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Kritische Diskussion über den den Zusammenhang von Theater und Bildung in Karl Philipp Moritz' "Anton Reiser" unter Einbezug von Goethes "Wilhelm Meister"

Essay, 2007, 10 Pages
Author: Markus Koch
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Essay
Year: 2007
Pages: 10
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 12  Entries
Language: German
Archive No.: V112254
ISBN (E-book): 978-3-640-11076-6
ISBN (Book): 978-3-640-11082-7
File size: 83 KB

Abstract

In der gesellschaftlichen Ausgangssituation der Spätaufklärung entschloss sich der Philosoph und Literat Karl Philipp Moritz (1756-1793) zu einem neuartigen Romanansatz. Mit seinem umfangreichen Hintergrundwissen, einer kenntnisreichen Mischung aus Literaturtheorie sowie pädagogischem und politischem Wissen gelingt es dem Verfasser, die eigene Biographie zu verarbeiten und mit dem vierbändigen „Anton Reiser“ einen „Versuch des Künstlerromans“ zu schaffen. In dessen Verlauf wird von der Konfrontation eines künstlerischen und begabten jungen Menschen mit der kalten Rationalität der Alltagswirklichkeit und seiner Suche nach einer erfüllten, besseren Existenz erzählt. Die eigene Lebenserfahrung bringt Moritz auch in die Kommentare des Erzählers ein, der zu Beginn jedes Romanbandes die momentane Lage der Hauptfigur kurz darstellt und dem Leser mit einer kritischen Beurteilung zur differenzierten Betrachtung dient. Diese Möglichkeit selbstreflexiver Literatur, sich als Autor auf unterschiedliche Arten einzubringen, wird von den Bearbeitern missachtet, die den „Anton Reiser“ als rein autobiographisches Werk deuten und eine Identität von Moritz und Reiser hinein interpretieren.


Excerpt (computer-generated)

Universität Regensburg Sommersemester 2007

Institut für Germanistik

Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft 2

Vorlesung: Von Dichtern und Philosophen

Autor: Markus Koch

Essay 5: Diskutieren Sie kritisch den Zusammenhang von Theater und Bildung in

Karl Philipp Moritz′ ,,Anton Reiser"! Beziehen Sie Goethes ,,Wilhelm Meister" in die

Argumentation mit ein


Zur Freude von engagierten Aufklärern wie Gotthold Ephraim Lessing, der sich an der ersten

national angelegten, so genannten ,,Hamburger" Theaterreform versuchte und scheiterte,

bietet das Theater der heutigen Zeit Vorzüge, von denen die Reformer des ausklingenden

18.Jahrhunderts nicht einmal zu träumen wagten.

Ein von staatlicher Zensur befreites, von der öffentlichen Hand sogar unterstütztes

dauerhaftes Engagement von Schauspielensembles mit festem Publikum und Repertoire, wie

es heutzutage in jeder mittleren Großstadt üblich ist, war in einer Zeit undenkbar, in der das

Hoftheater des Feudaladels und wandernde Laientruppen die traditionelle Form der deutschen

Bühnenkunst darstellten. In anderen europäischen Ländern war man bereits weiter, aber die

fehlende nationale Einheit der zersplitterten deutschen Fürstentümer erschwerte es den

reformorientierten Aufklärern und Bildungsbürgern, diesen Mangel in der Kulturlandschaft zu

beheben. Auch von der mächtigen Kirche war für die freie Ausübung der Bühnenkunst kaum

Hilfreiches zu erwarten.

In dieser gesellschaftlichen Ausgangssituation entschloss sich der Philosoph und Literat Karl

Philipp Moritz (1756-1793) zu einem neuartigen Romanansatz. Mit seinem umfangreichen

Hintergrundwissen, einer kenntnisreichen Mischung aus Literaturtheorie sowie

pädagogischem und politischem Wissen gelingt es dem Verfasser, die eigene Biographie zu

verarbeiten und mit dem vierbändigen ,,Anton Reiser" einen ,,Versuch des Künstlerromans"1

zu schaffen. In dessen Verlauf wird von der Konfrontation eines künstlerischen und begabten

jungen Menschen mit der kalten Rationalität der Alltagswirklichkeit und seiner Suche nach

einer erfüllten, besseren Existenz erzählt. Die eigene Lebenserfahrung bringt Moritz auch in

die Kommentare des Erzählers ein, der zu Beginn jedes Romanbandes die momentane Lage

der Hauptfigur kurz darstellt und dem Leser mit einer kritischen Beurteilung zur

differenzierten Betrachtung dient. Diese Möglichkeit selbstreflexiver Literatur, sich als Autor

auf unterschiedliche Arten einzubringen, wird von den Bearbeitern missachtet, die den

,,Anton Reiser" als rein autobiographisches Werk deuten und eine Identität von Moritz und

Reiser hinein interpretieren.

Reisers Kindheit: Grundlegung der Theaterleidenschaft

In meiner Analyse des Zusammenhangs von Theater und Bildung gehe ich von einer klaren

Trennung des Titelhelden und seines Schriftstellers aus. Jener teilt mit seiner Figur die

1 Marcuse S.24

2


genossene pietistische Erziehung, die spätere Vorliebe für Theater und das Reisen und sein

künstlerisches Lebensgefühl, das in jungen Jahren zur Entfaltung drängt.

Das erzählte Ich erlebt ,,seine Lebensgeschichte als biographisch eingebundenen Ausdruck

der Theaterbegeisterung"2 seiner Jugend und ist dabei nicht nur Stellvertreter des einzelnen

Autors, der in dieser Form seine erzieherischen Einsichten verarbeitet, sondern auch der

bürgergesellschaftlichen Realität. Der Konflikt, der sich hier abzeichnet, und die damit

verbundene Rebellion des inneren Selbst wurden von Goethe in den ,,Leiden des jungen

Werthers" bereits thematisiert, was die epochentypischen Motiven des Sturm und Drang

hervorbrachte und zur Idolisierung durch eine ganze Lesergeneration führte.

In dem von Moritz gewählten Rahmen eines psychologischen Romans wirken sich soziale

und religiöse Eindrücke und Prägungen der Kindheit, die in der spießig beengten, von den

Traditionen des Kleinbürgertums und des sektiererischen Pietismus geprägten Umgebung

stattfand, auf die spätere Persönlichkeit aus.

Die Titelfigur Anton Reiser wird von einem großteils lieblos agierenden Elternhaus zum

Rückzug in die eigene Phantasiewelt bewegt, da sein sich verhaltendes Ich von der Umwelt

nicht akzeptiert und häufiger Missachtung ausgesetzt wird. Deshalb weicht der Knabe mit

dem sensiblen Gemüt lieber in seine eigene Traumwelt aus, die ihm nicht rational motivierte

Tätigkeiten erlaubt und gleichzeitig seinen Geltungstrieb bestätigt.3 Zusätzlich gereicht sie

Reiser manchmal zum Vorteil wie im Haus des Freiherrn F., wo er im Schubkarren das

imaginierte Jesukind spazieren fährt und für seinen religiös engagierten, moralischen

Charakter gelobt wird. Hier lernt er bereits die andauernde Selbstbeobachtung, sich selbst

permanent auf den rechten moralischen Weg hin zu kontrollieren, denn dabei zählte für ihn

,,zu der Gottseligkeit und Frömmigkeit (...) vorzüglich die Aufmerksamkeit auf jeden seiner

Schritte und Tritte, auf jedes Lächeln, und auf jede Miene, auf jedes Wort, das er sprach, und

auf jeden Gedanken, den er dachte" (S.181)

Eindeutig stellt er sich selbst mit einer Relevanz dar, die ihm sein gesellschaftliches Umfeld

nicht zuerkennt. In der Lehre beim Hutmacher L. wird dieser innere Drang weiter verstärkt,

wenn er von seinem Meister nur Anerkennung findet, indem er dessen religiösen Wahn teilt

und sich durch seine eingebildeten Erlebnisse in den Mittelpunkt einer mystischen Traumwelt

stellt.

2 Selbmann S.43

3 Vgl.Mahoney S.28f

3



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