneten sozialen Umfeldes gesehen. Der Einzelne ist nicht bloß seinen eigenen Interessen verpflichtet, sondern denen der Gemeinschaft.

[13] Vgl. zum Beispiel folgendes Gedicht: Pham Tien Duat: „Gedicht über die Fahrer von LKWs ohne Windschutzscheiben“, 1965, in: Vietnam Kurier, Nr. 1, Vol. 22, 2000, S. 16.

[14] zitiert nach URL: http://www.aphorismen.de/ [Stand: 10.03.2006].

[15] Später wurde die nun als Buch vorliegende druckreife Version der Artikel von einem Komitee zusammengestellt und von John Sprangens, Jr. ins Englische übersetzt, um diese Darstellung des Krieges auch außerhalb Vietnams publik zu machen. Vgl. Vorwort: Van Tien Dung: Our Great Spring Victory, New York u.a. 1977, S. VII.

[16] Van Tien Dung, S. 208.

[17] Vgl. ebenfalls folgenden aussagekräftigen Titel: Vo Nguyen Giap: Unforgettable Days, Hanoi: Foreign Languages Publishing House 1975.

[18] Schafer, S. 46.

[19] Le Duc Anh, in: The Economist, 17.05.1997, hier zitiert nach: Frey, Marc: Geschichte des Vietnamkriegs. Die Tragödie in Asien und das Ende des amerikanischen Traums, 7. Auflage, München 2004, S. 228.

[20] David Ignatius: Vietnam Novel: Bitter Truths, in: Herald International Tribune, 12.11.1991, zitiert nach einer Kopie des „Vietnam Archivs“ Düsseldorf.

[21] Ebenda.

[22] Bao Ninh: The Sorrow of War, London 2005, S. 45; im Folgenden zitiert als SoW.

[23] Vgl. Ashwill, Mark A.; Thai Ngoc Diep: Vietnam Today. A Guide to a Nation at a Crossroads, Yarmouth, Maine 2005, S. 56.

[24] Vgl. Tønnesson, Stein: Hanoi’s Long Century, in: Young, Marylin B.;Buzzanco, Robert (Hrsg.): A Companion to the Vietnam War, Malden u.a. 2002, S. 15.

[25] Vgl. Crossette, Barbara: What the Poets Thought. Antiwar Sentiment in North Vietnam. Reconsiderations, in: World Policy Journal, 22.03.2003, zitiert nach LexisNexis, [Stand: 12.02.2006].

[26] Vgl. Baker, Frederic: Greise Starre, in: die tageszeitung, 08.06.1991, zitiert nach einer Kopie des „Vietnam Archivs“ Düsseldorf.

[27] Vgl. Nguyen Hung Quoc: Vietnamese Communist Literature (1975-1990), in: Nguyen Xuan Thu (Hrsg.): Vietnamese Studies in a Multicultural World, Melbourne 1994, S. 139.

[28] Giesenfeld, Günter: Freundschaftsgesellschaft empfängt Besuch einer Schriftstellerdelegation. Einleitende Bemerkungen, in: Vietnam Kurier, 2000, (22), Heft 1, S. 8.

[29] Vgl. Lek Hor Tan: Die Korrektur der Linie. Vietnams Ära der Offenheit scheint zu Ende, in: die tageszeitung, 25.08.1990, zitiert nach einer Kopie des „Vietnam Archivs“ Düsseldorf.

[30] Vgl. Lek Hor Tan: Die Korrektur der Linie. Vietnams Ära der Offenheit scheint zu Ende, in: die tageszeitung, 25.08.1990, zitiert nach einer Kopie des „Vietnam Archivs“ Düsseldorf.

[31] Ebenda.

[32] Ebenda.

[33] Ebenda.

[34] Sowohl Ninhs als auch Duongs Roman dokumentieren das Leid und die Ungerechtigkeit basierend auf der eigenen Erfahrung. Duong, 1947 geboren, war selbst als Freiwillige an der Front und auch Ninh hat genau in der Einheit gekämpft, der auch sein Protagonist angehört.

[35] Duong Thu Huong: Roman ohne Namen, Zürich 1997, S. 12f; im Folgenden abgekürzt als RoN.

[36] SoW, S. 5.

[37] Nguyen Nam Phuong: Vietnam: 25 Years after. Tired of War Stories, in: IPS-Inter Press Service, 26.04.2000, zitiert nach LexisNexis, [Stand: 12.02.2006].

[38] SoW, S. 21-22.

[39] SoW, S. 57.

[40] SoW, S. 182.

[41] SoW, S. 45.

[42] SoW, S. 135.

[43] SoW, S. 46.

[44] SoW, S. 179.

[45] SoW, S. 180.

[46] SoW, S. 43.

[47] SoW, S. 42.

[48] SoW, S. 179.

[49] SoW, S. 105.

[50] SoW, S. 216.

[51] SoW, S. 216.

[52] SoW, S. 217.

[53] Vgl. Templer, Robert: Memories with warm machine guns; disrupted lives, patriotic songs, torches for the war and names signed in blood, in: The Independent, 04.06.1994, zitiert nach LexisNexis [Stand: 12.02.2006].

[54] Vgl. Wertz, Armin: Boom-City am Saigon River.

URL: < http://www.freitag.de/2001/15/01150701.php> [Stand: 05.03.2006].

[55] Nguyen Nam Phuong: Vietnam: 25 Years after. Tired of War Stories, in: IPS-Inter Press Service, 26.04.2000, zitiert nach LexisNexis, [Stand: 12.02.2006].

[56] Vgl. Voykowitsch, Brigitte: Bitterer Reis, in: Neue Zürcher Zeitung, 14.06.2004, zitiert nach LexisNexis, [Stand: 12.02.2006]. In vietnamesischer Sprache ist das Buch bis heute nicht erscheinen.

[57] Der Titel „Roman ohne Namen“ betont das kaum beschreibbare Grauen des Krieges. Der Aspekt der Unmöglichkeit des Schreibens nach dem Krieg wurde ja bereits im vorherigen Punkt angesprochen. Hier lässt sich eine Parallele zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland ziehen. Auch hier wurde die Frage einer angemessen literarischen Aufarbeitung gestellt.

Vgl. dazu Grass, Günter: Schreiben nach Auschwitz. Frankfurter Poetik-Vorlesung, in: Grass, Günter: Essays und Reden III. 1980-1997, Göttingen 1997, S. 235-256.

[58] RoN, S. 92.

[59] Ebenda.

[60] bezogen auf die Kapitelaufteilung

[61] RoN, S. 171.

[62] RoN, S. 178f.

[63] RoN, S. 174.

[64] RoN, S. 175f.

[65] RoN, S. 301.

[66] RoN, S. 297.

[67] Voykowitsch, Brigitte: Bitterer Reis, in: Neue Züricher Zeitung, 14.06.2004, zitiert nach LexisNexis, [Stand: 12.02.2006].

[68] Ebenda.

[69] Keenan, Colm: A Vietnam Tragedy, in: The Irish Times, 09.11.1993, zitiert nach LexisNexis, [Stand: 12.02.2006].

[70] Zu letzteren zählt auch die Freundschaftsgesellschaft Vietnam, deren Archiv fast alle Memoiren umfasst. Die von dieser Gesellschaft herausgegebene Zeitschrift „Vietnam Kurier“ versucht zwar seit 1978 die vietnamesische Seite verstärkt in den Vordergrund zu rücken, verschließt sich diese Möglichkeit freilich selbst wieder durch einen sehr „bewegungslastigen“ Standpunkt, der nur in Maßen wissenschaftlich genannt werden kann.

[71] So zum Beispiel die Bedeutung der Namen „Kien“ und „Quan“. Es muss sich zwar nicht immer um „tale-telling names“ handeln. Aber kann der westliche Leser das mit Genauigkeit sagen? Zufällig bin ich bei der Lektüre von Philip K. Dicks „Das Orakel vom Berge“ auf die Bedeutung des Zeichens „Kien“ beim chinesischen I-Ging gestoßen: Kien – Das Schöpferische.

 


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