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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 19 Pages
Author: Holger W. Körtge
Subject: African Studies
Details
Institution/College: Johannes Gutenberg University Mainz
Tags: Populäre, Literatur, Kenia, Neue, David, Benni, Kamba, Agenten-Held, Populäre, Afrikanische, Literaturen
Year: 2007
Pages: 19
Grade: 1,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-08961-1
File size: 214 KB
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Fulltext (computer-generated)
Populäre Literatur in Kenia: Der Neue David Maillu
— Benni Kamba 009 als afrikanischer Agenten-Held
Hausarbeit zum Seminar
Populäre afrikanische Literaturen
im Wintersemester 06/07
Institut für Ethnologie und Afrikastudien
Johannes Gutenberg Universität Mainz
vorgelegt von
Holger W. Körtge
Inhaltsverzeichnis:
1. Einführung. 3
1.1 Einleitung 3
1.2 David Maillu 3
2. Benni Kamba 009. 6
2.1 Der Held 6
2.2 Die Handlung. 7
2.2.1 Benni Kamba 009 in The Equatorial Assignment 7
2.2.2 Benni Kamba 009 in Operation DXT 7
3. Der neue David Maillu. 8
4. Benni Kamba 009 als afrikanischer Agent – Kopie oder Innovation?. 12
5. Zusammenfassung. 17
6. Literatur: 17
1. Einführung
1.1 Einleitung
David Maillu ist einer der erfolgreichsten Autoren Kenias, und der produktivste Schriftsteller in Afrika, wenn man bedenkt, dass über die Hälfte seiner Werke noch gar nicht publiziert sind. Seit seiner ersten Verlagsgründung hat man ihm jedoch immer wieder Steine in den Weg gelegt. Man warf ihm vor, obszöne, pornographische Literatur zu schreiben[1], und seine Bücher wurden in Tansania verboten. Andere haben seinen Erfolg allein der detaillierten Darstellung von Sexualität zugeschrieben.
Im folgenden möchte ich diese Ansicht widerlegen und anhand seiner in den 1980er Jahren veröffentlichten Romane Benni Kamba 009 zeigen, dass David Maillu ein bedeutender Schriftsteller ist, der ein ungeheuer kreatives Potential besitzt, und dass sein schlechter Ruf nur durch seine wenigen Werke der 1970er entstanden ist.
Darüber hinaus möchte ich die verbreitete Meinung entkräften, Benni Kamba 009 sei ein afrikanischer James Bond. Sicherlich hat er Ähnlichkeiten mit dem britischen Geheimagenten, und Maillu hat die Ziffer 009 nicht ohne Grund gewählt. Dennoch ist Benni Kamba ein Agent mit eigenen Charakterzügen und die Gleichsetzung mit den Romanen von Ian Fleming ist vermutlich nur durch die große Popularität der James Bond Filme entstanden.
1.2 David Maillu
David Gian Maillu ist wahrscheinlich der meist publizierte Autor Afrikas (Asego 2006). Er hat über 70 Bücher geschrieben, darunter Kinderbücher, Erzählungen, Prosa, Theaterstücke und Liedtexte. Er übersetzte englische Kinderbücher ins Kikamba, einer östlich von Nairobi gesprochenen Bantu-Sprache, und später auch Kikamba-Literatur ins Englische.
Beim Radio-Sender " Voice of Kenya" las er seine eigenen Gedichte. In der Kenya Times ist er mit einer eigenen Kolumne vertreten.
1992 erhielt er den " Kenyatta Prize for Literature" und 1998 wurde ihm der Ehrendoktor-Titel für " African Literature and Political Philosophy" von der St Clements University Süd-Australien verliehen.
Geboren wurde Maillu 1939 in Machakos, östlich von Nairobi. Schon in früher Kindheit war es Maillus Lieblingsbeschäftigung Geschichten zu erzählen und sobald er schreiben lernte, begann er diese aufzuschreiben (Lindfors 1979a).
Aufgrund der Schwierigkeit als afrikanischer Schriftsteller Beachtung zu finden und publiziert zu werden, gründete Maillu Anfang der 70er Jahre seinen eigenen Verlag Comb Books, von dem er seine ersten Erfolge Unfit for Human Consumption (1973), My Dear Bottle (1973), Troubles (1974) und After 4:30 (1974) drucken lies. Seine Themen waren gesellschaftliche Probleme oder Tabus, wie Alkohol und Sexualität, wobei seine direkte Art zu schreiben starke Kritik erfuhr. Niemand hatte zuvor die körperlichen und geistigen Dimensionen von Erotik und Alkoholismus in einer solchen Detailliertheit dargestellt.
Yet in East Africa no one before Maillu had written about such matters in quite the same way, with so much attention focused on the physiological and psychological dimensions of erotic and dipsomaniac behavior. It was no doubt this unusual “frankness,“ as Maillu terms it, that won him so many readers. He talked dirty in a new way (Lindfors 1991: 90).
Trotz der starken Kritik an seinem Schreibstil, die im Jahr 1976 zu einem Verkaufsverbot seiner Bücher in Tansania und dem Schließen seines Verlags führten, waren seine Geschichten sehr beliebt, und die Bücher hatten verhältnismäßig hohe Auflagen. Unfit For Human Consumption wurde allein bis 1979 drei mal neu aufgelegt und Troubles wurde mit einer Stückzahl von 50.000 gedruckt (Lindfors 1979a).
Nachdem Maillu 1979 seinen neuen Verlag David Maillu Publishers Ltd. gründete, mit dem er als erstes sein Werk Kadosa (1979) veröffentlichte, änderte er seinen Schreibstil. Er schrieb weniger offensiv, legte mehr Wert auf Zwischenmenschlichkeit in der Darstellung seiner Charaktere. Trotzdem setzte er sich weiterhin mit gesellschaftlichen und politischen Problemen in seinen Werken auseinander.
Seine Bücher werden jedoch nicht wegen der sexuellen Erlebnisse ihrer Charaktere gelesen. Manche junge Autoren führten Maillus Erfolg nur auf die sexuellen Seiten seiner Bücher zurück. Sie versuchten seinen Stil zu kopieren und hatten mit ihrer, an Pornographie grenzenden, Literatur wenig Erfolg. Ein Fragebogen seines eigenen Verlages hat ergeben, dass viele Leser seine Bücher aus anderen Gründen lesen[2].
You’d be astonished if you went through some of these questionnaires. People hardly talk about the sexy parts of my writing. But many other writers thought, “Well, if we write like this, we are going to get results.” But some of them have been complete failures. I have found, and I believe, that Africans are not interested in reading just sexy things. To them, sex is just one of the many things that make a human being. Writers who overdo the sex theme thus make a serious blunder (Lindfors 1979a: 88).
In seinen zwei Romanen Benni Kamba 009 in The Equatorial Assignment (Macmillan Pacesetters, 1980) und in Operation DXT (Heinemann, 1986)ist der Erfolg der Bücher kaum auf die sexuellen Anspielungen zurückzuführen. Vielmehr ist es die Identifizierung mit dem Protagonisten Benni Kamba, der die afrikanische Welt mit Durchhaltevermögen und westlichem James Bond-Charme rettet, die zu der großen Leserschaft geführt hat.
2. Benni Kamba 009
2.1 Der Held
Benni Kamba 009 ist ein Aktion-Held, nach der Vorlage von Ian Flemings: James Bond 007, und stilistisch eine Adaption der James Hadley Chase-Thriller (Lindfors 1991: 93). Colonel Benni Kamba 009 ist Geheimagent und operiert für den afrikanischen Geheimdienst National Intergrity Service of Africa, kurz NISA, dessen geheime Basis in der Sahara stationiert ist. NISA bekämpft Kräfte, die den afrikanischen Kontinent und seine Bewohner bedrohen und auszubeuten versuchen.
Die Person Benni Kamba ist der des britischen Geheimagenten 007 in vielen Dingen sehr ähnlich: Er hat die Lizens zum Töten, er zieht Frauen magisch an, und seine „Kambagirls“, die manchmal auch für den Gegenspieler arbeiten, verstehen es, ihn um den Finger zu wickeln. Benni Kamba fährt gern schnelle Autos, und begibt sich, manchmal auch ungewollt, in aussichtslose Situationen, und ist meistens an Ort und Stelle, wenn Hilfe gebraucht wird. Allerdings besitzt er auch Charakterzüge, die sein britischer Kollege nicht besitzt. Er ist nicht der coole, knallharte Geheimagent, wie James Bond ihn verkörpert; Benni Kamba hat in auswegslosen Situationen auch mal Angst um sein eigenes Leben. Außerdem kommt es bei ihm nicht mit jeder Frau die er trifft zum Geschlechtsakt (siehe 4.).
2.2 Die Handlung
2.2.1 Benni Kamba 009 in The Equatorial Assignment
The Equatorial Assignment ist der erste Auftrag von Benni Kamba 009 im Dienste von NISA. Er soll die Chengolama-Basis zerstören, deren Oberhaupt Dr. Thunder in allen afrikanischen Staaten Marionetten-Präsidenten einschleusen will, um die Staaten zu kontrollieren und auszubeuten. Dabei kommt ihm Colonel Swipta in die Quere, eine attraktive, dominante Frau, die ihn verführt und anschließend versucht durch eine Autobombe zu töten, was ihr jedoch misslingt. Benni Kamba erreicht die geheime Chengolama-Basis und findet Hilfe in der einheimischen Bevölkerung, die von dem neuen Chengolama-Präsidenten tyrannisiert wird. Sein Plan wird jedoch von Colonel Swipta vereitelt und er wird auf der Basis gefangen gehalten, wo er Dr. Thunder kennen lernt, und dessen zerstörerische Waffe ‚Thundercrust‘, ein Sprengsatz der sich erst tief in die Erde gräbt, bevor er detoniert. Mit dieser Waffe möchte Dr. Thunder die NISA-Basis zerstören, um seinen größten Widersacher zu vernichten.
Doch durch eine geschickte Taktik gelingt es Benni Kamba Colonel Swipta glauben zu machen, dass er sie liebt, und erschießt sie in ihrer Wohnung. Danach vernichtet er Dr. Thunder und lässt dessen Rakete auf der Chengolama-Basis detonieren.
2.2.2 Benni Kamba 009 in Operation DXT
Benni Kamba macht gerade Urlaub mit seiner neuen Liebe, Kristina, deren Leben er vor seinem ersten Auftrag in The Equatorial Assignment bei einem Autounfall gerettet hat. Während dessen wütet in Darba eine tödliche Krankheit, die durch die Droge DXT (Dhexaeto) ausgelöst wurde, ein allgemeines Mittel gegen Kopfschmerzen, Müdigkeit, Erkältung, das bei einer fünftägigen Anwendung ein Jahr gegen die Beschwerden vorbeugen soll. Es stellt sich jedoch heraus, dass die Patienten, die das Produkt eingenommen haben nach etwa zwanzig bis neunundzwanzig Monaten, einer Krankheit erliegen, die umgangssprachlich „Disconnector“ genannt wird. Die Muskeln entlang des Rückenmarks verkrampfen sich, was zu einer Durchtrennung des Rückenmarks, und damit zum Tod führt. Zusätzlich wird die Region von starken Magenproblemen, Herzflimmern und Zahnausfall heimgesucht. Recherchen haben ergeben, das ein bestimmter importierter Zucker, für die Beschwerden verantwortlich ist, und gleichzeitig ein populäres Medikament gegen Magenbeschwerden und Herzflimmern in Umlauf ist, das den Zahnausfall auslöst. Auffäligerweise wird der Zucker und das Medikament von der gleichen Firma hergestellt. Eben dieser Hersteller, Merritum and Co Limited soll auch das Medikament DXT in Umlauf gebracht haben. Und ein weiteres Schiff mit der gefährlichen Ladung ist unterwegs nach Afrika.
Benni Kamba fliegt nach London, um die Machenschaften des Vorsitzenden von Merritum and Co. Ltd., Mr O‘Tloot aufzudecken. Begleitet wird er von Jos Miksi dem Minister für Außenhandel. Nachdem sie die junge, attraktive Tochter Miss O‘Tloot kennen lernen, fliegen sie mit Mr und Miss O‘Tloot nach Merritum Island, dem Hauptsitz von Merritum and Co Ltd. Nachdem der erste Versuch Benni Kambas die Fabriken zu zerstören und O‘Tloot zu töten misslingt, und er gefangen genommen und gefoltert wird, schafft er es, sich zu befreien und seinen Auftrag zu erfüllen. Dabei verschont er Viora, die hübsche Adoptiv-Tochter von O‘Tloot, und flüchtet mit ihr von der Insel. Ein Bodyguard überlebt jedoch, entführt Viora und es kommt zu einem letzten Gefecht auf dem Frachter bevor dieser mit seiner gefährliche Ladung vernichtet wird.
3. Der neue David Maillu
„The New David Maillu“ ist ein Aufsatz von Bernth Lindfors (1991) betitelt, der das literarische Werk Maillus beleuchtet. Eine der Ansichten Lindfors ist, dass sich der Schreibstil Maillus dahingehend verändert hat, dass er weniger offensiv, weniger schmutzig und mit mehr Zurückhaltung schreibt:
If we compare Maillu‘s latest works with those he wrote and published during Comb Books‘ brief heyday, one change becomes apparent immediately: the dirty talk is gone. His heroes may be sexually active but they are not sexually obsessed, and their physical interactions with members of the opposite sex tend to be described with restraint, even reticence“ (Lindfors 1991: 90)
Diese Aussage lässt die Vermutung zu, das die Darstellung von Sexualität in Maillus Werk einen großen Stellenwert zur Bewertung dessen Popularität einnimmt.
Es ist zwar in der Tat so, das in den neueren Werken von David Maillu weniger die Sexualität im Vordergrund steht. Die Akteure haben zwar Verkehr mit Frauen, die Sexualität wird jedoch dem Leser nicht dargestellt, sondern nur angedeutet. Kann man aber aus diesem Grunde von einem neuen David Maillu sprechen? Hat sich denn Maillus Schreibstil verändert? Ich werde im folgenden aufzeigen, dass die Veränderungen in Maillus Werk und überhaupt der Erfolg seiner Bücher nicht auf die sexuellen Aspekte zurückzuführen sind.
Auf die Frage hin, warum seine Bücher ein so großes Publikum erreicht haben, antwortet Maillu:
People say that I hit the nail on the head, whatever that means. People say that they see themselves when they are reading the books; they can identify with situations and characters. Basically, I think there are three things that tend to make the books popular. Humor is one, frankness may be another, and some people say the books contain wisdom, but I don’t know what kind of wisdom that is (Lindfors 1979a: 87).
David Maillu ist in der Tat ein offensiver Schreiber, er spricht über die Probleme, über die man in Afrika meist ungern spricht. Sexualität, Trinksucht, gesellschaftliche Desorientierung und Korruption. Unter seinem ersten Verlagshaus Comb Books erscheinen Bücher, deren Protagonisten, in der Regel Männer aus dem öffentlichen Dienst in Nairobi, Sex mit vielen unterschiedlichen Frauen haben, und dabei oft nebenbei der Trinksucht erliegen. Auf Grund der Thematisierung von Sexualität wurden seine Bücher als pornographisch beschimpft, und sein Verlagshaus ging u.a. aufgrund des Verkaufsverbots in Tansania pleite, obwohl er mit seinem Schreibstil eine große Leserschaft in seinen Bann zog.
Die Unterstellung, das seine Bücher nur aufgrund der offenen Darstellung der Sexualität zu den, für afrikanische Verhältnisse, enormen Verkaufszahlen führten, ist nicht tragkräftig. Bei einem so produktiven Autor kann nicht nur die Thematik der Romane für deren Popularität ausschlaggebend sein, die sich ohnehin nicht nur auf Sex beschränkt, sondern Probleme aller Art des Großstadtlebens und des gesellschaftlichen Miteinander anspricht. Auch der Schreibstil scheint die Menschen zu bewegen. Sie können sich mit den Figuren identifizieren und deren Handlungsweisen nachvollziehen. Aus diesem Grund schreibt Maillu auch kaum über die Schönheiten des Lebens und macht keinen Hehl daraus, die Probleme anzusprechen, die Ostafrikaner bewegen.
It has not been my interest to dwell on the beautiful or to set my stories in the nicer Part of the town. I want to point on some of the issues that people have to deal with in live. (…) because can make a contribution to society, you must say something about what is happening in the world, what is happening to people in East Africa (Lindfors: 1979a: 87).
Wenn man die Liste der Publikationen Maillus betrachtet, fällt einem auf, das sich keineswegs nur Werke mit detailgetreuer Darstellung des geschlechtlichen Aktes darunter befinden. Maillu ist ein Autor mit vielen Fassetten. Er variiert nicht nur in der Wahl der literarischen Form, die Kurzgeschichten, Poesie, Theaterstücke und Liedtexte, sowie zweisprachige Literatur umfasst (Without Kiinua Mgongo, Maillu Publishing House: 1989; Swahili – Englisch).
Auch die Thematik seiner Bücher ist mit Kindergeschichten, religiösen, politischen, philosophischen, sowie gesellschaftskritischen Texten und Unterhaltungsliteratur sehr umfangreich.
“Maillu the moralist, Maillu the practical psychologist, Maillu the homespun philosopher, Maillu the comedian, Maillu the popular publisher, tries to provide the kind of stimulating entertainment that will the satisfy the mental hunger of his people and thereby help to sustain the “human life“ in Kenya“ (Lindfors 1991: 97).
David Maillu möchte mit seinen Büchern seine Leser unterhalten, und manchmal auch zur Einsicht ihrer Fehler bringen[3].
“I rather like to believe I am an educator as well as an entertainer and that my books have a moral purpose. Perhaps this is why so many people read them“ (Lindfors 1979a: 87).
Er probiert neue Formen aus, experimentiert sowohl mit seiner Kreativität, als auch mit den stilistischen Möglichkeiten der Literatur, und hat so die Grenzen seines Schaffens sowie der Literatur im allgemeinen weiter ausgedehnt als jeder andere Schriftsteller Afrikas.
“Perhaps the most encouraging sign of Maillu’s growth as a creative artist has been his willingness to experiment with new forms and new ideas. […]
Yet Maillu cannot be ignored in any systematic effort to understand the evolution of an East African literature, for he has extended the frontiers of that literature farther than any other single writer” (Lindfors 1991: 98).
Daher ist der ausschlaggebende Punkt, der zu der Popularität Maillus geführt hat nicht auf das Kriterium der sexuellen Darstellung zurück zuführen, sondern darauf, was und vor allem wie er schreibt.
Dass er in seinen Büchern der 1970er Jahre provozierender und offensiver schreibt, und sich in den neueren Werken in dieser Hinsicht zurückhält, ist wohl auch auf den Zeitgeist, aber vor allem auf das Alter Maillus zurückzuführen. Ein Autor wird keine Freude an seinem Schaffen finden, wenn er immer nur die gleiche Thematik und den gleichen Stil verwendet. Er ist darauf bedacht, sich zu entwickeln, neue Techniken auszuprobieren, seine Kreativität auszuschöpfen. Als junger Autor hatte Maillu gewiss eine andere Einstellung zur Gesellschaft und zur Literatur als heute. Seine Lebens- und Gesellschaftseinstellung hat sich im Laufe der Zeit entwickelt, und demenstprechend hat sich auch sein Schreibstil verändert.
Abgesehen davon wurden längst nicht alle Werke von David Maillu veröffentlicht. Solch eine Aussage ist natürlich nicht beweiskräftig und lässt sich nicht belegen. Was Maillu wirklich zu neuen Gedanken gebracht hat, lässt sich nur in einem Gespräch mit dem Autor herausfinden.
4. Benni Kamba 009 als afrikanischer Agent – Kopie oder Innovation?
Die beiden Romane Benni Kamba 009 in the Equatorial Assignment und Benni Kamba 009 in Operation DXT sind Musterbeispiele für die Experimentierfreude und die Kreativität Maillus. Benni Kamba 009 ist meines Wissens nach der einzige Agenten-Roman eines afrikanischen Schriftstellers, und der einzige, der augenscheinlich nach dem James Bond-Muster ‚gestrickt‘ ist[4]. Doch dies ist nur vordergründig der Fall. Auf den ersten Blick fällt die Doppel-Null ins Auge, was einen direkten Vergleich mit James Bond 007 nahe legt.
Die Benni Kamba Romane sind in erster Linie reine Unterhaltungsstücke, wobei es immer wieder Anspielungen auf gesellschaftliche, afrikanische Missstände gibt. Themen dieser Art sind Armut, Polygamie und natürlich, ‚white supremacy‘. Der letzt genannte Punkt spiegelt sich vor allem in den Antagonisten der Figur Benni Kambas wider, die entweder versuchen, den afrikanischen Kontinent mit schädlichen Medikamenten und Industrie-Monopolen auszubeuten, oder durch Marionetten-Präsidenten die Herrschaft in Afrika an sich zu reißen. Wobei der Gegenspieler in The Equatorial Assignment kein Weißer, sondern ein Schwarzer ist, aber dennoch durch seine ‚weißen‘ Charakterzüge als Beispiel für ‚white supremacy‘ herangezogen werden kann.
In Benni Kamba 009 sind kaum sexuelle Darstellungen vorhanden. Der Protagonist interessiert sich zwar für diverse Frauen, und hat auch Affären mit der einen oder anderen, aber es kommt in keinem Fall zur literarisch-expliziten Ausführung des Geschlechtsaktes. Maillu beschreibt die geschlechtlichen Annäherungen eher spielerisch denn pornographisch (Lindfors 1991: 94).
„The spent the night together in Kamba‘s flat. Very early in the morning, they swam far out to sea together. Obviously this girl was a powerful swimmer, too.
‘I expected you last night.’ Kamba shook the water from his head. They swam closely.
‘You know what?’ she said. ‘I’m swimming naked, come and feel me.’
He passed his hand over her breasts, then down there.
‘Beware of the small fish!’(...)
Their bodies slipped over each other. He kissed her and they sank into the water together and swam under it for a long distance, playing“ (Maillu 1980: 35).
Maillu deutet zwar das Geschlechtsspiel der beiden Charaktere an, geht aber nicht mehr so weit, wie in manch anderen seiner Bücher, den eigentlichen Akt in allen Einzelheiten zu beschreiben. Auch in anderen Passagen ist diese Tendenz spürbar, im zweiten Benni Kamba, der sechs Jahre später erschienen ist, noch viel mehr. Hier wird geschickt, wie ein Schnitt in einem Filmstreifen, der entsprechende sexuelle Teil heraus geschnitten.
„The sand felt nice and cool under his feet. Her beach dress fluttered gaily in the breeze now and again showing some parts of her that should, by someone with perfect tact, not be seen. To Kamba it seemed that he was destined to fall into the hands of mysterious powerful women.
‘Viora,’ Benni Kamba called her name.
‘Mmh?’ she grinned into the wind.
‘You are beautiful.’
She stopped walking instantly and stared at him. Fear cut through him that he might upset her. A thousand things ran through his mind.
[…]
He worried about what was going to come from her next. But all the same it felt good to be holding the hand of a wealthy girl. He felt something else, but he couldn’t yet describe what it was. He liked her perfume and her voice.
[…]
When Viora and Kamba returned from the walk, she invited him to her father’s mansion. This invitation, Benni Kamba appreciated, was the second landmark of his mission. As she took him round the rooms, he waited with fear in case she peeled herself down to the skin and asked him to kiss her, or even made a more expensive request.
‘If she asks me to kiss her,’ Kamba asked himself, ‘would I...?’
‘What?’ Benni interrupted. ‘Why would you not do it? You know what, old chap? A kiss is an opening to a larger home!’
[…]
‘Mmh!’ Benni Kamba said appreciatively. When Viora looked at him, he saw the reflection of the blue sea in her eyes. As they both stood silently on the verandah, it looked somehow as if each of them was playing a game of hide and seek with the other. (…)
‘But,’ Benni Kamba worried, ‘I wonder whether, of all the men Viora has met, she was waiting to fall in love with a black man? Whatever happens,’ he told himself while standing there, ‘I should not touch her.’
[…]
They had a drink together, silently, still trying to hide their thoughts from each other. Benni Kamba felt that she was waiting for something from him, something that didn’t come. Finaly she drove him back to his house before the storm started.“ (Maillu 1986: 91-92, 101-103)
In diesen etwas längeren Ausschnitten, wird vielleicht deutlich, wie Maillu die sexuelle Darstellung umgeht, und nur durch die Gedanken des Protagonisten dessen sexuellen Phantasien und Wünsche beschreibt.
Besonders interessant ist die Art und Weise, wie Maillu den britischen Agenten-Roman bzw. Agenten-Helden in einem afrikanischen Kontext umsetzt. Es ist nicht ausreichend, nur die Landschaft, das Klima und die Hautfarbe zu verändern. Wenn der Roman unter afrikanischen Lesern erfolgreich und beliebt sein soll, müssen die Wünsche und Bedürfnisse der Figuren den afrikanischen Hintergrund widerspiegeln, damit die Leser sich mit ihnen identifizieren können. Gleichzeitig muss die Geschichte aber auch einen Charme des Unbekannten und des Abenteuers ausstrahlen. Maillu gelingt es diese beiden Pole miteinander zu verbinden. Im folgenden sollen einige Beispiele angebracht werden, wie Maillu diese Schwierigkeit kreativ umsetzt.
Der britische Geheimdienst hat seinen Hauptsitz in London, Maillu distanziert sich von der Idee der Großstadt, da in afrikanischen Großstädten ein so enormes Bauvorhaben nicht leicht umzusetzen wäre, und auch nicht geheim gehalten werden könnte. Er entscheidet sich lieber für die menschenfeindliche Sahara, als über- und unterirdisches Geheimquartier.
James Bond fährt gerne schnelle und teure Autos. Benni Kamba fährt auch gerne schnell, doch da für die afrikanischen Straßenverhältnisse ein Sportwagen eher unvorteilhaft wäre, fährt er einen Citroën.
Maillu nutzt die korrupte politische Situation in einigen afrikanischen Staaten, und lässt einen afrikanischen Milliardär Marionetten-Präsidentschaften errichten, um die Herrschaft über den afrikanischen Kontinent zu gewinnen; nicht die Weltherrschaft.
Auch die Gesundheitssituation und die Angst vor tödlichen Krankheiten baut Maillu als Geschichtsgrundlage in seinen zweiten Benni Kamba 009 mit ein, sowie die Überproduktion und unwissende, nicht-sachgerechte Anwendung von Medikamenten.
Maillu verwendet bewusst eine andere Kennungs-Ziffer für den afrikanischen Agenten und betont den Symbolgehalt, der sich dahinter verbirgt:
Nach den Aussagen von Dr. Tripplo, der Chef des afrikanischen Geheimdienstes, haben die meisten Militärputsche im neunten Jahr der Unabhängigkeit ihrer Staaten stattgefunden, oder im 18., 27., 36., usw. Die 9 ist weiterhin ein Symbol für den Planeten Mars, für Eisen, für Unbesiegbarkeit, für Ambition, Energie, Führungskraft und Dominanz. Außerdem hat die Ziffer 9 die Eigenschaft, dass sie, wenn multipliziert mit einer anderen Ziffer immer ein Produkt ergibt, dessen Ziffern, wenn sie miteinander addiert werden, wiederum 9 ergibt. Auch ist sie die letzte Ziffer in der Nummerierung. Die Neun ist die Nummer des schwarzen Mannes und Afrikas, und bedeutet dessen letztendliche Überlegenheit:
„‘[...]First we chose this number for its special qualities and symbolism; second, because it is the number of the black man, Africa. the African might comes late, just as the number 9 comes later after all the other numerical numbers, yet it is final and represents dominion. We know where we are going’“ (Maillu, 1980: 54, f.).
Dieser Textausschnitt verdeutlicht sehr schön, dass es Maillu nicht nur um eine Adaption der James Bond Romane geht, sondern dass er mehr als nur Unterhaltungsliteratur schreiben wollte, die sich zumindest teilweise kritisch mit der sozialen und politischen Situation Afrikas auseinandersetzt.
Der größte Unterschied zwischen Bond 007 und Kamba 009 ist Benni Kambas Art mit Frauen umzugehen. Bond hat keine Gefühle für andere Frauen und wenn, dann nur oberflächlich. Kamba ist zwar mindestens genauso charmant wie James Bond, doch hat er nicht vor mit jeder Frau Sex zu haben. Für Kristina, die er im ersten Buch kennen lernt und im zweiten die Beziehung mit ihr vertieft, empfindet er sogar starke Gefühle, und hat vor sie eventuell zu heiraten. Maillu deutet auf diese innige Beziehung mit einer Geschichte in der Geschichte hin, ‚the story of absolute happiness‘. Ein religiöser Mann fragt sich, ob man im Jenseits die gleichen Befriedigung, wie Heiraten, Essen, Spielen oder Sex haben könne, wie im Diesseits. Daraufhin bittet er Gott, er möge ihm zeigen, was wahres Glück sei. Gott sendet ihm einen überaus hübschen, mysteriösen Vogel, der für den Mann singt, aber immer wieder zum nächsten Baum fliegt. Der Mann ist ganz hingerissen, und folgt dem Vogel sieben Tage und sieben Nächte, und empfindet weder Hunger noch Durst. Bis der Vogel eines Tages verschwunden ist, und der Mann verwirrt, ohne zu wissen wo er ist, aus seiner Trance aufwacht:
„‘[...] But, curiously, he seemed to think that only a minute ago, he had been sitting outside his house basking in the sun. But what had happened? Where was he? He was shocked. More schocks came later to him when he learnt that he had been away for seven days following that mysterious bird, without ever sensing the passing of time or feeling hunger or worry, sensing absolutely nothing. During those seven days, he had experienced a piece of absolute happiness wrapped up in timelessness. While he lay there, he heard a voice tell him, “John, rise and go home. That was the answer to your prayer. You have tasted a tiny bit of the eternal happiness”’
Kristina sighed and turned to face Benni Kamba. But Kamba was motionless and silent, staring with a faraway look at the ceiling, as if he, too, had discovered the bright blue-green happiness bird and now was watching it, mesmerised“ (Maillu 1986: 50).
Hier wird deutlich, dass Benni Kamba eben doch kein James Bond ist. Er ist gefühlvoll, sensibel, nimmt sich Zeit für Kristina.
5. Zusammenfassung
Ich habe versucht aufzuzeigen, das David Maillu im Gegensatz zur weitläufigen Meinung kein pornographischer Autor ist, und seine Popularität sich nicht nur anhand der sexuellen Aspekte seiner Bücher erklären lässt.
David Maillu ist ein höchst produktiver, kreativer und versierter Schriftsteller, dem man nicht nachsagen kann, das seine Werke nur von sexuellen, oder gar pornographischen Themen geprägt sind. Obwohl er sich in den Anfängen seiner Kariere viel mit dem Thema Sexualität auseinander gesetzt hat, schreibt er abwechslungsreich und experimentiert mit verschiedenen Stilen und Thematiken. Er schreibt über das, was ihn beschäftigt, und was die Leser interessiert und nicht was von einem kenianischen Autor erwartet wird. Mit recht schreibt Lindfors, er habe die Grenzen der Literatur weiter ausgedehnt als jeder andere Schriftsteller.
Desweiteren konnte ich aufzeigen, dass Maillu bemüht ist, nicht einfach das James Bond-Muster zu kopieren, sondern einen neue Romanfigur geschaffen hat, die adäquat dem afrikanischen Kontext angepasst ist, und ihre eigenen Charakterstärken besitzt. Ähnlichkeiten mit James Bond sind vorhanden, am nur vordergründig. Maillu wollte eben keinen schwarzen James Bond erschaffen, sondern einen afrikanischen Agenten-Helden, der als Zeichen für den afrikanischen Fortschritt und Loskettung von der weißen Unterdrückung steht.
Hat sich Maillus Schreibstil verändert? Ja. Der neue David Maillu schreibt aber mit Sicherheit nicht anders oder über andere Themen, weil seine Bücher in den siebziger Jahren verboten waren, sondern weil er, wie jeder andere Autor, an Erfahrungen dazu gewonnen hat und es mehr Dinge zu erzählen gibt, als nur erotische.
6. Literatur:
Asego, Nicholas. 2006. David Maillu: The man who treads where angels dread. Cover Story in Moments - Entertainments, Arts & Culture. Saturday June 17, 2006. http:// www.eastandart.net/mags/moments/articles.php?articleid=1143954084 06.01.2007 15:5 Uhr
Kurtz, J. Roger & Robert M. Kurtz. 2002. Language and ideology in Postcolonial Kenyan Literature. In: Readings in African Popular Fiction. International African Institute, Indiana University Press, Oxford, London, Bloomington. S. 124-128.
Lindfors, Bernth. 1979a. Interview with David G. Maillu. In: The African Book Publishing Record. Vol. 5, 2. April 1979. S. 85-88.
—. 1979b. East African Popular Literature in English. In: Journal of Popular Culture. Vol. 13, 1. S. 106-115.
http://pao.chadwyck.co.uk/journals/displayItemFromId.do? QueryType=journals& ItemID=b181#listItem47
—. 1991. The New David Maillu. In: Popular Literatures in Africa. Hrsg.: Bernth Lindfors. Africa World Press, Trenton, N.J. S. 87-100.
Maillu, David G. 1980. Benni Kamba 009 in The Equatorial Assignment. Macmillan Pacesetters Series. Macmillan Education Limited, London Basingstoke.
—. David G. 1986. Benni Kamba 009 in Operation DXT. Spear Books, Heinemann Educational Books, Nairobi.
[1] ”Literary critics have not been very generous in their assessment of Maillu’s work. No one has lavished praise on him, and few have admitted finding any redeeming value in what or how he writes. The general feeling among serious academics appears to be that such literature is beneath criticism for it is wholly frivolous, the assumption being that a scholar should not waste his time on art that aims to be truly popular” (Lindfors 1991: 98).
[2] „People say that I hit the nail on the head, whatever that means. People say that they see themselves when they are reading the books; they can identify with situations and characters“. (Lindfors 1979a: 87)
[3] „If an alcoholic reads My Dear Bottle and decides not to go out for drinks that night, it gives me satisfaction in the sense that I know I have helped him by occupying his mind with something else“. (Lindfors 1979a: 87)
[4] Lindfors (1979b: 114) erwähnt einen „James Bond-type thriller“ von Hilary Ng᾿ weno ‚The Men from Pretoria‘.
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