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«Schwarzer Engel in Mönchskutte» - Elemente einer Reportage

Hausarbeit, 2006, 28 Seiten
Autor: Michael Heisch
Fach: Kulturwissenschaft

Details

Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2006
Seiten: 28
Note: 1.0
Literaturverzeichnis: ~ 12  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V110914
ISBN (E-Book): 978-3-640-15651-1

Dateigröße: 184 KB

Zusammenfassung / Abstract

[...] Die vorliegende Arbeit stellt sowohl einen Erfahrungsbericht als auch im weitesten Sinne eine Kompilierung dar. In den zunächst folgenden Abschnitten werden die wichtigsten Themengebiete einer Reportage kurz vorgestellt. Herangezogen werden vor allem zwei als mittlerweile Standardwerk geltende Handbücher: Aus dem eingangs zitierten «ABC des Reporters. Ein Handbuch für Journalisten» und «Das neue Handbuch des Journalismus». Beide Handbücher lehren das Schreiben einer Reportage. Mich interessierte, wie sich das empfohlene Vorgehen im Falle meiner Reportage in der Praxis gestaltet. Gibt es Übereinstimmungen mit den Lehrbuchmeinungen oder sieht eine Berichterstattung vor Ort ganz anders aus? Auf diese Fragen wird in einem Resümee jeweils kurz eingegangen.


Volltext (computergeneriert)

Hausarbeit im Fachgebiet Neuere deutsche Literaturwissenschaft der FernUniversität Hagen

zum Thema:

«

Schwarzer Engel in Mönchskutte

»

- Elemente einer Reportage

Kurs

Praxis des Schreibens: Die Kunst der Reportage

Bearbeiter Michael

Heisch

Studiengang

KSW Kultur- und Sozialwissenschaften, B.A.

Abgabedatum

30. Juli 2006


2

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 3

1.1. Ziel der Arbeit 3

1.2. Ausgangslage 3

2. Hauptteil 4

2.1. Die Definition 4

2.2. Das Porträt 5

2.3. Das Interview 8

2.4. Das Feature 11

2.5. Die Recherche 13

2.6. Die Gliederung 16

2.7. Zusammenfassung 19

2.8. «Schwarzer Engel in Mönchskutte» 22

3. Literaturverzeichnis 27


3

1.

Einleitung

1.1. Ziel der Arbeit

«Es ist bezeichnend für die Situation des deutschen Journalisten, dass es für ihn bis

heute kaum ein praktisches Lehrbuch gibt, dafür um so mehr Publikationen über, Zeit-

tungswissenschaft′» hält Werner Friedmann in einem Vorwort aus dem Jahre 1966

fest.1 Auf dem deutschsprachigen Buchmarkt erscheint zwar jährlich eine angehäufte

Lesestoffsammlung zu wissenschaftlichen Themengebieten der Kommunikationswis-

senschaft und Publizistik. Journalistische Hand- oder Lehrbücher bilden jedoch eher die

Ausnahme insbesondere gibt es wenig praktische Ratgeber über das Verfassen von

Reportagen.

Die vorliegende Arbeit stellt sowohl einen Erfahrungsbericht als auch im weitesten

Sinne eine Kompilierung dar. In den zunächst folgenden Abschnitten werden die wich-

tigsten Themengebiete einer Reportage kurz vorgestellt. Herangezogen werden vor

allem zwei als mittlerweile Standardwerk geltende Handbücher: Aus dem eingangs zi-

tierten «ABC des Reporters. Ein Handbuch für Journalisten» und «Das neue Handbuch

des Journalismus».2 Beide Handbücher lehren das Schreiben einer Reportage. Mich

interessierte, wie sich das empfohlene Vorgehen im Falle meiner Reportage in der Pra-

xis gestaltet. Gibt es Übereinstimmungen mit den Lehrbuchmeinungen oder sieht eine

Berichterstattung vor Ort ganz anders aus? Auf diese Fragen wird in einem Resümee

jeweils kurz eingegangen.

1.2. Ausgangslage

Im späteren Hauptteil (unter Punkt 2.7.) liegt die Reportage «Schwarzer Engel in

Mönchskutte»

vor, wie sie in ihrem Umfang in einer regionalen Tageszeitung er-

scheinen könnte. Ein Rockmusiker, der eines Tages Lederkluft gegen Mönchskutte ein-

tauscht und statt dröhnendem Showbusiness die Stille eines Klosters sucht. Pater Bruno

(63) hat diesen Schritt vor sechzehn Jahren gewählt. «Ich bin mir dessen bewusst, dass

ich die Aufmerksamkeit der Medien auf mich ziehe»,3 nicht nur das Schweizer Fern-

sehen DRS hat reagiert und ihn zu einer Talk-Sendung eingeladen,4 auch ein Zürcher

1 Warren, 1966: S. 8.

2 Raue/Schneider, 1998.

3 Gespräch mit Pater Bruno am 22. Juni 2006.

4 Schweizer Fernsehen DRS, in der Sendung «Aeschbacher» vom 22.12.05.


4

Privatsender5 zeigte ein mediales Interesse an seiner Person. Darüber hinaus haben wei-

tere Schweizer Tageszeitungen über ihn berichtet.

Nebst diesem ungewöhnlichen Lebensweg, der zweifelsfrei Stoff für neugierige Zei-

tungsleser bietet, lagerte mein persönliches Interesse anderswo. Pater Bruno, sein bür-

gerlicher Name lautet Bruno Greis, sein Künstlername war Harry Stone, wohnte wie ich

in Schaffhausen in der Schweiz, von wo er seine Rockmusikkarriere startete, die ich als

sein weit jüngerer Zeitgenosse mitverfolgte. Harry Stone spielte Keyboards in der Hard-

rockband «Black Angels». Als sich deren musikalische Aktivitäten allmählich ein-

stellten, kam die Nachricht über Bruno Greis′ Entschluss eines zurückgezogenen Le-

bens im Kloster für alle sehr überraschend. Was gab den Anlass zu dieser Entschei-

dung? Wo liegen die Bruchstellen, falls es überhaupt solche gibt? Nicht nur meine jour-

nalistische Neugier war von Berufes wegen geweckt. Auch aus persönlichen Gründen

beschloss ich, den Faden aufzunehmen, um diesem Hintergrund nachzuspüren.

2.

Hauptteil

2.1. Die Definition

Carl Warren gilt als ein unbestrittener Fachmann des Journalismus seit dem frühen Auf-

kommen der Massenmedien in den Vereinigten Staaten von Amerika. Seine erworbenen

Kenntnisse hielt er bereits 1934 im zunächst auf englisch erschienenen Buch «Modern

News Reporting» fest, worin er verschiedene Methoden der Berichterstattung ent-

wickelte. Dem eigentlichen Thema Reportage ist jedoch nur ein kleiner Teil gewidmet.

Warren beleuchtet vorwiegend andere Themengebiete wie beispielsweise «die Nach-

richt» oder «das Interview» etc. Trotz den «Ratschlägen eines ,alten Hasen′»6 findet

sich bei Warren keine bündige Kurzdefinition einer Reportage. Doch darüber gibt das

«Sachwörterbuch der Literatur» wie folgt Auskunft:

«Reportage

(franz. =) Berichterstattung für Zeitung oder Rundfunk als journalistische

Gebrauchsform, gekennzeichnet durch Nähe zur objektiven und dokumentarisch nach-

prüfbaren Wirklichkeit und leidenschaftslos sachliche Schilderung des Details im Ideal-

fall ohne einseitige Tendenz, allenfalls aus der Perspektive des Berichters, in der Praxis

5 Tele Züri, in der Sendung «Talk täglich» vom 17.04.2006.

6 Warren, 1966: S. 16.


5

jedoch vielfach ein Exercitium in Parteilichkeit. Als tagesgebundene Sachdarstellung

rasch vergessen und nur in seltenen Fällen (...) von grösserem lit. Wert».7

Paul-Josef Raue und Wolf Schneider sind im deutschen Sprachraum als ausgezeichnete

Stilisten und Sprachbeobachter längst bekannt. Alleine Wolf Schneider schrieb, nebst

seiner Dozententätigkeit an verschiedenen renommierten Journalistenschulen, 23 Sach-

bücher, wovon fünf als journalistische Standardwerke gelten. «Das Neue Handbuch des

Journalismus» widmet der Reportage zwei grössere Kapitel. Folgende Reportage-Defi-

nition findet sich dort:

«Wer schlicht, anschaulich und wahr erzählt, der schreibt eine Reportage. Ihr Spektrum

reicht von der literarischen Reportage bis zur chronologisch erzählten Kurzreportage,

die unmittelbar nach einem spektakulären Ereignis eilig geschrieben wird. Leser

schätzen die Reportage mehr als die Nachricht, weil die Reportage ihnen die Chance

bietet, ein Geschehen zu verfolgen, als wären sie selber dabei. So lässt der Reporter den

Leser über die Schulter schauen».8

2.2. Das Porträt

Wurden weiter oben zwei Definitionen einer Reportage kurz umrissen, so ist zu be-

rücksichtigen, dass es auch denkbare Mischformen der Reportagetechnik gibt. In einer

Reportage fliessen Porträt, Interview und Bericht gleichsam mit ein. Darüber hinaus

kann eine literarische Form entstehen. Letztendlich ist die Form gleichgültig, solange

das Thema das Genre bestimmt. Menschen stehen im Mittelpunkt einer Reportage, und

von ihnen soll so lebendig wie möglich erzählt werden. Ele Schöfthaler schreibt: «Das

Porträt rechnet mit der Neugier der Lesenden»,9 um gleich an einer anderen Stelle anzu-

schliessen, «im Porträt soll ein Mensch nicht so vorgestellt werden, wie ihn alle kennen.

Es geht um das Hintergründige, um eine oder mehrere andere Seiten einer Person, die

(...) kaum beachtet wurden».10 Antworten auf Fragen sind gewünscht, die der Leser

selbst gerne stellen würde, hätte er die Gelegenheit dazu. Das können sehr persönliche

Fragen oder freche (keine unverschämten) Fragen oder auch irritierende Fragen sein,

welche möglicherweise einen unerwarteten Verlauf provozieren.

7 Wilpert, 1979: S. 674.

8 Raue/Schneider, 1998: S. 118.

9 Hess, 1992: S. 177.

10 Hess, 1992: S. 177.


6

Ein Porträt lässt hinter die Kulissen blicken, der Leser fühlt sich angesprochen und

fragt: Warum ist einer so, wie er ist? Was treibt jemanden dazu, das zu tun, was andere

für merkwürdig oder ausserordentlich halten? Solcherlei Fragen haben im Laufe der

Zeit die Aufmachung einer Zeitung geändert. Geschichten mit «human touch» sind

gefragter denn je; die objektive Nachricht gehört zum Pflichtteil der Zeitung, Porträt

und Reportage bilden die Kür.

Vorzugsweise werden berühmte Personen porträtiert, das scheint in der Natur der Sache

zu liegen. Wenn die Person (noch) keinen Bekanntheitsgrad hat, so sollte zumindest

sein Leben oder seine Beschäftigung für einen Bericht interessant sein. Ein Fehler, der

dabei vielfach begangen wird: Der Reporter möchte die noch nicht bekannte Person all-

zu betont als etwas Besonderes darstellen. Dies sollte jedoch aus dem Porträt selber her-

aus deutlich werden. An beliebte Persönlichkeiten heranzukommen, ist insofern

schwierig, da diese häufig keine Zeit für ein Gespräch finden. Alexander Osang bringt

das so zum Ausdruck: «Verlierer haben oft mehr Zeit als Gewinner».11 Er erwähnt dies

im Zusammenhang mit der Recherchetechnik des amerikanischen Reporters Gay

Talese, der seine Methode «The Fine Art Of Hanging Around»12 nannte. Geduld haben

und sich Zeit nehmen, seinen eigenen Beobachtungen trauen, das sind bestimmt drei

Schlüsselqualifikationen beim Schreiben einer Reportage.

Das Porträtschreiben verlangt nach der Fähigkeit der Distanz zur eigenen Person. Nur

dadurch erlangt man die Nähe zum anderen. Das heisst aber nicht, dass man das Fremde

unkritisch ablehnt oder umgekehrt, das, was einem vertraut scheint, unkritisch ak-

zeptiert. Das Ich des Schreibers hat in der Reportage nichts verloren. Jede Reportage

mag zwar eine Selbsterfahrung des Schreibenden sein, damit sollte man es aber nicht

übertreiben. Den Leser interessiert nicht, wie der Reporter sein Gegenüber einschätzt,

der Leser will sich darüber selbst ein Bild machen und selbst urteilen.

Die meisten Porträts sind nach einem einfachen, jedoch wirkungsvollen Muster ge-

schrieben:

1. Zuerst das Besondere, was gerade diese Person ausmacht. Dafür eignen sich Zitate

aus einem Gespräch, das eigens für das Porträt geführt wurde. Am besten eine ver-

11 Osang, 2005: S. 8.

12 Osang, 2005: S. 8.


7

blüffende oder widersprüchliche Aussage oder eine charakteristische Beschreibung. Im

Idealfall aber eine Mischung von allem.

2. Im nächsten Schritt folgt die Karriere des Porträtierten. Eine zusammengefasste Form

des Lebenslaufes, ohne jedoch einer monotonen Aufzählung zu folgen.

Resümee: «Reportagen sind ohne Menschen nicht denkbar (...)».13 Pater Bruno ist die

zentrale Figur meiner Berichterstattung. Um ihn baue ich die ganze Geschichte auf, was

insofern wichtig ist, als als es sich eben nicht um eine Sensationsreportage mit hohem

Aktualitätsgrad handelt, sondern um eine sensible Annäherung an einen ausser-

gewöhnlichen Menschen in seinem speziellen Aktionsfeld handelt. Auch wenn viele

Medien, im Wissen um die Leserneugier, die porträtierten Menschen regelrecht in den

Mittelpunkt zerren: Ein gewissenhafter Reporter schildert die Hauptperson mit genauen

Beobachtungen, möglichst objektiv und respektvoll und veranschaulicht ein Stückweit

die Biographie, die hinter der Person steckt. «Spiegel»-Reporter Jürgen Leinemann

schreibt, «man möge seiner Zielperson unbefangen und unbelastet von zu viel Voraus-

material entgegentreten».14

Vielfach stellt sich die Frage, ob man sich während des Gesprächs Notizen macht oder

besser ein Tonband mitlaufen lässt. Persönlich würde ich zu Stift und Papier raten und

den Kassettenrecorder ganz beiseite schieben. Es gibt Personen, die beinahe panikartig

auf Aufnahmegeräte reagieren und darauf nur zögernd Einzelheiten von sich preis-

geben. Dagegen können Stift und Papier mühelos weggeschoben werden. Seinem Ge-

genüber demonstriert man damit, dass man sich voll und ganz auf ihn konzentrierte. Zu

Hause am Schreibtisch werde ich mich dennoch an viele Einzelheiten erinnern können.

Gerade im auditiven Zugang bleibt oftmals mehr im Gedächtnis haften, als man

üblicherweise annimmt. Dazu nochmals Alexander Osang, wie er seine Begegnung mit

Gay Talese schildert: «Ich stellte mein kleines Diktiergerät auf den Gartentisch, Talese

sah es an. Ich hatte gelesen, dass er Diktiergeräte nicht mochte, weil sie Situationen zer-

störten, weil sie für die Hatz und Oberflächlichkeit standen, für den Irrtum, mit ein paar

Originaltönen, die jemand auf ein Band spricht, irgendetwas Originelles einzufangen.

Wie Telefone untergraben sie die Kunst des Interviews, sagte er. Talese schrieb seine

13 Raue/Schneider, 1998: S. 131

14 Leinemann in Raue/Schneider, 1998: S. 134.


8

Beobachtungen am liebsten auf klein geschnittene Pappen aus einer Wäscherei».15 Es

funktioniert also auch ohne die modernsten Mittel, vorausgesetzt, man arbeitet ziel-

gerichtet und geht entsprechend gut vorbereitet an die Reportage.

2.3. Das Interview

Der Aspekt Interview ist hier als Bestandteil einer Reportage und nicht als eigen-

ständige Gattung aufgeführt. Das Interesse gilt dem Gespräch mit beteiligten Personen

innerhalb eines Berichtsumfeldes. Der Reporter spielt dabei eine vielfältige Rolle, um

an Tatsachen und Meinungen aus erster Hand heranzukommen. Nach Warren tritt er

gleichermassen «als Untersuchungsrichter und Detektiv, als aufmerksamer Zuhörer und

vertrauter Freund auf».16 Hierbei erweist sich eine gute Vorbereitung als effizient, denn

es ist absolut notwendig, aus einem vorliegenden Material den roten Faden zu spinnen.

Das Interview ist auch als geeignete Recherche-Form nicht zu unterschätzen, weil

< sich Fachleute zu einem aktuellen oder latent aktuellen Thema äussern;

< Meinungen darüber geniert werden;

< Ideen direkt aus erster Quelle entspringen;

< Menschen hinter einer Idee, einer Meinung oder einem ungewöhnlichen Ereignis

sichtbar gemacht werden;

< Gewissheit darüber verschafft wird, ob ähnliches auch irgendwo anders stattfinden

könnte.

Das Interview (franz.

entrevue

, aus dem englisch abgeleiteten

Interview

) ist eine leben-

dige journalistische Form und hat die beste Wirkung live im Fernsehen oder über den

Rundfunkkanal, wogegen das gedruckte Interview Änderungen benötigt, um als an-

sprechend vom Leser aufgenommen zu werden. Raue/Schneider meinen sogar, dass der

Reporter das «Endprodukt bis dicht an die Verfälschung des Originals herantreiben»17

sollte, falls der Befragte damit einverstanden ist, damit es der Lesefreundlichkeit diene.

Inwieweit darf man in den originalen Wortlaut eingreifen? Raue/Schneider geben dazu

zwei prägnante Lehrsätze: a.) Der Befragte erklärt, er wünsche nicht, dass der soeben

von ihm gesprochene Satz verwendet werde. b.) Der Befragte hat sich mehrfach

verhaspelt. Dies exakt wiederzugeben wäre ein Affront.18 Das gedruckte Interview ist

15 Osang, 2005: S. 10.

16 Warren, 1966: S. 72.

17 Raue/Schneider, 1998: S. 84.

18 Raue/Schneider, 1998: S. 81f.


9

somit immer ein Kunstprodukt. Von den gesammelten Notizen, Stenogrammen, Ton-

bandprotokollen weicht das Interview um etwa 30% ab, wie im «neuen Handbuch des

Journalismus» nachzulesen ist.19

Warren unterscheidet zwei Interview-Kategorien:

1. Interview, in denen die Äusserungen der betreffenden Person im Vordergrund stehen.

2. Interview, in denen die Persönlichkeit des Interviewten so überwiegt, dass das Gesag-

te von nur untergeordneter Bedeutung ist.

Bei einem Interview mit einer Person aus der ersten Gruppe gibt es fast keine

Schwierigkeiten, weil das Material auf der Hand liegt. In der zweiten Gruppen sind

non-verbale Äusserungen zu beobachten, die das Gesagte oft unterstreichen oder zum

Ge-sagtem im Widerspruch stehen können. Das Hochziehen der linken Augenbraue im

Zu-sammenhang eines trockenen Kommentars kann eine ganz andere Bedeutung

gewinnen. Das Gesagte bekommt so eine ironische Wendung, die vom Reporter

verstanden wer-den muss, um den Sinnzusammenhang zu erschliessen.

Warren stellt einen Vierpunkte-Leitfaden auf, wie ein Reporter beim Interview ideal

vorzugehen hat:20

1. Keine Nebensächlichkeiten

Im Gespräch nicht über Dinge reden, von denen der Befragte offensichtlich nichts

versteht.

2. Mach dein Interview aktuell

Eine massgebliche Meinung über irgendeine aktuelle Frage einholen.

3. Beobachte deinen Mann

Die Gesten, die Umgebung, die Art der Unterhaltung beobachten.

4. Schwindle nicht

Auf eine Vertrauensbasis achten. Den Befragten nicht in Verlegenheit bringen, ihn nicht

demütigen.

19 Raue/Schneider, 1998: S. 79.

20 Warren, 1966: S. 77.


10

Eine gute Vorbereitung ist alles; ein Journalist muss sein Ziel vor Augen haben und es

durchzusetzen vermögen. Ein vorbereiteter Fragenkatalog kann bei der Gesprächs-

führung helfen, um schnell und präzise an die gewünschten Informationen

heranzukommen. Ein solcher Fragenkatalog soll aber nicht schablonenhaft aufgestellt

und abgespult werden. Er bietet lediglich eine Orientierungshilfe, trotz allem muss sich

der Fragesteller stets auf einen unerwarteten Verlauf einstellen und darauf reagieren

können. Es kann ein Vorteil sein, wenn man mit dem Interviewpartner mindestens ein-

mal während des Gespräches den Raum wechselt. Das bringt nicht nur Auflockerung,

sondern schafft Gelegenheiten für neue Beobachtungen. Man erlebt, wie der Interview-

partner in einer anderen Situation reagiert und sich darin äussert.

Eigenaussagen und die Chronologie des Gespräches dürfen zugunsten einer in-

teressanteren Dramaturgie zertrümmert werden. Der Interviewer darf nachträglich die

Aussagen flotter, intelligenter, spitzer formuliert niederschreiben. Ein korrektes Vor-

gehen sieht jedoch vor, dem Interviewpartner das Gegenlesen eines Textes anzubieten,

worauf er seine Eigenaussagen nochmals überprüfen und sich damit einverstanden er-

klären oder gegebenenfalls korrigierend eingreifen kann. Unter Zeitdruck wird dieser

Punkt leider häufig vernachlässigt, was mitunter Ärger auslöst. Vorweg lohnt es sich,

dem Gesprächspartner klar zu machen, dass seine Aussagen wörtlich und sinngemäss

publiziert werden können (Pressekodex).

Resümee: Das Sichannähern an die befragte Person wird zeitweise unterschiedlich ge-

handhabt. Je nach Situation sind so genannte «Eisbrecherfragen» angebracht, was aber

auch von der zur Verfügung stehenden Zeit abhängig ist. Ansonsten bevorzugt man den

direkten Einstieg. Je nach Personentyp muss der Fragesteller zuerst einen Sym-

pathieaufbau leisten, um dadurch Vertrauen zu gewinnen. Das eignet sich bei aus-

gedehnten Interviewformen und erweist sich gerade bei heiklen Themen als vorteilhaft.

Mit Pater Bruno hatte ich in mehrfacher Hinsicht einen guten Interviewpartner. Er ist

eine überaus eloquente Persönlichkeit, die aus dem Vollen schöpfen und farbig aus sei-

nem Leben erzählen kann. Da ich ihn aus meiner Heimatstadt her kannte, war nach

Jahren des Wiedersehens das Eis schnell gebrochen. Der Einstieg war problemlos, und

sogleich breitete sich eine angenehme Gesprächsatmosphäre aus. Einmal zu einem

Thema angesprochen, verselbstständigte sich der Redefluss ziemlich rasch. Das brachte

mit sich, dass ich das Gespräch oft geschickt lenken musste, um überhaupt an die we-


11

sentlichen Informationen heranzukommen. Bei solchen Abläufen gerät der Interviewte

schnell die Gefahr, sich allzu sehr in Details zu verlieren, die im nächsten Moment zwar

amüsant erscheinen, für den Leser letztlich aber nicht von Belang sind. Ich musste fest-

stellen, dass Pater Bruno nach Jahren der klösterlichen Zurückgezogenheit immer noch

ein ausgezeichneter Rockmusikkenner ist (wohl nicht zuletzt deshalb, weil er in seiner

Religionslehrertätigkeit viel mit Jugendlichen zu tun hat). Dies war für mich als Inter-

viewer nicht unbedingt ein Vorteil. Sehr schnell beginnt eine Fachsimpelei; schliesslich

hatte ich für eine Tageszeitung und nicht für ein Rockmagazin zu berichten. Also

musste ich mich anhand eines vorbereiteten Fragenkataloges immer wieder vergewis-

sern, ob ich in die richtige Richtung gelange. Häufig reagierte ich ein bisschen ge-

hemmt, wenn ich an gewissen Stellen nochmals hartnäckig nachfragen musste. Es lohnt

sich aber, und der Interviewpartner bringt meistens das dafür notwenige Verständnis

auf. Für ihn scheint vieles als selbstverständlich, was andere zum ersten Mal hören.

Nach einem geführten Interview teile ich dem Gesprächspartner mit, dass ich mich

nochmals melden würde, falls noch offene Fragen vorhanden wären. Aber kaum am

Schreibtisch angelangt, erübrigt sich dies. Denn der Schwung für das Nachfragen bleibt

meistens aus. Zudem finde ich es nicht professionell, wenn einem erst zu Hause einfällt,

was eigentlich an Wichtigem hätte erfragt werden müssen. Wenn dann die harten Tat-

sachen doch fehlen? Dann muss man sich gezwungenermassen darum bemühen und das

nächste Mal vorbereitet an die Sache herangehen. Ein Lernprozess, der sich im prak-

tischen Alltag möglichst früh einstellen sollte.

Die Rohfassung meines Berichtes habe ich Pater Bruno zum Gegenlesen vorgelegt. Ich

habe mir angewöhnt, den Interviewpartner jeweils darauf hinzuweisen, er möge vor

allem die Eigenaussagen und die Tatsachen genau überprüfen und dabei nicht in die

Textdisposition eingreifen. Es gibt Personen, die ungefragt die Rohfassung eines Textes

umzugestalten beginnen, was meistens zeitaufwändig ist, will man nachträglich diese

Korrekturen noch berücksichtigen.

2.4. Das Feature

Der Begriff «Reportage» verliert durch inflationären Gebrauch an Definitionsschärfe.

Ähnlich verhält es sich mit dem Wort «Feature». Jene Bezeichnung wird vor allem in

Bezug auf Fernsehen ohne Rücksicht auf Form und Inhalt verwendet. Dabei ist aber

gerade «Feature» auch in der englischen Sprache ein vieldeutiges Wort und bedeutet


12

zunächst so viel wie «Zug», «charakteristisches Merkmal», «Aussehen». Im Grunde be-

zeichnet dieser journalistische Begriff eine besondere Art von Bericht. «Feature ist nun

eine Nachricht, die durch Ausführlichkeit und Bildhaftigkeit geeignet ist, eine bestim-

mte Ausstrahlung auf das Gefühl des Lesers zu bewirken».21 Das Feature verlangt nach

einer Schilderung bestimmter Personen an bestimmten Plätzen zu einer bestimmten

Zeit. Oder anders ausgedrückt: ein bestimmter Vorfall, der sich zu einer Zeit und an

einem Ort zugetragen hat und damit nicht anderem Nicht-Nachrichten-Material gleich-

kommt. Das Feature hat Nachrichtencharakter und ist nicht mit belehrenden Spezial-

artikeln wie Beilagen oder Magazinspalten etc. zu verwechseln. Warren bezeichnet das

Feature als «Kurzgeschichte aus der Wirklichkeit» und bemerkt dazu, dass zwischen

einem sachlichen, straffen Bericht und einem Feature ein ebenso grosser Unterschied

bestehe wie zwischen Prosa und Poesie.22

Die Tabelle zeigt folgende Unterscheidungen zwischen Feature und Reportage auf:

Feature

Reportage

Anspruch

Verallgemeinerung,

Miterleben lassen

Veranschaulichung

Fakten

werden erklärt

dienen dazu, eine Handlung zu

verstehen

Aktualität

bezieht sich direkt auf eine

bezieht sich indirekt auf eine

Nachricht

Nachricht

Personen

* typische Figuren, die das Wesen * einzigartiger Protagonist

der Fakten veranschaulichen

* empfehlenswert

* unentbehrlich

Aufbau

Einstieg anekdotisch,

freie Dramaturgie

überraschend Übergang zu:

* Bericht

* vertieft

* ausgeweitet

Sprache

unterhaltsam, anschaulich

sinnlich, einfühlsam

Resümee: Raue/Schneider attestieren dem Feature einen unterhaltenden Charakter, ver-

weisen aber ausdrücklich auf die Tatsachenberufung. An einer Stelle steht, das Feature

sei «aktuell, interessant, lebendig und aus Archivmaterial geschrieben».23 Wie ich be-

haupte, hat dies streng genommen nichts mehr mit dem Begriff «Reportage» gemein, da

21 Warren, 1966: S. 96.

22 Warren, 1966: S. 97.


13

eine Reportage ausschliesslich vor Ort und nicht «kalt», wie es im Fachjargon heisst,

also am Schreibtisch geschrieben wird.

2.5. Die Recherche

Ideen und Stoff sind für eine interessante Reportage vorhanden. Doch womit anfangen?

Wie bekommt ein Journalist die beinahe unüberschaubare Stofffülle in den Griff? Mit

diesen Fragen und Problemen beginnt denn nun das eigentliche Schreiben einer Re-

portage. Bevor sich der Reporter an den Erzählstoff macht, tut er gut daran, bereits be-

stehendes Material zum Thema ausfindig zu machen. Er verschafft sich damit gleich

einen groben Überblick. Dieser Vorgang ist dem einer wissenschaftlichen Arbeit durch-

aus ähnlich: Wer sich zu einem geplanten Forschungsgegenstand an den Schreibtisch

setzt, versucht zuerst herauszufinden, was bereits andere über das Thema geschrieben

haben.

Die Recherchearbeit ist nicht nur eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der ei-

genen Arbeit, um strukturiert und relativ zügig vorwärts zu kommen. Wichtige Infor-

mationen dürfen nicht verloren gehen. Raue/Schneider halten fest: «Die Recherche ist

die Kür des Journalismus: Nur so erfahren die Menschen von Ereignissen, die ohne

Mühe des Journalisten niemals ans Licht gekommen wären».24

Eine nützliche Hilfe bei der Recherchearbeit sind Archive und die Datenbanken im

Internet. Das Internet hat die Möglichkeiten zur journalistischen Recherche revolu-

tioniert. Per Mausklick stehen nahezu unendliche Datenmengen zur Verfügung. Carl

Warren, der seine «Modern News Reporting» noch in einer internetlosen Zeit schrieb,

verweist nebst dem Archiv ausdrücklich auf Hilfsmittel wie Jahrbücher, Lexika, Jahres-

berichte, Enzyklopädien, Wörterbücher, Geschichtswerke, Kataloge, Biographien, At-

lanten, Gesetzbücher und Verzeichnisse aller Art.25 Diese Recherchenhilfen, auch wenn

sie scheinbar nicht mehr auf dem neusten Stande sind, sollten nicht unterschätzt werden.

Sie leisten bei der Arbeit eines Reporters immer noch sehr gute Hilfe. Bei den neueren

elektronischen Hilfsmitteln könnte man noch Handy (mit einem Verzeichnis der wich-

tigsten Telefonnummern) und Notebook ergänzen.

23 Raue/Schneider, 1998: S. 109.

24 Raue/Schneider, 1998: S. 52.

25 Warren, 1966: S. 15


14

Die freie Bonner Journalistin Petra Vogt empfiehlt, in der Internet-Recherche auf mö-

glicherweise interessante Expertenansichten zu stossen, um dabei einen groben Über-

blick über deren Meinungen zu erhalten.26 Doch hierbei sei Vorsicht geboten: Nicht

alles, was im World Wide Web publiziert wird, ist aktuell oder entspricht nur halbwegs

der Wahrheit. Häufig sammeln sich Fehlermeldungen an. Bemerkt Carl Warren etwa,

«instinktiv nähert sich der Reporter jeder neuen Situation skeptisch und kritisch. Er

sucht nach den Hintergründen, besonders wenn er annehmen kann, jemand wolle sie

verbergen»,27 so muss man diesen Rat auch für die Recherche beherzigen. Jede besteh-

ende Information will von vornherein kritisch hinterfragt sein, auffallende Abweich-

ungen merke man sich gleich vor.

Ein grosser Teil der Schweizer Journalisten benutzt die Homepage-Adresse

www.smd.ch (Schweizer Mediendatenbank) für ihre Recherchearbeiten, wofür es ein

Passwort braucht, das aber problemlos angefordert werden kann. Dafür steht einem die

ganze Schweizer Medienvielfalt zur Verfügung, mittels Suchmaschine lässt sich eine

präzise Suche einstellen. Als weitere Suchmaschinen haben sich nebst «Google» und

«Altavista» vor allem auch «Paperball» und «Lycos» in den Journalistenkreisen durch-

gesetzt.28 Überhaupt präsentieren sich im World Wide Web fast alle regionalen und

überregionalen Tageszeitungen, einschliesslich Wochenzeitungen und Fachmagazine.

Durchaus als hilfreich erweist sich ein Rechercheplan, der wie eine Checkliste funk-

tioniert. Raue/Schneider führen eine Acht-Punkte-Liste auf,29 welche in einer etwas

komprimierten und leicht variierten Reihenfolge so ausschaut:

1. Was interessiert den Leser? Was will der Reporter über das Thema wissen?

2. a. Was muss der Reporter mitteilen, worauf kann er verzichten? b. Wie und wann

erreicht der Reporter seine Informanten?

3. Was wollt ihr über das Thema wissen? Die Frage richtet sich speziell an die

26 Vogt in Raue/Schneider, 1998: S. 53.

27 Warren, 1966: S. 9.

28 sonstige Recherchehilfen resp. Suchmaschinen und Metasuchmaschinen: www.hotbot.com;

www.fireball.de; www.metacrawler.de; www.metager.de.

29 Raue/Schneider, 1998: S. 56.


15

Kollegen.

4. Skepsis ist wichtiger als Vertrauen, deshalb: Nie an Zeit sparen, um Informationen zu

überprüfen.

5. Gespräche aus dem Gedächtnis protokollieren: Zitate, Datum, Uhrzeit, Gesprächs-

partner mit Namen, Vornamen, Dienstrang und Adresse.

6. Alle Unterlagen gehören in die Ablage (Selbstschutz, falls Klagen anstehen würden).

Resümee: Mag das Recherchieren für manche Journalisten als lästig erscheinen, es ge-

hört zu seinen Pflichten. Doch wer die Mühe nicht scheut und die vielen Details und

Ansichten sammelt, sortiert, gewichtet und ansprechend präsentiert, kann mit gutem Ge-

wissen schreiben und seine erarbeitete Reportage vorlegen. Dazu noch einmal

Raue/Schneider: «Recherche bedeutet: Arbeit und Kleinarbeit, Hartnäckigkeit, Geduld,

Raffinesse und List».30 Indes, der Journalist recherchiert nicht, bis er alles weiss. Er re-

cherchiert solange, bis alle nahe liegenden Fragen plausibel beantwortet sind. Und der

Journalist sammelt im Dienste einer definierten Zielgruppe, der er relevante Infor-

mationen vorlegen möchte. Wer so vorgehen will, braucht eine klare Vorstellung über

sein Thema, auch immer im Hinblick dessen, was letztlich den Leser interessieren kön-

nte. Der Reporter braucht einen durchdachten Plan, der ihn systematisch und effizient

ans Ziel bringt. In der Regel steht in einer Redaktion für das tägliche Schreibhandwerk

nicht viel Zeit zur Verfügung, und das Ereignis von heute «altert» oft mit jeder Minute.

Im Falle der Pater-Bruno-Reportage stand allerdings nichts mit einem dringenden An-

lass im direkten Zusammenhang. Für das Porträt hätte demnach gebührend viel Zeit auf-

gewendet werden können. Bedenkt man aber, dass das Medieninteresse für den «kon-

vertierten Rockmusiker» wie aus dem scheinbaren Nichts auftauchte und in vielen

Redaktionsstuben rege Aufmerksamkeit weckte, bestand auch hierzu ein rascher Hand-

lungsbedarf. Bevor schliesslich alle darüber berichten, tut man sich entschlossen und

sorgfältig und ohne Zeitverlust an die Reportage.

Besonders von Journalisten wird eine kritische Grundhaltung gegenüber allem erwartet.

Papier ist bekanntlich geduldig, weshalb auch die Arbeiten der Journalistenkollegen

30 Raue/Schneider, 1998: S. 47.


16

genau zu überprüfen sind. In meiner Recherche über Pater Bruno musste ich beispiels-

weise feststellen, dass es in den bereits vorhandenen Berichten Abweichungen über sein

Alter gibt. Vereinzelte Medien schreiben ihm das einundsechzigste Altersjahr zu, tat-

sächlich aber ist Pater Bruno dreiundsechzig, was ich quasi nebenbei bei meinem Be-

such sicherstellen konnte. In meinem persönlichen Gespräch mit Pater Bruno fiel mir

allerdings dann auch auf, dass er auf die Altersfrage nur zögerlich und ausweichend re-

agierte. Um im Artikel die persönlichen Angaben nicht ganz auszuschliessen und doch

in sensibler Weise Informationen zu erteilen, schrieb ich: «kurz vor der Pensio-

nierung».31

2.6. Die Gliederung

«Der Wert eines Berichts hängt mehr von der harmonischen Zusammenstellung ab als

von einer gut formulierten einzelnen Tatsache»,32 Carl Warren macht auf die Bedeutung

einer wirksamen Einleitung aufmerksam. In der Einleitung sind bereits die wichtigsten

Fakten enthalten. Anders ausgedrückt, die Messlatte für die Vollständigkeit eines Be-

richts sind für Journalisten die sechs Ws: wer hat wann ­ was ­ wo ­ warum ­ wie ge-

macht? Damit werden die Lücken zwischen der Einleitung und den folgenden Absätzen

der Reportage überbrückt, die eine ausführlichere Schilderung der Einzelheiten ent-

halten. Das macht die Sache verständlich. Natürlich geben manche Berichte schon im

Vorspann erklärende Einzelheiten ab, sodass überbrückende Sätze wegfallen.

«Wecke den Appetit des Lesers»,33 rät Warren und stellt sieben Kategorien für eine ge-

lungene Einleitung auf, die hier stichwortartig und mit einem entsprechenden Beispiel

versehen sind:

1. Die komische Einleitung

Ein kurzes Aufblitzen, das für Aufsehen sorgt.

Eine kleine Maus löschte gestern Abend alle Lichter der Mittelstadt aus.

2. Die bildhaft Einleitung

Eine Skizze einer Person in Worten.

31 Wie ich aus dem Gespräch erfuhr, können Ordensbrüder sich pensionieren lassen, um danach

wieder ein weltliches Leben aufzunehmen. Sie können ein Pensionsgeld beziehen, was aber die

wenigsten tun und beanspruchen.

32 Warren, 1966: S. 42.

33 Warren, 1966: S. 36


17

Das Gesicht zu einer Maske erstarrt und der Blick abwesend leer, so kauerte P.Z. auf

der Anklagebank als ihn der Staatsanwalt vernahm.

3. Die Kontrast-Einleitung

Eine Gegenüberstellung in krassen Gegensätzen.

Gemeindearbeiter Toni Vassello, Sohn eines armen italienischen Landarbeiters, ist seit

gestern Abend Fernseh-Lottomillionär.

4. Die Einleitungsfrage

Ein eindringliches Fragezeichen am Anfang der Geschichte.

Gehören Sie auch zu den 30% der säumigen Steuerzahler?

5. Die Szenerie-Einleitung

Ein Hintergrund mit bilderreichen Schilderungen.

Die berühmten Kirschbäume des japanischen Kapitols sind über Nacht erblüht...

6. Das Zitat als Einleitung

Eine schlagkräftige Bemerkung weckt die Aufmerksamkeit.

«Die zehn Gebote können mich mal», schimpfte Pfarrer Karl Studer vor seiner

Gemeinde.

7. Der Gag in der Einleitung

Ein witziger Aufhänger zu Beginn des Artikels

Rechnung für ein gebrochenes Herz: 5000 Euro.

Die Überschrift funktioniert nach der bewährten AIDA-Formel (Attention ­ Interest ­

Desire ­ Action34), die den Leser überrascht und ihn zum Lesen des Artikels anhält. Im

Hauptteil folgen die Details, Einzelheiten werden beantwortet, weitere Informationen

aufgefächert und vermittelt. Neuerdings sind am Schluss des Berichts, klein gesetzt,

wieterführende Homepage-Adressen aufgeführt. Wird beispielsweise jemand aus dem

Kunstbereich porträtiert, so werden die neusten Buchveröffentlichungen oder die

aktuellsten Tonträger noch kurz erwähnt, meist mit der entsprechenden Bezugsquelle.

Der klassische Aufbau besteht aus folgenden Elementen:

34 Aufmerksamkeit ­ Interesse ­ Wunsch ­ Aktion


18

1. Überschrift

Extrakt aus dem Vorspann/Einstieg.

2. Vorspann/Einstieg

Die wichtigsten Fragen des Lesers werden kurz und bündig beantwortet.

3. Hauptteil

Es folgen die Einzelheiten.

4. Kleingedrucktes

Fakultativer Teil, welcher weiterführende Informationen bietet (Homepage-Adresse

etc.).

In einer Reportage ist der blosse Wechsel zwischen Fakten und Erlebnissen oder Hand-

lungen nicht ausreichend. Noch ganz andere Möglichkeiten verleihen einer Geschichte

die nötige Abwechslung:

1. Wechsel der Perspektiven

Von aussen und als Betroffener

2. Wechsel der Aktualität

Aktuell / latent aktuell

3. Wechsel der Zeiten

4. Wechsel von formalen Mitteln

Erlebnisbericht, Zitate, Stimmungsbilder und Dokumentation

Resümee: Abwechslung ist gefragt. Der Reporter betritt gewissermassen den Schauplatz

und achtet darauf, was zu beobachten und zu erleben ist. «Alle Sinne werden gleich-

zeitig gefordert»,35 charakterisierte Egon Erwin Kisch seinen Erlebnisbereich und seine

Erlebnisart. Abwechslung kann dadurch entstehen, dass man die Perspektive eines Di-

rekt-Betroffenen einnimmt, um daraufhin diese eine Person über ein besonderes

Ereignis sprechen zu lassen. Der Leser folgt quasi den Gedankengängen einer zentralen

35 Kisch in Schlenstedt, 1991: S. 29.


19

Figur und erhält sukzessive Einblicke in seine Gefühlswelt. Zu den harten Fakten ver-

hält sich dies im Kontrast als psychologisches und weiches Stimmungsbild. Zu viele

Haupt- und Nebenfiguren dürfen in einer Reportage nicht vorkommen, dies könnte den

Leser verwirren. Aus der beschriebenen Situation wird eine Grundproblematik ge-

schildert (beispielsweise bei einer Unglücksreportage): Womit kämpfen die Betrof-

fenen, was heisst das für die dort lebende Gemeinschaft oder für jeden Einzelnen von

ihnen etc.

Um die Form einer abspulenden Berichterstattung zu vermeiden, ist das Zertrümmern

einer Chronologie ratsam. Das setzt aber voraus, dass man sich zuerst intensiv mit den

unterschiedlichen Aufbauschemata auseinanderzusetzt, um die damit verbundene Wir-

kung auf den Leser bewusst werden zu lassen. Es lohnt sich, Schwerpunkte

herauszuarbeiten, wodurch klar wird, welche Stilform ihre Knackpunkte hat, auf die

sich der Reporter konzentrieren muss. Es kommt auf die Mischung der Darstel-

lungsformen und deren sinnvollen Einsatz an. Letztlich entscheiden Thema und Re-

cherche-Ergebnis darüber, wie der Leser angesprochen wird.

Belebend wirken in Reportagen Aussagen der porträtierten Personen. Einwürfe, die zu-

nächst als quere Gedanken miteingestreut sind, erweisen sich im Textverlauf als

logische Schlussfolgerung auf etwas. Den Eigenaussagen ist oftmals nichts mehr beizu-

geben, sie stehen für die ganze Situation selbst, ohne dass der Reporter noch weitere

Farben beimischen müsste, was allenfalls eine Verdoppelung bedeutete. Ich habe im

Bericht versucht, Pater Bruno oft zu Wort kommen zu lassen, um auch dabei sein

vitales Wesen zum Ausdruck zu bringen.

2.7. Zusammenfassung

Die Reportage als journalistische Textform enthält verschiedene Elemente aus der klas-

sischen Zeitungslehre: Porträt, Interview, Hintergrundbericht usw. Der Erzählgang wird

dabei von Beschreibungen, Schilderungen, Interviews, Kommentaren etc. unterbrochen.

Die Reportage möchte informieren, aber auch unterhalten und fesseln. Sie lässt den

Leser unmittelbar über die Schulter des Reporters blicken. Der Reporter setzt dafür sei-

ne Augen, seine Sinne für den Leser ein, erfasst die Stimmung, hört Augenzeugen, trägt

das Gefühlte und Gehörte sprachlich so zusammen, sodass der Leser den Eindruck ge-

winnt, er selbst sei dabei gewesen.


20

Im Gegensatz zur Nachricht gibt es für die Reportage keine allgemeingültige Regel. Je-

des Thema erfordert eine gesonderte Behandlung. Dennoch lassen sich einige besondere

Merkmale nennen.

Wie unter einem Brennglas wählt die Reportage einen kleinen, doch genauen Aus-

schnitt aus seiner zu berichtenden Welt. Mit jenem Ausschnitt veranschaulicht sich aber

auch der Aufbau einer Reportage. Nicht nur die Ausschnitte werden vergrössert und

hervorgehoben, sondern innerhalb des Ausschnitts auch auf besondere Ereignisse hin-

gedeutet. Allgemeine Informationen werden vorangestellt. Fakten, Zahlen und Daten

sind wahrheitsgetreu aufzuführen. Darüber hinaus werden Hintergründe beleuchtet oder

eine Vorgeschichte erläutert, beobachtbare Tatsachen sind auf den Punkt gebracht. In

einer Reportage wechseln sich Informationen und Erfahrungen einander ab. Dieser

Wechsel verleiht der Reportage Leben und Frische.

Die direkteste Form der Berichterstattung über Menschen ist das Porträt. Dabei müssen

nicht zwingend immer nur Persönlichkeiten vorgestellt werden. Oft haben unbekannte

Menschen eine höchst erstaunliche Biographie, auf die zunächst nichts hindeutet. Der

direkteste Zugang zum Porträtierten folgt über das Interview, wobei zwischen Sach-

interview und Personeninterview oder einer Umfrage unterschieden wird. Im Sachinter-

view wird die Meinung einer Person erkundet. Die Person selber steht im Hintergrund.

Anders im Personeninterview, bei dem der Interviewte in den Vordergrund rückt. Der

Leser erfährt persönliche Sichtweisen der porträtierten Person. Schliesslich werden in

einer Umfrage mehrere Personen zu einem Thema befragt. Das Interview fasst auf un-

terhaltsame Weise Meinung und Wissen einer befragten Person zusammen, wobei reine

Fakten nicht in ein Interview gehören. Im Zeitungslayout wird dafür eine separate Spal-

te berücksichtigt, wo die wichtigsten Eckdaten nachzulesen sind. Zum Porträt gehört

ebenfalls ein Foto, welches die Person in seiner Beschäftigung gleich erkennen lässt.

Diese Verbindung ist aussagekräftiger und wirkt interessanter als ein herkömmliches

Brustbild.

Ein Sonderfall ist das so genannte «Feature»: Dieser Begriff kam nach dem Zweiten

Weltkrieg in den deutschen Journalismus und wurde zunächst nur für den Rundfunk als

«Hörbild» verwendet. In leicht verständlicher Sprache, mit Originalstimmen und Ge-

räuschen entsprach es dem, was die Print-Journalisten als «Reportage» bezeichnen.


21

Die Reportage benötigt eine wohldurchdachte Struktur. Wer eine spannende Reportage

im Hinterkopf hat, stürmt nicht einfach los und verrennt sich in unendliche Geschichten

und Details. Der Reporter stellt zuerst Recherchen an und richtet seine Arbeit auf das

Sammeln und Erheben von Informationen. Dieser Arbeitsgang beinhaltet ebenso das

Überprüfen, Verifizieren oder Falsifizieren und das Vervollständigen und Ergänzen von

Informationen und Unterlagen. Je weniger Zeit im Journalistenalltag zur Verfügung

steht, desto präziser müssen die zentralen Fragen geklärt sein. Ein sorgfältig erarbeiteter

Rechercheplan hilft, denn eine gute Vorbereitung macht den Profi aus.

Die Reportage ist eine Darstellungsform, in der sich das persönliche Temperament des

Journalisten entfaltet. Drei wichtige Elemente sind jedoch zu berücksichtigen: 1. Die

Reportage ist tatsachenorientiert und kommt damit im Kern der Nachricht gleich. 2. Die

Reportage ist ein persönlich gefärbter Erlebnisbericht und wird somit niemals vom

Schreibtisch aus geschrieben. Der Reporter braucht seine Eindrücke aus erster Hand. 3.

Handlungen dürfen nicht abstrahiert werden.

Überlassen wir das Schlusswort dem amerikanischen Journalisten Gay Talese, der

nüchtern festhält: «Journalisten schreiben für den Augenblick. Am nächsten Tag landet

die Zeitung im Altpapier oder dient zum Ausstopfen nasser Schuhe».36 Eine wohl un-

ausweichliche Tatsache, doch sollte jeder Journalist erneut mit Sorgfalt und Ernst-

haftigkeit seinem täglichen Schreibhandwerk nachgehen.

Bemerkung

Bei der nachfolgenden Reportage

handelt es sich um eine gekürzte Fassung. Für meine

Hausarbeit schien es mir wichtig, dem theoretischen Teil (also bis Seite 16 und unter

Punkt 2.7.) mehr Platz einzuräumen und den praktischen Teil auf die restlichen Seiten-

folgen aufzuteilen. Die Reportageteil dient als Ausgangslage des theoretischen Teils,

um meine Resümees verständlich zu machen. Manche Punkte, die ich als Ideal für eine

Reportage weiter vorne aufführe, entfallen damit. So konzentriert sich diese gekürzte

Fassung mehr auf das Porträt Pater Brunos denn als Stimmungsbericht rund um das

klösterliche Leben, dem ich vermehrt Beachtung hätte schenken können. Dessen bin ich

mir durchaus bewusst.

36 Talese in Sütterlin, 2006: S. 52.


22

2.8. «Schwarzer Engel in Mönchskutte»

((Einleitungstext))

Gottes Wege sind unergründlich. Im Falle von Pater Bruno (Harry Greis) sind sie sogar

von einer Hardrock-Vergangenheit geprägt.

((Titel))

«Schwarzer Engel» in Mönchskutte

((Text))

EINSIEDELN - «Heisst es denn nicht schon in der Bibel ,Lobet Gott mit Pauken und

Trompeten?′», ein lammfrommer Blick durchstreift die kleine Zelle, in der sich

modernste Technik stapelt. Das grosse Keyboard ist mit dem Computer verkabelt, im

Bildschirm leuchten farbige Tonspuren. Seit 1990 lebt Pater Bruno im Kloster Ein-

siedeln und hält sich strikt an die Benediktinerregeln «bete und arbeite». Wie sich

herausstellt, ist ein frei bestimmtes Leben hinter Klostermauern nicht zwangsläufig nur

leise oder eintönig. «Hier drin haben alle Kenntnis von meiner wilden Rocker-

Vergangenheit.» Sanft wischt Pater Bruno diese Bemerkung zwar über das Equipment

hinweg, doch zwei funkelnde Augen fragen keck: «So what?».

Dass eben er ein ganz besonderer «Engel» sei, daran haben sich seine 85 Mitbrüder

eigentlich nie gestört. Nicht nur Musikfans mag der verzweigte Lebensweg des studier-

ten Theologen verwundern. Pater Bruno war in seinem weltlichen Leben besser unter

dem Künstlernamen «Harry Stone» bekannt. In einer der erfolgreichsten Schweizer

Bands der 80er-Jahre, den Hardrockern «Black Angels», bediente er die Keyboards.

Zeichen und Wunder geschahen: Die sechsköpfige Band schaffte es gar, als Vorgruppe

der berühmten Rocklegende «Uriah Heep» aufzutreten. Eine ausgedehnte England- und

Schottland-Tour brachte sie dann mit den Headlinern «Nazareth» zusammen. Insgesamt

26 Konzerte waren es. Die «Schwarzen Engel» wurden stürmisch gefeiert, und das re-

nommierte, amerikanische Metalmagazin «Kerang!» lobpreiste sie als eine neue Licht-

erscheinung.

Rest-Rocker ohne Groupies

Nun hängen die Devotionalien des Harry Stone an den Wänden von Pater Brunos

Studio. An den Rändern leicht vergilbte Schallplattenhüllen, sorgfältig aneinander ge-

reihte Erinnerungen aus einer aktionsgeladenen Zeit. Eine schwarze, wilde Locken-


23

pracht baumelte ihm einst bis über die Schultern. Ein düsterer Blick schaut direkt ins

Objektiv, forsch herausfordernd. «Manchmal haben wir schon zugeschlagen», gesteht

der Mönch. «Sturzbetrunken haben wir ganze Hotelzimmer demoliert. Drogen habe ich

allerdings nie genommen. Wenn die anderen Hasch rauchten, verliess ich immer das

Zimmer». Und willige Groupies, gab es die auch? «Es hingen immer irgendwelche

Girls herum. Aber wüste Orgien kamen nie vor.» Pater Bruno geniesst dieses Frage-

und-Antwort-Spiel. Fast befürchtet man, als Befrager mehr zu erfahren, als einem

eigentlich lieb ist; seine Antworten kommen schnell und bergen einen trotzigen Unter-

ton. Mag der sportliche Körper eines älteren Mannes tagsüber in einer Kutte stecken

und die Kapuze das bare Haupt bedecken, im lebhaften Gespräch blitzt ein Stück Rest-

Rocker auf.

Vom Saulus zum Paulus

Seine Band heizte die Basler St. Jakobshalle ein, ehe «Whitesnake» mit David

Coverdale (Ex-«Deep Purple») als rockender Säulenheiliger und himmlische Frontfigur

aufdonnerte. «Wir haben fest an den Profistatus geglaubt. Uns fehlte jedoch der Quan-

tensprung, um ernsthaft vorwärts zukommen», Pater Brunos Erinnerungen werden mit

jeder Frage lebendiger, sein inneres Feuer für den etwas lauteren Musikstil ist nicht

gänzlich erlöscht. «Wir haben dann die Band aufgelöst. In jener Zeit habe ich viel medi-

tiert und mich mit der Bibel beschäftigt». Sucht man Pater Brunos Zelle auf, führt der

lange Gang zuerst an der Praxis einer Podologin vorbei. Dort, wo der lange Lino-

leumboden endet, erblickt man grosse Holzkoffer, die unter einem schrägen Dachvor-

sprung lagern und Staub ansetzen. Es sind die ehemaligen Tourkisten. Der Schablonen-

Schriftzug «Black Angels» steht immer noch drauf, aber die weisse Farbe ist längst

bröcklig. Gegenüber befindet sich Pater Brunos Refugium, Arbeits- und Erinnerungs-

stätte zugleich.

Auf der langen Reise nach Damaskus verwandelte sich Saulus zu Paulus, so steht′s

geschrieben. Erlebte Harry Stone eine Epiphanie, hatte eine Erscheinung ihm den

richtigen Weg ins Kloster gewiesen? Pater Bruno lacht. «Nein! Auch gibt es in meinem

Leben keine vermutbare Bruchstelle.» In Winterthur geboren und in Langwiesen aufge-

wachsen, wollte er seit seiner Kindheit Pfarrer werden, ein für die damalige Zeit

üblicher Berufswunsch. Das Theologiestudium führte ihn zunächst nach Fribourg, wo er

Jugendarbeit leistete.


24

Nein sagt Rom

In Fribourg lernte er aber auch seine damalige Frau kennen. Danach musste er seinen

Berufswunsch Priester zu werden, definitiv begraben. Rom sagte Nein. «Als geschie-

dener Mann unmöglich! Immerhin habe ich zu meiner Ex-Frau ein wunderbares Ver-

hältnis. Sie ist übrigens ebenfalls Religionslehrerin.» Heute wirkt Pater Bruno als

Diakon und assistiert bei den Messen und hält Jugendgottesdienste. Eine leise Ent-

täuschung, dass er kein vollwertiges Priesteramt ausüben kann, macht sich dennoch be-

merkbar. Kommt der extrovertierte Ex-Rocker immer wieder mal auf das Thema zu

zurück, erlahmt seine lebhafte Gestik und die sonst lebhaften Augen eines nimmer-

müden Suchenden werden leer. Dann verlässt sein Blick die angehäufte Studiotechnik

samt Verkabelungen und schweift in die Weite der Klosteranlage. Dort gehen seine

Mit-brüder unterschiedlichen Tätigkeiten nach. Jemand versorgt die Pferde, im Garten

war-tet Arbeit, und die Klosteranlage benötigt Pflege. Die Benediktiner bringen Bildung

und Erziehung in die umliegenden Schulen. Meldet sich der Besucher an der prächtigen

Eingangspforte, vernimmt er einen höllischen Lärm aus der Weinkellerei. Es herrscht

Hochbetrieb, auch in einer noch so paradiesischen Abgeschirmtheit, irgendwo in der

Innerschweiz.

Nach dem Studium in Fribourg leitete er, noch unter seinem bürgerlichen Namen Harry

Greis, in Schaffhausen einen Kirchenchor und war Organist in den Kirchgemeinden

Paradies und Eschenz. Das Orgelspielen übe er auch heute noch aus, das verschaffe ihm

Ausgleich. Er erinnert sich: «Ich ging jeweils in den Lederklamotten zum sonntäglichen

Orgelspiel. Die Kirchgänger akzeptierten dies nicht gleich auf Anhieb, doch ich blieb

mir stets treu.» In der Kirchgemeinde Eschenz lernte er einen Benediktinermönch ken-

nen, vielleicht eine entscheidende Begegnung, um irgendwann mal doch noch die Le-

derkluft gegen die Kutte einzutauschen. Bestimmt aber entstanden die «Black Angels»

anlässlich der kirchenmusikalischen Auftritte. Die Jugendlichen musizierten bei diesen

Gelegenheiten und formierten sich später zur legendären Rockband.

Professionelle Spielfilme

In nächster Zeit werde er etwas kürzer treten, er nähere sich ja bereits dem Pensions-

alter. Pater Bruno gibt Religionsunterricht in 25 Schulklassen. Legendär geworden sind

in Einsiedeln die abendfüllenden Spielfilme, die er jeweils mit der Abschlussklasse (3.

Oberstufe) dreht. Acht Spielfilme, inzwischen mit sehr aufwändigen Drehtechniken,

teilweise mittels Helikoptereinsatz, sind entstanden. Die neuste Produktion, in der


25

üblich professionellen Aufmachung, bearbeitet Pater Bruno am Computer nach: «Das

geht dann oft bis spät in die Nacht. Ich geniesse hier einen Sonderstatus. Wenn die

anderen zur Morgenandacht gehen, lege ich mich erst einmal schlafen.» Der Benedik-

tinermönch ist ein ambitionierter Mensch. «Die Klosteranlage gegen das Hollywood-

gelände eintauschen möchte ich jedoch nicht. Aber zugegeben, Hollywood ist aus

meinem Schaffen nicht mehr wegzudenken. Diese Filme dienen mir als Vorbild», er

zeigt dabei auf eine gut sortierte Filmothek. Weder Liebes- noch klassische Kriegsfilme

fehlen. «Lernen kann man nur von den ganz Grossen, wie beispielsweise Steven Spiel-

berg.»

Mit seinen Schülern realisierte er Filme zum Thema «Wie geht der Mensch mit seinem

Mitmenschen um?». Die Schüler liefern die Vorgaben für die Dialoge, gemeinsam

macht man sich an die Dreharbeiten. Lehrstücke entstehen: Ein Mädchen wird schwan-

ger. Sie verheimlicht dies ihren katholischen Eltern. Aber auch das Dorf, unverkennbar

als Einsiedeln dargestellt, darf nichts davon erfahren. Der Vater des Kindes ist praktisch

selber noch ein Kind und ist Sänger der lokalen Rockgruppe Black Angels. Er verstösst

die Freundin zuerst, steht ihr dann aber doch bei. Das Kind kommt zur Welt, der junge

Vater verunfallt tödlich. Also doch kein Happy End à la Hollywood? Pater Bruno hält

als Regisseur die Fäden zusammen. Er greift ein, wenn die Dialoge stocken oder die Re-

quisiten falsch platziert sind. Er feuert aber auch an, wenn sich auf dem Drehplatz

nichts bewegt und die Zeit immer knapper wird. Denn die Tagesmiete für die Spezial-

technik ist teuer. Das Kloster leistet einen kleinen Beitrag, sozusagen als Kultur-

förderung.

Here I go again

Auf dem schmalen Tischchen liegt ein grüner Flaschenöffner mit dem Aufdruck

«Falkenbier». Pater Bruno greift danach und zischt flink einen obergärigen Hopfensaft.

Heimweh nach Schaffhausen? «Nein, habe ich eigentlich nie», er unterdrückt einen

Aufstosser und fährt im selben Satz weiter: «Alles hat seine Zeit. So wie ich jetzt lebe,

stimmt′s. Ich bereue nichts.»

Heute ist Konventamt in der Klosterkirche. Dichter Weihrauchduft weht den vielen

Kirchgängern entgegen. Vor der Gnadenkapelle macht Pater Bruno einen tiefen Knie-

fall. Die schwarze Madonna mit dem Kinde sieht′s und lächelt milde. Eine Frau betet

versunken den Rosenkranz, Pilger vor den Votivtafeln zünden Kerzen an. Draussen


26

freuen sich die Souvenirhändler auf die Touristen, die gleich scharenweise mit Bussen

erwartet werden. Die schwarze Madonna gibt′s in allen handlichen Formen. Auch in

einem bestickten Etui als Reise-Set, grün oder rot. Wir verabschieden uns. Doch, er sei

mit dem klösterlichen Leben sehr zufrieden, nickt und blickt zu seiner Zelle hinüber.

Fast als wolle er sich vergewissern, ob das Studio noch steht. Was würde David

Coverdale zu Pater Brunos Entscheidung finden? «Here I go again on my own»,

konsequent sind am Ende beide. MICHAEL HEISCH

((Kleingedrucktes))

www.genesisfilm.com; www.brunogreis.ch; www.kloster-einsiedeln.ch

«Hellvetic Rock I» (2004) und «Hellvetic Rock II» (2006),

CD-Compilations, u.a. mit je einem Song von den «Black Angels»

Weitere Tonträger, nur als Schallplatten:

«Hellmachine» (1981)

«Kickdown» (1983)

«Broken Spell» (1985)


27

3.

Literaturverzeichnis

Quelle

Gespräch mit Pater Bruno im Kloster Einsiedeln, am 22. Juni 2006.


Literatur

Franzetti, Dante Andrea

«Pater Rock′n′Roll», «Schweizer Familie»: 30.03.06, S. 20.

Fröhlich, Elias H.

«Schwarzer Engel ist jetzt Mönch», «Blick»: 28.02.06, S. 24.

Hess, Dieter (Hrsg.)

Kulturjournalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis,

München:

1992.

Osang, Alexander (Hrsg.) Frank Sinatra ist erkältet, Berlin: 2005.

Raue, Josef/

Das neue Handbuch des Journalismus, Reinbek bei Hamburg:

Schneider, Wolf

1998.

Reitan, Claus (Hrsg.)

Praktischer Journalismus, Konstanz: 2004.

Schlenstedt, Dieter (Hrsg.) Schwimmen im Tintenstrom. Berühmte Reportagen: Berlin 1991.

Sütterlin, Georg

«Die Literatur der Wirklichkeit», «NZZ am Sonntag»: 01.01.06,

S.

52.

Warren, Carl:

ABC des Reporters. Eine Einführung in den praktischen

Journalismus, München: 1966.

Wilpert, Gero von

Sachwörterbuch der Literatur, Stuttgart: 1979.


Medien

Schweizer Fernsehen DRS in der Sendung «Aeschbacher» vom 22.12.2005.

Tele Züri

in der Sendung «Talk täglich» vom 17.04.2006.




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