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Other, 15 Pages
Author: Udo Seelhofer
Subject: German Studies - Literature of History, Eras
Details
Institution/College: University of Vienna (Germanistik)
Tags: Bram, Stokers, Dracula, Vergleich, Buch, Film, Literatur, Unheimliche
Pages: 15
Grade: 2
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-09070-9
ISBN (Book): 978-3-640-42003-2
File size: 177 KB
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Abstract
"Bram Stokers Dracula Ein Vergleich zwischen Buch und Film" bearbeitet vor allem folgende Fragen: Wurde die Handlung im Vergleich zum Buch verändert? Wenn ja, inwieweit wirkt sich das auf die Darstellung des Unheimlichen im Film aus? Wie wird die Umgebung mithilfe der Kameraarbeit in Szene gesetzt, um eine unheimliche Atmosphäre zu erzeugen? Wie werden die zentralen Figuren von den verschiedenen Schauspielern interpretiert? Wie wirken sich diese unterschiedlichen Interpretationen darauf aus, wie das Unheimliche des Buches vom geschriebenen Wort zum Film „transportiert“ wird?
Excerpt (computer-generated)
Seelhofer Udo
BRAM STOKERS
„DRACULA“
EIN VERGLEICH ZWISCHEN BUCH UND FILM.
EIN VERGLEICH ZWISCHEN DEN FILMEN „DRACULA“ (USA 1931)
UND „BRAM STOKERS DRACULA“ (USA 1992)
Abschlussarbeit der Vorlesung
„Literatur und das Unheimliche“
1. Dracula (USA 1931) 6
1.1. Inhalt: 6
1.2 Änderungen an der Buchvorlage. 6
1.3 Wie wird der Film in Szene gesetzt?. 7
1.4 Inwiefern tragen die Darsteller durch ihre Darbietungen zur Darstellung des Unheimlichen bei?. 8
2. „Bram Stokers Dracula“ von Francis Ford Coppola (USA 1993) 10
2.1 Inhalt 10
2.2 Änderungen an der Buchvorlage. 11
2.3 Wie wird der Film in Szene gesetzt?. 12
2.4 Inwiefern tragen die Schauspieler zur unheimlichen Atmosphäre bei?. 12
3. Die grössten Unterschiede zwischen beiden Filmen. 14
Bibliographie. 16
Bevor ich zu Bram Stokers Roman und den Verfilmungen komme, möchte ich kurz auf die seinem Vampirfürsten zugrunde liegende historische Gestalt eingehen. Prinz Vlad Tzepes, genannt „Dracul“, wurde 1435 in der Kleinstadt Tschesko in Rumänien geboren. Sein Vater war Mitglied des Drachenordens, der sich dem Kampf gegen die Türken verschrieben hatte. Von daher stammt auch der Beiname „Dracul“, was im rumänischen soviel wie „Sohn des Teufels“ heißt. Seine Erziehung genoss er im Kloster von Konstantinopel. Im Jahre 1456 gelang es ihm seinen Widersacher Vladislav II. zu stürzen, womit Vlad der Woiwode der Walachei wurde, und die Thronfolge seines Vaters antrat.
Die Walachei lag in einem ständigen Kleinkrieg mit der Türkei. So kam es im Herbst 1460 zur Aussöhnung zwischen dem ungarischen König Mathias Corvinus und dem zum Fürsten gewordenen Vlad Tzepes, diese führte auch zu einem antitürkischen Geheimpakt.
Vlad Tzepes beherrschte drei Künste bis zur Perfektion: die diplomatische, die militärische, und die des Pfählens. Letztere betrieb er mit besonders großer Leidenschaft, und schlussendlich sollten die unzähligen Pfählungen von Feinden ihn zu seinem mehr als zweifelhaften Ruhm verhelfen. So war es bei ihm Usus, dass er einem Gesandten, der vergaß den Hut vor ihm zu ziehen, dem armen Mann seine Kopfbedeckung gleich am Schädel festzunageln. Sein größtes Vergnügen aber war es, seine Mahlzeiten mitten unter den Gepfählten einzunehmen. Sollte einer seiner Begleiter währenddessen auf die Idee verfallen, sich über den Leichengeruch zu beklagen, dann war das wohl sein letzter Fehler, denn dann wurde derjenige gleich am höchsten Pfahl aufgespießt, da dort oben „die Luft besser sei“. Auch was das Braten, Zerstückeln und Sieden anderer Menschen anbelangte, war Vlad Tzepes sehr kreativ. Er ersann mehrere Maschinen für solche Folterungen.
Auf seinen Feldzügen hinterließ Vlad Tzepes regelmäßig ganze Wälder von gepfählten Feinden. Im Winter des Jahres 1461 führte Vlad Tzepes einen Krieg gegen das türkische Heer von Sultan Mehmet II. Es wird erzählt, dass der Sultan mit seinem Heer auf dem Weg zur walachischen Hauptstadt Tirgoviste eine halbe Stunde lang an 20.000 aufgespießten Türken und Bulgaren vorbeimarschieren musste.
Vlad war dazu entschlossen, den gesamten Balkan aus der Hand der türkischen Oberherrschaft zu reißen. Allerdings versagte ihm der ungarische König, Mathias Corvinus, der Ruhe an der Grenze zum osmanischen Reich haben wollte, die Unterstützung.
Im November 1462 wird Vlad nach Buda zitiert, und unter dem Vorwurf des Paktierens mit dem türkischen Feind für 10 Jahre in ein Verließ gesperrt. Es werden auch fingeierte „Verratsbriefe“ verfasst, um diese Tat vor Papst Pius dem II. und dem Kaiser rechtfertigen zu können. Die äußerst polemische Publikation " Histori von dem posen Dracol" ( ein um 1463 in Wien gedrucktes Flugblatt zu Propagandazwecken Mathias ) prägte das Bild von Dracula für die kommenden Jahrhunderte entscheidend. Dracula wird fortan zum Beispiel des Bösen. In Russland dienen die Schauergeschichten um Vlad zur Erziehung des Sohnes Zar Ivans, des Schrecklichen. Der kommunistische Diktator Tschautchesko, der wohl auch Gefallen an Vlads Grausamkeit gefunden hat, hat ihn später zum Helden im Kampf um die rumänische Unabhängigkeit erklären lassen.
1477 kommt Vlad Tzepes bei einem erneuten Einsatz im Türkenkrieg gewaltsam ums Leben. Man sagt, das er von den Türken meuchlings ermordet und aufgespießt worden ist. Seine Grabinsel befindet sich in der Nähe von Buda.
Auch nach seinem Tod entstehen noch zahlreiche Drucke, die das Interesse des spätmittelalterlichen Publikums an Greuelnachrichten und Monstergeschichten befriedigten, und weiter zur Legenden bildung um den blutrünstigen Grafen Vlad Tzepes beitrugen. Richtig bekannt wurde Vlad Tzepes aber erst durch Bram Stokers Verquickung seiner historischen Persönlichkeit mit der Legende des Vampirfürsten.
Warum aber hielt Bram Stoker es für gut, seinen Vampir mit einer historischen Persönlichkeit wie dieser in Verbindung zu bringen? Ich denke, er wollte seiner Romanfigur damit eine Authentizität verleihen, die sie sonst nie gehabt hätte. In Francis Ford Coppolas Filmversion wird dem Zuschauer vor der eigentlichen Geschichte auch in einem Prolog von den Taten von Vlad Tzepes in extrem brutalen Bildern berichtet. Auf diese Art und Weise wird der Zuseher dazu gebracht, sich die Frage zu stellen, ob nicht auch an der Vampirlegende etwas Wahres dran sein könnte.[1]
Im folgenden werde ich diese beiden sehr unterschiedlichen Verfilmungen des Buches „Dracula“ auf folgendes untersuchen:
- Wurde die Handlung im Vergleich zum Buch verändert? Wenn ja, inwieweit wirkt sich das auf die Darstellung des Unheimlichen aus?
- Wie wird die Umgebung mithilfe der Kameraarbeit in Szene gesetzt, um eine unheimliche Atmosphäre zu erzeugen? Wie werden die zentralen Figuren von den verschiedenen Schauspielern interpretiert? Wie wirken sich diese unterschiedlichen Interpretationen darauf aus, wie das Unheimliche des Buches vom geschriebenen Wort zum Film „transportiert“ wird?
Ich werde zunächst beide Filme getrennt voneinander betrachten, und dabei die Art und Weise analysieren, wie das Unheimliche in ihnen dargestellt wird. Dann möchte ich beide miteinander vergleichen, und fragen, was die größten Unterschiede zwischen beiden sind. Beginnen möchte ich mit dem Film aus den dreißiger Jahren.
1. Dracula (USA 1931)[2]
1.1. Inhalt:
Nach einer abenteuerlichen Reise durch die Karpaten, erreicht Renfield (Dwight Frye) Schloss Dracula, um den Transfer der englischen „Carfax Abbey“ in Graf Draculas Besitz zu finalisieren. Renfield wird mehr und mehr von dem sehr hypnotischen Grafen (Bela Lugosi) beeinflusst, der Renfield schließlich zu seinem treuesten Gefolgsmann macht. Gemeinsam reisen sie mit einer Fregatte nach England. Während der Reise verschwindet die Crew auf mysteriöse Art und Weise, als das Schiff in einen englischen Hafen einläuft, findet man nur noch den toten, am Steuerrad festgebundenen Kapitän. Einige Männer öffnen die Tür zum Frachtraum, und treffen auf den nun völlig wahnsinnig gewordenen Renfield. Dieser wird in das Sanatorium von Dr. Seward gebracht, wo er vor allem durch seine ständigen Ausbrüche und seine Fixierung auf Blut auffällt. Außerdem redet er ständig von seinem „Meister“. Dracula wendet sich Mina Harker, Sewards Tochter, und deren Freundin Lucy Weston zu. Dr. Seward geht mit seinem Problem zu dem Spezialisten Abraham van Helsing (Edward van Sloan), welcher herausfindet, dass es sich bei Dracula um einen Vampir handelt (die Szene, in der van Helsing entdeckt, dass der Graf kein Spiegelbild hat, ist für mich eine der besten Darbietungen im ganzen Film). Gemeinsam mit Minas Verlobtem John Harker dringen Dr. Seward und Dr. van Helsing in die Carfax Abbey ein, um Graf Dracula zu töten, und so den Fluch zu brechen.
1.2 Änderungen an der Buchvorlage[3]
Hier muss zunächst einmal angemerkt werden, dass die meisten Änderungen an der Buchvorlage darauf zurückzuführen sind, dass es sich bei diesem Film um keine Verfilmung des Buches von Bram Stoker, sondern um eine des Theaterstückes von Hamilton Deane und John L. Balderston handelt. Es war zwar eine groß angelegte Verfilmung des Romans geplant, allerdings musste man aufgrund der großen Depression etwas zurückstecken, und so begnügte man sich mit einer Verfilmung des Broadwaystückes, mit dem Bela Lugosi als Dracula bereits große Erfolge feierte.
Die größten Veränderungen ergeben sich schon aus den Figurenkonstellationen. Den größten Unterschied macht hier die Figur von Renfield aus. Zunächst einmal ist er es – und nicht Jonathan Harker – den wir auf seiner Reise nach Transsylvanien begleiten. Er nimmt aber, als am Ende von Gewissensbissen geplagter Handlanger Draculas, der versucht, sich gegen seinen Meister zu wehren, und dabei ums Leben kommt, auch in der weiteren Folge ein weitaus wichtigere Rolle ein, als im Buch. Außerdem ergeben sich aus anderen Figurenkonstellationen andere Spannungselemente. So ändert sich Dr. Sewards Motivation den Vampirfürsten zu töten völlig, da die sich in Lebensgefahr befindende Mina hier seine leibliche Tochter ist.
Was mir ebenfalls aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass der sexuelle Aspekt, der im Buch ja durchaus vorhanden ist, hier völlig fehlt. Das ging sogar so weit, dass Universal Studios damals eine Nachricht an Regisseur Tod Browning schickte, mit dem Inhalt, dass die Szene, in der Dracula Renfield attackiert, aufgrund ihres homosexuellen Subtextes nicht gezeigt werden darf. Auch Draculas Dienerinnen werden was das betrifft völlig anders gezeigt, als in anderen Verfilmungen. Im Buch ist die Figur des Grafen die am stärksten sexuell konnotierte Person (das ist eine Tatsache, die es nicht nur bei Dracula, sondern seither auch bei vielen anderen Vampirfilmen und –büchern gibt, spontan fällt mir hierzu John Carpenters „Vampire“ ein).
Zusammenfassend kann man sagen, dass die vielen Abweichungen im Vergleich zum Buch zwar nicht die unheimliche Atmosphäre beeinflussen (wenn man einmal vom wahnsinnigen Renfield absieht), aber natürlich haben die Charaktere oftmals eine andere oder keine offensichtliche Motivation für ihre Handlungen. So wird dem Zuschauer im Falle von Dracula selbst eigentlich ohne Vorwissen aus Stokers Werk nicht klar, wieso er ausgerechnet hinter Mina her ist, da an keiner Stelle seine Vorgeschichte erwähnt wird. So erweckt das Handeln des Grafen den Eindruck, als ob Mina einfach nur das Pech hatte, ihm (Dracula) zur falschen Zeit über den Weg zu laufen.
1.3 Wie wird der Film in Szene gesetzt?
Hier fällt einem die Tatsache, dass es sich eigentlich um ein verfilmtes Theaterstück handelt, am meisten auf. Sehr oft präsentiert der Film dem Zuschauer interessante Szenen nur durch Erzählungen (es mag sein, dass dies auch budgetäre Gründe hatte, da die große Depression ja auch an Universal nicht spurlos vorüberging). Das macht den Film teilweise sehr dialoglastig, da einem auf diese Weise beinahe die gesamte Exposition serviert wird. Das ist teilweise sehr schade, vor allem der erste Besuch des Grafen bei Mina wirkt hier so, als würde man dieses Ereignis nur nebenbei behandeln.
Auf der anderen Seite merkt man aber in einigen Szenen doch die Stummfilmvergangenheit des Regisseurs. Beispielhaft ist hierfür eine Szene im Schloss des Grafen. Draculas Gefährtinnen haben offenbar den zusammengebrochenen Renfield zu ihrem nächsten Opfer auserkoren. Lautlos beugen sie sich schon über ihn, als Graf Dracula die Szene betritt, und ihnen mit einer herrischen Geste, sowie einem gebieterischen Blick zu verstehen gibt, dass Renfield ihm gehöre. Das alles läuft nonverbal, und nur unter dem Einsatz von Blicken und Gesten ab. Daraus entwickelt sich dann eine Atmosphäre unheimlicher Stille, die den Zuschauer gefangen nimmt.
1.4 Inwiefern tragen die Darsteller durch ihre Darbietungen zur Darstellung des Unheimlichen bei?
Da auch die Art und Weise, wie die verschiedenen Schauspieler die von ihnen gespielten Charaktere interpretieren. Beginnen möchte ich mit Bela Lugosi, dessen Gesicht auch heute noch immer wieder mit Graf Dracula assoziiert wird. Lugosi vermittelt durch seine theatralische Gestik und gezielt übertriebenes Schauspiel und vor allem seinen Blick seine exaltierte Version des Grafen. Seine exzentrisch wirkenden Gesten würden zwar heutzutage in einem modernen Film nicht mehr funktionieren, aber in einem Horrorfilm aus den dreißiger Jahren wie diesem, entwickeln sie ihre ganz eigene Wirkung, und tragen so dazu bei, dass die Figur des Grafen eine Art hypnotischer Wirkung entwickelt. Mit Bela Lugosi hat man einen wirklich charismatischen Darsteller gefunden, der den Vampir ein faszinierendes Profil verleiht. Das hat dazu geführt, dass der in der KuK Monarchie Österreich-Ungarn geborene (seine Geburtstadt Lugoj liegt im heutigen Rumänien). Lugosis Interpretation des Grafen ist auch heute noch der Maßstab schlechthin, an dem sich alle späteren Dracula-Darsteller messen mussten und immer noch müssen.
Dwight Frye spielte – wie schon erwähnt – den für Theaterstück und Film stark „veränderten“ Charakter des Renfield (mit „verändert“ meine ich nicht die Grundzüge seines Verhaltens, sondern dass er hier Szenen bekommt, die im Buch nicht vorhanden sind). Hier ist Renfield ein zerrissener Mensch, der dem Grafen zwar ein treuer Diener sein will, dem aber sein Gewissen in die Quere kommt, als er dem Grafen Mina ausliefern soll, und der letztendlich für seinen Verrat mit dem Leben bezahlt. Dwight Frye spielt diesen Charakter mit einer großen Überzeugungskraft. Seine Darstellung des Wahnsinns trägt erheblich dazu bei, den Zuschauer regelrecht in die unheimliche Atmosphäre hinein zu ziehen. Eine beispielhafte Szene hierfür stellt die Überführung des Grafen per Schiff nach England dar, in der Renfield neben dem geschlossenen Srag seines Meisters sitzt, und ihm in einen Monolog ewige Treue schwört. Als das Schiff ohne Mannschaft in den Hafen einläuft, öffnet man die Luke zum Frachtraum. Was sich den das Schiff untersuchenden Männern als Anblick bietet, ist ein vollends dem Wahnsinn verfallener Renfield.
Edward van Sloan spielt Abraham van Helsing, den großen Gegenspieler Graf Draculas. Er ist der einzige, der den hypnotischen Fähigkeiten des Grafen widerstehen kann. Des weiteren sticht er dadurch hervor, dass er der einzige von Draculas Gegenspielern ist, der die Möglichkeit der Existenz eines Vampirs nicht vornherein für unmöglich hält. Er ist der Prototyp eines Wissenschaftlers, der einerseits nur das glaubt was er sieht, aber andererseits offen ist für neue Erkenntnisse. So kristallisiert er sich auch als der Anführer von Minas Befreiern heraus. Edward van Sloan spielt den van Helsing wie einen neugierigen Wissenschaftler, der – von seiner Wissbegierigkeit und dem Wunsch Mina zu retten getrieben – den Kampf gegen Dracula bereitwillig aufnimmt.
Die Darsteller von Mina Seward, John Harker und Lucy Weston (Helen Chandler, David Manners und Frances Dade) kann man bestenfalls als nicht relevant bezeichnen. Helen Chandler spielt eine recht klischeehafte Rolle (ganz im Gegensatz zu Winona Ryder in Coppolas Version, dazu komme ich noch später).
2. „Bram Stokers Dracula“ von Francis Ford Coppola (USA 1993)[4]
Die Verfilmung von Francis Ford Coppola unterscheidet sich in vielen Punkten von Brownings Version, da Coppolas Film dem Buch sehr viel näher steht.
2.1 Inhalt
Jonathan Harker wird von seinem Arbeitgeber beauftragt, ein Immobiliengeschäft mit einem exzentrischen Grafen namens Dracul zu finalisieren. Sein Vorgänger, Renfield, ist leider aus unbekannten Gründen verrückt geworden, und fristet seither sein Dasein in der Anstalt von Dr. Seward. Harker fährt ob der Aussichten auf eine gesicherte Karriere sofort nach Transsylvanien. Dort trifft er auf den ungewöhnlichen Grafen, der auf einem Foto von Harkers Verlobter Mina seine seit hunderten von Jahren tote Frau Elisabeta wieder erkennt. Harker wird fortan auf dem Schloss des Grafen gefangen gehalten. Graf Dracula macht sich, um Jahrzehnte verjüngt, auf den Weg nach England (während der Schifffahrt erfahren wir durch Vorlesungen aus dem Logbuch von mysteriösen Ereignissen, so verschwindet nach und nach die gesamte Crew). In England arrangiert es der Graf so, dass er scheinbar zufällig mit Mina zusammentrifft. Er schafft es, sie für sich zu interessieren, macht sich aber in der Nacht vor dem Zusammentreffen fällt der Graf Minas Freundin Lucy an. Der mit Lucy und ihrem Verlobten Lord Homeward befreundete Dr. Seward ist mit seinem Latein recht schnell am Ende, und ruft den Gelehrten Dr. Abraham van Helsing zu Hilfe. Dieser ist aber leider auch nicht mehr in der Lage, Lucy zu helfen, da diese trotz Bewachung ein zweites Mal von Dracula angegriffen wird. Unterdessen treffen sich Mina und der Graf immer wieder heimlich. So erfährt Mina auch von der Prinzessin, und beginnt sich selbst mit Elisabeta zu identifizieren (die Szene mit dem Absinth bringt hier eine entscheidende Wendung). Allerdings gelingt es Jonathan der Bewachung von Draculas Dirnen zu entfliehen, und irgendwie in ein Kloster zu gelangen. Von dort schicken Mina die Nonnen einen Brief, dass Jonathan sehr krank sei, und sie unverzüglich heiraten möchte. Sie schreibt dem „Prinzen“, wie sie Dracula nennt, einen Abschiedsbrief, der von Dracula natürlich nicht sonderlich erfreut aufgenommen wird. Im Kloster heiratet sie dann den sichtlich geschwächten Jonathan. Zurück in England treffen sie auf van Helsing und die anderen. Sie begeben sich in die Carfax Abbey, und vernichten die Kisten mit Heimaterde, die der Graf benötigt, um darin ruhen zu können. Graf Dracula gelingt aber die Flucht. Er vollzieht mit Mina den „Initiationsritus“, und möchte nach Transsylvanien fliehen. Die anderen folgen ihn, angeführt von van Helsing, der unbedingt Minas Seele retten will, um so sein Versagen bei Lucy (die sie zuvor endgültig getötet haben) wieder gut zu machen. Der Graf scheint aber Minas Gedanken zu lesen, und ist seinen Verfolgern so immer einen Schritt voraus. In einer Nacht kommt es zur Konfrontation zwischen Mina und van Helsing auf der einen, und Draculas Dirnen auf der anderen Seite. Diese endet schließlich so, dass die drei Damen von van Helsing enthauptet werden. Schließlich gelingt es unseren Helden, Graf Dracula kurz vor Sonnenuntergang vor seinem Schloss zum Kampf zu stellen. Quincy gelingt es, seinen Dolch in die Brust zu rammen, aber die Wunde ist noch nicht tief genug. Der Graf rettet sich gemeinsam mit Mina in genau die Kathedrale, in der er einst mit Gott brach. Van Helsing und die anderen folgen ihnen nicht, da sie wissen, dass Mina den Rest alleine erledigen will, und die Häscher laut van Helsing „zu Besessenen Gottes“ geworden sind. Mina stößt in der Kathedrale den Dolch nun endgültig durch Draculas Herz. Mit einem letzten Blick auf das große Kreuz, das die Kathedrale dominiert, findet Dracula endlich seinen Frieden.
2.2 Änderungen an der Buchvorlage
Coppolas Version hält sich wesentlich enger an die Buchvorlage, als das die meisten Verfilmungen tun (bekannt für seine vielfachen Verfälschungen ist beispielsweise der ebenfalls sehr bekannte Film der Hammer-Studios aus den fünfziger Jahren, mit Christopher Lee und Peter Cushing in den Hauptrollen als Graf Dracula und Dr. van Helsing). Sogar der Tatsache, dass Bram Stoker „Dracula“ als Briefroman verfasste, wird in gewisser Art und Weise Rechnung getragen, da man immer wieder wichtige Informationen dadurch erhält, dass man die Charaktere dabei beobachtet, wie sie Tagebucheintragungen und Briefe verfassen (Mina), in ihr Grammophon sprechen (Dr. Seward), usw. Besonders sehenswert ist in dieser Beziehung die Überfahrt des Grafen per Schiff. In dunklen Einstellung sieht man das Schiff durch den Sturm schippern, während dem Zuseher die sich in Sachen Unheimlichkeit immer weiter steigernden Logbucheinträge des Kapitäns vorgelesen werden.
Die größte Änderung betrifft den Schluss des Films, den hier wird Dracula von Mina getötet, was in Stokers Roman nicht der Fall ist. So erhält Draculas Tod eine etwas persönlichere Note, wie ich finde.
2.3 Wie wird der Film in Szene gesetzt?
Hier könnte der Unterschied zu Brownings Film kaum größer sein. Während Tod Browning auch aufgrund seiner Stummfilmvergangenheit auf die Wirkung von langen und stillen Einstellungen setzt, hat man hier teilweise das Gefühl, einen bunten Comic zu sehen, dessen spektakuläre, und oftmals extrem bunte Bilder, mit Höchstgeschwindigkeit am Zuschauer vorbeirauschen. So vergönnt man dem Publikum nur relativ wenige Verschnaufpausen.
Hier hat man auch keine Angst davor, die blutigen Bissattacken des Grafen Dracula und seiner Dirnen zu zeigen. Besonders hervorheben möchte ich hier eine Szene mit Jonathan Harker, der – nachdem er sich im Schloss verirrt hatte – von Draculas Frauen angegriffen wird. In dieser sehr erotischen Szenerie sind mir einige Dinge aufgefallen. Zuerst einmal gibt es hier eine kurze Einstellung als die drei Frauen mit Jonathan in dem fremden Bett liegen, in der man das Spiegelbild des Protagonisten sieht und zwar seines allein, da Vampire ja kein Spiegelbild haben. Da fragt man sich dann schon, wer hier eigentlich derjenige ist, der hier seine, wegen den gesellschaftlichen Vorgaben unterdrückten, sexuellen Phantasien auslebt. Dann werden sie vom Graf vertrieben, bevor sie Jonathan schlimmeres antun können. Als Ersatz präsentiert er ihnen ein entführtes Baby.
Überhaupt wird hier dem sexuellen Aspekt von Stokers Roman größere Bedeutung beigemessen. Ein gutes Beispiel hierfür ist auch der Charakter der Lucy Westenra, und vor zwar vor allem die Szene, in der sie in Trance nach draußen wankt, und von Dracula gebissen wird. Lucy Westenras Charakter macht hier den Eindruck, als wäre sie nur dazu da, Dracula zu befriedigen.
Coppola schreckte also nicht dafür zurück, auch die sexuellen und die brutalen Aspekte von Stokers Werk zu zeigen, ohne dabei den Fehler zu machen, die Bilder allzu reißerisch zu gestalten.
2.4 Inwiefern tragen die Schauspieler zur unheimlichen Atmosphäre bei?
Anfangen möchte ich hier mit Gary Oldman, dem Darsteller des Grafen Dracula. Gary Oldman legt Dracula mehr als tragisch Liebenden aus. Im Unterschied zu dem Film mit Bela Lugosi wissen wir von Anfang an, dass er in Mina Harker eine Wiedergeburt seiner, durch Selbstmord frühzeitig aus dem Leben geschiedenen, Frau Elisabeta wieder erkennt.
Anders als Lugosi hält Gary Oldman sich mit theatralische Gesten weitgehend zurück (einzige Ausnahme sind der Prolog, und die Szene, in der Harker sich im Schloss verirrt). Bewundernswert ist Oldmans Wandlungsfähigkeit, was die verschiedenen Erscheinungsformen des Grafen betrifft. Am besten beschreiben könnte man ihn als eine Mixtur aus Murnaus Graf Orlock (vor allem was die Szenen in seiner monströsen Erscheinungsform betrifft), und den Dracula-Interpretationen von Bela Lugosi und Christopher Lee, die ja beide den Begriff des „Gentleman-Vampirs“ entscheidend geprägt hatten. Es gelingt ihm sehr gut, auch die ältere Erscheinungsform des Grafen mit Leben zu erfüllen.
Anthony Hopkins spielt in dieser Version den Abraham van Hellsing. Kurz nach der Verwicklung van Hellsings in die Handlung kommt es im Film zu einer Schlüsselszene. Dr. Seward diskutiert mit den anderen darüber, wie Dracula es schaffen konnte, trotz schwerster Bewachung, Lucy ein weiteres Mal anzugreifen. Dabei schafft es van Hellsing, die Anwesenden zu hypnotisieren. Van Hellsing hat also hier die gleiche Fähigkeiten wie Dracula, aber er setzt sie ein, um den Menschen zu helfen, und nicht um sie zu töten. Hopkins´ Interpretation von van Hellsing erinnert wohl nicht von ungefähr an Edward van Sloan.
Tom Waits als Renfield hat zwar nicht annähernd so viele Szenen wie Dwight Frye, aber dafür sind seine Auftritte auch aufgrund der Kulisse der geschlossenen Anstalt erinnerungswürdig.
Keanu Reeves leidet als Jonathan Harker unter dem gleichen Nachteil, gegen den beinahe alle Darsteller dieses Charakter ankämpfen müssen: Er wirkt zwischen den beiden „Kämpfern“ Dracula und van Hellsing ein wenig farblos. Die einzige Ausnahme ist die schon erwähnte Szene mit Draculas Huren.
Winona Ryder hat als Mina eine tragendere Rolle als sie Helen Chandler hatte. Hier ist sie auch nicht nur ein Opfer, sie ist durchaus auch in der Lage, selbständig zu handeln. In den Szenen mit Gary Oldman als Graf Dracula schaffen es beide, eine sehr surreale Atmosphäre zu erzeugen, die auf den Zuseher eine starke Wirkung hat. Beispielhaft hierfür ist die Szene, in der Mina Draculas Blut trinkt, die einen Wendepunkt des Filmes darstellt.
3. Die grössten Unterschiede zwischen beiden Filmen[5]
Im folgenden sollen die größten Unterschiede zwischen diesen beiden Verfilmungen behandelt werden. Was mir als erstes aufgefallen ist, ist die Differenz in der „Sprache der gezeigten Bilder“ der Filme. Verwendet Tod Browning öfters lange Einstellungen, die ihre Wirkung auf den Zuschauer erst sehr langsam entfalten (an diesen Szenen merkt – wie bereits erwähnt – die Stummfilmvergangenheit von Tod Browning besonders stark), bevorzugt Coppola schnelle Schnittfolgen, die dem Publikum kaum eine Atempause gönnen. Coppolas Film ist aber auch aus anderen Gründen ein visuelles Erlebnis. Die bunten (meist roten) Bilder sind expressionistisch überladen, und insgesamt sehr unwirklich gehalten, sie wirken, als würden sie den Zuschauer in eine Art Rauschzustand versetzen wollen.
Ein weiterer großer Unterschied liegt in der Darstellung der Hauptcharaktere durch die Schauspieler. Setzte beispielsweise Bela Lugosi noch auf theatrlische Gesten, die heute, wenn man sich den Film ansieht, etwas antiquiert wirken, aber damals den Leuten bestimmt den einen oder anderen Schauer über den Rücken jagten. Ganz anders geht Gary Oldman die Sache an. Im Vergleich zu Lugosi ist er schon beinahe zurückhaltend.
Ein weiterer großer Unterschied zwischen den Filmen ergibt sich daraus, dass der Film mit Lugosi sich an das Theaterstück von Hamilton Deane anlehnt, während Coppola mit seiner Version aber (mit Ausnahme des Endes) aber sehr eng an der Buchvorlage bleibt. Daraus ergeben sich dann natürlich andere Handlungsstränge (die Figur des Renfield, die im Stück eine viel zentralere Rolle einnimmt als im Buch, ist hierfür ein gutes Beispiel).
Dadurch, dass Brownings Film die Verfilmung eines Theaterstückes darstellt, ergibt sich noch ein anderer wichtiger Unterschied. Brownings Spielfilm ist sehr viel mehr dialoggesteuert als der von Coppola, der mehr versucht die Handlung durch gewaltige Bilder zu vermitteln. Kurz zusammengefasst könnte man folgendes sagen: Brownings Film will durch den Dialog dem Zuschauer die Geschichte „erzählen“, Coppolas Version will sie durch die Sprache der symbolträchtigen Bilder „zeigen“.
Was mir ebenfalls bei Coppolas Variante auffiel, war dass man offensichtlich versuchte, der Gattung des Briefromans – was Stokers Werk ja ist – Rechnung zu tragen. Hier sehen wir die verschiedenen Protagonisten öfters dabei, wie sie Briefe oder Tagebucheinträge schreiben, während man uns an ihren Gedanken teilhaben lässt (auch während wir die Überfahrt nach England sehen, werden uns von einem Erzähler die Logbucheinträge des Kapitäns vorgelesen).
Jeder der beiden Filme hat seine Vorzüge. So wird einem der Film von Tod Browning wegen der exzellenten schauspielerischen Leistungen von Dwight Frye und Bela Lugosi noch lange in Erinnerung bleiben. Wenn es aber darum geht, welcher Film als Buchverfilmung zu bevorzugen ist, dann wäre Coppolas Film wohl die bessere Wahl.
Bibliographie
Internet:
http://www.anglistik.uni-muenster.de/Materialien/Dracula/histdrac.htm, zuletzt eingesehen am 23. 2. 2006
http://www.imdb.com/, zuletzt eingesehen am 23. 2. 2006
Bücher:
VOSSEN, Ursula (Hrsg.): „Filmgenres Horrorfilm“, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 2004, S. 61 – 72.
STOKER, Bram: „Dracula“, Gondrom Verlag GmbH, Bindlach 2005
DVDs:
„Bram Stokers Dracula“ von Francis Ford Coppola (USA 1993)
„Dracula“ von Tod Browning (USA 1931)
[1] Vgl hierzu: http://www.anglistik.uni-muenster.de/Materialien/Dracula/histdrac.htm, zuletzt eingesehen am 23. 2. 2006
[2] Alle Angaben zu den Schauspielern des Filmes stammen entweder von den Angaben, die ich dem Abspann des Filmes entnehmen konnte, oder von http://www.imdb.com.
[3] Als Literaturvorlage diente mir folgende Edition von Stokers Buch:
STOKER, Bram: „Dracula“, Gondrom Verlag GmbH, Bindlach 2005
[4] Was die Informationsquellen über die Schauspieler angeht, gilt für diesen Film das gleiche wie für Tod Brownings Verfilmung.
[5] Vgl: VOSSEN, Ursula (Hrsg.): „Filmgenres Horrorfilm“, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 2004, S. 61 – 72.
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