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Gesellschaftskritik In Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" (1889) close

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Gesellschaftskritik In Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" (1889)

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 1993, 31 Pages
Author: Alexander Huber
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 1993
Pages: 31
Grade: 1
Language: German
Archive No.: V111184
ISBN (E-book): 978-3-640-09272-7

File size: 262 KB


Fulltext (computer-generated)

Hauptseminar

Gesellschaftskritische Dramen um 1900

Sommersemester 1993

Kursleiter: Dr. Gerhard Hay

Gesellschaftskritik in

Gerhart Hauptmanns Vor Sonnenaufgang (1889)

(Seminararbeit)

2. November 1993

Bearbeiter: Alexander Huber

5. Sem. M. A.: EL (NDL, TW)

E­mail: alhuber@gmx.net


INHALTSVERZEICHNIS

2

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

3

1.1

Gerhart Hauptmann und der Naturalismus .

4

1.2

Das Konzept des ,,sozialen Dramas" .

6

2 Gesellschaftskritik in Vor Sonnenaufgang

7

2.1

Der geschichtliche Hintergrund .

7

2.2

Die Staats­ und Gesellschaftsform .

10

2.2.1

Die Monarchie (Der Obrigkeitsstaat) .

11

2.2.2

Der ,,Musterstaat" (Das sozialistische Modell) .

12

2.3

Das Wirtschaftssystem .

13

2.3.1

Auswirkungen des Kapitalismus .

13

2.3.2

L¨osungsversuche des Sozialismus .

15

2.4

Die Gesellschaftsordnung .

17

2.4.1

Die Schichten .

17

2.4.2

Gesellschaft und Familie .

19

2.5

Die Familie .

19

2.5.1

Alkoholismus und Vererbung .

20

2.5.2

Die Zentralfigur Alfred Loth .

22

3 Rezeption und Wirkung

26

4 Res¨

umee

29


1 EINLEITUNG

3

1

Einleitung

Die Gesellschaftskritik in der Literatur ist so alt wie die ¨altesten darin beschriebenen Ge-

sellschaftssysteme selbst. Die Entwicklung ihrer Methoden und Formen vollzog sich dabei

stets durch das modifizierte Verh¨altnis von Literatur und Gesellschaft im jeweiligen histo-

rischen Kontext. Das Wirkungsziel aber blieb gr¨oßtenteils gleich: die positive Ver¨anderung

der gesellschaftlichen Realit¨at durch die literarisch­modellhafte, enttabuisierte Darstellung

gesellschaftlicher Defizite.

Gerhart Hauptmann (1862­1946) liefert durch sein Aufgreifen der aktuellen gesellschaft-

lichen Probleme daher einen wichtigen Beitrag zum Verst¨andnis der Wechselbeziehung

zwischen Literatur und der historisch­sozialen Realit¨at seiner Zeit. Sein Erstlingsdrama

Vor Sonnenaufgang (1889), zugleich das erste naturalistische Drama, ist ein Beispiel f¨

ur die

Realisierung der Gesellschaftskritik im Kontext von Gesellschaft und Literatur in Deutsch-

land zur Zeit des zweiten Reichs". Im folgenden wollen wir Gesellschaftskritik" in An-

"

"

lehnung an Hermann Barnstorff definieren als

Darstellungen, Ausf¨

uhrungen und Bemerkungen in Werken der Literatur, die gesell-

schaftliche, politische und ¨okonomische Fragen beleuchten und behandeln. [. . . ] [J]ede

Erw¨ahnung dieser Fragen [. . . ] zeigt [. . . ], daß sie im Schaffen der [. . . ] Schriftsteller

eine Rolle spielen, und wir erhalten durch sie Einblicke in die politischen, sozialen

und wirtschaftlichen Verh¨altnisse der Zeit, wie sie sich in den Anschauungen der

Darsteller wie auch der Dargestellten widerspiegeln.1

Dem Thema der Arbeit entsprechend, werden wir folglich zur Textanalyse einen litera-

tursoziologischen Ansatz w¨ahlen, der die Beziehungen zwischen dem literarischen Text

als Ausdruck des gesellschaftlichen Individuums Gerhart Hauptmann und der historisch­

gesellschaftlichen Realit¨at um 1890 offenlegt. Dieser Ansatz bietet sich zudem besonders

deswegen an, weil sich die naturalistische Literatur ja gerade der gesellschaftlichen Prozesse

(gesellschaftskritische Tendenz) annimmt, ihr also ein pragmatisches Literaturverst¨andnis

zugrundeliegt.

In diesem Einleitungsteil wollen wir daher zun¨achst auf den geistesgeschichtlichen Hin-

tergrund des fr¨

uhen Gerhart Hauptmann und seine Bedeutung f¨

ur die Gesellschaftskritik

in Vor Sonnenaufgang eingehen (Abschnitt 1.1 [S. 4]), bevor wir uns der Konzeption des

St¨

ucks selbst als sozialem Drama" widmen (Abschnitt 1.2 [S. 6]). Im Hauptteil der Ar-

"

beit soll dann, trotz der engen Verkn¨

upfung und den Interdependenzen der verschiedenen

Aspekte der Gesellschaftskritik, zumindest durch eine grobe Gliederung das Gesamtbild

der Kritik durch die konstitutiven Elemente verdeutlicht werden. Nach einer detaillierte-

ren Darstellung des historischen Hintergrunds f¨

ur das Drama (Abschnitt 2.1 [S. 7]) steht

dann die politische (Abschnitt 2.2 [S. 10]), wirtschaftliche (Abschnitt 2.3 [S. 13]), soziale

(Abschnitt 2.4 [S. 17]) und gesellschaftliche Zeitkritik (Abschnitt 2.5 [S. 19]) im Mittel-

punkt der Untersuchung. In Abschnitt 3 (S. 26) wollen wir abschließend auf die Wirkung

1In [1] Hermann Barnstorff: Die soziale, politische und wirtschaftliche Zeitkritik im Werke Gerhart

Hauptmanns. Jena: Frommann 1938, S. 8.


1 EINLEITUNG

4

und Rezeption des Texts eingehen, wobei dort, anders als im Hauptteil der Arbeit, wo

v. a. inhaltliche Aspekte im Vordergrund stehen, auch verst¨arkt die formalen Neuerungen

einfließen.

1.1

Gerhart Hauptmann und der Naturalismus

Der junge Gerhart Hauptmann l¨aßt sich der kulturkritischen Proteststr¨omung des Natu-

ralismus zuordnen, die sich unter dem Eindruck eines technisch­wissenschaftlichen Leit-

bilds als erste moderne" Literatur versteht, die die umw¨alzenden naturwissenschaftlichen,

"

industriellen, sozialen, politischen und soziologischen Ph¨anomene und Erkenntnisse des

19. Jht. aufgreift und naturgetreu" abbildet.2 Die Literatur des Naturalismus vollzog den

"

Anschluß an die historisch­soziale Situation und gesellschaftliche Realit¨at und hat immer

wieder die enorme Bedeutung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verh¨altnisse

ur das gesellschaftliche Leben und die Literatur betont.

Die Naturalisten, die sich in Deutschland durch die konservative und nationalistische

Pr¨agung der Gr¨

underzeit nach 1871 versp¨atet durchsetzen (Kernzeit 1885­1895), stellen

ihre Literatur in den Dienst der Aufdeckung gesellschaftlicher, v. a. sozialer Mißst¨ande ( so-

"

ziale Frage"), die mit dem Eintritt Deutschlands in die Phase der Hochindustrialisierung

und all ihren Folgen auftauchten und die Gesellschaft zu zerr¨

utten drohten.3 Die neuen

Probleme der scharfen sozialen Kontraste ¨offneten die Literatur f¨

ur bis dahin tabuisierte

Themen und sozialrevolution¨are Intentionen. Das Streben nach sozialen Verbesserungen

war folglich das Hauptziel:

Aufkl¨arung ¨

uber die Lage der niederen Klassen zu geben, Sympathie f¨

ur die wirt-

schaftlich Unterdr¨

uckten zu erwecken und das Unrecht, das an sozial Leidenden be-

gangen wird, an den Pranger zu stellen, hielten die Dichter des deutschen Naturalis-

mus f¨

ur eine ihrer ersten Aufgaben. Deshalb muß Alfred Loth in Vor Sonnenaufgang"

"

eine neue soziale Weltordnung verk¨

unden, obgleich die Menschenschicht, f¨

ur die er

Mitleid zu erwecken sucht, nicht im Drama auftritt.4

Die Zielrichtung der Literatur des Naturalismus ist also v. a. gegen idealistische wie auch

gesellschaftsaffirmative Literaturauffassungen der Gr¨

underzeit gerichtet. F¨

ur die Natura-

listen stand fest, daß der erstaunliche Fortschritt auf vielen Gebieten im 19. Jht. keinerlei

Niederschlag in einer neuen Literatur gefunden hatte und immer wieder auf konventionel-

le Formen ( Literaturdrama" etc.) und dargestellte Wirklichkeitsbereiche zur¨

uckgegriffen

"

wurde (kulturelle Stagnation und Regression: pseudo­idealistische Salonkultur"5), die

"

nicht mehr in das ver¨anderte Bild der Zeit paßten.

2Vgl. [8] G¨unther Mahal: Naturalismus. M¨unchen: Fink 1982, S. 19.

3Vgl. [1] Barnstorff, S. 118.

4In [1] Barnstorff, S. 49.

5In [13] Peter Sprengel: Gerhart Hauptmann. Epoche ­ Werk ­ Wirkung. M¨unchen: C. H. Beck 1984,

S. 36.


1 EINLEITUNG

5

Im Anschluß an die im Kreis der Naturalisten viel diskutierten Erkenntnisse der Natur-

wissenschaften, v. a. der Evolutionslehre und des Positivismus, ist Hauptmanns Welt­

und Menschenbild gepr¨agt durch die wissenschaftlich­biologistische" Annahme vom Zu-

"

sammenwirken von Vererbung und Milieu, die den Menschen vorherbestimmen und kau-

sal determinieren. Der Naturalismus wollte die Realit¨at ja ungeschminkt darstellen, die

pseudo­wissenschaftliche" Durchdringung der Wirklichkeit sollte also garantieren, daß

"

die Literatur wieder glaubw¨

urdig und v. a. gesellschaftlich relevant wird. Die Thesen der

Vererbungs­ und Milieudetermination schienen gerade der Schl¨

ussel zu sein, um das Ver-

"

halten des Menschen aus seinen historischen und aktuellen Bedingtheiten wissenschaftlich

erkl¨aren zu k¨onnen."6 Hauptmanns Vor Sonnenaufgang stellt schließlich den Abschluß ei-

ner geistigen Entwicklung und Reifung bis zu diesem Punkt und die Konsequenz dieser

¨

Uberlegungen dar:7

Man darf sagen, daß alle diese Erfahrungen, die der junge Hauptmann macht, in

gewisser Hinsicht zeittypisch sind f¨

ur jene kulturgeschichtliche Umbruchsituation des

ausgehenden 19. Jahrhunderts, als die s¨akulare Moderne" mit der geistigen ¨

Uberlie-

"

ferung zu brechen droht, dar¨

uber hinaus aber auch f¨

ur das geistige Bild Deutschlands

¨

uberhaupt bedeutend sind.8

Da sich der literarische Naturalismus also gerade als Protestbewegung gegen die gesell-

schaftliche und literarische Realit¨at der Zeit versteht, ist ihm die Kritik an beiden inh¨arent

und diese artikuliert sich gerade im Drama sowohl inhaltlich (Thematik) als auch formal

(Darstellung).

Es ist nicht verwunderlich, daß die versp¨ateten deutschen Autoren bei den großen ausl¨an-

dischen Naturalisten Vorbilder f¨

ur das eigene Schaffen suchten. Im Kontext von Vor Son-

nenaufgang werden immer wieder zwei wichtige Einfl¨

usse genannt, Tolstoj und Ibsen. In

Tolstojs Macht der Finsternis (1886) fand Hauptmann die Motive der moralischen Korrup-

tion unter dem Einfluß des Kapitalismus, Dekadenz, Ehebruch und Trunksucht vorgeformt,

doch ist dort die soziologisch­naturalistische Problemstellung keineswegs so dominant wie

bei Vor Sonnenaufgang.9 Wesentlicher ist f¨

ur die Gestaltung des Dramas Hauptmanns Ori-

entierung an seinem Vorbild Ibsen, die sowohl inhaltlich wie formal nachgewiesen werden

kann und uns zur Konzeption des Texts hinf¨

uhrt:

Ibsens Dramen hatten den Zeitgenossen -- und darin begr¨

undete sich das epochale

Interesse am Schaffen des Norwegers, zumal in Deutschland -- die gesellschafts-

kritische Funktion, das gesellschaftskritische Potential der (dramatischen) Literatur

vorgef¨

uhrt. Sie hatten zugleich ein bestimmtes dramaturgisches Instrumentarium eta-

bliert: das Ensemble des Familiendramas und die Figur des Boten aus der Fremde,

6In [11] G¨unter Schmidt: Die literarische Rezeption des Darwinismus. Das Problem der Vererbung bei

´

Emile Zola und im Drama des deutschen Naturalismus. Berlin: Akademie­Verlag 1974, S. 172.

7Vgl. [3] Roy C. Cowen: Hauptmann­Kommentar zum dramatischen Werk. M¨unchen: Winkler 1980,

S. 35.

8In [5] Karl S. Guthke: Gerhart Hauptmann. Weltbild im Werk. G¨ottingen: Vandenhoeck & Ruprecht

1961, S. 12.

9Vgl. [14] Peter Szondi: Theorie des modernen Dramas 1880­1950, 2. Auflage. Frankfurt/M.: Suhrkamp

1965, S. 63.


1 EINLEITUNG

6

die analytische Technik, den zugespitzten, zur Thesenbildung dr¨angenden Dialog und

schließlich die Funktionalisierung all dieser Elemente im Hinblick auf eine Dramatisie-

rung des Konflikts zwischen fortschrittlichem Individuum einerseits, gesellschaftlicher

Reaktion ( kompakter Majorit¨at") andererseits.10

"

1.2

Das Konzept des sozialen Dramas"

"

Durch die Darstellung der gesellschaftlichen Mißst¨ande seiner Zeit hat Hauptmann fr¨

uh-

zeitig den Ruf des sozialen Dichters" erworben. Die Gattungsangabe des Untertitels von

"

Vor Sonnenaufgang, soziales Drama", beinhaltet im Sinne der Wirkungsweise des Natu-

"

ralismus eine Kritik am Verhalten der Oberschicht und Mitleid mit der Unterschicht.11

Rudolf Mittler beschreibt die wesentlichen Elemente des sozialen Dramas" in Anschluß

"

an eine Definition von E. Dosenheimer:

[E]rstens macht das soziale Drama bestimmte gesellschaftliche Verh¨altnisse zu seinem

Ausgangspunkt, [. . . ] [die] in [. . . ] [ihren] jeweiligen sozialen Konkretheiten thema-

tisiert [. . . ] [werden und] [z]weitens besteht eine notwendige Relation zwischen den

gesellschaftlichen Verh¨altnissen als dem "Untergrund" von Stoff, Gehalt, Charakteren

und Handlung und eben diesen [. . . ].12

Mit diesen sozialen Konkretheiten" gehen prinzipiell nat¨

urlich auch politische und wirt-

"

schaftliche Fragen einher, da die Gesellschaftsform nat¨

urlich von der politischen Organisa-

tion und dem wirtschaftlichen System abh¨angt. Das Drama des Naturalismus sch¨opft bei

der Darstellung seines Milieus dabei aus dem Familiendrama und stellt, nach dem Men-

schenbild der Naturalisten, v. a. der Determination ausgelieferte Charaktere als Produkte

ihrer Vererbung und Lebensverh¨altnisse in den Mittelpunkt. Peter Szondi f¨

uhrt dazu zur

Konzeption aus:

Der soziale Dramatiker versucht die dramatische Darstellung jener ¨okonomisch­politi-

schen Zust¨ande, unter deren Diktat das individuelle Leben geraten ist. Er hat Fakto-

ren aufzuweisen, die jenseits der einzelnen Situation und der einzelnen Tat wurzeln

und sie dennoch bestimmen.13

Wenn Szondi das naturalistische Drama also als Rettungsversuch" des im B¨

urgertum

"

abhandengekommenen Dramas versteht,14 so erscheint darin der in der Gr¨

underzeit noch

versch¨arfte Kontrast vom Kunstideal, das die Naturalisten als realit¨atsabgewandte Darstel-

lung brandmarkten, und der empirischen Realit¨at, wie sie sich den Sozialisten darstellte.

10In [13] Sprengel, S. 67.

11Peter Szondi nennt die Kategorie des Mitleids als zentral f¨ur die Hauptmannsche Dramaturgie (vgl. [14]

S. 84).

12Die Definition entstammt E. Dosenheimer: Das deutsche soziale Drama von Lessing bis Sternheim.

Konstanz: 1949, zit. n. [9] Rudolf Mittler: Theorie und Praxis des sozialen Dramas bei Gerhart Hauptmann.

Hildesheim: Olms 1985, S. 50.

13In [14] Szondi, S. 63.

14Vgl. [14] Szondi, S. 83f.


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

7

In Vor Sonnenaufgang wird ja bereits im ersten Gespr¨ach zwischen Loth und Hoffmann

das g¨angige b¨

urgerliche Kunstideal durch Hoffmann thematisiert, wenn er ¨uber die bil-

dende Kunst ihres fr¨

uheren Kammeraden Fips" urteilt: Abstoßendes Zeug. Ich will von

"

"

der Kunst erheitert sein . . . Nee! diese Sorte Kunst war durchaus nicht mein Geschmack"

(1. Akt [S. 10 o.]).15

Daß die naturalistischen Dramen dem b¨

urgerlichen Geschmack in der Tat nicht entspra-

chen, zeigt die Rezeption, auf die wir noch zu sprechen kommen (Abschnitt 3 [S. 26]), sehr

deutlich, denn in Hinblick auf das zu verwirklichende Ideal m¨

ussen die realen gesellschaft-

lichen Zust¨ande kritisch und tendenzi¨os beschrieben werden. Der Kontrast zwischen dem

Idealismus" der Gesellschaft, den das soziale Drama" gegen¨

uber den existierenden sozia-

"

"

len Zust¨anden formuliert,16 resultierte in einer Gesellschaftskritik, die die nationalistische

Stimmung und gesellschaftliche Selbstgef¨alligkeit im Deutschland der Gr¨

underzeit sp¨

urbar

zu st¨oren drohte.

2

Gesellschaftskritik in Vor Sonnenaufgang

Im Hauptteil der Arbeit wollen wir nun, aufbauend auf den beiden Einleitungsabschnit-

ten, detaillierter auf die konkreten Punkte der Gesellschaftskritik in Vor Sonnenaufgang

eingehen.17 Dazu m¨

ussen wir zuerst die relevanten Aspekte des konkreten historischen

Hintergrunds f¨

ur das Drama darstellen, die die Bezugspunkte f¨

ur die im Text ge¨außerte

Gesellschaftskritik sind. In den Abschnitten 2.2­2.5 werden dann die politischen, wirt-

schaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Kritikpunkte des Textes in ihrer Beziehung

zum geschichtlichen Hintergrund im Zentrum stehen.

2.1

Der geschichtliche Hintergrund

Den geographischen Hintergrund f¨

ur das St¨

uck liefert Hauptmanns Heimatprovinz Schlesi-

en: Schauplatz des Dramas ist der fiktive Ort Witzdorf" im Kohlegebiet beim schlesischen

"

Weißstein an drei Tagen in einem September der 80er Jahre des 19. Jht. Hauptmann er-

kannte sehr fr¨

uh, daß es auf dem Land ¨ahnliche Probleme gab wie in der Stadt. Die

wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen sind auch hier zentral.18

Deutschland war mit der Reichsgr¨

undung der konstitutionellen Monarchie 1871 in die Pha-

se der Hochindustrialisierung getreten, die den endg¨

ultigen ¨

Ubergang vom Agrar­ zum

15Die Seitenangaben beziehen sich auf die Einzelausgabe [6] Gerhart Hauptmann: Vor Sonnenaufgang.

Soziales Drama (1889), 23. Auflage. Frankfurt/M. und Berlin: Ullstein 1992.

16Vgl. [9] Mittler, S. 56.

17Vgl. f¨ur eine genauere Inhaltsangabe [2] Adolf Bartels: Gerhart Hauptmann, 2., vermehrte Auflage.

Berlin: Felber 1906, S. 24­31.

18Vgl. f¨ur die folgenden Ausf¨uhrungen auch [13] Sprengel, Abschnitt I: Epoche des Naturalismus".

"


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

8

Industriestaat markierte. Vor allem durch die intensive Gewinnung und Verarbeitung von

Rohstoffen, in Vor Sonnenaufgang der Kohle, die viele Bauern mit kohlehaltigen B¨oden

reich machte, ¨

ubertraf die industrielle Produktion bald die landwirtschaftliche. Zum einen

vervielfachte sich dadurch das wirtschaftliche Wachstum und der allgemeine Wohlstand

erh¨ohte sich, doch zum anderen gab es bereits von 1873­1890 eine erste wirtschaftliche

Depression, die die Armut der unteren St¨ande enorm versch¨arfte. Unser Drama schil-

dert das Milieu der schlesischen Kohlebauern, die durch Verk¨aufe an die Kohleindustrie zu

enormem Reichtum gelangt sind und in ihrem M¨

ußiggang der Dekadenz mit ihren verschie-

densten Facetten verfallen. Aus dieser neureichen sozialen Oberschicht wird ein typischer

Fall, die Familie Krause, ausgew¨ahlt.19

Wesentlich und damit in Verbindung stehend ist daneben die soziale Struktur, der immer

noch ein hierarchisch­st¨andisches Gesellschaftsmodell zugrundeliegt. Der Geltungsvorrang

des Adels als F¨

uhrer der gesellschaftlichen Pyramide f¨

uhrte zu einer verst¨arkten feuda-

len Orientierung der wilhelminischen Bourgeoisie, die sich auch etwa im ostentativ zur

Schau gestellten Prunk ¨außerte. Dagegen fristen die unteren Schichten ein Leben in ¨arm-

lichen Verh¨altnissen. Besonders sozial­ und kulturpessimistische Str¨omungen klagen ¨uber

die zunehmende Entmenschlichung und Vermassung der Arbeiter. Die Vereinheitlichung

des Elends der unteren Schichten f¨

uhrte bald zur Ausbildung eines proletarischen Klassen-

bewußtseins, das in der N¨ahe zum Sozialismus bald zu einem wichtigen politischen Faktor

zu werden begann. Die Gesellschaftskritik an der spießb¨

urgerlichen und neureichen Schicht

beschreibt Roy C. Cowen:

[Die] Maßst¨abe der philistr¨osen Welt [. . . ] deuten auf einen konservativen R¨

uckzug

vom ¨offentlichen Leben in das Familienleben, wo man ein beruhigendes Sch¨onheits-

ideal sucht. W¨ahrend der Empork¨ommling der neuen Geldklasse sich in seiner gesell-

schaftlichen Geltungssucht als dekadent erweist, stellt das ¨altere B¨

urgertum durch

seine Hingabe an einen

Verlegenheits­Idealismus

und durch seine Apathie den

sozialen Verh¨altnissen gegen¨

uber eine andere, aber artverwandte Dekadenz dar.20

Die Abrechnung mit den neureichen Opportunisten und Repr¨asentanten der Gr¨

under-

zeit ist in Vor Sonnenaufgang so auch vorrangig. Hauptmann, der nach eigenen Angaben

großz¨

ugig autobiographische Elemente aufnahm, v. a. die Schilderung des Milieus, das er

von Kindesalter an kannte, und die Darstellung der gef¨ahrlichen und h¨aßlichen Begleiter-

"

scheinungen" des Einbruchs des Kohlezeitalters in die d¨orfliche Gegend,21 erlebte selbst

im schlesischen Salzbrunn die Versch¨arfung der sozialen Gegens¨atze und die zunehmende

Dekadenz der Bauern als Folge der Industrialisierung und recherchierte dazu sogar die

gesellschaftlich­historische Entwicklung seines schlesischen Heimatorts.22

19Helene Krause beschreibt die Problematik: Das hat die Kohle gemacht, die unter unseren Feldern

"

gemutet worden ist, die hat die armen Bauern im Handumdrehen steinreich gemacht. [. . . ] Die Bauern

spielen, jagen, trinken . . ." (S. 19 m. und u.).

20Vgl. [4] Roy C. Cowen: Der Naturalismus. Kommentar zu einer Epoche, 3., bibl. erw. Auflage.

unchen: Winkler 1981, S. 18.

21Vgl. [3] Cowen: Hauptmann­Kommentar, S. 39.

22Das autobiographische Element ist in Vor Sonnenaufgang neben bestimmten Z¨ugen Loths auch in der


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

9

Einen weiteren, historisch­politischen Hintergrund f¨

ur das St¨

uck bilden die Sozialistenge-

setze Bismarcks, die im Drama den Figuren Alfred Loth und Dr. Schimmelpfennig, den

fr¨

uheren Mitgliedern des Geheimbunds und Kolonialvereins "Vancouver­Island", ¨ahnlich

wie Hauptmann in der Gesellschaft Pacific" ( Breslauer Geheimbund" [1880­82]), fast

"

"

zum Verh¨angnis wurden. Hermann Barnstorff f¨

uhrt dazu aus:

Das Sozialistengesetz stand zur Zeit der Niederschrift des Dramas und seiner Auf-

uhrung noch in voller Kraft, was den Dichter wohl veranlaßte, seine Breslauer Er-

lebnisse [. . . ] zu [. . . ] [verarbeiten]. In Breslau stand [. . . ] Gerhart Hauptmann der

Freien Wissenschaftlichen Vereinigung" nahe, die eine Gesellschaft Pacific" gr¨

unde-

"

"

te, um eine Siedlung nach [Etienne] Cabets Muster [Voyage en Icarie {1842}] in den

Vereinigten Staaten von Nordamerika vorzunehmen. F¨

ur diesen Plan wurde Geld ge-

sammelt, und [das Mitglied] Alfred Ploetz reiste nach Amerika, um die ersten Schritte

zur Auswanderung vorzubereiten. Aus der amerikanischen Utopie wurde nichts, und

Ploetz kehrte entt¨auscht zur¨

uck. Einige Jahre sp¨ater griff die Regierung, durch einen

Spitzel angefeuert, ein und stellte eine Reihe der Mitglieder des Vereins Pacific un-

ter Anklage, daß sie als Werkzeuge der sozialdemokratischen Partei einen Umsturz-

versuch unternommen h¨atten. Bei dem Breslauer Geheimbundprozeß 1887 geh¨orte

Hauptmann zwar nicht zu den 38 Angeklagten; aber er wurde als Zeuge vernommen,

und mußte erleben, daß eine Anzahl seiner Freunde zu l¨angeren Gef¨angnisstrafen

verurteilt wurde.23

Bereits hier wird deutlich, welche M¨oglichkeiten der Gesellschaftskritik sich Hauptmann

aus all diesen Elementen in Vor Sonnenaufgang boten. Damit das soziale Drama" aber

"

nicht zur g¨anzlich undramatischen Milieustudie verkommt, nutzt Hauptmann in Anleh-

nung an Ibsen die Figur des Fremden als erregendes Moment f¨

ur die ganze Handlung,

denn bereits Szondi stellt f¨

ur die Familie Krause fest:

Solche Menschen verm¨ogen keine dramatische Handlung zu begr¨

unden. Die Laster,

deren Gefangene sie sind, entziehen sie dem zwischenmenschlichen Bezug, vereinzeln

und erniedrigen sie zu zum sprachlos­heulenden, unt¨atig dahinlebenden Tier.24

Da der Mensch in Vor Sonnenaufgang also gerade nicht mehr als autonomes, moralisches

Individuum erscheint, sondern als vielfach biologisch und sozial determiniertes Produkt,25

sind die Charaktere keineswegs nach vorne" frei, sondern von hinten" fixiert,26 ihr Akti-

"

"

onsradius ist dementsprechend stark eingeschr¨ankt. Das Kardinaldogma" des Naturalis-

"

mus, die Vererbungsdetermination unter dem Einfluß des Umweltfaktors, problematisiert

somit idealistische Dramenkonzeptionen und muß sich einen Kunstgriff zu Hilfe nehmen.

Ausl¨osendes Moment der Handlung ist folglich ein Fremder und Jugendfreund Hoffmanns,

Figur des Dr. Schimmelpfennig vorhanden: dessen Bericht ¨

uber seinen Werdegang nach seiner Trennung

von Loth etwa entspricht fast genau dem Hauptmanns zwischen seiner Breslauer Zeit und dem Z¨

uricher

"

Kreis" (5. Akt [S. 79 o.]).

23In [1] Barnstorff, S. 20.

24In [14] Szondi, S. 65.

25Vgl. [13] Sprengel, S. 39.

26Vgl. [8] Mahal, S. 95.


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

10

Dr. Alfred Loth, der als Sozialforscher der Forschungsobjekte dieser Gegend (Arbeiter) auf-

tritt. Indem Loth also sozusagen als episches Ich" die Zust¨ande entdeckt, wird erm¨oglicht,

"

daß diese dramatisch vergegenw¨artigt werden k¨onnen. Zus¨atzlich erm¨oglicht es der Infor-

mationsvorsprung des Zuschauers gegen¨

uber Loth27 aber gleichzeitig, sich aus seiner Per-

spektive auf die Zust¨ande zu l¨osen und sein Handeln selbst mit Distanz zu verfolgen. Eine

wichtige Voraussetzung f¨

ur das Funktionieren der Gesellschaftskritik ist auch das Mittel

der Sympathiesteuerung, die in Vor Sonnenaufgang unter den Hauptpersonen zwischen

Loth und Helene Krause einerseits und dem Rest der Familie andererseits, und dann noch

einmal in die gr¨oßtenteils positiv erscheinende Unterschicht und der negativ erscheinenden

Familie, getrennt ist.

2.2

Die Staats­ und Gesellschaftsform

Gleich im ersten Gespr¨ach (1. Akt) zwischen dem Sozialisten Loth und seinem fr¨

uheren

Studienfreund Hoffmann, der sich inzwischen zum kapitalistischen Nutznießer der wirt-

schaftlichen Entwicklungen entwickelt hat, das den expositorischen Hintergrund auff¨achert,

zeigt sich unterschwellig ihr gespanntes Verh¨altnis als Vertreter entgegengesetzter politi-

scher, wirtschaftlicher und sozialer Programme. Ein wesentlicher Punkt der Unterhaltung

sind die unterschiedlichen Auffassungen ¨

uber das Staats­ und Gesellschaftswesen.

Die politische Zeitkritik entspringt dabei also dem Verh¨altnis des Staats zu seinen B¨

urgern

und umfaßt die politsche F¨

uhrung, die Organisationsform der Gesellschaft und ihre ver-

bindlichen Gesetze.28 Die konservative und v. a. nationalistische Pr¨agung der Gr¨

underzeit

des zweiten Reichs" ging einher mit der neuen Machtposition Deutschlands und ernor-

"

mem wirtschaftlichem Wachstum, die jedoch zunehmend zu individueller und nationaler

Selbstgef¨alligkeit auf vielen Gebieten f¨

uhrten.29

Die Kritik zielt hier besonders auf die konservative Herrschaft, ihren Machtmißbrauch und

die Vernachl¨assigung ihrer sozialpolitischen Aufgaben. Bismarck, der versuchte, Deutsch-

land v. a. machtpolitisch und milit¨arisch zu sichern,30 sicherte sich innenpolitisch durch

die konservativ­autorit¨ar ausgerichtete B¨

urokratie und das Milit¨ar. Den Naturalisten wur-

de bald bewußt, daß die Einheit Deutschlands auf Kosten der politischen Freiheit erkauft

wurde.

Bismarcks Rezept zur staatspolitischen L¨osung" der sozialen Frage" war eine Doppel-

"

"

strategie: er f¨

uhrte einerseits die Sozialgesetzgebung ein, und andererseits traten die Sozia-

27Vgl. die Momente, die nur auf der externen Kommunikationsebene zwischen Charakteren und Zuschau-

ern bedeutsam sind und die Loth nicht mitbekommt, z. B. Wilhelm Kahls Identifikation des betrunkenen

"

Bauern" als dem Bauern Krause im 1. Akt [S. 30 u.] oder das Gespr¨ach zwischen Hoffmann und Dr.

Schimmelpfennig zu Beginn des 3. Akts [S. 47].

28Vgl. [1] Barnstorff, S. 8.

29Vgl. [4] Cowen: Naturalismus, S. 11.

30Vgl. Hermann Barnstorff: Der Staat hatte die Aufgabe, s¨amtliche politischen, milit¨arischen, sowie

"

die geistigen und wirtschaftlichen Ziele zu bestimmen, w¨ahrend das Volk nur regiert werden sollte, oder

allenfalls durch gew¨ahlte Vertreter seine Zustimmung geben durfte." In [1] Barnstorff, S. 67.


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

11

listengesetze in Kraft, die die Sozialdemokratie zum Staatsfreind Nr. 1 machten, ein Verbot

aller sozialdemokratischer Verb¨ande beinhalteten und die Verfolgung, Einsch¨

uchterung und

Entrechtung mutmaßlicher Oppositioneller erm¨oglichte.

2.2.1

Die Monarchie (Der Obrigkeitsstaat)

Deutlich wird die Kritik, wie schon erw¨ahnt, etwa in Loths Bericht ¨uber den Prozeß ge-

gen ihn und seine Verurteilung zu zwei Jahren Gef¨angnis wegen Gr¨

undung des Vereins

"Vancouver­Island" (1. Akt [S. 12]) zum Zweck der politischen Agitation. Vor dem Hin-

tergrund von Bismarcks Sozialisten­Gesetzen und Hauptmanns Flucht nach Z¨

urich (1888)

vor dem Prozeß gegen die Mitglieder ihrer Gesellschaft Pacific" ( Breslauer Geheimbund")

"

"

wird die enge real­zeitgeschichtliche Beziehung des Texts besonders klar. Die Anspielung

auf Loths zweij¨ahrige Gef¨angnishaft hat ebenfalls ein Vorbild in der Verurteilung eines

Mitglieds der Gruppe um Ploetz und Hauptmann.31

Loth berichtet von der Verurteilung und der Relegation von der Universit¨at (S. 11) und

kritisiert dies zugleich als ¨

Ubergriff durch den Staat, zumal nach Loth die Anklage [. . . ]

"

kein wahres Wort [enth¨alt] [. . . ]" (S. 12 u.). Das Gef¨

uhl der Rechtlosigkeit ist dabei ein

wesentliches Grund¨

ubel im Staatswesen. Er greift damit zugleich auch die Gerichtsbarkeit

an, die Idealisten aus der Gesellschaft entfernt und ins Gef¨angnis steckt: Alfred Loth

"

wird als Opfer einer unwahren Anklage geschildert, der infolge einer falschen Auslegung

des Rechts zwei Jahre brummen" mußte [. . . ] [S. 12]."32

"

Hoffmann dagegen setzt Loth und seinen sozialistischen Reformbestrebungen ein Pl¨adoyer

ur die b¨

urgerliche Laisser­faire­Gesellschaft entgegen, die von der Selbstregulierung ge-

sellschaftlicher Prozesse ausgeht, im Obrigkeitsstaat aber die letzte Instanz f¨

ur die L¨osung

der gesellschaftlichen Probleme sieht:

hoffmann. [. . . ] -- Ich bin ¨

uberhaupt in keiner Beziehung Unmensch. Nur muß man

nicht mit dem Kopfe durch die Wand rennen wollen. -- Man muß nicht die ¨

Ubel,

an denen die gegenw¨artige Generation, leider Gottes, krankt, durch noch gr¨oßere

verdr¨angen wollen; man muß -- alles ruhig seinen nat¨

urlichen Gang gehen lassen.

Was kommen soll, kommt! Praktisch, praktisch muß man verfahren! [. . . ] Ihr alle

-- du mit eingerechnet! -- ihr verfahrt h¨ochst unpraktisch.

[. . . ]

hoffmann. [. . . ] Ich bin der letzte, der es an Mitleid mit dem armen Volke fehlen

l¨aßt, aber wenn etwas geschieht, dann mag es von oben herab geschehen! Es muß

sogar von oben herab geschehen, das Volk weiß nun mal nicht, was ihm not tut --

das Von­unten­Herauf, siehst du, das eben nenne ich das Mit­dem­Kopf­durch­

die­Wand­Rennen.

[1. Akt {S. 12 m. und 13 o.}]

31In [3] Cowen: Hauptmann­Kommentar, S. 37.

32In [1] Barnstorff, S. 81.


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

12

Hoffmanns Verachtung f¨

ur die Massen und seine Staatsgl¨aubigkeit gehen bereits hier mit

der Heuchelei einher, die Mißst¨ande selbst beklagenswert zu finden. Dagegen wiederum

dr¨

uckt Loth Hauptmanns eigene antimonarchische Einstellung aus, wenn er sich im Ge-

spr¨ach ¨uber ihren ehemaligen Kameraden Fips" beil¨aufig gegen die Errichtung eines

"

Standbildes f¨

ur einen Duodezf¨

ursten wendet (S. 10).33 Hoffmanns Heuchelei gegen¨

uber

Loth erreicht nach einem mißgl¨

uckten Bestechungsversuch ( ¨

Ubernahme von Loths Un-

kosten) ihren H¨ohepunkt im 3. Akt, als er glaubt, er k¨onne Loth vom Schreiben seiner

Untersuchung abhalten, und sogar soweit geht, sich scheinbar auf Loths Seite zu schlagen:

hoffmann. [. . . ] Ich habe dich immer hochgesch¨atzt: dich und dein ehrliches, kon-

sequentes Streben. Ich bin der letzte, der gewisse -- leider, leider mehr als be-

rechtigte Anspr¨

uche der ausgebeuteten, unterdr¨

uckten Massen nicht gelten l¨aßt.

-- Ja, l¨achle nur, ich gehe sogar so weit, zu bekennen, daß es im Reichstag nur

eine Partei gibt, die Ideale hat: und das ist dieselbe, der du angeh¨orst! . . . Nur --

wie gesagt -- langsam! langsam! -- nichts ¨

uberst¨

urzen. Es kommt alles, kommt

alles, wie es kommen soll. Nur Geduld! Geduld! . . .

[3. Akt {S. 60 o.}]

Die in der Zielrichtung bestehende Solidarit¨at zwischen den naturalistischen Literaturre-

volution¨aren und der durch die Sozialistengesetze in den Untergrund verwiesenen Sozial-

demokratie dr¨

uckt sich in der kritischen Darstellung eines Vertreters des anderen Lagers

hier besonders deutlich aus. Doch wird nicht nur der Obrigkeitsstaat kritisiert, sondern

ihm bereits eine Alternative entgegengestellt, der sozialistische Musterstaat".

"

2.2.2

Der Musterstaat" (Das sozialistische Modell)

"

Schon zu Beginn des 1. Akts (S. 11) spielt Alfred Loth, f¨

ur den Hauptmanns Jugendfreund

Alfred Ploetz, der Amerika im Auftrag der Gesellschaft Pacific" ( Ikarier") bereiste, Pate

"

"

gestanden haben soll, auf seine Amerika­Fahrt an, die dem Zweck der Gr¨

undung eines

Musterstaats diente. Eine solche utopische Mustersiedlung landwirtschaftlichen Gepr¨ages

erschien Hauptmann und den Ikariern" in der Tat als ideales gesellschaftliches Gebilde.

"

Selbst wenn sich Loth nach seinem Abk¨

uhlungsprozeß" von der Naivit¨at ihres damaligen

"

Vorhabens distanziert, so beharrt er doch auf der Richtigkeit der Stoßrichtung, von der

sich Hoffmann inzwischen gel¨ost hat:

hoffmann. Wie man doch einmal so sein konnte! Merkw¨

urdig! So was hat man sich

nun allen Ernstes in den Kopf gesetzt. Bare Kindereien sind es gewesen, kann mir

nicht helfen, du! -- nach Amerika auswandern, ′n Dutzend Gelbschn¨abel wie wir!

-- wir und Musterstaat gr¨

unden! K¨ostliche Vorstellung!

[1. Akt {S. 11 m.}]

Das Abstreiten der ernsthaften Beteiligung an den Unternehmungen und ihre Charakte-

risierung als Anmaßung ihrer Generation34 zeigt sich auch im Desinteresse Hoffmanns am

33Vgl. [1] Barnstorff, S. 67.

34Vgl. 1. Akt (S. 10 m.): Und daß du nun wirklich hinausgingst -- nach Amerika -- allen Ernstes mit

"

leeren H¨anden. . . Denk doch mal an, was das heißt, Grund und Boden f¨

ur einen Musterstaat mit leeren


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

13

Tod ihres Kameraden Fips", wenn er das peinliche Gespr¨ach dar¨

uber einseitig beendet

"

(1. Akt [S. 10]).

Daß im Gespr¨ach zwischen Loth und Hoffmann ¨

uber ihre Jugend zumeist Hoffmanns ab-

wehrende Beitr¨age zentral sind, ist dabei ein funktionaler Kunstgriff, der der Charakteri-

sierung Hoffmanns und Sympathiesteuerung zugunsten von Loth dient. Da das Feld der

politischen Kritik eng mit der Kritik am Wirtschaftssystem und den sozialen Verh¨altnis-

sen zusammenh¨angt, wird auch im folgenden noch von den kapitalistischen und sozial­

utopischen Vorstellungen die Rede sein.

2.3

Das Wirtschaftssystem

Die wirtschaftliche Zeitkritik beleuchtet die Organisationsform des wirtschaftlichen Sy-

stems und seine Folgen f¨

ur das Leben und die Beziehungen des Individuums zu den ver-

schiedenen Gesellschaftsgruppen.35 In ¨okonomischer Beziehung schildert Vor Sonnenauf-

gang ein Bild vom unmittelbaren ¨

Ubergang der Agrarwirtschaft zur Industrie mit den

verheerenden sozialen Folgen. Das Problem des Kapitalismus ist dabei eng verbunden mit

der Arbeiterfrage.

Am Kapitalismus ¨

ubt Hauptmann v. a. soziale und moralische Kritik. Erstere appelliert an

das Mitleidsgef¨

uhl der Menschen und vertritt den Verelendungsgedanken (materiell und

seelisch). Letztere ¨ubt Kritik an der ungerechten Besitzverteilung, die die Menschen einer

Gesellschaft in Ausbeuter und Ausgebeutete trennt (ethische Schuld).36

2.3.1

Auswirkungen des Kapitalismus

Nat¨

urlich nehmen Loth und Hoffmann in bezug auf die wirtschaftliche Lage Witzdorfs

"

entgegengesetzte Interessenpositionen"37 ein, ersterer strebt Ver¨anderungen an, die letzte-

rer verhindern will. Hoffmann versucht bereits im 1. Akt, nachdem er das ihn entlarvende

Gespr¨ach, wie zuvor das ¨

uber ihre gemeinsame Studentenzeit, abgebrochen hat, Loth durch

eine feudale Bewirtung einzuwickeln, denn Aufkl¨arung und ¨offentliche Kritik w¨aren gef¨ahr-

lich f¨

ur ihn. Eine wichtige Folge des Kapitalismus ist die st¨andige Zurschaustellung des

Reichtums, etwa in der Begr¨

ußungsszene Loths durch Hoffmann gleich zu Beginn, die auch

im Nebentext als dominantes Merkmal auftritt (S. 7f.). Die Heuchelei und vorget¨auschte

Freundlichkeit Hoffmanns, die ebenfalls gleich im 1. Akt (S. 8f. und 12f.) ¨

uberdeutlich

wird, sucht dabei lediglich Hoffmanns Unsicherheit beim Umgang mit dem sozialistischen

Journalisten Loth zu kaschieren und ihn f¨

ur sich zu gewinnen.

H¨anden erwerben zu wollen: das ist ja beinahe ver. . . jedenfalls ist es einzig naiv" und (S. 13 o.) Na --

"

Mitglied war ich doch wohl eigentlich nicht so recht."

35Vgl. [1] Barnstorff, S. 8.

36Vgl. [1] Barnstorff, S. 91.

37In [5] Guthke, S. 61.


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

14

Hoffmann als Vertreter des kapitalistischen Systems wird als Betr¨

uger und Ausbeuter

¨

ubelster Sorte geschildert. Nicht nur hat er vor der Geldheirat zuerst einen Nebenbuhler

ur seine Frau Martha in den Selbstmord getrieben und dann dessen unvollendetes Projekt

mit Gewinn zu Ende gef¨

uhrt, sondern sein Verm¨ogen ist zudem gr¨oßtenteils ergaunert.

Indem er, mit dem Alkohol als Waffe, die alkoholabh¨angigen Bauern mit betr¨

ugerischen

Methoden zum Unterzeichnen von Vertr¨agen gebracht hat, die ¨außerst g¨

unstig f¨

ur ihn sind,

hat er einen betr¨achtlichen Wohlstand als Industriekapit¨an erwirtschaftet (1. Akt [S. 15]).

Dabei nimmt er seinerseits gerade die Verfallenheit der Familie hin, um die trunkenen

Bauern der Umgebung auszubeuten.

Begreift man die Darstellung der Familie Krause als determiniert nach ihrer neuen Stel-

lung, so ist ihr typisiertes Handeln gerade durch die Menschenverachtung und den Geiz

charakterisiert, wie bereits in der Exposition des 1. Akts durch den Auftritt der Frau

Krause dargestellt wird (S. 7). Die Gesellschaftskritik an der Ungerechtigkeit des kapi-

talistischen Systems reicht bereits im Tischgespr¨ach des 1. Akts von der unreflektierten

Genuß­, Prunk­ und Verschwendungssucht der Bauern bis zum Alkoholismus und seinen

negativen Folgen f¨

ur das Verh¨altnis der Gesellschaftsschichten und innerhalb der Familie

selbst, die im Abschnitt 2.5 (S. 19) im Zentrum stehen.

Da in Vor Sonnenaufgang die sozialen Unterschichten nicht selbst gezeigt werden, nimmt

der Bericht ¨uber sie einigen Platz ein. Loths Gespr¨ach mit Helene gegen Ende des zweiten

Akts ¨

uber die Leiden der Arbeiter, ihre schlechten Arbeitsbedingungen in den Fabriken

und die Ausbeutung durch brutale und menschenverachtende Kapitalisten (S. 42f.) wird

am Tod eines Seifenfabrikarbeiters dargestellt. Die enorm schlechten Arbeitsbedingungen,

gekoppelt mit Ausbeutung, f¨

uhren zwangsl¨aufig zu Unf¨allen und Toten, wie nach Loth auch

Helene berichtet. Helene, bereits stark unter dem Einfluß von Loths Ideen, verdeutlicht die

katastrophale Lage, die auf dem Land herrscht und der auch sie ausgesetzt ist:

helene. [. . . ] [Kahls] Vater, m¨

ussen Sie wissen, war genauso ein Jagdnarr wie er.

Er schoß hinter den Handwerksburschen her, die auf den Hof kamen [. . . ] Er war

auch j¨ahzornig [. . . ] wenn er getrunken hatte [. . . ].

[. . . ]

helene, immer unsicherer und erregter. Ich hab′ auch schon manchmal so bei mir

gedacht. . . sie haben mir alle mitunter schon so furchtbar leid getan --: der alte

Beibst und. . . Wenn die Bauern so roh und dumm sind wie der -- wie der Streck-

mann, der -- l¨aßt seine Knechte hungern und f¨

uttert die Hunde mit Konditorzeug.

Hier bin ich wie dumm, seit ich aus der Pension zur¨

uck bin. . . [. . . ]

[2. Akt {S. 44 m.}]

Die Dekadenz des Bauern Streckmann hat sich auf seinen Sohn Wilhelm Kahl vererbt,

dessen Jagdleidenschaft auf Tauben und Lerchen, die an einem Pfahl festgebunden sind

(1. Akt [S. 24], 2. Akt [S. 38]), von Loth und Helene einstimmig als sinnlose Gewalt

verurteilt wird.

Viel intensiver als im Dialog zwischen den Charakteren werden die Folgen der wirtschaftli-

chen Situation der Ober­ und Unterschichten in den Zustandsschilderungen von B¨

uhnen-


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

15

bild, Kost¨

umen und im stummen Spiel der Charaktere deutlich, auf die wir in Abschnitt

2.4 (S. 17) zur¨

uckkommen werden.

2.3.2

osungsversuche des Sozialismus

Der Sozialist Loth sieht seine Aufgabe in der Schilderung der Verh¨altnisse der Arbeiter,

der dann Sozialreformen folgen sollen, er stellt sein Leben in den Dienst der Aufdeckung

gesellschaftlicher Mißst¨ande. Als Helene ¨uber den wilden Haß", den die Bergarbeiter gegen

"

die Bauern hegen, berichtet, kommt Loth auf seine Berufung zu sprechen:

loth. Man k¨onnte vielleicht Mittel finden, den Grund, warum diese Leute immer

so freudlos und geh¨assig sein m¨

ussen, wegzur¨aumen; -- man k¨onnte sie vielleicht

gl¨

ucklicher machen.

helene, ein wenig verwirrt. Ich muß Ihnen ehrlich sagen, daß . . . aber gerade jetzt

verstehe ich Sie doch vielleicht ein ganz klein wenig. -- Es ist nur . . . nur so ganz

neu, so ganz -- neu!

[1. Akt {S. 21 o.}]

Helenes Erstaunen verweist dabei auf die Vernachl¨assigung sozialer Probleme der Arbeiter

im t¨aglichen Umgang mit ihnen und widerspricht somit Hoffmanns Darstellungen der Lage.

Als Helene sich erkundigt, woher Loth seine Ideen habe, nennt Loth das sozialistische

Programm und den sozialen Kampf" als die logische Konsequenz der Probleme, die er

"

wahrnimmt. In seiner großen Rede ¨

uber die Verkehrtheiten in der Gesellschaft, tritt die

Gesellschaftskritik im Werk geballt hervor:

loth. [. . . ] Man kommt dazu durch die Verkehrtheit unserer Verh¨altnisse, scheint

mir; -- nur muß man f¨

ur das Verkehrte einen Sinn haben: das ist es! Hat man den,

und leidet man so bewußt unter den verkehrten Verh¨altnissen, dann wird man mit

Notwendigkeit zu dem, was ich bin.

helene. Wenn ich Sie nur besser. . . welche Verh¨altnisse nennen Sie zum Beispiel

verkehrt?

loth. Es ist zum Beispiel verkehrt, wenn der im Schweiße seines Angesichts Arbei-

tende hungert und der Faule im ¨

Uberflusse leben darf. Es ist verkehrt, den Mord

im Frieden zu bestrafen und den im Kriege zu belohnen. Es ist verkehrt, den

Henker zu verachten und selbst, wie es die Soldaten tun, mit einem Menschenab-

schlachtungsinstrument, wie es der Degen oder der S¨abel ist, an der Seite stolz

herumzulaufen. Den Henker, der das mit dem Beile t¨ate, w¨

urde man zweifelsohne

steinigen. Verkehrt ist es dann, die Religion Christi, diese Religion der Duldung,

Vergebung und Liebe, als Staatsreligion zu haben und dabei ganze V¨olker zu

vollendeten Menschenschl¨achtern heranzubilden. Dies sind einige unter Millionen,

ussen Sie bedenken. Es kostet M¨

uhe, sich durch alle diese Verkehrtheiten hin-

durchzuringen; man muß fr¨

uh anfangen.

[2. Akt {S. 41 m.}]

Zwei Probleme sind dabei zentral, ein soziales, i. e. die Ausbeutung, und ein politisches,

i. e. der ostentativ nationalistische Kult um das Milit¨ar:


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

16

1. Nach dem sozialistischen Egalit¨atsprinzip" ist es also verkehrt, daß die durch Zufall

"

und ohne eigenes Zutun reich gewordenen Bauern nichts mehr tun m¨

ussen, w¨ahrend

andere f¨

ur sie schufften m¨

ussen. Dar¨

uberhinaus wird das Geld auch noch eigenn¨

utzig

ausgegeben, f¨

ur die Arbeiter wird nicht gesorgt, die Arbeitsbedingungen verschlech-

tern sich sogar, anstatt sich mit zunehmendem Reichtum zu verbessern.38

2. Die Kritik gegen das Milit¨ar (implizit auch gegen die Kirche) begr¨

undet sich aus der

allgemeinen Militarisierung des kaiserzeitlichen Deutschland. Diese ist gekoppelt mit

der Kritik an der Verherrlichung des heroischen Individuums", etwa die Verehrung

"

der Soldaten des siegreichen deutsch­franz¨osischen Kriegs 1870/71 durch die j¨

ungere

Generation. Andererseits wird dadurch implizit die damit einhergehende Verachtung

der Massen kritisiert. Sowohl die Stilisierung des Helden als auch die Verachtung f¨

ur

die Massen waren gerade wesentliche Elemente der Literatur der Gr¨

underzeit.39

Hauptmanns Kontakt zum studentischen Kreis der Ikarier", in denen er utopisch­sozial-

"

reformerische Ideen diskutierte, ging noch einmal in den Text ein, wenn Loth den soziali-

stischen Musterstaat dem Arbeiter Beibst erkl¨art:

loth. Die Ikarier? -- es ist gar kein besonderes Volk; es sind Leute aus allen Natio-

nen, die sich zusammengetan haben; sie besitzen in Amerika ein h¨

ubsches St¨

uck

Land, das sie gemeinsam bewirtschaften; alle Arbeit und allen Verdienst teilen sie

gleichm¨aßig. Keiner ist arm, es gibt keine Armen unter ihnen.

[2. Akt {S. 35 u.}]

Hoffmann sieht sich als fr¨

uherer Sozialist, der zum entschiedenen Vertreter des Kapita-

lismus wurde, sich den sozialen Problemen verschließt und selbst nicht vor Betrug und

Verbrechen zur¨

uckschreckt, wenn es um seinen Vorteil geht, immer mehr durch Loth und

seinen Einfluß auf Helene in die Enge getrieben. Er kann sich nur durch einen Gegenan-

griff auf Loth verteidigen, der sein wirkliches Gesicht zutage f¨ordert, indem er ihn einen

sittenlosen Schw¨armer, Volksverf¨

uhrer und Staatsfeind nennt und den Ausbeutervorwurf

sogar gegen ihn umdreht:

hoffmann. [. . . ] Solch eine Schm¨ahschrift willst du schreiben, und zwar ¨uber unseren

Kohlendistrikt. Solltest du denn wirklich nicht begreifen, wen diese Schm¨ahschrift

am allersch¨arfsten sch¨adigen m¨

ußte? Doch nur mich! -- Ich sage: man sollte euch

das Handwerk noch gr¨

undlicher legen, als es bisher geschehen ist, Volksverf¨

uhrer,

die ihr seid! Was tut ihr? Ihr macht den Bergmann unzufrieden, anspruchsvoll,

reizt ihn auf, erbittert ihn, macht ihn aufs¨assig, ungehorsam, ungl¨

ucklich, spiegelt

ihm goldene Berge vor und grapscht ihm unter der Hand seine paar Hungerpfen-

nige aus der Tasche.

loth. Erachtest du dich nun als demaskiert?

hoffmann, roh. Ach was! Du l¨acherlicher, gespreizter Tugendmeister! Was mir das

wohl ausmacht, vor dir demaskiert zu sein! -- Arbeite lieber! Laß deine albernen

38Vgl. [1] Barnstorff, S. 91f.

39Vgl. [4] Cowen: Naturalismus, S. 11.


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

17

Faseleien! -- Tu was! Komm zu was! [. . . ]

[3. Akt {S. 62 o.}]

Hoffmann wertet Loths Gesellschaftskritik als pers¨onlichen Angriff auf ihn und kehrt die-

sen auf Loth um, indem er Loths Mittellosigkeit und, zuvor schon gegen¨

uber Helene, seine

Gef¨angnishaft zur Sprache bringt. Dabei gibt er aber auch die g¨angigen Praktiken im

Umgang der Reichen mit der sozialen Unterschicht preis: Verlangen von Gehorsam, Un-

terordnung und Bescheidenheit sowie die schlechte Bezahlung f¨

ur die harte Arbeit, nach

Loth also die Grund¨

ubel der kapitalistischen Ausbeutung.

2.4

Die Gesellschaftsordnung

Die soziale Zeitkritik besch¨aftigt sich mit den Wechselbeziehungen zwischen den Menschen,

bestimmter Gruppen und dem Staat, die das Zusammenleben derselben bedingen.40 Die

soziale Struktur der Klassengesellschaft, mit dem Adel als F¨

uhrer der Gesellschaftspyrami-

de, an sich mußte dem jungen Sozialisten Hauptmann ein Dorn im Auge sein, die Ordnung

widerspricht einerseits der sozialistischen klassenlosen Gesellschaft und stellt andererseits

eine erstarrte Struktur dar, die es aufzubrechen galt, um den unteren Schichten wirksam

zu helfen.41

2.4.1

Die Schichten

Mit den Kohlefunden in den l¨andlichen Gebieten Schlesiens entstand eine neue Geldklasse

neben dem etablierten B¨

urgertum. Die gesellschaftlichen Schichten wurden folglich nach

oben immer durchl¨assiger, auch zwischen dem Geldb¨

urgertum und dem Adel. Die feuda-

le Orientierung der Geldklasse war so auch ein entscheidendes Merkmal dieses Standes

der sozialen Oberschicht. Die Familie Krause stellt ein prototypisches Beispiel f¨

ur diese

Klasse dar. Nicht nur die die unteren St¨ande verh¨ohnende Verschwendungssucht tr¨agt zur

Herausbildung eines Klassengegensatzes bei, sondern v. a. das aktive Streben der Ober-

klasse weg von Ihrersgleichen fr¨

uherer Zeiten. Das Gastmahl f¨

ur Loth im 1. Akt steht

neben dem Prunk also f¨

ur das Bild, das die ehemals unteren Schichten von der Lebensart

des Adels haben. Offensichtlich wird die beanspruchte N¨ahe zum Adel etwa dadurch, daß

Frau Spiller im Tischgespr¨ach mehrmals eine adlige Personen anzitiert, deren Maximen

und Pseudo­Kultur sich die Familie zueigen gemacht hat, wie etwa die Jagdleidenschaft

und den ausschweifenden Alkoholkonsum (S. 24f. und 26f.).

40Vgl. [1] Barnstorff, S. 8.

41Vgl. Werner Ziegenfuss: [Hauptmann] [. . . ] zeichnet mit großer Treue, wie an jedem Menschen als

"

schicksalsbildende Faktoren Wirkungen der allgemeinen gesellschaftlichen Realit¨at jederzeit in Erschei-

nung treten: als Beruf, Stand, Stellung auf der einen und als dr¨angende und bedr¨angende individuelle

wirtschaftliche Situation auf der anderen Seite." In [15] Werner Ziegenfuss: Gerhart Hauptmann. Dich-

tung und Gesellschaftsidee der b¨urgerlichen Humanit¨at. Berlin: de Gruyter 1948, S. 97.


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

18

Die reichen Bauerngutsbesitzer verhelfen also gerade nicht ihrem eigenen Stand zu einer

besseren gesellschaftlichen Stellung, sondern fliehen im Gegenteil durch ihre Ann¨aherung

an den Adel vor der Identifikation mit ihm:

Habgier, R¨

ucksichtslosigkeit und das fast l¨acherliche Nach¨affen des Adels kennzeich-

nen die Empork¨ommlinge der neuen Gesellschaft. Alte Freunde werden als nicht

mehr standesgem¨aß abgeworfen, und neue gleichsituierte werden umworben. Dieses

Bild spielt immer wieder in der naturalistischen Literatur eine Hauptrolle.42

Die Familie Krause definiert sich ¨uber die Zugeh¨origkeit zur sozialen Oberschicht und der

N¨ahe zum reichen Adel. Durch die Verbindung der Verhaltensweisen der Krauses mit denen

des Adels ist aber klar, daß auch der Adel Zielscheibe der Kritik ist. Da der Adel wiederum

um 1890 in Deutschland die herrschende politische Klasse darstellt, ist darin auch eine

Kritik an der politischen F¨

uhrung selbst impliziert, die nicht die Voraussetzungen f¨

ur ein

konfliktloses Zusammenleben aller Menschen in einer Gesellschaft schafft und somit ihren

gesellschaftspolitischen Auftrag vernachl¨assigt.

Dagegen zeigt sich unter den Zugeh¨origen der unteren Schichten die Solidarit¨at in der Ar-

mut. Gerade in den Milieuszenen, die das Gesamtbild der Wirklichkeit durch die Alltags­

"

Mimesis" auf dem Gutshof vervollst¨andigen, wird neben der Funktion der Illustration des

Milieus, das Handeln bedingt durch die sozialen Verh¨altnisse vorgef¨

uhrt.43 Die Degenera-

tion und Armut der Landbev¨olkerung wird am Dorftrottel Hopslabaer gezeigt, die Solida-

rit¨at, wenn im 4. Akt die M¨agde und Beibst die magere, abgeh¨armte und ausgehungerte"

"

milchstehlende Kutschenfrau decken (S. 67).

Im Zentrum der Kritik steht auch die Verlogenheit der Bauern, die sich schon beim Ehe-

bruch von Frau Krause mit Wilhelm Kahl (2. Akt [S. 34]) gezeigt hatte, als Kahl Beibst mit

Schweigegeld mundtot machte.44 Sie wird am Ende des zweiten Akts noch gesteigert: Frau

Krause kehrt die gutb¨

urgerliche Scheinmoral ihrer Klasse hervor, die sie selbst sogar durch

einen Ehebruch unterminiert hatte, wenn sie die Bauernmagd Marie, die sie mit einem

Knecht im Bett erwischt hat, vom Hof jagen will (2. Akt [S. 45]). Helene, die sich unter

Loths Einfluß innerlich bereits von ihrer Stiefmutter und ihrem Galan Kahl distanziert und

diese angefeindet hat, setzt sich f¨

ur Marie ein und zwingt Frau Krause ihre Anordnung

zu widerrufen, indem sie droht, deswegen Frau Krauses Ehebruch mit Kahl aufzudecken

(4. Akt [S. 64f.]).

Der Rest an Stolz, den sich die unteren Klassen gegen¨

uber ihren Ausbeutern bewahrt

haben, zeigt sich schließlich im Selbstbewußtsein Maries. Sie lehnt die R¨

uckkehr nach

ihrer Entlassung, trotz eines Bestechungsversuchs (Gehaltserh¨ohung), zum Entsetzen von

Frau Spiller einfach ab.

42In [4] Cowen: Naturalismus, S. 17.

43Vgl. [9] Mittler, S. 230.

44Vgl. sp¨ater im 4. Akt auch die Ausspionierung Loths, der der Familie suspekt geworden ist, durch

Kahl und Frau Spiller.


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

19

2.4.2

Gesellschaft und Familie

Wir verstehen die Familie allgemein als konstitutive Einheit des Gesellschaftssystems, die

Klassenzugeh¨origkeit im besonderen als repr¨asentativen Ausdruck des Familienlebens in

einer Schicht. In Vor Sonnenaufgang steht also die Familie Krause nicht nur als exem-

plarischer Fall f¨

ur die Familienverh¨altnisse der neureichen Schicht, sondern auch f¨

ur die

Zust¨ande in der Gesellschaft allgemein, denn nat¨

urlich ¨außern sich die Urspr¨

unge und

Folgen gesellschaftlicher Entwicklungen v. a. in den Schicksalen der Menschen.

Loths Maulwurfsarbeit" (1. Akt [S. 16 u.])45 f¨ordert im Verlauf der Handlung immer

"

mehr die sozialen Probleme in der Idylle des Scheins der gutb¨

urgerlichen Familie und da-

mit der Gesellschaft zutage. So ist Hauptmann etwa ein entschiedener Kritiker der Heirat

aus Berechnung, die sich nach seiner ¨

Uberzeugung an beiden Ehepartnern durch ihren

Zerfall r¨ache. Er realisiert seine Vorstellung in Hoffmanns Geldheirat mit der reichen Bau-

erntochter Martha, die f¨

ur beide im Chaos endet: sie verlieren zwei Kinder als Opfer der

zunehmenden Degeneration in Folge der Alkoholkrankheit der ganzen Familie.46 Dabei

wird der Faktor Geld bei der Heirat aber nicht g¨anzlich abgelehnt, Loth beschreibt et-

wa, daß die sichere ¨okonomische Grundlage der Familie f¨

ur ihn die Voraussetzung f¨

ur die

unbesorgte Besch¨aftigung mit seinen Utopien ist.

Die konservative Grundposition der Familie Krause wird an der gesellschaftlich zugewie-

senen Stellung der Frau deutlich, wenn Hoffmann sich Helene gegen¨

uber weigert, sich als

"

Mann" um die Angelegenheiten des Hauses und der Betreuung seiner schwangeren Frau

zu k¨

ummern (1. Akt [S. 17]). Bezeichnend daf¨

ur ist auch, daß Hoffmann im 3. Akt aus-

gerechnet bei Loths Forderung nach Gleichberechtigung der Frau auch in Bezug auf die

Liebe und Sexualit¨at außer Fassung ger¨at (S. 57). Zus¨atzlich thematisiert Helene auch die

Gebundenheit der Frau gegen¨

uber den Freiheiten des Mannes: Ja, du hast es eben gut,

"

du kannst gehen, wohin du willst. [. . . ] Ich sollte bloß ′n Mann sein!" (S. 17 u.).

2.5

Die Familie

Die Darstellung des degenerativen Niedergangs der Familie Krause ist das zentrale Thema

der Gesellschaftskritik im Drama. An der Zerr¨

uttung der kleinsten gesellschaftlichen Ein-

heit, der Familie also, werden die gesellschaftlichen Mißst¨ande und ihre Symptome zuerst

deutlich. Der Verfall der Familie steht folglich f¨

ur den der Gesellschaft an sich. In den

Dramen Gerhart Hauptmanns ist die wichtigste Ursache f¨

ur den Zerfall der Familie der

45Vgl. den Begriff und das Bild der Ratten" in Hauptmanns gleichnamigem St¨uck (1911), das der

"

Bismarck­Anh¨anger Hassenreuter f¨

ur die Umst¨

urzler im Staat verwendet.

46Vgl. [1] Barnstorff, S. 104. Das ganze Ausmaß der Absurdit¨at der Situation der, dem Alkoholismus

verfallenen Frau Hoffmanns, Martha, wird deutlich, wenn Dr. Schimmelpfennig f¨

ur das Wohlergehen des

zweiten Kindes n¨

uchtern konstatiert: Von seiner Mutter trennen: Grundbedingung einer gedeihlichen

"

Entwicklung" (3. Akt [S. 47 m.]).


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

20

vererbbare" Alkoholismus, der ein klassenunabh¨angiges Ph¨anomen ist, mit all seinen Fol-

"

gesch¨aden. Dieser steht in Verbindung mit dem zweiten großen Thema, der Determination

aus den Erbanlagen und dem Milieu. Beides ist in Vor Sonnenaufgang zentral.47

2.5.1

Alkoholismus und Vererbung

Die Absicht der Naturalisten, die Verwissenschaftlichung der Wirklichkeitssicht" durch

"

das B¨

undnis mit den Naturwissenschaften zu erreichen, wird in Vor Sonnenaufgang in

der zentralen Frage der Vererbbarkeit des Alkoholismus deutlich. Hauptmanns Interesse

an Medizin und Sozialwissenschaften und sein Studium des vererbbaren" Alkoholismus

"

bei Auguste Forel in dessen Z¨

uricher Anstalt48 stellt den unmittelbaren Hintergrund dar.

Hauptmann ger¨at im Z¨

uricher Kreis" (1888) mit den Thesen der Kausaldetermination in

"

Kontakt, die er in seinem Fr¨

uhwerk zum Aufbau der Charaktere nutzt, von den Figuren

selbst vertreten l¨aßt und die ihm als weltanschauliche Grundlage f¨

ur sein soziales Drama"

"

dienen.

Der Hauptkonflikt des Dramas besteht zwischen den Folgen des Alkoholismus, dessen Ver-

erbbarkeit als Erbkrankheit" irrt¨

umlich angenommen wurde, und den Fragen der Eugenik.

"

Die Trunksucht z¨ahlt nach Hauptmann zu den gr¨oßten Gefahren f¨

ur die Gesellschaft. Die-

ses Problem wurde in Deutschland auch in der Entstehungszeit des Dramas auf vielfache

Weise und auf einer breiten gesellschaftlichen Basis diskutiert, seine Bedeutung f¨

ur das

Gemeinwesen l¨oste sogar ernsthafte ¨

Uberlegungen ¨

uber die Ausgliederung von Potatoren-

familien aus der Gesellschaft aus.

ur die unteren Schichten dient der Alkohol nach Hauptmann dabei v. a. als Narkotikum.

Wilhelm Kahl, ein grausamer, liederlicher und in Folge zunehmender Dekadenz sprachbe-

hinderter Mensch, der f¨

ur Hauptmann der typische Sohn eines alkoholkranken Vaters ist,

beschreibt im Tischgespr¨ach des 1. Akts die Situation unter den Arbeitern recht pr¨agnant:

Die saufen wie d′ Schweine" (S. 28). Doch wird die Ursache daf¨

ur als Angriff auf den Ka-

"

pitalismus formuliert: die kapitalistische Klasse trinkt, weil sie zu viel Zeit und Geld hat,

die proletarische Klasse, weil sie zu wenig Geld und zu viele Sorgen hat.49 Bei den Bau-

ern dient der Alkohol als Mittel, das psychologische Hemmungen beseitigt: Reizbarkeit,

Prahlsucht, Gewaltt¨atigkeit, sexuelle Enthemmung etc. sind die Folgen, wie wir sie auch

im Drama finden.50 Der Alkohol wirkt also sowohl physiologisch als auch psychologisch

destruktiv.

47Vgl. Rudolf Mittler: Es ist dies eine ungesellschaftliche biologistische Auffassung des Milieus, das

"

wesentlich durch die Problematik von Alkoholismus und Vererbung definiert wird." In [9] Mittler, S. 213.

48Im Z¨uricher Kreis" war es Hauptmanns Freund Alfred Ploetz, dessen unbedingter Idealismus dazu

"

uhrte, daß er zum Antialkoholiker wurde. Diese Entscheidung wiederum hat Hauptmann stark beeindruckt

und k¨onnte in die Figur des Loth direkt eingegangen sein. Vgl. auch [3] Cowen: Hauptmann­Kommentar,

S. 36.

49Vgl. [1] Barnstorff, S. 125.

50Vgl. [1] Barnstorff, S. 119f. und 122.


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

21

Alfred Loth tritt als ein Vertreter der Abstinenzbewegung des 19. Jht. auf. Seine Abstinenz

sorgt unter den Mitgliedern des Haushalts Krause bei Tisch (1. Akt) folglich auch f¨

ur

blankes Entsetzen. Seine zentrale Rede im Drama ¨

uber den Alkoholismus, seine Folgen

und die daraus zu ziehenden Konsequenzen f¨

ur das eigene Verhalten machen fr¨

uhzeitig

das Konfliktpotential zwischen ihm und der Familie deutlich und verweist bereits auf das

Ende der Beziehung zwischen Loth und Helene:

helene. F¨

ur so etwas m¨

ussen Sie einen sehr gewichtigen Grund haben -- denke ich

mir wenigstens.

loth. Der existiert allerdings. Sie, Fr¨aulein! -- und du, Hoffmann! wißt wahrschein-

lich nicht, welche furchtbare Rolle der Alkohol in unserem modernen Leben spielt. . .

[. . . ] Mir ist noch gerade in Erinnerung, was ein gewisser Everett ¨uber die Bedeu-

tung des Alkohols f¨

ur die Vereinigten Staaten gesagt hat. [. . . ] Er meint also: der

Alkohol hat direkt eine Summe von drei Milliarden und indirekt von sechshun-

dert Millionen Dollar verschlungen. Er hat dreihunderttausend Menschen get¨otet,

hunderttausend Kinder in die Armenh¨auser geschickt, weitere Tausende in die

Gef¨angnisse und Arbeitsh¨auser getrieben, er hat mindestens zweitausend Selbst-

morde verursacht. [. . . ] Die Wirkung des Alkohols, das ist das Schlimmste, ¨außert

sich sozusagen bis ins dritte und vierte Glied. -- H¨atte ich nun das ehrenw¨ortli-

che Versprechen abgelegt, nicht zu heiraten, dann k¨onnte ich schon eher trinken,

so aber. . . meine Vorfahren sind alle gesunde, kernige und, wie ich weiß, ¨außerst

m¨aßige Menschen gewesen. [. . . ] Und dies, siehst du, ist der Punkt: ich bin abso-

lut fest entschlossen, die Erbschaft, die ich gemacht habe, ganz ungeschm¨alert auf

meine Nachkommen zu bringen.

[1. Akt {S. 27f.}]

Neben den verheerenden Folgen f¨

ur K¨orper und Geist der Menschen sieht Loth als Volks-

wirt auch einfach ¨okonomische Argumente gegen den Alkohol, der dem Staat schadet und

den Menschen in die Armut treibt.

Im folgenden soll es nun um die detailliertere Rolle der Zentralfigur Loth und seiner un-

mittelbaren Bezugspersonen gehen. Bisher haben wir uns v. a. auf gesellschaftskritische

Aspekte im Handlungsstrang der Beziehungen zwischen Loth und dem Haushalt Krause

konzentriert. Jetzt soll der zweite wichtige Handlungsstrang, die Liebeshandlung zwischen

Loth und Helene mit ihrem n¨aheren Kontext (Hoffmann und Dr. Schimmelpfennig) im

Mittelpunkt stehen.

In bezug auf das Verh¨altnis der beiden Handlungsstr¨ange l¨aßt sich feststellen, daß sie ge-

nau gegenl¨aufig arbeiten: w¨ahrend Hoffmann und die anderen Figuren im Haushalt Krause

(Frau Krause, Frau Spiller, Kahl) versuchen, Loth loszuwerden, sucht Helene gerade Loths

Abreise zu verhindern. Helene und der Rest der Familie entfernen sich folglich zunehmend

von einander. Auch nehmen die vier Hauptfiguren bez¨

uglich des Gesellschaftssystems sehr

unterschiedliche Positionen ein: Loth bek¨ampft das System und seine Folgen, Helene ist

dem System zunehmend entfremdet, Hoffmann repr¨asentiert es, und Dr. Schimmelpfennig

macht es sich zunutze, indem er seinen eugenetischen Idealismus (L¨osung der Frauenfra-

ge) mit einem unverhohlenen Materialismus (Ausbeutung der Bauern zu diesem Zweck)


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

22

verbindet.

2.5.2

Die Zentralfigur Alfred Loth

Der mittellose, idealistische Sozialrevolution¨ar und Eugeniker Loth tritt als Fremder in

die verkommene Welt der Bauern und erscheint zun¨achst, im Kontrast dazu, als klares

Identifikationsangebot mit Prinizpien und Zielen. Ihm geht es nach eigenen Angaben nicht

um das pers¨onliche Gl¨

uck oder den Vorteil, sondern er setzt sich uneigenn¨

utzig f¨

ur die

sozial Schw¨achsten ein. Seine explizite Eigencharakterisierung im 2. Akt gegen¨

uber Helene

soll sein soziales Engagement aufzeigen:

loth. [. . . ] Mein Kampf ist ein Kampf um das Gl¨

uck aller; sollte ich gl¨

ucklich sein,

so m¨

ußten es erst alle andern Menschen um mich herum sein; ich m¨

ußte um mich

herum weder Krankheit noch Armut, weder Knechtschaft noch Gemeinheit sehen.

Ich k¨onnte mich sozusagen nur als letzter an die Tafel setzen.

[2. Akt {S. 40f.}]

¨

Ahnlich wie Loth hebt sich auch Helene Krause positiv von ihrer Umwelt ab, sie zeigt als

einzige aus der Familie menschliche Z¨

uge. F¨

ur Helene aber, die sich ebenfalls als Fremde

in ihrer Umgebung f¨

uhlt, steht weniger der Sozialrevolution¨ar im Vordergrund, sondern

der sehr, sehr gute[] Mensch" (S. 41) Loth. Helenes Charakter ist gepr¨agt durch die

"

Erziehung im Internat von Herrnhut (1. Akt [S. 20]). Ihre Sicht der Verh¨altnisse auf dem

Land wird dadurch wesentlich bestimmt, und f¨

ur sie als pietistischem und gef¨

uhlsbetontem

(naivem) Menschen51 repr¨asentiert das Milieu von Witzdorf, das dem von Herrnhut gerade

entgegengesetzt ist, alles, was Helene ablehnt (Schockerlebnis). Helene ist sich also bereits

vor Loths Einfluß auf sie bewußt, daß ihre derzeitige Situation einer Ver¨anderung bedarf.

Bereits im 1. Akt sch¨amt sie sich f¨

ur das geistlose Milieu der Bauern und scheut sich, mit

dem gebildeten Fremden" Loth am selben Tisch zu essen: Was brauche ich auch unter

"

"

gebildete Menschen zu kommen. Ich will nur ruhig weiter verbauern" (S. 16 m.). Helenes

Hoffnungslosigkeit ¨uber ihre Situation in diesem unertr¨aglichen Milieu bricht im 3. Akt,

nachdem Loth sie f¨

ur die ¨

Ubel dieser Welt sensibilisiert hat (2. Akt), im Gespr¨ach mit

Hoffmann, und hier bereits gekoppelt mit dem wichtigen Todesmotiv,52 aus:

helene, aufs neue heftig ausbrechend. Alles ist mir egal! Schlimmer kann′s nicht

kommen: -- einen Trunkenbold von Vater hat man, ein Tier -- vor dem die . . .

die eigene Tochter nicht sicher ist. -- Eine ehebrecherische Stiefmutter, die mich

an ihren Galan verkuppeln m¨ochte. . . Dieses ganze Dasein ¨uberhaupt -- Nein! --

ich sehe nicht ein, wer mich zwingen kann, durchaus schlecht zu werden. Ich gehe

51Vgl. das Nachsprechen der Liebesbekundungen in einer Laube (Topos [S. 72]).

52Das Todesmotiv ist w¨ahrend des gesamten St¨ucks f¨ur Helene relevant. Deutlich wird es beispiels-

weise im 2. Akt, wenn Helene auf ihr Lieblingsbuch verweist, Goethes Werther, das Loth als Buch f¨

ur

"

Schw¨achlinge" (S. 39 u.) bezeichnet. In der Tat ist Helene am Ende auch zu schwach, sich Loth anzu-

vertrauen, da dieser [f]¨

ur den innerlich leidenden Menschen" (vgl. [4] Cowen: Naturalismus, S. 161) kein

"

Verst¨andnis hat.


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

23

fort! ich renne fort -- und wenn ihr mich nicht loslaßt, dann. . . Strick, Messer,

Revolver!. . . mir egal! -- ich will nicht auch zum Branntwein greifen wie meine

Schwester.

hoffmann, erschrocken, packt sie am Arm. Lene!. . . Ich sag′ dir, still!. . . davon still!

helene. Mir egal! . . . mir ganz egal! -- man ist . . . man muß sich sch¨amen bis in

die Seele nein. -- Man m¨ochte was wissen, was sein, was sein k¨onnen -- und was

ist man nu?

[3. Akt {S. 48 m.}]

Helene, die den anderen Mitgliedern der Familie intellektuell ¨

uberlegen ist, sieht also v. a.

ihre Bed¨

urfnisse nach Bildung als nicht befriedigt an, wenn sie ihr Leben im Internat

mit der jetztigen Situation vergleicht. Sie ist innerlich wie ¨außerlich eine Fremde in dieser

Umgebung.53

Die geistigen Defizite, die f¨

ur sie im Vordergrund stehen, werden gerade durch Loth ausge-

glichen, sie lernt durch ihn neue Ideen kennen (Alkoholdiskussion [1. Akt], Verkehrtheiten,

Literaturempfehlungen [2. Akt] etc.) und verliebt sich schließlich in den potentiellen Retter

aus ihrem erniedrigenden Leben (Ende des 3. Akts). Helene urteilt also gepr¨agt durch ihre

pietistische Erziehung, anders als Loth, nicht prim¨ar auf der Basis von Gesellschaftskri-

tik, etwa an den sozialen Verh¨altnissen, sondern nach moralischen Kategorien, nach denen

Loth zu einem Vorbild f¨

ur sie wird:

Die Problematik dessen, wie der einzelne in bestimmten Verh¨altnissen steht oder

etwas gegen sie tut, wird nicht politisch oder sozial erfaßt, sondern -- am Beispiel

Loth und Helene -- als m o r a l i s c h e s U r t e i l ¨

u b e r d e n g u t e n

o d e r s c h l e c h t e n C h a r a k t e r ausgesprochen.54

Helenes Emp¨orung ¨

uber das Milieu verst¨arkt sich, durch Loths Anwesenheit als Beispiel,

im Verlauf des St¨

ucks immer mehr und gipfelt im offenen Bruch mit ihrer Familie, als

Hoffmann, der Helene tr¨osten will, indem er sich durch sein eigenes Schicksal in der Ehe

mit einer Alkoholikerin und einem durch den Alkoholismus get¨oteten Kind, mit Helene

solidarisiert, die Situation jedoch nur ausn¨

utzt, um ihr mit handgreiflicher Unterst¨

utzung

eine ehebrecherische Beziehung vorzuschlagen.

Doch Helene, die bereits nach einer Regieanweisung im 3. Akt mit naiver Andacht an

"

Loths Lippen h¨angt" (S. 55 o.), weist ihn zur¨

uck. Aufschlußreich f¨

ur den weiteren Verlauf

sind Hoffmanns Attacken auf Loth, die Helene ebenfalls zur¨

uckweist. Hoffmann warnt

Helene dabei sehr deutlich vor dem blinden Idealismus Loths:

hoffmann, wie vorher. [. . . ] Ich habe es an mir erfahren: er benebelt einem den

Kopf, und dann schw¨armt man von V¨olkerverbr¨

uderung, von Freiheit und Gleich-

heit, setzt sich ¨

uber Sitte und Moral hinweg . . . Wir w¨aren damals um dieser

53Vgl. S. 49 m.: H¨atte mein -- gutes -- M--Muttelchen das geahnt, -- als sie. . . als sie bestimmte --,

"

daß ich in Herrnhut -- erzogen. . . erzogen werden sollte. H¨atte sie -- mich lieber. . . mich lieber zu Hause

gelassen, dann h¨atte ich. . . h¨atte ich wenigstens nichts anderes kennengelernt, w¨are in dem Sumpf hier

auf. . . aufgewachsen. -- Aber so. . ."

54In [9] Mittler, S. 222.


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

24

Hirngespinste willen -- weiß der Himmel -- ¨uber die Leichen unserer Eltern hin-

weggeschritten, um zum Ziele zu gelangen. Und er, sage ich dir, w¨

urde erforderli-

chenfalls noch heute dasselbe tun.

[3. Akt {S. 51 u.}]

Hoffmanns Anklage gegen den Doktrin¨ar Loth weist also direkt voraus (foreshadowing) auf

Loths sp¨ateres Verhalten, wenn dieser tats¨achlich f¨

ur seine Prinzipien ¨

uber Helenes Leiche

hinweggeht.55 Hermann Barnstorff ordnet in diesem Zusammenhang die Figur Alfred Loth

sogar der um 1890 verst¨arkt auftauchenden Gruppe von Weltverbesserern" zu, die die

"

soziale Lage entsch¨arfen, durch fixe Ideen" die Menschheit zu reformieren suchten und

"

eine R¨

uckkehr zum Nat¨

urlichen predigten.56

Schließlich scheitert die Beziehung mit dem Resultat von Helenes Freitod auch an Loths

Bestimmtheit durch das Sozialreformertum und die Eugenik. Gerade Helenes Unwissen-

"

heit" ¨

uber die Vererbbarkeit des Alkoholismus und Loths Hinweis auf die Trinkerfamilien

ist der Grund f¨

ur ihr Schweigen ¨uber die Verh¨altnisse in ihrer eigenen Familie. Wenn Loth

also in Anwesenheit von Hoffmann und Helene ¨

uber die Anforderungen an seine Zuk¨

unfti-

ge angibt, Leibliche und geistige Gesundheit der Braut zum Beispiel ist conditio sine qua

"

non" (3. Akt [S. 56 u.]), so ist es f¨

ur Helene unm¨oglich, sich Loth zu offenbaren. Selbst in

der Liebesszene in der Laube im 4. Akt (S. 68­74) schafft es Helene nicht ¨

uber ihr dunkles

Geheimnis zu sprechen. Erneut stellt Loth n¨amlich seine Prinzipien ¨

uber pers¨onliche Be-

ziehungen ( Nur wer mich zum Verr¨ater meiner selbst machen wollte, ¨

uber den m¨

ußte ich

"

hinweggehen" [S. 74]) und bezeichnet die gesunden Erbanlagen der Eltern als ausschlag-

gebend f¨

ur die M¨oglichkeit der Beziehung. Helene weiß bereits hier, daß sie auf verlorenem

Posten steht, wenn sie Loth nicht ¨

uberreden kann, sie schnell zu heiraten; diese Einsicht be-

stimmt wesentlich ihr rasendes" Verhalten im 5. Akt. Die Liebesbeziehung, die die soziale

"

Thematik zunehmend in den Hintergrund zu schieben scheint, wird dann um so st¨arker

durch Loths Flucht57 kontrastiert, indem sie f¨

ur Loths gesellschaftliche Verpflichtungen

geopfert wird.58

Rudolf Mittler gibt zu bedenken, daß Helene sich einseitig von Loth abh¨angig macht, da-

durch daß sie ihr Fortgehen an Loths Begleitung bindet. Da dies ihre freie Entscheidung

sei, so Mittler, relativiere sich Loths Schuld am Freitod von Helene erheblich.59 Diese Sicht

kann m. E. jedoch nicht ¨

uberzeugen, denn fraglich ist, ob diese Stiftung eines Handlungs-

bezugs zwischen Helene und Loth wirklich ihrer Freiheit" entspringt. Gerade Loth hatte

"

55Hauptmann wurde stark von den Dramen Georg B¨uchners, v. a. Dantons Tod (1835), beeinflußt,

der ¨ahnlich wie Hauptmann wegen der Zerschlagung seines Geheimbunds nach Z¨

urich geflohen war und

dessen Grab Hauptmann w¨ahrend seines Aufenthalts besuchte. Immer wieder ist so auch auf die Parallelen

zwischen dem modernen politischen Demagogen Loth und dem Tugendmeister" Robespierre hingewiesen

"

worden.

56Vgl. [1] Barnstorff, S. 20.

57Peter Szondi sieht in diesem Ende v. a. die Erf¨ullung einer formalen Funktion des Charakters Loth,

denn die Form eines Dramas, das durch den Besuch eines Fremden erm¨oglicht wird [verlangt], daß dieser

"

zum Schluß von der B¨

uhne wieder abtrete." In [14] Szondi, S. 68.

58Vgl. [13] Sprengel, S. 71.

59Vgl. [9] Mittler, S. 224f.


2 GESELLSCHAFTSKRITIK IN VOR SONNENAUFGANG

25

ihr doch die schrecklichen Folgen des Alkoholismus vor Augen gef¨

uhrt, und Helene weiß,

daß sie diesen Krankheitserreger" in sich tr¨agt. Bedenkt man außerdem Helenes Pr¨agung

"

durch den Erl¨osungsgedanken (Pietismus, Herrnhut), so steht f¨

ur sie fest, daß sie ohne die

Errettung (Erl¨osung) und die Unterst¨

utzung durch Loth verloren und ihrer Determination

durch das Milieu ausgeliefert ist.

Die Unterhaltung von Loth und Dr. Schimmelpfennig im 5. Akt, die durch etliche Kon-

figurationswechsel immer wieder unterbrochen wird, offenbart schließlich die wirklichen

Verh¨altnisse in der Familie:

loth. Ich m¨ochte die hiesigen Verh¨altnisse studieren.

doktor schimmelpfennig, mit ged¨ampfter Stimme. Idee! Noch leiser. Da kannst

du bei mir auch Material bekommen.

loth. Freilich, du mußt ja sehr unterrichtet sein ¨

uber die Zust¨ande hier. Wie sieht

es denn so in den Familien aus?

doktor schimmelpfennig. Elend! . . . durchg¨angig . . . Suff! V¨ollerei, Inzucht und

infolge davon -- Degeneration auf der ganzen Linie.

[5. Akt {S. 82 m.}]60

Kurz vor dem Ende thematisiert Dr. Schimmelpfennig schließlich Loths Ideal einer Frau

ur seine Kinder: Wolltest doch immer so ′n Ur­ und Kernweib von wegen des gesunden

"

Blutes" (5. Akt [S. 80]). Denn Loth will ja gerade mit einer gesunden Frau den Idealmen-

schen zeugen. Das aber bedeutet anders gesagt, daß eine Rettung der Ausgebeuteten, f¨

ur

die er als Sozialist mit dem Ziel der Verbesserung der Umweltfaktoren eintritt, wegen ihrer

Determiniertheit ohnehin nicht m¨oglich ist. Die Arbeiterschaft kann im Sinne Loths also

genausowenig wie Helene gerettet werden. In dieses Bild paßt schließlich auch Loths Ab-

bruch der Arbeit ¨

uber die gesellschaftlichen Verh¨altnisse. Loths deterministischer Glaube

an die Vererblichkeit des Alkoholismus erweist sich als mentales Gef¨angnis". Entgegen

"

seiner erkl¨arten Liebe (Eheversprechen, Gl¨

ucksgef¨

uhl) und der proklamierten emanzipato-

rischen Gesinnung in der Frauenfrage entscheidet er sich im Konflikt f¨

ur seine abstrakten

Prinzipien und ¨uberl¨aßt Helene ihrem Schicksal:

Loths sozialreformerischer Habitus wie auch seine moralischen Maxime in Haupt-

manns Vor Sonnenaufgang beruhen auf einem mit wissenschaftlichem Anspruch be-

triebenen Studium der Wirklichkeit. Loth ist nach Weltbild und Lebensf¨

uhrung der

doktrin¨are Ideologe eines radikalen Biologismus, der menschliche Bindungen und Ver-

pflichtungen sich kalt und berechnend entzieht, als seine abstrakten Ideale von der

Wirklichkeit gepr¨

uft werden.61

Hauptmann deckt also Schw¨achen in Loths Theorien des Sozialreformertums auf, wenn

der das menschlich Problematische des Fanatikers"62 darstellt, denn Loths schw¨arme-

"

risch­verbissener Idealismus erweist sich mehr und mehr als realit¨atsfremd und Selbst-

uge. Loth ist aber keine tragische Figur (daher auch kein B¨osewicht), sondern verteidigt

60Vgl. f¨ur den konkreten Fall der Krauses auch S. 88.

61In [11] Schmidt, S. 174f.

62In [5] Guthke, S. 63.


3 REZEPTION UND WIRKUNG

26

seine Einstellung und Lehre selbst gegen Dr. Schimmelpfennig, der die Endg¨

ultigkeit dieser

Erkenntnisse (und damit die Wissenschaftsgl¨aubigkeit) auch um Helenes Willen anzweifelt

(S. 89).

Helene ist zum Scheitern determiniert, lediglich die Entscheidung zwischen ihrem ver-

pfuschten Leben und dem Freitod ist ihr ¨uberlassen. Nach Loths Weggehen fehlt jeder

Ausweg f¨

ur sie. Außerdem begreift Helene Loths Schritt wiederum als moralische Hand-

lung,63 die sie als unwert f¨

ur ihn hinstellt. Es bleibt foglich nur eine logische Konsequenz

und M¨oglichkeit der Erl¨osung ¨

ubrig, der Freitod:

Ich m¨ochte . . . m¨ochte den Herrn Doktor Loth. . . Eduard antwortet: Herr Dok-

tor Loth sind in des Herrn Doktor Schimmelpfennigs Wagen fortgefahren! Damit

verschwindet er im Zimmer Hoffmanns. Wahr! st¨oßt Helene hervor und hat einen

Augenblick M¨uhe, aufrecht zu stehen. Im n¨achsten durchf¨ahrt sie eine verzweifelte

Energie. Sie rennt nach dem Vordergrunde und ergreift den Hirschf¨anger samt

Geh¨ange, der an dem Hirschgeweih ¨uber dem Sofa befestigt ist. Sie verbirgt ihn

und h¨alt sich still im dunklen Vordergrund, bis Eduard, aus Hoffmanns Zimmer

kommend, zur Mittelt¨ur hinaus ist. Die Stimme des Bauern, immer deutlicher:

Dohie h¨a, biin iich nee a hibscher Moan? Auf diese Laute, wie auf ein Signal hin,

springt Helene auf und verschwindet ihrerseits in Hoffmanns Zimmer.

[5. Akt {S. 92 m.}]

Die Ger¨ausche des lallenden Bauern, der von alledem nichts mitbekommen hat, bleiben

schließlich allein auf der B¨

uhne zur¨

uck. Die verzweifelte Energie" Helenes ist ihre Frei-

"

"

heit",64 zwischen dem Freitod und den erniedrigenden Verh¨altnissen zu w¨ahlen. Doch wie

wir gesehnen haben, ist diese Entscheidung bereits mit Loths Weggehen getroffen worden.

Die Sterbeszene Helenes ist dabei gleichzeitig als ¨

Ubergang zur formalen Gestaltung, sowie

der Rezeption und Wirkung, ein gutes Beispiel f¨

ur die naturalistische Dramaturgie, wenn

die Gestik den Dialog oder Monolog ersetzt und der Raum selbst zum Mitspieler und

"

Tr¨ager der dramatischen Wirkung"65 wird.

3

Rezeption und Wirkung

Vor Sonnenaufgang l¨oste einen Theaterskandal und (wichtiger) eine folgenreiche B¨

uhnen-

revolution aus. Es steht als erstes soziales Drama Hauptmanns f¨

ur das gesellschaftskritische

Potential des Dramas des Naturalismus. Die enorme Reaktion beim Publikum ist auf die

63Vgl. [9] Mittler, S. 228.

64Die traumatische Erfahrung aus Akt 2 (S. 33), in dem der verwahrloste Bauer Krause Helene im Suff

wie eine Prostituierte behandelt, ihr Geld anbietet und schließlich sexuell bel¨astigt (versuchter Inzest),

wird in der letzten Szene von Akt 5 (S. 92) zum ausl¨osenden Moment f¨

ur den Entschluß zum Freitod.

65In [13] Sprengel, S. 73.


3 REZEPTION UND WIRKUNG

27

Spaltung in zwei ¨ahnlich starke Lager, einmal der lobenden Bef¨

urworter66 und zum anderen

der emp¨orten b¨

urgerlichen Kulturritter" zur¨

uckzuf¨

uhren.67

"

Das konservative, institutionalisierte Medium Theater v. a. kommerziellen Gepr¨ages stand

n¨amlich in Kontrast zur revolution¨aren dramatischen Literatur.68 Die strenge preußische

Theaterzensur f¨

uhrte folglich zur Gr¨

undung von Theatervereinen, etwa dem Verein Freie

"

uhne" im Lessingtheater Berlin (1889) unter der Leitung von Otto Brahm, in denen sich

literarische Freunde und Feinde trafen. Mit dem Skandal der geschlossenen Urauff¨

uhrung

(2. Auff¨

uhrung des Vereins) von Vor Sonnenaufgang am 20. Oktober 1889 wurde der

bis dahin v¨ollig unbekannte Hauptmann mit einem Schlag je nach Lager ber¨

uhmt bzw.

ber¨

uchtigt.69 Denn bereits mit der Er¨offnungsvorstellung der Freinen B¨

uhne", Ibsens Ge-

"

spenster (1881), war der Verein in den Mittelpunkt des k¨

unstlerischen Interesses getreten.70

Und in der Tat waren es Henrik Ibsens Dramen, die durch ihren Kampf gegen das Selbst-

verst¨andnis des B¨

urgertums, reihenweise Tabus auf der B¨

uhne zur Sprache brachten, die

Br¨

uchigkeit der b¨

urgerlichen Weltordnung bloßstellten und das gesellschaftskritische Po-

tential des Dramas vorf¨

uhrten. Das Spektakel der Urauff¨

uhrung von Vor Sonnenaufgang

mit Krawallen und mehreren Unterbrechungen mit hitzigen Diskussionen im Publikum,

sowie die Verrisse durch die konservative Kritik, aber auch einiger Naturalisten legen f¨

ur

diesen Einfluß Zeugnis ab. Eberhard Hilscher beschreibt die Sicht der angegriffenen Geld-

schichten:

Warum der L¨arm? Weil es hier ein junger K¨

unstler gewagt hatte, die Verlogenheit und

moralische Verkommenheit von Vertretern der b¨

urgerlichen Gesellschaft

naturali-

stisch

abzubilden. Im Sinne des Untertitels stehen hier

soziale

Mißst¨ande und

eine sehr gegenw¨artige kapitalistische Wirklichkeit am Pranger: Ausbeutung, Spe-

kualtion, Trunksucht, doppelte Moral und Verantwortungslosigkeit gegen¨

uber dem

keimenden Leben. Zudem f¨

uhrte die Zentralgestalt des St¨

uckes h¨ochst verd¨achtige,

sichtlich sozialdemokratisch infizierte Reden. Das gen¨

ugte. Noch war das Sozialisten-

gesetz in Kraft!71

Gegen Hauptmanns Zeitkritik erhoben sich auch klerikale und nationalistische Kreise, die

dem Dichter einerseits eine materialistische Weltanschauung und andererseits eine un-

"

deutsche Gesinnung" vorwarfen.72 Denn nat¨

urlich sind die Personen in einem sozialen

"

66Theodor Fontane war einer der prominentesten F¨ursprecher des St¨ucks. Vgl. dazu seine Rezension

der Urauff¨

uhrung Gerhart Hauptmann, ,Vor Sonnenaufgang`" in [12] Hans Joachim Schrimpf (Hrsg.):

"

Gerhart Hauptmann. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 1976, S. 10­18.

67Vgl. [3] Cowen: Hauptmann­Kommentar, S. 42 und weiter: ¨

Uberhaupt waren die Schlachtlinien schon

"

vor der Urauff¨

uhrung gezogen, nicht zuletzt, weil der Druck der Buchausgabe ihr bereits vorausgegangen

war."

68Vgl. [13] Sprengel, S. 48.

69Vgl. f¨ur die konfusen Umst¨ande der Urauff¨uhrung auch [7] Eberhard Hilscher: Gerhart Hauptmann.

Leben und Werk. Frankfurt/M.: Athen¨aum 1988, S. 95f.

70Vgl. [10] Paul Schlenther: Gerhart Hauptmann. Leben und Werke. Neue Ausgabe umgearb. und erw.

von Arthur Eloesser. Berlin: S. Fischer 1922, S. 61.

71In [7] Hilscher, S. 96­98.

72Vgl. [1] Barnstorff, S. 149.


3 REZEPTION UND WIRKUNG

28

Drama", hierauf hat auch Szondi schon hingewiesen, nur Beispiele und Repr¨asentanten,

die der Verdeutlichung der gesellschaftlichen Verh¨altnisse dienen und in der empirischen

Realit¨at tausendfach" vorhanden sind.73 Im Drama selbst wird ja von den schlesischen

"

Kohlebauern" als Repr¨asentanten der Korruption durch den Kapitalismus allgemein ge-

"

sprochen, es gibt, wie Dr. Schimmelpfennig konstatiert, kaum Ausnahmen (S. 82 m.).

Im Bestreben des Naturalismus nach einer wirklichkeitsnahen, zeitkritischen und aktivie-

renden Literatur74 setzte man auch in formaler Hinsicht auf eine naturalistische Darstellung

(Stilnaturalismus). Denn nicht nur die neuen Inhalte, sondern auch der neue Stil entstand

aus der historisch­gesellschaftlichen Notwendigkeit, er ist genauso wie die Thematik das

notwendige Ergebnis der kritisierten gesellschaftlichen Entwicklung. Dieser neue Stil ¨außert

sich etwa in den langen B¨

uhnenanweisungen (B¨

uhnenbild), den Personenbeschreibungen

(Steckbrief) und den Inszenierungsvorschriften, v. a. aber in der Alltags­Mimesis", i. e.

"

dem gezielten Nachvollziehen des allt¨aglichen Lebens und Verhaltens der Charaktere, die

den Zuschauer zur Auseinandersetzung mit seinen Problemen und dem dokumentarischen

Wert des Dramas f¨

uhren soll.75

Mit der Darstellung des Milieus der Bauern und Landarbeiter ist aber auch die Einf¨

uh-

rung dessen Sprache notwendig. Um die Wirklichkeit auch im Dialog einzufangen, griff

man zum Dialekt und Soziolekt, zu den kleinen Ungenauigkeiten der Alltagssprache und

ihren Wiederholungen ( Sekundenstil"). Die Charakterisierung des Sprechenden allein aus

"

seiner Sprachhandlung ist zentral, ebenso wie Ans¨atze zur Gestaltung der Sprachlosig-

keit durch die Sprache (vgl. Helenes Sterbeszene): die Sprache wird fragmentiert, es er-

scheinen Punkte, Gedankenstriche, Ausrufezeichen, Verst¨oße gegen die normale Redeform,

angestrebt wird auch hier die mimetische Reproduktion der Alltagssprache. Das stumme

Gesten­ und Mienenspiels erfuhr zudem eine enorme Aufwertung. Die k¨

uhne Gestaltung

des St¨

ucks brachte sogar eine Reihe von Parodien hervor:

Der Anreiz zur Parodie resultiert aus der ¨asthetischen Neuheit des Originals und fin-

det sein wirkungsgeschichtliches Pendant im schulbildenden Effekt, den dieses Drama

auf eine Reihe j¨

ungerer Naturalisten aus¨

ubte [. . . ].76

Die Naturalisten ernteten f¨

ur ihre Literatur herbe Kritik: das B¨

urgertum und der Adel kri-

tisierten die Rinnsteinkunst" (ber¨

uhmter Ausdruck von Kaiser Wilhelm), die Sozialdemo-

"

kraten warfen ihnen dazu die pessimistische Nichtdarstellung von ¨

Anderungsm¨oglichkeiten

der Situation vor. Dennoch gelang es den Dichtern der ersten Moderne", die bewußt pole-

"

misch und provokativ auf Publikumswirkung bedacht waren ( gezielter B¨

urgerschreck"77)

"

und sehr schnell Gegenstand ¨offentlichen Interesses und ¨

Argernisses wurden, innerhalb

urzester Zeit, die Aufmerksamkeit eines breiten b¨

urgerlichen Publikums auf soziale Fra-

gen zu lenken und die gesellschaftlichen Verh¨altnisse progressiv ver¨andern zu helfen. Die

73In [14] Szondi, S. 64f.

74Vgl. [11] Schmidt, S. 171.

75Vgl. [8] Mahal, S. 94.

76In [13] Sprengel, S. 69.

77In [9] Mittler, S. 54.


4 RES ¨

UMEE

29

literarische ¨

Offentlichkeit des Theaterpublikums, und das ist das zentrale Ziel der Natu-

ralisten, sollte also in eine politische umgewandelt werden.

Nach und nach etablierten sich die revolution¨aren naturalistischen St¨

ucke schließlich auf

der B¨

uhne. Bereits um 1894 konnten dann St¨

ucke wie Vor Sonnenaufgang oder De Waber

¨

offentlich aufgef¨

uhrt werden und wurden somit in den b¨

urgerlichen Kulturbetrieb einver-

leibt. Um diese Zeit setzt man auch das Ende der revolution¨aren Phase des Naturalismus

an.78 Bald danach und verst¨arkt durch die Aufhebung der Sozialistengesetze entfernten

sich die ehemaligen Naturalisten dann auch von den Zielen und Methoden der Str¨omung

und wandten sich individellen Projekten zu, wobei der Naturalismus nach Form und Wir-

kungsabsicht aber pr¨agend f¨

ur viele Nachfoger blieb.79

4

Res¨

umee

Die Arbeit hat versucht zu zeigen, in welcher Form und mit welchen Mitteln Gerhart

Hauptmann Gesellschaftskritik in Vor Sonnenaufgang realisiert. Im Zusammenhang mit

dem real­zeitgeschichtlichen Hintergrund, unter dem wir die Argumentation des Textes

betrachtet haben, ergab sich ein breites Spektrum und enormes Potential an gesellschafts-

kritischen Aspekten, die der Autor f¨

ur das Drama und das Theater der Zeit in Deutschland

aktualisierte. G¨

unther Mahal faßt die Elemente der literarischen Umw¨alzungen der Protest-

str¨omung Naturalismus, die wir auch an unserem Drama feststellen konnten, zusammen:

[Die naturalistische Literatur vollzog einen grundlegenden Wandel] in der ¨astheti-

schen Dimension ([. . . ] [Wahrheitspostulat, Aktualit¨atsanspruch]), in der Funktions-

bestimmung der Literatur (aufkl¨arerische Betonung des prodesse), im Menschenbild

(Determination), in der gezielten Psychographie und Pathographie (Charaktersezie-

rung [Tiefenstrukturen], Vererbungsproblem, Alkoholismus), schließlich in der Spren-

gung literarischer Tabus (sowohl stofflich wie sprachlich) und nationaler Literatur-

grenzen (Internationalisierung) und in der Aufgabe dichterischen Elfenbeinturmda-

seins (Ver­Natur­Wissenschaftlichung, Experiment, Analyse).80

Gerhart Hauptmanns soziales Drama" steht also im Kontext der literatur­ aber auch

"

gesellschaftshistorischen Umbruchsituation der Moderne am Ende des 19. Jht. Bereits in

Vor Sonnenaufgang finden wir daher die thematische und stilistische Revolution vor, die

sich als wesentlicher Impuls f¨

ur Nachfolger auch anderer Literaturverst¨andnisse und als

Bestandteil des gesellschaftskritischen Dramas in der Folgezeit erwies.

78Vgl. [13] Sprengel, S. 53.

79Vgl. f¨ur die Nachwirkungen des Naturalismus auch [8] Mahal, S. 182f.

80In [8] Mahal, S. 22.


LITERATUR

30

Literatur

[1] Barnstorff, Hermann: Die soziale, politische und wirtschaftliche Zeitkritik im Werke

Gerhart Hauptmanns. Band 34 der Reihe Jenaer Germanistische Forschungen. Jena:

Frommann, 1938.

[2] Bartels, Adolf: Gerhart Hauptmann, 2., vermehrte Auflage. Berlin: Felber, 1906.

[3] Cowen, Roy C.: Hauptmann­Kommentar zum dramatischen Werk. M¨

unchen: Wink-

ler, 1980.

[4] Cowen, Roy C.: Der Naturalismus. Kommentar zu einer Epoche, 3., bibl. erw. Auflage.

unchen: Winkler, 1981.

[5] Guthke, Karl S.: Gerhart Hauptmann. Weltbild im Werk. G¨ottingen: Vandenhoeck &

Ruprecht, 1961.

[6] Hauptmann, Gerhart: Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama (1889), 23. Auflage. Band

44979 der Reihe Ullstein Theater Texte. Frankfurt/M. und Berlin: Ullstein, 1992.

[7] Hilscher, Eberhard: Gerhart Hauptmann. Leben und Werk. Frankfurt/M.: Athen¨aum,

1988.

[8] Mahal, G¨

unther: Naturalismus. M¨

unchen: Fink, 1982.

[9] Mittler, Rudolf: Theorie und Praxis des sozialen Dramas bei Gerhart Hauptmann.

Band 23 der Reihe Germanistische Texte und Studien. Hildesheim: Olms, 1985.

[10] Schlenther, Paul: Gerhart Hauptmann. Leben und Werke. Neue Ausgabe umgearb.

und erw. von Arthur Eloesser. Berlin: S. Fischer, 1922.

[11] Schmidt, G¨

unter: Die literarische Rezeption des Darwinismus. Das Problem der Ver-

erbung bei ´

Emile Zola und im Drama des deutschen Naturalismus. Berlin: Akademie­

Verlag, 1974.

[12] Schrimpf, Hans Joachim (Hrsg): Gerhart Hauptmann. Band 207 der Reihe Wege der

Forschung. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft, 1976.

[13] Sprengel, Peter: Gerhart Hauptmann. Epoche ­ Werk ­ Wirkung. M¨

unchen: C. H.

Beck, 1984.

[14] Szondi, Peter: Theorie des modernen Dramas 1880­1950, 2. Auflage. Frankfurt/M.:

Suhrkamp, 1965.

[15] Ziegenfuss, Werner: Gerhart Hauptmann. Dichtung und Gesellschaftsidee der b¨ur-

gerlichen Humanit¨at. Berlin: de Gruyter, 1948.



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