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Hauptseminararbeit, 2002, 34 Seiten
Autor: Christian Schwießelmann
Fach: Ethnologie / Volkskunde
Details
Institution/Hochschule: Universität Rostock (Institut für Volkskunde (Wossidlo-Archiv))
Tags: Richard Wossidlo
Jahr: 2002
Seiten: 34
Note: sehr gut
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-17363-6
ISBN (Buch): 978-3-638-69822-1
Dateigröße: 373 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Die Hauptseminararbeit widmet sich in erster Linie der Entstehung der mecklenburgischen Volkskunde Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Warener Gymnasiallehrer Richard Wossidlo gilt als Nestor seines Fachs in Mecklenburg. Seine Sammeltätigkeit auf der Grundlage einer modernen, wissenschaftlichen Sammeltechnik führte zu einer ungemeinen Dichte von Volksüberlieferungen aus einer Region. Sie basierte auf der Zusammenarbeit mit Beiträgern vor Ort. Die Arbeit macht dies am Beispiel der mecklenburgischen Kleinstadt Laage deutlich. Hier waren die bedeutsamsten Beiträger und Korrespondenten Wossidlos der Pastor und Schriftsteller Carl Beyer sowie der Bürgermeister und Heimatdichter Fritz Kähler. Ihnen und ihren weniger bedeutenden Gefährten ist der Hauptteil dieser Arbeit gewidmet.
Textauszug (computergeneriert)
Auf den Spuren Richard Wossidlos
Volkskundliche Sammlung am Beispiel
der mecklenburgischen Kleinstadt Laage
um die Jahrhundertwende und später
vorgelegt von Christian Schwießelmann
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung – Sammeltechnik Richard Wossidlos oder:
Wie Mecklenburg volkskundlich erschlossen wurde S. 3
2. Volkskundliche Beiträge und Sammler aus Laage S. 10
2.1 Beiträge aus Laage und Umgebung vor Wossidlo S. 12
2.2 Beiträge aus Laage in Wossidlos
Mecklenburgischen Volksüberlieferungen S. 13
2.3 Laager Bürger als Mitarbeiter und Beiträger Wossidlos S. 15
2.3.1 Pastor und Schriftsteller – Carl Beyer S. 18
2.3.2 Bürgermeister und Heimatdichter – Fritz Kähler S. 20
2.4 Laager Vereine zur Volks- und Brauchtumspflege als
Nutznießer volkskundlicher Beiträge und Sammler S. 24
3. Schluß – Auf den Spuren Richard Wossidlos in Laage S. 27
4. Literatur S. 28
1. Einleitung – Sammeltechnik Richard Wossidlos oder:
Wie Mecklenburg volkskundlich erschlossen wurde
Über Leben und Werk Richard Wossidlos (1859-1939) braucht man eigentlich kein Wort mehr zu verlieren. Längst ist der „Volksprofessor“ auch außerhalb der esoterischen Grenzen des volkskundlichen Wissenschaftsbetriebes zur „Symbolgestalt für Mecklenburg“ (NEUMANN 1996, S. 20) geworden. Die Literatur über den Forscher und Sammler, der die (mecklenburgische) Volkskunde als wissenschaftliche Disziplin gewissermaßen zu inaugurieren half, steigt ins Unermeßliche; sein Nachlaß bildet den Grundstock des Wossidlo- Archivs, dem jetzigen Institut für Volkskunde in Mecklenburg-Vorpommern, das 1999 in die Universität Rostock vollintegriert wurde.1 Dank der volkskundlichen Forschung der Wossidlo-Forschungsstelle, die 1954 eröffnet wurde und der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin angegliedert war (vgl. NEUMANN 1997, S. 8ff), bietet sich dem Betrachter das Werk Wossidlos selbst überschaubarer dar. Wie bei den hinterlassenen 1,5 bis 2 Mio. Zetteln, die die berühmte Zettelwand bilden und auf die der Warener Oberlehrer die gesamten mecklenburgischen Volksüberlieferungen zu bannen suchte, begannen hier die Erschließungsarbeiten zügig. Zum 100. Geburtstag Wossidlos 1959 erschien im Deutschen Jahrbuch für Volkskunde eine noch heute gültige Bibliographie (siehe BENTZIEN 1959, S. 153ff).2 Ihr lassen sich die wichtigsten Quellen und Selbstauskünfte Richard Wossidlos zu seiner Sammeltätigkeit entnehmen.
Ein Jahr später, 1960, veröffentlichte Paul Beckmann ebenfalls im Jahrbuch eine kurze, würdigende Darstellung des Lebenswerkes des Sammlers, die die bisher einzige, freilich unkritisch überhöhende Biographie Wossidlos aus der Feder Karl Gratopps ergänzt. Darin geht der erste Leiter der Wossidlo-Archivs nicht nur auf die Bedingungen mecklenburgischer Volksüberlieferungen ein, sondern systematisiert Wossidlos Sammlungen nach ihrem Inhalt. Sie bestehen aus:
„1. aus dem Sprachgut. In hingebender Arbeit hat Richard Wossidlo aus seinen Gesamtdarstellungen das Wörterbuchmaterial ausgezogen, das heute durch H. Teuchert vom Germanistischen und Philologischen her (Wossidlo war kein Germanist) in vorbildlicher Weise herausgegeben wird. 2. aus sachlichem Volksgut. Es wird liebevoll betreut und ständig erweitert im Volkskundemuseum in Schwerin. 3. aus Material zu Brauchtum, Kulturgeschichte, Lied, Tanz und Erzählgut“ (BECKMANN 1960, S. 10).
Als Gründe, warum Mecklenburg zu Wossidlos Lebzeiten ein so reiches und abgeschlossenes Sammelgebiet war, benennt er die politische, soziale und ökonomische Rückständigkeit, geringe Bevölkerungszahlen, schlechte Verkehrsanbindungen und inselartige Siedlungsstrukturen (Gutshöfe), die eine starke Traditionsbindung und eine Bewahrung gerade der mündlichen Überlieferung im Landvolk begünstigten. Die Verwurzelung alter Sagen, Gebräuche und die Relikte des Volksglaubens besonders auf dem Lande sind teilweise mit der geringen Mobilität und der dörflich-inzestuösen Lebensweise zu erklären, die durch die Flüchtlings- und Vertriebenenströme aus Ostdeutschland im Gefolge des Zweiten Weltkrieges und die Modernisierungsbestrebungen in der DDR-Landwirtschaft ein jähes Ende fand. Daß zwischen einer guten Überlieferungssituation und einer intakten Dorfgemeinschaft eine Korrelation besteht, fiel dem Sammler Wossidlo bereits 1928 ins Auge: „Von den schönen alten Bräuchen (gemeint sind die Hochzeitsbräuche, C.S.)3 ist ein sehr großer Teil heute verschwunden. Die alte Dorfgemeinschaft, die sie lebendig hielt, ward schon vor etwa dreißig Jahren durch den Zuzug der fremdsprachigen Schnitter zerstört“ (WOSSIDLO 1928, S. 144).
Dementsprechend verwundert es kaum, daß er den Bemühungen der Aufsiedlung Mecklenburgs zu Zeiten der Weimarer Republik und insbesondere im Nationalsozialismus kritisch oder gar ablehnend gegenüberstand, weil er die Gefahr wahrnahm, die der „altheimischen Sitte“ (ebenda) daraus erwuchs. Die Sammeltätigkeit Richard Wossidlos begann 1884. Damals hatte der Sohn eines Rittergutsbesitzers und ambitionierte Student der Klassischen Philologie und Archäologie eine existentielle Krise zu bewältigen. Nachdem er an einer Dissertation über die Aristides-Scholien schlichtweg verzweifelt war, bestand er im Juni 1883 die Oberlehrerprüfung für Griechisch und Latein. Dennoch schien sein Promotionsversuch nicht vergebens, hatte er sich dabei doch im Umgang und Aufbau eines Archivsystems mittels Zettel geschult, das später durch genaue
Rubriken unterteilt und verfeinert zu den über 1000 Holzkästen des Wossidlo- Archivs führte. Das Schlüsselerlebnis zur Aufnahme seiner Sammeltätigkeit hat Richard Wossidlo 1928/1929 im Quickborn unter dem Titel Aus den Anfängen meiner Sammeltätigkeit geschildert. 1884, noch bevor er sein Probejahr als Gymnasiallehrer in Wismar absolvierte, hielt er sich in Körkwitz bei Ribnitz, dem Pachtgut seines Onkels Burmeister, auf. Dort traf Wossidlo auf den alten Vadder Anders und seine erwachsenen Kinder; jedes Familienmitglied wußte verschiedene (partiell christlich motivierte) mythische Erklärungen zu ein und demselben Naturphänomen (braune Flecken auf einem Rohrblatt bzw. die Zitterpappel) zu geben. Wossidlos Gutsaufenthalt kam einer Initialzündung gleich:
[...]
1 Angesichts der Schwierigkeiten bei der Einführung eines Studienganges Volkskunde/Europäische Ethnologie scheint dieser Prozeß noch nicht abgeschlossen. Außerdem sind wichtige Fragen zur zukünftigen Raum- und Personalausstattung immer noch unbeantwortet. Auf die chronische Finanznot der Universitäten M-Vs braucht in diesem Zusammenhang nicht erst hingewiesen werden. Siehe dazu SCHMITT 1998 und SCHMITT 2000, S. 179ff.
2 Wolfgang Steinitz als Schriftleiter des Jahrbuchs ließ es sich bei diesem Anlaß trotz rhetorischer Distanz zum Versuch, den wohl unpolitischen, konservativen Wossidlo „als Sozialisten proklamieren zu wollen“ (STEINITZ 1959, S. 5), nicht nehmen, mit der Waffe der sozialkritischen, sozialistischen Volkskunde der DDR gegen die romantisch-patriarchalisch verklärte, traditionelle westdeutsche zu polemisieren und die Wossidlo-Ehrung mit einer Tagung über antifeudale Volksdichtung organisch verbunden zu sehen.
3 Wossidlo hat einige von ihnen in zwei populären Volksausgaben, Von Hochtiden (1924) und Buernhochtid. Volksstück in sechs Biller (1926), zusammengestellt. Heike Müns hat 1991 eine verdienstvolle Neuausgabe bei Hinstorff besorgt. Siehe WOSSIDLO 1991.
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