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Scholary Paper (Seminar), 2003, 14 Pages
Author: Mike Schumacher
Subject: Communications: Miscellaneous
Details
Institution/College: University of Weimar
Tags: Abhandlung, Widmer, Schreckliche, Verwirrung, Guiseppe, Verdi, Preislied, Radio-Kunstpreise, Wandel
Year: 2003
Pages: 14
Grade: 2,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-09096-9
File size: 68 KB
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Fulltext (computer-generated)
Mike Schumacher
Bauhaus-Universität Weimar
14. März 2003
WS 2002/03
Seminararbeit für das Seminar:
Preislied.
Radio-Kunstpreise im Wandel
Abhandlung über
„Die Schreckliche Verwirrung des Guiseppe Verdi“
von
Urs Widmer
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Durchführung. 4
2.1. Hauptproblematik. 4
2.2. Versinnbildlichung Verdis. 7
2.3. Musikalischer Untersuchungsansatz. 8
2.4. Arte Povera. 9
3. Schluss. 10
4. Literaturverzeichnis. 12
1. Einleitung
„Die schreckliche Verwirrung des Giuseppe Verdi“ erzählt die Geschichte eines Komponisten heutiger Tage, der aufgrund seiner fortschreitenden Schizophrenie, zunehmend mit geistlicher Entfremdung seiner Umwelt begegnet.
Anhand der komplex aufgebauten Geschichte des Stückes in drei Ebenen möchte ich nachweisen, wie Urs Widmer auf geniale Art und Weise dem Hörer das Krankheitsbild Schizophrenie näher bringt und seinen Helden unbemerkt tiefer und tiefer entgleiten lässt in die Dualität von Realität und Schein. Wichtig erscheint mir der ungebrochene Bezug zu unserer gegenwärtigen Zeit. Zwischen 1 bis 10 Prozent der Bevölkerung leiden an Schizophrenie. Dies ist demnach keine Randgruppe. Mein Untersuchungsansatz liegt infolgedessen darin, wie konfrontiert Urs Widmer den unvorbereiteten Hörer mit dieser Krankheit.
Wie wird die Hauptperson des Stückes in unserer Gesellschaft eingefügt.
Und wie interagiert das Individuum mit seinem Lebensraum. Diese Fragen möchte ich näher beleuchten und zum zentralen Punkt (2.1.) dieser Arbeit machen.
Warum gerade auf Giuseppe Verdi eine zentrale Rolle im Stück entfällt, welche Versinnbildlichung durch diese Personifizierung stattfindet und ob Urs Widmer möglicherweise eine Antwort auf die Schizophrenien unserer Zeit gibt, wird in (2.2.) näher beleuchtet.
Ein weiterer wichtiger Untersuchungsansatz meiner Arbeit soll sich mit der musikalischen Natur des Stückes beschäftigen, da diese untrennbar mit dem Inhalt des Stückes verwoben zu sein scheint.
Urs Widmer und Peter Zwetkoff wurden für ihr Stück 1974 mit dem Karl-Scuka-Preis ausgezeichnet, welcher für „die beste radiophonisch gestaltete Produktion eines Hörspiels“ vergeben wurde (2.3.).
Zuletzt möchte ich einen Zusammenhang zwischen diesem Stück und der Bewegung der „Arte Povera“ herstellen, welche in die legendäre Zeit der 68-er einzuordnen ist (2.4.)
2. Durchführung
2.1. Hauptproblematik
Die Hauptperson des Stückes ist ein Mann namens Helmut. Er wird dem Hörer als opernschreibender Komponist vorgestellt, der aber bisher nur von mäßigem Erfolg gesegnet ist. Seine neuste Oper lässt sich wie folgt beschreiben. „Der Inhalt meiner Oper ist [...] Giuseppe Verdi will eine Oper schreiben. Er denkt in meiner Oper, dass in seiner, ein toller wilder italienischer Landarbeiter vorkommt, der flammende Arien zu den anderen unterdrückten Landarbeitern spricht.“ (5)
In diesem Zitat spiegeln sich bereits zwei von drei Handlungsebenen des Stückes wieder. Die dritte stellt das Leben von Helmut an sich dar, welche die eigentliche „Haupthandlungsebene“ repräsentiert.
Anhand drei verschiedener Sprecherstimmen ist es halbwegs möglich, dem ständig wechselnden Geschehen zu folgen. Helmut, persönlich gesprochen von Urs Widmer, offenbart dem gespannten Zuhörer sein Leben, seine Umwelt, seine Träume und Phantasien. „Durch den Schleier vor meinen Augen ...“ (5) berichtet er schon frühzeitig von seinem veränderten Realitätsbewusstsein. Die Liebesgeschichte des bäuerlichen Nabuccos mit der aristokratischen Violetta, eingebettet in die revolutionäre Phase des Unabhängigkeitskampfes Italiens um 1850, bilden die Eckpfeiler der zwei weiteren Ebenen, deren Bedeutungsinhalte den Charakter von Traumnovellen und Tagesphantasien haben, die den Komponisten während seiner Arbeit begleiten. Gesprochen werden Helmuts exzessive Träumerein von den zwei weiteren weiblichen Sprechern des Stückes. So durchlebt Helmut die Rolle des Verdis im Italien des 19.Jahrhunderts, die Zeit, in welcher der reale Verdi lebte. Aufgrund zunehmend mangelnder Differenzierbarkeit vermischen sich die Welten für Helmut mehr und mehr.
Schon zu Beginn erfährt der Zuhörer von den bewundernden Gedanken Helmuts für Guiseppe Verdi. „Giuseppe Verdi ist [...] schon ein Kerl gewesen, Weisgott. Er hat Arien geschrieben, Chöre , Ouvertüren ...“ (5) Hingegen muss Helmut sein Dasein mit dem Komponieren von Vertragsopern fristen, die zudem nicht richtig abgerechnet werden. Schlimmer noch „Ein Held sollte man sein mit einem Ross und einem Spieß. Da komponiert man und komponiert man und am ersten steht der Hausbesitzer unter der Tür und will doppelt so viel Miete. Das war zu Giuseppe Verdis Zeiten, schreie ich, ganz, ganz anders.“ (5) Helmut scheint auch außerordentlich von monetären Nöten geplagt zu sein, was, wie ich denke, einen weiteren Schub der Realitätsentfremdung bewirkt. Halbe Verschwörungstheorien machen sich in Helmuts Gedankenwelt bemerkbar, welche zugunsten von Phantastereien verdrängt werden. Unablässig träumt Helmut von großen bedeutungsvollen Werken, die er verfassen möchte, solche, die ihn mit Respekt und Ruhm huldigen, solche, die ihn als „Maestro“ erscheinen lassen.
„Ich schreibe ununterbrochen an meiner Oper ...“ oder „Ich atme heftig.“ oder „... ich esse nur noch wenig [...]“(5) verdeutlichen, dass Helmut wie ein Besessner an seiner Oper schreibt, korrigiert und verändert, denn sein großes Vorbild tat dies dito. Mit Voranschreiten der Geschichte vernimmt der Hörer Helmuts steigende manische Begeisterung für seinen Maestro. Eine genaue Beschreibung des Erscheinungsbildes Verdis erhält der Hörer in folgendem Auszug: „Giuseppe Verdi [..] saß auch als steinalter Mann mit seinem eisgrauen Bart, seinem Vatermörder seinem Gehrock und seinen schwarzen Lackschuhen [...] aufrecht in der Loge der Scala.“(5) Diese Beschreibung ist sehr wichtig, denn sie ist wesensgleich, mit einer anderen Beschreibung am Ende des Stückes. Darauf werde ich später noch genauer eingehen.
An dieser Stelle erscheint eine genauere Definition von Schizophrenie angebracht. „Oberbegriff für verschiedene Formen einer schweren psychischen Erkrankung, die mit Veränderungen des Denkens, Fühlens und Verhaltens einhergeht. Ein Hauptmerkmal dieser Störung ist ein tief greifender Realitätsverlust. Die Gedanken und Gefühle des Schizophrenen weisen keinen logischen Zusammenhang auf. Durch eine übersteigerte Wahrnehmungsfähigkeit können sich Wahnvorstellungen und Sinnestäuschungen (Halluzinationen) entwickeln.“ (1)
Anhand vieler kleinerer Episoden spiegelt Urs Widmer die fortlaufende Vertiefung Helmuts in die Welt der Schizophrenie wieder, die akribisch genaue Konstruktion eines Phantastikums. Sei es das Kennerlernen Violettas, ihre mitternächtlichen Ausritte bei Nacht auf Ihrem Besen, ihrem Kaffee, der zusehends nach Arsen, Pech und Schwefel schmeckt oder auch die Geschichte von Giovanni Batista Oberdan, der sich via Walkie Talkie mit seinen Verbündeten unterhält, um einen Anschlag auf den Kaiser durchzuführen, erscheinen dem Zuhörer zunehmend unnormal. Ein Kaffeetrinken mit dem österreichischen Kaiser, der eine ganze Sachertorte allein verschlingt, erscheint ebenfalls abstrus. Sie alle reflektieren jedoch nur den Wunsch nach Anerkennung im realen Leben, die ihm aber nicht wiederfährt. So verfällt Helmut tiefer und tiefer in seine Wahnvorstellungen. Eines Tages beschließt Helmut, aufgrund mangelnder Anerkennung, Graziano Rossini aufzusuchen, welcher seine Oper begutachten soll. Nachdem er schmachvoll abgewiesen wird, ersinnt er einen genialen Plan, um die Aufmerksamkeit Rossinis dennoch auf sich zu lenken. Bei einem Empfang ist er auf einmal eine junge begehrenswerte Frau, für die sich der alte Rossini begeistern kann. Helmut bedarf so sehr der Aufmerksamkeit, dass er sich die Zuneigung Rossinis mit körperlicher Liebe sichert. „Endlich, Endlich...“ (5) stöhnt Helmut, er hat seine Absicht verwirklicht, eine Zwischenetappe ist gewonnen, einen kleinen Schub fragwürdiger Anerkennung erfährt Helmut durch die Zuneigung Rossinis. Einige weitere Episoden folgen. Helmuts realer Kosmos wird immer unschärfer. Als er sich mit Violetta eines Tages unterhält, antwortet ihm jene plötzlich „ Ja, Giuseppe.“ (5) Auch für seine Umwelt verändert sich das Bild Helmuts. Seine Veränderung werden wahrgenommen und akzeptiert, obgleich dies spielerisch erfolgt, wahrscheinlich sogar ohne dem Bewusstsein der Krankheit Helmuts. Sein fehlender Realitätsbezug intensiviert sich womöglich auch aufgrund mangelnder Anerkennung, Mitmenschlichkeit, Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe.
Sein Zustand verschlimmert sich von Tag zu Tag. Helmut versucht dies zu kompensieren, indem er sich mehr und mehr in die Arbeit stürzt -fraglich bleibt, ob dies der richtige Weg ist.
Eines Tages, nachdem ihm bewusst geworden ist, dass er nicht zurück zu Violetta will, außerdem riecht es seit neustem so süßlich in ihrer Wohnung, nimmt er den nächsten Zug und will zurück zu seiner wahren Geliebten Sonja. In der Heimat angekommen, muss er sich von der Nachbarin berichten lassen, dass sie gestorben sei. „Wie sehen sie denn aus, ruft die Nachbarsfrau? Ich stürze zum Spiegel und da sehe ich selber, wie ich aussehe. Ich sehe, dass ich tatsächlich einen würdigen eisgrauen Bart, einen Zylinder, einen Vatermörder, einen Gehrock, eine Uhrenkette, einen Stock mit einem Elfenbeinknauf und schwarze Lackschuhe trage. Ich sehe in meine offnen Mund, der sucht. Singend schreite ich die Treppe hinunter, den Spuren des Begräbniszuges meiner Geliebten nach. Ich stehe am offenen Grab, der Pfarrer sieht mich an. In meinem Kopf bildet sich langsam der Plan zu einer neuen Oper.“ (5) Die Metamorphose ist nun vollzogen, sie ist für jedermann sichtbar, das Stück erreicht seinen dramatischen Höhepunkt. Helmut ist Verdi. Die Beschreibung des Herrn Verdi zu Beginn und die, des Helmuts zum Finale des Stückes, sind identisch. Er scheint darüber weder verwundert noch schockiert zu sein, er hat ja die ganze Zeit daraufhin zugearbeitet. Selbst am Grabe überkommt ihn nicht die Trauer, sondern der Gedanke an die nächste Oper reift in seinem Kopf. Alle drei weiblichen Hauptdarsteller sterben in Widmers Stück. So scheint Helmut mit dem Tod seiner Geliebten nicht derart von Trauer heimgesucht zu sein, im Gegenteil, er verspürt neuen Tatendrang.
2.2. Versinnbildlichung Verdis
Einstimmend auf die Fragestellung dieses Abschnittes möchte ich folgenden Auszug aus der „Bhagavadgita“ aus dem „Yoga des Handelns“, Shloka 8 zitieren. „Erfülle die dir auferlegten Pflichten ,denn Handeln ist dem Nichthandeln überlegen. Ohne tätig zu sein, könntest du nicht einmal deinen Körper am Leben erhalten.“ [2] Diese Gedanken sind von fundamentaler Natur und stellen für mich die Einleitung dar, warum Urs Widmer Giuseppe Verdi als ein zentrales Thema in seinem Stück wählte. Verdi war ein Mann mit einem ungeheurem Arbeitspensum. Er war ein unermüdlicher Kämpfer, der auch nach Rückschlägen, besonders dem Tod seiner Frau und der beiden Kinder, beharrlich weiter arbeitete. Er hinterlässt eine große Anzahl an Opern, Ouvertüren und Requiems. Er war rege beteiligt bei der Einigung Italiens, weilte als Abgeordneter im Regionalparlament von Parma, besaß ein Landgut, dass er auch zu bewirtschaften verstand und war rege engagiert bei Sozialprojekten für mittellose Künstler. Helmut ähnelt Verdi darin, sich in die Arbeit zu vertiefen, seine eignen Bedürfnisse herunterschrauben mit dem Ziel, es zur Meisterschaft zu bringen. Er ist vernarrt in seinen Beruf und wahrscheinlich ist es der einzige, den er ausführen könnte. Möglicherweise unterscheidet sich Helmuts Schizophrenie gar nicht so sehr von den unsrigen, vielleicht sind wir ja alle ein bisschen der „Helmut“?
Das Bild Verdis arbeitsreichen Lebens ist eine gelungene Metapher für geistige Kreativität und Dynamik und ist scheinbar ein Jungbrunnen für den Menschen. Sein hohes Alter spräche dafür. Helmuts Welt ist davon geprägt, sich in den Sphären der Musik zu bewegen, mit dem Wunsch sie für die Ewigkeit auf Papier zu bannen. Ein anderes Sein scheint für Helmut unmöglich. Die Motivation und die geistige Haltung mit der wir etwas tun, sollte bei jeder Handlung im Vordergrund stehen. So ist Helmuts Antrieb, Grosses zu leisten, nur löblich zu bewerten.
2.3. Musikalischer Untersuchungsansatz
Urs Widmer gelang mit seinem Stück ein meisterhaftes Hörspiel. Einerseits unterläuft er traditionelle realistische Erzählweisen durch ein Verknüpfen von Realität und Fiktion, andererseits gelang ihm und Peter Zwetkoff ein einzigartiger Entwurf eines Hörspielklassikers. Die teilweise anstrengende Komplexität des Stückes wird angenehm entschärft, durch die drei Sprecherstimmen, denen man mit zunehmender Spieldauer beginnt, Vertrauen zu schenken. Helmuts meist manisch verbissen geführten Monologen sind mit Hintergrundgeräuschen belastet, die zu Beginn fast gar nicht wahrnehmbar sind, zum Ende hin die Stimme Urs Widmers fast vollständig verdecken, sodass der Hörer nur unter größter Anstrengung dem Geschehen folgen kann. Es sind typische Stadtgeräusche wie Verkehrslärm oder Baukrach.
Diese Passagen werden immer wieder unterbrochen von der hymnischen Melodie „Va, pensiero, sull’ ali dorate“ und den darauffolgenden weiblichen Stimmen entweder mit italienischen oder französischen Akzent. Sie erzählen, wie bereits erwähnt, von der Liebesgeschichte des Nabuccos mit der schönen Violetta und von der revolutionären Vorphase des Umbruchs in Italien und fungieren gleichzeitig, entgegen der sich beschleunigenden Dramatik der Geschichte, als retardierendes Element.
Die Melodie des Freiheitschors ist aus der Oper „Nabucco“ von Giuseppe Verdi bekannt. Nur kommt in Widmers Stück, „ [...] dessen Musik ärmlich, unprofessionell, dilettantisch und gerade dadurch schön sein soll.“ (Urs Widmer) kein Opernorchester vor, sondern Instrumente einfacher Leute. Dem Risiko, dass der Hörer dem Stück nicht folgen kann, begegnet der Autor einerseits mit der vertraute Melodie des Gefangenchors aus „Nabucco“, welche periodisch wiederkehrt und somit eine Orientierungshilfe darstellt, andererseits die allmähliche Verbreiterung des Tonvolumens durch neues, verfremdetes Instrumentarium. Beginnend mit einer Mundharmonika, später einem Kamm mit Seidenpapier oder eine Maultrommel und Pfeifen vereinen sich diese Tonwerkzeuge zu einer auch immer lauter werdenden Kulisse, unvollendet synchron agierender Beteiligter.
Häufig drängt sich dem Hörer bei den Passsagen, welche von den Frauen gesprochen werden, der Eindruck auf, dass es sich um einen melodramatischen Sprechgesang handle. Sobald aber der Hörer sich auf diese Passagen eingestellt hat, erfolgt der Wechsel zu denen von Widmer gesprochenen Passagen. Wieder setzt der Lärm ein, der als kalkulierter Störfaktor den fortlaufenden Ich-Zerfall Helmuts versinnbildlicht. Diese akustische Beeinträchtigung erzwingt höchste Aufmerksamkeit des Hörers.
Unaufhaltsam wie ein Komet, der die Bahn der Erdekreuzt, steuert das Stück auch musikalisch auf einen Höhepunkt zu. Dieser ist erreicht, als Helmut eines Morgens erkennt „Endlich wach ich auf mit dem Gedanken, dass ich Giuseppe Verdi bin“. Just in diesem Augenblick werden auch die Ebenen miteinander verknüpft. Der Gefangenenchor vereinigt sich mit dem Straßenlärm, erst zart, dann selbstbewusst lauter werdend. Sie bilden eine musikalische Einheit, die jene geistige Halluzination Helmuts verstärken und sein Realitätsbewusstsein erneuern und umformen. Die Komplettierung seiner Vorstellungen hat nun ein Höchstmaß an Befriedigung erreicht und ist somit abgeschlossen.
2.4. Arte Povera
In Zusammenhang mit dem Entstehungsdatum dieses Stückes ist ein Blick auf die Strömungen und Tendenzen Europas dieser Zeit ratsam. Stichwort hierzu soll die Bewegung der „Arte Povera“ sein, eine Gruppe von italienischen Künstlern, die in der legendären 68er Zeit für sich beanspruchte, radikal die Mechanismen des Kunstbetriebes zu verändern. „Arte Povera“ bedeutet übersetzt „Arme Kunst“ und wurde von dem italienischen Kritiker Germano Celant geprägt. Eine Reihe junger Künstler in Turin, Mailand und Rom beschäftigten sich damals unabhängig voneinander mit dieser Ausdrucksform. In kritischer Haltung gegenüber dem herkömmlichen, geschlossenen Werkbegriff und dem etablierten Kunstbetrieb, wollten die Künstler ihre Werke in der Realität verankern. Im Gegensatz zu den in den USA entstandenen Strömungen der Pop Art oder Minimal Art ist diese angestrebte Präsenz in den neuen Werken nicht geschichtslos, sondern bindet sich in Zitaten und Metaphern bewusst an ein italienisch-europäisches Kulturerbe.
Die Werke der Arte Povera bilden die Welt nicht ab, sondern erschaffen sie in poetischen Erzählungen und unerwarteten Konstellationen immer wieder neu. Die Künstler benutzen die Unmittelbarkeit und Unkalkulierbarkeit, die vermeintliche " Ärmlichkeit" der Materialien aus Natur und Leben, um Werke zu schaffen, die offen und veränderlich bleiben. Das Spiel mit der Prozesshaftigkeit, mit der Fragilität und der Flüchtigkeit elementarer Stoffe verbindet sich in diesen Werken ganz selbstverständlich mit Errungenschaften der Zivilisation. Der Überblick über Werke der „Arte Povera“ zeigt, dass diese Kunstströmung zu einer klassischen Avantgardebewegung der Kunst der sogenannten " zweiten Moderne" nach 1960 geworden ist. Für die Kunst von heute liefert sie immer noch wesentliche Impulse in der Beschäftigung mit den Grenzen und fließenden Übergängen von Kunst und Leben. Zweifelsohne lassen sich Charakteristika dieser Strömung auch bei Widmers Stück erkennen. Dazu abschließend ein Zitat von Urs Widmer „Das Stück ist ein mehrfacher Versuch: einmal der, eine Art Musikstück zu schreiben, dessen Musik ärmlich, unprofessionell, dilettantisch und gerade dadurch `schön′ sein soll. Dann erinnert es - ich verwende musikalisches und inhaltliches Material aus Verdis `Nabucco′ - an die schöne Ungebrochenheit des Revolutionspathos′ dieser Oper. Nur, mein Stück von 1974 ist nicht mehr ungebrochen... Das Hörspiel ist also auch eine `Künstlergeschichte′, sie handelt von der Veränderbarkeit der Welt durch Kunst. Aber der Verdi, der Held dieses Stückes ist, verliert mehr und mehr den Bezug zu seiner Realität, er ist, eingesponnen in seiner Opernwelt, fast so etwas wie ein Verrückter."
3. Schluss
Der Tod eines nahestehenden Freundes oder Verwanden ist für die meisten Menschen eine Begegnung mit dem Schicksal. Helmut meistert diese im besonderen Maße. Das Leben geht für ihn weiter. Er verarbeitet möglicherweise den Tod, durch Komponieren einer neuen Oper. Ist es seine Verklärung, mit der wir ihn aus unserer Perspektive betrachten, oder hat dieser Mensch eine besondere Gabe, mit der er uns weit überlegen ist?
Möglicherweise sind ja all diejenigen, die schon waren, immer noch in unserer Nähe, nur können wir sie nicht wahrnehmen. Dies erinnert mich an die Fragestellungen der Aufklärung mit der sich schon Immanuel Kant beschäftigte.
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen.
Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (4)
Man kann Helmut nicht vorwerfen, sich seines eigenen Verstandes nicht bemächtigt zu haben. Ein Künstler vergangener Zeiten hatte es eben so schwer, wie einer unserer Tage. Ist es nicht die Mischung aus Träumereien, Fantasien, Irrealismus, Weltentfremdung oder Irrsinn - in unseren Augen – die gestern wie heute eine künstlerische Persönlichkeit auszeichnet? Der Wille, die Überzeugung und der Drang etwas einzigartiges zu schaffen, das Genie das unweit vom Wahnsinn verweilt, sind Antriebsaggregate, die Menschen zu außergewöhnlichen Leistungen vorantreiben. So ordnet sich auch Helmut für mich in den Kreis jener ein. Nicht der Sieg zählt, sondern der Versuch den Sieg zu erringen. Beharrlichkeit in seinem Bemühen zeigen, mit Gleichmut die Erfolge und die Rückschläge meistern, das zeichnet unter anderen einen strebsamen und frommen Menschen aus.
Gewiss ist, dass Helmut niemanden mit seiner Form des Seins belästigt. Es ist aber möglich, dass einige sich durch seine Art vernachlässigt oder gekränkt fühlen, aber das kann bei jedem anderen „gesunden “Menschen auch passieren. Jeder Mensch braucht eine Aufgabe, einen Sinn, dem er folgen kann. Helmut hat seine Intension auf Erden gefunden. Er ist Komponist und hat damit wahrscheinlich schon mehr über sich herausgefunden, als manch einer je auf seinem Weg herausfinden wird.
Wir wissen nicht, wenn wir auf der Strasse den Vorbeilaufenden hinter uns lassen, was für ein Mensch er ist. Und das ist meist auch gut so, da wir nicht von jedem alles wissen wollen.
Urs Widmer hat mit Bedacht und Vorsicht, mit Witz und Einfühlvermögen uns die Welt eines geistig verwirrten Menschen näher gebracht. Vielleicht hat manch einer ähnliche Gedankenwelten und ist nachdem Hören verwundert – „Aha dass also soll Schizophrenie sein?“ Ein anderer wird gar nichts bemerken, weil ihm die diffizilen Unterschiede gar nicht geläufig sind. Wiederrum der nächste wird mit dem Stück gar nichts anfangen können, weil es ihm unmöglich ist, diese Gedanken und Handlungssprünge nachzuvollziehen.
Dennoch, eine Geschichte wie diese in einem solchen Kontext ist eine Meisterleistung, die preisverdächtig erscheint. Und so kann ich den Juroren des Karl-Scuka-Preis nur beipflichten.
4. Literaturverzeichnis
4.1. Bücher
[1] Akustische Spielformen : von der Hoerspielmusik zur Radiokunst
der Karl-Sczuka-Preis 1955-1999 / Hermann Naber, Heinrich Vormweg,
Hans Burkhard Schlichting
Baden-Baden : Nomos Verlagsgesellschaft, 2000
ISBN:3-7890-6811-X
[2] Bhagavadgita, der göttliche Gesang
Verlag Sathya Sai Vereinigung
ISBN3-932957-08-3
[3] Methoden und Praxis der Filmanalyse
Becker
Semesterapparat Fakultät Medien : Preislied
Signatur: Lf 1100/11
4.2. Internetlinks und Audiolinks
http://www.wissen.de/xt/default.do?MENUNAME=Suche& query=Schizophrenie
http://www.kunsthalle.nuernberg.de/ausstellung/1997/artepovera/artepovera.htm
http://www.nachrichtenkunst.de/Autorenarchiv/Povera.htm
http://www.ni.schule.de/~pohl/literatur/material/kant-aufkl.htm
Zitate aus dem Stück „Die Schreckliche Verwirrung des Guiseppe Verdi“ von Urs Widmer (1974)
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