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Termpaper, 2005, 25 Pages
Author: Nicole Tzanakis
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Details
Institution/College: University of Dusseldorf "Heinrich Heine"
Tags: Recht, Gericht, Fuchs“, Untergang, Löwenkönigs, Vrevel, Recht, Gerechtigkeit, Texten, Mittelalters
Year: 2005
Pages: 25
Grade: 1,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-09003-7
ISBN (Book): 978-3-640-45429-7
File size: 222 KB
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Abstract
Ziel meiner Hausarbeit ist es, das Verhältnis von Recht und Gericht im Tierepos „Reinhart Fuchs“ von Heinrich dem Glîchezâre zu analysieren. Der Fokus meiner Betrachtung richtet sich folglich auf den dritten Handlungsteil, in dessen Mittelpunkt der Hof- und Gerichtstag des Königs Vrevel steht. Das Ergebnis der Textanalyse soll die These belegen, dass der „Reinhart Fuchs“ eine Satire des Hoflebens bzw. der Hofgerichtsbarkeit mit ihrer Bevorzugung der Treulosen ist. Ein besonderes Interesse gilt dabei der Figur des Löwenkönigs Vrevel. Aus diesem Grund erfolgt vor der Analyse der eigentlichen Gerichtsszene eine ausführliche Interpretation der „Ameisenepisode“, da jener hier zum ersten Mal in Erscheinung tritt. Somit ist diese Szene meiner Meinung nach für eine adäquate Deutung der Folgehandlung unverzichtbar. Da der Verlauf der Gerichtsverhandlung im Hinblick auf den formalen Aufbau untersucht werden soll, wurde eine chronologische Vorgehensweise gewählt, so dass die finale Struktur, die Heinrich dem Epos zugrunde gelegt hat, auch in dieser Arbeit ihre Entsprechung findet. Dabei sollen die immer deutlicher zu Tage tretenden Charakterzüge Vrevels herausgearbeitet werden, die sich im Wechselspiel von Vrevel und Reinhart gänzlich manifestieren. Ferner stellt sich die Frage, ob Vrevel seinen Tod selbstverschuldet hat und sein Ende letztlich die logische Konsequenz seiner Handlungen darstellt: Muss der König sterben?
Excerpt (computer-generated)
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Semester: WS 2004/05
Seminar: TPS Recht und Gerechtigkeit in ausgewählten Texten des Mittelalters
Hausarbeit über
Recht und Gericht im „Reinhart Fuchs“
-Der Untergang des Löwenkönigs Vrevel-
Name: Nicole Tzanakis
Fächer: Geschichte / Germanistik, LA
Semesterzahl: 6 / 17
Inhalt
Inhalt 2
1. Einleitung. 3
2. Die Motivierung des Hof- und Gerichtstages durch die „Ameisenepisode“ 4
2.1 Das Landfriedensgebot 4
2.2 „Ein lewe, der was Vrevel genant“. 5
2.3 Die Zerstörung der Ameisenburg 6
3. Der Hof- und Gerichtstag 10
3.1 Der formale Aufbau des Prozesses 10
3.2 Die Perversion des Rechtes 16
3.2.1 Die Verschlagenheit Reinharts 16
3.2.2 Die Verblendung des Königs Vrevel 19
4. Schlussbemerkung 22
Literaturverzeichnis 23
1. Einleitung
Ziel meiner Hausarbeit ist es, das Verhältnis von Recht und Gericht im Tierepos „Reinhart Fuchs“ von Heinrich dem Glîchezâre zu analysieren. Der Fokus meiner Betrachtung richtet sich folglich auf den dritten Handlungsteil, in dessen Mittelpunkt der Hof- und Gerichtstag des Königs Vrevel steht.
Das Ergebnis der Textanalyse soll die These belegen, dass der „Reinhart Fuchs“ eine Satire des Hoflebens bzw. der Hofgerichtsbarkeit mit ihrer Bevorzugung der Treulosen ist. Ein besonderes Interesse gilt dabei der Figur des Löwenkönigs Vrevel.
Aus diesem Grund erfolgt vor der Analyse der eigentlichen Gerichtsszene eine ausführliche Interpretation der „Ameisenepisode“, da jener hier zum ersten Mal in Erscheinung tritt. Somit ist diese Szene meiner Meinung nach für eine adäquate Deutung der Folgehandlung unverzichtbar.
Da der Verlauf der Gerichtsverhandlung im Hinblick auf den formalen Aufbau untersucht werden soll, wurde eine chronologische Vorgehensweise gewählt, so dass die finale Struktur, die Heinrich dem Epos zugrunde gelegt hat, auch in dieser Arbeit ihre Entsprechung findet. Dabei sollen die immer deutlicher zu Tage tretenden Charakterzüge Vrevels herausgearbeitet werden, die sich im Wechselspiel von Vrevel und Reinhart gänzlich manifestieren.
Ferner stellt sich die Frage, ob Vrevel seinen Tod selbstverschuldet hat und sein Ende letztlich die logische Konsequenz seiner Handlungen darstellt:
Muss der König sterben?
2. Die Motivierung des Hof- und Gerichtstages durch die „Ameisenepisode“
Die Bedeutung der den dritten Abschnitt einleitenden „Ameisenepisode“ ist nicht zu unterschätzen. Sie findet weder in anderen Fuchsepen noch in der direkten Vorlage, dem „Roman de Renart“, eine Entsprechung und ist somit als Eigenleistung des Verfassers ein wichtiger Interpretationsschlüssel.[1] Heinrich motiviert nämlich die Krankheit des Löwen, die letztendlich erst zum Landfrieden und zur Einberufung des Hof- und Gerichtstages führt.[2] Ferner wird zu Beginn der „Ameisenepisode“ die juristische Ausgangsposition, die sowohl den rechtlichen Hintergrund der vorausgegangenen Handlungen als auch die Folgehandlung akzentuiert, explizit genannt:
„Ditz geschah in eime lantvride,
den hatte geboten bi der wide
ein lewe, der was Vrevil genant,
gewaltic vber daz lant.“[3]
Die „Ameisenepisode“ hat drei wesentliche Funktionen: Sie liefert dem Rezipienten entscheidende Hinweise über den rechtlichen Hintergrund der Handlung (vgl. 3.1), die Angaben über die Entstehungsbedingungen und den Initiator des Landfriedens hinterlassen einen vernichtenden Eindruck von der Rechtslage im Reich (vgl. 3.2), sie motiviert den Hof- und Gerichtstag, bildet einen Rahmen um den Prozess und ist die Voraussetzung für die Schlusshandlung (vgl. 3.3).[4]
2.1 Das Landfriedensgebot
Die temporale Zäsur „Ditz geschah in eime lantvride[5]“ verweist darauf, dass sich das bislang Erzählte zur Zeit eines Landfriedens abspielte. Dieser Begriff muss hier kurz erläutert werden: Mithilfe der Landfrieden sollte gegen die Rechtsunsicherheit im Reich mit Mitteln des Strafrechts vorgegangen werden, wobei es primär um die Bekämpfung der Fehde und ihrer Folgen, d.h. Tötung, Heimsuche und Körperverletzungen, sowie um die Eindämmung der Kapitalverbrechen, d.h. Mord, Totschlag , Raub, Diebstahl, Brandstiftung und Notzucht, ging. Die Strafen für innerhalb des Landfriedens begangene Verbrechen waren genau festgelegt. Obwohl die Landfrieden eine entscheidende Wende im Bereich des Strafrechts markieren – die Verstaatlichung der Rechtspflege begann – ging der Übergang vom privatrechtlichen Element zum öffentlichen nicht plötzlich vonstatten, sondern das Bußenstrafrecht mit Rache, Fehde und Sühne dauerte noch fort.[6] Die alte Ordnung und das neue Rechtssystem prallten aufeinander.
Was bedeutet dies nun für die Interpretation des „Reinhart Fuchs“? Die in den ersten beiden Handlungsteilen erzählten Feindseligkeiten stellen Rechtsverstöße dar und verdeutlichen, dass Rechtsunsicherheit und unkontrollierte Privatjustiz immer noch die Rechtsverhältnisse in König Vrevels Reich prägen. Die besonders relevanten Elemente sind hier die Verletzung des Sonderfriedens, die diversen Körperverletzungen, Notzucht und die Fehdehandlungen von Reinhart und Isengrim. Das Landfriedensgebot ist im „Reinhart Fuchs“ ein Akt königlicher Rechtssetzung und ein Landfriedensbruch wird mit dem Tod durch den Strang bedroht (V. 1241: „bi der wide“). Der Terminus Landfrieden erweckt an dieser Stelle Erwartungen, die ganz offensichtlich in keiner Relation zu den bisher gezeigten Tatsachen stehen, da die zuvor geschilderten Rechtsverstöße gerade innerhalb des Friedens geschehen sind. So klingt denn auch die Ankündigung des Königs, er werde streng gegen die Friedensstörer vorgehen, wenig überzeugend.
2.2 „Ein lewe, der was Vrevel genant“[7]
Schon in diesem Vers sind Andeutungen über den Charakter des Königs versteckt – nomen est omen. Mittelhochdeutsch vrevel bedeutet nicht nur Mut, Kühnheit und Unerschrockenheit, sondern auch Gewalttätigkeit, Vermessenheit und Übermut.[8] So wird Vrevels Herrschaft als gewaltic beschrieben, gewaltic ist er wie alle Könige im Sinne von mächtig, d.h. er besitzt spezielle Verfügungsgewalten sowie die Rechtshoheit. Jedoch spielt Heinrich mit der Doppeldeutigkeit des Wortes gewalten, das sowohl Gewalt haben als auch Gewalt üben heißen kann.[9] Es bedarf also nur eines kleinen Schrittes, wenn Vrevel gewalttätig gegen seine Untertanen vorgeht und seine Macht missbraucht. Wie wird nun die Herrschaft Vrevels in den Eingangsversen des dritten Teils beschrieben?
„gewaltic vber daz lant.
keime tier mochte sin kraft gefrvmen,
izn mveste vur in zv gerichte kvmen.
si leisten alle sin gebot,
er was ir herre ane got.“[10]
Die negative Bedeutung des Wortes gewaltic angenommen, beruht Vrevels Königtum also primär – die Reihenfolge der Verse als intendiert vorausgesetzt – auf Gewaltanwendung, bei der die Überlegenheit des Stärkeren gegenüber den Schwächeren eine Rolle spielt. Erst danach erfolgt die christliche Begründung des Königtums, dass der König nach Gott der oberste Herrscher im Reich sei und somit an der Spitze der weltlichen Rechtsordnung stehe.[11]
Der nächste Vers relativiert dieses Bild des rex iustus et pacificus:
„den vride gebot er durch not:
er wande den grimmigen tot
vil gewisliche an ime tragen.“[12]
Das Friedens- und Hoftagsgebot wird als purer Eigennutz entlarvt, da Vrevels Handeln lediglich aus einer persönlichen Notlage heraus resultiert.
2.3 Die Zerstörung der Ameisenburg
„Ein fragwürdiger König, bar aller Herrschertugenden und nachlässig in der Erfüllung seiner Pflichten, tritt als Tyrann auf.“[13] Indem Heinrich den König anhand des nachfolgenden Beispiels – der Zerstörung der Ameisenburg – derart charakterisiert, werden die zuvor gemachten Andeutungen verstärkt: Vrevels Angriff auf die Burg ist definitiv Unrecht:
„zv einem ameizen hvfen wold er gan,
nv hiez er si alle stille stan
vnde sagte in vremde mere,
daz er ir herre were
des enwolden si niht volgen,
des wart sin mvt erbolgen.
vor zorne er vf die burc spranc,
mit kranken tieren er do ranc,
in dvchte, daz iz im tete not.
vnde vil mange sere wunt,
gnvc bleibe ir ovch gesvnt.
sinen zorn er vaste ane in rach,
die burk er an den grvnt brach.
er hatte in geschadet ane maze,
do hvb er sich sine straze.“[14]
Gewaltsam, die Abwesenheit des Burgherren ausnutzend, will Vrevel seine Herrschaft erweitern. Ohne die einem Herrscher und Richter zukommende maze missbraucht er seine Macht gegenüber den schwächeren Ameisen und richtet Schaden an Leben (V. 1286), Leib (V. 1260ff) und Besitz (V. 1287) an, so dass auch des Königs Handeln in die Nähe der Fehdehandlungen rückt.
Der Widerstand der Ameisen hingegen ist rechtlich motiviert, er beruht auf dem gegenseitigen Verhältnis von Rechten und Pflichten, der triuwe der Besatzung zu ihrem Herrn, während Vrevel sich lediglich Recht anmaßt:
„wir sin von trewen darzv chvmen:
wir hatten von Vrevele gar vernvmen,
daz wir im solden sin vntertan.
done wolde wir deheinen han
wan evch, des mvzze wir schaden tragen;
er hat uns vil der mage erslagen
vnde diese bvrc zebrochen.
blibet daz vngerochen,
so habe wir vnser ere gar verlorn.“[15]
Letztlich auch wieder dem alten Rechtsdenken verpflichtet, erfüllt der Ameisenherr die Forderung seiner Gefolgsleute, Rache zu üben für das erlittene Unrecht:
„ ,ich wolde e den tot korn’,
spach ir herre vnde hvb sich zehant
nach dem lewen, biz daz er in vant
vnder einer linden, da er slief. [...]
er gedachte: ;herre got der gvte,
wie sol ich gerechen mine diet? [...]
er hatte mangen dedanc –
mit kraft er im in daz ore spanc.“[16]
So verursacht der Ameisenherr die für das weitere Geschehen folgenschwere Krankheit des Löwen, der sich dessen nicht bewusst ist, dass diese das Resultat der Rache ist, die er eigens herausgefordert hat. Er erkennt zwar, dass er seine Beschwerden selbst verschuldet hat, führt sie aber nicht auf das an den Ameisen begangene Unrecht zurück, sondern sieht in ihnen die Strafe Gottes dafür, dass er seiner wichtigsten Pflicht, der Rechtswahrung im Reich, nicht nachgekommen ist:
„owe daz ich versovmet han
gerichtes! des mvz ich trvric stan,
wen es geschiht mir nimmer me. [...]
er sprach: ,mir ist we, daz mvz ich iehen.
ich weiz wol, iz ist gotes slac,
wen ich gerichtes niht enpflac.’ “[17]
Nicht ohne Grund führt Heinrich den König schlafend unter einer Linde, dem traditionellen Ort der Gerichtsstätte und demnach Rechtssymbol[18], vor. Erst durch persönliche Not, „mir ist we“[19], erwacht Vrevel buchstäblich und erinnert sich seiner vernachlässigten Pflichten. Um ein gottgefälliges Werk zu tun und um sich zugleich vor möglichen Racheakten des Ameisenherrn zu schützen, fasst er zwei Entschlüsse: er gebietet einen Landfrieden und beruft den Hof- und Gerichtstag ein. Somit ordnet er sich nicht dem Recht unter, sondern benutzt es willkürlich als machtpolitisches Instrument. Vrevel, der sich in der eben geschilderten Episode den Ideen des Landfriedens konträr gegenüber verhalten hat, nutzt ihn nun selbst aus egoistischen Motiven. Allerdings ahnt er nicht, dass die befürchtete Rache längst vollzogen wurde. Nicht so Reinhart, der den Vorgang beobachtet hat und diese Kenntnis die Voraussetzung für sein überlegenes, listenreiches Auftreten vor Gericht und für die „Heilung“ des Königs ist:
„do gesach iz Reinhart,
der was verborgen da bi.“[20]
Die Frage, warum Heinrich die Chronologie durchbricht und die Ameisenepisode, d.h. den eigentlichen Beginn des „Reinhart Fuchs“, erst am Anfang des dritten Handlungsteils einfügt, ist einfach zu beantworten. Offensichtlich liegt der Grund für diese Abweichung in der intendierten Klimax der Handlungsfolge:
Dem Verfasser ermöglicht dieses Stilmittel, die Vertreter der einzelnen sozialen Verbände nacheinander zu präsentieren – von den kleinsten Tieren bis hin zum obersten Herrscher des Reiches. Diesem Steigerungsprinzip ordnen sich die Beispiele aus den repräsentativen Bereichen des Rechtslebens unter und gipfeln schließlich in der Gerichtsverhandlung am Hofe des Königs.[21]
3. Der Hof- und Gerichtstag
Mit dem Prozessbeginn laufen der chronologische und der narrative Handlungsstrang zusammen. Ging es vorher um den desolaten Zustand im Reich, so steht ab Vers 1321 die Prozesshandlung im Mittelpunkt und zeigt, wie es um die Justiz in Vrevels Reich bestellt ist. Dieser Teil wird hauptsächlich durch die juristischen Erfordernisse strukturiert und endet mit einer großen Anklage gegen eine tyrannische, das Recht missbrauchende Herrschaft.
3.1 Der formale Aufbau des Prozesses
Heinrich betont die korrekte Ausführung der Vorbereitungen: Das Hoftagsgebot , die Ladung, den Einzugsbereich, die Fristsetzung und die Pflicht zur Hoffahrt:
„einen hof gebot er zehant,
die boten wurden zesant
witen in daz riche.
„er wart nemeliche
in eine wissen gesprochen
vber sechs Wochen,
dane was wider niht.“[22]
Anschließend folgt die ausführliche Aufzählung aller Anwesenden, so daß damit die Dingpflichten, die den Richter bei der Rechtspflege unterstützen mussten[23], bestimmt sind. Diese hatten laut „Sachsenspiegel“ drei Aufgaben zu erfüllen: des Richters ding suken, dem Richter rechtes helpen und rechtes plegen[24], d.h. das Gericht aufsuchen, sich an der Rechtsfindung in Form eines Fürsprechers, Urteilers, Zeugen oder auch Boten beteiligen und schließlich als Beklagter erscheinen, auf die Klage antworten und das Urteil befolgen. Um so erstaunlicher also, dass am Ende dieser Vorbereitungen darauf verwiesen wird, dass Reinhart jenem Gebot nicht Folge geleistet hat:
„der kvnic gienc an daz gerichte sa.
Reinhart was niht ze hove da;“[25]
Jedoch wird der unheilvolle Charakter der Folgehandlung bereits im Zusatz „sine vinde brachte er doch ze not“[26] antizipiert. Dennoch scheint die Abwesenheit des Beklagten zu diesem Zeitpunkt niemanden zu stören und die Vorbereitungen nehmen dem Schweigegebot des Königs ihren Abschluss:
„der kvnich selbe gebot,
daz si ir brechten liezen sin.“[27]
Prozessrechtlich eröffnet die Klage daraufhin den Rechsstreit: Insengrin lässt sich vor Gericht von einem „Fürsprecher“ – dem Bären Brun – vertreten, dessen erste Amtshandlung in der Sicherung des Befugnisses zur „Erholung und Wandelung“ liegt, so dass im Falle eines Fehlverhaltens die misslungene Prozesshandlung annulliert werden konnte; man nahm sie zurück, „erholte“ sich von ihr und „wandelte“ sie in eine bessere um[28]:
„er sprach: ,herre, nv gert Ysengrin
dvrch recht vnde dvrch ewer gvte
ob ich in missehvte,
daz er min mvze wandel han.’ “[29]
Die eigentliche Klage setzt sich aus zwei Bestandteilen, der Schmach (die Vergewaltigung Hersants) und der Verletzung (der Schwanzverlust Isengrins), zusammen (vgl. V. 1375ff). Bruns Vortrag enthält die nach mittelalterlichem Recht erforderlichen Elemente: die genaue Angabe des Unrechtes, das der mit Namen genannte Beklagte begangen haben soll.[30] Insbesondere der Appell an den Initiator des Landfriedens, sich der Sache in eigenem Interesse anzunehmen, zeugt von Bruns geschickter Klageeröffnung:
„,kvnic gewaldic vnde her,
groz laster vnde ser
claget ev her Ysengrin:
daz er hvete des zageles sin
vor evch hi ane stat,
daz was Reinhartes rat. [...]
vrowen Hersante, sin edele wip,
hat er gehonet in dem vride,
den ir gebvtet bi der wide.
daz geschach vber iren danc.’ “[31]
Der zentrale Vorwurf gegen Reinhart lautet demnach Notzucht, ein Vergehen also, welches den Tatbestand eines Landfriedensbruches erfüllt und folglich streng sanktioniert werden muss – mit dem Tode nämlich.
Der darauf folgende Widerspruch Krimels führt zu einer Akzentuierung des Falles, die den Charakter der Prozessführung grundlegend ändert. So entspreche die Behauptung der Anklage nicht der Wahrheit, da allein die anatomischen Unterschiede zwischen Fuchs und Wölfin ein Notzuchtverbrechen ausschlössen, so dass der Beischlaf in gegenseitigem Einverständnis stattgefunden haben müsse:
„wi mochte si min neve genotzogen?
ver Hersant di ist grozer, dan er si.“[32]
Die Schmach (laster[33]) habe also nicht Reinhart verschuldet, so dass nur der zweite Klagepunkt, die Verletzung (ser[34]) überhaupt noch Gültigkeit habe. Diese Modifizierung der Klagebehauptungen führt dazu, dass es sich bei dem zu verhandelnden Vorfall nicht mehr um einen Straftatbestand handelt, auf den der Strang steht, sondern um ein zivilrechtliches Unrecht, das finanziell entschädigt werden kann.
Nach Rede und Widerrede kommt es zur Urteilsfrage, -findung und -folge: Vrevel fordert den Hirsch Randolt auf, unter Eid ein Urteil in der vorliegenden Sache zu sprechen, welches dieser entgegen der eidlichen Beteuerung „ich verteile im bi minem eide/vnde dvrch deheine leide/wen von minen witzen“[35] sogleich in eigener Sache fällt. Er folgt in seiner Urteilsbegründung der Argumentation der Anklage; sollte diese zutreffen, müsse Reinhart gehängt werden:
„sold er gehonen edele wip,
phy, was sold in dan der lip? [...]
so heizet balde gahen,
daz er werde erhangen;
so habt ir ere begangen.“[36]
Auch Randolt greift auf die taktische Raffinesse zurück, die schon Isengrins Fürsprecher angewendet hat: Der König wird auf die Wahrung seiner Ehre hingewiesen, die Taten Reinharts seien als persönliche Beleidigung[37] zu betrachten, so dass Vrevel zum Handeln gezwungen werde:
„herre daz sol ev wesen leit.“[38]
Scheinbar einstimmig nehmen die Anwesenden jenes Urteil an, als der König, selbst erzürnt, die Frage nach der Urteilsfolge stellt:
„Der kvnic was selbe erbolgen,
er sprach: ,ir herren, wolt irz volgen?’
si sprachen: ,ia!’ alle nach,
zv Reinhartes schaden wart in gach.“[39]
Die übereilte und manipulierbare Meinungsbildung der Prozessteilnehmer wird offensichtlich, als das Kamel Einspruch gegen das Urteil erhebt und auf das Gebot der dreimaligen Ladung des Beklagten hinweist, da sie diesem Vorschlag nun ebenso schnell zustimmen wie dem Urteilsspruch Randolts. Das Kamel hebt sich an dieser Stelle von der Gesamtheit durch seine Rechtskenntnisse ab:
„ich hore mangen gvten knecht
erteiln, daz mich dvncht vnreht;
sine kvnnen sich lichte niht baz verstan.
bi dem eide will ich vh zv rehte han,
swen man hi ze hove beclage,
ist er hie niht, daz manz im sage
vnde sol er dristvnt vurladen.
kvmet er niht, daz ist sin schade
vnde sol im an sin leben gan.“[40]
Dass nicht der König selbst diesen Verfahrensfehler erkennt, sondern erst auf das Versäumnis der Ladung hingewiesen muss, wirft abermals ein schlechtes Licht auf seine richterlichen Fähigkeiten. Alle positiven Richterattribute (vrvmic vnde wis[41]) werden einem anderen als dem obersten Richter im Reich zugeschrieben[42], so dass ein weiteres Mal, wie bereits in der Ameisenepisode, das Bild des rex iustus relativiert wird. Maßlosigkeit und Korruption, das sind die einzigen Charakterzüge, die Vrevels Verhalten seit er in Vers 1241 in Erscheinung getreten ist, kennzeichnen:
„vor zorne er vf die burc spranc“, „sinen zorn er vaste ane in rach“, „er hatte in geschadet ane maze“, „der kvnic was selbe erbolgen“
So dient ferner die Unterbrechung des Prozesses durch die Klage mit dem Toten lediglich dazu, die Stimmung gegen Reinhart weiter zu schüren und eine objektive Verhandlungsführung angesichts der wieder einmal unbeherrschten Reaktion des Königs zweifelhaft erscheinen zu lassen[43]:
„einen zornigen mvt
gewan der kvnick here,
die clage mveet in sere
vnde sprach: ,sam mir min bart,
so mvz der vuchs Reinhart
gewislichen rovmen ditz lant,
oder er hat den tot an der hant.’ “[44]
In dieser Überschreitung seiner Kompetenz – eine eigenmächtige Verurteilung obliegt ihm nicht – liegt ein erneuter Beweis seiner parteiischen Prozessführung.
Formell gesehen wird die Verhandlung dennoch ordnungsgemäß mit den Botengängen fortgesetzt, wobei die dreimalige Ladung eine parallel strukturierte Handlung ermöglicht: Jedes Mal wiederholt sich das Muster von Klage (der attackierten Boten), Urteilsfrage, -vorschlag, -folge bzw. –schelte und letztlich des Urteils, Reinhart das Recht auf die dreimalige Ladung nicht zu verweigern.
Die beiden ersten Botengänge sollen Brun und Dieprecht übernehmen, beide erklärte Gegner Reinharts, die aus nachvollziehbarem Grund versuchen, sich dieser Aufgabe zu entledigen, diese aber aufgrund der Dingpflichten erfüllen müssen. Trotz ihrer Vorausahnungen erliegen sie infolge ihrer natürlichen Gier Reinharts Verschlagenheit und erleiden körperlichen Schaden. Die jeweilige Klage führt nicht zum Erfolg, die Beweislast genügt nicht, um Reinhart als Täter zu belangen: Sowohl Brun als auch Dieprecht werfen ihm Körperverletzung bzw. Mordversuch vor, differenzieren jedoch nicht zwischen Urheber- und Täterschaft:
„er sprach: ,diz hat mir Reinhart getan.
ich gebot ime, kunic, fur dich;
drut herre, nu sich,
wie er mich hat gehandelot;
mir ware liebir der dot!’ “[45]
„do clagite vil harte
Diebrehtvon Reinharte.
er sprach: ,kunic, ich was in not.
mir wollte Reinhart den dot
frumen in iwir botescaft,
do beschirnde mih div gotis craft.“[46]
Zornig reagiert Vrevel in beiden Fällen auf die Klage seiner Boten:
„Der kunic wart zornic getan
umbe sinen drut capilan,
ime wart sin muot vil sware.“[47]
„Den kunic muote div clage,
ovch tet im we sin siechtage.
der zorn im harte nachen gienc.“[48]
Wie schon Randolt zuvor, verkennen sowohl der Biber als auch der Eber mit ihrem Urteilsvorschlag die Rechtslage, so dass die Urteilsfolge im ersten Fall durch den Einspruch des Elefanten und im zweiten durch den Krimels nicht vollzogen wird, die sich beide erneut auf die Ladungserfordernis berufen:
„,des will ich niht gevolgin:
ein urteil ist hie vurkommen –
daz hant ir alle wol vernomen –
die inmac nieman wenden:
man sol nach ime senden
botin vnze an dristunt.
der tivel var ime in den munt,
swer liege bi diseme eide
ieman zeleide!’ “[49]
„nv hat ovch Diebreht
vil lihte vnreht,
er det Reinharte haz.
dar umbe sol nieman daz
erteilin, daz ist ein ende,
daz iwer ere swende
odir iwirn hof swache,
des man anderswa gelache,
noh durh neheiner slahte mieten,
man sol einost noh gebieten
hervur deme neuen min.’ “[50]
Boten als auch Urteiler handeln folglich der Prämisse zuwider, ein gemäß des abgelegten Eides objektives Urteil zu sprechen. So nimmt Krimel zum Abschluss noch einmal die Vorwürfe auf, um sie zu widerlegen und an die Objektivität der Gerichtsgewalt zu appellieren. Die Rechtsprechung liefe Gefahr, Ansehen zu verlieren und ins Zwielicht zu geraten, falls die letzte Ladung – die Krimel daraufhin erfolgreich überbringt – nicht stattfinde.
Bis zum Erscheinen Reinharts vor Gericht folgt das Verfahren demnach zwar den im deutschen Mittelalter üblichen Praktiken, gerade aber durch die genaue Wiedergabe des Prozessverlaufes wird die Kritik an sachlichen und personellen Missständen deutlich. Ein mehrfach beklagter Schwerverbrecher wird aus formal-juristischen Gründen (Erfordernis der dreimaligen Ladung des Beklagten) nicht verurteilt, obwohl die Beweislast erdrückend ist. Die Figuren verstecken sich hinter den formalen Handlungen und glauben rechtens zu handeln, lassen sich jedoch manipulieren und fällen von Eigennutz geprägte Urteile, selbst der König erweist sich bar jeglicher Richtertugenden.
3.2 Die Perversion des Rechtes
Mit Reinharts Auftreten ist an eine ordnungsgemäße Schließung des Hof- und Gerichtstages nicht mehr zu denken, da der eigentliche Grund der Gerichtsversammlung zurücktritt. Der Aspekt der Gerichtsverhandlung wird von dem der Willkür und Rache verdrängt. Wie gelingt es Reinhart nun, die für ihn so ungünstige Situation zu verkehren? Und wieso ist letztlich das Verhalten des Königs ausschlaggebend für den finalen Gang der Handlung?
3.2.1 Die Verschlagenheit Reinharts
Reinhart, der seinen Listenreichtum bereits in den ersten beiden Handlungsteilen des Tierepos zur Genüge offenbart hat, liefert mit seinem Auftritt vor Gericht erneut einen Beweis für die ihm innewohnende Verschlagenheit. Welch eine Hinterlist, dass er als Arzt verkleidet vor das Gericht tritt. Sein Wissen über die Krankheit des Königs ausnutzend, schafft er so eine günstige Ausgangsposition:
„her nam eines arztes sack –
nieman evch gezelen mack
Reinhartes kvndikeit -,
er gienc, als der bvchsen treit,
beide nelikin vnde cynemin,
als er solde ein arzet sin.“[51]
Reinharts Ankündigung „iz enwirt mir nimmer me verwizzen“[52] evoziert beim Leser unterdessen eine unheilvolle Vorahnung. Und seine Bitte „got beware nv mich/vor bosen lvgeneren,/daz si mich niht besweren“[53] lacht Hohn: Ist er doch derjenige gewesen, der sich als „übler Lügner“ erwiesen und den anderen Tieren Leid zugefügt hat. Reinharts Auftritt ist also sorgfältig vorbereitet, die Täuschung von vornherein vorsätzlich.
Als ihm von den Anwesenden die Summe seiner Taten (Notzucht, Körperverletzung, Verrat, Mord) vorgeworfen wird, entgegnet er diesen heftigen Klagen mit einer weiteren List, indem er sich direkt an den König wendet und an dessen Ehre appelliert:
„Reinhartes liste waren gros,
er sprach: ,kvnic, was sol dirre doz?
ich bin in mangen hof kvmen,
daz ich selden han vernvmen
solche vngezogenheit.
des war, iz ist mir vur evh leit.’ “[54]
Ohne überhaupt auf die ihm zur Last gelegten Verbrechen einzugehen, bietet Reinhart dem König seine Dienste als Arzt an. Er sei aus Salerno angereist, um diesen von seiner Krankheit zu heilen. Damit zerstreut er jegliche Bedenken bei Vrevel, denn er konnte folglich weder zur fraglichen Zeit anwesend gewesen sein, noch die Ladungen erhalten und die ihm zur Last gelegten Verbrechen begangen haben:
„Reinhart sprach: ,evch enpevtet den dienst sin,
reicher kvnich, meister Pendin,
ein artzt von Salerne,
der sehe ewer ere gerne,
vnde dar zv alle, di da sint,
beide di alden vnt di kint. [...]
herre, ich was zv Salerne
dar vmme, daz ich gerne
evh hvlfe von diesen sichtagen.
ich weiz wol, daz allez ewer clagen
in dem hovbet ist, swaz iz mvge sin.“[55]
Mit dem Verweis auf die Pilgerfahrt nach Salerno wird Reinharts Integrität belegt und sein Prestige aufgewertet[56], gilt doch Salerno im Mittelalter als Hochburg medizinischer Wissenschaft[57].Dass Reinharts List mit Erfolg gekrönt wird, zeigt Vrevels Reaktion:
„ ,daz leist ich’, spach der kvnic ze hant
vnde liez slifen sinen zorn.“[58]
Die Aufmerksamkeit des Königs konnte in kürzester Zeit auf dessen Krankheit konzentriert werden, so dass an dieser oben zitierten Stelle die Zäsur gegeben ist, an der der Aspekt der Gerichtsverhandlung zurücktritt bzw. gänzlich verloren geht und diese dadurch zur Farce wird.
Jetzt bietet sich Reinhart die Möglichkeit, gemäß dem Prinzip der Belohnung und Bestrafung, Rache zu üben an denjenigen, die in irgendeiner Weise etwas gegen ihn unternommen haben, sei es, dass sie Klage erhoben, einen Botengang übernommen oder ein Urteil zu seinem Nachteil gesprochen haben. Der Reihe nach müssen jene Schaden an Leib oder sogar Leben erleiden, da Reinhart behauptet, nur so könne der König geheilt werden. Jedesmal betont er, dass Vrevel nur so geheilt werden könne, seine Behandlungsmethoden wirken zwar absurd, dennoch stimmt der König ihnen zu:
„,da mite genezet ir, herre gvt.
vz einer katzen einen hvt
mvzet ir han ze aller not,
oder iz were, weizgot, ewer tot.’ “[59]
Um sich seinen Erfolg zu sichern, ermutigt Reinhart den König indirekt (mehr oder weniger subtil), seine Macht zum Zwecke der Heilung zu missbrauchen:
„,kvnic, werestv ein armman,
sonen konde ich niht gehelfen dir.
von gotes genaden so habe wir,
da mite dv wol macht genesen,
wilt dv mir nv gehorick wesen.’
,ia’, sprach der kvnic, meister min,
swi dv mich heizest, also will ich sin.’ “[60]
Diese Hörigkeit war schon zuvor latent vorhanden, da Reinhart in seiner Rede nur dann inne hielt, wenn Vrevel ihm zustimmen sollte, und wird durch dessen explizite Beteuerung „swi dv mich heizest, also will ich sin“[61] manifest.
Selbst seinen Fürsprechern tut Reinhart im Anschluss nur scheinbar Gutes: Es stellt sich heraus, dass die großzügige Lehensvergabe an Kamel und Elefant nicht wirklich den Charakter einer Belohnung hat – auch diese beiden werden letztendlich bestraft.
Derjenige, dessen rechtmäßige Bestrafung man angesichts seiner ausführlich geschilderten Verbrechen eigentlich erwartet hätte, bleibt unbestraft – nämlich Reinhart.
Aber nicht Reinharts Verschlagenheit allein führt zur Perversion des Rechtes: Erst im Wechselspiel mit Vrevel wird das ganze Ausmaß deutlich.
3.2.2 Die Verblendung des Königs Vrevel
Vrevel lässt sich wie bereits erwähnt nur allzu leicht aus egoistischen Motiven von seiner Pflicht zur Rechtswahrung ablenken, obwohl ihn Scantecler eindringlich daran erinnert:
„er sprach: ,kvnic, wir wizzen wol, daz ir sint
vnser rechte richtere,
dar vmbe ist vil swere,
daz ir disen morder lazet stan.
man solde in nv erhangen han.’ “[62]
Und in der Hoffnung auf die versprochene Heilung führt die Manipulation durch Reinhart dann zu jenem exzessiven Machtmissbrauch. Konnte er von jeher nicht sonderlich gut zwischen Recht und Unrecht unterscheiden (vgl. „Ameisenepisode“), so bestätigt sich dieser Zug umso mehr, als er die durch Reinhart angeregte Schindung der Tiere zum Zwecke der Heilung ohne zu zögern befiehlt:
„er sprach: ,ir svlt mir ewere hevte geben,
daz beschvlde ich wider evh, di wile ich leben,
vmb ewer geslehte ze aller stvnt.
meister Reinhart hat mir getan wol kunt
den sichtagen, der mir ze aller ziet
in minem hovbete leider liet.’ “[63]
Seine Verblendung geht sogar so weit, dass er auch in den Momenten, wo er auf die Ungerechtigkeit ausdrücklich hingewiesen und vor Reinharts List gewarnt wird, nicht zur Einsicht gelangt:
„,genade, herre’, sprach der kapelan,
,was wunders wolt ir anegan?
den ir hat vur einen arzat,
vil mangern er getoetet hat,
weizgot, denne geheilet,
vnde ist vor evh verteilet.’ “[64]
„,sol mir alsvs gerichtes sin
vmme min wip, daz ist ein not. [...]
sehet, wi mich ewer arzat
hinderwert gevnert hat.
ouch mag evch wol ergan so.’ “[65]
„iz mac wol sin der werlde spot,
daz ir dem volget hie,
der nie trewe begie
der tevfel in geleret hat,
daz er sol sin ein arzat.’ “[66]
Trotz der dreifachen Warnung durchschaut Vrevel die Situation nicht und verbündet sich mit Reinhart, der „lvtzel trewen hat“[67].
Dadurch, dass jener ihm die Rechtmäßigkeit seines Handelns bestätigt, erscheint dem König die Schindung der Tiere nicht als ein Unrecht:
„der sprach: ,ditz ist wol getan.“[68]
Vrevel entwickelt sich zum Leidwesen seiner Untertanen zum Tyrannen, zum Werkzeug des Bösen[69]. Indem er jedoch den Bund mit Reinhart schließt, schließt sich auch die Schlinge um seinen eigenen Hals weiter zu – das letale Ende ist von der inneren Logik des Werkes ausgehend voraussehbar!
3.3 Der Tod des Königs – gerechte Strafe für einen ungerechten Richter?
Warum sollte gerade der König von Reinharts Strafaktion verschont bleiben? Zwar gelingt es dem Fuchs, den Löwen von seiner Krankheit zu „heilen“ – der Ameisenherr verschwindet aus dessen Kopf – doch die verordnete Kur endet mit dem Gifttod:
„do brov er des kvniges tot.
Reinhart was vbele vnde rot,
daz tet er da vil wol schin:
er vergab dem herren sin.“[70]
Die vielfach angedeutete Untreue Reinharts (vgl. V. 1960, V. 2093 und V. 2097) hat sich nun als wahr erwiesen. Auch Vrevel selbst gelangt, als es zu spät ist, zu dieser Erkenntnis:
„swer sich an den vngetrewen lat,
dem wirt iz leit, des mvz ich iehen.
alsam ist ovch nv mir geschehen.’ “[71]
Vrevels Haupt spaltet sich in drei, seine Zunge in neun Teile: Dies versinnbildlicht zum einen die drei Hauptsünden des Königs, nämlich die Zerstörung der Ameisenburg, das Gerichtsversäumnis und den Bund mit Reinhart, zum anderen die Neunzahl der Tiere, die diesem durch seine Schuld zum Opfer fielen.[72]
Hat Vrevel seinen Tod nun selbst verschuldet? Wie beantwortet er diese Frage?:
„Der kvnic weinende sprach:
,daz ich Reinharten ie gesach,
des han ich verlorn daz min leben.
owe we hat mir gift gegeben
ane schulde: ich hat ime niht getan.“[73]
In dieser Verbindung mag er denn schuldlos sein: Es stimmt, er hat Reinhart nichts getan. Ein wenig kindisch wirkt diese Reaktion allerdings – ist doch darin seine Schuld gar nicht zu suchen!
Der Verfasser stellt eindeutig fest, das der Tod des Königs nicht beklagt werden dürfe:
„daz sol niman clagen harte:
waz want er han an Reinharte?
iz ist noh schade, wizze krist,
daz manic loser werder ist
ze hove, danne si ein man,
der nie valsches began.
swelch herre des volget ane not
vnde teten si deme den tot,
daz weren gvte mere.
boese lvgenere
di dringen leider allez vur,
die getrewen blibentvor der tvr.“[74]
Vor dem Hintergrund mittelalterlicher Rechtsnormen ist der Königsmord ein ungeheuerliches Verbrechen, der Gesamtkonzeption des Werkes nach jedoch die gerecht Strafe für den Unrechtsherrscher.[75]: Sein qualvoller Gifttod ist Ausdruck all seiner Verfehlungen!
4. Schlussbemerkung
Mit wem sollen wir nun Mitleid haben? Mit den geschundenen Tieren? Mit Vrevel? Wie empfinden wir Reinharts Erfolg – freuen wir uns gar?
Die Schindung der Tiere erscheint im ersten Augenblick unrecht, bei genauerer Betrachtung werden wir uns jedoch ihrer Verfehlungen bewusst. In diesem Zusammenhang kann ihre Bestrafung als selbstverschuldet angesehen werden. Das selbe gilt wie schon beschrieben für Vrevel. Auch in seinem Fall will sich Mitgefühl beim Leser nicht wirklich regen.
Andererseits können wir Reinhart seinen Erfolg nicht gönnen, da er ebenfalls kein „Sympathieträger“ ist. Was will Heinrich dann aber erreichen? Joachim Bumke schreibt: „Der Dichter hat die bekannte Fabel vom Hoftag des Löwen dazu benutzt, ein negatives Bild vom Königshof des Löwen Frevel und von der Gesellschaft dort zu entwerfen. Die Verhaltensweise des Herrschers ist durch Blindheit, Verantwortungslosigkeit, Grausamkeit und Eigennutz gekennzeichnet, während die adligen Mitglieder der Hofgesellschaft sich durch Korruption, Feigheit und Intrigantentum auszeichnen.“[76] Um sein Werk von der Schwankdichtung abzugrenzen, hat Heinrich einen Handlungsaufbau gestaltet, „der schließlich als Satire verstanden werden kann“[77]. Die parodistischen und komischen Elemente treten im letzten Teil des Werkes in den Hintergrund – zurück bleibt einzig der Warncharakter, da uns die Folgen ungetriuwer Gesinnung anhand zahlreicher Beispiele vor Augen geführt wurden. Was könnte diese Warnabsicht stärker stützen als der unwiderrufliche Untergang Vrevels und seines Hofes? Aber welch ein Menschenbild wird hier entworfen – im „Reinhart Fuchs“ ist wirklich jeder schlecht! Wir empfinden kein Mitleid, wir empfinden keine Freude: Wir sind deprimiert...
Muss der König sterben? Ja, er muss.
Literaturverzeichnis
Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 8. Aufl. München 1997.
Burchard, Kurt: Die Hegung der deutschen Gerichte im Mittelalter. Ein Beitrag zur deutschen Rechtsgeschichte. Leipzig 1893.
Göttert, Karl-Heinz (Hrsg.): Heinrich der Glîchezâre. Reinhart Fuchs. Mittelhochdeutsch und Neuhochdeutsch. Stuttgart 1987. (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 9819)
Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. Mit den Nachträgen von Ulrich Pretzel. 38., unveränderte Aufl. Stuttgart 1992.
Lurker, Manfred (Hrsg.): Wörterbuch der Symbolik. 5., durchgesehene und erweiterte Aufl. Stuttgart 1991.
Planck, Johann Julius Wilhelm von: Das deutsche Gerichtsverfahren im Mittelalter. Nach dem Sachsenspiegel und den verwandten Rechtsquellen. Nachdr. d. Ausg., Braunschweig 1879, Hildesheim 1973.
Schwab, Ute: Zur Datierung und Interpretation des Reinhart Fuchs. Mit einem textkritischen Beitrag von Klaus Düwel. Neapel 1967. (Quaderni della sezione linguistica degli Annali 5)
Widmaier, Sigrid: Das Recht im „Reinhart Fuchs“. Berlin; New York 1993. (Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte der germanischen Völker; N. F., 102=226); zugl.: Göttingen, Univ., Diss., 1991.
[1] Widmaier, Sigrid: Das Recht im „Reinhart Fuchs“. Berlin; New York 1993. (Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte der germanischen Völker; N. F., 102=226); zugl.: Göttingen, Univ., Diss., 1991, S. 115.
[2] Schwab, Ute: Zur Datierung und Interpretation des Reinhart Fuchs. Mit einem textkritischen Beitrag von Klaus Düwel. Neapel 1967. (Quaderni della sezione linguistica degli Annali 5), S. 127.
[3] Göttert, Karl-Heinz (Hrsg.): Heinrich der Glîchezâre. Reinhart Fuchs. Mittelhochdeutsch und Neuhochdeutsch. Stuttgart 1987. (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 9819), S. 84, V. 1239-1242. [im Folgenden: RF]
[4] Widmaier, S. 137.
[5] RF, S. 84, V. 1239.
[6] Widmaier, S. 119f.
[7] RF, S. 84, V 1241.
[8] Widmaier, S. 126.
[9] Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. Mit den Nachträgen von Ulrich Pretzel. 38., unveränderte Aufl. Stuttgart 1992, S. 70.
[10] RF, S. 84, 1242-1246.
[11] Widmaier, S. 129.
[12] RF, S. 84, V. 1246-1248.
[13] Widmaier, S. 130.
[14] RF, S. 84f, V. 1251-1266.
[15] RF, S. 86f, V. 1281-1289.
[16] Ebenda, S. 88, V. 1290f.
[17] RF, S. 88, V. 1311f.
[18] Lurker, Manfred (Hrsg.): Wörterbuch der Symbolik. 5., durchgesehene und erweiterte Aufl. Stuttgart 1991, S. 436.
[19] RF, S. 88, V. 1318.
[20] Ebenda, S. 88, V. 1302-1303.
[21] Widmaier, S. 138.
[22] RF, S. 88f, V. 1321-1327.
[23] Burchard, Kurt: Die Hegung der deutschen Gerichte im Mittelalter. Ein Beitrag zur deutschen Rechtsgeschichte. Leipzig 1893, S. 133.
[24] Widmaier, S.
[25] RF, S. 90, V. 1361-1362.
[26] Ebenda, S. 92, V. 1363.
[27] Ebenda, S. 92, V. 1364-1365.
[28] Widmaier, S. 153.
[29] RF, S. 92, V. 1370-1373.
[30] Planck, Johann Julius Wilhelm von: Das deutsche Gerichtsverfahren im Mittelalter. Nach dem Sachsenspiegel und den verwandten Rechtsquellen. Nachdr. d. Ausg., Braunschweig 1879, Hildesheim 1973, S. 358ff.
[31] RF, S. 92, V. 1375-1385.
[32] Ebenda, S. 92, V. 1390-1391.
[33] Ebenda, S. 92, V. 1376.
[34] Ebenda, S. 92, V. 1376.
[35] Ebenda, S. 94, V. 1425-1427.
[36] RF, S. 94, V. 1423f-1432.
[37] Ebenda, S. 162, Anm. 54.
[38] Ebenda, S. 94, V. 1422.
[39] Ebenda, S. 94, V. 1433-1436.
[40] Ebenda, S. 96, V. 1443-1451.
[41] RF, S. 96, V. 1439.
[42] Widmaier, S. 179.
[43] Ebenda, S. 187.
[44] RF S. 98, V. 1474-1480.
[45] RF, S. 108, V. 1614-1618.
[46] Ebenda, S. 118, V. 1735-1740.
[47] Ebenda, S. 108, V. 1619-1621.
[48] Ebenda, S. 118, V. 1743-1745.
[49] Ebenda, S. 110, V, 1636-1644.
[50] RF, S. 120, V. 1765-1775.
[51] RF, S. 124, V. 1821-1826.
[52] Ebenda, S. 124, V. 1811.
[53] Ebenda, S. 124f; V. 1832-1824.
[54] Ebenda, S. 128, V. 1865-1870.
[55] RF, S. 128f, V. 1873-1885.
[56] Widmaier, S. 209.
[57] RF, S. 164, Anm. 68.
[58] Ebenda, S. 130, V. 1890-1891.
[59] RF, S. 130, V. 1901-1904.
[60] Ebenda, S. 134, V. 1972-1978.
[61] Ebenda, S. 134, V. 1978.
[62] RF, S. 128, V. 1858-1861.
[63] Ebenda, S. 132, V. 1907-1912.
[64] Ebenda, S. 132, V. 1913-1918.
[65] Ebenda, S. 132, V. 1920-1925.
[66] Ebenda, S. 134, V. 1958-1962.
[67] RF, S. 142, V. 2097.
[68] Ebenda, S. 132, V. 1935.
[69] Widmaier, S. 219.
[70] RF, S. 146, V. 2171-2174.
[71] Ebenda, S. 150, V. 2237-2240.
[72] RF, S. 165, Anm. 72.
[73] Ebenda, S. 148, V. 2231-2235.
[74] Ebenda, S. 146, V. 2175-2186.
[75] Widmaier, S. 229.
[76] Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 8. Aufl. München 1997, S. 592.
[77] RF, Nachwort, S. 175.
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