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Termpaper, 2007, 17 Pages
Author: Holger W. Körtge
Subject: Speech Science / Linguistics
Details
Institution/College: University of Frankfurt (Main)
Tags: Anfänge, Tschadistik, Einordnung, Sprachmodel, Hausarbeit, Tschadisch, Hamitosemitisch
Year: 2007
Pages: 17
Grade: 2
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-08913-0
File size: 206 KB
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Fulltext (computer-generated)
Die Anfänge der Tschadistik und ihre Einordnung in ein afroasiatisches (hamito-semitisches) Sprachmodel
Hausarbeit zum Seminar
Hausa – Tschadisch – Hamitosemitisch
im Wintersemester 06/07
unter Leitung von:
Institut für Afrikanische Sprachwissenschaft
Johann Wolfgang von Goethe Universität Frankfurt
vorgelegt von
Holger W. Körtge
Inhaltsverzeichniss:
1. Einführung
2. Die Anfänge der Hausaistik
2.1 Erste Beschreibungen
2.2 Erste Klassifikationsversuche
3. Hamito-Semitisch vs. Afroasiatisch
3.1 Die hamitische These
3.2 Die Schwesterfamilien-These
4. Zusammenfassung
Literaturverzeichnis
1. Einführung
Die tschadische Sprachfamilie ist mit über 125 Sprachen die größte innerhalb des Afroasiatischen, und zugleich die Jüngste in ihrer Erforschung und ihrer Einbeziehung in ein afroasiatisches Sprachphylum. Dabei besteht ein großes Ungleichgewicht in ihrer Erforschung. Während eine Grammatik-Skizze des Hausa schon 1843 verfasst wurde und bis dato unzählig viele Aufsätze zum Hausa erschienen sind, blieb der Großteil der tschadischen Sprachen lange Zeit undokumentiert.
In diese Arbeit werde ich die Anfänge der Hausa-Wissenschaft beleuchten, und die ersten Versuche, das Hausa klassifikatorisch mit anderen Sprachen oder Sprachgruppen in Verbindung zusetzen. Der Kern meiner Arbeit soll die gängigen Meinungen über die Klassifikation des afroasiatischen (hamito-semitischen) Sprachphylums vorstellen, wie sie etwa bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts vorherrschend waren. Hierbei nimmt der wissenschaftliche Disput zweier Lager einen zentralen Platz ein. Einige Wissenschaftler, wie beispielsweise Richard Lepsius, waren der Meinung, dass alle afroasiatischen Völker aus einem Urvolk hervor gegangen seien, die sich nach der biblischen Überlieferung in Jafetitisch, Hamitisch und Semitisch teilten. In Bezug auf Afrika wären demnach alle nicht-semitischen Sprachen den hamitischen Sprachen zu zuordnen. In Zusammenhang mit dieser These wurden die afrikanischen Sprachen auch anhand von Rassenmerkmalen untergliedert.
Im Gegensatz dazu stand die Ansicht, die afroasiatischen Sprachen oder Sprachfamilien seien gleichbedeutend nebeneinander stehende ‚Schwesterfamilien‘. Diese Annahme brauchte jedoch eine lange Zeit um sich durchzusetzen, ist heute aber die allgemein anerkannte Theorie.
Zu den Zitaten sei gesagt, dass die, für die Belegung meiner Aussagen, wichtigen Zitate vorrangig im Haupttext stehen und die Zitate in der Fußzeile als Ergänzung dienen sollen.
2 Die Anfänge der Hausaistik
2.1 Erste Beschreibungen
Während erste Wörtersammlungen des Hausa, wie „Kaschne“ (=Katsina) in Adelung und Vaters Mithridates, schon Anfang des 19. Jahrhunderts bekannt waren, so kann man den Anfang der systematischen Erforschung des Hausa erst mit den Arbeiten von Jacob Friedrich Schön (1803-1889) ansetzen, der 1842, unter dem englischen Namen James Frederick Schön, ein Grammatical sketch of the Hausa Language (Journal of the Royal Asiatic Society) und 1843 ein Wörterbuch zum Hausa verfasste. Erst 1862 erschien seine Grammar of the Hausa Language (London: Church Missionary House; 1971 Wiederveröffentlichung durch Gregg International Publishers Ltd.). Weiterhin verfasste Schön ein weiteres Wörterbuch (1876), ein Hausa Reading Book (1877) und eine Textsammlung (1885-86), die unter dem Titel Magana Hausa von Schöns Nachfolger Charles H. Robinson 1906 erneut herausgegeben wurde (Vgl. Wolff 1993: 13).
Robinson führte die Arbeit von Schön weiter, wodurch eine Hausa-Grammatik (1897 mit Neuauflagen bis 1914) und zwei Wörterbücher (Hausa-Englisch: 1897, Englisch-Hausa: 1899, jeweils Wiederauflagen bis 1925) entstanden.
Einen Höhepunkt erreichte die Hausaistik mit dem Wörterbuch von G. P. Bargery: A Hausa-English Dictionary and English-Hausa Vocabulary (London: Oxford Unversity Press) von 1934, das in Umfang von etwa 40.000 Einträgen und Qualität „alles bislang Erreichte in den Schatten stellte“ (Wolff 1993: 14). Es war tonbezeichnend und berücksichtigte auch die Distinktion von Vokallänge. Ein weiteres umfassendes Wörterbuch ist von R. C. Abraham und Mai Kano 1946 erschienen (Dictionary of the Hausa language. London: University of London Press), das Vereinfachungen in der Tonmarkierung einführte. Während andere tschadische Sprachen nur sehr gering betrachtet wurden, zählte eine Bibliographie von 1911 über Nordnigeria von B. Struck bereits 227 Titel zum Hausa, und auch danach steigt die Flut der Publikationen kontinuierlich weiter. S. Baldis Systematic Hausa Bibliograhy von 1977 enthält bereits 965 Titel.
2.2 Erste Klassifikationsversuche
Der erste, der Vermutungen über ein verwandtschaftliches Verhältnis zwischen tschadischen Sprachen, resp. Hausa und anderen Sprachen, die nach heutigem Stand als afroasiatische Sprachen zusammengefasst werden, äußerte, war Francis W. Newman. Im Anhang zu James Prichards Naturgeschichte des Menschengeschlechts (1945. Leipzig: Voß), verfasste Newman zwei Artikel: Ueber die Struktur der Berbernspache, und Bemerkungen ueber die Haussa-Sprache mit Grundlegung des „Vokabularium derselben mit grammatischen Elementen von J. F. Schön 1843“. In diesen stellt Newman Überlegungen zu der Verwandtschaft des Berberischen mit dem Semitischen zum Einen, bzw. was für uns von größerem Interesse ist, des Hausa mit den semitischen und den Berbersprachen zum Anderen an:
„Eine nur sehr geringe Anzahl von Zeit- und Hauptwörtern der Haussa-Sprache haben Ähnlichkeit mit denen der hebräo-afrikanischen Gruppe. (...) Weit wichtiger ist die Ähnlichkeit, welche die Haussa- Sprache in den Pronominibus mit der Familie der hebräischen Sprachen überhaupt und in den Präpositionen und Demonstrativis mit der berbernsprache entfaltet“ (F. Newman 1845: 648 f.)[1].
Max Müller (1855, 1861) greift diese These auf, in dem Bewusstsein, das die afroasiatischen Untergruppen nicht alle im gleichen Maße miteinander verwandt sein können:
„Other languages which are supposed to belong to the Semitic family are the Berber dialects of Northern Africa ... Some other African languages, too, such as the Haussa and Galla, have been classed as Semitic; and the language of Egypt, from the earliest hieroglyphic inscriptions to the Coptic ... has equally been referred to this class. The Semitic character of these dialects, however, is much less clearly defined, and the exact degree of relationship in which they stand to the Semitic languages, properly socalled, has still to be determined“ (Müller 1861: 269; zitiert nach P. Newman 1980).
Nicht jeder akzeptierte die Verwandtschaft des Hausa mit anderen afroasiatischen (hamito-semitischen) Sprachen, insbesondere den semitischen Sprachen. Carl Lottner (1860-61) weist in seinem bemerkenswerten Aufsatz über die Verwandtschaftsverhältnisse der afroasiatischen Sprachen, explizit darauf hin, dass das Hausa keine afroasiatischen, insbesondere semitischen Merkmale aufweisen würde:
„I especially most distinctly deny an assertion, which of late has been very confidently made, that the Houssa exhibits certain Semitic features. The only point of resemblance which can possibly be brought forward, is the existence of two genders, This distinction however not only extends in Houssa to the pronoun of the first person, nut is moreover effected by means entirely different from the Semitic. Neither in grammar, nor in verbal roots, nor in pronouns, is any resemblance with Semitic to be found“ (C. Lottner 1861: 114).
Andere Afrikanisten, wie Lepsius (1863, 1880) und Meinhof (1912) hingegen, zogen nicht nur das Hausa, sondern auch Sprachen wie das Nama (Khoisan), Fula (Westatlantisch) und Maasai (Nilotisch) in ihre Gliederung mit ein (vgl Kap. 3.1)
3. Hamito-Semitisch vs. Afroasiatisch
3.1 Die hamitische These
Als A. L. Schlözer (1781) die Begriffe ‚Semitisch’, ‚Hamitisch’ und ‚Jafetisch’ (Japhetitisch) prägte, ahnte er wahrscheinlich nicht welche kontroversen Diskussionen dies Jahre später auslösen würde. Während Jafetisch (Japhetitisch) bald durch ‚Indogermanisch’ ersetzt wurde, sind die beiden anderen Begriffe, die von Theodor Benfey (1869) erstmals in Kombination genannt wurden[2], heute noch in Gebrauch. Die Verwendung des Bergriffs ‚hamitisch‘ für diejenigen afrikanischen Sprachen, welche weder als semitische noch als ‚Neger-Sprachen‘ galten, wurde etwa zur gleichen Zeit von Lepsius (1844, vgl. 1863), Beke (1845) und D’Abbadie (1845) und später von Renan (1855) postuliert, wobei eine gegenseitige Kenntnisnahme anzunehmen ist (vgl. Sasse 1981: 132; Mukarovsky 1981: 511).
„Die Geburtsstunde dieser Bezeichnung ist zugleich die einer Kontroverse, die einen der wesentlichsten Hemmschuhe für die zwanglose Weiterentwicklung der afroasiatischen Forschung bilden sollte“ (H.-J. Sasse 1981: 132).
Diese Kontroverse zeigt sich in der Herausbildung zweier Betrachtungsweisen auf die afroasiatischen Sprachen. Lepsius (1863, 1880), Müller (1886) und Meinhof (1912) vertraten die ‚Hamitische These‘. Ihr erster Befürworter, Lepsius, war der Überzeugung, dass die von Schlözer eingeführten, völkerbezeichnenden Begriffe Semitisch, Hamitisch und Jafetisch zu Zeiten der alt-testamentlichen Geschichtsschreibung aus einem Volk hervorgegangen seien[3]. Damit in Zusammenhang steht seine Ansicht, dass diese drei Völkergruppen, im Gegensatz zu den in Genesis nicht erwähnten Völkern eine ‚höher entwickelte Rasse’ darstellen[4]. Sein Hauptkriterium hierfür und auch für seine sprachliche Einteilung ist die Herausbildung oder Verwendung von grammatischem Geschlecht. Nach diesem Hauptkriterium klassifizierte er alle damals bekannten Sprachen der Welt in A. Gender-Languages und B. No-gender Languages (Lepsius 1863:87,301-308). In Hinblick auf Afrika vertrat Lepsius die Meinung, dass alle Sprachen ohne grammatisches Geschlecht, welche sich vornehmlich durch Klassenpräfixe auszeichnen, den ursprünglichen Sprachtyp, bzw. ‚Rassentyp’ in Afrika darstellen (Lepsius 1880: VI), wohingegen die Gender-Languages zur Suffixbildung tendieren (ibid.: XXI).
Demnach unterscheidet Lepsius in Afrika drei Sprachzonen, 1. Bantusprachen, die er Bantu-Negersprachen nennt, 2. Negersprachen, die er Misch-Negersprachen nennt, zusammen bilden sie die Urafrikanischen Negersprachen[5], 3. Hamitische Sprachen (vom Semitischen abgesehen) (ibid.:XIII-XVII).
Zugute heißen muss man Lepsius jedoch, dass er sich auf mehr oder weniger linguistische resp. typologische Merkmale beschränkt hat und sich von der Müller’schen Rasseneinteilung anhand von Haarwuchs[6] distanzierte[7]. Dennoch erkennt er die anthropologische ‚Rassenmermale’ des ‚Negertyps’ an, betont indes, „daß sich Völker und Sprachen nach ihrer Abstammung und Zusammengehörigkeit keineswegs und nirgends decken. (...) Die Verbreitung und Vermischung der Völker geht ihren Weg, und die der Sprachen. wenn auch stets durch diesen bedingt, den ihrigen oft gänzlich verschiedenen“ (Lepsius 1880: II). Die veranlasste ihn dazu das Hausa, trotz des schwarzen Hauttyps ihrer Sprecher, aus den sog. Misch-Negersprachen herauszunehmen, und wegen dem vorhanden sein von grammatischen Geschlecht zu der lybischen Gruppe der hamitischen Sprachen zu klassifizieren. Ihm ist allerdings nicht aufgefallen, dass das Hausa distinktive Töne besitzt, welche er mitunter als Charakterium der urafrikanischen Sprachen aufführt (Lepsius 1880: XXXI). Er bemerkt zwar, dass die Hottentotten-Sprachen (Khoisan) Tonsprachen sind, aber „In den Hamitischen Sprachen [] nichts Aehnliches vor[kommt], so wenig wie in irgend einer anderen mir bekannten Sprache außer den Chinesischen“ (ibid.), dennoch zählt er das Hottentottische zum Hamitischen, welches er wie folgt klassifiziert:
Hamitische Sprachen.
I. Aegyptisch. II. Lybische Sprachen.
1. Altägyptisch. 1. Imu(?)aγ Tuareg.
2. Koptisch. a. Kabylisch.
b. Ama(?)eγ (Tamā (?)eq).
2. Haúsa.
II. Kuschitische Sprachen.
1. Beǵ a. 5. Galla (Orma).
2. Soho. 6. Dankā li.
3. Fala(?)a. 7. Sō mā li.
4. Agau. (IV.) 8. Hottentottisch (Koikoin)
(Lepsius 1880)
Der bedeutendste und einflussreichste Vertreter der hamitischen These war Carl Meinhof dessen viel umstrittenes Werk Die Sprachen der Hamiten 1912 erschien. Er vertrat die Ansicht von Lepsius und Müller, von höheren und niederen ‚Rassen’. So war er der Überzeugung, „daß flektierende Sprachen den höchsten erreichbaren Sprachzustand darstellen. Dies zeige sich unter anderem darin, daß die Träger der Hochkulturen der alten Welt sich ausschließlich oder überwiegend flektierender Sprachen Sprachen bedient hätten“ (Sasse 1981: 134). Hinzu treten bestimmte typologische Merkmale wie grammatisches Geschlecht, Ablaut, emphatische Laute u.a., die Meinhof vor allem mit den hamitischen Sprachen verbindete, und diese daher in enge Verwandtschaft mit den semitischen Sprachen setzte (vgl. Meinhof 1912: 226ff.) Meinhof ging von einer höher entwickelten ‚kaukasoiden Rasse’ aus, die sich seiner Ansicht nach (und der Lepsius’), in Afrika mit den urafrikanischen Sprachen vermischt hat, und die Misch-Negersprachen, die er mit Westermann ‚Sudansprachen’ nannte, hervorbrachte (ibid.).
„Es ist ja bei einem Blick auf die Sprachenkarte Afrikas evident, daß die hamitischen Sprachen als Sprachen von Leuten kaukasischer Rasse zusammengetroffen sind mit den Sprachen der Nigritier. Wie es scheint hat sich der Vorgang im Lauf der Geschichte immer wiederholt, daß hamitische Stämme als herrenvolk unter dunkelfarbigen, anderssprachigen Völkern auftraten, sie unterwarfen und beherrschten. Dabei fand selbstverständlich ein sprachlicher Austausch zwischen der herrschenden Minorität und der beherrschten Majorität statt. Die Hamiten wurden in anthropologischer und sprachlicher Hinsicht mehr oder weniger negerähnlich, und die dunkelfarbigen Afrikaner nahmen umgekehrt hamitisches Blut und hamitische Sprache auf“ (Meinhof 1912: 2).
Da er für die Aufnahme in seine hamitische Familie nur bereits genannte typologische Kriterien in Betrachtung zieht, nimmt er auch Sprachen wie das Ful[8], das Maasai und das Nama, „das Müller (1866), Cust (1883) und Brockelmann (1908) aufgrund einer realistischen Beurteilung der sprachlichen Verwandtschaftsverhältnisse bereits lange ausgeschlossen hatten“ (Sasse 198: 135), in sein Aufstellung mit auf:
„Die behandelten Sprachen sind folgende:
5. das Ful als vermutlich älteste und zugängliche Form einer Hamitensprache. Es steht dem Urbantu sehr nahe.
6. Das Hausa als Beispiel einer westafrikanischen Hamitensprache, die sudanisch beeinflußt ist.
7. Das Schilh als Probe der Berbersprachen.
8. Das Bedauye als nördlichste der ostafrikanischen Hamitensprachen.
9. Das Somali als eine der südlicheren Hamitensprachen Ostafrikas, die besonders gut bekannt ist.
10. Das Masai als Probe einer sudanisch beeinflußten altertümlichen Hamitensprache Ostafrikas.
11. Das Nama als Beispiel der Hottentottensprachen, der südlichsten dieser Sprachformen, die stark mit Buschmannsprachgut durchsetzt ist“ (Meinhof 1912:4).
Meinhof ging es jedoch weniger darum eine Klassifikation zu erstellen, er wollte vielmehr „versuchen, das Charakteristische der Hamitensprachen für sich zu erfassen und es von anderen in Afrika vorkommenden Sprachformen klar zu unterscheiden“ (Meinhof 1912: 2). „Bei seiner Untersuchung ergab sich, dass die Ansicht von Lepsius unhaltbar ist, wonach die Klassensprachen genuine Negersprachen sein sollten und die Sudansprachen das Ergebnis einer Mischung der Klassensprachen mit Hamitensprachen“ (Mukarovsky 1981: 514)[9]. Auch äußerte er starke Bedenken gegenüber der von Reinisch vertretenen Meinung, das es keinen generellen Unterschied zwischen Sudansprachen und Hamitensprachen gäbe (Meinhof 1912: 3).
3.2 Die Schwesterfamilien-These
Im Gegensatz zu der hamitischen These, die von einer Zweiteilung der Ursprache in einen hamitischen und einen semitischen Zweig ausging[10], steht die Schwesterfamilien-These, als deren Begründer, wie anfangs erwähnt Beke und Lottner gelten können, die „eine sprachwissenschaftlich wesentlich fundiertere Haltung“ (Sasse 1981:135) einnahmen. Lottner bemerkte große Ähnlichkeiten des Saho-Galla (Kuschitisch), des Ägyptischen, und der Berbersprachen mit dem Semitischen,
„(...)yet they are not one family. Thereby we are forced, in order to express this particular relationship, to introduce into linguistic science the new term of sisterfamilies“ (Lottner 1860: 26).
Doch stand die Theorie der gleichbedeutend nebeneinander stehenden Sprachfamilien unter einer großen Familie lange im Schatten der hamitischen These. Erst Marcel Cohen (1947) schaffte es mit seinem Essai comparatif sur le vocabulaire et la phonetique du chamito-sémitique Anerkennung für die Schwesterfamielien-These zu gewinnen. Er griff hier die schon 1860 formulierte These von C. Lottner über die gleichberechtigten Unterfamilien des Hamito-Semitischen wieder auf[11], und bezog in seine lexikalischen Vergleichungen auch das Hausa mit ein[12], auch wenn er keine Verwandtschaftszugehörigkeit geben konnte[13] (vgl. Sasse 1981: 135). Doch auch wenn Cohen hier Grundlagen für die weitere Forschung lieferte, „erfüllt das Buch aber nicht ganz die großen Erwartungen, mit denen man es in die Hand nimmt“ (Hintze 1951:65). So kritisierte Hintze unter anderem die Methode, mit der Cohen zu seinen 521 Etymologien kommt[14]. Cohen muss man jedoch zu Gute heißen, dass er „zum ersten mal regelmäßige Lautentsprechungen zwischen den einzelnen Untergruppen festzustellen“ (Sasse 1981:135) versuchte. Auch nimmt Cohen erstmals, im Gegensatz zu Fr. Müller[15] u.a., die dreiradikaligen Wurzeln als gemein semito-hamitisch an[16], was Rössler (1950) bestätigte[17].
4. Zusammenfassung
Wie man sieht, sind die ersten Klassifikationsversuche der afroasiatischen Sprachen im allgemeinen nur sehr wage gewesen, da oft die schriftlichen Belege fehlten und größtenteils nur Vermutungen darstellten. Besonders die Unterteilung der Sprachen in Gender und No-Gender Sprachen, und die damit oft verbundene Untergliederung anhand von Rassenmerkmalen ist heute nicht mehr haltbar, da sie auch, abgesehen von der Identifikation mit rassistischem Gedankengut, zu völlig falschen Einschätzungen geführt hat. Leider sind viele der betreffenden Sprachen schlecht oder gar nicht dokumentiert, oder es besteht ein großes Ungleichgewicht in ihrer Erforschung, wie im Verhältnis des Hausa zu den übrigen tschadischen Sprachen. Dies macht es den historisch arbeitenden Linguisten nicht einfach, sich ein Bild von den Verwandtschaftsverhältnissen oder der Protosprache zu machen.
Literaturverzeichnis:
Benfey, Theodor. 1869. Geschichte der Sprachwissenschaft und orientalischen Philologie in Deutschland. Geschichte der Wissenschaften in Deutschland, Neuere Zeit, Band 8. Literarisch-artistische Anstalt der J. G. Cottaschen Buchhandlung, München.
Cohen, Marcel. 1947. Essai Comparatif sur le Vocabulaire et la Phonetique du Chamito- Semitique, In: Bibliothèque de L‘Ecole des Hautes Études, Sciences Historiques et Philologiques. Band 291. Libraire Ancienne Honoré Champion (Hrsg.) Paris.
Hintze, Fritz. 1951. Zur hamitosemitischen Wortvergleichung. Bemerkungen zu: Marcel Cohen. Essai comparatif sur le vocabulaire et la phonétique du chamito-sémitique. In: Zeitschrift für phonetik und allgemeine Sprachwissenschaft. 5. Jahrgang. Mai/ August 1951. Heft 3/4. S. 65-87
Lepsius, Richard. 1863. Standart Alphabet – For Reducing Unwritten Languages and Foreign Graphic Systems. 2. Ausgabe London & Berlin. [Reprint: 1981. In: Amsterdam Studies in the Theory and History of Linguistic Science, I. Amsterdam Classics in Linguistics, Band 5. J. Benjamins B. V., Amsterdam.]
—. 1880. Nubische Grammatik: mit einer Einleitung über die Völker und Sprachen Afrikas. Neudruck der Ausgabe Berlin im LTR-Verlag, Wiesbaden, 1981.
Lottner, Carl. 1860-61. On Sisterfamlies of Languages, Especially those connected with the Semitic Family. In: Transactions of the Philological Society 1860-61. London: Oxford. S. 20-27; 112-132
Meinhof, Carl. 1912. Die Sprachen der Hamiten. Abhandlung des Hamburgischen Kolonialinstituts. Band IX. (Reihe B. Völkerkunde, Kulturgeschichte und Sprachen. Band 6). L. Friegerichsen & Co., Hamburg.
Mukarovsky, Hans G. 1981. Hamito-Semitisch, Afro-Asiatisch, Erythräisch: Zum Wandel von Begriffen und Verständnis. In: Zeitschrift für Phonetik, Sprachwissenschaft und Kommunikationsforschung. Band 34, Heft 5. Akademie-Verlag, Berlin. S. 511-526.
Müller, Friedrich. 1886. Grundriss der Sprachwissenschaft. III. Band Die Sprachen der Lockenhaarigen Rassen. II. Abteilung. Die Sprachen der Mittelländischen Rasse. II. Hälfte. Wien. S. 225-417.
Newman, Francis. 1845. Bemerkungen ueber die Haussa-Sprache mit Grundlegung des „Vokabularium derselben mit grammatischen Elementen von J. J. Schön 1843“. In: James Prichard: Naturgeschichte des Menschengeschlechts. (Anhang). Leipzig: Voß.
Newman, Paul. 1980. The Classification of Chadic within Afroasiatic. In: Chadic and Hausa Linguistics: Selected papers of Paul Newman, with commentaries. 2002. Köln: Köppe. S. 170-194.
—. 1996. Hausa and the Chadic Language Family, A Bibliographiy. In: African Linguistic Bibliographie, Band 6. Rüdiger Köppe Verlag, Köln.
Rössler, Otto. 1950. Verbalbau und Verbalflexion in den Semitohamitischen Sprachen – Vorstudien zu einer vergleichenden Semitohamitischen Grammatik. In: ZDMG, 100. S. 461-514. [Reprint: Gesammelte Schriften zur Hamitosemitistik. 2001. Thomas Schneider (Hrsg.), Alter Orietn und altes Testament, Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte des Alten Orients und alten Testaments. Dietrich, Manfred & Oswald Loretz (Hrsg., Band 287. Ugarit-Verlag, Münster.]
Sasse, Hans-Jürgen. 1981. Afroasiatisch. In: Heine, Bernd, Thilo C. Schadeberg & Ekkehard Wolff (Hrsg.) Die Sprachen Afrikas. Studienausgabe, Band 2. Afro-Asiatisch. Helmut Buske Verlag, Hamburg. S. 129-148.
Schlözer, August Ludwig. 1781. Von den Chaldäer. §. 28. In: Repertorium für biblische und morgenländische Literatur. Band 8. Weidmann, Leipzig. S. 161-176.
Schön, J. F. 1862. Grammar of the Hausa Language. Church Missionary House. Salisbury Square, London. (Republished in1971 by Gregg International Publishers Limited. Westmead, Farnborough, Hants., England.
Voigt, Rainer. 1995. Zur Geschichte und den Grundlagen der vergleichenden Hamitosemitistik. In: Ibriszimow, Dymitr & Rudolf Leger (Hrsg.) 1995. Studia Chadica et Hamitosemitica. Akten des Internationalen Symposiums zur Tschadsprachenforschung. Johann Wolfgang Goethe Universität, Frankfurt am Main, 6. - 8. Mai 1991. Rüdiger Köppe Verlag, Köln. S. 1-10.
Wolff, Ekkehard. 1993. Referenzgrammatik des Hausa — Zur Begleitung des Fremdsprachenunterrichtes und zur Einführung in das Selbststudium. Lit Verlag, Münster, Hamburg. (Hamburger Beiträge zur Afrikanistik; Bd. 2
[1] Die Bezeichnung einer Ñhebr‰o-afrikanischenì Gruppe, an anderer Stelle verwendet er die Begriffe ÑSyro-Arabischì und Ñabyssinischì, m¸ssen nach heutiger Klassifizierung wohl eher als geographische Gliederung verstanden werden (vgl. R. Voigt 1995: 3).
[2] H.-J. Sasse (1981) nennt Fr. M¸ller (1866) als erste Belegung des Begriffs Hamito-Semitisch. 1867 ist zwar tats‰chlich ein Bericht der Reise der (?)sterreichischen Fregatte Novara um die Erde in den Jahren 1857, 1858, 1859 erschienen, mit linguistischer Teil von Fr. M¸ller, doch f¸hrt ihn sasse nicht in seinem Literaturverzeichnis mit auf, sondern nur M¸llers opus magnum (1886), von daher richte ich mich nach den Angaben von P. Newman (1980) der Benfey (1869:683) als erste Belegung des Begriffpaars nennt.
[3] ÑDiese h(?)her begabte Rasse, (die sich von hier aus verbreitete), war noch in der verh‰ltnism‰fl ig sp‰ten Zeit (etwa 10 Jh.), in welcher die merkw¸rdige V(?)lkertafel des Genesis abgefafl t wurde, so in sich gegliedert und als zusammenh‰ngend erkennbar, dafl der Verfasser derselben sie als eine, die ganze damals beachtenswerthe Welt umfassende Familiendescendenz auffassen und genealogisch darstellen konnte. [...] Die Tafe umfasst nur die damalig civilisierte Welt und diese deckte sich mit der Noachischen V(?)lkerfamilie (...), welche die Semitien, Hamiten und Japhetiten (Indogermanen) als aus einer Wurzel hervorgegangen zusammenfassen sollì (Lepsius 1863:XXIVf.).
[4] ÑWas das geschichtliche Moment betrifft, so hebe ich nur hervor, dafl von allen V(?)lkern der Erde nur diese drei St‰mme sich als diejenigen abheben, welche die innere Kraft besafl en, eine Menschen-Geschichte zu schaffen, und ihre fortschreitende Entwicklung seitdem bis jetzt und wahrscheinlich f¸r alle Zukunft an sich zu fesseln. Alles was vor und neben dieser neuen dreigetheilten V(?)lkerquelle von anderen St‰mmen und Rassen lag und noch liegt, geh(?)rt zu dem vorgeschichtlichen V(?)lker-Humus, der ohne eigenes Licht und W‰rme, nur von diesen allein geschichtlichen V(?)lkern bestrahlt, erw‰rmt und verwendet wirdì (ibid.:XXIV).
[5] Die Misch-Negersprachen kennzeichnen sich nach Lepsius dadurch aus , dass sie keine Klassenpr‰fixe im eigentlichen Sinn mehr besitzen, und wenn, dann nur noch rudiment‰r. Dies sei auf Grund der ÇVermischung’ mit den hamitischen Sprachen zur¸ckzuf¸hren.
[6] „Friedr. Müller in seinen verdienstvollen Werken über Ethnologie und über Srachwissenschaft legt besonderes Gewicht auf den Haarwichs und theilt die sämmtlichen Völker in Büschelhaarige, Vließhaarige, Straffhaarige und Lockenhaarige, oder noch allgemeiner in Wollhaarige und Schlichthaarige“ (Lepsius 1880:IV).
Auch M¸ller teilt die hamito-semitischen Sprachen in eine semitische und hamitische ÇStammsprache‘, wobei er die letztere nochmal in eine ‰gyptische Gruppe, eine lybische Gruppe und eine ‰thiopische Gruppe untergliedert (vgl. M¸ller 1886:225ff.)
[7] ÑMich hatten die Gr¸nde, welche f¸r die Stabilit‰t des Haarwuchses angef¸hrt worden sind (...) nicht ¸berzeugen k(?)nnenì (Lepsius 1880:V).
[8] ÑIch bin sogar zu der ‹berzeugung gekommen, dafl die Entstehung der Bantuprachen sich am einfachsten so erkl‰rt, dafl eine dem Ful ‰hnliche Sprache als Herrenvolk unter Nigritiern auftrat und sich nigritisches Sprachgut assimilierteì (Meinhof 1912: 2)
[9] Meinhof hielt auch die Begriffe ÇNuba-Fula’ von M¸ller und Çnilotisch’ f¸r unhaltbar, Ñmit dem etwa ebensoviel anzufangen [sei], wie mit dem Begriff ÑDonausprachenìì (ibid.:3)
[10] ÑDie Losl(?)sung der einzelnen Sprachen vom gemeinsamen Grundstocke ging derart vor sich, dass sich zun‰chst die Grundsprache in zwei Dialekte spaltete, von denen der eine als hamitische, der andere als semitische Stammsprache bezeichnet werden kannì (M¸ller 1886:225).
[11] ÑLe chamito-sÈmitique. — la famille considÈrÈ ici sous ce nom se compose de quatre groupes: sÈmitique, Ègyptien, berbËre, couchitiqueì (M. Cohen 1947:43).
[12] ÑSi on ne considËre pas que les caractÈristiques personelles, on doit reconnaÓtre que le haoussa et son groupe prÈsentent des concordances frappantes avec le chamito-sÈmitique; (...) Il s’imposait donc de ne pas exclure le haoussa d’une recherche lexicaleì (ibid.:44f.).
[13] ÑIl faudrait, ce que n’a pas ÈtÈ fait, examner avec quel groupe chamito-sÈmitique le haoussa paraÓt montrer plus d’affinitÈì (ibid.:51)
[14] ÑUm diese Wortvergleichungen zu finden, hat C. folgendes Verfahren gew‰hlt: Zun‰chst wurde eine Liste der wichtigsten Ding- und T‰tigkeitsbezeichnungen aufgestellt, die man als Kernst¸ck des Vokabulars jeder Gesellschaft ansehen kann (z.B. K(?)rperteile, der Mensch und seine sozialen Verh‰ltnisse, Nahrungsmittel, Tiere, Pflanzen, wichtige T‰tigkeiten usw.). (...) Diese Ausdr¸cke wurden dann in den W(?)rterb¸chern der einzelnen Sprachen aufgesucht und wenn es ang‰ngig schien als als etymologisch urverwandt angenommen. (...) Diese Methode erleichtert zwar ein systematisches Arbeiten, sie birgt aber auch grofl e Gefahren in sich, denen C. oft erlegen ist: es liegt n‰mlich die Versuchung nahe, auch bei blofl er lautlicher (?);hnlichkeit der Entsprechungen in den einzelnen Sprachen etymologische Zusammengeh(?)rigkeit anzunehmenì (Hintze 1951:68f.).
[15] ÑDie Wurzel kann sowohl ein- als auch mehrsilbig auftreten. Der den semitischen Wurzeln eigenth¸mliche triliterale Bau ist hier unbekanntì (M¸ller 1886:226)
[16] ÑSo glaubt C., dafl auch f¸r das ‰lteste durch die Vergleichung erreichbare Stadium des Semitohamitischen die Wurzel als dreiradikalig angenommen werden mufl ; er sieht in den zweiradikaligen Wurzeln [] Verst¸mmelungen aus ehemals dreiradikaligenì (Hintze 1951:71).
[17] ÑDie verbreitete und beliebte Vorstellung von den – im Gegensatz zu den semitischen – (noch) e i n s i l b i g e n hamitischen Wurzeln ist falschì (R(?)ssler 1950:463f.).
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