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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 72 Pages
Authors: Florian Naporra, Alexandra Ströhlein
Subject: Economics / Business: Didactics, Economic Pedagogy
Details
Institution/College: University of Bamberg
Tags: Portfolio, Methode, Rahmen, Lernkultur“, Eine, Alternative, Leistungsbewertung, Forschungsfragen, Wirtschaftspädagogik
Year: 2008
Pages: 72
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-09643-5
File size: 1171 KB
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Fulltext (computer-generated)
Das pädagogische Portfolio
als Methode im Rahmen
einer ,,neuen Lernkultur"
Eine objektive Alternative
der schulischen Leistungsbewertung?
Seminararbeit im Wintersemester 2007/08
Seminar ,,Vom Umgang mit Werten" -
Forschungsfragen der Wirtschaftspädagogik
Ein Gemeinschaftsprojekt von:
Florian Naporra, Dipl.-Kfm.
Alexandra Ströhlein, RA-Fachangest.
Wirtschaftspädagogik I
Wirtschaftspädagogik II (mit Kath. Theol.)
Inhalt
1 Problemstellung
und Überblick 4
2
Leistungsverständnis im Rahmen einer neuen Lernkultur 7
2.1 Kompetenzentwicklung als Unterrichtsziel 7
2.2 Das konstruktivistische Lernverständnis 10
2.3 Die Lehr-Lern-Konzeption ,,Selbstorganisiertes Lernen" nach SEMBILL 11
2.4 Die ,,Rahmenkonzeption offenen Unterrichts" nach BOHL 15
2.5 Die Elemente der ,,neuen Lernkultur" nach WINTER 16
2.6 Ein erweiterter pädagogischer Leistungsbegriff 18
2.7 Bildungspolitische und praktische Umsetzung 19
3 Das
(pädagogische) Portfolio 21
3.1 Komponenten der Portfolioarbeit 22
3.2 Portfoliotypen 25
3.3 Einbindung von Portfolios in den Unterricht 28
3.4 Das Portfolio als Instrument der Kompetenzdarstellung 29
4
Die Beurteilung von Schülerleistungen 30
4.1 Begriffsabgrenzung 30
4.2 Funktionen und Adressaten der schulischen Leistungsbeurteilung 31
4.3 Bezugssysteme der Leistungsbeurteilung 32
4.4 Gütekriterien der Leistungsbewertung 33
5
Kritik an der Leistungsbeurteilung mittels Ziffernnoten 34
5.1 Fehlerquellen bei der Leistungsbeurteilung 35
5.2 Schlechterfüllung der messtheoretischen Gütekriterien 36
5.3 Probleme in Bezug auf die Funktionen der Leistungsbeurteilung 37
5.3.1 Allokations- und Klassifikationsfunktion 37
5.3.2 Kontroll-
und
Berichtsfunktion 37
5.3.3 Pädagogische Funktion 37
5.4 Zwischenfazit und Ausblick 38
6
Neue Ansätze und Konzepte der Leistungsbeurteilung 39
6.1 Prinzipien der Leistungsbeurteilung in einer neuen Lernkultur 40
6.1.1 Leistungsbeurteilung und eine höhere Selbstständigkeit der Schüler 40
6.1.2 Gelebte Demokratie bei der Leistungsbeurteilung 40
6.1.3 Prozessorientierung
der Leistungsbeurteilung 41
6.1.4 Leistungsbeurteilung beim Lernen in komplexen Situationen 41
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6.2 Durchführung der Leistungsbewertung 42
6.2.1 Auswahl
der
Beurteilungsobjekte 42
6.2.2 Festlegung der Beurteilungskriterien 43
6.2.3 Festlegung
der Beurteiler 44
6.2.4 Form und Kommunikation des Bewertungsergebnisses 44
6.2.5 Leistungsbeurteilung in einem pädagogischen Kreislaufmodell 45
6.3 Einsatz pädagogischer Portfolios zur Leistungsbeurteilung 45
6.3.1 Leistungsinformationen aus dem Portfolio 46
6.3.2 Bewertung und Benotung von Portfolios 46
6.3.3 Portfolios
als
Instrument pädagogischer Reformen? 47
7
Untersuchung zur Objektivität einer Portfoliobewertung 47
7.1 Datenbasis 48
7.1.1 Die
untersuchten Portfolios 48
7.1.2 Rahmenbedingungen der Bewertung 48
7.1.3 Festlegung
des
Kriterienkatalogs 49
7.1.4 Abkürzungen
in
der Datenbasis 51
7.2 Datenauswertung 51
7.2.1 Grafische Analyse der Gesamt-Durchschnittsnoten 51
7.2.2 Grafische Analyse einzelner Bewertungsitems/-blöcke über alle Portfolios 53
7.2.3 Grafische Analyse der Notenverteilung in einzelnen Portfolios 55
7.2.4 Statistische
Auswertung der Daten mit SPSS 56
7.3 Zusammenfassung und Interpretation 58
8 Diskussion
und
Ausblick 59
Literatur 63
Abbildungsverzeichnis 69
Tabellenverzeichnis 70
Anhang 71
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1 Problemstellung und Überblick
,,Die Frage nach der Notwendigkeit, der Berechtigung und der Zumutbarkeit von Leistung ist
ein Problem, das den Menschen in seiner Geschichte unablässig begleitet hat" (LIEDTKE 1981,
10). Wir leben in einer ,,Leistungsgesellschaft", in der die individuelle Leistung des Menschen
ein entscheidendes Kriterium für seine berufliche und soziale Stellung ist1 (TOPSCH 2007, 134).
Das Marktprinzip steht heute wenn auch hinsichtlich sozialer Aspekte korrigiert im
Zentrum unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Das Individuum hat den Anreiz,
seine persönlichkeits- und begabungsadäquaten Fähigkeiten zu entwickeln, und so werden
,,unter optimaler Nutzung der Ressourcen einer Gesellschaft (...) Produktivität, Lebens-
standard und Fortschritt [gesichert]" (JÜRGENS 2005a, 14).
,,Die Schule darf sich mit Stolz auch als Leistungsschule verstehen" (KRAUß 1999, 2), und ihr
kommen in diesem Kontext zwei zentrale Hauptfunktionen zu: Erstens ermöglicht sie
individuellen Wissenserwerb und Kompetenzaufbau, und zweitens entscheiden ihre
Leistungsurteile (z.B. Abiturnoten) über gesellschaftliche und berufliche
Zugangsmöglichkeiten (Allokations-
funktion durch Klassifikation der
Individuen) (JÜRGENS 2005a, 56). Zur
Illustration dieser Zusammenhänge sei auf
die nebenstehende Abb. 1 verwiesen.
Während fachliche und allgemeine
geistige Fähigkeiten lange Zeit im
Vordergrund standen
(WEINERT 2001, 355), ist heute vor dem
Hintergrund eines stärkeren internatio-
nalen Wettbewerbs von Volkswirtschaften
Abb. 1: Leistungsschule und Leistungsbewertung im Kontext
der Leistungsgesellschaft. Quelle: eigene Darstellung.
und Unternehmen (Stichwort Globali-
sierungsdebatte), sowie Bildungssystemen (Stichwort PISA-Studie), ein breiter Aufbau
1 Die ,,Leistungsgesellschaft" wird in der Literatur äußerst kontrovers diskutiert. So weist z.B. KLAFKI (1976, 152)
auf das notwendige, aber nicht vollständig gewährleistete Vorliegen von sozialer Chancengerechtigkeit und
eindeutigen Maßstäben der Leistungsbewertung hin, und viele Autoren nennen eine Reihe weiterer
beobachtbarer Kriterien für beruflichen und sozialen Erfolg, z.B. soziale Herkunft, Geschlecht, Religions- oder
Parteizugehörigkeit, Machtkonstellationen und Ideologien (u.a. TOPSCH 2007, 134; KLAFKI 1976, 155; JÜRGENS
2005a, 16), wodurch das Leistungsprinzip insgesamt in Frage gestellt ist.
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individueller Kompetenzen als weitere, ganz zentrale Zielsetzung von Schule und Unterricht
anerkannt, wobei z.B. BIRENBAUM (1996, 4) nach kognitiven, meta-kognitiven, sozialen und
emotionalen Kompetenzen unterscheidet. Die Erkenntnis, dass dies im Rahmen eines
,,traditionellen", stark lehrerzentrierten Verständnisses von Schule und Unterricht nur sehr
begrenzt möglich ist, prägt die aktuelle Diskussion der Didaktik in Wissenschaft, Politik und
Praxis. Ausgehend von einem konstruktivistischen Lernverständnis und anknüpfend an die
Konzepte der Reformpädagogen des letzten Jahrhunderts werden unter dem Schlagwort
einer ,,neuen Lernkultur" stärker schülerzentrierte Konzepte entwickelt: Selbstorganisiertes
Lernen wie es z.B. SEMBILL (siehe Abschnitt 2.3) detailliert beschreibt erfordert innovative
Lehr-Lern-Arrangements, deren Methoden unter dem Begriff des ,,offenen
Unterrichts" zusammengefasst werden können (z.B. BOHL 2005, 13-20), und die seit den
1990-er Jahren in der deutschen Schulpraxis eine steigende Verbreitung gefunden haben
(JÜRGENS 2005b, 9), wenngleich auf Seiten der Lehrer große Skepsis hinsichtlich Eignung und
Realisierbarkeit den nach wie vor geringen Anteil an der gesamten Unterrichtszeit erklären
(BOHL 2005, 11; 40).
Schulische Leistungsbewertung findet weiterhin hauptsächlich in Form der Zensierung mit
Ziffernnoten statt, die WINTER (2003, 500) als ,,wenig genau und subjektiv, [sowie]
pädagogisch kontraproduktiv vor allem für den Aufbau einer neuen Lernkultur" bezeichnet,
denn es kommt beispielsweise im ,,rücksichtslose[n] Kampf um die gute Leistung" bzw. Note
,,zum Gebrauch ,unerlaubter Hilfsmittel` (...). Die Schule wird zu einer seltsam verkehrten
Welt, in der sonst abgelehnte Verhaltensweisen gelten: Schwindel und Betrug; und in der
sonst ausgesprochen positiv gewertete Verhaltensweisen vom Lehrer geahndet werden
müssen: gegenseitige Hilfe, Zusammenarbeit in verschiedenster Form" (WEISS 1989, 19).
Zudem sind Ziffernnoten aufgrund ihrer Aggregation und Quantifizierung nur bedingt
geeignet zur Erfüllung der pädagogischen Diagnose- und Rückmeldefunktion als wertvolles
Feedback für Schüler und Lehrer zur Gestaltung und Verbesserung von Lernprozess und
Ergebnissen (JÜRGENS 2005a, 57).
Eine ganze Reihe von Funktionen wurde der schulischen Leistungsbeurteilung mittels
Ziffernnoten übertragen, die sie jedoch nicht in befriedigender Weise erfüllen kann.
Nachdem die Zensuren auch messtheoretischen Gütekriterien nicht standhalten, gehen
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manche Autoren so weit, für die generelle Abschaffung von Ziffernnoten und deren Ersatz
z.B. durch ,,Direkte Leistungsvorlagen" zu plädoyieren (VIERLINGER 1998). Dies steht jedoch
zum jetzigen Zeitpunkt kaum ernsthaft zur Debatte Lehrer müssen Noten vergeben (BOHL
2005, 50). Notwendig sind neue Formen der Leistungsbewertung, die sich speziell für neue
Unterrichtsarrangements eignen und den Kompetenzaufbau der Schüler unterstützen statt
konterkarieren. Das aber ist wissenschaftlich ,,vernachlässigt worden und liegen geblieben",
obwohl die Leistungsbeurteilung aufgrund der Interdependenz mit den Lehr- und
Lernmethoden gleichzeitig mit diesen weiterentwickelt werden müsste (WINTER 2006a, 1).
Abschnitt 6 zeigt auf Basis der existierenden Literatur die Ausgestaltung einer
,,reformierten" Leistungsbeurteilungspraxis auf, z.B. die Berücksichtigung von Lernprozess
und Selbstbewertung der Schüler.
Als innovative Methode des Lernens und der Kompetenzentwicklung, sowie der
Leistungsbeurteilung wird das pädagogische Portfolio momentan intensiv diskutiert und
propagiert. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine zielgerichtete Sammlung von Lern- und
Leistungsdokumenten zu Dokumentations-, Bewertungs- oder Präsentationszwecken. In
Abschnitt 3 wird das Portfolio ausführlich dargestellt und in Abschnitt 6.3 wird es bezüglich
seiner Potenziale als Instrument der Leistungsbewertung analysiert.
Die Erstellung von Portfolios ist ein Prozess mit großen individuellen Gestaltungsspielräumen,
weil i.d.R. nicht erst die Auswahl der Inhalte, sondern schon die Themenwahl und
Zielsetzung in einem mehr oder weniger engen Rahmen (z.B. Schulfach) durch den Ersteller
selbst beeinflusst und festgelegt werden können. Das wiederum lässt vermuten, dass auch
die Interpretationsspielräume bei der Beurteilung und Bewertung von Portfolios groß sind.
Obwohl das ,,Leitprinzip bei der Notengebung (...) das Bemühen um mehr Objektivität und
Gerechtigkeit sein [muss]" (BRÜTTING 1981, 218), ist Objektivität häufig nicht gewährleistet,
wobei sich jedoch ,,in unseren Schulen eine nicht mehr diskutierte Scheinobjektivität
entwickelt [hat]" (KRAUß 1999, 13). Die Objektivität als eines der drei messtheoretischen
Gütekriterien scheint besonders bei Portfolios aufgrund von deren stark individueller
Prägung besonders problematisch. Der empirische Teil dieser Arbeit untersucht deshalb
genau diesen Aspekt: Vier von Studenten der Universität Bamberg erstellte Portfolios
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wurden von sechs Lehrern hinsichtlich einer Reihe von Kriterien unabhängig voneinander mit
Schulnoten bewertet. Objektivität läge dann vor, wenn diese Beurteiler zu intersubjektiv
übereinstimmenden Beurteilungen kommen würden (LISSMANN 2000, 318), was die
Rangordnung der Portfolios und die Einschätzung der Subkriterien betrifft. In der
Auswertung der Untersuchung wird gezeigt, ob und inwieweit die sechs Beurteiler der
bewerteten Portfolios zu übereinstimmenden und damit offenbar objektiven Ergebnissen
kommen.
Die vorliegende Arbeit verfolgt damit letztlich zwei zentrale Zielsetzungen: Zum einen sollen
vor dem Hintergrund neuer didaktischer Konzepte die Mängel der traditionellen schulischen
Leistungsbewertung aufgezeigt werden, sowie neue, innovative Ansätze der Leistungs-
beurteilung zu deren Behebung. Zum anderen soll das pädagogische Portfolio als innovative
Lern- und Leistungsbeurteilungsmethode vorgestellt und hinsichtlich eines kritischen
Aspekts der Objektivität von Portfoliobeurteilungen untersucht werden.
2 Leistungsverständnis im Rahmen einer neuen Lernkultur
"Quand les maîtres cesseront dénseigner, les élèves pourront enfin apprendre"2
(Baron de Montesquieu, nach WINTER 2006a, IV).
2.1 Kompetenzentwicklung als Unterrichtsziel
Die allgemeine Zielsetzung von Unterricht kann nach BIRENBAUM (1996, 4) folgendermaßen
umschrieben werden: "to prepare the student to function successfully both in school and
outside it, in the present and in the future". Traditioneller, lehrerzentrierter Unterricht zielt
jedoch vor allem auf fachliche Leistungen ab (WEINERT 2001, 355), obwohl wie WEISS schon
vor 20 Jahren feststellte vom vermittelten Schulwissen nur wenig in Erinnerung bleibt
(WEISS 1989, 211) und ein beträchtlicher Teil der in der Schule geforderten Leistungen
wirtschaftlich belanglos sei (WEISS 1989, 18). Eine erfolgreiche Lebens- und
Berufsvorbereitung scheint damit nur in unvollständiger Weise möglich. Insbesondere mit
Blick auf die dynamischen Veränderungen der Rahmenbedingungen und Anforderungen in
2 Frei übersetzt: ,,Wenn die Lehrer mit dem Lehren aufhören würden, könnten die Schüler endlich lernen."
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Beruf und Gesellschaft ist dies nicht nur für den Einzelnen nachteilig, sondern droht die
Zukunftschancen und den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand einer Volkswirtschaft im
internationalen Wettbewerb zu gefährden. Dieser Wettbewerb umfasst auch die Qualität
und Leistungsfähigkeit von Bildungssystemen, die mit immer neuen internationalen
Vergleichsstudien wie PISA, IGLU oder TIMSS evaluiert werden (BMBF 2008a).
In dem durch Pluralismus und ständige Veränderung gekennzeichneten "Informa-
tionszeitalter" müssen die Schüler neben fachlichem Grundwissen deshalb vor allem die
Fähigkeit zu lebenslangem Lernen und zur Lösung neuer, nicht vorhersehbarer Probleme
entwickeln (BIRENBAUM 1996, 4). Handlungskompetenz gilt es aufzubauen, damit Jugendliche
,,in ethischer Verantwortung in Beruf, Freizeit, Gesellschaft und Privatleben sich stellende
Aufgaben übernehmen [können]" (KRAUß 1999,2), wobei Handlungskompetenz ,,die
potenzielle Fähigkeit, also die Gesamtheit der Schemata [bezeichnet], über die ein Mensch
verfügt" (SEIFRIED
2004, 85). "[This] demands an adaptable, thinking, autonomous person,
who is a self-regulated learner, capable of communicating and cooperating with
others" (BIRENBAUM 1996,4). Immer eindringlicher wird deshalb von wissenschaftlicher und
auch politischer Seite der Aufbau bestimmter ,,Subkompetenzen" der Handlungskompetenz
als zusätzliches Bildungsziel bzw. erweiterter Lernbegriff formuliert (z.B. WEINERT 2001, 355;
BOHL 2005, 20; KULTUSMINISTERIUM 2008; ISB 2006, 2).
Beispielhaft für eine Vielzahl an Systematisierungen der spezifischen Kompetenzen sollen in
Tab. 1 und 2 zwei Ansätze wiedergegeben werden:
Spezifische Kompetenzen nach BIRENBAUM
:
cognitive competencies such as problem solving, critical thinking, formulating questions,
searching for relevant information, making informed judgements,
efficient use of information, conducting observations,
investigations, inventing and creating new things, analyzing data,
presenting data communicatively, oral and written expression
meta-cognitive
such as self-reflection, or self-evaluation
competencies
social competencies
such as leading discussions and conversations, persuading,
cooperating, working in groups, etc.
affective dispositions
such as for instance perseverance, internal motivation, initiative,
responsibility, self-efficacity, independence, flexibility, or coping
with frustrating situations
Tab. 1: Specific competencies. Quelle: BIRENBAUM (2006, 4; aus dem Fließtext übernommen).
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Kompetenzen in der Systematisierung des ISB
:
Dimension
.. zu verstehen als Befähigung und Bereitschaft,...
Selbst-, Personal- bzw.
... eigene Begabungen und Fähigkeiten zu erkennen und zu
Humankompetenz
entfalten, Identität und durchdachte Wertvorstellungen zu
entwickeln sowie Lebenspläne zu fassen und zu verfolgen.
Selbstständigkeit, Kritikfähigkeit, Konzentrationsfähigkeit,
Selbstvertrauen, Zuverlässigkeit, Leistungsbereitschaft sowie
Verantwortungsbewusstsein.
Sozialkompetenz
... soziale Beziehungen aufzubauen und zu gestalten.
Teamfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Toleranz und Solidarität,
Gemeinschaftssinn, Hilfsbereitschaft, Kommunikationsfähigkeit.
Methodenkompetenz
... zu zielgerichtetem, strukturiertem und effektivem Vorgehen bei
der Bearbeitung von Aufgaben und Problemen.
gelernte Denkmethoden, Arbeitsverfahren, Lösungs- oder
Lernstrategien selbstständig anwenden, reflektieren und
weiterentwickeln können.
Fachkompetenz
... Aufgaben und Probleme mit Hilfe fachlicher Kenntnisse und
Fertigkeiten zielorientiert, sachgerecht und selbstständig zu
bewältigen sowie das Ergebnis zu beurteilen.
Tab. 2: Systematisierung in Anlehnung an die Kultusministerkonferenz (KMK 2004, 9 ff.). Quelle: in Auszügen wörtlich
übernommen aus ISB (2006, 2).
Nicht allein fachliches Wissen, sondern erst der Aufbau der genannten fachlichen und
überfachlichen Kompetenzen bildet das individuelle Fundament für lebenslanges Lernen und
die Fähigkeit, sich wechselnden Anforderungen immer neu zu stellen. Dauerhafte
Normalarbeitsverhältnisse nehmen in ihrer Bedeutung ab und Arbeitnehmer wechseln
immer öfter zwischen verschiedenen Berufsfeldern. Der Einzelne muss dabei seine
,,Employability" sicherstellen (IBE 2006) er
trägt selbst die Verantwortung für seine
lebenslange Weiterentwicklung und den
Aufbau und Erhalt seines eigenen ,,human
capital", das GRATTON & GHOSHAL (2003, 2-3) in
intellektuelles, soziales und emotionales
,,Kapital" unterteilen (siehe Abb. 2).
Die folgenden Abschnitte zeigen aufbauend
auf dem konstruktivistischen Lernverständnis -
Abb. 2: Dimensionen des eigenen Humankapitals.
Quelle: GRATTON/GHOSHAL (2003, 2).
auf, wie vor allem durch selbstorganisiertes
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Lernen und in offenen Lehr-Lern-Arrangements eines kompetenzorientierten
Schulunterrichts die Grundlagen dafür geschaffen werden können.
2.2 Das konstruktivistische Lernverständnis
Offener Unterricht wie unten dargestellt ist das Ergebnis konstruktivistischer
Überlegungen zum Lernen und der Auffassung moderner Unterrichtsforscher, dass der
bisherige institutionalisierte Unterricht an unseren Schulen umgestaltet werden muss (WOLFF
1997, 107). Daher wird im Folgenden das Konzept des Konstruktivismus kurz aufgegriffen
und erläutert.
Kern des Konstruktivismus ist die Auffassung, dass ,,jede Form der Wissensübertragung von
einer Person (Lehrer) auf eine andere (den Schüler)" nicht objektiv stattfinden kann (DUBS
1995, 28). Ergebnis dieser Annahme ist die Notwendigkeit, dem ,,Lernenden zu helfen, neue
Informationen in das eigene Denken einzubauen, ihnen Sinn und Verständnis zu geben,
damit sie immer wieder einen neuen (erweiterten) Sinn bekommen" (DUBS 1995, 28). Ziel ist
es zu erreichen, dass der Lernende nicht nur bereits gelerntes Wissen wiederholen kann,
sondern dass er ,,neues Verständnis generieren, demonstrieren und präsentieren [kann]"
(DUBS 1995, 28).
Grundsätzlich lassen sich die nachstehenden wesentliche Aspekte für die Gestaltung
konstruktivistischer Lernumgebungen anführen (SEIFRIED 2004 nach DUFFY & JONASSEN / DUBS /
GERSTENMAIER & MANDL / LAW & WONG / REINMANN-ROTHMAIER & MANDL, 82):
Lernprozesse müssen in komplexen, lebensnahen und authentischen Lernumgebungen
stattfinden, um die Konstruktion von neuem Wissen mit dem bereits bestehenden
Wissen verbinden zu können. Wenn Lernende an bereits gesammelte Erfahrungen und
bestehendes Wissen anknüpfen können, wird der Wissensaufbau gestärkt und eine
personale Identifikation mit den Lerninhalten wird gefördert.
Den Lernenden sollte ein autonomes Lernen ermöglicht werden, d. h. für intensive
Lernprozesse müssen ihnen entsprechende Freiräume geboten werden. Ermöglicht wird
dies durch die Übertragung von Verantwortung bezüglich der Vorgehensweise und der
Kontrolle der eigenen Lernziele.
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Um zu fördern, dass das erlernte Wissen anschließend auch auf Problemstellungen
angewandt werden kann, ist es wichtig, den Lernenden eine Lernumgebung zu bieten,
die verschiedene Perspektiven und Kontexte bereit hält. Hierdurch lernen sie, ihren
Standpunkt zu wechseln und Wissen flexibel zu übertragen.
Besonders bedeutend ist das Lernen in Gruppen, da der Lernende durch Diskussionen
angeregt wird, seine eigene Interpretation zu überdenken. Kommunikation über das
Gelernte hilft dem Lernenden, sein eigenes Lernen selbst zu regulieren.
Aus diesen konstruktivistischen Gesichtspunkten lässt sich für den Unterricht Folgendes
ableiten: Die klassische Rollenverteilung, in der der Lehrende als Wissensvermittler und der
Lernende als Wissensempfänger betrachtet wird, muss aufgegeben werden. Nur so bietet
sich die Möglichkeit, die Lernenden ausreichend auf ihren zukünftigen Lebensweg
vorzubereiten. Wenn Schüler im Unterricht nicht nur Wissen, sondern breitgefächerte
Kompetenzen erwerben und zur Selbststeuerung befähigt werden sollen, ist es notwendig,
sie auch an der Planung und Durchführung des Unterrichts zu beteiligen (SEIFRIED 2004, 83-
84).
Die in dieser Arbeit thematisierte Portfoliomethode baut auf oben genannten
konstruktivistischen Überlegungen auf. Eine effektive praktische Umsetzung ohne ein
entsprechendes didaktisches Gesamtkonzept ist jedoch nicht durchführbar. Anschließend
werden darum kurz die Grundprinzipien des Konzeptes des Selbstorganisierten Lernens
charakterisiert, welches auf dem konstruktivistischen Lernverständnis aufbaut und auf die
Beteiligung der Schüler in allen Phasen des Lernprozesses abzielt (SEIFRIED 2004, 84).
2.3 Die Lehr-Lern-Konzeption ,,Selbstorganisiertes Lernen" nach SEMBILL
Selbstorganisiertes Lernen richtet den Fokus neben der Vermittlung von Verfügungswissen
(Wissen
über
Natur und Gesellschaft) verstärkt auf die Vermittlung von Orientierungswissen,
d. h. auf handlungsleitendes Wissen
in
Natur und Gesellschaft, um dem Lernenden zu
ermöglichen ,,den Wandel der Gesellschaft aktiv mitzugestalten" (SEMBILL 2007). Um
Orientierungswissen zu vermitteln sind ,,Lehr-Lernprozesse mit Denk- und
Handlungsspielräumen" notwendig, welche ,,interaktives und kooperatives Erarbeiten von
Lösungen zum Inhalt haben". Ziel ist es, den Lernenden hinsichtlich ihrer Ziele, Interessen
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und Handlungen Gestaltungsmöglichkeiten zu eröffnen um so in erster Linie die
Handlungskompetenz und Problemlösefähigkeit der Lernenden zu fördern (WUTTKE 1999,
147). ,,Selbstorganisiertes Lernen nach SEMBILL verfolgt die Zielsetzung, Problemlösefähigkeit
und Handlungskompetenz unter expliziter Berücksichtigung emotional- motivationaler
Prozesse zu fördern" (SEMBILL 2007). Unter Handlungskompetenz ist die potenzielle Fähigkeit,
also die Gesamtheit der Schemata zu verstehen, über die ein Mensch verfügt. Als eine
spezielle Ausprägung der Handlungskompetenz kann die Problemlösefähigkeit angesehen
werden. Anlehnend an DÖRNER charakterisiert SEMBILL ein Problem als eine Situation, in der
kein Lösungsweg vorgegeben wird, um das erwünschte Ziel zu erreichen. Der Lernende steht
demnach vor einem Problem, wenn er eine Aufgabe lösen muss, ohne die dazu notwendigen
Operatoren und Verhaltensmuster zu kennen. Ob es sich bei einer Aufgabe um ein Problem
handelt oder nicht, hängt von der individuellen Sicht des Schülers ab bzw. von seinen
verfügbaren Handlungsmustern. Die Komplexität eines Problems unterscheidet sich daher
von Schüler zu Schüler, und deshalb ist es wichtig ,,bei der Charakterisierung von Problemen
die emotional-motivational geprägten Eigenschaften der Persönlichkeit sowie die
emotionale Befindlichkeit (als Momentzustand) des Problemlösers" einzubeziehen (SEMBILL
2007). Ein Lernprozess nach dem Konzept des Selbstorganisierten Lernens soll einem
komplexen Problemlöseprozess entsprechen (WUTTKE 1999, 147).
Selbstorganisiertes Lernen umfasst folgende vier
Grunddimensionen
(SEIFRIED 2004, 92;
siehe Abb. 3):
1) Lernen für sich bzw. individuelles Lernen.
2) Lernen für andere im Sinne von arbeitsteiligem Lernen.
3) Lernen mit anderen durch Lernen in Gruppen.
4) Lernen mit Risiko, das bedeutet Fehler im Sinne eines konstruktivistischen
Fehlerverständnisses zuzulassen.
Die von Schleiermacher aufgezeigte Dialektik zwischen Individuum und Gemeinschaft ist
bedeutend für das Konzept Selbstorganisierten Lernens. Demnach wird ein Ausgleich der
Interessen von Individuum und Gemeinschaft als zwingend notwendig angesehen und
berücksichtigt, dass Erziehung im Spannungsfeld zwischen fremden und eigenen Interessen
stattfindet (SEIFRIED 2004, 95). Dieser Aspekt ist in Abb. 3 durch die zwei Pole des
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Modellrahmens abgebildet.
Weiterhin bildet das Konzept alle Ebenen rationaler Entscheidungen ab (Abb. 3): Die
selbständige Planung/Zielsetzung, die Durchführung und die Kontrolle von Lernprozessen.
Grundlage bilden weiterhin neun Merkmalsbereiche, die den verschiedenen Ebenen
entsprechend zugeordnet werden (siehe Abb. 3) (SEIFRIED 2004, 92):
Abb. 3: Ebenen und Merkmalsbereiche des Selbstorganisierten Lernens.
Quelle: SEIFRIED (2004, 93).
Ergänzend wird lediglich auf den Merkmalsbereich 5 ,,Lernen als geplantes Handeln" näher
eingegangen, da dieser im Zentrum der vier Lerndimensionen steht und das gesamte
Konzept darauf aufbaut. Vom Schüler wird hier gefordert, aufgrund einer Diskrepanz
zwischen Ist- und Sollzustand das Problem zu definieren und gleichzeitig Lösungsansätze zu
finden. Er greift hierfür auf bereits bestehendes Wissen zurück oder muss erst neues Wissen
erwerben. Bei den Lösungsvorschlägen muss der Lernende eventuelle Folge- und
Nebeneffekte berücksichtigen, und abwägen, in welchem Verhältnis diese zu dem zu
erreichenden Ziel stehen. Anschließend führt der Lernende diese Handlungsvorschläge unter
Nutzung seiner subjektiven Kompetenz aus. Unter subjektiver Kompetenz ist die individuelle
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(Selbst-) Einschätzung des Lernenden hinsichtlich seiner Fähigkeiten zu verstehen. Der
Lernende kontrolliert hinterher sein Handeln und das Ergebnis und schließt den Lernprozess
damit ab. Durch die Ergebnis- und Handelskontrolle erhält der Lernende wichtige
Rückmeldungen, die für seinen Lernprozess und zukünftige Problemlösungen bedeutend
sein können. ,,Der Merkmalsbereich 5 stellt damit einen Mikrorahmen der Planung,
Steuerung und Kontrolle im Makrokontext des Selbstorganisierten Lernens dar." (SEIFRIED
2004, 93-94).
Abb. 4: Merkmalsbereiche des Selbstorganisierten Lernens.
Quelle: SEIFRIED (2004, 94).
Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass der Kern des Selbstorganisierten Lernens in
einer lernerzentrierten und projektorientierten Unterrichtsgestaltung und im gemeinsamen
Lernen in Kleingruppen besteht. Es geht nicht in erster Linie um die Darstellung von
Lerninhalten, sondern um deren eigenständige Erarbeitung durch die Lernenden. Weiterhin
sollen die Lernenden in die Lage versetzt werden, sich selbst Lernziele zu definieren und
eigene Projekte zu organisieren, durchzuführen und zu evaluieren. Beim Selbstorganisierten
Lernen sollen Lehrende und Lernende den Lernprozess so gestalten, dass den Lernenden zu
einem größeren Grad Selbst- und Mitbestimmung ermöglicht wird (SEIFRIED 2004, 95).
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Die obige Darstellung des Konzepts des Selbstorganisierten Lernens soll keinesfalls
vollständig sein. Es wurden lediglich die wichtigsten Aspekte des Lehr- Lernarrangements
zum besseren Verständnis aufgeführt, um zu zeigen, dass die Methode der Portfolioarbeit
innerhalb dieses didaktischen Konzeptes sehr gut auszuführen ist.
2.4 Die ,,Rahmenkonzeption offenen Unterrichts" nach BOHL
Ein vollständig ,,offener Unterricht" eignet sich besonders zum Aufbau überfachlicher
Kompetenzen, während eine ,,Gesamtchoreographie des Unterrichts mit gezielten offenen
Phasen" auch den Erwerb von fachlicher Kompetenz im Fachunterricht unterstützt (BOHL
2003, 6). Zur Abgrenzung des Begriffs ,,offener Unterricht" wird zurückgegriffen auf die
,,
Rahmenkonzeption
Offenen Unterrichts von Thorsten BOHL, die keine enge Definition
beschreibt, sondern vielfältige Zugänge und Realisierungsmöglichkeiten zulässt" (BOHL 2005,
14):
Komplexe und motivierende Aufgaben (oft unterschiedlicher Niveaus) ermöglichen ein
,,[übendes], vertiefendes, erarbeitendes zunehmend entdeckendes, problemlösendes,
handlungsorientiertes, selbstverantwortetes, selbstständiges und kooperatives Lernen". Der
Lehrer nimmt dabei eine weniger dominante und mehr beratende, unterstützende Rolle ein
und konzentriert sich stärker auf Auswahl, zielorientierten Einsatz und konzeptionelle
Verbindung geeigneter Unterrichtsformen und -methoden, z.B. Freiarbeit,
Wochenplanarbeit, Projektunterricht, Lernstationen, Workshops. Dabei wird auch den
Schülern eine stärkere Mitbestimmung ermöglicht. Ein ,,[vielfältiges], pädagogisch
motiviertes Leistungsverständnis" (Abschnitt 2.6) wird unterstützt durch verschiedene und
innovative Formen der Leistungsbeurteilung (z.B. Schülerselbstbewertung,
Beurteilungsportfolio; Abschnitt 6). In einer strukturierten, ansprechenden und
motivierenden Lernumgebung steht den Schülern geeignetes Material (und eine geeignete
technische Ausstattung, Anm. d. Verf.) zur Verfügung, das vielfältige Lernchancen bietet
(BOHL 2005, 16)3.
3 Die ,,Rahmenkonzeption Offenen Unterrichts" von BOHL basiert auf einer Zusammenstellung
übereinstimmender Merkmale offenen Unterrichts aus einer vergleichenden Analyse verschiedener
Definitionsansätze von JÜRGENS (1994, 26, zit. nach BOHL 2005, 14).
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2.5 Die Elemente der ,,neuen Lernkultur" nach WINTER
Felix WINTER, ein starker Befürworter des Einsatzes pädagogischer Portfolios, beklagt eine
,,sich abzeichnende Überdimensionierung der Leistungskontrolle" durch immer neue Tests,
Vergleichsstudien und Standards (WINTER 2003, 500), und die tagtägliche Notwendigkeit für
den Lehrer, belegbare Noten zu sammeln, droht seiner Ansicht nach zum eigentlichen Ziel
des Unterrichts zu werden (WINTER 2003, 501). Das aber steht in Konflikt mit offenen
Arbeitsformen im Rahmen eines kompetenzorientierten Unterrichts. Daraus ergibt sich die
Notwendigkeit einer breiteren Neudefinition von Schülerleistungen und neuer Formen der
Leistungsbeurteilung. Beide sind untrennbar verknüpft mit einem neuen Lehr-Lern-
Verständnis, welches in den letzten Jahren häufig als ,,neue Lernkultur" bezeichnet den
Fokus vom Lehren (traditioneller, lehrerzentrierter Unterricht) auf das Lernen (offene,
schülerzentrierte Formen, z.B. Portfolioarbeit) lenkt (WINTER 2006a, 1 & 4). WINTER (2003,
502) nennt vier zentrale Merkmale einer neuen Lernkultur:
,,Die Schüler arbeiten selbstständiger, mit mehr Eigensteuerung
Lernprozesse und ihre Reflexion erhalten eine wachsende Bedeutung
Es wird verstärkt an komplexen Aufgaben gearbeitet
Das Lernen und auch die Bewertungsvorgänge werden demokratisiert".
Sie werden im Folgenden etwas genauer skizziert:
Zur Realisierung einer stärker ausgeprägten
Selbstständigkeit
und Eigenverantwortung im
Unterricht bietet sich die Berücksichtigung von Interessen, Themenvorschlägen,
Lebensrealitäten und Erfahrungen, sowie Vorgehensweisen der Schüler an (WINTER 2006a, 8)
ein erster Schritt um zu vermeiden, dass Schüler den Sinn der Lernleistungen schon
deshalb nicht verstehen, weil sie ihrer ,,entwicklungsspezifisch eigenen Lebenswelt" nicht
entsprechen (LIEDTKE 1981, 10). Von ganz zentraler Bedeutung sind die Reflexion und
Beurteilung eigener Lernprozesse und -ergebnisse, idealerweise unter Einbezug einer
anteiligen, ggf. notenwirksamen Schüler-Selbstbewertung. Lernende können auf diese Weise
,,Bildungsprozesse als eigene wahrnehmen und lernen, ihren Verlauf sowie ihr Ergebnis zu
kontrollieren und zu steuern" (WINTER 2006a, 9), was der individuellen ,,Konstruktion" im
Sinne des konstruktivistischen Lernverständnisses entspricht. Der Schüler wird dabei auf
zweierlei Weise speziell unterstützt: zum einen beim Aufbau von Urteilsfähigkeit als Baustein
der Mündigkeit, zum anderen bei der Förderung metakognitiver Fähigkeiten im Rahmen
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einer verstärkten
Prozessorientierung
. Wenn sich der Lehrer auf eine begleitende und
beratende Rolle beschränkt und statt der ,,Vermittlung" überwiegend deklarativen Wissens
prozedurale Fähigkeiten im Vordergrund stehen (auch und vor Allem bei der Erarbeitung
fachlicher Inhalte!), dann kann das so vielfältig geforderte ,,Lernen lernen" stattfinden, die
Basis lebenslanger Lern- und Entwicklungsfähigkeit (WINTER 2006a, 11-12).
Im traditionellen Unterricht stellt der Lehrer aufbereitetes, verallgemeinertes Wissen dar
und die Schüler versuchen es in dieser abstrakten Form zu übernehmen (WINTER 2006a, 17).
Das bedeutet aber doch nichts anderes, als den Lernenden die Ergebnisse von
Erkenntnisprozessen ,,eintrichtern" zu wollen, die sie selber gar nicht durchlaufen haben. Ein
Lernen in komplexen Situationen
kehrt die Vorgehensweise um:
es wird versucht, ,,vollständige Lernakte in dem Sinne zu organisieren, dass eigene
authentische Erfahrung und aktives Handeln eine wichtige Rolle spielen und die
gewonnenen Eindrücke ausgewertet, reflektiert, verallgemeinert und dargestellt
werden" (WINTER 2003, 17). ,,Solche Lernprozesse dauern lang, ihre Ergebnisse liegen auf
verschiedenen Ebenen, die Lerneffekte für die einzelnen Schüler können sich erheblich
unterscheiden, und der Beitrag des Einzelnen (...) ist schwer zu bestimmen (WINTER 2006a,
19). Das Ziel ist, ,,ein tieferes Verstehen der Lerngegenstände zu erreichen und persönliche
Bezüge herzustellen" (WINTER 2006a, 17).
WINTERs viertes Merkmal ist die
Demokratisierung der Lernsituation
, um den Konflikt
zwischen einem traditionell undemokratisch ausgestalteten Schulwesen und dem Ziel der
Erziehung zur Demokratie zu entschärfen. Dies bedeutet, die Schüler ,,in freiem
vernünftigen Diskurs" an der Gestaltung der Lerninhalte, -prozesse und -bedingungen, sowie
der Leistungsbeurteilung zu beteiligen und eine wechselseitige Feedback-Kultur aufzubauen
(WINTER 2003, 21). Lynda GRATTON (2004, 44-54) erörtert in ihrem Buch ,,The Democratic
Enterprise" die Bedeutung einer gleichrangigen Beziehung von Arbeitnehmer und
Arbeitgeber, der Berücksichtigung individueller Erwartungen und Fähigkeiten, sowie der
Möglichkeit einer Beeinflussung vieler Bedingungen des Arbeitsumfelds als positive Faktoren
für individuelle Motivation und Weiterentwicklung und wichtige Basis unternehmerischen
Erfolgs. Ihre Erkenntnisse scheinen in direkter Weise auf ein neues, demokratischeres
Selbstverständnis einer Schule übertragbar, deren Erfolg sich nicht zuletzt dadurch bemisst,
den Jugendlichen ein gesundes Werteverständnis und die Grundlagen für ein erfolgreiches
zukünftiges Arbeitsleben zu vermitteln.
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2.6 Ein erweiterter pädagogischer Leistungsbegriff
Eine in reformpädagogischer Tradition stehende Konzeption stärker selbstorganisierten
Lernens in offeneren Unterrichtsarrangements im Rahmen einer ,,neuen Lernkultur" darf
keinesfalls als leistungsfremde oder leistungsablehnende ,,Kuschelpädagogik" aufgefasst
werden (BOHL 2003, 1). Im Gegensatz zu einer oft als sinnentleert wahrgenommenen
schulischen Realität, in der Leistung auf die Wiedergabe abrufbaren Einzelwissens reduziert
wird, berücksichtigt ein pädagogischer Leistungsbegriff vielmehr, ,,welche Anstrengungen in
der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit erbracht, welche Widerstände überwunden
und welcher Zugewinn an Leistungsfähigkeit beziehungsweise Qualifikationen erreicht
werden müssen" (KRAUß 1999, 1-2). Er ist ,,vielfältig, förderorientiert und anspruchsvoll",
,,erfordert vielfältige Beurteilungsformen", baut auf dem beschriebenen neuen
Lernverständnis auf und zielt auf individuellen Kompetenzaufbau ab (BOHL 2003, 5). Er ist
gekennzeichnet durch ein ,,[hohes] Maß an Verbindlichkeit: hohes Anspruchsniveau, klare
Erwartungen, differenzierte Förderung, Beratung, Beurteilung und Kontrolle,
Veröffentlichung von Leistungen" (BOHL 2005, 16). Damit steht er in scharfem Kontrast zu
einem sehr eng gefassten, von fachspezifischen Inhalten dominierten, traditionellen
Leistungsbegriff (BOHL 2005, 27).
JÜRGENS (2005a, 26-39) nennt fünf konstitutive Merkmale eines neu orientierten
Leistungsbegriffs:
1. ,,Leistung ist norm-
und
zweckbezogen": schulische Leistungen müssen anhand von
Normen klar definiert sein und der idealerweise kritisch reflektierten
Leistungsbereitschaft der Schüler durch pädagogische und sachliche Sinnhaftigkeit und
Nachvollziehbarkeit entsprechen.
2. ,,Leistung ist anlage-
und
umweltbedingt": Individuelle Leistungen sind sowohl auf
Anlage- und Persönlichkeitsfaktoren, wie auch auf Umweltfaktoren (z.B. schulische
Förderung zur
Entwicklung
individueller Begabungen) zurückzuführen.
3. ,,Leistung ist ,,produkt-
und
prozessorientiert" sie manifestiert sich nicht allein in
Lernergebnissen, sondern auch im Lernprozess mit all seinen Facetten (z.B.
Kommunikationshandlungen, Lernen durch Fehler, Reflexion, Kritik).
4. ,,Leistung ist individuelles
und
soziales Lernen": Anstelle eines konkurrenzorientierten
Leistungsverständnisses sind die individuellen Lernmöglichkeiten zu berücksichtigen und
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soziales, kooperatives Lernen und Handeln explizit mit einzubeziehen (z.B. gemeinsame
Leistungen in Gruppenarbeit).
5. ,,Leistung ist problemmotiviertes
und
vielfältiges Lernen", das auf realitätsbezogene,
eigenverantwortliche und ganzheitliche Lernaktivitäten in komplexen Lernsituationen
aufbaut und zu einer freiwilligen, inhaltlich begründeten Leistungsmotivation der Schüler
führt dass sie tatsächlich Leistung bringen
wollen
.
Das traditionelle Leistungsverständnis ,,mit einer Überbetonung kognitiver,
intellektueller, verbaler und scholastisch-akademischer Leistungen" führt dagegen ,,[in]
der Absicht, klar umrissene Lernziele vorzugeben, (...) vielfach zu einem stringent
gelenkten, durch Anweisungen und enge Fragen der Lehrenden dominierten
Unterrichtsprozess, der den Schülerinnen und Schülern lediglich die Möglichkeit zur
Hervorbringung rezeptiver, reproduktiver Leistungen einräumt. Dadurch werden
Leistungen wie Kreativität, Produktivität, Konfliktlösefähigkeit, Kooperation etc.
vernachlässigt" (JÜRGENS 2005a, 35) die Kompetenzentwicklung wird be- oder
verhindert.
2.7 Bildungspolitische und praktische Umsetzung
,,Unser Bildungssystem genießt traditionell einen guten Ruf. Trotzdem brauchen wir
tiefgreifende Reformen, um uns auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten",
stellt der Arbeitsstab FORUM BILDUNG (2001, 3) fest und fordert analog zu den obigen
Ausführungen eine neue Lern- und Lehrkultur. In einer diplomatisch relativierten
Formulierung wurde damals jedoch vorgeschlagen, zunächst lediglich ,,erfolgreiche Ansätze
und Erfahrungen einer guten Praxis zu identifizieren, zu bündeln und breit
umzusetzen" (FORUM BILDUNG 2001, 67). Dass die Weiterentwicklung des Bildungssystems
heute von politischer Seite aktiv vorangetrieben wird, zeigt eine Vielzahl von Inhalten der
Internetseiten des Bundesbildungsministeriums. Ein Kurswechsel hin zu einem höheren
Leistungsniveau sei notwendig, individuelle Stärken und Voraussetzungen müssten
berücksichtigt, soziale Kompetenzen erworben (BMBF 2008d), sowie Eigenverantwortung
und Selbststeuerung der Lernenden gestärkt werden (BMBF 2008b). Ein langfristiges
Unterstützungsprogramm zur Förderung der empirischen Bildungsforschung wurde
aufgelegt, das u.a. ,,zur Gestaltung von gelingenden Lernprozessen in Verbindung mit einer
Professionalisierung des pädagogischen Personals" beitragen soll (BMBF 2008c).
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Auch von Seiten des bayerischen Kultusministeriums ist die Unterstützung der neuen
Konzepte offensichtlich. Es
bezeichnet die bayerischen Lehrpläne
als ,,pädagogisches Gesamtkonzept
für den Unterricht", in dem
,,überprüfbare Kompetenzen" und
,,darüber hinausgehende Fähigkeiten
und Wertorientierungen" als Ziele
formuliert sind. Im Gegensatz zu den
Bildungsstandards der KMK würden
Abb. 5: KOMPAS.
darin auch ,,wesentliche Lernprozesse
Quelle: ISB (2001).
vor dem Hintergrund didaktischer Prinzipien guten Unterrichts" beschrieben
(KULTUSMINISTERIUM 2008). Der besonderen Bedeutung des Kompetenzerwerbs wird auch von
Seiten des ISB mit dem noch im Aufbau befindlichen Programm
,,KOMPAS" (Kompetenzorientierung an Schulen) Rechnung getragen, dessen inhaltliches
Spektrum anhand der nebenstehenden Grafik (Abb. 5) verdeutlicht wird. 2001 wurde die
256-seitige Handreichung ,,Selbständiges Arbeiten und Lernen" vom ISB herausgebracht und
u. a. an alle bayerischen Gymnasien verteilt. Sie erörtert selbstständiges Lernen aus
entwicklungs- und lernpsychologischer Perspektive und liefert ,,konkrete Vorschläge, wie
eine neue Aufgabenkultur am Gymnasium aussehen kann" (KULTUSMINISTERIUM 2002), vor
allem in offenen Arbeitsformen (ISB 2001). Staatssekretär Karl FRELLER (2006b, 8) stellt 2006
fest, dass Frontalunterricht nur noch als eine Methode unter vielen praktiziert werde und
,,Schüler aktivierender Unterricht (...) längst kein Fremdwort" mehr sei. Beispiele für aktuelle
Fortentwicklungen seien größere pädagogische Freiräume, flexiblere Stundeneinteilung,
Lernen durch Lehren, Projekte, fach- und klassenübergreifender Unterricht und
Veränderungen der Leistungserhebungen (FRELLER 2006a, 9-10).
Auch BOHL (2003, 1) bestätigt größere Gestaltungsspielräume der einzelnen Schulen und
Lehrer und verstärkte Bemühungen um eine Verbesserung der täglichen Unterrichtspraxis.
Problematisch sei aber, dass viele Reformschritte als Top-Down-Strategien verordnet
werden, die bei einer gleichzeitig zunehmenden Arbeitsbelastung der Lehrer oft nicht die
nötige Akzeptanz finden. Offener Unterricht beispielsweise sei ,,erstaunlich großen Teilen
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der Lehrerschaft, besonders an Sekundarschulen, immer noch ein Reizwort: definitorisch
unklar, politisch besetzt, dem Frontalunterricht gegenübergestellt, seine Effektivität
bezweifelt, als nette spielerische Ergänzung zum ernsthaften (lehrer- und stoffzentrierten)
und leistungsbezogenen Lernen deklassiert" (BOHL 2005, 11). Deshalb spielt er an
Sekundarschulen nach wie vor eine geringe Rolle, und häufig wird sein Einsatz sogar wieder
reduziert, sicher auch aufgrund ungünstiger Kontextbedingungen wie Klassengröße oder
fehlende Unterstützung durch Lehrerkollegen (BOHL 2003, 7).
Zusammenfassend stellt Bohl fest, dass es im deutschen Schulsystem nicht an Erkenntnissen
mangelt, sondern an ,,Struktur- und Kompetenzproblemen" (BOHL 2003, 1) sowie fehlender
Akzeptanz. Eine gewisse Veränderungsdynamik ist offenbar an allen Schultypen in Gang
gekommen, doch zur Erreichung der beschriebenen Unterrichtsziele mit den genannten
Methoden scheinen die erzielten Veränderungen noch längst nicht ausreichend.
3 Das (pädagogische) Portfolio
Portfolioarbeit ist eine in letzter Zeit viel diskutierte didaktische Methode, die den Zielen und
Prinzipien von Abschnitt 2 in vielversprechender Weise gerecht werden kann. Aufgrund ganz
verschiedener Verwendungsmöglichkeiten ergeben sich unterschiedlichste Arten und
Formen von Portfolios. Daher lässt sich der Begriff Portfolio bzw. Portfolioarbeit nicht
einheitlich abgrenzen. Auch der derzeitige ,,Portfolio-Boom" konnte zur Vereinheitlichung
der unterschiedlichen Ansätze nichts beitragen (WIEDENHORN 2006, 10). Im Folgenden soll
nun versucht werden, sich dem Kern des Begriffs Portfolio anzunähern und eine
hinreichende Definition zu bieten.
In den Bereichen Kunst und Architektur ist der Begriff Portfolio alltäglich. Man versteht
darunter eine Mappe, in der Bilder oder Texte gesammelt werden, die das eigene Können
und den eigenen Stil anhand von ausgewählten Leistungsprodukten darstellen. Denselben
Zweck erfüllen pädagogische Portfolios. Der Schüler sammelt in seinem Portfolio über einen
bestimmten Zeitraum die für ihn wichtigsten und aussagekräftigsten Dokumente. Somit
bieten Portfolios, anders als andere Leistungsnachweise, dem Lernenden die Möglichkeit
seine Arbeit zum größten Teil selbst zu bestimmen. ,,Portfolios dienen also mehr oder
weniger der selbstbestimmten Darstellung der eigenen Kompetenzen anhand (selbst)
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ausgewählter Leistungsprodukte" (HÄCKER 2006, 34).
Über die gezielte Auswahl von Dokumenten hinaus enthalten Portfolios eigene
Beurteilungen, Einleitungen, Ausblicke und Reflexionen der Lernenden. Dieses Vorgehen soll
es ermöglichen, nicht nur das Lernergebnis, sondern auch den Lernprozess des Schülers
sichtbar zu machen. Das Erkennen des eigenen Lernprozesses ist Voraussetzung für eine
sinnvolle Reflexion des gesamten Portfolios (HÄCKER 2005a, 1).
Alle zuvor genannten Aspekte eines Portfolios werden in der Kombination der Definitionen
nach PAULSON und MELOGRANO berücksichtigt:
,,Im Portfolioprozess wird die/der Lernende an der Auswahl der Inhalte, der Festlegung der
Beurteilungskriterien sowie an der Beurteilung der Qualitäten der eigenen Arbeit beteiligt."
(MELOGRANO in WIEDENHORN 2006, 10)
,,Ein Portfolio ist eine zielgerichtete Sammlung von Arbeiten, welche die individuellen
Bemühungen, Fortschritte und Leistungen der/des Lernenden auf einem oder mehreren
Gebieten zeigt. Die Sammlung muss die Beteiligung der/des Lernenden an der Auswahl der
Inhalte, der Kriterien für die Auswahl, der Festlegung von Beurteilungskriterien sowie
Hinweise auf die Selbstreflexion der/des Lernenden einschließen."
(PAULSON et al in HÄCKER 2005a, 2)
Um das Konzept der Portfolioarbeit zu veranschaulichen, werden anschließend die einzelnen
Prozessphasen näher beschrieben.
3.1 Komponenten der Portfolioarbeit
Nach Häcker umfasst eine Portfolioarbeit sechs
Prozesskomponenten, wie in Abb. 6 dargestellt:
Phase 1 (Context definition):
Zu Beginn der Portfolioarbeit müssen zwischen
Lehrenden und Lernenden Vereinbarungen Abb. 6: Prozesskomponenten der Portfolioarbeit.
Quelle: HÄCKER (2005a, 3).
dahingehend getroffen werden, welchen Zweck
das Portfolio erfüllen soll, welche Ziele damit verfolgt werden und welche Anforderungen
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daran gestellt werden. Ebenso muss geklärt werden, wie viel Zeit sich die Schüler im
Unterricht für das Portfolio nehmen und wer am Ende Einsicht darin nehmen darf. Ziel dieser
Vereinbarungen ist es, eine möglichst große Transparenz über die Handlungsspielräume und
Ansprüche zu gewähren. Damit die Lernenden abwägen können, in welchem Rahmen sie
selbstgesteuert arbeiten können bzw. sollen, ist die Transparenz dieser
Vorabvereinbarungen unbedingt erforderlich (HÄCKER 2005a, 3). Hinsichtlich des Themas
muss die Lehrkraft eine grobe Richtung vorgeben, da sich das Portfolio schließlich am
Lehrplan orientieren muss. Bei der Auswahl ihrer ,,Forschungsfrage" sind die Schüler jedoch
innerhalb des vorgegebenen Rahmens völlig freigestellt (WIEDENHORN 2006, 14).
Phase 2 (Collection):
In der Sammelphase sammelt der Schüler erst einmal alles, was ihm helfen könnte, sein
definiertes Lernziel zu erreichen. Hierbei kann es sich beispielsweise um selbst erstellte
Texte, Konzeptpapiere und Bilder oder Graphiken, Zeitungsartikel, Internetseiten etc.
handeln. Um den Überblick zu behalten, erstellt der Lernende ein Inhaltsverzeichnis, aus
dem ersichtlich wird, welche Dokumente er aus welchem Grund in die Portfoliomappe
aufgenommen bzw. wieder herausgenommen hat (HÄCKER 2005a, 3). In dieser Phase der
Portfolioarbeit ist es ganz normal, dass die Portfolios etwas chaotisch wirken und noch sehr
umfangreich sind (WIEDENHORN 2006, 15).
Phase 3 (Selection):
Die wichtigste Phase aus didaktischen Gesichtspunkten ist die Auswahl der Dokumente.
Grund hierfür ist, dass jede Entscheidung vom Lernenden begründet werden muss. Dafür
erhält er einen kurzen Notizzettel, auf dem er vermerken soll, aus welchem Grund er das
Dokument in sein Portfolio aufgenommen hat. Am Ende der Portfolioarbeit enthält die
Mappe diejenigen Leistungsprodukte, die sich aus Sicht des Schülers für die Darstellung der
Resultate und des eigenen Lernweges eignen. ,,Was würde meinem Portfolio fehlen, wenn
dieses Dokument nicht aufgenommen wird?" ist eine geeignete Kontrollfrage für die Wahl
der Dokumente und kann den Schüler bei einer sinnvollen Auswahl unterstützen. Außerdem
kann sich der Lernende von seinen Mitschülern, Eltern, Lehrern und Experten helfen lassen.
Bei diesen Hilfestellungen bzw. Beratungen, die die Initiative des Schülers voraussetzen,
können sie feststellen, wo sie mit ihrer Arbeit stehen und bekommen auf Wunsch
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Unterstützung und Feedback (HÄCKER 2005a, 3).
Phase 4 (Reflection):
Hauptmerkmal der Portfolioarbeit ist die Reflexion des Lernenden (HÄCKER 2005b, 6).
Beratungen durch Mitschüler und Eltern sollen ihn hierbei unterstützen, da der Schüler
durch den Austausch mit anderen im Laufe der Portfolioarbeit aufgefordert ist, seinen
derzeitigen Lern- und Erkenntnisprozess zu festzustellen. Durch diese Zwischenreflexionen
erfährt der Schüler, ob er auf dem richtigen Weg ist oder gegebenenfalls seinen Lernprozess
neu ausrichten muss (HÄCKER 2005a, 4). Diese Auseinandersetzungen während des gesamten
Entstehungsprozesses fördern zugleich seine kommunikative als auch soziale Kompetenz. Ein
weiterer Vorteil der Zwischenreflexionen besteht darin, dass die Lehrkraft die Probleme des
Schülers erkennen kann und demzufolge ihre Beratung individuell auf ihn ausrichten kann.
Folglich sollte sich der Schüler, selbst wenn er der Meinung ist, keine Probleme zu haben,
wenigstens zweimal mit anderen über seine aktuellen Lernergebnisse austauschen
(WIEDENHORN, 15). Weitere Anregungen, das eigene Lernen zu reflektieren, erhält der Schüler
durch das Erstellen eines Vorworts und eines Nachworts (Häcker 2005b, 6). Dadurch muss er
sich am Anfang bereits über seine Ziele bewusst werden und kann im Nachwort bewusst
kontrollieren, welchen Verlauf sein Lernprozess genommen hat. Weitere wichtige
Anhaltspunkte für die Reflexion des eigenen Lernens bieten die Notizen, die der Schüler für
jedes Dokument anfertigen muss, welches er in seine Portfoliomappe aufnimmt. Hier soll
vermerkt werden, welchen inhaltlichen Beitrag ein Beleg zum Lernfortschritt bzw. zur Lösung
der Aufgabe leistet, wodurch der Lernende kleinere Irrtümer oder Umwege aufdecken kann.
Die Reflexion soll den Schüler dazu auffordern, darüber nachzudenken, was er wie gelernt
hat, über was er nachgedacht hat und wie er vorgegangen ist (Häcker 2005a, 4). Er wird
dadurch stärker mit der Frage konfrontiert, warum und wofür er überhaupt lernt, was er
bereits gut kann, welche Lernstrategien für ihn geeignet sind, und woran er noch gezielt
arbeiten muss (SCHWARZ 2001, 27).
Abschließend ist der Schüler aufgefordert, die Qualität seiner eigenen Arbeit zu beurteilen
bzw. einzuschätzen. Diese Selbstbeurteilung soll dem eigenen Lernen Orientierung geben
und ermöglicht ein selbstgesteuertes Lernen (HÄCKER 2005b, 6). ,,Die Reflexionsphasen sind
eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass die Schüler die Fähigkeit erwerben, ihr Lernen
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selbst zu planen und zu steuern (WIEDENHORN 2006, 15).
Die Reflexion bietet dem Lehrer außerdem die Möglichkeit einer formativen Diagnostik, d. h.
Portfolioarbeiten zeigen im Gegensatz zu herkömmlichen Schülerleistungen unmittelbare
Ansatzpunkte für eine gezielte individuelle Förderung (WIEDENHORN 2006, 10) und durch die
Beobachtung des Lernprozesses ergeben sich Hinweise auf Defizite oder Anhaltspunkte für
ein gezieltes, effizienteres Weiterlernen (HÄCKER 2005b, 2), und allen Beteiligten wird somit
ein gründlicheres Verständnis des Lernprozesses ermöglicht (HÄCKER 2005a, 1-2).
Phase 5 (Projection):
Durch das Nachwort zieht der Schüler gewissermaßen ein Resümee seiner Arbeit. Dieses
Vorgehen soll dem Schüler die Wirkungen aufzeigen, die aus seinem Lernprozess und aus
seinen Einsichten über das eigene Lernen entstanden sind. Der Lernende soll hierdurch
weitere Betrachtungsweisen für sein zukünftiges Lernen zu entfalten, gegebenenfalls
Probleme mit dem Lernarrangement Portfolio darstellen um dann schließlich begründet
Veränderungen oder Verbesserungen einfordern zu können (HÄCKER 2005a, 5).
Phase 6 (Presentation):
Bei der Präsentation wird das fertiggestellte Portfolio zum ersten Mal veröffentlicht und der
Betrachtung anderer ausgesetzt. Der Schüler selbst, seine Mitschüler, Lehrer und evtl. auch
die Eltern sollen ihre Meinung über das Portfolio abgeben, es beurteilen und darüber
sprechen (HÄCKER 2005a, 5). Außerdem hat der Schüler die Möglichkeit, seine Ergebnisse
direkt zu präsentieren und über seine Lernerfahrungen zu berichten, was seine
Präsentationstechniken verbessert und ihm schließlich Anerkennung für wochenlange Arbeit
bringt.
Die einzelnen Phasen der Portfolioarbeit laufen nicht unbedingt in der genannten
Reihenfolge ab, d. h. sie können sich durchaus überschneiden oder parallel verlaufen. Aber
sie sind grundlegend für jede Portfolioarbeit, egal um welche Art von Portfolios es sich
handelt. Wie weiter oben bereits angedeutet, gibt es eine Vielzahl von Portfoliotypen. Die
geläufigsten werden im Folgenden kurz dargestellt (WIEDENHORN 2006, 15).
3.2 Portfoliotypen
Portfolios können je nach ihrem Verwendungszweck sehr unterschiedlich aussehen. HÄCKER
schlägt zur Charakterisierung der Portfolioarten die Kategorien Zweck, Inhalt und
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Entscheidung vor. Die Bezeichnung eines Portfolios ist demnach abhängig davon, wozu es
erstellt wird, was in das Portfolio aufgenommen wird und wer die Entscheidungen darüber
fällt (HÄCKER, 2005a, 2).
Folglich ergibt sich ein dreidimensionaler Raum, in dem sich sämtliche Varianten von
Portfolios einordnen lassen. Folgende Abbildung soll dies verdeutlichen:
summative
(Selbst-)
Beurteilung
andere Instanzen
Zweck
Entscheidung
formative
(Selbst-)
Lernende
Beurteilung
alles
einige
und
Inhalte
wenige
jedes
Dimensionen zur Charakterisierung und Unterscheidung von
Portfolioarten
Abb. 7: Dimensionen zur Charakterisierung und
Unterscheidung von Portfolioarten.
Quelle: HÄCKER (2005a, 2).
Links unten in Abb. 7 sind Portfoliotypen angesiedelt, die in erster Linie als
Entwicklungsinstrument zum Einsatz kommen. Als Leistungsinstrument dienen Portfolios, die
sich im oberen rechten Bereich bewegen (HÄCKER 2005a, 2). Demnach kann man
grundsätzlich zwischen Prozess- (Entwicklungsinstrument) und Produktportfolios
(Leistungsinstrument) unterscheiden (WIEDENHORN 2006, 17).
Das Prozessportfolio:
Das Prozessportfolio enthält neben bereits fertigen Produkten insbesondere auch Entwürfe
und Überarbeitungen von Produkten. Hierdurch kann der Lernprozess des Schülers
dokumentiert und analysiert werden, da die Möglichkeit besteht, die einzelnen Schritte und
Teilergebnisse des Lernenden nachzuvollziehen. Dem Schüler werden demzufolge nicht nur
gewisse Lerninhalte vermittelt, auch seine Fähigkeit, den eigenen Lernprozess zu reflektieren
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wird speziell gefördert, denn der Lernende macht sich während des gesamten
Arbeitsverlaufes Gedanken über sein Lernen. Bei der Reflexion können z. B. Fragen wie
,,Welche Erwartungen stelle ich an mein Lernen?", ,,Welche Probleme hatte ich beim
Lernen?" oder ,,Wie habe ich meine Probleme lösen können?" als Anhaltspunkte
herangezogen werden (WIEDENHORN 2006, 17).
Das Produktportfolio:
In einem Produktportfolio sind vor allem Arbeiten und Leistungsprodukte zusammengestellt,
von denen der Schüler glaubt, dass sie ihm außerordentlich gut gelungen sind und seine
Bemühungen und Entwicklung gut darstellen können (WINTER 2006a, 192). Sowohl der Lern-
prozess als auch das fertige Leistungsprodukt spielen hier eine Rolle (WIEDENHORN 2006, 17).
Innerhalb des Spektrums von Prozess- und Produktportfolio gibt es noch einige
Unterkategorien, die im Folgenden kurz genannt werden, u. a. um die zahlreichen
Einsatzmöglichkeiten und Zwecksetzungen von Portfolios aufzuzeigen.
Das Arbeitsportfolio:
Dieser prozessorientierte Portfolio-Typ wird erfahrungsgemäß nicht benotet. Er soll lediglich
dazu dienen, anhand noch nicht fertiger Lerngegenstände eine Beurteilung des aktuellen
Lernfortschrittes des Schülers zu ermöglichen. Eine solche Momentaufnahme der
Schülerleistung bildet für den Lehrenden die Basis für eine fundierte Rückmeldung und die
weitere Planung seiner Unterrichtseinheiten.
Das Entwicklungsportfolio:
Dieser Portfolio- Typ ist sehr gut für die Einführung der Portfolioarbeit geeignet. Es besteht
aus einer Sammlung von Leistungsprodukten, die sich noch in der Rohfassung befinden, aber
auch bereits vollendeten Produkten. Ziel ist es, zu zeigen, was und wie der Lernende im
Zeitverlauf gelernt hat.
Das Bewertungsportfolio:
Das Bewertungsportfolio ist auf eine Bewertung von außen ausgerichtet und zählt zu den
Produktportfolios. Adressaten sind neben den Lehrkräften auch die Schule und die breitere
Öffentlichkeit. Die Hauptaufgabe besteht darin, die Bewältigung bestimmter Aufträge zu
belegen.
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Das Vorzeigeportfolio:
Im Vorzeigeportfolio heftet der Schüler Leistungsprodukte ab, die ihn stolz machen und die
er als ,,die besten" deklariert. Schüler sind erfahrungsgemäß meist hoch motiviert, ihr
Portfolio zusammenzustellen, da sie gerne zeigen möchten, was sie können. Durch den
Einsatz von Vorzeigeportfolios wird für Außenstehende ersichtlich, was Schüler insgeheim
für bedeutsam und präsentabel halten. Besonders ist hierbei, dass die Lernenden ihre
Auswahl schriftlich fixieren und ihre Werke sozusagen in eine kleine ,,Geschichte" verpacken.
Dabei muss klar erkennbar sein, warum sie gerade die ausgewählten Produkte für qualitativ
hochwertig halten.
Das Bewerbungsportfolio:
Dieser Portfoliotyp gleicht einem Empfehlungsschreiben. Es soll dem Schüler Zugang zu
weiterführenden Schulen verschaffen, in dem es die Bereitwilligkeit und die Anstrengung
des Lernenden zeigt, eine Herausforderung anzunehmen und entsprechend Leistung zu
erbringen. Über die Darstellung des Könnens hinaus enthalten Bewerbungsportfolios
idealerweise weiterführende, auch das Privatleben betreffende Informationen des Autors.
Hierdurch ermöglicht es auch zukünftigen Arbeitgebern sich ein genaueres Bild des
Bewerbers zu machen.
Diese Auflistung verschiedener Portfoliotypen ist keinesfalls vollständig, da je nach Zweck-
setzung noch zahlreiche weitere Einsatzformen denkbar sind (WIEDENHORN 2006, 17-20).
3.3 Einbindung von Portfolios in den Unterricht
Es gibt verschiedene Wege, das Portfoliokonzept im Unterricht zum Einsatz zu bringen. INGLIN
(2005) hat hierzu ein Konzept mit drei grundsätzlichen Möglichkeiten entwickelt:
Das Parallelmodell:
Bei dieser Form des Einsatzes von Portfolios arbeiten die Schüler parallel zum regulären
Unterricht an ihren Leistungsmappen. Hierfür werden im Stundenplan explizit
Portfoliostunden eingeplant. In den Zwischenstunden wird der Regelunterricht normal und
unabhängig vom Portfolio fortgesetzt. Sind die Lernenden noch nicht mit Portfolioarbeit
vertraut, bietet das Parallelmodell eine gute Methode zur Vorstellung der Arbeit mit der
Leistungsmappe, da die Schüler in einem überschaubaren Zeitfenster arbeiten können.
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Das Integrationsmodell:
Bei diesem Modell stellt der Regelunterricht den thematischen Ausgangspunkt dar und wird
für die Arbeit am Portfolio unterbrochen. Die Schüler sollen sodann selbständig
weiterarbeiten und die Aufgaben auch teilweise zu Hause bearbeiten. Der Unterricht dient in
diesem Modell dazu, den Lernenden die wichtigsten Inhalte zu vermitteln.
Das Zentralmodell:
Hier handelt es sich um die intensivste Form der Portfolioarbeit, da die Fertigstellung des
Portfolios den didaktisch- methodischen Kern des Unterrichts darstellt und der komplette
Unterrichtsverlauf danach ausgerichtet wird.
Die Schüler werden von Anfang an bei der Organisation, Gestaltung und Realisierung des
Unterrichts beteiligt. Sie haben dadurch die Möglichkeit, ihre eigenen Lernwege zu gehen
und die regulären Schulstunden schaffen hierfür lediglich den organisatorischen Rahmen.
Sowohl beim Integrations- als auch beim Zentralmodell werden die Portfolios innerhalb
einiger Wochen angefertigt. Das Parallelmodell dagegen kann ein Zeitfenster von einem
Halbjahr bis zu einem ganzen Schuljahr einnehmen und bietet somit die Chance, den
Lernprozess der Schüler längerfristig zu belegen (WIEDENHORN, 21-22).
Egal welches der drei Modelle zum Einsatz kommt, ein wichtiges Merkmal der Portfolioarbeit
ist die Fokussierung auf die Stärken der Schüler. Ein Portfolio ist darauf ausgerichtet, die
Kompetenz und das Können des Schülers darzustellen und zielt nicht wie andere
Leistungsdarstellungen - auf Fehlersuche ab (HÄCKER 2005b, 5).
3.4 Das Portfolio als Instrument der Kompetenzdarstellung
Abgeleitet vom konstruktivistischen Lernverständnis ist das Ziel der Portfolioarbeit nicht die
Übertragung von Wissen, sondern die Erarbeitung von Wissen. Es geht in erster Linie um die
Ausbildung von Kompetenzen (WINTER 2006b, 214), um den Grundstock für ein lebenslanges
Lernen zu legen, sprich den Schüler darauf vorzubereiten, das eigene Wissen im Laufes
seines Lebens selbständig zu erweitern (PFEIFER/KRIEBEL 2007, 23). Kompetenzen umfassen
nicht nur Wissen, sondern darüber hinaus ,,Fähigkeiten, Fertigkeiten, Motive und
Einstellungen" und müssen ebenfalls anlehnend an den Konstruktivismus in multiplen
Kontexten gebildet werden (Winter 2006b, 214). Die Förderung von Kompetenzen ist aber
nicht so einfach und zudem kann nicht abgesehen werden, wie sich der einzelne Schüler
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entwickelt. Eine Steuerung ist demnach nur teilweise möglich.
Die Kompetenzen der Lernenden werden durch die Portfoliomethode insoweit gefördert,
dass er
eingeladen
wird, zu zeigen was er kann (HÄCKER 2005b [nach ELBOW], 5). Bei
klassischen Leistungsdarstellungen heben Lehrende fast immer das hervor, was falsch
gemacht wurde, so dass die Beschäftigung mit den Defiziten bzw. Fehlern sehr viel Zeit in
Anspruch nimmt. Bei der Arbeit mit Portfolios findet eine Umstrukturierung von der
Defizitorientierung hin zur Kompetenzorientierung statt, da der Schüler nicht nur passiv auf
eine Anforderung reagiert, sondern die Möglichkeit hat, aktiv und zum größten Teil
selbstbestimmt seine Kompetenzen und sein Können darzustellen (HÄCKER 2005b, 5). Nach
SCHWARZ (2001, 27) wird das Lernen erfahrungsgemäß nachhaltig positiv beeinflusst wenn
sich der Fokus auf die Stärken und Vorzüge des Schülers richtet
4 Die Beurteilung
von Schüler-
leistungen
4.1 Begriffsabgrenzung
Beurteilung, Messung und
Benotung werden im
allgemeinen und wissen-
schaftlichen Sprachgebrauch
häufig synonym bzw. ohne
eine genaue Abgrenzung
verwendet. Zur Begriffs-
definition im Rahmen dieser
Arbeit dient die neben-
stehende Grafik (Abb. 8), die
zugleich den schulischen und
schüler-individuellen Kontext
und bestehende Inter-
dependenzen aufzeigt, die in
den folgenden Abschnitten
Abb. 8: Von der Schülerleistung zur Schülerbeurteilung (BRÜTTING 1981, 193).
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näher erörtert werden. Die Beurteilung der Leistung und ggf. des Schülers als interpretativer
Vorgang stellt somit das bewertete Resultat des Prozesses der Leistungsmessung bzw.
Leistungskontrolle, -erhebung oder -feststellung dar, wobei als Beurteiler vor allem die
Lehrkraft, aber auch der Schüler selbst oder sogar Mitschüler in Frage kommen (JÄGER 2000,
30; JÜRGENS 2005a, 45). Die Leistungsbewertung führt häufig zu einer Zensierung, also zur
Vergabe einer Note.
Als Erhebungsformen der Schulleistung werden traditionell vor allem schriftliche (Klassen-)
Arbeiten (z.B. Aufsätze, Rechenaufgaben) und mündliche Lernerfolgskontrollen (z.B.
explizites ,,Ausfragen" oder Unterrichtsbeiträge und Mitarbeit des Schülers) eingesetzt
(WINTER 2006a, 34; JÜRGENS 2005a, 82-83). Motiviert durch das Streben nach Objektivität
kommen auch verschiedene Arten von Tests zum Einsatz, z.B. standardisierte
Schulleistungstests, lehrbuchbezogene Tests oder Normarbeiten als beispielhafte Vorlagen
für den Lehrer (BRÜTTING 1981, 198).
4.2 Funktionen und Adressaten der schulischen Leistungsbeurteilung
Schulnoten als rangmäßig einstufendes (DOHSE 1974, 46), kumuliertes und kodifiziertes
Ergebnis der Leistungsbeurteilung erfüllen eine Reihe wichtiger Aufgaben, bei denen jedoch
Zielkonflikte unvermeidlich scheinen.
Im Rahmen der
Allokations- und Klassifikationsfunktion
(JÜRGENS 2005a, 58) dienen
insbesondere Zeugnisnoten als Auslese- und Berechtigungskriterium, und zwar sowohl
innerhalb des Schulsystems (z. B. Wiederholen einer Jahrgangsstufe oder Vorrücken,
Zugangsberechtigungen für höhere Schulen), wie auch außerhalb: Schulische
Leistungsbeurteilungen stellen z.B. wichtige Auswahlkriterien oder -hilfen für mögliche
Arbeitgeber dar, anhand derer sie eine vergleichende Einschätzung von Bewerbern
vornehmen können. Dem Schüler selbst wollen sie in diesem Zusammenhang eine
realistische Selbsteinschätzung ermöglichen, mit der ,,letztlich eine falsche Lebensplanung
(...) vermieden werden [kann]" (BRÜTTING 1981, 190).
Die
Kontroll- und Berichtsfunktion
dient dazu, dem Lehrer, der Schule (und i.w.S. der
Gesellschaft), den Eltern, aber auch dem Schüler selbst Auskunft über den Grad der
Erreichung der Lernziele zu geben (DOHSE 1974, 48-49). Bei Bedarf können die genannten
Adressaten korrigierend eingreifen: der Lehrer kann die Lehr-Lern-Bedingungen verändern
(Funktion der curricularen Kontrolle; JÜRGENS 2005a, 57), die Eltern können unterstützen
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oder disziplinieren, und der Schüler selbst kann seinen Lernprozess verbessern und die
weiteren Lernschritte darauf abstimmen (INGENKAMP 1985, 173). Die Möglichkeit der
Selbstkontrolle durch den Schüler erstreckt sich auf seinen individuellen Lernfortschritt, den
Vergleich innerhalb der Bezugsgruppe (v.a. Klasse) und einen Soll-Ist-Vergleich von
Lernzielen und Lerninhalten (JÜRGENS 2005a, 60).
Die Leistungsbeurteilung hat darüber hinaus eine
pädagogische Funktion
im engeren Sinn:
Noten dienen als Anreiz zur Leistungssteigerung durch erhöhte Anstrengungen, wobei WEISS
(1974, 54) zwischen der sachlichen Motivation (,,Lernen aus Interesse am Lernstoff") und der
sozialen Motivation (,,Lernen als Wettbewerb") unterscheidet. Noten stellen andererseits
aber auch ,,Zuchtmittel der Schule" dar (JÜRGENS 2005a, 62).
4.3 Bezugssysteme der Leistungsbeurteilung
Die Bewertung schulischer Leistungen verlangt immer einen Vergleichsmaßstab, der jedoch
oft als wirksame Größe unerkannt bleibt und als Hintergrundvariable in den
Beurteilungsprozess eingeht (RHEINBERG 2002, 61). RHEINBERG erläutert drei solche Vergleichs-
maßstäbe der Leistungsbeurteilung: die sachliche, soziale und individuelle Bezugsnorm.
Besonders naheliegend scheint die
sachliche
(auch curriculare oder lehrzielorientierte)
Bezugsnorm
, die vor allem auf den Vorgaben durch Lehrpläne basiert. Um jedoch die
Kompetenz- bzw. Leistungsgrade entsprechend zuordnen zu können, müssten dem Lehrer
genaue Definitionen als Ankerpunkte vorliegen, die z.B. ganz explizit die
Leistungserwartungen an Schüler in Abhängigkeit von Schulart, Fach und Jahrgangsstufe
formulieren (RHEINBERG 2002, 66-67).
Nicht zuletzt in Ermangelung solcher Einstufungshilfen kommt der
sozialen
Bezugsnorm
große Bedeutung zu, deren Vergleichsmaßstab die (durchschnittliche) Leistung der
jeweiligen Bezugsgruppe (in der Regel der Klasse) ist. Dies erscheint z.B. im Rahmen der
Talentförderung sinnvoll, zur Benotung dagegen ist es ,,bei genauer Betrachtung von
Zensurendefinitionen eigentlich nicht zulässig" (RHEINBERG 2002, 63-64). Zudem nimmt die
Berücksichtigung der sozialen Bezugsnorm zuweilen skurrile bis irrationale Züge an,
beispielsweise wenn Lehrer aufgefordert werden, Schulnoten nach der Normalverteilung zu
vergeben, was im Bereich schlechter Noten ,,Versager produziert" und den
,,Konkurrenzdruck" unter leistungsstarken Schülern erhöht (TOPSCH 2007, 140-141).
Problematisch bei der sozialen Bezugsnorm ist außerdem, dass der (vorhandene oder
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fehlende) Lernzuwachs aller nicht zum Ausdruck kommt, und dass individuelle
Leistungsveränderungen z.B. schlechter Schüler ebenfalls verborgen bleiben, wenn die
Schüler hinreichend leistungsverschieden sind (ein leistungsmäßiges ,,Überholmanöver"
wäre nötig; RHEINBERG 2002, 64).
Diese individuellen Lernzuwächse, die Veränderungen der Kenntnisse und Fähigkeiten des
einzelnen Schülers, werden dagegen bei der Verwendung der
individuellen Bezugsnorm
(in
der Regel als
zusätzliche
Beurteilungsperspektive) sichtbar gemacht (RHEINBERG 2002, 64-65).
Ihr wird eine besonders große Motivationswirkung bestätigt (RHEINBERG 2002, 69), allerdings
hat sie zwei gravierende ,,blinde Flecken": Sie blendet über die Zeit konstante
Leistungsunterschiede zwischen Schülern aus und zeigt zwar die Veränderung, nicht aber das
Niveau von Schülerleistungen, womit daran orientierte Leistungsurteile z.B. für eine
realistische Fremd- und Selbsteinschätzung und als Kriterium für die Studien- oder
Berufswahl ungeeignet sind (RHEINBERG 2002, 65).
4.4 Gütekriterien der Leistungsbewertung
Die Beurteilung von Leistungen und insbesondere die Bewertung mit Noten erhebt aus
Gerechtigkeitserwägungen eigentlich den Anspruch, drei messtheoretische Gütekriterien zu
erfüllen:
-
Objektivität
liegt vor, wenn mehrere Beurteiler zum gleichen Ergebnis kommen
(SCHWARZER/SCHWARZER 1977, 16) und dieses Ergebnis frei ist von subjektiven Einflüssen
und Fehlern beim Beurteiler (JÜRGENS 2005a, 74). Sie bezieht sich auf die
Durchführung
der Messung (z.B. erlaubte Hilfsmittel), ihre
Auswertung
(z.B. Kriterien der
Punktevergabe) und die
Interpretation
als ,,abschließende Bewertung der erhobenen und
ausgewerteten diagnostischen Informationen" (JÜRGENS 2005a, 74-75).
- ,,Die
Reliabilität4
bzw.
Zuverlässigkeit
einer Messung bezeichnet ihre Genauigkeit und
Sicherheit". Das bedeutet einerseits, dass das Messergebnis ,,
den wahren
Ausprägungsgrad der Leistung repräsentiert und nicht (...) von Messfehlern verfälscht ist
"
4 Im Hinblick auf den empirischen Teil dieser Arbeit soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass die
Abgrenzung von
Objektivität
und
Reliabilität
in der Literatur nicht ganz scharf erscheint. So spricht
beispielsweise TOPSCH (2007, 137) von Reliabilität, ,,wenn gleiche Leistungen von unterschiedlichen Lehrern
identisch bewertet würden" und BIRENBAUM (1996, 14) setzt ,,
Interrater reliability" mit ,,reproducibility
" gleich.
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(SACHER 1996, 25; Fettdruck nicht im Original), und andererseits, dass das Messergebnis
über die Zeit (bei wiederholter Messung) stabil bleibt (SCHWARZER/SCHWARZER 1977, 18).
-
Validität
schließlich bedeutet, dass erfasst wird, was erfasst werden soll oder zu erfassen
vorgegeben wird (SCHWARZER/SCHWARZER 1977, 19). So misst z.B. eine schwierig
formulierte Textaufgabe in Mathematik nicht nur Rechenfähigkeit, sondern auch
sprachliches Verständnis. Dabei muss berücksichtigt werden, dass nur ,,solche
Kompetenzen gemessen werden, die im vorangegangenen Unterricht auch tatsächlich
erworben werden konnten" (Inhaltsvalidität; JÜRGENS 2005a, 77) und dass keine
Benachteiligungen bestimmter Schüler vorliegen (Testfairness; JÜRGENS 2005a, 80).
Als ,,Nebengütekriterien" von Tests nennt STEPHAN (1978, 19-21), dass sie
vergleichbar
und
nützlich
sein sollen, sowie einfach und schnell in der Abwicklung (
ökonomisch
).
5 Kritik an der Leistungsbeurteilung mittels Ziffernnoten
Eine schier unendlich scheinende Fülle an Forschungsarbeiten setzte sich seit ihrer
Einführung mit den Problemen der Leistungsbeurteilung anhand von Ziffernnoten
auseinander und stellte deren Mängel immer wieder eindrucksvoll unter Beweis.
Warum so muss man sich fragen haben sie dann immer noch eine so große Bedeutung in
der Schule? Diese Frage kann nur mit Hinweis auf die im vorhergehenden Kapitel erläuterten
Funktionen beantwortet werden, wenngleich sie auch nur eingeschränkt bzw. schlecht
erfüllt werden und sich in einem eklatanten Zielkonflikt gegenüber stehen. Außerdem sind
Zensur und Zeugnis laut ZIEGENSPECK (1999, 129) ,,unersetzlich. Es gibt kein anderes
Instrument, das als eindeutige Bescheinigung in geschriebener Form und von amtlichem
Charakter gesellschaftlich anerkannt würde". Erklärbar ist das wohl hauptsächlich mit der
Eigenschaft von Noten als ,,einfachste[r] und bequemste[r] Ausdruck für den Wert einer
Leistung im Verhältnis zu anderen Leistungen" (ZIEGENSPECK 1999, 128) und ihrer scheinbaren
Eindeutigkeit insoweit, als sie ,,keiner weiteren alltagssprachlichen Interpretation
bedürfen" (LÜTGERT 2008).
Die folgenden Abschnitte geben in Bezug auf die bisherigen Ausführungen einen Überblick
über die Probleme und Mängel ziffernmäßiger Leistungsbeurteilung.
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5.1 Fehlerquellen bei der Leistungsbeurteilung
Insbesondere bei der Fremdbeurteilung von Schülerleistungen durch den Lehrer ist eine
ganze Reihe von Fehlerquellen relevant, die hier kurz skizziert werden sollen:
Der Prozess der Leistungs
messung
unterliegt vor allem bei der Schülerbeobachtung,
eingeschränkt aber auch bei der Auswertung schriftlicher Leistungen der (oft selektiven)
Wahrnehmung und Interpretation des Beurteilers (JÜRGENS 2005a, 136-138), was SEMBILL
(EwA, 2006, 1) mit dem anschaulichen Wortspiel ,,Die Wahrheit ist: Es gibt keine Wahrheit"
zum Ausdruck bringt. Das begründet folgende Fehlerarten:
- Perseverationstendenz (Nähefehler): Festhalten an einem bereits gefällten Urteil
(Vermeidung großer Notensprünge; ZIEGENSPECK 1999, 176).
- Erwartungseffekte: Lehrer haben (z.B. aufgrund von Vorerfahrungen) bestimmte
Erwartungen an Schüler, die nicht nur ihre
Bewertung
beeinflussen, sondern durch das
Lehrerverhalten dem Schüler gegenüber auch dessen tatsächliches Leistungsverhalten
verändern können (Pygmalion-Effekt; JÜRGENS 2005a, 138-140).
- Halo-Effekt: Beurteilung in Abhängigkeit vom Gesamteindruck des Schülers und
- logischer Fehler: Orientierung am Leistungsniveau in einem anderen Fach oder Merkmal
(z.B. Sprachgewandtheit und abstraktes Denkvermögen; SCHWARZER/SCHWARZER 1977, 13).
- Kausalattribuierung: Abhängigkeit von angenommenen Ursachen des Zustandekommens
der Leistung, z.B. wohlwollende Beurteilung von Fleiß (JÜRGENS 2005a, 143).
- Projektions- und Kontrastfehler: Einbeziehen eigener Persönlichkeitsmerkmale des
Lehrers und selektive Wahrnehmung entsprechender oder gegenläufiger Eigenschaften.
- Reihungs- und Kontrasteffekt: Abhängigkeit von zuletzt bewerteten Leistungen anderer
Schüler (ZIEGENSPECK 1999, 177-179).
Auf der Stufe der Leistungs
bewertung
kann es zu Verzerrungen kommen durch Strengefehler
(Übergewichtung kleiner Fehler) oder Mildefehler (Vermeidung harter Urteile), sowie durch
eine Tendenz zu mittleren Notenstufen oder zu Extremurteilen (JÜRGENS 2005a, 148-149;
TOPSCH 2007, 139). Der ,,Wissen-um-die-Folgen-Fehler" (ZIEGENSPECK 1999, 180) tritt auf,
wenn negative Folgen für den Beurteilten (z.B. Sitzenbleiben) vermieden werden sollen.
Beurteiler sollten immer bemüht sein, sich eigene Bewertungsfehler, -tendenzen und -
muster unvoreingenommen und selbstkritisch bewusst zu machen und sie sollten versuchen,
ihre Auswirkungen auf die Beurteilung möglichst gering zu halten (ZIEGENSPECK 1999, 181). Als
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Fazit vieler Untersuchungen kann jedoch festgehalten werden, dass die genannten Fehler
nie vollständig ausgeschlossen werden können, was den ernüchternden Erkenntnissen im
nächsten Abschnitt (messtheoretische Gütekriterien) zugrunde liegt.
5.2 Schlechterfüllung der messtheoretischen Gütekriterien
Inwieweit verschiedene Beurteiler von Portfolios zu übereinstimmenden Ergebnissen
kommen, soll im empirischen Teil dieser Arbeit überprüft werden. Studien mit anderen
Aufgaben- oder Leistungstypen konnten eine
Objektivität
der Benotung in teilweise
erschreckendem Maß widerlegen. So wurde ein Abituraufsatz in der Untersuchung von
ULSHÖFER (1948/49, zit. nach STEPHAN 1978, 17)
von 42 Gutachtern mit Noten von ,,sehr
gut" bis ,,ungenügend" bewertet. BIRKEL ließ
die Videoaufzeichnung zweier mündlicher
Abiturprüfungen 172 bzw. 168 darin
erfahrenen Lehrern vorspielen, deren
Benotung ebenfalls eine große Bandbreite
aufwies, wie das Diagramm zeigt (Abb. 9;
Abb. 9: Notenverteilung bei Hanna und Sophie. Quelle:
B
B
IRKEL (1993, 176, übernommen aus VIERLINGER 1999, 49).
IRKEL 1993, zit. nach VIERLINGER 1999, 49).
Untersuchungen der
Reliabilität
von Benotungen widerlegten auch diese: Lehrer verändern
ihre Urteilsverhalten über die Zeit und Zufallsergebnisse können nicht ausgeschlossen
werden (SACHER 1996, 32; VIERLINGER 1999, 52-53).
Bezüglich der
Validität
von Benotungen zeigten verschiedene Studien, dass die Ergebnisse
nicht allein sachliche Kriterien widerspiegelten, sondern von vielfältigen sach- und
fachfremden Faktoren beeinflusst sind von der sozialen Schichtzugehörigkeit
beispielsweise, von der Beliebtheit, der Handschrift und der äußeren Form schriftlicher
Arten oder von Verhalten und mündlicher Ausdrucksweise (SACHER 1996, 34-35; VIERLINGER
1999, 54-55).
TOPSCH (2007, 137) fasst zusammen, dass Zensuren ,,
weder objektiv, noch reliabel, noch
valide
" sind. Sie sind nur scheinbar genau und daher ,,weit weniger aussagekräftig, als die
Beteiligten glauben" (WINTER 2006a, 1).
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5.3 Probleme in Bezug auf die Funktionen der Leistungsbeurteilung
Die wissenschaftliche Kritik kann in drei Aspekte unterteilt werden. Erstens wird die Fülle an
Funktionen kritisiert, mit denen die Zensurengebung ,,überladen" wurde (INGENKAMP 1985,
173), zweitens die Schlechterfüllung der einzelnen Funktionen und drittens, dass sie sich
gegenseitig widersprechen und teilweise ausschließen (BRÜTTING 1981, 195).
5.3.1 Allokations- und Klassifikationsfunktion
STEPHAN (1978, 19-20) und VIERLINGER (1999, 56-57) nennen eine Reihe von Studien, die alle
zum Ergebnis kommen, dass die Vorhersagequalität von Schulnoten für den Erfolg in
höheren Schulen oder im Beruf äußerst eingeschränkt ist. VIERLINGER (1998) bezeichnet die
Ziffernzensur deshalb plakativ als ,,Spiel mit gezinkten Karten", wenn den Schülern ,,mit
diesem unsauberen Besteck nach wie vor Lebens- und Sozialchancen [zugemessen werden]".
5.3.2 Kontroll- und Berichtsfunktion
Mittels Ziffernnoten wird versucht, anhand eines kumulierten, quantifizierten
,,Generalindikators" (WINTER 2006a, 37) Auskunft über die Leistung von Schülern zu geben,
doch ,,[der] Vorgang des Zensierens ist komplex und entzieht sich weitgehend der
Einsichtnahme durch Schüler, Eltern und/oder ,Abnehmer` (z.B. Betriebe, weiterführende
Bildungs- und Ausbildungsinstitutionen)" (ZIEGENSPECK 1999, 15). Dadurch sind Zensuren und
Zeugnisse ,,als Informationsquelle für Eltern und Erziehungsberechtigte schwer zu entziffern,
woraus zahlreiche Mißverständnisse, Fehlinformationen und -interpretationen
resultieren" (ZIEGENSPECK 1999, 19). Sie geben auch keine Hinweise auf die Umstände ihres
Zustandekommens (LÜTGERT 2008) und beurteilen i.d.R. nur Leistungs
ergebnisse
, nicht aber
die
Anstrengungen
des betreffenden Schülers (VIERLINGER 1998) die individuelle
Bezugsnorm bleibt meistens unberücksichtigt (HÄCKER 2005b, 2), weshalb Schüler ,,nur in den
seltensten Fällen eine zutreffende Rückmeldung über ihre (...) Leistungsverbesserung oder -
verschlechterung [erhalten]" (STEPHAN 1978, 20). STEPHAN (1978, 20) stellt zudem fest, dass
Schulnoten auch ,,dem Lehrer keine zuverlässige Rückmeldung über die Qualität seines
Unterrichts [geben]" (Curriculare Kontrolle).
5.3.3 Pädagogische Funktion
Die Konkurrenz der Schüler um gute Noten wird einerseits als positiver Motivationsfaktor
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betrachtet (s.o.), andererseits kann sie sich negativ auf den pädagogischen Bezug zum Lehrer
auswirken, sofern dieser die Rolle des ,,(Kampf-)Richters" einnimmt. Ebenfalls in Gefahr ist
das Klassenklima: ,,Eifersucht, Neid, Überheblichkeit und Schadenfreude blockieren die
Hilfsbereitschaft und verhindern Kooperation" (VIERLINGER 1998). Für schwache Schüler
besteht die Gefahr der Bloßstellung (WEISS 1974, 54), fehlender Anerkennung und
permanenter Demotivation, weil sich bei ihnen aufgrund der sozialen Bezugsnorm der
zweite Motivationsfaktor ins Gegenteil verkehrt: die (gute) Note als individuelle Bestätigung.
Motivationstheoretisch handelt es sich hier um einen
extrinsischen
Anreiz, der durchaus
sinnvoll sein kann als Anstoß zum Aufbau
intrinsischer
Motivation, die sich als unmittelbare
Bedürfnisbefriedigung aus der Tätigkeit (hier: dem Lernen und Leisten) an sich und der
Freude daran versteht (FREY/OSTERLOH 2000, 24 & 39). Andererseits erörtern FREY/OSTERLOH
(2000, 26-35) aber, dass die so wichtige intrinsische Motivation durch ein Bonussystem
(pädagogisch unangemessener; WINTER 2006a, 3) extrinsischer Anreize verdrängt werden
kann. Dies führt oft dazu, dass ,,im Rahmen eines rein anpassungsorientierten
Lernens" (HÄCKER 2005b, 9) nur noch gelernt wird, was einer guten Note zuträglich ist dass
nicht mehr ,,um der Sache willen" gelernt wird (VIERLINGER 1999, 58) und sich ,,das
schulische Interesse (...) von der Bildung auf den [scheinbaren] ,Erfolg` verlagert", was auch
,,Schwindel und Betrug" rechtfertigt (WEISS 1974, 55).
ZIEGENSPECK (1999, 19) äußert aufgrund der genannten Aspekte ethische Bedenken, da
Emotionen und Charakterzüge der Schüler stark negativ beeinflusst werden können.
5.4 Zwischenfazit und Ausblick
Die vorhergehenden Abschnitte verdeutlichen den engen wechselseitigen Bezug zwischen
Lernprozess und Leistungsbeurteilung und erörtern die vielfältigen Probleme der
Leistungsbeurteilung in ihrer traditionellen Praxis. Es wurde gezeigt, dass vor allem
Ziffernzensuren den messtheoretischen Gütekriterien nicht genügen, sondern vielmehr nur
ein ,,subjektives Schätzurteil auf vorwissenschaftlichem Niveau" darstellen (JÜRGENS 2005a,
71). Auch die ihnen übertragenen (u.a. pädagogischen) Funktionen erfüllen Ziffernnoten
nicht in zufriedenstellender Weise. ,,Manche Kritiker sind deshalb der Ansicht, dass es
prinzipiell unsinnig sei, Leistungen messen zu wollen" (WINTER 2006a, 3) und stellen
Forderungen auf bis hin zur vollständigen Abschaffung dieses aufgrund seiner Mängel
,,ungerechten" Systems, dem die Legitimation fehle (VIERLINGER 1999, 7 & 60).
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Diese Extremforderung wird wohl auf absehbare Zeit keine Umsetzung in der schulischen
Praxis finden. HÄCKER spricht ganz im Gegenteil von einer ,,sich abzeichnende[n]
Überdimensionierung der Leistungskontrolle", nicht zuletzt mit-verursacht ,,durch Tests,
Vergleichsstudien und durch die Vorgabe von Standards" (WINTER 2003, 500). Die
Zensurengebung ist nach wie vor das dominierende Instrument schulischer
Leistungsbeurteilung und sie ,,zeigt sich bisher gegenüber Revisionen bzw. Modifikationen
als sehr resistent" (JÜRGENS 2005a, 61) oder anders ausgedrückt: wissenschaftlich
nachgewiesene Probleme und Vorschläge zu deren Lösung führten bisher nicht zu
umfangreichen Reformen in der Schulpraxis.
Lehrer müssen auch in Zukunft benoten, notwendig scheint aber eine deutliche
Verbesserung des gesamten schulischen Leistungsbeurteilungssystems. Entsprechende
Prinzipien und Konzepte werden im folgenden Abschnitt aufgezeigt.
6 Neue Ansätze und Konzepte der Leistungsbeurteilung
,,Das Interesse der Schüler, Eltern und Lehrer, von den Noten wieder mehr
und dauernd auf die Sache selbst hinzulenken, ist eine Lebensfrage der Schule;
nur so wird sie jenen bildenden und erziehenden Einfluß ausüben, der ihr gebührt"
(Der Grazer Pädagogikprofessor Eduard Martinak 1906, zit. nach WEISS 1989, 218).
Diese Feststellung hat auch nach über 100 Jahren nichts an Aktualität verloren die
Bedeutung der Schulnoten und insbesondere ihre negativen Auswirkungen auf das gesamte
Lernverhalten müssen reduziert werden, so dass die Leistungsbeurteilung das Lernen nicht
behindert, sondern Lern- und Leistungsbereitschaft und -fähigkeit konstruktiv und
motivierend unterstützt (JÜRGENS 2005a, 72; KRAUß 1999, 12). ,,Sie muss das werden, was sie
schon lange beansprucht zu sein, nämlich Pädagogische Diagnostik" (WINTER 2006c, 165),
und das erfordert ,,einen gründlich reformierten Umgang mit den Schülerleistungen" (WINTER
2003, 501).
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6.1 Prinzipien der
Leistungsbeurteilung in
einer neuen Lernkultur
Bevor die Vorgehensweisen,
Methoden und Instrumente einer
neu gestalteten Leistungsbeurteilung
Abb. 10 (oben): Leistungsbewertung im traditionellen Unterricht.
Abb.11 (unten): Verändertes Konzept der Leistungsbewertung.
aufgezeigt werden, werden im
Quelle: WINTER 2006a, 68 & 70.
Folgenden ihre Prinzipien beschrie-
ben im Bezug auf die in Abschnitt 2.5
dargestellte ,,neue Lernkultur". Zur
Veranschaulichung wesentlicher As-
pekte dient WINTERs Modell der
Entwicklungsrichtungen für die
Leistungsbewertung (Abb. 10 & 11).
6.1.1 Leistungsbeurteilung und eine höhere Selbstständigkeit der Schüler
Die Rolle des Schülers ,,changes from that of a passive, powerless, often oppressed, subject
who is mystified by the process, to an active participant who shares responsibility in the
process, practices self-evaluation, reflection, and collaboration, and conducts a continuous
dialogue with the teacher" (BIRENBAUM 1996, 7).
6.1.2 Gelebte Demokratie bei der Leistungsbeurteilung
Ein zentrales Merkmal der neuen Lernkultur ist die Anregung der Schüler zu eigenen (auch
dialogisch entwickelten), reflektierten und qualifizierten Urteilsprozessen (WINTER 2006a, 30),
die dann aber unbedingt bei der Leistungsbewertung berücksichtigt werden sollten.
Konkrete Möglichkeiten der Umsetzung bieten sich beispielsweise bei der gemeinsamen
Erarbeitung der Beurteilungskriterien oder bei Selbst- und Peer-Bewertung.
Die Schüler werden ,,durch den häufigen Dialog über Lernen und Leistung zu Subjekten in
einer neuen Qualitätspartnerschaft" (WINTER 2003, 503), die dem Lehrer Rückmeldungen für
die curriculare Kontrolle geben und in einer globaleren Perspektive ihre eigenen
Bildungsvorstellungen beim Aushandeln von Lernprozessen mit dem Lehrer und der Schule
einbringen können (WINTER 2006a, 10-11).
Notwendig dazu ist, dass sich eine offene und konstruktive, wechselseitige Feedback-Kultur
entwickelt (KRAUß 1999, 13) zwischen Schüler und Lehrer, zwischen den Schülern, und im
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weiteren Sinn auch im Dialog mit Eltern, Schule und anderen Beteiligten (z.B.
Ausbildungsbetrieben).
Als weiteren Aspekt der Demokratisierung betont WINTER (2006a, 28-29), dass Leistungen
dokumentiert und öffentlich gemacht werden sollten, damit ,,viele Personen Leistungen
wahrnehmen und beurteilen können". Dafür eignen sich z.B. Präsentationen, Berichte,
Portfolios oder die von VIERLINGER beschriebene Direkte Leistungsvorlage, deren
Grundgedanke eigentlich ist, die Leistung selbst (z.B. in Form eines Portfolios) unmittelbar
anstelle eines Surrogats (z.B. einer Zeugniszensur) vorzulegen (VIERLINGER 1998).
6.1.3 Prozessorientierung der Leistungsbeurteilung
Die traditionelle Leistungsbewertung ist überwiegend an Leistungsergebnissen und deren
Überprüfung orientiert. Da der Lernprozess in einer neuen Lernkultur eine ganz intensive
Beachtung findet, muss er auch im Rahmen der Leistungsbeurteilung offengelegt und
diskutiert, verstanden und berücksichtigt werden (WINTER 2006a, 15 & 30). Daran sind die
Schüler notwendigerweise aktiv beteiligt - sie beobachten, kontrollieren, reflektieren und
bewerten Lernhandlungen und verbessern dadurch kontinuierlich ihre metakognitiven
Fähigkeiten. ,,[The] aim of assessment is primarily to
educate and improve
student
performance, not merely to
audit
it" (WIGGINS 1998, 7) die (gemeinsame)
,,prozessbegleitende Leistungsbewertung hat daher eine direkt ausbildende
Funktion" (WINTER 2006a, 14-15).
6.1.4 Leistungsbeurteilung beim Lernen in komplexen Situationen
Leistungsbeurteilung in einer neuen Lernkultur kann sich nicht darauf beschränken, ,,eng
umschriebene Wissens- und Könnensbestandteile in kleinen Portionen zu prüfen und
einstufend zu bewerten" (WINTER 2006a, 20), sondern muss zusätzlich zum Fachwissen
auch breit gestreute und komplexe Fähigkeiten und Kompetenzen erfassen (WINTER 2006a,
19 & 30). Unter dem Schlagwort ,,authentic assessment" (authentische Leistungsbeurteilung)
sind in den USA Beurteilungskonzepte entstanden, die auf dem Lernen in komplexen
Situationen basieren und deren Leistungsanforderungen genau solchen Kompetenzen
entsprechen ,,authentisch" sind sie vor allem durch den Bezug auf ,,contexts in which
adults are ,tested` in the workplace, in civic life, and in personal life" (WIGGINS 1998, 24).
Durch die Berücksichtigung dieser Prinzipien soll ein negativer Einfluss der Art und Weise der
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Leistungsüberprüfung auf das Lehren (,,heimlicher Lehrplan") und auf das Lernen vermieden
werden (HÄCKER 2005, 3).
6.2 Durchführung der Leistungsbewertung
6.2.1 Auswahl der Beurteilungsobjekte
Die folgende Abbildung 12 stellt mögliche Ansatzpunkte bzw. Objekte der
Leistungsbeurteilung dar in inhaltlicher Anlehnung an die Zusammenstellung BOHLs (2005, 89)
für den offenen Unterricht, ergänzt um traditionelle Beurteilungsobjekte:
Abb. 12: Beurteilungsobjekte (Quelle: eigene Darstellung).
Traditionelle Leistungsbewertung bezieht sich dabei größtenteils auf individuell erbrachte
Leistungen. Nach dem neuen Verständnis sind auch
Gemeinschaftsleistungen
, z.B. im
Rahmen von Gruppenarbeit, Gegenstand der Beurteilung (WINTER 2006a, 30). Zu klären ist
dabei jedoch, ob die Gruppenleistung oder der individuelle Beitrag des einzelnen Schülers in
die Bewertung einfließt. Beides scheint aus der Perspektive des Kompetenzerwerbs
pädagogisch interessant, der individuelle Beitrag ist jedoch oft schwer bestimmbar (WINTER
2006a, 19).
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6.2.2 Festlegung der
Lernbereiche
Beispiele für konkrete Bewertungskriterien
Beurteilungskriterien
,,Der Schüler/die Schülerin ist in der Lage..."
Informations-
im Internet gezielt zu recherchieren.
Kompetenzen eines erweiter-
beschaffung
in Bibliotheken gezielt zu recherchieren.
Quellenangeben korrekt zu benennen.
ten Lernbegriffs können mit
...
der traditionellen Leistungs-
Selbstständiges
einen Zeit- und Arbeitsplan für ein Projekt zu
Arbeiten
erstellen und zu kontrollieren.
bewertung nicht überprüft
den Arbeitsprozess rückblickend zu
analysieren.
werden (Bohl 2005, 50). Zu
Aufgaben in freien Arbeitsphasen
selbstständig zu bearbeiten.
ihrer Unterstützung ist es
Lösungen selbstständig zu kontrollieren.
...
notwendig, einen entspre-
Visualisierungs-
Mindmapping zu erstellen und gezielt
techniken
chenden Katalog geeigneter
einzusetzen.
Strukturlegepläne zu erstellen und gezielt
Beurteilungskriterien zusätz-
einzusetzen.
Metapläne zu erstellen und gezielt
lich zu den fachlichen und
einzusetzen.
Grafiken zu erstellen und gezielt einzusetzen.
produktbezogenen Anforde-
...
Präsentations-
eine Präsentation zu strukturieren.
rungen aufzustellen, die techniken
den Beginn einer Präsentation
überprüfbar sind und weder
adressatenspezifisch zu gestalten.
das Ende einer Präsentation
zu allgemein, noch zu konkret
adressatenspezifisch zu gestalten.
Medien (Overhead, Powerpoint) gezielt
formuliert (Bohl 2005, 96).
einzusetzen.
...
Tabelle 3 zeigt Beispiele mög-
Kooperations-
Beratung aktiv und gezielt einzufordern.
fähigkeit
licher Items.
selbst Hilfe zu geben.
verschiedene
Gruppenfunktionen
Die bereits beschriebene,
(Zeitwächter, Fahrplanwächter vgl. Klippert
1998) einzunehmen.
pädagogisch notwendige Ein-
...
Kommunikative
Argumente überzeugend vorzutragen.
bindung der Schüler erfordert
Aspekte
einen freien Vortrag von fünf Minuten zu
halten.
sicherlich in variierendem
Gesprächsverhalten zu analysieren.
Umfang auch eine gemein-
zuzuhören und andere Ansichten
aufzugreifen.
same Erarbeitung und Fest-
...
legung der Bewertungskrite-
Tab. 3: Beispiele einzelner Bewertungskriterien. Quelle: BOHL (2005, 97).
rien (Bohl 2005, 82), wodurch
sie dem Schüler verständlich werden, er sich mit ihnen besser identifizieren und auf sie hin-
arbeiten kann. Bei der Verwendung von Bewertungskriterien sollte bedacht werden, dass
geforderte Kompetenzen erst vermittelt werden, bevor sie in die Bewertung eingehen, und
dass eine zu große Zahl an Kriterien (z.B. in Beurteilungsbögen) auch erdrückend wirken
kann (BOHL 2005, 156).
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6.2.3 Festlegung der Beurteiler
Vor allem wenn die Leistung am Ende benotet werden soll, ist es bedeutsam, wer an der
Bewertung maßgeblich beteiligt ist. Traditionell ist das Benoten ja meistens eine Tätigkeit,
die der Lehrer allein an seinem Schreibtisch erledigt. Dieses Vorgehen konterkariert aber die
Bemühungen um mehr Selbstverantwortung und Demokratie und stellt insbesondere dann
ein Problem dar, wenn der Lehrer eigene Kriterien zur Bewertung heranzieht, die sich von
den Zielvorstellungen der Schüler unterscheiden (WINTER 2006a, 24). Es ist deshalb
notwendig, zumindest teilweise eine Selbstbewertung der Schüler mit einzubeziehen. Auch
eine gegenseitige (Peer-) Bewertung könnte wertvoll sein, dafür muss aber die Feedback-
Kultur in der Klasse entsprechend hoch entwickelt sein.
Eine Erweiterung des Beurteilerkreises kann auch durch die Bewertung im Lehrerteam
stattfinden, die sich speziell bei fächerübergreifendem Unterricht anbietet (OEHLER/RENNINGS
1996, 24) oder durch das Einholen externer Meinungen bei öffentlicher Leistungs-
präsentation. In jedem Fall bietet die Einbeziehung weiterer Personen gegenüber einer rein
lehrerzentrierten Beurteilung gute Chancen zur Verbesserung der Objektivität.
6.2.4 Form und Kommunikation des Bewertungsergebnisses
Eine zusammenfassende Note für einen offenen Prozess kann in mehrerlei Hinsicht
problematisch sein zum einen aufgrund der bereits bekannten, allgemeinen Probleme von
Zensuren (z.B. negative Motivationswirkung für schlechte Schüler), und zum anderen mag es
als Rückschritt empfunden werden, wenn eine inhaltlich anhand vieler Kriterien präzisierte
Leistung nachträglich in einer abstrakten Gesamtnote aufgeht, die zudem oft doch nur am
Produkt festgemacht wird (WINTER 2006a, 16). Um die negativen Effekte der Benotung
möglichst gering zu halten, sollte ihre Ermittlung für die Schüler transparent sein sie sollten
die Bewertungsbausteine und deren Gewichtung kennen und die Benotung sollte von einer
differenzierten und aussagekräftigen Rückmeldung begleitet werden (BOHL 2005, 90):
,,reporting practices shift from a singe score to a profile, i.e., from quantification to
portrayal" (BIRENBAUM 1996, 7). Die Eigenqualitäten der Leistung (WINTER 2006a, 30) und der
individuelle Lernfortschritt (individuelle Bezugsnorm) können dabei adäquat berücksichtigt
werden.
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6.2.5 Leistungsbeurteilung in einem pädagogischen Kreislaufmodell
BOHL (2005, 78-81; vgl. Abb. 13) präsentiert im Gegensatz zu einer geschlossenen,
lehrerzentrierten und intransparenten
Praxis der Leistungsbeurteilung einen
Kreislauf von ,,Prüfen und Bewerten in
einer umfassenden (pädagogischen)
Handlungseinheit. Zusätzlich zu den oben
beschriebenen Schritten ist darin die
Lernberatung enthalten, um dem Schüler
erkennen zu helfen, ,,
auf welche Weise
Abb. 13: Beispiele einzelner Bewertungskriterien
eine Verbesserung stattfinden soll"
Quelle: BOHL (2005, 97).
(BOHL 2005, 80). Konsequenzen aus solchen Beratungsgesprächen können dann z.B.
individuelle Stützungsmaßnahmen für den Schüler oder konzeptionelle Veränderungen der
weiteren Unterrichtsgestaltung sein, wodurch sich der Kreis schließt. Spätestens an dieser
Stelle mögen viele Praktiker einwenden, dass aufgrund großer Schülerzahlen und der
zeitlichen Beanspruchung der Lehrkräfte eine so individuelle Förderung utopisch erscheint.
WIGGINS (1998, 119) zeigt sich allerdings aufgrund der positiven Erfahrungen in USA
optimistisch, nur: dafür notwendig ist ,,a more intelligent use of existing time, material, and
human resources".
6.3 Einsatz pädagogischer Portfolios zur Leistungsbeurteilung
Das Portfolio ist prinzipiell ein didaktisches Instrument, das in hervorragender Weise die
oben beschriebenen Vorteile einer neuen Lernkultur, Unterrichtsgestaltung und
Leistungsbeurteilung kombinieren kann:
,,It is a device that integrates instruction and assessment and is used for a longitudinal
assessment of processes and products. It advances the dialogue and cooperation between
the student and the teacher, in which the two collaborate in assessing the student′s
accomplishments and development with respect to the subject matter. The portfolio enables
a wide view of the student′s learning outcomes across a wide range of contents, thus
providing a method for comprehensively portraying, or telling the story of the student as a
learner, pointing out his/her strengths and weaknesses. (...) Moreover, it helps the student
develop personal dispositions that are considered essential for effective learning, namely,
self-regulation, self-efficacy, self-discipline, and self-assessment, as well as intrinsic
motivation, persistence, and flexibility" (BIRENBAUM 1996, 10).
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6.3.1 Leistungsinformationen aus dem Portfolio
Ein einzigartiges Attribut von Portfolios ist die Freiheit des Schülers, selbst diejenigen
Elemente auszuwählen, die im Portfolio enthalten sein sollen. Dabei können auch z.B.
außerschulische, längerfristige, mehrfach verbesserte, initiativ von den Schülern erstellte
und reflexive Leistungen eingebracht werden (WINTER 2007, 117). Sie geben einerseits
Auskunft über das Erreichen der kognitiven, fachlichen Lernziele (v.a. anhand von Produkten,
vgl. Abb. 13 auf S. 42) und bieten andererseits durch die Offenlegung von Prozess und
Reflexion einen breiten Einblick in den Lernvorgang, die individuelle Entwicklung und den
Erwerb bzw. die Anwendung überfachlicher Kompetenzen (LISSMANN 2000, 304-305; WINTER
2007, 115).
Dem Lehrer bietet sich aufgrund der Fülle an Informationen die Möglichkeit zu äußerst
aussagekräftigen Beurteilungen und konstruktiven Rückmeldungen an die Schüler durch
verschiedene Formen von Mitteilungen und vor allem im häufigen Gespräch, durch das die
oben erwähnte offene Feedback-Kultur gefestigt werden kann (WINTER 2007, 122-125).
6.3.2 Bewertung und Benotung von Portfolios
Während bei konventionellen Formen der Leistungsbewertung oft Fehler im Vordergrund
stehen (Defizitorientierung; HÄCKER 2007, 100), stellen die Schüler im Portfolio ,,
aktiv
und zu
einem gewissen Grade selbstbestimmt ihre Kompetenzen dar", wobei (im Fall einer
Benotung) das Risiko schlechter Noten oder des Versagens deutlich reduziert wird, da ja
geeignete Inhalte ausgewählt und ggf. mehrfach überarbeitet werden können (HÄCKER
2005b, 5).
Als
Beurteiler
kommen der Lehrer, der Schüler selbst, die Mitschüler und auch weitere
Personen in Betracht (vgl. oben), und Portfolios können auch ,,öffentlich" gemacht werden,
z.B. im Rahmen von Präsentationen in der Schule (WINTER 2006c, 167; WINTER 2007, 116).
Als
Beurteilungsform
können ,,Noten, auch verbale Beurteilungen, skalierte Raster oder
Mischformen verwendet werden" (BOHL 2005, 151), wobei viele Anhänger (z.B. VIERLINGER)
das Portfolio explizit als
Alternative
zur Zensierung propagieren (BOHL 2005, 154), da die
Mappe an sich als Leistungsdokument kaum an Aussagekraft zu übertreffen ist (WINTER
2006c, 169) und Ziffernnoten beispielsweise nicht mit der individuellen Bezugsnorm
kompatibel seien (VIERLINGER 2006, 45). In der Praxis werden Portfolios sowohl als
,,Ergänzung der normalen Ziffernzeugnisse eingesetzt" (LIEDTKE 1981), wie auch als benotete
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Schülerarbeit, die z.B. eine Schulaufgabe im Fach Deutsch ersetzt. Die Benotung ist allerdings
mit Gefahren für die pädagogische Qualität der Arbeit verbunden: Lernprozess und
Kompetenzaufbau können darunter leiden, dass in Antizipation der Urteilskriterien der
Lehrperson die Inhalte außenwirksam ,,aufpoliert" werden, die Selbstreflexion durch
Unterdrückung oder Beschönigung kritischer Aspekte zur ,,Farce" (WINTER 2007, 111) und die
Darstellung der eigenen Kompetenzentwicklung zu einer ,,Selbstinszenierung" wird (HÄCKER
2005b, 5-6). Portfolios laufen dann Gefahr, ,,zu einem weiteren Instrument der schulischen
(Täuschungs-)Kultur" zu verkommen, bei dem die Schüler Lernergebnisse vortäuschen und
gezieltes Nicht-Lernen verbergen (HÄCKER 2005b, 7 & 9). Zur Reduktion der negativen
Auswirkungen einer Benotung sind die Einbeziehung der Selbstbewertung, eine geschickte
Wahl und Transparenz der Beurteilungskriterien (BRUNNER/SCHMIDINGER 1997, 1081) und
,,beurteilungsfreie" Unterrichtsphasen (WINTER 2007, 118) hilfreich, oder die Noten werden
durch eine ,,Portfolioprüfung" am Ende eines notenfreien Ausbildungsabschnitts ermittelt
(WINTER 2006c, 170). Auch Ziffernnoten basieren beim Portfolio jedoch auf einer
vielfältigeren ,,Datenbasis" und können mit den Schülern besprochen (RHODE-JÜCHTERN 2003,
38) und evtl. verhandelt werden. Außerdem dürfen die positiven Aspekte einer Benotung
nicht vergessen werden oftmals gestaltet sich in Ermangelung der skizzierten neuen
Lernkultur ein ernsthaftes Arbeiten gerade dann als schwierig, wenn
nicht
benotet wird.
6.3.3 Portfolios als Instrument pädagogischer Reformen?
Der Einsatz von Portfolios ist kein Wundermittel zur Auflösung der grundlegenden
Dilemmata der schulischen Leistungsbewertung und zur Erzeugung einer neuen Lehr-Lern-
Kultur. Im Rahmen ernstgemeinter pädagogischer Reformen, die notwendigerweise auch
den Leistungsbeurteilungskontext betreffen, können sie dazu jedoch als konkrete
didaktische Methode einen wertvollen Beitrag liefern (HÄCKER 2005b, 8-9; WINTER 2003, 504).
7 Untersuchung zur Objektivität einer Portfoliobewertung
Objektivität ist eines der drei messtheoretischen Gütekriterien, die ,,der Legitimation,
Absicherung, letztlich auch der Gerechtigkeit schulischer Entscheidungen" dienen (BOHL
Handb, 173). BRUNNER/SCHMIDINGER (1997, 1081) behaupten, dass mit Portfolios ,,die
Probleme der Objektivität, Zuverlässigkeit und Gültigkeit, die der traditionellen
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Leistungsfeststellung und -beurteilung nachgewiesen wurden, verringert [werden]". Sie
begründen das u.a. mit der Berücksichtigung umfangreicher Inhalte aus einem längeren
Zeitraum und der Berücksichtigung von Selbstbeurteilung. Ein ähnlicher Optimismus war in
der restlichen für diese Arbeit ausgewerteten Literatur nicht zu finden. So stellt z.B. LISSMANN
(2000, 318) fest, dass die Beurteilungsbedingungen oft für jeden Schüler und jede
Portfolioarbeit in kaum kontrollierbarer Weise unterschiedlich sind. Ein intersubjektiv
übereinstimmendes Ergebnis sei nur erreichbar bei Bekanntheit von Zielsetzung und
Beurteilungskriterien, einem gemeinsamen Verständnis, ,,was und wie" zu beurteilen ist, und
einem möglichst intensiven Beurteilungstraining für Lehrer.
7.1 Datenbasis
7.1.1 Die untersuchten Portfolios5
Im Sommersemester 2007 wurde für Bamberger Studenten der Wirtschaftspädagogik von
Dipl.-Hdl. Andrea Trescher das Seminar ,,Unterweisungsprozesse II: Wirtschaftsethische
Bildung" als Pflichtveranstaltung angeboten. Ein Teil der Studenten hatte darin die Aufgabe,
pädagogische Portfolios zu erstellen zu einem wirtschaftsethischen Thema, das jeder
Teilnehmer allerdings in Abstimmung mit seiner Arbeits-Kleingruppe selbst wählen
konnte. Die Portfolioarbeit erfolgte dann nach den üblichen Phasen, wobei im Lauf des
Seminars drei übergreifende, inhaltliche Aufgabenstellungen im Bezug auf das individuelle
Thema abzuarbeiten waren: Bedeutung von Wirtschaftsethik, Rollenkonflikte und eine
wirtschaftsethische Dilemmasituation.
Vier der Portfolios wurden für die empirische Untersuchung dieser Arbeit ausgewählt und
von sechs Lehrern aus verschiedenen Schulen unabhängig voneinander beurteilt.
7.1.2 Rahmenbedingungen der Bewertung
Die im Rahmen der Untersuchung simulierte Beurteilungssituation widerspricht in mehrerlei
Hinsicht den oben erklärten Grundsätzen der Portfolioarbeit: Allein sechs Lehrer beurteilten
anhand eines im Nachhinein entwickelten, fast ausschließlich produktbezogenen Kriterien-
katalogs vier Portfolios, ohne beim Prozess der Erstellung überhaupt dabei gewesen zu sein.
5 Nähere Informationen zum Seminar und zu Inhalt und Aufbau der Portfolios können im ,,Leitfaden für die
Portfolio-Beurteiler" nachgelesen werden, der im Anhang beigefügt ist.
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Das Ziel der Untersuchung ist aber eine Einschätzung, inwieweit verschiedene Beurteiler von
Portfolios zu übereinstimmenden Ergebnissen kommen (Objektivität der Fremdbeurteilung).
Dafür stellen die genannten (pädagogischen) Mängel möglicherweise sogar Vorteile dar, weil
keine Verfälschung der Produktbewertung durch vorhergehende Eindrücke, Kenntnis der
Schüler usw. möglich ist.
Allerdings schließt die Untersuchung damit Aussagen über die Bewertung des Lernprozesses
(Ausnahme: schriftlich festgehaltene Reflexionen) und Kompetenzentwicklung, sowie über
Selbst- oder Peer-Beurteilung von vorneherein aus.
7.1.3 Festlegung des Kriterienkatalogs
Die Grundkonzeption des Bewertungsbogens ist die eines Katalogs gewichteter
Beurteilungskriterien, wie sie von vielen Autoren vorgeschlagen wird, wobei die inhaltliche
Gliederung den einzelnen Komponenten bzw. Phasen der Portfolioarbeit entspricht, so wie
in Abschnitt 3 dargestellt. Die Kriterien wurden dabei so anschaulich wie möglich formuliert,
um den Beurteilern, die größtenteils noch keine eigenen Erfahrungen mit der Bewertung
speziell von Portfolios gemacht haben, ein möglichst einheitliches Verständnis der jeweiligen
Anforderung zu vermitteln (Abb. 14):
A: Context definition
A1: Ist die Zielfindung überzeugend und passt das gewählte Thema dazu?
40%
A2: Inhaltsverzeichnis: Ist die Arbeit im Bezug auf das Thema
30%
logisch und nachvollziehbar gegliedert?
25%
A3: Führt das Vorwort zum Thema des Portfolios hin
30%
und ist es schlüssig aufgebaut?
B: Collection & Selection (allgemein)
Wie sind die ausgewählten und zusammengestellten Dokumente zu beurteilen?
- tragen Sie zur Erörterung der Thematik (bezüglich der Zielsetzung) bei?
100% 25%
- ist der Umfang angemessen (oder zu wenig / überflüssige Dokumente)?
- werden die eingangs gestellten Fragen beantwortet und die Ziele erreicht?
C: Bearbeitung der drei Aufgabenstellungen
C1: Teilabschnitt I:
50%
Wird die wirtschaftsethische Problematik des Themas deutlich?
C2: Teilabschnitt II:
20%
Ist der Rollenkonflikt entsprechend dem Thema passend ausgewählt?
25%
Werden die Ansprüche aller Akteure der Wirtschaft
dargestellt und "ausbalanciert"?
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C3: Teilabschnitt III:
Wird eine wirtschaftsethische Dilemmasituation überzeugend dargestellt
25%
und ein Lösungsvorschlag aufgezeigt?
D: Reflection & Projection
D1: Wurde der eigene Lernerfolg eingehend und nachvollziehbar
30%
beurteilt/bewertet?
D2: Werden Inhalte und ggf. Ergebnisse der Portfoliopräsentationen/-
10%
40%
besprechungen aufgezeigt?
D3: Wird erörtert, ob die Zielsetzung erreicht (oder verfehlt) wurde?
30%
E: Presentation
E1: Sind alle geforderten Dokumente (Inhaltsverzeichnis, Vorwort, Teilabschnitte,
50%
Notizzettel, Zusammenfassung) enthalten und ausgefüllt?
E2: Ist das Portfolio übersichtlich/strukturiert gestaltet?
30% 20%
E3: Sind die erstellten Dokumente orthografisch & grammatikalisch fehlerfrei?
10%
E4: Befindet sich das Portfolio in einem ordentlichen Zustand?
10%
Gesamtnote
100%
Abb. 14: Kriterienkatalog der Portfoliobewertung mit Angabe der Item- und Blockgewichte.
Die Festlegung der Gewichte einzelner Items und der Phasenblöcke stellt einen Kompromiss
dar zwischen der jeweiligen Bedeutung in einem idealtypischen Portfolioprojekt und den
Bedingungen und Erfahrungen aus der konkreten Portfolioarbeit, an der einer der Autoren
selbst teilgenommen hat. Einige Beispiele mögen das veranschaulichen: So wurden z.B. die
Aufgabenstellungen von Teilabschnitt II und III im Verhältnis zu Teilabschnitt I niedriger
gewichtet, weil ein Großteil der Studenten im ersten Abschnitt bereits einen Großteil der
eigenen Zielsetzung thematisch verarbeitet hatte, während die beiden folgenden
Fragestellungen oft nur noch als Zusatzaspekte wahrgenommen wurden. Die niedrige
Gewichtung des Blocks ,,Reflection & Projection" ist zurückzuführen auf die tendenziell
geringe Bedeutung, die dieser Phase im betrachteten Portfolioprojekt tatsächlich zukam
(was durchaus bedauert werden kann). Die Frage nach dem ordentlichen Zustand schließlich
war insofern kritisch, als die Portfolios vor der Bewertung bereits von mehreren Hilfskräften
des Lehrstuhls durchgearbeitet und teilweise vorübergehend zerlegt wurden, um
verschiedene Auswertungen vorzunehmen.
Insgesamt wurde versucht, eine möglichst realistische und geeignete Gewichtung
vorzunehmen, deren detaillierter Angemessenheit im Bezug auf die Fragestellung nach der
Bewertungs-Objektivität ohnehin keine herausragende Bedeutung zukommt.
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7.1.4 Abkürzungen in der Datenbasis
Die Datenauswertung arbeitet mit folgenden Abkürzungen:
- Die Beurteiler sind mit den Namenskürzel CB, JH, KS, MS, NH und TS angegeben,
- die anonymisierten Portfolios werden anhand der Codes EK14KL, MA18KL, RA26BU
und SR37HE unterschieden und
- die einzelnen Blöcke und Items werden mit A, A1, usw. bezeichnet (vgl.
Beurteilungsbogen in Abb. XX).
7.2 Datenauswertung
7.2.1 Grafische Analyse der Gesamt-Durchschnittsnoten
Abb. 15 zeigt die Notenverteilung aller
EK14KL
SR37HE
RA26BU MA18KL
1
Beurteiler für die vier Portfolios. Mit
Ausnahme von EK14KL/NH stellt sich der
2
CB
Kurvenverlauf relativ ähnlich dar in
JH
Bezug auf die soziale Bezugsnorm, also
3
KS
die Notenverteilung der einzelnen
MS
4
NH
Portfolios im Vergleich miteinander.
TS
Auffallend ist jedoch die sehr große
5
Spanne im absoluten Niveau der
Bewertungen, die sich zwischen 1,5
6
Notenstufen (MA18KL) und 3,3
Abb. 15: Gesamtnotenverlauf aller Beurteiler
Notenstufen (EK14KL) bewegt (vgl. Tab.
4). Das bedeutet, dass die Höhe des
CB JH KS MS NH TS Erwartungsniveaus der verschiedenen
EK14KL 3,56
2,81
5,26 3,61 1,99 4,55 Beurteiler ganz unterschiedlich hoch war.
SR37HE 2,30
1,57
3,22 2,17 2,45 3,24 Das Portfolio EK14KL wurde von fünf
RA26BU 2,28 1,21 2,99 1,96 1,80 3,16 Beurteilern als mit Abstand schlechteste
MA18KL 2,12 1,60 2,82 2,09 1,89 3,06 Arbeit bewertet; eine Ausnahme ist NH
Tab. 4: Gesamtnoten aller Beurteiler
er vergab eine erstaunlich gute
Bewertung.
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Die Beachtung der sozialen Bezugsnorm
CB
JH
KS
MS NH
TS
1
führt immer zum relativen Vergleich in
EK14KL
Form eines mehr oder weniger
2
SR37HE
RA26BU
differenzierten Rankings der Arbeiten.
3
MA18KL
Dies ist in Abb. 16 dargestellt, wobei z.B.
,,1" der Rang des jeweils bestbeurteilten
4
Portfolios ist. Analog zu den obigen
Abb. 16: Rangverteilung aller Portfolios
Feststellungen zeigt sich, dass EK14KL
von fünf Beurteilern am schlechtesten bewertet wurde. Bei den drei übrigen Portfolios, die
in Abb. 16 relativ nah beisammen lagen, bewerten mit Ausnahme von JH alle Beurteiler das
Portfolio SR37HE als eines der beiden schlechteren, wodurch im Ranking ein eindeutiger
Unterschied zu den beiden ,,guten" Portfolios RA26BU und MA18KL auftritt. Die Ränge
dieser Portfolios sind (außer bei JH) ,,1" und ,,2", allerdings vollkommen abwechselnd verteilt,
je nach Beurteiler. Abb. 17 zeigt deutlich,
CB
JH
KS
MS
NH
TS
1
dass die Noten dieser Portfolios bei den
2
EK14KL
einzelnen Beurteilern sehr eng
SR37HE
3
RA26BU
beisammen liegen (maximal 0,17
4
MA18KL
Notenstufen Differenz bei
5
Nichtberücksichtigung von JH), wodurch
6
die Aussagekraft der Rangverteilung
Abb. 17: Gesamtnotenverlauf in veränderter Darstellung
stark relativiert werden muss ein
negativer Aspekt der Ranking-Methode.
CB
JH
KS
MS
NH
TS
1
In der Schule erfolgt das automatisch,
2
EK14KL
da die Arbeiten nicht in einzelne Ränge
SR37HE
3
RA26BU
gebracht werden, sondern ein
4
MA18KL
gruppenweises Ranking im Rahmen der
5
Schulnoten erfolgt, wie es anhand der
6
üblichen Auf- und Abrundung
Abb. 18: Gesamtnoten aller Portfolios in Schulnoten
(Notensprung bei x,50) in Abb. 18
illustriert wird. Die drei besseren
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Portfolios bekommen darin von den Beurteilern jeweils die gleiche Gesamtnote, auch hier
mit der Ausnahme JH/RA26BU: bei JH wirkt sich trotz der noch geringen Notendifferenz von
0,39 (zwischen RA26BU und MA18KL) die Lage zwischen ,,1" und ,,2" als Notensprung aus.
Verdeckt wird dabei jedoch die klare Tendenz, dass Portfolio SR37HE etwas schlechter
bewertet wurde.
7.2.2 Grafische Analyse einzelner Bewertungsitems/-blöcke über alle Portfolios
Abb. 19 zeigt die Notenverläufe des Blocks C (Bearbeitung) und Abb. 20 die des Blocks D
(Reflection & Projection). Die Ähnlichkeit
EK14KL SR37HE RA26BU MA18KL
zum Verteilungsverlauf der Gesamtnoten
1
CB
ist unverkennbar, wobei sich bereits
JH
2
KS
unterschiedliche Schwerpunktsetzungen
3
MS
ankündigen: so liegt z.B. Beurteiler TS bei
4
NH
der ,,Bearbeitung" über seinen Durch-
TS
5
schnittsnoten, und Beurteiler KS hat die
6
,,Reflection und Projection" mit
unterdurchschnittlichen Noten bewertet
Abb. 19: Notenverlauf der Phase C Bearbeitung
(was in diesem Fall auf eigene Erfah-
rungen und ambitionierte Ansprüche an
EK14KL SR37HE RA26BU MA18KL
CB
1
die Denk- und Reflexionsfähigkeit der
JH
2
Schüler zurückgeht, wie den Autoren aus
KS
3
Gesprächen bekannt ist).
MS
4
NH
TS
5
6
Abb. 20: Notenverlauf der Phase D Reflection & Projection
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Abb. 21 stellt die Benotung des
CB
JH
KS
MS NH
TS
Kriteriums ,,Collection & Selection" (das
1
EK14KL
2
SR37HE
nur aus einem Item besteht) in
3
umgedrehter Weise dar. Sie illustriert
RA26BU
4
zum einen den deutlichen Unterschied
5
MA18KL
des Erwartungsniveaus über alle
6
Portfolios (so beurteilten z.B. JH und MS
Abb. 21: Notenverlauf der Phase B Collection & Selection
mit schlechtestens Note ,,3", was für KS
und TS die beste vergebene Note ist. Am Beispiel des vorhin als in Summe am schlechtesten
bewerteten Portfolio EK14KL zeigt sie zweitens die extreme Spannweite der Noten bei einem
einzelnen betrachteten Portfolio in diesem Fall von ,,1" bis ,,6". Das Portfolio enthielt eine
ganze Reihe von eingeklebten Zeitungsartikeln, was von den Beurteilern offensichtlich
qualitativ vollkommen unterschiedlich interpretiert wurde.
Ein scheinbar ,,objektives" Kriterium ist
JH
KS
MS
NH
TS
die Frage nach der Rechtschreibung und
1
EK14KL-E 3
Grammatik. In Abb. 22 sind nur die Noten
2
SR37HE-E 3
3
von Deutschlehrern eingetragen, die bei
RA26BU-E3
4
EK14KL und bei MA18KL bis zu 3
MA18KL-E3
5
Notenstufen auseinander liegen.
6
Abb. 22: Notenverlauf des Items ,,Rechtsschreibung" aller
Deutschlehrer
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7.2.3 Grafische Analyse der Notenverteilung in einzelnen Portfolios
Abb. 23 stellt die Beurteilung der
CB
JH
KS
MS
NH
TS
einzelnen Inhaltsblöcke in einem Portfolio
1
(SR27HE) über alle Beurteiler dar. Dabei
2
zeigt sich in Übereinstimmung mit den
3
anderen Portfolios dass einige
4
Beurteiler (v.a. TS) zu einheitlichen Noten
5
aller Kriterien tendieren (die dann der
6
A - Context
B - Collection
Gesamtnote entsprechen), während
C - Bearbeitung
D - Reflection
andere Beurteiler offenbar in
E - Presentation
Abhängigkeit persönlicher Schwerpunkt-
Abb. 23: Notenverlauf der einzelnen Phasen
setzungen breit gestreute Noten
für das Portfolio SR27HE
vergeben (am ausgeprägtesten ist das bei
NH der Fall). Auch hier zeigt sich das oben beschriebene Beispiel der strengen Bewertung
von Beurteiler KS im Bereich Reflection.
Die Betrachtung der vier ersten
Einzelitems in Portfolio EK14KL bringt die
Unterschiedlichkeit der verschiedenen
Bewertungen noch deutlicher zum
1
Ausdruck (Abb. 24): besonders bei A1 und
CB
2
JH
B liegen die Noten 4 bzw. 5 Notenstufen
3
KS
auseinander, und selbst beim Kriterium
4
MS
Inhaltsverzeichnis ist ein deutlich unter-
NH
5
schiedlicher Wert eingetragen worden
TS
6
in diesem Fall von CB mit der Note ,,3".
Abb. 24: Notenverlauf der ersten vier Items
des Portfolios EK14KL
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In Portfolio MA18KL (Abb. 25) fallen die
Beurteilungen scheinbar homogener aus,
was auf eine scheinbar unstrittiger als gut
wahrgenommene Leistung zurückgeht,
wobei auch hier ein Wert deutlich
1
CB
heraussticht: die schlechte Note von TS
2
JH
3
für den Item ,,Zielfindung".
KS
4
MS
5
NH
TS
6
Abb. 25: Notenverlauf der ersten vier Items
des Portfolios MA18KL
7.2.4 Statistische Auswertung der Daten mit SPSS
Im Folgenden soll nun noch die statistische Auswertung der Daten kurz aufgezeigt werden.
Ein erster Schritt ist dabei i.d.R. die Analyse von Mittelwerten und Verteilungen (deskriptive
Statistik), aufgrund der geringen Stichprobe wurde davon jedoch abgesehen, weil die
entsprechenden Informationen aus der grafischen Analyse bereits hervorgehen.
Die Korrelationsanalysen verwenden den Korrelationskoeffizienten nach Bravais/Pearson,
der jedoch eigentlich für eine so geringe Stichprobe ursprünglich ordinalskalierter Zahlen
keine aussagekräftigen und repräsentativen Ergebnisse errechnen kann. Die Anwendung
dieser Methode ist aus Sicht einer korrekten Statistik eigentlich für die Analyse einer
größeren Datenbasis ab N=20 Portfolios vorbehalten. In Kenntnis dieser prinzipiellen Mängel
wird die Vorgehensweise lediglich kurz anhand einiger interessanter Auswertungsaspekte
vorgestellt. Im Hinblick auf die anschließende Interpretation der Daten sei jedoch nochmals
darauf hingewiesen, dass keine Aussagen über die Grundgesamtheit gemacht werden
können, sondern lediglich für die vorliegenden Portfolios.
Um die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Noten der Beurteiler zu untersuchen,
wurde zunächst eine Korrelationsanalyse der Gesamt-Durchschnittsnoten vorgenommen.
Die berechneten Korrelationskoeffizienten geben die Stärke des paarweisen
Zusammenhangs der Variablen an (BROSIUS 1998, 497).
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JH TS CB MS NH KS
JH
,96
,95
,99
,04
,96
TS
,96
1 ,99 -,02 1
CB
,96
1
,99
-,04
1
MS
,99 ,99 ,99
0 ,99
NH
,04
-,02
-,04
0
,02
KS
,96 1 1 ,99 ,02
Tab. 5: Korrelation zwischen den Gesamtnoten der Beurteiler
Tabelle 4 bestätigt die Auswertungen der grafischen Analyse dahingehend, dass alle
Beurteiler außer NH tendenziell in relativer Verteilung zueinander ähnliche Noten geben,
unabhängig von der absoluten Höhe. Die negativen Korrelationen in Zeile ,,NH" weisen
wiederum darauf hin, dass NH in der Gegenüberstellung zu den anderen Beurteilern
gegensätzliche Noten vergeben hat.
Die Korrelationskoeffizienten der Phase Reflection & Projection gehen ebenso mit der
grafischen Analyse konform, da hier die Zusammenhänge geringer sind, was sich aber nicht
auf die Endnote auswirkt, sondern durch die unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen in
den verschiedenen Phasen wieder ausgeglichen wird.
JH TS CB MS NH KS
JH
1
,43
1
,43
,99
TS
1 ,46
,99
,50
,99
CB
,96
1
,99
-,04
1
MS
,99 ,99 ,99
0 ,99
NH
,04
-,02
-,04
0
,02
KS
,96 1 1 ,99 ,02
Tab. 6: Korrelation zwischen den Phasennoten der Beurteiler
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Um zu verdeutlichen, dass ebenso die Erkenntnis bezüglich der Rechtschreibnoten aus der
statistischen Auswertung entnommen werden kann, werden die Zusammenhänge der
jeweiligen Noten in Tab. 7 dargestellt:
JH TS MS NH KS
JH
1
,52
-,66
,82
TS
1 ,52
,66
,82
MS
,52
,52
,208
,85
NH
-,66 -,66 ,21
-,32
KS
,82
,82
,85
-,32
Tab. 7: Korrelation zwischen den Noten für das Item Rechtsschreibung der Beurteiler
Auch hier ist erkennbar, dass die Zusammenhänge nicht mehr stark sind und negative
Korrelationskoeffizienten berechnet wurden, d. h. dass die Beurteiler ein vermeintlich
,,objektives" Kriterium konträr benotet haben.
7.3 Zusammenfassung und Interpretation
Der Vergleich der Beurteilungen von vier Portfolios durch sechs Lehrkräfte lässt bei einer
Betrachtung allein der Gesamtnoten-Verteilung zumindest in Bezug auf die soziale
Bezugsnorm eine annähernd identische Bewertung vermuten, wodurch eine gewisse
Objektivität gewährleistet zu sein scheint. Sofern die Portfolios in eine Rangverteilung
gebracht werden, kommt es bei eng zusammenliegenden Gesamnoten zu einem stärker
wechselnden Ranking, was jedoch dann irrelevant wird, wenn statt Rangplätzen Schulnoten
vergeben werden. In diesem Fall besteht aber die Problematik von Notensprüngen bei
Gesamtnoten im Mittelbereich zwischen zwei Notenstufen, außerdem verdecken sie im
Bereich ganzzahliger Noten durchaus signifikant unterschiedliche Beurteilungen.
Extrem unterschiedlich stellt sich das durchschnittliche absolute Niveau aller Portfolios bei
den einzelnen Beurteilern dar. Dies kann zum einen darauf zurückgeführt werden, dass die
Lehrer kein einheitliches Verständnis davon hatten, was im speziellen Seminar von den
Studenten ,,verlangt" werden konnte. Andererseits kann dies auf jeden Fall als Hinweis auf
generell unterschiedlich gelagerte Erwartungen von ,,strengeren" und ,,milderen" Lehrern
gewertet werden.
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Dass es sich bei der anhand der Gesamtnote zunächst vermuteten Objektivität um eine
,,reine Scheinobjektivität" (Winter 2006c, 168) handelt, wird schon dann klar, wenn man die
den anderen Bewertungen zuwiderlaufende Notenverteilung von NH ernst nimmt.
Spätestens eine detaillierte Analyse der verschiedenen Inhaltsblöcke und Einzelitems
verdeutlicht aber, dass deren Benotung eine Streuung aufweist, die oft über das gesamte
Notenspektrum von ,,1" bis ,,6" reicht, wie das auch in den oben genannten Objektivitäts-
Studien der Fall war. Nicht nur ein Kriterium wie ,,Zielfindung" ist davon betroffen, sondern
sogar ein so eindeutig erscheinender Punkt wie die Frage nach der Rechtschreibung in
einer Beurteilung allein von Deutschlehrern.
Dass es sich bei der anhand der Gesamtnote zunächst vermuteten Objektivität um eine
,,reine Scheinobjektivität" (WINTER
2006c, 168) handelt, wird schon dann klar, wenn man die
den anderen Bewertungen zuwiderlaufende Notenverteilung von NH ernst nimmt.
Spätestens eine detaillierte Analyse der verschiedenen Inhaltsblöcke und Einzelitems
verdeutlicht aber, dass deren Benotung eine Streuung aufweist, die oft über das gesamte
Notenspektrum von ,,1" bis ,,6" reicht, wie das auch in den oben genannten Objektivitäts-
Studien der Fall war. Nicht nur ein Kriterium wie ,,Zielfindung" ist davon betroffen, sondern
sogar ein so eindeutig erscheinender Punkt wie die Frage nach der Rechtschreibung in
einer Beurteilung allein von Deutschlehrern.
Zusammenfassend muss also festgestellt werden, dass die Bewertungsergebnisse der
betrachteten Portfolios in keinster Weise dem Kriterium der Objektivität entsprechen.
Es scheint genau an dem eingangs geforderten, gemeinsamen Verständnis dafür, ,,was und
wie" zu beurteilen ist, gefehlt zu haben. Es bleibt zu hoffen, dass bei einem konkreten
schulischen Portfolioprojekt dieses Verständnis aufgrund der intensiven Beschäftigung mit
dem Instrument Portfolio, mit der konkreten inhaltlichen Aufgabenstellung und durch die
Teilnahme am Prozess in deutlich höherem Maß vorhanden ist.
8 Diskussion und Ausblick
Ist das Portfolio jetzt eine attraktive Alternative schulischer Leistungsbeurteilung oder nicht?
Anhand der theoretischen Argumente und in eindringlicher Weise bestätigt durch die obigen
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Untersuchungsergebnisse muss man diese Frage zumindest bezüglich des
messtheoretischen Gütekriteriums der Objektivität zunächst verneinen. Diese Aussage soll
allerdings in zweierlei Hinsicht relativiert werden:
Erstens sei den Verfassern aus studentischer Sicht die Kritik an der inhaltlichen Qualität der
Portfolios gestattet. Sie sind in einem nicht benoteten Pflichtkurs erstellt worden, und die
Portfolio-Autoren waren ganz offensichtlich nicht in hohem Maße motiviert, sich wirklich
intensiv und selbstorganisiert mit der ganzen Thematik, der Zusammenstellung von Inhalten,
der Reflexion des eigenen Lernprozesses und schließlich mit der Erstellung der Portfolios zu
beschäftigen, was sich direkt auf deren Qualität als Leistungsprodukt ausgewirkt hat. In
Gesprächen mit den Beurteilern hat sich gezeigt, dass diese auf die Defizite in ganz
verschiedener Weise reagierten von Verunsicherung über das zu Erwartende bis zu offener
und teilweise harscher Kritik an der Schlecht- oder Nichterfüllung der Portfolioaufgaben. In
einem schulischen Kontext ist davon auszugehen, dass durch intensive Einbindung der
Lehrer in den Prozess solche Probleme vermieden werden können. Wenn alle Portfolios
gewisse Mindeststandards erfüllen, dann ist auch damit zu rechnen, dass das Niveau der
Lehrerbenotung nicht mehr in einem so extremen Maß variiert.
Zweitens werden Portfolios von ihren Befürwortern (z.B. BOHL 2005, 86) oft gerade deshalb
große Chancen bezüglich der Objektivität eingeräumt, weil sie wie oben beschrieben von
mehreren Beurteilern (einschließlich des Schülers selbst) bewertet werden dies erfolgt
dann aber nicht
unabhängig
voneinander, sondern in
gegenseitiger Abstimmung
und
Diskussion
, wodurch subjektive Einflüsse wahrscheinlich tatsächlich deutlich reduziert
werden können.
Eine grundsätzliche Überlegung muss aber auch die Frage sein, inwieweit Objektivität im
Kontext schulischer Leistungsbewertung bei realistischer Betrachtung überhaupt
erreichbar
ist und vor allem, ob sie tatsächlich von so
großer Bedeutung
ist. Lehrer werden sich immer
in ihrer Unterrichtsgestaltung, ihren Werthaltungen und ihrem Urteilsverhalten unter-
scheiden und deshalb nicht nur die Bewertung, sondern auch den Kompetenzaufbau der
Schüler in ganz verschiedener Weise beeinflussen fördern oder auch behindern, was
jedoch in einer pluralistischen Gesellschaft und aus rein menschlicher Betrachtung
vollkommen normal erscheint. Mit Bezug auf die obige Portfoliountersuchung kann
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beispielsweise davon ausgegangen werden, dass Beurteiler KS die Schüler hinsichtlich ihrer
Reflexionsfähigkeit besonders herausfordern und fördern würde, während andere Beurteiler
auch ganz andere Schwerpunkte setzen.
Bei den traditionellen Methoden der Leistungsbewertung liegt Objektivität in aller Regel
nicht vor, obwohl sich wie erwähnt ,,eine nicht mehr diskutierte Scheinobjektivität
entwickelt [hat]" (KRAUß 1999, 13). Die Hauptproblematik dieser Methoden liegt aber nach
Ansicht WINTERs (2006, 66) nicht bei der Messqualität, sondern darin, ,,dass pädagogisch
wichtige Funktionen und Vorgänge von der Zensurengebung behindert oder verhindert
werden". Genau hier kommen die pädagogischen Vorteile des Portfolios zum Tragen es
führt möglicherweise zu genauso wenig objektiven
Noten
, aber die differenzierten
Rückmeldungen
sind für den Schüler im Rahmen eines kompetenzerwerbs-orientierten
Lernprozesses von hohem Wert.
Sollte sich das Portfolio (nicht seine Benotung!) aufgrund seiner steigenden Popularität als
Zulassungs- und Bewerbungsinstrument für weiterführende Schulen und am Arbeitsmarkt
stärker durchsetzen, dann könnte das Objektivitäts-problem schulischer Leistungsbeur-
teilung zudem an einer Stelle entschärft werden, wo diese bisher zu wirklichen für das
ganze Leben relevanten Ungerechtigkeiten führt.
Das Portfolio ist also zumindest mittelfristig betrachtet nicht als
genaueres, objektiveres
Messinstrument
schulischer Leistungen interessant, sondern seine Attraktivität liegt in den
Potenzialen für den individuellen Kompetenzaufbau nicht zuletzt aufgrund sehr
aussagekräftiger und konstruktiver Rückmeldungen
von verschiedenen Seiten.
Was aber ist notwendig, damit Portfolioarbeit im Gegensatz zu dem Kurs, in dem die
untersuchten Portfolios erstellt wurden wirklich ,,funktioniert"? Aufgrund der vorhan-
denen Literatur sei die Einschätzung gestattet, dass ein Teil der Autoren eine idealistische
Vorstellung von Schülern besitzt, die nur darauf warten, endlich ihre geballte intrinsische
Motivation in der Portfolioarbeit ausleben zu können, während andere Autoren
weitgreifende und bislang ausgebliebene pädagogische Reformen zur Voraussetzung für
das Funktionieren der Portfoliomethode machen.
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Eine pragmatische Herangehensweise sollte sich auf konkrete Handlungsempfehlungen für
Lehrer zur Umsetzung der Portfoliomethode konzentrieren, die auf Erkenntnissen aus
reellen Praxisbeispielen basieren, und aus denen beispielsweise hervorgeht, ob und wie auch
mit einer ,,mittelmäßigen" Klasse ,,pubertierender" Schüler zu einem fachbezogenen Thema
eine erfolgreiche Portfolioarbeit stattfinden kann, selbst wenn der Lehrer nicht die
,,mitreißendste" Persönlichkeit im Leben der Schüler ist. HÄCKER (2007) beispielsweise hat in
seinem neuen Buch den Einsatz der Portfoliomethoden in drei Klassen verschiedener
Schultypen analysiert und daraus erste Gestaltungsvorschläge abgeleitet.
Im Sinne eines ,,Ausblicks" kann an die ganz aktuelle Feststellung HÄCKERs (2007, 308)
angeknüft werden: ,,Die
Praxis
und
Erforschung
der Portfolioarbeit stehen im deutschen
Sprachraum ganz am Anfang". Sie sollten unbedingt weiter betrieben und gefördert werden.
Grundlegende ,,pädagogische Reformen" so drastisch und idealistisch das auch klingen
mag sollten aber ebenfalls durch didaktische Forschung und bildungspolitische
Entscheidungen weitergebracht werden. Die Unterstützung der Bildungsforschung durch das
BMBF könnte hier ein Signal in die richtige Richtung sein. Und organisatorische
Veränderungen in den Schulen, z.B. zur Flexibilisierung der Stundenverteilung, werden
wenn auch in noch völlig unzureichendem Umfang schon praktiziert. Es wäre
wünschenswert, dass die Grundlagen dafür geschaffen werden, dass Portfolios auch in
Deutschland nach den positiven Erfahrungen in den USA zu einer üblichen, anerkannten und
geschätzten Methode der schulischen Unterrichtsgestaltung werden. Auch die Rücksprache
mit den Portfoliobeurteilern hat ergeben, dass dazu die Veränderung von Rahmen-
bedingungen des Unterrichts notwendig ist, was die Anforderungen an die Lehrer bezüglich
der Benotung von Schülern mit einschließt.
Die Erfolgsaussichten der Portfolioarbeit basieren zwar einerseits auf genau diesen
,,pädagogischen Reformen", zum anderen kann die Portfoliomethode einen konkreten
Beitrag zur Veränderung der bestehenden Lernkultur an deutschen Schulen leisen und damit
Reformbestrebungen vorantreiben.
Vielleicht gelingt es ja gerade mit Hilfe der Portfoliomethode, die aus Sicht aller Beteiligten
der Schüler, Eltern und Lehrer alles dominierende Bedeutung der Schulnoten endlich auf
ein angemessenes und sinnvolles Maß zu reduzieren zugunsten einer stärkeren
Fokussierung auf intrinsisch motiviertes, kompetenzorientiertes Lernen.
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Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Leistungsschule und Leistungsbewertung im Kontext der Leistungsgesellschaft 4
Abb. 2: Dimensionen des eigenen Humankapitals
9
Abb. 3: Ebenen und Merkmalsbereiche des Selbstorganisierten Lernens
13
Abb. 4: Merkmalsbereiche des Selbstorganisierten Lernens
14
Abb. 5: KOMPAS
20
Abb. 6: Prozesskomponenten der Portfolioarbeit
22
Abb. 7: Dimensionen zur Charakterisierung und Unterscheidung von Portfolioarten
26
Abb. 8: Von der Schülerleistung zur Schülerbeurteilung
30
Abb. 9: Notenverteilung bei Hanna und Sophie
36
Abb. 10: Leistungsbewertung im traditionellen Unterricht
40
Abb. 11: Verändertes Konzept der Leistungsbewertung
40
Abb. 12: Beurteilungsobjekte
42
Abb. 13: Beispiele einzelner Bewertungskriterien
45
Abb. 14: Kriterienkatalog der Portfoliobewertung mit Angabe der
Item- und Blockgewichte
49-50
Abb. 15: Gesamtnotenverlauf aller Beurteiler
51
Abb. 16: Rangverteilung aller Portfolios
52
Abb. 17: Gesamtnotenverlauf in veränderter Darstellung
52
Abb. 18: Gesamtnoten aller Portfolios in Schulnoten
52
Abb. 19: Notenverlauf der Phase C Bearbeitung
53
Abb. 20: Notenverlauf der Phase D Reflection & Projection
53
Abb. 21: Notenverlauf der Phase B Collection & Selection
54
Abb. 22: Notenverlauf des Items Rechtsschreibung aller Deutschlehrer
54
Abb. 23: Notenverlauf der einzelnen Phasen für das Portfolio SR27HE
55
Abb. 24: Notenverlauf der ersten vier Items des Portfolios EK14KL
55
Abb. 25: Notenverlauf der ersten vier Items des Portfolios MA18KL
56
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Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Specific competencies
8
Tab. 2: Systematisierung in Anlehnung an die Kultusministerkonferenz
9
Tab. 3: Beispiele einzelner Bewertungskriterien
43
Tab. 4: Gesamtnoten aller Beurteiler
51
Tab. 5: Korrelation zwischen den Gesamtnoten der Beurteiler
57
Tab. 6: Korrelation zwischen den Phasennoten der Beurteiler
57
Tab. 7: Korrelation zwischen den Noten für den Item ,,Rechtsschreibung"
der Beurteiler
58
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Anhang
Leitfaden für die Portfoliobeurteiler
Beurteilungsbögen der Portfolios
Fragebögen an die Beurteiler
Ausdrucke der verwendeten Internetquellen
Versicherung
Die Dateien des Anhangs können auf Anfrage
von den Verfassern bezogen werden.
© 2008
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Alle Rechte vorbehalten.
Insbesondere von der Übernahme in wissenschaftliche Arbeiten raten wir
dringend ab,
- weil die Gefahr des Auffliegens groß ist, und vor allem
- weil die Verwendung von Plagiaten wissenschaftlich absolut unverzeih-
lich ist.
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