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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 41 Pages
Author: Holger W. Körtge
Subject: Speech Science / Linguistics
Details
Institution/College: Johannes Gutenberg University Mainz
Tags: Hamito-Semitischen, Afroasiatischen, Geschichte, Konzeption, Sprachphylums, Rekonstruktion, Klassifikation, Sprachgeschichte
Year: 2005
Pages: 41
Grade: 1,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-08960-4
File size: 278 KB
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Fulltext (computer-generated)
Vom Hamito-Semitischen zum Afroasiatischen
Die Geschichte der Konzeption eines Sprachphylums
Hausarbeit zum Seminar
Rekonstruktion und Klassifikation in afrikanischen Sprachen
im Sommersemester 2004
Institut für Ethnologie und Afrikastudien
Johannes Gutenberg Universität Mainz
vorgelegt von
Holger W. Körtge
Inhaltsangabe:
1. Einleitung. 3
1.1 Einführung 3
1.2 Aufbau der Arbeit 4
2. Die Erforschung der Afroasiatischen Sprachen. 6
2.1 Semitisch 6
2.1.1 deskriptive Studien 6
2.1.2 Komparative Studien 8
2.2 Ägyptisch 9
2.2.1 Deskriptive Studien 9
2.2.2 komparative Studien 11
2.3 Berber 13
2.4 Kuschitisch 14
2.4.1 Deskriptive Studien 14
2.4.2 Komparative Studien 16
2.5 Tschadisch 17
3. Vom Hamito-Semitischen... 19
3.1 Erste Vergleichsstudien 19
3.2 Die hamitische These 22
3.3 Die Schwesterfamilien-These. 26
4. ...zum Afroasiatischen. 28
5. Neue Studien. 31
5.1 Neue Bezeichnungen 31
5.2 Neue Klassifikation 32
6. Zusammenfassung. 34
Literaturverzeichnis: 36
1. Einleitung
1.1 Einführung
Die Klassifikationsversuche der Sprachen, die im Allgemeinen unter dem Terminus Hamito-Semitisch (Semito-Hamitisch, bzw. Afroasiatisch zusammengefasst werden, wurden in den letzten hundert bis hundertfünfzig Jahren kontrovers diskutiert. Sie erstrecken sich auf dem afrikanischen Kontinent von den Kanarischen Inseln, bzw. der Atlantikküste nördlich der Sahelzone (Berber), südwestlich bzw. –östlich des Tschadsees (Tschadisch), über das Horn von Afrika (Äthiosemitisch, Kuschitisch und Omotisch) bis ins südliche Kenia (Kuschitisch). Auf asiatischer Seite sind nur semitische Sprachen verbreitet, die über die gesamte arabische Halbinsel, einschließlich der Inseln im Roten Meer, bis nach Mesopotamien und den nordöstlichen Mittelmeerraum reichen. Ihre zeitliche / geschichtliche Spannweite ist genauso beachtlich, wie die geografische. Einerseits zählt man die seit einigen tausend Jahren ausgestorbenen Sprachen, wie Ägyptisch, Akkadisch, Babylonisch-Assyrisch, und das wesentlich jüngere Altäthiopische (Gə ’ə z) zum Afroasiatischen, andererseits sind die meisten, oft sehr kleinen, zum großen Teil nur gesprochenen Sprachen, noch relativ undokumentiert. Diese Tatsache macht es auch so schwierig, wenn nicht gar unmöglich, eine Protosprache zu rekonstruieren, oder eine verlässliche Klassifikation zu erstellen, da ein zeitlicher Abstand von bis zu 5000 Jahren von den antiken Sprachen bis zu den heute gesprochenen Sprachen liegt. Ein großes Manko sind auch die fehlenden Sprachdaten, die zur Rekonstruktion nötig sind. Großen linguae francae, wie Hausa, Amharisch, Arabisch oder Oromo wurde viel Beachtung gewidmet, unter anderem, weil man sie zu missionarischen Zwecken nützlich machen wollte. Die kleinen Sprachen hingegen, die zum Teil in entlegenen Gebieten Afrikas gesprochen werden, blieben lange Zeit unerforscht, und sind selbst heute noch nicht vollständig erschlossen.
Daneben besteht ein weiteres Ungleichgewicht in der Erforschung der Afroasiatischen Sprachen. Die Semitistik, die lange Zeit eine Zweigwissenschaft der Theologie war, hat sich vornehmlich mit dem Hebräischen, dem Arabischen und Aramäischen, sowie weiteren Sprachen des Vorderen Orients beschäftigt, um die hebräische Grammatik besser verstehen zu können, was wiederum dem Zwecke diente biblische Texte zu übersetzen und zu verbreiten. Dabei blieben die äthiosemitischen, sowie altsüdarabischen Sprachen lange Zeit unbeachtet, da man sich nicht einig war, ob sie nun eher von Semitisten oder , da die äthiosemitischen Sprachen auf dem afrikanischen Kontinent gesprochen werden, von Afrikanisten erforscht werden sollten. Die Erforschung der übrigen afrikanischen Sprache begann erst Anfang des 19. Kh. mit dem Eintreffen der ersten Forschungsreisenden und Missionaren. Wobei die Sprachdokumentation zunächst zweitrangig war. Dementsprechend divergent sind die Klassifikationsversuche der afrikanischen Sprachen im Allgemeinen und auch der afroasiatischen Sprachen.
Obwohl schon früh erkannt wurde, dass die betreffenden Sprachen miteinander verwandt sind, und obwohl schon früh eine gleichberechtigte Stellung der Sprachgruppen untereinander postuliert wurde, kam im 19. Jh. der Gedanke vom ‚rassisch höher entwickelten’, ‚kaukasoiden’ Menschentypus auf, der starken Einfluss auf die Sprachklassifikationen Afrikas nahm. Diese ‚Hamitische These’, hervorgerufen durch die alttestamentliche Bibelstelle Genesis 10, hat nachhaltend schlechten Einfluss ausgeübt, auch nachdem die These von anderen abgelöst wurde.
1.2 Aufbau der Arbeit
Ich werde zunächst einen Überblick über die Forschungsgeschichte der afroasiatischen Sprachen geben, wobei ich mich anhand der einzelnen Sprachgruppen vorarbeite und versuchen werde, wenn möglich, zwischen deskriptiven Sprachbeschreibungen und komparativen Arbeiten zu unterscheiden. Eine Darstellung der internen Klassifikationsversuche der einzelnen Sprachgruppen ist bei dem Umfang dieser Arbeit nicht möglich, da diese ebenso divergent sind, wie die Klassifikationsversuche des Afroasiatischen.
Ich werde chronologisch die diversen Konzeptionen und Klassifikationen dieses Sprachphylums darlegen, mit Augenmerk auf diejenigen, die den Terminus Hamito-Semitisch oder Afroasiatisch verwenden. Dadurch werden die älteren Klassifikationen in den Vordergrund gestellt. Zum Schluss gebe ich noch einen Überblick über die jüngeren Klassifikationsversuche in den letzten dreißig Jahren und die dazugehörigen neuen Bezeichnungen.
Diese neueren Versuche der Darstellung der afroasiatischen Sprachen, die neues, sehr interessantes Datenmaterial enthalten, rücken die älteren Klassifikationen, sowie die Vermutung eines Ursprungsgebietes der Protosprache in völlig neues Licht.
Da in dieser Arbeit sehr viele Namen und Jahreszahlen aufgeführt sind, könnte an mancher ein Problem der Zuordnung von Quellen entstehen. Jahreszahlen in Klammern hinter einem Autoren- oder Titelnamen stellen in aller Regel lediglich eine Information für den Leser dar, das entsprechende Werk lag mir nicht zur Untersuchung vor, und ist somit nicht relevant für die Literaturliste. In diese sind nur Autoren aufgeführt, die ich zitiert habe.
Zu den Fußnoten ist zu sagen, dass sie viele Zitate enthalten, die den Fluss des Haupttextes gestört hätten, für den aufmerksamen Leser aber von Interesse sein könnten.
In dieser Arbeit nicht aufgeführt sind grammatisch-typologische Merkmale der afroasiatischen Sprachen, es wird an mancher Stelle darauf hingewiesen, doch eine genauere Erarbeitung dieser ist nicht vorhanden.
2. Die Erforschung der Afroasiatischen Sprachen
2.1 Semitisch
2.1.1 deskriptive Studien
Die Betrachtung der semitischen Sprachen steht in einer langen Tradition, und die Beschreibung ihrer ist mit Abstand die älteste und vorangeschrittenste unter den afroasiatischen Sprachen. Insbesondere das Hebräische, dessen Erlernung zu theologisch-missionarischen Zwecken diente, erhielt mit dem ‚Erwachen der Wissenschaften’ große Bedeutung (vgl. Benfey 1869:217). Raymundus de de Pennafarti hatte schon 1259 den Dominikanern das Studium des Hebräischen empfohlen, und der Papst Clemens V. auf dem Konzil von Vienne 1311-12 die Errichtung von Professuren desselben auf allen Universitäten angeordnet (ibid.). Wegen der theologischen Sonderstellung des Hebräischen war die Orientalische Philologie selbst der Theologie unterstellt, aus dessen Banden sie sich erst Anfang des 19. Jh. lösen konnte. Dies verdanken wir vor allem Wilhelm Gesenius (1786-1842), der sich für die Selbstständigkeit der semitischen Sprachwissenschaft einsetzte.
Auch andere orientalische Sprachen wurden schon während und nach der Reformationszeit mit großem Interesse studiert. Johann Bustorf (1564-1629) und sein Sohn (1599-1664) „legten durch ihre lexikalische[n] Werke, welche das Hebräische, Chaldäische, Talmudische, Rabbinische und Syrische umfassen, ein höchst ehrenwerthes Zeugnis ihrer, wenn auch nicht sehr intensiven, doch überaus extensiven Kenntnis dieses Zweiges der Philologie ab“ (Benfey 1869:218). Die erste Arabische Grammatik wurde schon 1505 von Peter von Alcala in Spanien verfasst. Doch auch dies diente zunächst missionarischen Zwecken.
Einer der ersten, der sich vornehmlich wissenschaftlich mit den semitischen Sprachen beschäftigte, war Hiob Ludolf (1624-1704). Er war eigentlich gelernter Jurist, der nebenbei naturwissenschaftliche Vorlesungen besuchte, und beschäftigte sich zunächst aus privatem Interesse mit der Linguistik, bzw. der Orientalischen Philologie (vgl. Flemming 1890-94). Nachdem er nahezu alle europäischen Sprachen erlernt hatte, sowie Schwedisch, Russisch und Finnisch (seine regen Briefwechsel mit Freunden und Kollegen, die er während seiner Europareisen kennenlernte, bezeugen seine Sprachkompetenz), beschäftigte er sich vorwiegend mit den orientalischen Sprachen Hebräisch, Aramäisch, Samaritanisch, Syrisch, Arabisch und Armenisch. Nebenbei versuchte er das Äthiopische zu lernen (und später auch Persisch), da es zu dieser jedoch keine brauchbare Grammatik gab, begann er selbst eine zu schreiben, ein Wörterverzeichnis anzulegen, und Gə ‘ə z-Texte zu sammeln[1] (vgl. Jürgen Tubach 2001:16). Während eines Aufenthalts in Rom lernte er Gō rgō ryō s (Gregorius, *ca. 1600) kennen, der sein Lehrmeister des Äthiopischen wurde[2].
Ludolf trug sehr viel zur semitischen Sprachwissenschaft, und zur Äthiopistik im Besonderen bei. „Ludolf’s books repay close study even today; they were far ahead of their time, and their author must be rechoned among the greatest Semitists of any period“ (Ullendorff 1971: 28).
Gesenius (1786-1842), dessen Verdienst es war, dass sich die Semitistik sich als selbstständige Wissenschaft etablierte war im 19. Jh. eine der herausragenden Persönlichkeiten in diesem Wissenschaftszweig. „Mit seinen hebräischen Grammatiken und Wörterbüchern insbesondere, setzte er an die Stelle einer vielfach eingerissenen wüsten theologischen oder philosophisch sein sollenden Behandlung eine nüchterne, auf den Quellen und der Vergleichung der übrigen semitischen Sprachen beruhende, klare und leicht faßlich Darstellung und bewirkte dadurch nicht blos eine richtigere Auffassung derselben, sondern auch eine lebendigere Theilnahme an ihrer Erlernung und Erforschung“ (Benfey1869:685).
Es folgten große Wissenschaftler auf diesem Gebiet die, wie Ullendorff es beschreibt „the golden period of comparative Semitics, the era of the giants“ (Ullendorff 1971:28) einleiteten: Theodor Nöldeke, der als ‚the Master’ (vgl. Polotzky 1964:108) bekannt war, dessen „bahnbrechende grammatischen Arbeiten [, wie z.B. seine Mandäische Grammatik (1875)] galten der Untersuchung der einzelsprachlichen Tatsachen, die mit meisterhafter Kritik und umfassender Kenntnis durchgeführt wurden“ (Littmann 1942:22), de Sacy, August Dillmann (1823-1894), Franz Praetorius (1847-1927), William Wright (1830-1889), Carl Brokelmann (1868-1956), Ignazio Guidi (1844-1935) u.a.
Doch ihrer aller bedeutendster Lehrer war Heinrich Ewald. „Was Gesenius begonnen, wurde von ihm in einer Staunen erregenden Vielseitigkeit und einer den Vorgänger weit überragenden Gründlichkeit, Tiefe und Originalität fast über das ganze Gebiet der semitischen Philologie ausgedehnt“ (Benfey 1869:686). Auf die Semitisten des 20. Jh. werde ich nicht näher eingehen, betrachten wir im Folgenden jedoch die Studien zur vergleichenden Semitistik, unter denen sich auch neuere Wissenschaftler einen Namen gemacht haben.
2.1.2 Komparative Studien
Schon im Mittelalter war es Jüdischen Gelehrten (, wie Sa’adia ben Yosef, Yehuda ibn Quarayš , Menahem ben Saruq, u.a.) kein Geheimnis mehr, das Sprachen wie Hebräisch, Aramäisch und Arabisch einen gemeinsamen Nenner haben mussten. Einen Schritt weiter gingen Grammatiker, die das Arabische verwendeten, um hebräische Morphologie aufzuklären, und die die Struktur des Arabischen und Hebräischen verglichen, um funktionale Equivalente zu ermitteln (vgl. Polotsky 1964:99).
Erste Vergleichstudien von substantiellen Wert waren die polyglotten Bibeln des 17. Jh. aus London und Paris, bzw. Vergleichsstudien aus London (B. Walton, 1655), Jena (J. E. Gerhard, 1647; J. F. Nicolai 1670), Frankfurt (A. Otho, 1702; J. P. Hartmann, 1707), welche das Hebräische, Chaldäische, Samaritanische, Syrische, Arabische, Persische, Äthiopische und unter anderem das Armenische und Koptische miteinander verglichen. Auch das Lexicon Heptaglotton von Edmund Castell (1669-1686) darf in dieser Aufzählung nicht fehlen.
Ernsthafte wissenschaftliche Arbeit in der komparativen Semitistik wurde jedoch erst im 19. Jh. betrieben, angeregt durch den indo-germanistischen Vorreiter Franz Bopp. Die bereits erwähnten Semitisten de Sacy, Gesenius und Ewald legten dafür den Grundstein, und ihre Schüler Nöldeke, Dillmann, Praetorius, Wright und Guidi bauten dieses Fundament zu einem komplexen Gebäude der semitischen Sprachvergleichung aus. Carl Brockelmanns monumentales Werk Grundriss der vergleichenden Grammatik der semitischen Sprachen (1908, 1913) ist heute noch ein bedeutendes Standartwerk, das großen Einfluss genommen hat (vgl. Ullendorff 1971 und Sasse 1981). Durch die Entzifferung der Keilschrift (Grotefeld 1802, u.a.) konnte Brockelmann auch das Akkadische und Babylonisch-Assyrische in seine Vergleichsstudie mit einbeziehen, wie auch die hinzugekommenen Studien zum Phönizischen, Südarabischen, des modernen Arabischen, Aramäischen und Äthiopischen (Gə ’ə z).
Zur selben Zeit war die generelle Linguistik im Wandel begriffen, in der Hinsicht, das man nun auch phonologische Prozesse für den Vergleich von Sprachen berücksichtigte, und somit eine historische Lautentwicklung aufgezeigt werden konnte.
Es sei an dieser Stelle auf die äußerst informativen Arbeiten von Sasse (1981) im Allgemeinen und Polotsky (1964) und Ullendorff (1971) im Besonderen, zu komparativen Studien in der Semitistik hingewiesen.
2.2 Ägyptisch
2.2.1 Deskriptive Studien
Lange Zeit versuchte man hinter das Geheimnis der Hieroglyphenschrift zu kommen, doch nur mit geringem Erfolg. Erst mit der napoleonischen Ägyptenexpedition (1798-1801), und der damit verbundene Fund einer Stele bei Rosette, deren Text in drei Schriftformen wiedergegeben ist (Hieroglyphen, Demotisch und Griechisch), ermöglichten des Rätsels Lösung. Jean François Champollion gelang mit seiner Intuition und seinem methodischem Vorgehen der entscheidende Durchbruch, nachdem seine Vorgänger de Sacy, Ǻ kerblad und Young die Stele bearbeitet hatten. Am 22. Oktober 1822 veröffentlichte er der Pariser Akademie seinen Lettre à M. Dacier relative à l’écriture des hiéroglyphes phonétiques. Dieses Datum gilt als Geburtsstunde der Ägyptologie. Mit seiner ein Jahr später erschienen Abhandlung Précis du système hiéroglyphique und seiner posthum erschienenen Grammaire égyptienne (1836/41) und dem Dictionaire égyptien (1842/44) legte er den ersten Grundstock für weitere Forschungen.
Richard Lepsius, bestätigte mit einer umfassenden Analyse die Ergebnisse seines Vorgängers und stellte auch Überlegungen zur Gliederung der ägyptischen Sprache an, indem er eine Zweiteilung von Sprachform in eine hiera glossa ‚heilige Sprache’ und eine Koinä dialektos ‚Vulgärsprache’ zu Rate zog. Dadurch kommt er zu dem Entschluss, dass die hieroglyphischen und hieratischen Denkmäler eine ‚Hochform’ der ägyptischen Sprache darstellen und das Demotische und Koptische den vulgärsprachlichen Kontrast bilden.
Mit der Ägyptischen Grammatik (1894, 1928) von A. Erman ist die erste umfassende Beschreibung des Alt- und Mittelägyptischen publiziert worden, an deren Stelle die Egyptian Grammar (1927, 1957) von A.H. Gardiner und die Grammaire de l’égyptien classique (1840, 1955) von G. Lefebvre getreten sind. Mit dem Wörterbuch der ägyptischen Sprache, das als Großprojekt zwischen 1926 und 1931 in fünf Bänden erschienen ist (das Projekt geht auf die Initiative Ermans im Jahr 1897 zurück, und stellt das ‚Prunkstück’ der von ihm begründeten ‚Berliner Schule’ dar), ist ein weiteres bedeutendes Werk der ägyptischen Sprachforschung zu nennen, das trotz des Bedarfs an Revision, heute noch unersetzlich ist.
Auch in Bezug auf das Neuägyptische ist Erman (Neuägyptische Grammatik von 1880, 1933) an erster Stelle zu nennen. Erst viele Jahre später sind Hintzes Untersuchungen zu Stil und Sprache neuägyptischer Erzählungen (1950-52) erschienen, sowie in den 70er Jahren die Grammaire du néo-égyptien (1973) von M. Korostovtsev und A late Egyptian Grammar (1975) von J. Č erny & S. I. Groll.
Wie Lepsius hielt H. Brugsch, der Begründer der demotischen Sprachstudien, in seiner Grammaire démotique das Demotische für eine Vulgärsprache, doch ordnete er es als ein zwischen dem Hieroglyphischen und Koptischen liegendes Sprachstadium ein. Erst K. Sethe (1925) widerlegte diese bislang vorherrschende Meinung.
Die Erforschung des Koptischen war zur damaligen Zeit am weitesten fortgeschritten (zum ersten Mal wissenschaftlich erfasst wurde sie von Athanasius Kircher in seinem Prodromus coptus (1636) und Lingua Aegyptiaca restituta (1643)), obwohl es die jüngste Sprachform des Ägyptischen darstellt, da es in der griechischen Schrift niedergeschrieben wurde. Doch seit der Koptischen Grammatik (1880) von L. Stern wird ihr Studium gleichermaßen wie das des Ägyptischen betrieben. Ein Lehrbuch der koptischen Grammatik von G. Steindorff erschien 1894, neuere Werke sind die Grammatiken von W. C. Till (1955, 1961) und J. Vergoten (1979). An Wörterbüchern sind vor allem das Coptic Dictionary (1929-39) von W. E. Crum zu nennen, sowie die Werke von W. Spiegelberg (1925), R. Kasser & W. Vycichl (1967-?) und das posthum erschienene Coptic Etymological Dictionary (1976) von J. Č erny.
Die vorangegangenen Informationen entstammen alle der Arbeit von Vergote (in Hodge 1971)
2.2.2 komparative Studien
Nach der Entzifferung der Hieroglyphen entdeckte man bald eine vage Sprachverwandtschaft der ägyptischen Sprache mit dem Semitischen. Die aus der Semitistik, bzw. orientalischen Philologie stammenden Grammatiker Ewald und Gesenius wiesen auf Übereinstimmungen bei den Personalpronomen hin. Unter dem Eintrag ‚ånoki – ich’ zum ägyptischen bemerkt Gesenius in seinem Theosaurus philologicus criticus linguae Hebraeae et Chaldaeae Veteris Testamenti, Bd. 1 (1835), das „cuius pronomina personalia Semiticus cognata sunt“ (S. 126, zitiert nach Benfey 1844:80). Diesen Ansatz hat Th. Benfey in seinem Werk Über das Verhältnis der ägyptischen Sprache zum semitischen Sprachstamm (1844) ausführlich weiterentwickelt. Zum Status der ägyptischen Sprache innerhalb des Hamito-Semitischen haben sich gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jh. zwei gegensätzlich Thesen entwickelt. Von Erman (1892) und Sethe (1899-1902) und später am deutlichsten von W. F. Albright (1923) wurde die Meinung vertreten, das Ägyptische sei durchweg eine semitische Sprache. Demgegenüber standen Wissenschaftler wie É. Naville (1920), F. Lexa (1921-22), G. Müller (1924), Frida Behnk (1928) und E. Zyhlarz (1933) die das Ägyptische eher als hamitische Sprache wissen wollten.
A. Gardiner postuliert schließlich in seiner Ägyptischen Grammatik (1957), dass sich das Ägyptische von den semitischen Sprachen mehr unterscheidet, als irgendeine der semitischen Sprachen untereinander.
Mit der Unterteilung in vier gleichberechtigte Sprachgruppen (siehe Kap. 4.3) durch Cohen (1947) wurde diese Überlegung in den Hintergrund gedrängt. F. Hintze beteuert diese Gleichstellung: „Vor allem wird so der müßige Streit darüber, ob das Ägyptische zu den semitischen oder hamitischen Sprachen gehöre, gegenstandslos: es ist eine Untergruppe der hamitosemitischen Sprachen wie das Semitischen, Berberische und Kuschitische. Auch die verbreitete Ansicht, das Ägyptische sei ein Resultat einer Überschichtung und stelle eine Art Semitisch auf hamitischen Substrat dar, kann in dieser Form nicht als durch sprachliche Tatsachen bewiesen gelten“ (Hintze 1951:67). Auf diese Reaktion hin wurde die Randständige Positionierung des Ägyptischen aufgegeben. Zwar blieben bestimmte Ähnlichkeiten mit dem Semitischen nicht unbeachtet, doch galt es nunmehr als eigenständige Gruppe im Zentrum der hamitosemitischen Sprachen: „Under these new points of view, Egyptien is not situated as hitherto, on the borderline of the domain of Semitic languages but as its centre“ (Vycichl 1959c, zitiert nach Vergote 1971). Diese Überlegungen regten A. N. Tucker unter anderem dazu an, einen neuen Namen für die hamito-semitischen oder afroasiatischen Sprachen von Reinisch zu übernehmen. Das Erythräische hat seiner Ansicht nach seinen Ursprung am Roten Meer, das er mit dem Körper eines Schmetterlings vergleicht, der seine Flügel nach Asien und Afrika ausbreitet (vgl. hierzu Kap 6).
Auch diese Informationen, bis auf einige Zitate gehen auf Arbeit von Vergote (in Hodge 1971) zurück.
2.3 Berber
Bezüglich der Berbersprachen kann man nicht genau sagen, wer sie als erster erkundet hat. Man geht davon aus, dass ihr ursprüngliches Sprachgebiet ein Dialektkontinuum dargestellt hat[3], das sich von der Oase Siwa im Osten bis zur atlantischen Küste im Westen und von der Mittelmeerküste bis über das Nigerknie hin erstreckt hat. Es gibt sogar Vermutungen darüber, dass die im 17. Jh. durch die Ispanisierung ausgestorbene Sprache Guanche der Kanarischen Inseln zu diesem Kontinuum zählt[4]. Die ersten Wortlisten und kurze grammatische Darstellungen haben Reisende wie H. Barth, Fr. Hornemann (1802), W. Marsden (1800) mit sich gebracht, und die erste wissenschaftliche Arbeit hat Francis Newman (1845) geliefert (vgl. Kap 4.1)
Die erste Grammatik zu einer Berbersprache soll 1858 von Adolphe Honateau zum Kabyle erschienen sein, in dessen Einleitung er einiges zur Kontroversität der Klassifikation dieser Sprachen in Indo-Europäisch, Semitisch oder Hamitisch geschrieben haben soll (vgl. Applegate 1971), Applegate nimmt diese Grammatik jedoch nicht in seine Bibliographie mit af, und auch Th. Benfey bleibt diese Arbeit in seinem umfassenden Werk Geschichte der Sprachwissenschaft (1869) unbekannt. Bekannt sind hingegen die Werke Honoteaus Essai de grammaire de la langue Tamaschek (1896) und Essai de grammaire Kabyle, aber von 1906, in denen sich die zwei Hauptfoschungsrichtungen der Berberwissenschaft erkennen lassen, nämlich erstens die Sprachdokumentation in Hinblick auf Phonologie, Morphologie und Syntax, mit gesammelten Texten und Übersetzung, mit Angaben zum Vergleich mit anderen Sprachen. Und einer zweiten Richtung, wie sie F. Newman und einige Jahre später René Basset, zu historischen und komparativen Studien vorlegten, um eine grundlegende generelle Struktur der Berbersprachen aufzuzeigen. Doch erst um die Jahrhundertwende leiten die Arbeiten von René Basset (1855-1924) den Beginn der Berberologie ein. Mit den Werken von André Basset La langue berbère (1952), L. Galand (1960) M. J. Johnson (1966) und A. Willms (1966-72) ist die Erforschung der Berbersprachen noch nicht sehr fortgeschritten (vgl. Applegate 1971, Wolff 1981).
(zu komparativen Berber-Studien vgl. Kap. 4.1)
2.4 Kuschitisch
2.4.1 Deskriptive Studien
Der erste, der uns eine kuschitische Sprache wissenschaftlich näher beschreibt, abgesehen von Ludolf und wenige Forschungsreisenden, ist Carl Tutschek, dessen Herzog Maximilian von Bayern vier befreite Sklaven aus Ostafrika mit nach München brachte. Drei davon nah Tutschek in sein Haus auf, von denen einer ein Afar (Dankali) war, welcher noch sehr jung war (12 Jahre), ein anderer war ein Borana-Oromo aus ‚Botsch in Hambo’. Von diesen nahm Tutschek Sprachproben auf, die er in seinem Lexikon der Galla-Sprache (1844) verarbeitete. Nebst Untersuchungen des Lexikons, der Phonetik und der Morphologie, der Verbalmorphologie im besonderen[5], stellte Tutschek auch fest, dass das Oromo mit dem ‚ägypto-semitischen Sprachstamm’ verwandt sein muss (vgl. Benfey 1846: 1455).
Etwa zur gleichen Zeit (1840, 1842) war J. L. Krapf in der Region und nahm Sprachproben auf. In seinen Aufzeichnungen sind auch südkuschitische Oromo-Varietäten der Tana-Region in Kenia enthalten. Anderes Material wie Wortlisten oder Orts- bzw. Stammesnamen sind entweder durch arabische Quellen des Mittelalters, oder Reisende bekannt geworden. Einer von ihnen war der Schotte James Bruce, der um 1770 ein übersetztes Manuskript des Salomonenliedes mitbrachte. Doch die erste intensive Forschung kuschitischer Sprachen wurde von Leo Reinisch vorgenommen, der Zeit seiner 40-jährigen Studien, neben dem Ägyptischen, Grammatiken und Wörterbücher zu den Sprachen Saho, Bilin, Chamir (Agau), Afar, Quara (Agau), Kafa (Sidaama), Beja, Somali und Djabärti (Digil) veröffentlichte (vgl. Palmer 1971; Sasse 1981). Seine Daten werden zwar von manchen Wissenschaftlern wie Hetzron und Zaborski als unzuverlässig dargestellt[6], enthalten jedoch wichtiges Quellenmaterial für heute fast ausgestorbenen Sprachen, z.B. Chamir und Quara (Zentralkuschitisch: Agau). Durch das hinzuziehen anderer Quellen kam Reinisch zu der Einteilung des Kuschitischen in a.) Niederkuschitische und b.) Hochkuschitische Sprachen, was sich allerdings nur als eine geographische Einteilung herausstellt, da die Niederkuschitischen Sprachen in der äthiopischen Tiefebene und die Hochkuschitischen Sprachen im Hochland gesprochen werden.
Nach Reinisch waren es vor allem die Italiener, die sich mit kuschitischen Sprachen befassten. Hier war der Semitist Carlo Conti Rossini, der das Kemant erforschte (1912), ein Vorreiter, für die Kuschitistik bedeutender waren jedoch Enrico Cerulli und Martino M Moreno, die sich allerdings nicht immer einig waren, was die Klassifikation betrifft. Ihr Verdienst lag darin, vor allem weniger bekannte Sprachen entdeckt und beschrieben zu haben. Dabei interessierte sich Cerulli mehr für die Burji-Sidamo-Gruppe (Hochlandostkuschitisch), zu denen Sprache wie das Sidamo, Darasa, Kambata, Alaba, Hadiyya und Burji gehören, mit denen sich Moreno zwar auch befasste, er war aber mehr an der Beschreibung des Oromo und des Somali interessiert. Beiden Forschern verdanken wir auch die ausführliche Darstellung mancher omotischen (westkuschitischen) Sprachen Südäthiopiens, deren klassifikatorische Abspaltung vom Kuschitischen heute noch umstritten ist (vgl. Kap. 5). Durch ausgiebige des Oromo machten sich jedoch auch andere Wissenschaftler einen Namen, wie Praetorius mit seiner Grammatik der Galla-Sprache (1893), Borello (1939), Nordfeld (1939) und Gaetano da Thiene (ebenfalls 1939, vgl. Palmer 1971). Auch das Somali erfuhr in dieser Zeit eine ähnliche Zuwendung, Cerulli, Maria von Tiling und Lilias Armb (1934), der wir die erste phonetische Analyse des Somali verdanken, seinen an dieser Stelle genannt. Anfang der siebziger Jahre kam erneut das Interesse für ostafrikanische Sprachen auf. Von den herausragenden Erforschern kuschitischer Sprachen sei hier Paul Black für Konso, Gidole und Dullay (Werizoid), Hans-Jürgen Sasse für Kemant, Dasenech und Boni, David Appleyard für Kemant, Richard Hayward für Bayso, Gidole und Dullay und Grover Hudson für Hochlandostkuschitisch zu nennen.
2.4.2 Komparative Studien
Voigt (1995) sieht den ersten bedeutenden Beitrag der vergleichenden Kuschitistik in dem Artikel von Heinrich v. Ewald (1844) Über die Saho-Sprache in Äthiopien. Aufgrund der kurze Zeit vorher erschienenen Materialien von D’Abbadie im lettre de M. D’Abbadie à M. Jules Mohl (1844), kommt Ewald zu dem Ergebnis, dass das Saho eine „wurzelhaft semitische Sprache“, „–wir würden heute sagen: (archaische) semitohamitische Sprache–“ (Voigt 1995: 5) sei. Dies begründet er vor allem mit den Ähnlichkeiten bei den Personalpronomina und der Pluralbildung[7].
Das Beja (Nordkuschitisch) wurde von Vycichl (1953, 1960) mit dem Ägyptische in Verbindung gebracht[8], was nach den Studien von Fleming (1983) nicht mehr ganz so abwegig erscheint, da sich in seiner Studie herausstellte, dass das Tschadische genauso viele Isoglossen mit dem Beja aufweist, wie andere kuschitische Sprachen (Fleming 1983: 28; vgl. die Tabelle im Anhang).
Eine sehr abwegige Formulierung ist die von Homburger (1949), die mit dem Terminus ‚Negro-African’ für die afroasiatische Sprachfamilie eine Abstammung dieser Sprachen von der Ägyptischen Sprache annimmt. An anderer Stelle (1955, 1957) sieht Homburger eine Verwandtschaft der dravidischen Sprachen in Indien mit der ägyptischen und den kuschitischen Sprachen, die jedoch nur teilweise auf linguistische Tatsachen beruhen[9].
Wie wir im Hauptteil dieser Arbeit noch sehen werden, wurden auch Versuch gemacht, die kuschitischen Sprachen (insbesondere die südkuschitischen Sprachen) mit den Khoisan-Sprachen in Verbindung zu stellen[10].
Da ich auf eine Darstellung der internen Klassifikationen der einzelnen Sprachgruppen verzichten möchte, möchte ich an dieser Stelle erneut mit Nachdruck auf die Werke von Hodge (1971) und Heine/Schadeberg/Wolff (1981) verweisen, die einen guten Überblick über Forschung und Klassifikation geben.
2.5 Tschadisch
Die tschadische Sprachfamilie ist mit über 125 Sprachen die größte innerhalb des Afroasiatischen, und zugleich die Jüngste in ihrer Erforschung, und Einbeziehung in ein afroasiatisches Sprachmodel. Dabei besteht ein großes Ungleichgewicht in ihrer Erforschung. Während die erste Hausa-Grammatik (die Bedeutung des Hausa als Lingua Franca ist enorm, da sie mit 25 Mio. Sprechern mit Abstand die größte unter den afrikanischen Sprachen ist, und ein sehr großes Verbreitungsgebiet einnimmt.) von J. F. Schön schon 1843 verfasst wurde, sind zu den übrigen, zahlenmäßig wesentlich kleineren tschadischen Sprachen bis 1996 nur vierzehn Grammatiken erschienen:
Zum Angass haben Folkes (1915) und Burquest (1973) gearbeitet; Lukas hat 1936 eine Grammatik zum Logone und 1939 eine Grammatik zum Buduma heraus gebracht; Jungraithmayr, dessen enorme Kenntnisse in der Tschadistik vor allem auch ihrer Betrachtung innerhalb der Afroasiatischen zu Gute kam, hat 1956 eine Grammatik zum Tangale (Ph.D.) und 1963 eine zum Suru (Maghavul) geschrieben, welche als Serie in der Zeitschrift Afrika und Übersee erschien; A grammar of Margi language ist von Hoffmann (1963) geschrieben worden; Newman hat sich intensiv mit dem Tera befasst, darunter seine Grammar of Tera: Transformational Syntax and Texts (1970: Überarbeitung seiner Ph.D. von 1967), von ihm ist auch, in Zusammenarbeit mit Roxanna Ma, A case grammar of Ga’anda (1971) erschienen; von Karen H Ebert ist Sprache und Tradition der Kera in drei Teilen (1975-79) erschienen; Zygmunt Frajzynger hat eine Grammatik des Pero (1989) und eine Grammatik des Mupun (1993) herausgebracht; A Grammar and Dictionary of the Gude Language ist von James T. Hoskison (1983) erschienen; das Kwami wurde von Rudolf Leger (1994) erfasst (Newman 1996).
Dieser verhältnismäßig kleinen Zahl stehen die vielen Dutzende von Grammatiken, Lehr- und Wörterbücher des Hausa gegenüber (näheres zu Hausa-Grammatiken findet man, sehr ausführlich, bei R.R. Terry, 1971). Erwähnenswert hierunter ist das Wörterbuch von G. P. Bargery (1934), das etwa 40000 Einträge enthält und erstmals Tonunterschiede und Vokallänge berücksichtigt, das Wörterbuch von R. C. Abraham und Maikano (1946) und die Grammatik von Taylor (1923, 1959). Eine den heutigen Anforderungen entsprechende Grammatik des Hausa existiert nicht, da „das Anwachsen und die Fülle der neueren Erkenntnisse, auch und gerade aufgrund von Ergebnissen der vergleichenden Tschadistik, [...] die heutigen Hausaisten davor zurückschrecken“ (Wolff 1981:243) lässt. Daher sind Veröffentlichungen in der Tschadistik, bzw. Hausaistik a.) pädagogische Lehrbücher (Hausa), oder b.) wissenschaftlich höchst anspruchsvolle Artikel zu bestimmten Teilbereichen der Grammatik (vgl. Bibliographie Hausa und Tschadisch von Newman, 1996)
Die Verwandtschaft des Tschadischen mit Afroasiatischen Sprache wurde zwar schon früh vermutet (F. Newman, 1845), aber erst spät zugegeben, bzw. nachgewiesen. Daher verzichte ich an dieser Stelle auf eine Darstellung der vergleichenden Arbeiten, die ich im nun folgenden Hauptteil mit einbringe.
3. Vom Hamito-Semitischen...
3.1 Erste Vergleichsstudien
Als A. L. Schlözer (1781) den Begriff ‚Semitisch’ prägte[11], ahnte er wahrscheinlich nicht welche kontroversen Diskussionen dieser, und auch die beiden anderen von ihm genannten Begriffe ‚Hamitisch’ und ‚Jafetisch’, Jahre später auslösen würde. Während Jafetisch (Japhetitisch) bald durch ‚Indogermanisch’ ersetzt wurde, sind die beiden anderen Begriffe, die von Theodor Benfey (1869) erstmals in Kombination genannt wurden[12], heute noch in Verwendung.
Die verwandtschaftlichen Beziehungen, die dem Begriff hamito-semitisch (bzw. semito-hamitisch) namentlich schon innewohnen wurden schon früh angedeutet, und auch Vermutungen über die Verwandtschaft mit dem Indogermanischen geäußert. 1802 ist Fr. Hornemanns Tagebuch seiner Reise von Kairo nach Murzuck... (Hrsg.: Carl König, Weimar: 1802) erschienen, dessen Anhang einen Brief von Wilhelm Marsden (datiert 1. Mai 1800) mit dem Titel Bemerkungen über die Sprache der Siwaher enthält. Dort schreibt er zur Berber-Sprache, „daß sie vor den Mohametanitschen Eroberungen die allgemeine Sprache des ganzen nördlichen Afrika gewesen sei. Außer den wirklich Arabischen Wörtern, die bey Ausübung dieser Religion nicht fehlen können, glaube ich auch in derselben eine große Verwandtschaft mit derjeigen Klasse der orientalischen Sprachen zu bemerken, die bey Deutschen Schritstellern unter dem Namen Schemitic vorkommt. Sollte dieses wirklich so seyn (...), so ist es nicht unwahrscheinlich daß wir in ihr das alte Punische wieder finden, welches durch die von den Kolonien oder Armeen der Griechen, Römer und Goten, eingeführten Wörter verdorben wurde, und sich zuletzt wieder, durch Verbindung mit dem Neu-Arabischen mit einem Arme des ursprünglichen Stromes vermischte“ (S. 239; zitiert nach R. Voigt 1995:1).
Die Ableitung vom Phönizischen hat man später aufgegeben, und war auch nicht nötig, da 1844 der bereits erwähnte grundlegende Aufsatz Ueber die Struktur der Berbernsprache von Francis W. Newman im Anhang zu James Prichards Naturgeschichte des Menschengeschlechts erschien, der einen direkten Vergleich mit dem Semitischen ermöglichte[13]. In einem zweiten Anhang Bemerkungen über die Hausa-Sprache mit Grundlegung des Vokabulariums derselben mit grammatischen Elementen von J. J. Schön verdeutlicht Newman auch die Verwandtschaft des Hausa mit dem Semitischen, sowie mit den Berbersprachen[14], was in den Klassifikationsversuchen der 1980er erneut eine (mehr oder weniger aktuelle) Diskussion darstellt (vgl. Kap. Fleming...).
Ein Jahr zuvor hat Th. Benfey (1844) Ueber das Verhältnis der ägyptischen Sprache
zum semitischen Sprachstamm geschrieben[15]. Er zieht zu seinen Vergleich von Lexemen, sowie flektierter Formen auch gelegentlich indo-europäische Sprachen, wie Sanskrit und Latein heran, stellt jedoch fest: „(...) wenn meine Untersuchungen richtig geführt sind, so existiert in flektivischer Hinsicht überhaupt zwischen dem indo-europäischen und ägypto-semitischen Sprachstamm keine Verwandtschaft. Dieses negative Resultat schließt jedoch keineswegs die Möglichkeit einer bloss wurzelhaften Verwandtschaft aus“ (Benfey 1844:VII).
Die Verwendung des Bergriffs hamitisch für diejenigen afrikanischen Sprachen, welche weder als semitische noch als Neger-Sprachen galten, wurde etwa zur gleichen Zeit von Lepsius (1844, vgl. 1863), Beke (1845) und D’Abbadie (1845) und später von Renan (1855) postuliert (vgl. Sasse 1981:132; Mukarovsky 1981:511), wobei eine gegenseitige Kenntnisnahme wohl anzunehmen ist. Denn zur gleichen Zeit, bzw. kurze Zeit später trat eine Splitterung in zwei wissenschaftliche Lager ein. Die einen vertraten die sog. „hamitische These, die eine alle afrikanischen „semitoiden“ Sprachen umfassende hamitische Sprachfamilie einer semitischen gegenüberstellt“ (Sasse 1981:133), als Vertreter dieser Ansicht haben sich vor allem Fr. Müller (1886) mit Die Sprachen der Lockenhaarigen Rassen, R. Lepsius (1863) mit seinem Standart Alphabet und Meinhof (1912) mit seinem berühmt-berüchtigten Werk Die Sprachen der Hamiten einen rassistischen Ruf (eingefangen A.). Andere Sprachwissenschaftler tendierten eher dazu „die einzelnen Gruppen (Berberisch, Ägyptisch, Semitisch usw.) als gleichberechtigte Glieder einer großen Sprachfamilie“ (Sasse 1981:133) anzusehen. Die Ansicht wird allgemein als Schwesterfamilien-These bezeichnet. Ihre ersten Verfechter waren Carl Lottner und dessen Lehrer Carlton T. Beke, der sich 1845 vor der Londoner Philosophical Society negativ über einen Brief D’Abbadies vom 12. April an das Athenaeum in London äußerte: „M. d’Abbadie classes the Agau and Gonga languages together in one family, which he names „Chamitic“; to this classification and denomination I cannot object, inasmuch s they are only in accordance with my own views with respect to the Hamitish origin of all the languages of Arabia and Africa. But it will be understood that I do not agree with him in the narrow sense in which he uses the term „Chamitic“ as opposed to „Semitic““ (Beke 1845:94, zitiert nach Sasse a.a.O.: ).
Lottner der als erster von Schwesterfamilien spricht[16], betont indes das Hausa, resp. Tschadisch keine Schwesterfamilie des Semitischen sei[17], was zwar im 20 Jh. durchweg diskutiert wurde[18], trotz der schon 1845 vermuteten Beziehungen zum Semitischen oder Berber, heute allerdings ein unumstrittenes Mitglied der Afroasiatischen Familie darstellt[19]. Vom Omotischen kann man dergleichen nicht behaupten (was in Kap. klargeworden sein sollte). Während die einen (Lamberti, Zaborski) das Omotische weiterhin als Westkuschitisch klassifizieren, sehen die meisten anderen Afroasiatisten das Omotische als eigenständige Gruppe im Afroasiatischen. Für Newman steht das Omotische sogar außerhalb des Afroasiatischen Phylums[20].
Diese Diskussionen finden allerdings erst in der zweiten Hälfte des 20. Jh. statt, betrachten wir zunächst die Klassifikationsversuche des 19. Jh. und des angehenden 20. Jh.
3.2 Die hamitische These
Der erste bedeutende Vertreter der hamitischen These war Richard Lepsius. Er war der Überzeugung, dass die von Schlözer eingeführten völkerbezeichnenden Begriffe Semitisch, Hamitisch und Jafetisch, vielmehr die entsprechenden Völker zu Zeiten der alttestamentlichen Geschichtsschreibung aus einem Volk hervorgegangen seien[21]. Damit im Zusammenhang steht seine Ansicht, dass diese drei Völkergruppen, im Gegensatz zu den in Genesis nicht erwähnten Völkern eine ‚höher entwickelte Rasse’ darstellen[22]. Sein Hauptkriterium hierfür und ach für seine sprachliche Einteilung ist die Herausbildung oder Verwendung von grammatischem Geschlecht, das er auf die besondere Stellung der Familie und der Ehe zurückführt[23]. Nach diesem Hauptkriterium klassifiziert er alle damals bekannten Sprachen der Welt in A. Gender-Languages und B. No-gender Languages (Lepsius 1863:87,301-308). In Hinblick auf Afrika vertritt Lepsius die Meinung, dass alle Sprachen ohne grammatisches Geschlecht, welche sich vornehmlich durch Klassenpräfixe auszeichnen, den ursprünglichen Sprachtyp, bzw. ‚Rassentyp’ in Afrika darstellen (Lepsius 1880: VI), wohingegen die Gender-Languages zur Suffixbildung tendieren (ibid.: XXI).
Demnach unterscheidet Lepsius in Afrika drei Sprachzonen, 1. Bantusprachen, die er Bantu-Negersprachen nennt, 2. Negersprachen, die er Misch-Negersprachen nennt, zusammen bilden sie die Urafrikanischen Negersprachen[24], 3. Hamitische Sprachen (vom Semitischen abgesehen) (ibid.:XIII-XVII). Eine detailierte Ansicht ist im Anhang zu finden.
Zugutehalten muss man Lepsius jedoch, dass er sich auf mehr oder weniger linguistische resp. typologische Merkmale beschränkt hat und sich von der Müller’schen Rasseneinteilung anhand
von Haarwuchs[25] distanzierte[26]. Dennoch erkennt er die anthropologischen ‚Rassenmerkmale’ des ‚Negertyps’ an, betont indes, „daß sich Völker und Sprachen nach ihrer Abstammung und Zusammengehörigkeit keineswegs und nirgends decken. (...) Die Verbreitung und Vermischung der Völker geht ihren Weg, und die der Sprachen. wenn auch stets durch diesen bedingt, den ihrigen oft gänzlich verschiedenen“ (Lepsius 1880:II). Die veranlasste ihn dazu das Hausa, trotz des schwarzen Hauttyps ihrer Sprecher, aus den sog. Misch-Negersprachen herauszunehmen, und wegen dem vorhanden sein von grammatischen Geschlecht zu der lybischen Gruppe der hamitischen Sprachen zu klassifizieren. Ihm ist allerdings nicht aufgefallen, dass das Hausa distinktive Töne besitzt, welche er mitunter als Charakterium der urafrikanischen Sprachen aufführt (vgl. Lepsius 1880:XXXI). Er bemerkt zwar, dass die Hottentotten-Sprachen (Khoisan) Tonsprachen sind, aber „In den Hamitischen Sprachen [] nichts Aehnliches vor[kommt], so wenig wie in irgendeiner anderen mir bekannten Sprache außer den Chinesischen“ (ibid.), dennoch zählt er das Hottentottische zum Hamitischen, welches er wie folgt klassifiziert:
Abb. 1 (Lepsius 1880: XVII, f.)
Der bedeutendste und einflussreichste Vertreter der hamitischen These war zweifelsohne Carl Meinhof dessen viel umstrittenes Werk Die Sprachen der Hamiten 1912 erschien. Er vertritt die Ansicht von Lepsius, Müller und A. Schleicher von höheren und niederen ‚Rassen’, was sich unter anderem in der Sprache niederschlägt. So ist er der Überzeugung, „daß flektierende Sprachen den höchsten erreichbaren Sprachzustand darstellen. Dies zeige sich unter anderem darin, daß die Träger der Hochkulturen der alten Welt sich ausschließlich oder überwiegend flektierender Sprachen bedient hätten“ (Sasse 1981:134). Hinzu treten bestimmte typologische Merkmale wie grammatisches Geschlecht, Ablaut, emphatische Laute u.a., die Meinhof vor allem mit den hamitischen Sprachen verbindet, und diese daher in enge Verwandtschaft mit den semitischen Sprachen setzt (vgl. Meinhof 1912:226ff.) Er geht von einer höher entwickelten ‚kaukasoiden Rasse’ aus, die sich seiner Ansicht nach (und der Lepsius’), in Afrika mit den urafrikanischen Sprachen vermischt hat, und die Misch-Negersprachen, die er mit Westermann ‚Sudansprachen’ nannte, hervorbrachte (ibid.).
„Es ist ja bei einem Blick auf die Sprachenkarte Afrikas evident, daß die hamitischen Sprachen als Sprachen von Leuten kaukasischer Rasse zusammengetroffen sind mit den Sprachen der Nigritier. Wie es scheint hat sich der Vorgang im Lauf der Geschichte immer wiederholt, daß hamitische Stämme als herrenvolk unter dunkelfarbigen, anderssprachigen Völkern auftraten, sie unterwarfen und beherrschten. Dabei fand selbstverständlich ein sprachlicher Austausch zwischen der herrschenden Minorität und der beherrschten Majorität statt. Die Hamiten wurden in anthropologischer und sprachlicher Hinsicht mehr oder weniger negerähnlich, und die dunkelfarbigen Afrikaner nahmen umgekehrt hamitisches Blut und hamitische Sprache auf“ (Meinhof 1912:2).
Da er für die Aufnahme in seine hamitische Familie nur bereits genannte typologische Kriterien in Betrachtung zieht, nimmt er auch Sprachen wie das Ful[27], das Maasai und das Nama, „das Müller 1866, Cust 1883 und Brockelmann 1908 aufgrund einer realistischen Beurteilung der sprachlichen Verwandtschaftsverhältnisse bereits lange ausgeschlossen hatten“ (Sasse 198:135), in sein Aufstellung mit auf.
„Die behandelten Sprachen sind folgende:
- das Ful als vermutlich älteste und zugängliche Form einer Hamitensprache. Es steht dem Urbantu sehr nahe.
- Das Hausa als Beispiel einer westafrikanischen Hamitensprache, die sudanisch beeinflußt ist.
- Das Schilh als Probe der Berbersprachen.
- Das Bedauye als nördlichste der ostafrikanischen Hamitensprachen.
- Das Somali als eine der südlicheren Hamitensprachen Ostafrikas, die besonders gut bekannt ist.
- Das Masai als Probe einer sudanisch beeinflußten altertümlichen Hamitensprache Ostafrikas.
- Das Nama als Beispiel der Hottentottensprachen, der südlichsten dieser Sprachformen, die stark mit Buschmannsprachgut durchsetzt ist“ (Meinhof 1912:4).
Doch ging es Meinhof weniger darum eine Klassifikation zu erstellen, er wollte vielmehr „versuchen, das Charakteristische der Hamitensprachen für sich zu erfassen und es von anderen in Afrika vorkommenden Sprachformen klar zu unterscheiden“ (Meinhof 1912:2). „Bei seiner Untersuchung ergab sich, dass die Ansicht von Lepsius unhaltbar ist, wonach die Klassensprachen genuine Negersprachen sein sollten und die Sudansprachen das Ergebnis einer Mischung der Klassensprachen mit Hamitensprachen“ (Mukarovsky 1981:514)[28]. Auch äußerte er starke Bedenken gegenüber der von Reinisch vertretenen Meinung, das es keinen generellen Unterschied zwischen Sudansprachen und Hamitensprachen gebe (Meinhof 1912:3).
Dennoch war der schlechte Einfluss, de die Hamitenthese ausübte, enorm, da sie sich nicht nur auf die afroasiatischen Sprachen beschränkte, sondern sich auf die gesamte Afrikanistik ausdehnte. Auch außerhalb der Linguistik bzw. Afrikanistik blieb die Vorstellung von der hochgewachsenen, intelligenteren ‚kaukasischen Rasse’ lange erhalten (vgl. Sasse 1981:135).
3.3 Die Schwesterfamilien-These
Im Gegensatz zu der hamitischen These, die von einer Zweiteilung der Ursprache in einen hamitischen und einen semitischen Zweig ausging[29], steht die Schwesterfamilien-These, als deren Begründer, wie anfangs erwähnt Beke und Lottner gelten können, die „eine sprachwissenschaftlich wesentlich fundiertere Haltung“ (Sasse 1981:135) einnahmen.
Doch stand die Theorie der gleichbedeutend nebeneinander stehenden Sprachfamilien unter einer großen Familie lange im Schatten der hamitischen These. Erst Marcel Cohen (1947) schaffte es mit seinem Essai comparatif sur le vocabulaire et la phonetique du chamito-sémitique Anerkennung für die Schwesterfamilien-These zu gewinnen. Er greift hier die schon 1933 formulierte These über die gleichberechtigten Unterfamilien des Hamito-Semitischen wieder auf[30], und bezieht in sein Wortvergleichungen auch das Hausa mit ein[31], auch wenn er keine Verwandtschaftszugehörigkeit geben kann[32] (vgl. Sasse 1981:135). Doch auch wenn Cohen hier Grundlagen für die weitere Forschung liefert, „erfüllt das Buch aber nicht ganz die großen Erwartungen, mit denen man es in die Hand nimmt“ (Hintze 1951:65). So kritisiert Hintze unter anderem die Methode, mit der Cohen zu seinen 521 Etymologien kommt[33]. Darüber hinaus bemängelt er die Intranzparenz der Sprachennamen, da Cohen manche Formen oft nur mit ‚BERB.’ bezeichnet, und kommt zu dem Ergebnis, „daß das Werk von Marcel Cohen für die vergleichende Hamitosemitistik wohl keinen sehr großen Fortschritt bedeutet. Jedenfalls ist das Werk von Franz Calice dadurch in keiner Weise überholt, denn dieses ist durch besondere Art der Darstellung und durch die kritische Sichtung des Stoffes (...) ein wirklich brauchbares und (...) recht verläßliches Handbuch“ (Hintze 1951:87). Inzwischen ist auch dieses einer strengen Prüfung durch Vycichl (1958) und Rössler (1966) unterzogen worden, und weist große Mängel in der historischen Lautlehre für das Berberische und Kuschitische auf (vgl. Sasse 1981:136). Cohen muss man jedoch zu Gute heißen, dass er „zum ersten Mal regelmäßige Lautentsprechungen zwischen den einzelnen Untergruppen festzustellen“ (Sasse 1981:135) versuchte. Auch nimmt Cohen erstmals, im Gegensatz zu Fr. Müller[34] u.a., die dreiradikaligen Wurzeln als gemein semito-hamitisch an[35], was Rössler (1950) bestätigt[36].
Cohen gelang es jedoch nicht, die Hamitenhypothese (aus der Welt zu schaffen / zu beseitigen?)[37]. Hohenberger (1958) hielt daran fest, dass das Maasai hamitisch sei, was Tucker / Bryan (1956) bekräftigten, indem sie das Maasai und ihre Verwandten als ‚Nilohamitisch’ klassifizierten, obwohl Köhler (1955) alle diese Sprachen schon dem ‚Nilotischen’ zugeordnet hatte (vgl. Sasse 1981:136). Heute wird aber nicht mehr bestritten, dass es eine hamitische Familie in Abgrenzung zu den semitischen Sprachen nicht gibt[38].
4. ...zum Afroasiatischen
Eine neue Sichtweise zum oben dargelegten Fragenkomplex gab Joseph H. Greenberg in einer Serie von Artikeln (1949-54), zusammengefasst (1955) als Studies in African Linguistic Classification und als revidierte und erweiterte Ausgabe The Languages of Africa (1963). Seine genetische Klassifikation[39] beruht auf der Methode des mass comparison[40], welche ihn zu neuen Ergebnissen kommen lässt, die nicht nur die Ostafrikanischen Sprachen betreffen. er verschaffte der Schwesterfamilien-Hypothese den endgültigen Durchbruch (Sasse 1981:136), indem er die verwandtschaftlichen Verhältnisse innerhalb der hamito-semitischen Familie klar stellte, und für sie den neuen Namen Afroasiatic (Afroasiatisch) vorschlug, um auf die Bezeichnung Hamitisch ganz verzichten zu können[41]. Der Hauptkritikpunkt Greenbergs richtet sich an Meinhofs Methode der, wie wir gesehen haben, ausschließlich typologische Kriterien, vornehmlich das vorhanden sein von grammatischen Geschlecht, für die Aufnahme in seine hamitische Gruppe herangezogen hat[42], so schlichen sich ganz ‚unhamitische’ Sprachen wie Ful und Nama in seine Aufstellung hinein.
Das Ful[43] kritisierte Greenberg, wie schon vor ihm Zyhlarz, Vycichl, Rössler und Westermann, als Westatlantisch, das Nama resp. das Hottentottische[44] verbindet Greenberg mit den Buschmannsprachen und gibt der so neu entstandenen Familie den neuen Namen Khoisan-Sprachen[45]. Weiterhin spricht er sich dafür aus, dass die nilotischen und nilohamitischen Sprachen zu einer Gruppe zusammengefasst werden[46], ebenso die tschadischen und die tschado-hamitischen Sprachen[47], um dadurch das Maasai aus dem Hamitischen auszugrenzen, das Hausa, resp. das Tschadische hingegen mit ein zu beziehen, und auch auf diese Weise den Begriff Hamito- bzw. –hamitisch ganz zu meiden. Allerdings führen die Hauptvertreter der entsprechenden Bezeichnungen (Tucker/Bryan für Nilo-Hamitisch, J. Lukas für Tschado-Hamitisch[48]) die Verwendung dieser fort. Erst mit der Klassifikation der Tschadischen Sprachen von Newman/Ma (1966) erfuhr diese Sprachfamilie Anerkennung (vgl. Mukarovsky 1981:521).
Demnach kommt Greenberg, ganz in Anlehnung an seine Vorgänger Lottner (1860/61) und Cohen (1947), im Sinne einer Schwesterfamilien-These zu folgender Einteilung des Afroasiatischen: (1) Semitic, (2) Berber, (3) Ancient Egyptian, (4) Cushitic, (5) Chad (Greenberg 1949:55; 1963:48).
Da seit Greenberg und seiner Methode der mass comparisons die Typologie in den Afroasiatischen Sprachen zugunsten genetischer Klassifikationen, in den Hintergrund getreten ist, schreibt K. Petráč ek (1978) in einem Konferenzbeitrag La typologie et la linguistique chamitosémitique, zur Verteidigung der Typologie:
„Certes les méthodes de la typologie ne sont capables de remplacer les méthodes de la linguistique génétique ni dans la reconstruction des protoformes ni dans la definition d’une famille linguistique en termes généalogiques, mais elles sont utiles à l’études de lastructure de la langue en générale (les types des langues), à l’étude du type linguistique des langues aparentées et enfin aussi à leur classification. [...] Il faut ajouter la position de Benveniste (1954) que les critères typologiques peuvent aider pendant la classification d’une famille généalogique des langues mais qu’ils ne sont pas capables de prouver qu’une certaine langue appartienne à cette famille“ (Petráč ek 1978:55,57).
5. Neue Studien
5.1 Neue Bezeichnungen
Wie Greenberg voraus gesehen hatte[49], wurde seine Klassifikation, bzw. die von ihm eingeführte Bezeichnung Afroasiatic nicht von allen Linguisten übernommen, bzw. anerkannt. Einige Linguisten blieben bei der alten Bezeichnung Hamito-Semitisch (Mukarovsky 1966), bzw. Semito-Hamitisch (Diakonoff 1965, Petráč ek 1972); Tucker (1967) übernahm[50] den von Reinisch (1873) eingeführten Begriff Erythräisch[51], und einige modellierten den Terminus Afroasiatisch zu Afro-Asian (Albright-Lambdin 1970), bzw. Afrasian (Dolgopolsky 1973, 1988) um (zu den diversen Bezeichnungen vgl. Hodge 1976). Hodge (1972) gebraucht eine völlig neue Bezeichnung, Lisramic, von Proto-Afroasiatisch *lis ‚Zunge, Sprache’ und Äg. *rā mə č ‚Leute’, unter der er sechs Gruppen von Sprachen auffasst: Semitisch, Ägyptisch, Kuschitisch, Omotisch, Berber und Tschadisch. Hodge betont auch die Bedeutsamkeit des Terminus Phylum, der anders als der Begriff Familie auf eine Gleichstellung der Untergruppen hindeutet[52].
Vor 1980 war eine gewisse geographische Vorliebe für bestimmte Bezeichnungen festzustellen: Semito-Hamitisch wurde in Osteuropa verwendet, Hamito-Semitisch hingegen im restlichen Europa. Die noch relativ junge Bezeichnungen Afroasiatisch und Erythräisch wurden an ihren jeweiligen Entstehungsorten (USA and School of Oriental and Asian Studies, London) gebraucht (vgl. Hodge 1976: 43). Heute ist der Terminus Afroasiatisch überall anerkannt und wird von den meisten Linguisten auch außerhalb der Afrikanistik verwendet.
5.2 Neue Klassifikation
In den letzen dreißig Jahren hat man versucht einen Stammbaum zu erstellen, der die Abspaltung der einzelnen Untergruppen von der Protosprache aufzeigen soll. Paul Newman (1980) deutet auf dieses Vorhaben hin, startet selbst jedoch keinen Versuch dergleichen[53]. Er schlägt eine dreiteilige Struktur des Afroasiatischen vor[54], die Fleming (1983) übernimmt.
Fleming revidierte die Schwesterfamilienhypothese im Afroasiatischen grundlegend, indem er drei Primärgruppen (Semitic, Erythraic, Old East African Cushitic), die zusammen das Proto-Afroasiatische bilden, neben das vor-/frühgeschichtlich abgepaltene Omotische stellt, die wiederum eine pre-proto-afroasiatische Gruppe bilden. Da diese Hypothese die letzte ist die hier vorgestellt werden soll, –mir sind keine jüngeren Klassifikationsversuche des Afroasiatischen bekannt–, lasse ich die Annahmen Flemings ins seinen eigenen Worten folgen.
„It follows from the revision of premises #9 and #10 that Afroasiatic theory is also revised. Where five or six coordinate branches were conceived before, there are now three primary clumps or major sets od daughters in addition to the evidently divergent Omotic clump. Semitic is one, South Cushitic is another, while Egyptian/Beja/Cushiopian altogether make up a third. Were it not for lingering racist connotations and anti-racist passions the old term „Hamitic“ could be used for the third clump. Instead I revive Tucker (1967a) and Bryan’s apt term „Erythraic“. As a revisionist needs allies, so I report happily that the new scheme has support at three points. First, „Chadoberber“ equals a new cluster called „Libyco-Chadic“ which Paul Newman proposed in 1980. We pursued different lines of evidence, ignorant of each other’s conclusions. At this point too Herrman Jungraithmayr indicated at our conference that he supported some special Berber-cum-Chadic hypothesis. Secondly, the leading comparative grammarian of Cushitic, Robert Hetzron, independently concluded, that Beja should be split from Cushitic, while setting up Agau-cum-Highland East Cushitic as one branch and Southern-cum-Lowland East Cushitic as a second. His demolition of traditional Cushitic was announced at S.O.A.S. in London in 1977 on the same day that I announced mine there! At that time neither of our theories were well-formed; his came out at SUGIA this year (Hetzron 1980). Third, Paul Newman’s total revision of Afroasiatic stipulates that Libyco-Chadic is one branch, Egypto-Semitic is a second and Cushitic (all but Western) is a third. He excludes Omotic entirely from the Afroasiatic phylum! A glance at my dendroidogram (Figure 1) will show, I think, just how close the two hypotheses are infact. Contrarily, I firmly believe, that Omotic ist he first bud off from Proto-Afroasiatic and that Egyptian is definitely closer to Chadoberber (Libyco-Chadic), especially Berber, than to Semitic. But our agreements are striking!
Hetzron and I agree about excising the northern and southern sectors from the middle of Cushitic. We agree in setting Beja free from Cushitic and in keeping Agau and Eastern as the central focus of that steadily-shrinking „branch“. We differ mostly in joining Burji-Sidamo (Highland East Cushitic) to Lowland East Cushitic, but at least as a coordinate. none of the Cushiticists, as far as I know, have finished their analyses of the flood of recent data from Kenya and Tanzania. Much yet will be revised. Traditional Cushitic contained at least three majro Afroasiatic descent lines and everyone has underestimated the diversity and age the Cushites in eastern Africa“ (Paul Newman 1983: 23, f.).
6. Zusammenfassung
Es stellt sich heraus, dass eine Verwandtschaftliche Beziehung zwischen den Berbersprachen und den semitischen Sprachen bereits 1800 vermutet wurde, konkrete Sprachdaten, die diese Behauptung bestätigen, wurden erst 1845 von F. Newman geliefert, er erwähnte auch an gleicher Stelle die Verwandtschaft des Hausa mit den semitischen Sprachen, sowie den Berbersprachen. Diese Tatsache wurde jedoch lange Zeit bestritten. Im Jahr zuvor zeigte Th. Benfey die Verwandtschaft des Ägyptischen mit dem Semitischen auf und H. Ewald bemerkt die Verwandtschaft des Saho (Kuschitisch) mit dem Semitischen. Eine große Sprachfamilie, die die einzelnen Untergruppen miteinander vereint, wurde erstmals von C. Lottner postuliert, der allerdings das Hausa, resp. Tschadisch ausschließt. Er begründete auch die Schwesterfamilien-These. Diese These der gleichberechtigten Familien unter einer größeren Familie wurde durch die Verbreitung der hamitischen These Unterbrochen, die sich nicht an genetischer Verwandtschaft orientierte, sondern typologische Merkmale, in erster Linie grammatisches Geschlecht, in den Vordergrund stellte und so die hamitischen Sprachen den semitischen gegenüberstellte, die zusammenfassend als hamito-semitische Sprachen bezeichnet wurden. Leider ist diese These stark mit rassistischem Gedankengut durchdrungen, das den ‚kaukasoiden’ Menschentyp’ als höher entwickelt darstellt, weil er grammatisch nach Geschlechtern trennt. Für die hamitische These wurden auch nicht-linguistische Kriterien, wie Haarwuchs, Schädelform oder Nasenform herangezogen. Die Schwesterfamilien-These setzte sich schließlich durch, vorangetrieben durch M. Cohen und J. Greenberg, der betonte, das nur linguistische Kriterien für eine Klassifikation herangezogen werden können und das der Begriff Hamito-Semitisch eine negative Konnotation hervorruft und deshalb zu vermeiden sei.
Auch Greenbergs These, die endlich das Tschadische in die neue bezeichnete afroasiatische Familie mit aufnimmt, wurde revidiert. Auf Grund neurer Methoden wurde von P. Newman und H. Fleming eine prinzipielle Dreiteilung vorgeschlagen, die das Omotische als erste Abspaltung von der Proto-Sprache betrachtet.
Die übrigen Familien wurden in eine erythräsche (Berber, Tschadisch, Ägyptisch, Beja, Zentralkuschitisch), eine semitische und eine südkuschitische (Alt-ostafrikanisch-kuschitisch) Gruppe untergliedert, was ein historisch-hierarchisches Stammbaummodell darstellen soll. Dies ist nach meinen Kenntnissen der aktuelle Stand der Forschung. Zwar wurden andere Bezeichnungen, wie Afrasisch, Erythräisch oder Lisramisch erprobt, doch haben sie keine allgemeine Anerkennung erfahren und auch die These einer Dreiteilung des hier besprochenen Phylums hat sich bis heute nicht durchsetzen können. Der Begriff Afroasiatisch von Greenberg ist dagegen weitgehend anerkannt und wird in den mir bekannten Literaturen aus jüngster Zeit dementsprechend verwendet.
Literaturverzeichnis:
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In: Hodge, Carlton T. (Hrsg.). Afroasiatic – A Survey. Janua Linguarum, Series Practica, 163. Mouton, The Hague and Paris. S. 96-118.
Beke, Charles T. 1845. On the Languages and Dialects of Abyssinia and the Countries of the
South. In: London Philological Society. Band II. Nummer 33. April 25, 1845. S. 89-96.
Benfey, Theodor. 1844. Ueber das Verhältnis der ägyptischen Sprache zum semitischen
Sprachstamm. F. A. Brockhaus, Leipzig.
—. 1846. Lexicon der Galla-Sprache verfaßt von Carl Tutschek, herausgegeben von Lorenz
Tutschek. LIX 205 S. 1845; Dictionary of the Galla-Language compiled by Lawrence Tutschek M. D. Part II. IV. n. 126 S. 1845; A Grammar of the Galla-Language by Charles Tutschek ed. by Lawrence Tutschek M. D. VII n. 91 S. [Rezension]. In: Göttinger Gelehrten Anzeigen. Band 3. S. 1444-1456.
—. 1869. Geschichte der Sprachwissenschaft und orientalischen Philologie in Deutschland.
Geschichte der Wissenschaften in Deutschland, Neuere Zeit, Band 8. Literarisch-artistische Anstalt der J. G. Cottaschen Buchhandlung, München.
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[1] „Er galt bald als großer Kenner des Äthiopischen, so daß ihn, als er gerade mit dem Studium fertig war, selbst Professoren wie Samuel Borchart (1599-1667) und später Johann Heinrich Hattinger um Rat fragten“ (Tubach 2001:16).
[2] „ein Theologe, der mit der kirchlichen Tradition Äthiopiens bestens vertraut war und aus einer amharischen Adelsfamilie stammte“ (Tubach 2001: 18).
[3] Diese Annahme schlägt sich in der franz. Berberologie nieder, in der man von einem Singular, ‚la langue berbère’ spricht.
[4] Die bislang unveröffentlichte Habil.-Schrift von Otto Rössler, Die Sprache der Kanarier (1941) ist 2001 posthum in einer Festschrift zu seinem 10. Todestag erschienen.
[5] Die Syntax geriet etwas zu kurz, was aber nach der Meinung des Rezessors (Benfey) nicht verwunderlich ist, da die Informanten noch Kinder waren, als sie ihrer Heimat entrissen wurden (vgl. Benfey 1846: 1449).
[6] „Besonders erschwert wird die Benutzung seiner Publikationen weniger durch seine inkonsistenten Transkriptionen, als vielmehr durch die Vermengung von Sprachbeschreibung, historischen Spekulationen und typologischen Aussagen“ (Sasse 1981: 189).
[7] „Die sog. kuschitische Konjugation (d. i. die sekundäre Suffixkonjugation, die mit einem präfigierend (Konjugierten Hilfsverb gebildet wird) ist ihm jedoch verborgen geblieben, obwohl er die Formen anführt und sich um eine Erklärung bemüht. Bemerkenswerterweise hat ihn gerade diese Besonderheit, die jetzt als sprachstammkonstituirende prokuschitische Innovation gilt, dazu bewogen, eine frühe Abtrennung „vom gemeinsamen Stamme“ (S. 4416) anzunehmen“ (Voigt 1995: 5).
[8] „an extreme version ist hat the Beja are the direct descendants of the ancient Egyptians“ (Palmer 1971: 85).
[9] „the evidence she provides is only partially linguistic, and the linguistic evidence is flimsy – a small number of words to indicate correspndences, some tribal names and a few morphological features“ (Palmer 1971: 85).
[10] We have already seen that one of his (Greenberg’s) Khoisan languages, Hatsa, is regarded as possibly Cushitic by Tucker (1967). This is , howerver, not evidence fort he relationship since Tucker denies any resemblance between Hatsa and the neighbouring languages Sandawe, and the latter he is prepared to accept as Khoisan. There is however one further point, that one of the Cushitic languages found in Kenya, Sanye (Dahalo), which Tucker regard as ‚orthodox’, has click consonants (Dammann 1950, Tucker 1967), a feature otherwise associated with Bushman and Hottentot“ (Palmer 1971: 86).
[11] Für Schlözer waren „in der Jugend der Welt (...) Syrer, Babylonier, Hebräer, und Araber (...) ein Volk. Auch Phönizier (Hamitien) redeten diese Sprache, die ich die Semitische nennen möchte“ (Schlözer 1781:161).
[12] H.-J. Sasse (1981) nennt Fr. Müller (1866) als erste Belegung des Begriffs Hamito-Semitisch. 1867 ist zwar tatsächlich ein Bericht der Reise der österreichischen Fregatte Novara um die Erde in den Jahren 1857, 1858, 1859 erschienen, mit linguistischer Teil von Fr. Müller, doch führt ihn sasse nicht in seinem Literaturverzeichnis mit auf, sondern nur Müllers opus magnum (1886), von daher richte ich mich nach den Angaben von P. Newman (1980) der Benfey (1869:683) als erste Belegung des Begriffpaars nennt.
[13] „Kurz, es scheint der Beweis geliefert zu sein, daß das Berberische ein hebräo-afrikanische Sprache, wie das Ghyz und das Amharische ist. Bei einer enormen Verschiedenheit im Vokabularium ist doch der Genius der Sprache durchaus derselbe; und nehmen wir grammatische Eigenthümlichkeiten zum Führer, so rechtfertigen wohl die in dieser Beziehung befolgten Grundsätze den Schluß, daß die Berbern von alter Zeit her mit den Canaanitern und Äthiopiern blutsverwandt sind“ (F. Newman 1845:646). Da Newman ebenfalls die Begriffe Syro-Arabisch und abyssinische Sprachen verwendet, sollte man hier eher von einer geographischen Zuordnung ausgehen, die heute mit den Begrffen afro-asiatisch und afrasisch wieder an Bedeutung gewinnt (vgl. Voigt 1995:3).
[14] „Eine nur sehr geringe Anzahl von Zeit- und Hauptwörtern der Haussa-Sptache haben Ähnlichkeit mit denen der hebräo-afrikanischen Gruppe. (...) Weit wichtiger ist die Ähnlichkeit, welche die Haussa-Sprache in den Pronominibus mit der Familie der hebräischen Sprachen überhaupt und in den Präpositionen und Demonstrativis mit der berbernsprache entfaltet“ (F. Newman 1845:648f.)
[15] „Zu einer richtigen Einsicht in das gegenseitige Verhältniss kann [] nur eine Gesamtvergleichung dieser Sprachen führen. Diese habe ich in diesem ersten versuch begonnen. Er beschränkt sich aud die Gegeneinanderstellung der wesentlichen flexivischen Formen. Sein Resultat ist, dass die ägyptische Sprache in dieser Rücksicht auf einer und derselben Basis mit den semitischen steht, dass aber diese beiden Seiten der e i n e n, ihnen zu Grunde liegenden, Muttersprache sehr früh, noch lange vor Fixierung der allermeisten flexivischen Formen, sich von einander detrennt und die gemeinschaftlichen Bassen individuell weiter entwickelt haben“ (Benfey 1844:VIf.).
[16] „The three sisterfamilies of the Semitic are the Saho-Galla, the Berber, and the Egyptian. [...] Thereby we are forced, in order to expressthis particular relatinship, to introduce into linguistic science the new term of sisterfamilies“ (Lottner 1960/61:21,26).
[17] „I especially most distinctly deny an assertion, which of late has been very confidently made, that the Houssa exhibits certain Semitic features. The only points of resemblence which can possibly be brought forward, is the existence of two genders. This distinction however, but is moreover effected by means entirely different from the Semitic. Neither in grammar, nor in verbal roots, nor in pronouns, is any resemblence with the Semitic to be found“ (Lottner 1860/61:114).
[18] P. Newman (1980) präsentiert sehr schön die diversen Positionen von Tschadisten, Afrikanisten und Afroasiatisten in einem Aufsatz The classification of Chadic within Afroasiatic. Besonders bemerkenswert ist vor allem, dass Westermann in der Einleitung zu Bargery’s Hausa-Wörterbuch Hausa als Hamitisch klassifiziert, einige Jahre später dies allerdings ‚vergisst’, und Hausa zur Innersudanischen Gruppe der Sudansprachen zählt (vgl. P. Newman 1980:173,186).
[19] „But at least the fact of the Chadic / Afroasiatic relationship can now be taken as established“ (ibid.:188).
[20] Newman plädiert, wie Fleming (1983), für eine Dreiteilung des Afroasiatischen (vgl Kap. ), jedoch ohne die Omotischen Sprachen. „I do not consider the Omotic languages (Greenberg’s „Western Cushitic“) to be Afroasiatic at all“ (ibid.:188).
[21] „Diese höher begabte Rasse, (die sich von hier aus verbreitete), war noch in der verhältnismäßig späten Zeit (etwa 10 Jh.), in welcher die merkwürdige Völkertafel des Genesis abgefaßt wurde, so in sich gegliedert und als zusammenhängend erkennbar, daß der Verfasser derselben sie als eine, die ganze damals beachtenswerthe Welt umfassede Familiendescendenz auffassen und genealogisch darstellen konnte. [...] Die Tafe umfasst nur die damalig civilisierte Welt und diese deckte sich mit der Noachischen Völkerfamilie (...), welche die Semitien, Hamiten und Japhetiten (Indogermanen) als aus einer Wurzel hervorgegangen zusammenfassen soll“ (Lepsius 1863:XXIVf.).
[22] „Was das geschichtliche Moment betrifft, so hebe ich nur hervor, daß von allen Völkern der Erde nur diese drei Stämme sich als diejenigen abheben, welche die innere Kraft besaßen, eine Menschen-Geschicht zu schaffen, und ihre fortschreitende Entwicklung seitdem bis jetzt und wahrscheinlich für alle Zukunft an sic zu fesseln. Alles was vor und nebem dieser neuen dreigetheilten Völkerquelle von anderen Stämmen und Rassen lag und noch liegt, gehört zu dem vorgeschichtlichen Völker-Humus, der ohne eigenes Licht und Wärme, nur von diesen allein geschichtlichen Völkern bestrahlt, erwärmt und verwendet wird“ (ibid.:XXIV).
[23] „Es wird nicht in Abrede zu stellen sein, daß alle höhere volkliche Entwicklungsfähigkeit von einer vertieften sittlichen Grundlage ausgehen mußte, welche zum großen, wenn nicht größten Theil zunächst in der Familie ihren Ausdruck findet. Es ist aber vornehmlich die Unterscheidung und Scheidung der Geschlechter, und ihre vorwaltend sittliche Ordnung und gegenüberstellung der Ehe, worauf dei Familie beruht. Hierin, meine ich, haben wir den psychologischen Grund zu suchen für die sprachliche, auf diesen Dreistamm beschränkte Erscheinung der grammatisch unterschiedenen Geschlechter“ (ibid.:XXVI).
[24] Die Misch-Negersprachen kennzeichnen sich nach Lepsius dadurch aus , dass sie keine Klassenpräfixe im eigentlichen Sinn mehr besitzen, und wenn, dann nur noch rudimentär. Dies sei auf Grund der ‚Vermischung’ mit den hamitischen Sprachen zurückzuführen.
[25] „Friedr. Müller in seinen verdienstvollen Werken über Ethnologie und über Srachwissenschaft legt besonderes Gewicht auf den Haarwichs und theilt die sämmtlichen Völker in Büschelhaarige, Vließhaarige, Straffhaarige und Lockenhaarige, oder noch allgemeiner in Wollhaarige und Schlichthaarige“ (Lepsius 1880:IV).
Auch Müller teilt die hamito-semitischen Sprachen in eine semitische und hamitische Stammsprache, wobei er die letztere nochmal in eine ägyptische Gruppe, eine lybische Gruppe und eine äthiopische Gruppe untergliedert (vgl. Müller 1886:225ff.)
[26] „Mich hatten die Gründe, welce für die Stabilität des Haarwuchses angeführt worden sind (...) nicht überzeugen können“ (Lepsius 1880:V).
[27] „Ich bin sogar zu der Überzeugung gekommen, daß die Entstehung der Bantuprachen sich am einfachsten so erklärt, daß eine dem Ful ähnliche Sprache als Herrenvolk unter Nigritiern auftrat und sich nigritisches Sprachgut assimilierte“ (Meinhof 1912:2)
[28] Meinhof hielt auch die Begriffe ‚Nuba-Fula’ von Müller und ‚nilotisch’ für unhaltbar, „mit dem etwa ebensoviel anzufangen [sei], wie mit dem Begriff „Donausprachen““ (ibid.:3)
[29] „Die Loslösung der einzelnen Sprachen vom gemeinsamen Grundstocke ging derart vor sich, dass sich zunächst die Grundsprache in zwei Dialekte spraltete, von denen der eine als hamitische, der andere als semitische Stammsprache bezeichnet werden kann“ (Müller 1886:225).
[30] „Le chamito-sémitique. — la famille considéré ici sous ce nom se compose de quatre groupes: sémitique, égyptien, berbère, couchitique“ (M. Cohen 1947:43).
[31] „Si on ne considère pas que les caractéristiques personelles, on doit reconnaître que le haoussa et son groupe présentent des concordances frappantes avec le chamito-sémitique; (...) Il s’imposait donc de ne pas exclure le haoussa d’une recherche lexicale“ (ibid.:44f.).
[32] „Il faudrait, ce que n’a pas été fait, examner avec quel groupe chamito-sémitique le haoussa paraît mntrer plus d’affinité“ (ibid.:51)
[33] „Um diese Wortvergleichungen zu finden, hat C. folgendes Verfahren gewählt: Zunächst wurde eine Liste der wichtigsten Ding- und Tätigkeitsbezeichnungen aufgestellt, die man als Kernstück des Vokabulars jeder Gesellschaft ansehen kan (z.B. Körperteile, der Mensch und seine sozialen Verhältnisse, Nahrungsmittel, Tiere, Pflanzen, wichtige Tätigkeiten usw.). (...) Diese Ausdrücke wurden dannin den Wörterbüchern der einzelnen Sprachen aufgesucht und wenn es angängig schien als als etymologisch urverwandt angenommen. (...) Diese Methode erleichtert zwar ein systematisches Arbeiten, sie birgt aber auch große Gefahren in sich, denen C. oft erlegen ist: es liegt nämlich die Versuchung nahe, auch beibloßer lautlicher Änlichkeit der Entsprechungen in den einzelnen Sprachen etymologische Zusammengehörigkeit anzunehmen“ (Hintze 1951:68f.).
[34] „Die Wuzel kann sowohl ein- als auch mehrsilbig auftreten. Der den semitischen Wurzeln eigenthümliche triliterale Bau ist hier unbekannt“ (Müller 1886:226)
[35] „So glaubt C., daß auch für das älteste durch die Vergleichung erreichbare Stadium des Semitohamitischen die Wurzel als dreiradikalig angenommen werden muß; er sieht in den zweiradikaligen Wurzeln [] Verstümmelungen aus ehemals dreiradikaligen“ (Hintze 1951:71).
[36] „Die verbreitete und beliebte Vorstellung von den – im Gegensatz zu den semitischen – (noch) e i n s i l b i g e n hamitischen Wurzeln ist falsch“ (Rössler 1950:463f.).
[37] „Sie mußte insbesondere in Fällen von Randsprachen, deren Verwandtschaftsverhältnisse nicht auf den ersten Blick eindeutig schienen, immer wieder für Klassifikationen herhalten, war doch mit ihr die Vorstellung einer diffusen verwandtschaftlichen Beziehung verbunden, die nicht exakt nachgewiesen zu werden brauchte“ (asse 1981:136).
[38] „Howeever, the studies of the past ten or fifteen years, especially the works of M. Cohen, G. Castellin, J. Friedrich, J. H. Greenberg, a. Klingenheben, D. A. Olderogge, O. Rössler, W. Vicychl, a.o., have shown that no „Hamitic“ linguistic family (or branch of family), as contrasted to a „Semitic“ one does exist“ (Diakonoff 1965: 9).
[39] „It is the common-sense recognition that certain resemblences between languages can only be explained on the hypotheses of genetic relationship“ (Greenberg 1949a:79).
[40] „There are three fundamentals of method underlying the present classification. The first of these is the sole relevance in comparison of resemblances involving both sound and meaning in specific forms. (...) The second principle is that of mass comparisons between pairs of languages. the third is the principle that only lnguistic evidence is relevant in drawing conclusions about classification“ (Greenberg 1963:1).
[41] „The vageness of the use of the term Hamite as a linguistic term and its extension as a racial term for a type viewed primarily as caucasoid, has led to a racial theory in which the majority of the native population of Negro Africa is considered to be the result of mixture between Hamites and Negroes. [...] If the linguistic analysis presented here is correct, the term Hamite as a linguistic designation can only be applied correctly in Negro Africa to the Cushite populations of East Africa and the peoples enumerated above as speaking the Chad languages. As a matter of fact, even the linguistic use if the ter Hamite should be abandoned. [...] I rather hesistantly suggest the name Afroasiatic for this family as the only one found both in Africa and Asia“ (Greenberg 1949b:55ff).
[42] „The basic criticism of Meinhof’s method is simply that it does not lead to genetic classifications. It is primarily typological with evolutionary overtones“ (Greenberg 1949a:81).
[43] „Fulani has already been considered and rejected in an earlier essay in this series. There it was seen that concrete resemblances to the Hamito-Semitic languages were almost completely absent, while the evidence adduced pointed unmistakebly to inclusion in the West Atlantic branch of the Niger-Congo family“ (Greenberg 1949b:48).
[44] „The sharing of this fundamental pattern in which the clicks function in a special role is powerful evidence for the relation of Bushman and Hottentot. If we add the vocabulary resemblances and the presence of similar verb tense afformatives, the ecidence for this connection becomes overwhelming“ (Greenberg 1949b:49).
[45] „Schapera’s convenient term Khoisan, compoundet of the Hottentot’s term for themselves (Khoi) and their name for the Bushmen (San) will be used to refer to the group of physically, culturally, and linguistically distinctive peoples which formely at least, occupied all of the southern portion of Africa“ (Greenberg 1950:223).
[46] „Indeend the relationship between the Nilotic and the Nilo-Hamitic languages is so close that they must be considered as forming together a single subfamily of a wider group to which I apply the name Eastern Sudanic“ (Greenberg 1949b:48).
[47] „The bringing in of other languages of the lake Chad area greatly strengthens the case for the entire group of languages as forming a branch of Hamito-Semitic. (...) The Chad-Hamitic family is in my opinion, more extensive than that outlined by Lukas in his various discussions. [...] Hence I have avoided the term Chad-Hamitic and preferred to designate this group simply as the Chad family“ (ibid.:52, 57).
[48] „Lukas in dem von Westermann (1952) herausgegebenen Handbook of African Languages [beharrte] weiterhin auf der Teilung in Chado-Hamitic und Chadic languages []“ (Mukarovsky 1981:521). Lukas findet auch die Klassifikation der hamito-semitischen Sprachen anhand von grammatischem Geschlecht für berechtigt: „Es ist als das grammatische Geschlecht die den hamitischen Sprachen eigentümliche Art der Nominaleinteilung, die sie mit den Semitensprachen neben anderem gemeinsam haben. Seit Lepsius hat sich die deutsche Afrikanistik daran gewöhnt, in dem grammatischen Geschlecht das auffallendste Charakteristikum der Hamitensprachen zu sehen; sie ist dazu berechtigt, denn es zeigt sich, daß die Träger der hamitischen Sprachen von dieser in Afrika nur den Hamitensprachen eigentümlichen Nominaleinteilung nicht ablassen, und daß das grammatische Geschlecht stets vorgesellschaftet mit anderem hamitischen Sprachgut auftritt“ (Lukas 1937/38:288).
[49] „The term Hamito-Semitic is so well-entrenched that it will no doubt continue to be used“ Greenberg 1950a: 57).
[50] „Consequenly we have resuscitated the term ‚Erythraic’ (Tucker and Bryan 1966, 1), with due acknowledgement to Reinisch, as appropriate to this family of languages, situated as it is on both sides of the Red Sea, the latter thus playing the role of a hinge. Or, if one wishes to borrow an analogy from entomology, one could consider the Erythraic family as an enormous lop-sided butterfly pinned to a board, ist body constituting the Red Sea. This term is not withput its disadvantages, however, the main one being the possibility of confusion with the country of Erirea and its adjective Eritrean. Here again political implications could impinge“ (Tucker 1975: 473).
[51] „Ich gebrauche den Namen ‚südafrikanische Sprachen’ für die gruppe welche man bisher ‚Bantusprachen’ genannt hat. ...Ich gebrauche ferner den Namen ‚erythräische sprachen’ für die gruppe welche man bisher in die ‚semitischen’ und ‚hamitischen’ unterschieden hat. [...] Ein weiterer Beweggrund jenen Namen zu wählen, lag für mich in dem Umstande dass ich die Länder zu beiden Seiten der erythräischen Meeres in Folge von Gründen die ich im geschichtlichen Teil auseinander setzen werde, für die eigentliche Haimat der sogenannten semitisch-hamitischen Völkerfamilie ansehe [sic.]“ (Reinisch 1873: XV, f., zitiert nach Tucker 1975: 473).
[52] „It is preferable to refer to it as a phylum rather than a family. This reflects present knowledge vis-a-vis relationship, not the degree of relationship“ (Hodge 1976: 43).
[53] „One still has to work out a hierachic family tree structure for the phylum and determine where chadic should be placed in it“ (Newman 1980: 183).
[54] „My own impression at this point favor a three branch structure for Afroasiatic, each branch containing two members, namely, (1) Libyco-Berber (=Berber + Chadic), (2) Egypto-Semitic (=Egyptian + Semitic), (3) Cushitic (=Beja + „Narrow Cushitic“ i.e. the languages normally included under Central, Eastern, and Southern Cushitic). I do not consider the Omotic languages (Greenberg’s „Western Cushitic“) to be Afrasian at all. (The statement regarding Omotic was much more provocative that it had to be at the time. Since serious scholars who are knowledgeable about the area accept the classification of Omotic within Afroasiatic (...), I am prepared to accept it until further study indicates otherwise)“ (Newman 1980: 188).
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