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Universität zu Köln
Institut für Kunstgeschichte
Hausarbeit zum Proseminar:
Crossoververfahren in der Kunst des 20. Jahrhunderts
WS 1999/2000
GERWALD ROCKENSCHAUB
Carolin Pirich
1 EINLEITUNG 3
2 PUNK, NEW WAVE UND BILDENDE KUNST 3
2.1 Merkmale des Punkrock und des New Wave 4
2.2 Einflüsse des Punk und New Wave auf Rockenschaubs Malerei 5
3 KUNST UND WERBUNG 7
3.1 „Augensex“ 8
3.2 Offizielles Kunstsponsoring 8
4 KONTEXTKUNST UND TECHNO 10
4.1 Der White Cube 11
4.2 Techno – mehr als „Ohrensex“ 14
4.2.1 Merkmale des Techno 14
4.3 Techno und die Raumarbeiten Rockenschaubs - Vergleichbarkeiten 15
5 SCHLUßBEMERKUNG 18
6 LITERATURVERZEICHNIS 19
1 Einleitung
Der Begriff „Crossover“ ist bekannt aus dem Bereich der Genetik und bezeichnet den Erbfaktorenaustausch zwischen homologen elterlichen Chromosomen. Durch die Basenverschiebung der DNA entstehen Selektionsvorteile- aber auch –nachteile. In der Tierwelt können sich lediglich die Träger vorteilhafter Merkmale durchsetzen. Übertragen auf das Gebiet der Kunst bedeutet Crossover eine Mischung von unterschiedlichen Stilen oder die Einbeziehung außerkünstlerischer Bereiche, Techniken und Materialien, die sich entweder in der künstlerischen Gesellschaft durchsetzen – oder bald in Vergessenheit geraten. Um eine solche Vermischung zu erkennen, müssen die Bereiche als getrennt bekannt sein.1
Der 1952 im Oberösterreichischen Linz geborene Gerwald Rockenschaub wird als der „Grandseigneur der Crossover-Szene“2 bezeichnet. Nicht nur seine gleichzeitige Betätigung im Bereich der sogenannten Unterhaltungsmusik als Punk- bzw. New Wave-Musiker, später als Techno-DJ, als Graphiker im eigenen Werbebüro und als Künstler im traditionellen Kunstbetrieb bestätigen diesen Titel. Auch in seinem gesamten Werk vom Beginn der 80-er Jahre bis heute lassen sich Crossoververfahren finden, da er die aus der Musik gewonnenen Impulse auf seine künstlerischen Projekte übertrug und dadurch eine Verbindung zwischen „Unterhaltungs“- und „Hochkultur“ schuf. Darüber hinaus brachte er Kunst und Werbung in Zusammenhang. Seine Arbeiten der 90-er Jahre, die sich unter Peter Weibels Begriff der Kontextkunst einreihen lassen, schaffen eine totale Vermengung von Ausstellungsrahmen und Kunst. In dieser Arbeit soll versucht werden, dasjenige herauszuarbeiten, was mit der Bezeichnung „Crossover“ in Verbindung gebracht werden kann, ohne jedoch die einzelnen Arbeiten vollständig zu besprechen.
2 Punk, New Wave und bildende Kunst
Im Jahre 1980, in der Zeit seines Studiums an der Wiener Kunsthochschule, gründete Gerwald Rockenschaub zusammen mit den Künstlern Gunter Damisch, Sepp Danner und Herbert Brandl die Punkband Molto Brutto. Rockenschaubs Malerei zu Beginn der 80-er Jahre erhielt entscheidende Impulse aus der Beschäftigung mit dieser Musik.
2.1 Merkmale des Punkrock und des New Wave
Als Antwort auf die inzwischen von den Interessen der Sponsoren dominierten Rockmusik, die ihre ursprüngliche Funktion als identitätsstiftendes, authentisches Sprachrohr der Jugend zugunsten eines sich entwickelnden Hochleistungsperfektionismus verloren hatte3, entstand Mitte der 70-er Jahre in Großbritannien der Punkrock, der die Musik wieder der Musikindustrie entriß und sie auf die Straße zurückholte. Punk bedeutet eigentlich Abfall, Müll oder Mist. Diese Musikrichtung „wurde zum herausfordernden Signum einer jugendlichen Subkultur, die sich in der stilisierten Häßlichkeit ihres Elends spiegelte und musikalisch einem Kult des Dilettantismus frönte, der den studiotechnischen Klangexperimenten der etablierten Bands provozierend ein aberwitziges Lärmen entgegensetzte“4.
Musikalische Merkmale des Punk sind die äußerste Reduktion der Länge der Songs und der musikalischen Mittel (die Harmonik ist außerordentlich einfach, da sie meistens nur aus drei Akkorden besteht), ihr atemberaubendes Tempo und die ohrenbetäubende Lautstärke, mit der die Stücke dargeboten wurden. Neben der Musik erhielten der Tanz (Pogo) zu dieser Musik, die zusammengestückelte Kleidung (z.B. mit Sicherheitsnadeln aneinander geheftete Stoffreste), Magazine, Poster, Plattencover, die die Musiker zum Teil selbst entwarfen, und Orte der Punkkonzerte gleichrangige, gemeinschaftsstiftende Bedeutung: Crossover auf der ganzen Linie.
Die durch den Punk gewonnenen Impulse zeigen sich bei Rockenschaub auch in seinem Interesse für Mode, Werbung und der Gestaltung von Layouts.5 Rockenschaubs Band Molto brutto (Sehr häßlich) entstand als eine der vielen europäischen Punkbands im Gefolge der Ramones, Sex Pistols und The Clash, um nur die bekanntesten Gruppen zu nennen. In einem Interview mit Paolo Bianchi jedoch bezeichnete Rockenschaub den Stil von Molto Brutto mit New Wave, eine Richtung der Rockmusik, die sich in den USA zeitgleich mit dem Punk in Europa entwickelte.6 Auch hier versuchten die Bands, den überladenen Bombastrock abzulösen. Allerdings „stand hier der künstlerische und intellektuelle Underground einer Avantgarde dahinter, die sich aus Bohemiens, Kunststudenten, Journalisten und Aussteigern verschiedenster Couleur zusammensetzte“7.
Den New Wave zeichnet das Sampling von Geräuschcollagen, synthetischen Klängen, Performance Art und verschiedener Stile der sogenannten Unterhaltungsmusik aus wie beispielsweise Reggae, Glitterrock, und der prototypische Punk der Ramones. Auch zu diesem Stil entwickelten sich dazugehörige, spezifische Bewegungsabläufe, die in speziell dekorierten Treffs von allen wie gleichgeschaltet ausgeführt wurden, eine eigene Mode und bezeichnende Plattencovers, die Vanitassymbole wie der Totenkopf, die Rose und barocke Schnörkel zierten: Crossover zwischen Musikstilen und zwischen Musik und bildender Kunst, Mode und sogar Raumgestaltung.8
2.2 Einflüsse des Punk und New Wave auf Rockenschaubs Malerei
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1 Vgl. Schneider, Irmela: Hybridkultur. Eine Spurensuche, S.9. In: Thomsen, Christian W. (Hg.): Hybridkultur. Bildschirmmedien und Evolutionsformen der Künste. Annäherungen an ein interdisziplinäres Forschungsproblem, Siegen 1994.
2 Müller, Silke: Techno-Kunst neu erleben, S.22. In: art, Das Kunstmagazin Nr.3, März 1999, S.10-27.
3 Vgl. konkretisierend Wicke, Peter: Rockmusik, S.360f. In: Finscher, Ludwig (Hg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik begründet von Friedrich Blume (zweite, neubearbeitete Ausgabe. Bd.9), 1999.
4 Ebd., S.361.
5 Vgl. Schmidt-Wulffen, Stephan: Rockenschaub wird Rockenschaub. Ein Kapitel aus der pragmatischen Ästhetik, S. 13. In: Kunstverein in Hamburg (Hg.): Funky Minimal. Gerwald Rockenschaub, Köln 1999, S.7-33.
6 Vgl. Rockenschaub, Gerwald: „Als DJ liefere ich Sex für die Ohren und als bildender Künstler Augensex.“ Gespräch von Paolo Bianchi, S.221. In: Kunstforum Nr. 135, S.220-224.
7 MGG, S.361.
8 Viele Anhänger des Dark Wave beispielsweise staffieren ihre Wohnstätte mit antiken Kerzenständern, Plüschmöbeln, Fledermäusen, Totenköpfen, ausgestopften Tieren aus – und haben oftmals ihr Bett durch einen Sarg ausgewechselt.
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