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Scholary Paper (Seminar), 2004, 35 Pages
Author: M.A. Björn Potulski
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: LMU Munich
Tags: Wallensteins, Dilemma, Macht, Politik, Wirklichkeitskonstruktion, Schillers, Hauptwerk, Hauptseminar, Schillers, Wallenstein
Year: 2004
Pages: 35
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-09034-1
File size: 309 KB
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Ludwig-Maximilians-Universität München
Hauptseminar:
Schillers „Wallenstein“
Sommersemester 2004
Wallensteins Dilemma
Macht, Politik und Wirklichkeitskonstruktion in Schillers Hauptwerk
von
Björn Potulski
I. Einleitung: Schiller, Wallenstein und das Drama der Macht 3
II. Phantasien der Macht: Zum Verhältnis von Spiel und Ernst 7
III. Bestandsaufnahme im Möglichkeitsraum: Der Achsenmonolog. 9
IV. Machiavellistischer Realismus beim Idealisten Schiller 13
V. Über Verschwörungen. 15
VI. Der dramatische Diskurs der Sicherheit 19
VII. Wallensteins Machtdilemma. 22
VIII. Über Konstruktion von Wirklichkeit 25
IX. Nachtrag: Wallensteins Scheitern. 31
IX. Zum Schluss: Wo bleiben die Ideale?. 32
Bibliographie. 35
Was tu ich Schlimmres,
Als jener Cäsar tat, des Name noch
Bis heute das höchste in der Welt benennet?
Wallenstein
I. Einleitung: Schiller, Wallenstein und das Drama der Macht
Politik ist Umgang mit Macht[1] – diese einfache Definition ist common sense aller Theorien des Politischen. Macht wollen wir hier mit Clausewitz als das Vermögen verstehen, „den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“[2]. Wie der Erwerb von Macht und ihr Gebrauch sich gestalten kann, muss, oder soll, das sind durchaus alternative Untersuchungsfelder widerstreitender Paradigmen politischer Theorie.
In Friedrich Schillers Wallenstein-Trilogie erleben wir das Drama der Macht: Die Figuren, deren historische Vorbilder wir als Akteure des Dreißigjährigen Krieges kennen, begründen militärische Macht, haben Not, ihre symbolische Macht zu erhalten, drohen mit unverhohlenen Machtdemonstrationen, versuchen vergebens ein stabilisierendes Gleichgewicht der Macht auszubalancieren.
Grundlage des dramatischen Konfliktes ist ein Ungleichgewicht der Macht: Der Kaiser in Wien verfügt über die Insignien der legitimen (Macht-) Ordnung, seine tatsächliche Macht beschränkt sich aber auf das Feld des Symbolischen. Wir kennen aus der Geschichte des heiligen Römischen Reiches die besonderen Probleme, die einen Kaiser ohne ‚Hausmacht’ betrafen. Das Defizit kann zunächst behoben werden, indem der Kaiser als Auftraggeber der Macht in Erscheinung tritt: Der Kriegsunternehmer Albrecht von Wallenstein fungiert als Lieferant dringend benötigter militärischer Macht, deren kriegerisches Mandat von der symbolischen Macht des Kaisers legitimiert wird. Zwar ist der militärisch mächtige Feldherr auf die Legitimation durch den Kaiser und der Kaiser auf die kriegerische Potenz des Feldherrn angewiesen, doch bleibt dieses Gleichgewicht prekär.
Schillers dramatische Trilogie verarbeitet ein repräsentatives Korpus detailreicher Diskurse politischer Theorie:
Die Modellierung der dramatischen Konfliktsituationen und deren Auflösung offenbart eine erstaunliche Nähe zu den Szenarien, die der politische Theoretiker und Fürstenberater Niccolò Machiavelli (1469-1527) entwirft[3]. Bei der Analyse der Verschwörungshandlung im „Wallenstein“ sind die Texte des Florentiners eine anregende Hilfe, auch wenn nicht nachgewiesen werden kann, dass Schiller sie als Quellen nutzte.
In theoretischer Opposition zu Machiavellis brachialer Verantwortungs-ethik steht Immanuel Kants gesinnungsethisch geprägte politische Schrift „Zum ewigen Frieden“. Die Forschung zieht neuerdings die Möglichkeit in Betracht, dass diese Schiller als Quelle der politischen Thematik seines ‚Wallenstein’ gedient haben könnte[4].
Wir identifizieren also den Einfluss zweier konträrer politischer Paradigmen, die von den Figuren reflektiert und vertreten werden, die aber vor allem ihr Handeln leiten: Octavio Piccolomini, General in Wallensteins Armee, genießt das uneingeschränkte Vertrauen des Titelhelden, den er später unter kluger Ausnutzung dieses Umstandes in die Falle der im Auftrag des Kaisers konstruierten Verschwörung tappen lässt. Octavio präsentiert sich uns als Repräsentant des politischen Realismus, einer Denkrichtung, welche die Welt so zu behandeln vorgibt, „wie sie ist“[5].
Octavios politische Theorie und Praxis findet eine erbitterte Opposition in seinem Sohn Max Piccolomini, dem Ziehkind Wallensteins und Obersten in dessen Heer, der sich als glühender Verfechter eines politischen Idealismus zu erkennen gibt, dessen Projekt es ist, die Welt zu beschreiben, wie sie sein soll.
Im historischen Kontext der Entstehungszeit des „Wallenstein“ ist also Max mit seinem Kantschen Idealismus die paradigmatische Figur. Gleichwohl fasst Schiller in zahlreichen Repliken der Hauptfiguren, vor allem Octavios und Wallensteins, deutliche kritische Positionen gegenüber dem bedingungslos konsequenten Idealismus zusammen, indem er Max in sinnlosem Opfertod untergehen lässt, während Octavios Intrige zur Stabilisierung der legitimen Ordnung führt, die ohne Alternative bleibt. Die Tauglichkeit des idealistischen Ansatzes für den politischen Prozess lässt sich aus der Handlung des Dramas heraus beurteilen: Den kritischen Positionen Octavios und Wallensteins muss vielfach zugestimmt werden. Dagegen muss aber auch festgehalten werden, dass Maxens scheinbar weltuntaugliches ‚politisches’ Programm einen Ausweg aus einem zentralen Dilemma des Machtdiskurses bereitgehalten hätte.
Die Intrigenhandlung, der Antagonismus Wallensteins im Verhältnis zum Kaiserhof, das polare Verhältnis der politischen Anschauungen und der politischen Praxis der beiden Piccolomini können also als politischer Prozeß analysiert werden.
Schiller führt uns an dieser Konstellation beispielhaft das Dilemma der Macht vor Augen: Sobald mehrere Akteure über Macht verfügen, müssen sie Vorkehrungen treffen, sich vor der Macht des anderen zu schützen. Es bleibt ihnen nur die Möglichkeit, ihre eigene Macht zu vergrößern. Das Dilemma ist selbsterhaltend und selbstverstärkend. In Schillers Drama kann ihm nur durch das Mittel der Verschwörung zur Ausschaltung des Opponenten begegnet werden. Wie wir sehen werden, gibt es dazu nur die Alternative, die Wallenstein zu realisieren versucht: Die Ansammlung einer Übermacht zum eigenen Schutz und zur Konsolidierung der eigenen Position – diese Möglichkeit hat der Kaiser nicht, weshalb ihm lediglich der oben skizzierte – letzte – Ausweg bleibt: „Er [Cäsar, s.o.] führte wider Rom die Legionen, / Die Rom ihm zur Beschützung anvertraut. / Warf er das Schwert von sich, er war verloren, / Wie ich es wär’, wenn ich entwaffnete.“ (Tod, 838ff.).
Dem Dilemma liegt ein kompliziertes Konzept inkongruenter Wirklichkeitskonstruktionenen zugrunde: Die konflikthaft verbundenen Akteure verfügen über individuell konstruierte Wirklichkeiten, die sich nur teilweise überschneiden. Darin hat die hohe Intensität der Bedrohungsperzeption im Verhältnis des Kaisers zu seinem Feldherrn ihren Ursprung.
Es wird nicht zu entscheiden sein, ob eine Verschwörung Wallensteins den Kaiser zu Gegenmaßnahmen zwingt, oder die Gegenmaßnahmen des Kaisers Wallenstein zur Verschwörung nötigen.
Lediglich eine gewisse ‚Schuld’ im Sinne einer politischen Unklugheit wird man Wallenstein anlasten müssen, der es, aus welchen Motiven wird zu untersuchen sein, sich nicht versagen konnte, sich in Phantasien der Macht zu ergehen, die seine Opponenten schrecken müssen. Unser Augenmerk soll dem Punkt gelten, an dem aus Phantasie unintentional und unvermittelt Realität wird.
Dies beschrieben zu haben ist eine große Leistung des politischen Dichters Schiller, dessen 200. Todestag wir am 9. Mai begehen werden. Umso weniger verständlich ist es da, dass die großen Bayerischen Schauspielbühnen es sich im Schillerjahr nehmen lassen, auf das aktuell vorherrschende politische Klima der Angst und der Bedrohungsgefühle durch weithin unsichtbare (konstruierte?) Feinde, mit engagierten Inszenierungen von Schillers dramatischem Hauptwerk zu reagieren – auf den Spielplänen findet sich leider kein einziger „Wallenstein“.
II. Phantasien der Macht: Zum Verhältnis von Spiel und Ernst
„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“[6] Im Sinne dieser Schillerschen Anthropologie möchte Wallenstein ganz Mensch sein, sein Umgang mit der Macht ist der eines Spiels. Der Ort des Machtspiels ist zunächst nur die Phantasie, sie dient Wallenstein als Fluchtraum, in den er ausweicht um reale Optionen nicht einer Entscheidung im Sinne eines Für oder Wider aussetzen zu müssen: Sich für eine Option zu entscheiden, fiele ihm vielleicht noch leicht, wäre damit nicht zwingend die Entscheidung gegen eine andere verbunden, was den Möglichkeitsraum zunächst verkleinert.
Der dramatische, wie auch der historische Wallenstein sind in ihrer Zeit Ausnahmeerscheinungen, charismatische Führer eines treuen Heeres von gewaltiger Stärke, das auf der Welt keinen Gegner zu fürchten braucht. Erst recht nicht seinen Dienstherren, den machtlosen Kaiser. Dieser Umstand ist Wallenstein nicht anzulasten, muss aber bei der Beurteilung der vielfältigen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, mildernd herangezogen werden. Die Realität hält für den mächtigen Feldherrn keine (Macht-)Schranken bereit, nimmt ihm also vor allem auch keine Entscheidung ab, er kann schlicht jede Option wählen, die er möchte. Wallensteins Zögern, die Handlungshemmung in der Realität, die ihm, klug ausgenutzt von seinen Gegnern, schließlich das Leben kosten wird, ist Thema vieler Abhandlungen. Hier soll uns das vehement betriebene phantasierte Handeln interessieren, das, obwohl es nicht in der Welt des politisch Realen stattfindet, seine politischen Gegner doch gegen die Titelfigur zusammenschweißt und einen Konflikt schafft, in dem nur noch das Äußerste eine Lösung bereit hält.
Wallenstein verstrickt sich also in diesem Sinne in ein selbstgeknüpftes Netz, obgleich die Falle ohne jede Absicht von ihm selbst aufgestellt wird. Zu Beginn des zweiten Teiles der Trilogie erleben wir das Räsonnement des Feldherrn aus der Innenperspektive. Indem Wallenstein bereits eine Welt von Feinden sieht, geht seine Phantasie rückblickend noch einmal im reinen Möglichkeitsraum alle Handlungsoptionen durch, die er hatte oder gehabt hätte, inklusive Verrat und Usurpation. Wallenstein spielt Szenarien durch. Sprachlicher Ausdruck des nicht Realen sind die vielen Konjuktive und Fragen[7]. Wallensteins Gegner hielten dieses interessenlose Spiel des Feldherrn ab einem bestimmten Zeitpunkt für Ernst und begannen, Abwehrmaßnahmen zu treffen, deren sichtbare Signale nun auch dem, gegen den sie gerichtet sind, nicht mehr verborgen bleiben. ‚Interesselos’ bedeutet, das Spiel bezog sich nicht auf Intentionen, die in den Tatsachen der äußeren Realität repräsentiert sind. Wallensteins Absicht besteht zunächst nur im Spielen. Die politischen Interessen seiner Gegner würden durch Wallensteins spielerische Interessen jedoch, würden diese Realität, massiv bedroht. Die Grenze zwischen Spiel und Ernst wird durchlässig. ‚Ernst’ meint in diesem Zusammenhang eine Zuschreibung, die zunächst Wallensteins Gegner durchführen. Hier ist der eigentümliche Punkt auszumachen, an dem aus Phantasie Realität wird. Wallenstein hat ab sofort nicht mehr die spielerische Freiheit, mit der er sich im Phantasieraum bewegte. Es bleibt der Modus des Spiels, welches sich jedoch in die Realität verlagert, eine Transformation findet statt, die es ‚ernst’ werden läßt.
Wallensteins Verantwortung, oder sagen wir ruhig Schuld, liegt in einer Verwechslung: Er möchte Schauspieler sein und spielt Machtspiele in der Phantasie, ohne jedoch eine Bühne zu haben. Er genießt also keinen „künstlerischen Rabatt“ (Lazarowicz). Außerdem ist er sehr mächtig, was dieses Defizit umso folgenreicher werden lässt. Tatsächlich können ihm seine politischen Gegner keinen künstlerischen Rabatt gewähren. Dieses sollte ihm, der selber das Feld des Politischen kennen muss, ist er doch schließlich auf diesem groß und mächtig geworden, bewusst sein, folglich spielt er auch noch mit dem Feuer. Dies ist sein Beitrag zur Bilanz tragischer Schuld, die am Ende, das nicht nur seinen eigenen Tod bringen wird, gezogen werden muss.
Wallenstein möchte also nicht auf Optionen verzichten müssen, möchte alles verkörpern können, er ist ein „Parvenu“[8], der seiner Spiellust frönt. Er gefällt sich in den verschiedensten Rollen: „Schirmer“ des Reiches (Picc., 835), Rebell, Kriegs- und Friedensheld, Überwinder des „ewig Gestrigen“ (Tod, 218) sowie zugleich der legitime Repräsentant eben dieser Ordnung. Seine Ambivalenz geht bis zur Zerrissenheit, er ist ein Leidender. Die Aufhebung dieser Widersprüche gelingt ihm nur im Phantasieraum, in dem er sich austobt.
III. Bestandsaufnahme im Möglichkeitsraum: Der Achsenmonolog
Wallensteins Identität als Politiker, der er in seiner Machtstellung zumindest auch sein muss, ist fragil: Er ist mehr ästhetischer Mensch als Realpolitiker: Im Phantasieraum der Macht waren die Spielregeln noch allein seine Regeln, im Realraum der Macht, sind es die Regeln des politischen Prozesses: Dort hat er es zu tun mit Octavio, Max, der Terzky, also auch mit Denksystemen, die in der politischen Welt Brillen sind, durch die eben diese betrachtet wird: Machiavelli und Kant, Realismus und Idealismus.
Wallenstein.
(mit sich selbst redend)
Wär′s möglich? Könnt′ ich nicht mehr, wie ich wollte?
Nicht mehr zurück, wie mir′s beliebt? Ich müßte
Die Tat vollbringen, weil ich sie gedacht,
Nicht die Versuchung von mir wies - das Herz
Genährt mit diesem Traum, auf ungewisse
Erfüllung hin die Mittel mir gespart,
Die Wege bloß mir offen hab gehalten?[9] –
Wallensteins Erstaunen über den plötzlichen ‚Ernst’ der Lage ist ihm in aller Unschuld abzunehmen, er ist unbeobachtet und es gibt keine Signale, die darauf hindeuten, dass er einen Lauscher hinter der Tür wähnt, dem er nun eine Vorstellung spielen könnte, um, die Situation ‚unbeobachtet sein’ ausnutzend, seine Motive in der gewünschten Weise zu inszenieren. Er ist alarmiert und sichtlich verstört von der ungewohnten Situation, Handlungsoptionen aus dem Möglichkeitsraum getilgt zu sehen.
Beim großen Gott des Himmels! Es war nicht
Mein Ernst, beschloßne Sache war es nie.
In dem Gedanken bloß gefiel ich mir;
Die Freiheit reizte mich und das Vermögen.
Wallenstein weist hier nur auf einen simplen Umstand hin, der dem Rezipienten bereits hinlänglich bekannt war: Das mächtigste Heer der Welt zu kommandieren (das „Vermögen“), eröffnet Freiheitsgrade. Eine Gegenmacht, welche Wallensteins Macht in Schach hielte, findet sich nirgends, vor allem nicht beim Kaiser, ein Umstand, den Questenberg eingangs der „Piccolomini“ laut beklagt: „Weh uns! Wo dann ein zweites Heer gleich finden, / Um dieses zu bewachen?“ (Picc., 280f.). Den Freiraum unbegrenzter Machtentfaltung zu besitzen, ohne ihn zu nutzen, ist eine schwierige Aufgabe, unser Misstrauen bestätigt diese Ansicht. Umso deutlicher sollte betont werden, dass Wallenstein, trotz Dauerkonflikt mit dem Kaiser um unzureichende oder ganz ausbleibende Besoldung, bisher noch keinen Umsturz unternommen hat.
Wohin denn seh ich plötzlich mich geführt?
Bahnlos liegt′s hinter mir, und eine Mauer
Aus meinen eignen Werken baut sich auf,
Die mir die Umkehr türmend hemmt!
Bleiben wir zunächst noch bei der Frage nach Spiel und Ernst beziehungsweise Phantasie und Realität: Die Wahrnehmung dieser Barriere („Mauer“) ist eine Projektion der erwarteten Reaktion seiner Gegner, auf die Wallenstein nun zu reagieren scheint. Wichtig ist schon hier der Hinweis: Wallenstein reagiert auf eine erwartete Reaktion, deren ‚Realität’ scheint gleichwohl für ihn nicht in Frage zu stehen, genauso wenig, wie seine Gegner den Realitätsgehalt von Wallensteins Machtphantasien hinterfragen.
Strafbar erschein ich, und ich kann die Schuld,
Wie ich′s versuchen mag! nicht von mir wälzen;
Denn mich verklagt der Doppelsinn des Lebens,
Und - selbst der frommen Quelle reine Tat
Wird der Verdacht, schlimmdeutend, mir vergiften.
Nun kann überhaupt nicht mehr von einer Unterscheidung der Kategorien ‚Spiel’ und ‚Ernst’ gesprochen werden. Auf Wallensteins Realitätswahrnehmung werden wir weiter unten genauer eingehen, hier stellen wir nur fest: Allen eigenen Optionen begegnet sie autoresponsiv, alle Auswege verschwinden daher, bis auf einen: Den phantasierten Staatsstreich in der Wirklichkeit zu realisieren. Wallensteins Unschuld kann bis zu dieser folgenschweren Entscheidung, in die er sich gedrängt sieht, kaum widersprochen werden. Noch hier liefert Wallenstein selber einen starken und vernünftig begründeten Beleg:
War ich, wofür ich gelte, der Verräter,
Ich hätte mir den guten Schein gespart,
Die Hülle hätt′ ich dicht um mich gezogen,
Dem Unmut Stimme nie geliehn.
Natürlich kennt auch Wallenstein Machiavellis Regeln für eine erfolgreiche Verschwörung und beherrscht sie! Er ist, darauf sei noch einmal hingewiesen, gerade unbeobachtet und also auch in keiner getarnten Rechtfertigungshaltung. Er hätte sich nichts anmerken lassen, wäre die Verschwörung ‚echt’, wie seine Gegner unterstellen!
Der Unschuld,
Des unverführten Willens mir bewußt,
Gab ich der Laune Raum, der Leidenschaft -
Kühn war das Wort, weil es die Tat nicht war.
Jetzt werden sie, was planlos ist geschehn,
Weitsehend, planvoll mir zusammenknüpfen,
Und was der Zorn und was der frohe Mut
Mich sprechen ließ im Überfluß des Herzens,
Zu künstlichem Gewebe mir vereinen
Und eine Klage furchtbar draus bereiten,
Dagegen ich verstummen muß. So hab ich
Mit eignem Netz verderblich mich umstrickt,
Und nur Gewalttat kann es reißend lösen.
Wallenstein scheint doch immerhin die Mechanismen fataler Wirklichkeitserfindung zu kennen, weiß aber nicht, dass auch er selbst in ihnen befangen ist. Zumindest analysiert er den Mechanismus, nach dem seine Feinde in das, was „planlos ist geschehn“, „weitsehend“ ein Muster der Verschwörung hineinkonstruieren werden nach Maßgabe einer akzeptablen Rationalität. Der Feldherr scheint sich wieder darauf zu besinnen, dass er auch Politiker ist und er wird sich auf das Funktionieren realistischer Machtpolitik verlassen und verlassen müssen.
Dieses Feld ist die Domäne des Florentiner Fürstenberaters Niccolo Machiavelli (1469-1527), der mit seinen „Discorsi“ einen der Grundsteine moderner politischer Theorie legt[10]. Zwar soll hier nicht behauptet werden, Machiavelli sei eine der Quellen, aus denen die Dichtung des Kantianers Schiller sich speist. Sie zehrt aber gewiss von den politisch-gesellschaftlichen Diskursen, die auf Machiavelli zurückgehen, aber nicht mehr unbedingt mit diesem Namen identifiziert werden.
IV. Machiavellistischer Realismus beim Idealisten Schiller
„Der Gedankenkomplex, der sich mit dem Namen Machiavellis verbindet, gehört, oft heraufzitiert, in den Jahrhunderten bis zu Schillers Epoche zum immer wieder aktualisierten Überlieferungsbestand der politischen Philosophie Europas gerade dort, wo es um die »höfische Welt« geht und um die mit ihr verbundene Herausbildung und Konsolidierung des modernen Staatswesens. Und wo immer Hof und Staat in der dramatischen Literatur Europas als Orte und Aktionsfelder der Macht erscheinen, ist Machiavelli, wenn auch nur in der Gestalt des sogen. Machiavellismus, eine wesentliche Figur. Schiller arbeitet mit und in dieser Überlieferung.“ (Wölfel, XXXXXXXXXXXXXX 1)
Zwar läßt sich, wie gesagt, nicht nachweisen, dass Schiller Machiavelli studiert hat, „eine Reihe seiner Dramenfiguren scheint ihn [jedoch] um so gründlicher gelesen zu haben.“ (Wölfel, XXXXXXXXXXXXXX 1)
Machiavellismus ist der diffamierende Name für ein Zerrbild der Lehre Machiavellis geworden, das den Gebrauch unmoralischer und verbrecherischer Mittel im politischen Prozess zur Notwendigkeit erklärt. „In unser Alltagswissen ist diese Lehre eingegangen in Gestalt des Erfahrungssatzes, dass Politik ein schmutziges Geschäft sei“ (Wölfel, XXXXXXXXXXXXXXXXXX 3). Dieses Zerrbild findet seit dem 16. Jahrhundert seinen Niederschlag in der dramatischen Dichtung, hier zunächst und sehr auffallend bei den Elisabethanern. Der Machiavellist wird zur festen Institution im Figurenrepertoire: „Ein Meister der Intrige, der seine skrupellose, zu jeder Art von Verbrechen bereite Infamie hinter der Maske der Höflichkeit und des guten Willens versteckt“ (Wölfel, XXXXXXXXXXXXXXXXXX 3). Auch beim jungen Schiller finden wir diesen Figurentypus noch recht ursprünglich vor, repräsentiert etwa in den höfischen Intriganten Präsident von Walter und dem Gehilfen Wurm, oder in Franz Moor.
„Von Machiavelli sprechen heißt, politische Welt, politisches Handeln, insbesondere Macht, Machtgewinn, -erhaltung, -gebrauch zum Thema zu machen, auch das Verhältnis von politischer Praxis und Moralität.“(Wölfel, XXXXXXXXXXXXXXXXXX 2)
Wölfels Bestandsaufnahme der Anwendungen Machiavellis ist zuzustimmen, mit einer Ausnahme: Um „das Verhältnis von politischer Praxis und Moralität“ geht es bei Machiavelli keineswegs. So liest man auch immer wieder die gängige Behauptung, Machiavelli fordere vom politischen Handeln, jede Scheu vor Unmoralischem abzulegen. Tatsächlich spielt die moralische Bewertung der Handlung im politischen Prozess für Machiavelli überhaupt keine Rolle. Eine Handlung ist nicht dann gut, wenn sie von guten Absichten motiviert wird, dann aber, wenn sie zum Erfolg führt. Nicht eine gute Gesinnung ist also die entscheidende Forderung, sondern die Verantwortung[11] gegenüber den Konsequenzen des Handelns. Die politische Handlung ist vom Ergebnis her zu beurteilen: „Wer handelt, ist dafür verantwortlich, welche Folgen er unabhängig von seinen Absichten herbeiführt“[12]. Machiavellis Theorie wendet sich an den politisch Handelnden im Sinne einer rein praktischen Anleitung und fordert, um mit Max Weber zu sprechen, den verantwortungsethisch agierenden Politiker. (Idealistische) Gesinnungsethik erscheint aus dieser Perspektive häufig als Kennzeichen des politischen Dilettantismus, der im Dienste hehrer Ziele die größten Schäden im Ergebnis in Kauf nimmt.
V. Über Verschwörungen
Es steckt also viel Machiavelli in Schiller, vor allem im ‚Wallenstein’, haben wir hier doch, neben dem ‚Don Karlos’ das Drama der höfischen Intrige, oder allgemeiner, das Drama der Macht vor uns. In der Literatur ist mehrfach auf die herausragende Bedeutung der ‚Gelegenheit’ in Schillers Dramaturgie hingewiesen worden, der machiavellischen ‚occasione’. Diese steht vermittelnd zwischen der Virtù des Handelnden, also seinen Fähigkeiten und Eigenschaften, auf der einen Seite, und Fortuna, der Gesamtheit der unwägbaren Umweltbedingungen[13] auf der anderen. Im ‚Wallenstein’ folgt die Dramaturgie der Verschwörungshandlungen genau diesem Grundmuster. Mit dem Modell der Verschwörung, dessen Analyse bei Machiavelli breiten Raum einnimmt, werden wir weiter unten sowohl die höfische Intrige Octavios und des Kaisers gegen Wallenstein, als auch das Komplott gegen den Kaiser beschreiben.
Auch auf der Ebene der Fabel verweist Schillers Trilogie auffallend auf den Florentiner: Machiavelli beschreibt im 29. Kapitel des ersten Buches seiner ‚Discorsi’ eine Situation, die als dramatische Grundkostellation im Wallenstein fungiert: Der undankbare Herrscher und sein siegreicher Feldherr.
„Das Laster der Undankbarkeit entsteht entweder aus Geiz, oder aus Argwohn. Hat ein Volk oder ein Machthaber einen seiner Feldherrn zu einer wichtigen Unternehmung ausgesandt, so sind beide gehalten, diesen zu belohnen, wenn er die Unternehmung siegreich beendet, und sich dadurch Ruhm erworben hat. […] Der Feldherr, der […] für sich Ruhm und für seine Soldaten reiche Beute erworben hat, steht notwendigerweise bei seinen Soldaten, beim Feind und bei den Untertanen seines Herrn in so hohem Ansehen, dass der Sieg seinen Herrn, der ihm das Kommando übertragen hat, nicht freudig stimmen kann. Da nun der Mensch von Natur ehrgeizig und misstrauisch ist und sich im Glück nicht zu mäßigen weiß, so wird mit Bestimmtheit das Misstrauen, dass im Machthaber sofort nach dem Sieg wach wird, vom Truppenbefehlshaber selbst durch irgendeine überhebliche Äußerung oder Handlung verstärkt. In diesem Fall muss der Machthaber daran denken, sich vor seinem Feldherrn zu sichern.“[14]
Natürlich spricht der weitsichtige Analytiker Machiavelli nicht nur von der Notwendigkeit, die dem Machthaber auferlegt ist, sich nämlich vor dem mächtigen Feldherrn zu schützen, auch diesem erteilt er im darauf folgenden Kapitel Rat, wie der Ungerechtigkeit zu entgehen ist:
„[…] er wende alle Mittel an, durch die er die Eroberung für sich selber und nicht für seinen Herrn ausnützen zu können glaubt, er mache sich die Soldaten und Untertanen geneigt, schließe neue Bündnisse mit den Nachbarn, besetze die Festungen mit seinen Leuten, besteche die Spitzen seines Heeres, versichere sich derer, die er nicht bestechen kann und suche auf diese Weise seinen Herrn für die Undankbarkeit zu strafen, welcher dieser gegen ihn gezeigt haben würde.“[15]
„Gezeigt haben würde“, die Konsequenzen aus diesem Konjunktiv werden uns weiter unten noch beschäftigen.
Die Lösung des Dilemmas ist also konsequenterweise die Alternative Usurpation oder Mord. Beides geschieht nicht unvorbereitet, sondern bedarf umsichtiger Planung in Heimlichkeit, also der Verschwörung. Diese, aus unserer heutigen historischen Perspektive anrüchige Form des politischen Konfliktaustrags, stellt an seine Urheber besonders schwierige Anforderungen. Besonders hier gilt also Machiavellis allgemeines Diktum, das die Unfähigkeit des Menschen anprangert, im politischen Prozess auch nur die gröbsten Fehler zu vermeiden: „Aber die Menschen verstehen für gewöhnlich wenig von den Geschäften der Welt, machen deshalb häufig die größten Fehler, und zwar um so größere, je außergewöhnlicher eine Sache wie diese, ist“[16].
Das Mittel der Verschwörung muss eingesetzt werden, wenn die Macht des politischen Gegners eine offene Konfrontation als aussichtslos erscheinen lässt: Vor dem Hintergrund dieser Feststellung darf im strengen Sinne eigentlich nur Octavios Vorgehen gegen Wallenstein eine ‚Verschwörung’ genannt werden: Octavio muss zunächst als (Geheim-) Agent des Kaisers in Erscheinung treten, da in Anbetracht der Loyalität des Heeres dem Friedländer gegenüber das Vorzeigen eines kaiserlichen Dekretes zwar den Überbringer in Lebensgefahr gebracht, sonst jedoch ohne Wirkung geblieben wäre: „Nur wenige sind in der Lage, einen offenen Krieg mit einem Machthaber zu führen“[17].
Octavio macht sich klug ein bedingungsloses Vertrauen zunutze, das Wallenstein ihm seit der, schon zur hier gespielten Zeit in Schillers Drama, historischen Schlacht von Lützen entgegen bringt. Am Vorabend der Schlacht hatte Octavio aus Besorgnis um den Feldherrn, diesem das eigene, besonders gute Pferd für die Schlacht anempfohlen. Die Situation korrespondiert nicht nur mit dem Traum Wallensteins, aus dem dieser gerade erwacht, als Octavio bei ihm vorsprechen möchte, sondern bestätigt zudem noch die stellare Übereinstimmung, die beide in Wallensteins unerschütterlichem astrologischem Aberglauben eint.
Wie auch immer dieses Vertrauen motiviert ist, es ist unverbrüchlich und schafft eine der Erfolgsaussichten, die Octavios Plänen zugute kommen: „Zudem täuschen sich die Menschen meist über das Maß der Liebe, das ihnen von anderen entgegengebracht wird. Man ist ihrer nie sicher, wenn man sie nicht auf die Probe gestellt hat. […] Und selbst wenn man bei einer anderen gefahrvollen Angelegenheit gute Erfahrungen mit ihrer Treue gemacht hätte, so kann man doch von diesem Beweise der Treue keine Schlüsse auf die jetzt nötige ziehen“[18]. Wallenstein wird noch in einer reichlich späten Phase der Verschwörung den Octavio mit Funktionen bei der Durchführung seines eigenen Komplotts betrauen, was Octavio letztlich zum Doppelagenten macht, dessen Treue jedoch tatsächlich dem Kaiser gilt[19].
Von den drei Phasen einer Verschwörung, die Machiavelli analysiert, ist in unserem Zusammenhang nur die erste von Belang, in der die Vorbereitung durchgeführt wird: „Wie […] gesagt, gibt es bei Verschwörungen drei gefährliche Phasen, und zwar vor der Tat, während der Tat und nach derselben. […] Die Gefahren vor der Tat sind am größten. Man muss sehr klug sein und großes Glück haben, damit man bei der Vorbereitung einer Verschwörung nicht entdeckt wird. Entdeckt wird man entweder auf Grund einer Anzeige oder auf Grund von Mutmaßungen“[20].
Befindet sich die Verschwörung noch in ihrer ersten Phase, ist unbedingt darauf zu achten, das ihr Vorhandensein sich in keiner Weise materiell belegen lässt: „Vor Schriftlichem aber muss sich jeder hüten, wie vor einer Klippe, denn nichts vermag dich leichter zu überführen, als ein Schreiben von deiner Hand“[21]. Eine Unterschrift ist immer stärker als alles Leugnen. Dies wissen auch die unautorisierten Verschwörer Wallensteins, die ihre manipulierte Petition herumreichen, dabei die betrunkene Ausgelassenheit des Festes ausnutzend (vor allem sind sie auch mit der Praxis des Anheuerns von Schiffsbesatzungen bestens vertraut, einem bewährten Verfahren, die Urteilskraft aus dem Spiel zu lassen).
Dies weiß auch Octavio, wenngleich er gegen diese Regel verstößt: Er zeigt seinem Sohn ganz offen den Sendbrief des Kaisers, appelliert an sein Gewissen wie an seine Klugheit. Octavios Verhalten erscheint vor diesem Hintergrund zwar als sehr unklug, jedoch befindet er sich in einem Zielkonflikt, der ihn zwischen der Staatsräson und der Verantwortung für das Wohlergehen seines Sohnes einklemmt. Indem Octavio sich gegen die Klugheitsregel entscheidet, offenbart er einen integeren Charakter und zeigt sich als aufrichtig sorgender und liebender Vater.
Verschwörungen gelangen, sobald ihre Vorbereitungsphase durch Gefährdung der Heimlichkeit gestört wird, an die Schwelle der Eskalation. Hier sehen sich alle Beteiligten einer akuten Bedrohung ausgesetzt, die eine Umkehr im Sinne eines friedlichen Konfliktaustrags nicht mehr erlaubt: „Wer aber bedroht ist und sich in die Notwendigkeit versetzt sieht, zu handeln oder zu leiden, wird für den Machthaber außerordentlich gefährlich […]“[22]. Machiavelli kennzeichnet diese Beziehung als Wechselverhältnis von hoher Dynamik, welches sich einstellt „wenn dich die Not zwingt, dem Machthaber das anzutun, was dieser, wie du merkst, dir selber antun möchte, und wenn diese Zwangslage so groß ist, dass sie dir nur mehr Zeit lässt, an deine Sicherheit zu denken“[23]. In die Variable des ‚Machthabers’ lässt sich hier nun der Kaiser genauso gut einsetzen wie dessen Feldherr Wallenstein, der ‚Machthaber’ im Feldlager ist.
VI. Der dramatische Diskurs der Sicherheit
Wallensteins Vertrauter Illo kennzeichnet die dramatische Situation nach der Verhaftung des Boten als akute Bedrohung: Der Hof erlangt durch Sesins Zeugnis Kunde von einer ‚Verschwörung’, in deren Zentrum Wallenstein mit seinen Vertrauten, vor allem Terzky, steht. Zwar könnte Sesin auch schweigen, der Rezipient des Dramas hat sogar einigen Grund zu dieser Annahme: Der erste Teil der Trilogie zeigt schließlich ein Heerlager voller loyaler Gefolgsleute. Doch könnte der Bote eben auch aussagen, um die eigene Haut zu retten (Tod, 70f.). Die realistische Einschätzung folgt dem Interesse als einzig relevanter Motivation, muss also die Loyalität negieren, sofern diese mit Einbußen zu Lasten des sich loyal verhaltenden verbunden sind. Es muss folglich mit dem Schlimmsten gerechnet werden. Ab diesem dramatischen Wendepunkt in I,3 muss der Wiener Hof Wallenstein denn auch als informierter Feind gelten, der nur durch schnelles und entschlossenes Handeln bezwungen werden kann.
Illo kennzeichnet die neue Situation trefflich als Dilemma, aus dem keine der beiden bisher bekannten Optionen herausführt: „Bewahren kannst du / Nicht länger dein Kommando, ohne Rettung / Bist du verloren, wenn du’s niederlegst“ (Tod, 74ff.). Wallensteins Antwort ist endlich die des realistischen Politikers, der seine Sicherheit mit Machtmitteln gewährleisten wird: „Das Heer ist meine Sicherheit. Das Heer verlässt mich nicht.“ (Tod, 77f.). Wallensteins Gewissheit „Die Macht ist mein“ jedoch konterkariert Illos präzises politisches Gespür, das eine schleichende Gegenmachtbildung befürchtet: „Das Heer ist dein; jetzt für den Augenblick / Ist′s dein; doch zittre vor der langsamen, / Der stillen Macht der Zeit. Vor offenbarer / Gewalt beschützt dich heute noch und morgen / Der Truppen Gunst; doch gönnst du ihnen Frist, / Sie werden unvermerkt die gute Meinung, / Worauf du jetzo fußest, untergraben, / Dir einen um den andern listig stehlen - / Bis, wenn der große Erdstoß nun geschieht, / Der treulos mürbe Bau zusammenbricht.“ (Tod, 82ff.). Gemeint ist offenbar nichts anderes, als dass die Treue der Soldaten, die von Wallenstein zuverlässig versorgt werden, auf einen anderen Herrn, den Kaiser, übergehen wird, sobald Wallensteins Zuverlässigkeit aufgrund der gewandelten Umstände bedroht ist und in Frage steht – am Interesse der Soldaten ändert sich also nichts, während es jedoch auf andere Weise verfolgt wird. Diese Erwartung, die Machiavelli warnend geteilt hätte, macht den Kaiser zu einem Opponenten, der Wallensteins Macht gefährlich werden kann, wenn nicht sogar muss.
Die Situation ist die eines Machtspiels. Der Feldherr ist nun am Zug. Den nächsten Zug durchführen heißt die nächste Entscheidung treffen. Die wird ihm jedoch von dem Umstand erheblich erschwert, dass er die Absichten des Kaisers, also dessen Entscheidung in einem Spiel mit zwei Akteuren, nicht kennt: Die Gegner, die man je nach gewünschtem oder zu erwartendem Spielergebnis auch Partner nennen könnte, treffen ihre Entscheidungen offensichtlich ohne die Möglichkeit der Koordination oder gar Vertrauensbildung.
Der Verlauf dieses Spieles ist identisch mit dem Konfliktverlauf in der Verschwörungshandlung. Beschreiben lässt sich diese Situation mit einem sozialwissenschaftlichen Modell:
VII. Wallensteins Machtdilemma
Für Wallenstein auf der einen, den Kaiserhof und seinen Agenten Octavio auf der anderen Seite ist die gegnerische Verschwörung nun ‚Realität’: Das Komplott Wallensteins gegen den Kaiser oder des undankbaren Kaisers gegen Wallenstein. Das eine hängt vom anderen ab und umgekehrt, ihr Verhältnis wechselseitiger Beeinflussung ist interdependent: „Jedermann weiß, was es bedeutet, wenn ein Ding von einem anderen abhängt. Wenn aber dieses andere, zweite Ding im selben Maße vom ersten abhängt, so dass also beide sich gegenseitig beeinflussen, so nennt man diese Beziehungsform interdependent“[24]: „Das Verhalten jedes Partners bedingt das des anderen und ist seinerseits von dem des anderen bedingt“[25].
Das spieltheoretische Modell, mit dessen Hilfe interdependente Situationen (z.B. Drohverhalten oder Verschwörung) beschrieben werden können, an denen zwei Akteure beteiligt sind ist das sogenannte ‚Gefangenendilemma’:
Zwei Ganoven werden verhaftet. Der Einbruch, der ihnen zur Last gelegt wird, kann ihnen jedoch nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Der Staatsanwalt nimmt sie also ins Verhör und fordert sie auf, den Einbruch zu gestehen. Jeder der beiden soll also nicht nur sich selbst belasten, sondern auch den Kameraden verraten. Das ist der Einsatz in dem Spiel (das Gefangenendilemma ist, wie gesagt, ein zentrales Modell der sog. ‚Spieltheorie’): Gestehen oder leugnen. Das eigentliche Dilemma liegt nun darin, dass die Entscheidung isoliert vom Partner getroffen werden muss, beiden Akteuren also die Möglichkeit der Koordination genommen ist. Wäre diese gegeben, so würde die Entscheidung leicht fallen und voraussichtlich lauten: Beide leugnen. In diesem Fall kann den Ganoven der Einbruch nicht nachgewiesen werden, beide erhalten lediglich eine kurze Gefängnisstrafe von 30 Tagen für unerlaubten Waffenbesitz, insgesamt ein optimales Ergebnis[26], aber eben nur eine Variante unter mehreren. Da die Entscheidung unter Isolation getroffen werden muss, werden beide überlegen, ob es nicht besser wäre, zu gestehen: Wer Reue zeigt, erhält die Mindeststrafe von einem Jahr Gefängnis. Gesteht jedoch der Ganove A, während B leugnet, gilt für A die Kronzeugenregelung, er bleibt straffrei, während B, der keine Reue gezeigt hat, mit der Höchststrafe von 5 Jahren rechnen muss. Dasselbe gilt umgekehrt, wenn B gesteht und A leugnet.
Das Gefangenendilemma läßt sich als Experiment im Labor erproben. Wir dürfen bei den meisten Akteuren eine Präferenz des Geständnisses prognostizieren, denn sie werden lieber die Mindeststrafe in Kauf nehmen, als die Höchststrafe zu riskieren. Die zugrunde liegende Entscheidungsstrategie heißt maximin, ‚maximiere dein Minimum’: Treffe immer die Entscheidung, die bezüglich der Entscheidung des Gegners den für dich ungünstigsten Fall annimmt und für diesen das am wenigsten schlechte Ergebnis für dich gewährleistet. Das Modell zeichnet sich also durch Abwesenheit von Kooperation aus und liefert in der Praxis regelmäßig suboptimale Ergebnisse.
Wallensteins Entschlossenheit, sein Minimum zu maximieren, steigt in I,3 entschieden an vor dem Hintergrund ‚gefühlter’ Bedrohung: „Und müsst ich’s in Erfüllung bringen, jetzt, / Jetzt, da die Macht noch mein ist, müßt’s geschehn –“ (Tod, 117f.). Bezüglich der Agenda des Hofes bestärkt Illo seinen Feldherrn in der Erwartung des ungünstigsten Falles: „Wo möglich, eh’ sie von dem Schlage sich / In Wien besinnen und zuvor dir kommen –“ (Tod, 119f.).
Wallensteins Machtanhäufung – eine Übermacht soll und müsste es werden, um die angestrebte Sicherung zu gewährleisten – wäre erdrückend, käme das Bündnis mit den Schweden zustande. Der Verrat am Kaiser wäre damit zur vollen Tatsache geworden. Wallenstein jedoch zögert, sich in der Besprechung mit dem schwedischen Unterhändler Wrangel auf verbindliche Abmachungen festlegen zu lassen. Er macht sich auch hier der leichtfertigen (jedoch sympathischen) Vermischung der politischen Kategorien schuldig, eine ‚Nachlässigkeit’, die gewollt ist, aber auf der höchsten politischen Ebene nicht goutiert wird: „Und weil / Nun unser Vorteil so zusammengeht, / So lasst uns zu einander auch ein recht / Vertrauen fassen[27]“ (Tod, 253ff.). Wallensteins Realismus ist also auch in dieser Schlüsselszene, ganz im Gegensatz zu dem des Schweden, unentschlossen und von Sentiment durchdrungen. Das Vertrauen des Schweden soll sich auf das „Herz“ Wallensteins gründen lassen, welches den Schweden wohl gesonnen sei: „Ich war stets / Im Herzen auch gut schwedisch – Ei, das habt ihr / In Schlesien erfahren und bei Nürnberg. / Ich hatt euch oft in meiner Macht und ließ / Durch eine Hintertür euch stets entwischen“ (Tod, 247ff.). Wrangel kann nur realistisch entgegnen: „Das Vertraun wird kommen, / Hat jeder nur erst seine Sicherheit[28]“ (Tod, 257f.).
Das Bündnis mit den Schweden kommt nicht zustande. Wallenstein zögert noch, da die schwedischen Forderungen zu weit gehen. Letztlich beobachten wir auch hier ein Gefangenendilemma, jedoch unter erheblich freundlicheren Vorzeichen: Das Einigende ist hier der signifikante Aspekt der Interdependenz. Der Friedländer und die Schweden haben nach Wallensteins (wohl rhetorischem) Bekunden einen gemeinsamen Feind, was in der Sphäre des Politischen von jeher das stärkste, wenn nicht sogar einzige stabile Band darstellt: „Helft den gemeinen Feind mir niederhalten“ (Tod, 376) appelliert der katholische Feldherr an den schwedischen Gesandten. Prägnantester Ausdruck von Wrangels politischem Realismus ist dessen Einsicht in die einigende Notwendigkeit eines gemeinsamen, äußeren Feindes und die rhetorische Frage nach dem Ersatz dieses Bandes nach dessen Niederwerfung: „Und liegt zu Boden der gemeine Feind, / Wer knüpft die neue Freundschaft dann zusammen?[29]“ (Tod, 377ff.).
Wallensteins ‚Verrat’ jedoch bleibt selbst in dieser prägnanten Szene unvollendet im Modus der Möglichkeit zurück: Das Bündnis wird nicht abgeschlossen, ein positives Bekenntnis Wallensteins gegen den Kaiser bleibt aus – eine Verschwörung findet – zumindest auf dem realistischen Boden der Politik – (noch immer) nicht statt.
VIII. Über Konstruktion von Wirklichkeit
Die gängigen Lesarten des ‚Wallenstein’ sehen entweder Octavio oder Wallenstein in der Rolle des Schuldigen, also des Verschwörers, der sozusagen mit dem bösen Handwerk angefangen hat.
Von der Realität einer Verschwörung gegen den Kaiser kann jedoch zunächst keine Rede sein, da ihr Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von individueller Wirklichkeitskonstruktion abhängig ist, welche die Erwartung objektiv gegebener Tatsachen als Einbildung entlarvt: „Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden“ (Heinz von Foerster). Diese Wirklichkeitserfindung wird vom Kaiserhof und seinem Agenten Octavio einerseits, von Wallenstein andererseits durchgeführt. Eine objektive Entscheidung der Frage, wessen Wirklichkeit die vermeintlich echte sei, ist nicht nur unmöglich, sie hat auch keine Bedeutung für die subjektive Notwendigkeit von Gegen- und Abwehrmaßnahmen im Rahmen des politischen Prozesses. Wir erinnern uns an den oben hervorgehobenen Satz Machiavellis:
„[Er] suche auf diese Weise seinen Herrn für die Undankbarkeit zu strafen, welcher dieser gegen ihn gezeigt haben würde“. Diese Handlungsanweisung erzeugt natürlich wiederum ein Dilemma:
„In meiner Brust war meine Tat noch mein:
Einmal entlassen aus dem sichern Winkel
Des Herzens, ihrem mütterlichen Boden,
Hinausgegeben in des Lebens Fremde,
Gehört sie jenen tück′schen Mächten an,
Die keines Menschen Kunst vertraulich macht“
(Tod, 186ff.).
Es ist Gemeingut der meisten Interpretationen, in Schillers „Wallenstein“ das Drama einer Verschwörung zu sehen und diese moralisch aufzuschlüsseln. Der Held kommt dann entweder gut weg als Rebell gegen erstarrte und überkommene Ordnungen oder eben schlecht, als Machtmensch und skrupelloser Interessenvertreter des eigenen Einflusses. Uns soll hier dagegen interessieren, auf welche Weise es überhaupt zur Verschwörung kommt. Welche Beobachtungen können die Akteure der Verschwörung(en), also Wallenstein und der Kaiser, überhaupt machen, die eine Verschwörung belegen? Vorweggenommen: Es sind sehr wenige. Warum also kommt es dennoch zur so fest gefügten Überzeugung, es sei eine Verschwörung im Gange?
Die Gefahr scheint dort real zu sein, wo man sie sieht, oder auch nur vermutet, nicht unbedingt dort, wo sie ist. „Wo sie ist“ verweist auf ein Wirklichkeitskonzept, das vom politischen Realismus an die Welt angelegt wird, der, wie oben in Morgenthaus Worten dargestellt, die Welt so sieht, „wie sie ist“. Dieses Konzept erweist sich jedoch als problematisch.
Im Verlauf des Verschwörungsdiskurses im Drama werden wir immer wieder Zeuge einer drastischen Bedrohungsperzeption der Figuren:
Octavio und der Wiener Hof sehen das „schwärzeste Komplott“ und „eine Macht der Hölle“ (Picc., 22998ff.) am Werk, ein Komplott, das sich gegen die Integrität der legitimen staatlichen Ordnung und die Macht des Kaisers richtet. Man deutet Zeichen in einer fatalen Lesart die man sich durch diese drastischen Bilder selber aufzwingt, die Unkenntnis der Motive des Opponenten Wallenstein ist jedoch Vorbedingung. Zur Kenntnis genommen werden Vorgänge, die nicht per se als Bedrohung im Sinne von Anzeichen eines Komplotts gelesen werden müssten: Die Vorbereitungen des Herzogs, die Armee zu verlassen und der Familienbesuch im Heerlager. „Er [der Kaiser] möchte gerne, daß ich ginge. / Ich will ihm den Gefallen tun, das war / Beschloßne Sache, Herr, noch eh‘ sie kamen [Wallenstein zu Questenberg]“ (Picc., 1257).
Offensichtlich sind die Agenten des Hofes ganz erheblich von Machiavellis Verschwörungsanalysen geprägt: Wallensteins vielleicht harmlose Vorbereitungen, abzumustern, werden so zum Täuschungsmanöver, das die eigene Befürchtung nur noch verstärkt (Picc., 2318ff.).
Octavio befindet sich inmitten einer fatalen Selbsttäuschung, indem er vorgibt, Tatsachen von Intentionen scheiden zu können: „Den Willen nicht, die Tat nur will er strafen“ (Picc., 2524). Der Kaiser wolle also, ganz nach dem Grundsatz der Gedankenfreiheit, nur strafen, was tatsächlicher Frevel ist, hier also Wallensteins vermeintliches Komplott. „Fern sei vom Kaiser die Tyrannenweise!“ (Picc., 2523).
Wie schnell dieser Ansatz seine Untauglichkeit beweist, deutet sich schon wenige Zeilen später in V,2 an. Nach der Meldung der Verhaftung des Boten Sesin, der in Wallensteins Diensten „zum Schweden unterwegs war mit Depeschen“ (Picc., 2567), entbehrt Octavios Frage, ob der verdächtige „Unterhändler“ denn keine Beweismittel „von des Fürsten Hand“ (Picc., 2575) bei sich gehabt habe aller Signale der Enttäuschung. Das Fehlen von Schriftlichem bestätigt ihn vielmehr in der Vermutung, Wallenstein gehe bei der Gestaltung der Verschwörung ebenso geschickt vor wie er selber, befolge also ebenso die Ratschläge Machiavellis, nämlich Mitverschwörern niemals Schriftliches anzuvertrauen. Er selber und seine Mitstreiter würden es ja genauso machen: Kornet, der Bote der Verschwörung um Octavio, der hier von der Ergreifung des Sesin kündet, berichtet auch bloß verbal: „Bloß mündlich ist mein Auftrag. / Der Generalleutnant traute nicht“ (Picc., 2562f.). Eine Möglichkeit wird jedoch nicht in Betracht gezogen: Dass Sesin vielleicht gar keinen Auftrag von Wallenstein zu bestellen hatte, der das Vorhandensein eines Komplotts belegen würde. Das Fehlen schriftlicher Beweismittel wird Octavio aber auf jeden Fall in seiner Annahme bestätigen, Wallenstein plane eine Verschwörung und halte sich eben auch an Vorsichtsmaßregeln, was die Situation um so ernster erscheinen lässt.
Offenbar beobachten wir schon hier die Phantasie anregende Wirkung des Sicherheitsdilemmas, in das zwei Parteien oder Personen geraten, die sich misstrauisch gegenüberstehen und einander-drohend, einander als Bedrohung empfinden: Wir erinnern uns an Machiavelli, denn hier tritt „ein Fall [ein], wenn dich die Not zwingt, dem Machthaber das anzutun, was dieser, wie du merkst, dir selber antun möchte, und wenn diese Zwangslage so groß ist, daß sie dir nur mehr Zeit läßt, an deine Sicherheit zu denken.“[30] Diese Zwangslage identifiziert Octavio in dem dramatischen Konflikt: Daher ist sein Notwehrdiskurs („In steter Notwehr gegen arge List“ Picc., 2450) keine entschuldigende Rechtfertigung, sondern lediglich Feststellung des Notwendigen. Moralische Erwägungen, gar Skrupel, haben in diesem Diskurs nicht ihren angestammten Platz: „Das Herz mag dazu sprechen, was es will“ (Picc., 2460).
Wallenstein wie auch der Kaiser konstruieren sich Wirklichkeiten, in deren Zentrum die Verschwörung steht, die der Gegner – die je eigene Sicherheit bedrohend – strickt. Eine wesentliche Station in Wallensteins Konstruktionsprozess ist der Disput mit der machiavellistisch argumentierenden Gräfin Terzky in I,7. Deren rhetorische Strategie rekurriert gänzlich auf den Primat verantwortungsethischen Vorgehens, indem sie alle moralischen Bedenken als scheinhaft dekonstruiert: Wallensteins Dienste für den Kaiser haben zu keinem Zeitpunkt auf dem Boden irgendeiner Rechtsordnung gestanden, sie seien vielmehr immer schon Untat und Frevel gewesen:
„Warst du ein andrer, als du vor acht Jahren
Mit Feuer und Schwert durch Deutschlands Kreise zogst,
Die Geißel schwangest über alle Länder,
Hohn sprachest allen Ordnungen des Reichs,
Der Stärke fürchterliches Recht nur übtest
Und jede Landeshoheit niedertratst,
Um deines Sultans Herrschaft auszubreiten?
Da war es Zeit, den stolzen Willen dir
Zu brechen, dich zur Ordnung zu verweisen!
Doch wohl gefiel dem Kaiser, was ihm nützte,
Und schweigend drückt′ er diesen Freveltaten
Sein kaiserliches Siegel auf. Was damals
Gerecht war, weil du′s für ihn tatst, ist′s heute
Auf einmal schändlich, weil es gegen ihn
Gerichtet wird?“ (Tod, 603ff.)
Der Kaiser protegiert den Frevel eben gerne, solange dieser sich mit dessen eigenen Interessen deckt und im Ergebnis erfolgreich ist. Hört eine dieser beiden Voraussetzungen auf, ändert sich das Verhältnis sofort. Die Rede der Terzky sollte nicht als moralisches Urteil über ein historisches oder literarisches Individuum, diesen speziellen Kaiser eben, fehlgelesen werden, vielmehr als Aussage über die Beschaffenheit des Politischen an sich, als Dokument der politischen Klugheit und Anleitung zum Umgang mit Macht. Entscheidendes Kriterium ist das „Interesse im Sinne von Macht“[31]. Wallenschein ist von dieser nüchternen Analyse sofort beeindruckt:
„Von dieser Seite sah ich′s nie - Ja! Dem
Ist wirklich so. Es übte dieser Kaiser
Durch meinen Arm im Reiche Taten aus,
Die nach der Ordnung nie geschehen sollten.
Und selbst den Fürstenmantel, den ich trage,
Verdank ich Diensten, die Verbrechen sind“
(Tod, 618ff.)
Die politische Handlung wird also vom Ergebnis her beurteilt, nur durch dieses wird sie eben gut oder schlecht, freilich in einem rein praktischen Sinn. Für Wallenstein ist im Verhältnis zum Kaiser nur der Aspekt der Interessenkongruenz entscheidend gewesen. Eine Änderung dieses Verhältnisses brächte beide zwangsläufig in akute Gefahr und diese Änderung ist als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung bereits eingetreten. Dies weiß Wallenstein nun dank der Terzky, dies weiß der Kaiser offenbar schon länger, sonst hätte er Questenberg und Octavio nicht beauftragt. Die entscheidende und konfliktbestimmende Folgerung lautet: Beide müssen ihrem Opponenten die schlimmsten Intentionen unterstellen, handelten also fahrlässig, wenn sie nicht die nächste Gelegenheit zur Niederwerfung desselben ergriffen.
Dies führt die Akteure ganz von selbst in das nächste Modul machiavellistischer Politik, die Gräfin Terzky bringt es gegenüber Wallenstein wiederum auf den Punkt: „Gestehe denn, daß zwischen dir und ihm / Die Rede nicht kann sein von Pflicht und Recht, / Nur von der Macht und der Gelegenheit!“ (Tod, 624ff.). Wenn sich schon die Umweltbedingungen nicht gestalten lassen, muss die günstige Gelegenheit unter allen Umständen sofort ergriffen werden. Aus Wallensteins Perspektive der Realitätswahrnehmung scheint sich seine fortuna im Moment rapide zu verschlechtern, die Terzky interpretiert ihm das spärliche Beobachtungsmaterial nach der Verhaftung Sesins jedenfalls in dieser Weise[32]: „Du bist des Hochverrats verklagt; ob mit – / Ob ohne Recht, ist jetzo nicht die Frage / Du bist verloren, wenn du dich nicht schnell der Macht / Bedienst, die du besitzest –“ (Tod, 542ff.).
Akzeptiert Wallenstein diese realitätskonstituierende Prämisse, die Anklage wegen Hochverrats, als unabänderliche Tatsache – ebenso wenig Beobachtbares spricht tatsächlich dagegen wie dafür, und was noch viel wichtiger ist, niemand findet sich, der eine Gegenposition vertritt – dann bleibt ihm in der Tat keine andere Wahl, als die Machtfrage als eine solche zu betrachten und dementsprechend zu agieren. Dies hieße einmal mehr, die Welt vermeintlich so zu sehen, ‚wie sie tatsächlich ist’ und auf dass Prinzip der Selbsthilfe als einzigem Ausweg zu vertrauen: Wallenstein lässt sofort – mit gleich drei Boten – nach dem schwedischen Unterhändler Wrangel schicken.
Ganz entscheidend ist, wie wir gesehen haben, in diesem Prozess die interpretatorische Assistenz der Terzky, der es gelingt, mit der Feststellung einer „Notwehr“-Situation (Tod, 547), das Feld von jeglichem moralischen Einwand freizumachen. Dies wird suggestiv unterstützt vom Bild des um die nackte Existenz sich mühenden Geschöpfes: „Ei! wo lebt denn / Das friedsame Geschöpf, das seines Lebens / Sich nicht mit allen Lebenskräften wehrt? / Was ist so kühn, das Notwehr nicht entschuldigt?“ (Tod, 545ff.). Wer wird schon das Recht auf Notwehr verweigern wollen?
IX. Nachtrag: Wallensteins Scheitern
„Die Strategie ist der Gebrauch des Gefechts zum Zwecke des Krieges; sie muss also dem ganzen kriegerischen Akt ein Ziel setzen, welches dem Zweck desselben entspricht, d.h. sie entwirft den Kriegsplan, und an dieses Ziel knüpft sie die Reihe der Handlungen an, welche zu demselben führen sollen, d.h. sie macht die Entwürfe zu den einzelnen Feldzügen und ordnet in diesen die einzelnen Gefechte an“.[33]
Verstehen wir hier ruhig den Krieg als Analogie zu dem Machtspiel, in welches der Feldherr und sein Kaiser verwickelt sind. Als fatal erweist es sich schließlich für den Feldherrn, die Zieldefinition außer Acht gelassen zu haben – er beschränkte sich auf die Anordnung der Feldzüge in der Phantasie, später notgedrungen und unwillig im Rahmen einer diktierten Strategie in der Realität. Wallenstein zaudert: Er weigert sich, zwischen Phantasie und Realität ein klares Bekenntnis für das Eine oder das Andere abzulegen, vermeidet die Zumutung, Ziele zu formulieren. Macht ohne Ziel, Unberechenbarkeit also, verursacht gefährliches Misstrauen.
Es mag sein, dass wir darin jedoch den Ausdruck einer feinen Moralität und den Ausdruck quälender Skrupel vermuten dürfen. Oder die Scheu des spielenden Kindes vor dem Erwachsenwerden.
IX. Zum Schluss: Wo bleiben die Ideale?
Si vis pacem, para bellum – wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor: Das römische Sprichwort diente der politischen Philosophie wie auch der praktischen Politik, besonders in den Krisenzeiten der Weltgeschichte, bis heute als zentrales Paradigma und als praktische Handlungsanleitung. Die Doktrin der Abschreckung, zentraler Inhalt einer Politik, die dem Realismus sich verpflichtet sieht, ist das Erklärungsmuster von politischen Situationen, in denen sich unerbittliche Gegner misstrauisch gegenüberstehen. Wir haben gesehen, wie Wallenstein und der Kaiser sich in dieser fatalen Logik verstricken.
In neuerer Zeit jedoch scheint auch die Negation der Pointe des Sprichworts zu vielversprechenden politischen Ansätzen beizutragen: Si vis pacam, para pacem – wenn du den Frieden willst, bereite den Frieden vor. Man denke nur an die welthistorisch einzigartige Friedensgeschichte einst verfeindeter Nationen im Rahmen eines zusammenwachsenden Europa. Theoretisch grundlegend und handlungsleitend ist hier die optimistische politische Denkschule des Idealismus, die in Europa mit Immanuel Kant den Ausgangs- und ersten Höhepunkt zugleich hatte.
In Schillers Drama versucht der gnadenlos idealistische Max sich an diesem Ansatz. Er fordert immer Absolutes, duldet keine relativierenden Einschränkungen. Seine Prämisse ist sicher richtig, es lassen sich zahllose Belege aufzählen: „Denn Krieg ist ewig zwischen List und Argwohn, / Nur zwischen Glauben und Vertraun ist Friede“ (Tod, 2126f.). Der Realist Octavio sieht darin freilich nichts als schöne Theorie, die jedoch in der Realität des Krieges, der Macht und des Misstrauens nicht bestehen kann: „Es ist nicht immer möglich, / Im Leben sich so kinderrein zu halten, / Wie’s uns die Stimme lehrt im Innersten“ (Picc., 2447ff.), antwortet Octavio auf den Standpunkt eines „empfindsam modulierten moralischen Rigorismus“[34] des Sohnes.
Kant entlarvt diese Differenzierung als selbstsüchtige Ideologie: „Es gibt also objektiv […] gar keinen Streit zwischen der Moral und der Politik. Dagegen subjektiv […] wird und mag er immer bleiben, weil er zum Wetzstein der Tugend dient, deren wahrer Mut […] in gegenwärtigem Falle nicht sowohl darin besteht, den Übeln und Aufopferungen mit festem Vorsatz sich entgegenzusetzen, welche hiebei übernommen werden müssen, sondern dem weit gefährlichern lügenhaften und verräterischen, aber doch vernünftelnden, die Schwäche der menschlichen Natur zur Rechtfertigung aller Übertretung vorspiegelnden bösen Prinzip in uns selbst in die Augen zu sehen und seine Arglist zu besiegen“[35].
„Nur zwischen Glauben und Vertraun ist Friede“. Macht man diese idealistische Forderung zur Maxime einer Politik, die auf Vertrauensbildung setzt, die sich dem Grundsatz der Kooperation verpflichtet sieht, finden Macht- und Sicherheitsdilemmata nicht statt. Max gelangt zu einer bedeutenden Einsicht, indem er den fatalen Mechanismus der Wirklichkeitskonstruktion durchschaut: „Ich weiß, daß man vor leeren Schrecken zittert; / Doch wahres Unglück bringt der falsche Wahn“ (Picc., 2362).
Von der Zerstörungskraft des selbstlosen Idealismus jedoch überzeugt uns das Schicksal nicht weniger tragischer Helden und Märtyrer, sei es im Drama, sei es im Leben. Max reiht sich hier ein, stürzt er sich mit seinem sinnlosen Opfermut doch nicht nur in die eigene Vernichtung. Er reißt auch noch die Geliebte mit ins Verderben. Es bleibt die mahnende Weisheit von Octavios Gleichnis:
„Der Weg der Ordnung, ging‘ er auch durch Krümmen, / Er ist kein Umweg. Grad aus geht des Blitzes, / Geht des Kanonballs fürchterlicher Pfad – / Schnell, auf dem nächsten Wege, langt er an, / Macht sich zermalmend Platz, um zu zermalmen.“ (Picc., 468ff.). Dass jedoch auch diese Klugheitslehre an Paradoxien scheitert, zeigt uns wiederum der bedingungslose Idealist: „Der Fürst, sagst du, entdeckte redlich dir sein Herz / Zu einem bösen Zweck, und du willst ihn / Zu einem guten Zweck betrogen haben!“[36]
Bibliographie
Borchmeyer, Dieter: Macht und Melancholie. Schillers Wallenstein, Frankfurt a.M., 1988
Clausewitz, Carl von: Vom Kriege, Reinbek bei Hamburg, 2002
Günther, Horst: Nachwort zu Machiavelli: Der Fürst, Frankfurt a.M., 1990
Kant, Immanuel: Zum ewigen Frieden, Stuttgart, 1984
Lange, Barbara: Die Sprache von Schillers ‚Wallenstein’, Berlin, New York, 1973
Linder, Jutta: Schillsers Dramen. Bauprinzip und Wirkungsstrategie, Bonn, 1989
Machiavelli, Niccolo: Discorsi. Gedanken über Politik und Staatsführung, Stuttgart, 1977
Menzel, Ulrich: Zwischen Idealismus und Realismus. Die Lehre von den Internationalen Beziehungen, Frankfurt a.M., 2001
Morgenthau, Hans J.: Macht und Frieden. Grundlegung einer Theorie der internationalen Politik, Gütersloh, 1963
Schiller, Friedrich: Wallenstein I. Wallensteins Lager. Die Piccolomini, Stuttgart, 1970
Schiller, Friedrich: Wallenstein II. Wallensteins Tod, Stuttgart, 1969
Wasner, Barbara: Eliten in Europa, Wiesbaden, 2004
Watzlawick, Paul: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen, München, 2004
Wittkowski, Wolfgang: Höfische Intrige für die gute Sache. Marquis Posa und Octavio Piccolomini, in: Aurnhammer, Achim / Manger, Klaus / Strack, Friedrich (Hg.): Schiller und die höfische Welt, Tübingen, 1990
Wölfel, Kurt: Machiavellische Spuren in Schillers Dramatik, in: Aurnhammer, Achim / Manger, Klaus / Strack, Friedrich (Hg.): Schiller und die höfische Welt, Tübingen, 1990
[1] Vgl. Menzel, 80: „Politik heißt Umgang mit Macht: Macht begründen, Macht entfalten, Macht erhalten, Macht demonstrieren, Macht ausüben, Macht ausbalancieren“.
[2] Clausewitz analysiert den Krieg als Akt der Gewalt zur Durchsetzung bestimmter Zwecke und bekanntlich als „Fortsetzung der Politik unter Einmischung anderer Mittel“: Er stellt im politischen Prozess also lediglich ein Machtmittel unter anderen dar.
[3] Machiavelli, N.: Discorsi, Gedanken über Politik und Staatsführung
[4] Vgl. Borchmeyer, 118
[5] Morgenthau,49: Der „theoretischen Auseinandersetzung mit dem menschlichen Wesen, wie es wirklich ist, und mit den geschichtlichen Abläufen, wie sie den Tatsachen entsprechen, verdankt die hier dargestellte Theorie den Namen «Realismus»“.
[6] Zit. Nach Borchmeyer, 130
[7] Vgl. Borchmeyer, 129ff.
[8] Borchmeyer, 141
[9] Hervorh. Vom Verfasser
[10] Machiavelli gilt als einer der Ahnen des politischen Realismus. Kant bereits diffamiert freilich den Anhänger der Lehren Machiavellis als „politischen Moralisten“, der mit seiner falschen „Klugheitslehre“ das Gegenbild zu Kants eigenem politischen Idealismus abgibt, dem Kant in seiner paradigmatischen Schrift „Zum Ewigen Frieden“ ein Denkmal setzt.
[11] Bei Max Weber begegnet uns dieser Dualismus wieder in Form der „Gesinnungsethik“ versus der „Verantwortungsethik“
[12] Horst Günther im Nachwort zum ‚Fürsten’, S. 166
[13] Vgl. Wasner, 30f.
[14] Machiavelli, 83
[15] Machiavelli, 86f. Hervorh. vom Verfasser
[16] Machiavelli, 295
[17] Machiavelli, 285
[18] Machiavelli, 291f.
[19] ‚Treue’ darf in Bezug auf Octavio nicht als idealistisches Konzept missverstanden werden. Octavio dient der legitimen Ordnung, da es zu ihr keine Alternative gibt.
[20] Machiavelli, 291
[21] Machiavelli, 295
[22] Machiavelli, 287
[23] Machiavelli, 296
[24] Watzlawick, 103
[25] ebd.
[26] Im Umfeld der Spieltheorie heißt ein solches Ergebnis, bei dem kein Spieler Gewinne zu lasten des Anderen erzielt „paretooptimal“
[27] Hervorhebungen vom Verfasser.
[28] Hervorhebung vom Verfasser.
[29] Auf diese Frage nach der neuen Freundschaft, die an die Stelle der durch den gemeinsamen Feind verdeckten Rivalität treten müsste weiß der politische Realismus, der nur Macht und Interesse kennt, tatsächlich keine Antwort (man denke etwa an den Ost-West-Gegensatz seit der gemeinsamen Niederwerfung des ‚Dritten Reiches’) . Die Erklärung von Vertrauensbildung und Kooperation ist die Domäne des politischen Idealismus seit Kants „ewigem Frieden“.
[30] Discorsi, 296
[31] Morgenthau, 51
[32] Betrachtet man Wallensteins Aktion durch das Raster machiavellistischer Begriffe, fällt auf, das ‚virtù’ nicht das stärkste Element ist. Im Zentrum steht vielmehr ‚fortuna’, die reagierende Umwelt. Wallenstein muss handeln im Sinne einer akuten ‚necessità’, worauf hier die Terzky nachdrücklich insistiert. Vgl. Wölfel, 331.
[33] Clausewitz, 77
[34] Borchmeyer, 117
[35] Kant, 47f.
[36] Picc., 2462ff.
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