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Title: Stirner und Landauer - das ungleiche anarchistische Paar (Scholary Paper (Seminar))
Stirner und Landauer - das ungleiche anarchistische Paar

Subtitle: Individuum über Alles oder Nichtigkeit des Individuums?

Scholary Paper (Seminar), 2006, 24 Pages
Author: Andre Schuchardt
Subject: Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)

Details

Event: Proseminar „Philosophie des Anarchismus“
Institution/College: University of Leipzig (Institut für Philosophie)
Tags: Stirner, Landauer, Paar, Proseminar, Anarchismus“, Anarchismus, Sozialismus, Individuum
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2006
Pages: 24
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 20  Entries
Language: German

Archive No.: V112007
ISBN (E-book): 978-3-640-10488-8
ISBN (Book): 978-3-640-23981-8
File size: 217 KB

Abstract

Schon vom Begriff her, ist das Individuum falsch: das „Unteilbare“. Wie man sieht, ist es alles andere als unteilbar. Denn ist nicht auch das Herz und jedes andere Organ, ja jede einzelne Zelle, dieses „Individuums“ nicht auch ein Individuum, weil individuell, weil von anderen verschieden und genau bestimmbar? Auch Steine und ihre Bestandteile sind so Individuen. Früh wurde dies erkannt und gesagt, ein Individuum ist erfüllt mit Leben. Doch wie gezeigt, auch Zellen leben schließlich, so auch z.B. Pflanzen. Um nun wirklich auf das gewollte zu kommen, führte man weitere Eingrenzungen ein: das Individuum denkt (Descartes: cogito ergo sum), es hat Persönlichkeit (Thomas von Aquin). Doch auch hier gibt es Probleme, wie man heutzutage z.B. dargestellt in der Science Fiction sieht: wenn nun eine künstliche Intelligenz denkt, ja Persönlichkeit hat – lebt es dann auch und ist ein Individuum? Individuell ja, aber sicher kein Individuum im Sinne der Herren Philosophen, die ja zu gerne nur vom Menschen sprachen! Es gibt aber kein Individuum, zumindest keine individuellen, gibt es doch so viele Überschneidungen von Eigenschaften, Eigenheiten, Äußerlichkeiten, ja sogar Erfahrungen und Einstellungen. Denn welcher Mensch hat schon eine vollkommen individuelle Persönlichkeit? Es gibt immer mindestens zwei, die gleich sind, ob nun äußerlich oder innerlich! Darauf kann in dieser Arbeit aber leider nicht eingegangen werden, trotzdem soll die Nichtigkeit des einzelnen Individuums bewiesen werden, was wiederum die Frage aufwirft, ob Stirners Thesen überhaupt Bestand haben können und wie es mit einigen politischen Ideen, im speziellen nun dem Anarchismus, dann bestellt wäre – hätten sie überhaupt Berechtigung? Wie nun Gustav Landauer bereits so treffend formulierte, geht es beim Anarchismus hauptsächlich um das Individuum und seinen Individualismus. Wie aber definieren Anarchisten den Individuums-Begriff? Um dies zu zeigen möchte ich hiermit zwei der eher ungewöhnlichen Anarchisten untersuchen, nämlich Max Stirner, den Individualanarchisten par excellence, sowie Gustav Landauer, den sozialistischen Anarchisten. Max Stirner und Gustav Landauer vertreten nicht nur die gegensätzlichsten Annahmen überhaupt, nein, auch war Landauer früherer Anhänger von Stirner, der sich später aber abwandte und eigene Überlegungen anstellte.


Excerpt (computer-generated)

MANUAL

Universität Leipzig

Institut für Philosophie

Hausarbeit

im Proseminar ,,Philosophie des Anarchismus"

WS 2005/06

Stirner und Landauer ­

das ungleiche anarchistische Paar

Individuum über Alles oder Nichtigkeit des Individuums?

Verfasser:

Andre Schuchardt

Studiengang:

Allg. Sprachwissenschaft (HF), Philosophie (NF),

Altorientalistik

(NF)

Abgabetermin:

20.01.2006


2

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Festlegungen 3

2. ,,Individuum" und ,,Individualismus" 5

3. Biographien 9

3.1 Max

Stirner (1806 ­ 1856) 9

3.2 Gustav

Landauer

(1870 ­ 1919) 11

4. Unterschiedliche

Auffassungen vom Individuum 14

4.1 Stirners

,,Einziger" 14

4.2

Landauers ,,Ewiger Seelenstrom" und Meinungen zu Stirner 16

4.3 Ergänzungen

zu Landauer 20

5. Schlusswort 21

6. Literaturverzeichnis 22


3

1.

Einleitung und Festlegungen

1. ,,Individuum

[.] (lateinisch: das Unteilbare), Bezeichnung für das menschliche

Einzelwesen, das nicht geteilt werden kann, ohne dass seine Existenz etwas von ihrer

Wesensart verliert. Eine weitergehende Definition ist gemäß dem im Mittelalter

geprägten Diktum ,,individuum est ineffabile" (,,das Individuum ist unaussagbar") kaum

möglich." 1

- Microsoft® Encarta® Enzyklopädie Professional 2003

2. ,,In|di|vi|du|a|lis|mus

, der; - <lat.> (Anschauung, die dem Individuum den Vorrang

vor der Gemeinschaft gibt)"

,,In|di|vi|du|a|li|tät

, die; -, -en <franz.> (

nur Sing.

: Einzigartigkeit der Persönlichkeit;

Eigenart; Persönlichkeit)"

,,In|di|vi|du|um

[...du-um], das; -s, ...duen <lat.> (Einzelwesen, einzelne Person;

abwertend für

Kerl, Lump)" 2

- DUDEN

3. ,,

Als

Individuum

wird ein Wesen mit der Fähigkeit zum Denken bezeichnet. Damit

ist keine Aussage über die Schärfe oder Tiefe des Denkens getroffen, weshalb der

Ausdruck gelegentlich als Beleidigung gebraucht wird." 3

4. ,,

Unter einem

Individuum

(lat.: unteilbar, aber auch nicht zu Teilendes) versteht

man etwas Einzelnes in seiner Gesamtheit mit allen Eigenheiten und Eigenarten, die in

ihrem Gesamtgefüge wiederum bestimmend sind für seine Individualität. Es bezeichnet

also das räumlich und qualitativ einmalige Einzelwesen (seltener auch Einzelding).

Der Begriff Individuum wird praktisch ausschließlich auf Lebewesen und auf den

Menschen angewendet; Einheit und intakte Ganzheit ist bei ihnen lebensnotwendig.

Bei Menschen wird statt von Individuen mit derselben Bedeutung auch von Personen

geredet"4

- Wikipedia.org

5.

,,Das Einfache ist das Atomare, Unteilbare, [.], Individuelle." 5

- Historisches Wörterbuch der Philosophie

1 Microsoft® Encarta® Enzyklopädie Professional 2003. Version 12.0.0.0602

2

Individualisieren. In: DUDEN. Rechtschreibung der deutschen Sprache. Weltbild Sonderausgabe.

Augsburg (Weltbild Verlag AG) 1999, S. 368

3

Individuum. In: Wikipedia.org. http://de.wikipedia.org/wiki/Individuum (3.1.2006)

4

Individuum. In: Wikipedia.org. http://de.wikipedia.org/wiki/Individuum (8.1.2006)

5

Kaulbach, F.: Individuum und Atom. In: J. Ritter, K. Gründer (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der

Philosophie. Basel / Stuttgart: Schwabe & Co Verlag, 1976, S. 299


4

6

. ,,Anarchie ­ die Selbstherrlichkeit des Individuums" 6

- Gustav Landauer

Schon vom Begriff her, ist das Individuum falsch: das ,,

Unteilbare

". Wie man sieht, ist

es alles andere als unteilbar. Denn ist nicht auch das Herz und jedes andere Organ, ja

jede einzelne Zelle, dieses ,,Individuums" nicht auch ein Individuum, weil individuell,

weil von anderen verschieden und genau bestimmbar? Auch Steine und ihre

Bestandteile sind so Individuen.

Früh wurde dies erkannt und gesagt, ein Individuum ist erfüllt mit Leben. Doch wie

gezeigt, auch Zellen leben schließlich, so auch z.B. Pflanzen. Um nun wirklich auf das

gewollte zu kommen, führte man weitere Eingrenzungen ein: das Individuum denkt

(Descartes: cogito ergo sum), es hat Persönlichkeit (Thomas von Aquin). Doch auch

hier gibt es Probleme, wie man heutzutage z.B. dargestellt in der Science Fiction sieht:

wenn nun eine künstliche Intelligenz

denkt

, ja

Persönlichkeit

hat ­ lebt es dann auch

und ist ein Individuum? Individuell ja, aber sicher kein Individuum im Sinne der Herren

Philosophen, die ja zu gerne nur vom Menschen sprachen!

Es gibt aber kein Individuum, zumindest keine individuellen, gibt es doch so viele

Überschneidungen von Eigenschaften, Eigenheiten, Äußerlichkeiten, ja sogar

Erfahrungen und Einstellungen. Denn welcher Mensch hat schon eine vollkommen

individuelle Persönlichkeit? Es gibt immer mindestens zwei, die gleich sind, ob nun

äußerlich oder innerlich! Darauf kann in dieser Arbeit aber leider nicht eingegangen

werden, trotzdem soll die Nichtigkeit des einzelnen Individuums bewiesen werden, was

wiederum die Frage aufwirft, ob Stirners Thesen überhaupt Bestand haben können

und wie es mit einigen politischen Ideen, im speziellen nun dem Anarchismus, dann

bestellt wäre ­ hätten sie überhaupt Berechtigung?

Wie nun Gustav Landauer bereits so treffend formulierte, geht es beim Anarchismus

hauptsächlich um das Individuum und seinen Individualismus. Wie aber definieren

Anarchisten den Individuums-Begriff? Um dies zu zeigen möchte ich hiermit zwei der

eher ungewöhnlichen Anarchisten untersuchen, nämlich Max Stirner, den

Individualanarchisten par excellence, sowie Gustav Landauer, den sozialistischen

Anarchisten. Max Stirner und Gustav Landauer vertreten nicht nur die

gegensätzlichsten Annahmen überhaupt, nein, auch war Landauer früherer Anhänger

von Stirner, der sich später aber abwandte und eigene Überlegungen anstellte.

Max Stirner gilt als einer der wichtigsten Vertreter des so genannten

,,Individualanarchismus". Er hebt das Ich, das einzelne Individuum, mit seinem

6

Landauer, Gustav: Zur Entwicklungsgeschichte des Individuums, Teil I. In: Link-Salinger, R. (Hrsg.),

Signatur: g.l. Gustav Landauer im Sozialist (1892 ­ 1899). Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1986, S. 326


5

Egoismus über alles andere. Bearbeitet wird hierbei hauptsächlich die ,,Zweite

Abteilung: ICH" in Stirners ,,

Der Einzige und sein Eigentum

". Im Folgenden wird hierbei

meist abgekürzt als vom ,,Einzigen" gesprochen. Zitate werden mit EE angegeben.

Betrachtet wurde die area-Version von 2005, um der größeren Verbreitung und

häufigeren Nutzung der Stuttgarter Reclam-Ausgabe von 1991 aber gerecht zu

werden, wird stattdessen ebendiese zitiert.

Gustav Landauer, Revolutionär, Sozialist und Anarchist, aber auch Künstler und

Kunstliebhaber, Einzelgänger und friedvolles Wesen, findet nur wenig Erwähnung in

den Reihen der Anarchisten, doch war er anarchistischer Revolutionär und lieferte

einige interessante Einblicke zum Verständnis des Individuums. Hierbei finden

besonders seine Artikelreihe ,,Zur Entwicklungsgeschichte des Individuums" im

Sozialist

, als auch seine Publikation ,,

Skepsis und Mystik

" besonderen Schwerpunkt in

dieser Betrachtung. Dabei wurden die ,,Signatur: g.l." von 1986 im Suhrkamp-Verlag

sowie der ,,Skepsis und Mystik" (zitiert als SM) aus dem Verlag Büchse der Pandora

des Jahres 1978 zur Betrachtung gezogen.

Zur Einleitung wird es einen Überblick über die philosophiegeschichtliche Entwicklung

der Begriffe ,,Individuum" und ,,Individualität" geben. Einstieg in den Hauptteil werden

die Biographien von Max Stirner und Gustav Landauer sein. Schließlich wird es dann

im Hauptteil selber um die jeweiligen Ansichten und Begrifflichkeiten dieser beiden

gehen, wo sie sich unterscheiden und kritisieren, vor allem aber auch überschneiden.

2.

,,Individuum" und ,,Individualismus"

Zwei Begriffe für dasselbe: Demokrits Atomos (Atom) waren die kleinsten, nicht

sichtbaren Teilchen. Dieses Atom wurde von Cicero ins lateinische ,,Individuum"

übersetzt, und von da an war das ,,Einfache [.] das Atomare, Unteilbare, Nicht-

Zusammengesetzte, Individuelle." 7 Anfangs waren Atom und Individuum also noch

nahezu dasselbe, fortan entwickelten sie sich aber unterschiedlich.

Aber nun zum Individuum.

Am Anfang war Aristoteles. Zwar war er nicht der Erste, der sich Gedanken über die

Einzigartigkeiten von Personen und des Menschen gegenüber der restlichen Welt

machte, doch war er der Erste, der konkret versuchte, es zu definieren und

niederzuschreiben, auch wenn er noch abwechselnd und unklar definiert von Atomos

und Individuum sprach. Er nannte das Individuum ein konkretes und ganzheitliches

Einzelwesen, numerisch unterschieden von anderen, also etwas ,,Einzelnes". Plotins

7 Kaulbach, a.a.O., S. 299



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