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Renaissance der Utopie?

Subtitle: Bedingungen und Erscheinungsformen der Utopie in der westlichen Welt der Gegenwart

Thesis (M.A.), 2007, 117 Pages
Author: Jan Rohgalf
Subject: Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal

Details

Institution/College: University of Rostock
Tags: Renaissance, Utopie
Category: Thesis (M.A.)
Year: 2007
Pages: 117
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 220  Entries
Language: German
Archive No.: V112263
ISBN (E-book): 978-3-640-22022-9
ISBN (Book): 978-3-640-22256-8
File size: 590 KB

Abstract

Nach dem viel beschworenen "Ende der Utopie" ist seit den Späten 1990ern ein erneutes Interesse an der Utopie in den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie der Publizistik zu verzeichnen. Die Studie untersucht, inwieweit gegenwärtige Neuverortungen utopischen Denkens noch in der Tradition von Thomas Morus stehen. Weniger der Zusammenbruch des real-existierenden Sozialismus als vielmehr grundlegende Revisionen der modernen Raum- und Zeitwahrnehmung sowie ihre sozialen und politischen Implikationen stehen einer Wiederaneignung der Utopie in der Spätmoderne im Wege.


Excerpt (computer-generated)

Universität Rostock

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät

Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften

Renaissance der Utopie?

Bedingungen und Erscheinungsformen der Utopie

in der westlichen Welt der Gegenwart

Abschlussarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Magister-Artium (MA)

im Fach Politikwissenschaft

Eingereicht von:

Jan Rohgalf

Erstfach: Politikwissenschaft

Zweitfach: Dt. Sprache und Literatur

Rostock, den 06.12.2007


Inhalt

1. Einleitung

3

2. Utopiebegriff und Bezugsrahmen

8

2.1. Totalitärer, intentionaler und klassischer Utopiebegriff

8

2.2. Wandlungsfähigkeit und Lernprozesse der Utopie

11

3. Das Ende der Utopie ­ zwei Versionen der Utopiekritik

18

3.1. Utopie = Sozialismus = Totalitarismus. Die liberal-konservative Utopiekritik

18

3.2. Das Ende der großen Erzählungen. Die postmoderne Utopiekritik

23

4. Aspekte einer Neubestimmung utopischen Denkens seit 1990

29

4.1. Die Erreichbarkeit der Utopie

29

4.1.1. Die illusionslose Utopie

30

4.1.2. Die konkrete Utopie nach dem Ende des Sozialismus

36

4.1.3. Utopie als Szenariotechnik?

40

4.2. Der Weg ist das Ziel: Die Utopie als Prozess

43

4.2.1. Das Bilderverbot der Utopie

43

4.2.2. Die Prozess-Utopie der kleinen Schritte

47

4.2.3. Die Prozess-Utopie der Spätmoderne

51

4.3. Die Diffusion des Utopischen in der Heterotopie

54

4.3.1. Die Heterotopie nach Michel Foucault

54

4.3.2. Pluralität heterogener Konstruktionen

56

4.3.3. Beunruhigung statt Kompensation

62

4.3.4. Der Übergang von der Utopie zur Heterotopie

69

4.4. ,Degenerate Utopias` (Harvey)

71

4.4.1. Die konservative Utopie der Gegenwart

71

4.4.2. ,Living in Utopia` (Bauman): Die Utopie der Marktwirtschaft

72

4.4.3. Der perfekte Körper als Utopie?

77

4.5. Wandlungen der Utopie

83

5. Die bisherigen Ergebnisse vor dem Hintergrund von Hartmut Rosas
,,Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne"

87

5.1. Die Geschichte der Moderne als Beschleunigungsgeschichte

87

5.2. Die Erosion der modernen Grundlagen utopischen Denkens

90

5.3. Die Grenzen des Utopischen in der Spätmoderne

96

6. Utopie als Chiffre oder: die Sehnsucht nach der Utopie

100

7. Literaturverzeichnis

104


1. Einleitung

Mit dem Ende des Kalten Krieges durch den Zusammenbruch des real-existierenden Sozialismus

1989/91 rückten die liberale Demokratie und Marktwirtschaft in die Position eines

unangefochtenen Gesellschaftsmodells. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis

Fukuyama sah bekanntlich in dieser Entwicklung gar das ,,Ende der Geschichte" gekommen.1

Vor diesem Hintergrund wurde zugleich das ,,Ende des utopischen Zeitalters"2 verkündet. Das

Scheitern des Sozialismus, so der Tenor, habe eindrucksvoll vor Augen geführt, dass die Utopie

in ihrer Realisierung zum Totalitarismus führe und letztlich an der ihr eigenen sozialen und

politischen Immobilität zugrunde gehen müsse.3

Entgegen dieser Feststellungen ist seit den späten 1990ern ein erneutes Interesse an der Utopie in

den Sozial- und Geisteswissenschaften sowie in der Publizistik zu verzeichnen. Eine Reihe von

Zeitschriften hat sich in Themenausgaben der Utopie gewidmet.4 Selbst der utopischen

Überschwangs eher unverdächtige Merkur fragte, ob es an der Zeit wäre, ,,dem Denken über die

Zukunft, dem utopischen Enthusiasmus wieder Raum zu geben."5 Zudem sind mehrere Bände

mit Aufsätzen erschienen, die zum Teil auf Tagungen zurückgehen. Hier zu nennen sind

beispielsweise die beiden von dem Historiker Jörn Rüsen initiierten internationalen Tagungen

,,Thinking Utopia/Utopisches Denken" (2001) und ,,Unruhe der Kultur. Potentiale des

Utopischen" (2002), in deren Anschluss drei Bände erschienen sind.6 Ein Graduiertenkolleg der

FU Berlin beschäftigte sich 2004 mit ,,Utopischen Körpern", die Promotionsstipendiaten der

Hans Böckler-Stiftung wählten ,,Grenzüberschreitungen zwischen Realität und Utopie" zum

Thema ihrer Jahrestagung 2005, während die Loccumer Initiative kritischer Wissenschaftler

,,Möglichkeiten einer anderen Welt" diskutierte.7 Rudolf Maresch und Florian Rötzer sehen gar

1

Fukuyama, F.: Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München 1992.

2

Fest, J.: Der zerstörte Traum. Das Ende des utopischen Zeitalters, Berlin 1991; Ackerman, B.: Ein neuer Anfang

für Europa. Nach dem utopischen Zeitalter, Berlin 1993; Winter, M.: Ende eines Traums. Blick zurück auf das

utopische Zeitalter Europas, Stuttgart 1993.

3

Vgl. z.B. auch: Nolte, E.: Was ist oder was war die ,politische` Utopie?, in: Saage, R. (Hrsg.): Hat die politische

Utopie eine Zukunft?, Darmstadt 1992, S. 3-14.

4

Vgl. Critical Review of International Social and Political Philosophy, Vol. 3, No. 2/3 (2000); Österreichische

Zeitschrift für Politikwissenschaft, Bd. 29, Nr. 1 (2000); Widersprüche. Zeitschrift für sozialistische Politik im

Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich, Bd. 21, Nr. 80 (Juni 2001); Merkur. Deutsche Zeitschrift für

europäisches Denken, Bd. 55, Nr. 629/639 (Sept./Okt. 2001); Gegenworte. Zeitschrift für den Disput über

Wissen, Heft 10 (Herbst 2002); History of Human Sciences, Vol. 16, No. 1(2003); Neue Gesellschaft Frankfurter

Hefte, Bd. 52, Nr. 4 (2005); Diogenes. A quarterly publication of the International Council for Philosophy and

Humanistic Studies, No. 209 (2006); Zeitschrift für Anglistik und Amerikanistik, Bd. 55, Nr. 1 (2007).

5

Merkur, Bd. 55, Nr. 629/639 (Sept./Okt. 2001), S. 743.

6

Rüsen, J./Fehr, M./Ramsbrock, A. (Hrsg.): Die Unruhe der Kultur. Potentiale des Utopischen, Weilerswist 2004;

Rüsen, J./Rieger, T./Fehr, M. (Hrsg.): Thinking Utopia. Steps into other worlds, New York 2005; Zinsmeister, A.

(Hrsg.): Constructing Utopia. Konstruktionen künstlicher Welten, Zürich u. Berlin 2005.

7

Hasselmann, K./Schmidt, S./Zumbusch, C. (Hrsg.): Utopische Körper, München 2004; Di Pasquale, V. et al.

(Hrsg.): Grenzüberschreitungen zwischen Realität und Utopie, Münster 2006; Hawel, M./Kritidis G. (Hrsg.):

3


eine ,,Renaissance der Utopie" gekommen.8 Andere Autoren haben sich in Monographien mit

dem Zustand utopischen Denkens sowie seinen Möglichkeiten und Grenzen auseinandergesetzt:

so etwa der US-amerikanische Historiker Russell Jacoby in seinem ,,Picture Imperfect. Utopian

Thought for an Anti-Utopian Age", der Literaturwissenschaftler Tom Moylan in seinem ,,Scraps

of the Untainted Sky" oder Fredric Jameson in ,,A Desire Called Utopia".9

Eine ,,Neubestimmung und Neuorientierung utopischen Denkens"10 zeichnet sich allerdings

bereits zu Beginn der 1990er ab. In dem vom deutschen Politikwissenschaftler Richard Saage

herausgegebenen Band ,,Hat die politische Utopie eine Zukunft?"11 z.B. melden sich nicht nur

Verfechter eines Endes der Utopie zu Wort, sondern mit Udo Bermbach, Johano Strasser,

Herfried Münkler und Saage selbst Vertreter der These, dass nicht die Utopie per se erledigt sei,

sondern dass lediglich bestimmte Formen utopischen Denkens, seine ,,etatistisch-autoritäre

Linie",12 an ihr Ende gekommen seien.

Bei einer ersten Sichtung der Quellen zeigt sich Folgendes: Erstens spielen zeitgenössische

Romane kaum eine Rolle bei einer Neuverortung der Utopie. Wo auf utopische Literatur

eingegangen wird, werden meist die Klassiker insbesondere der 1970er angeführt. Vielmehr wird

zweitens das Utopische gerade auch jenseits des literarischen Entwurfs einer Idealgesellschaft

gesucht und thematisiert. Ansatzpunkte und Erkenntnisinteressen der Autoren sind aus diesem

Grunde breit gestreut. So beschäftigt sich besagtes Graduiertenkolleg der FU Berlin mit

,,Utopischen Körpern", während in dem von Jörn Rüsen herausgegebenen ,,Unruhe der Kultur"

das utopische Potential der Kybernetik ebenso behandelt wird wie die ,,Schaffung einer grünen

Utopie". Ebenso divergiert drittens das, was unter Utopie verstanden wird, von Autor zu Autor

zum Teil erheblich. Viertens aber konvergieren die unterschiedlichen Autoren darin, dass sie sich

meist mehr oder weniger offen von Utopien der Vergangenheit distanzieren.

Die Frage nach einer möglichen Renaissance der Utopie wird in der vorliegenden Arbeit in der

Weise behandelt, dass untersucht, inwieweit sich aus der Vielfalt divergierender Positionen eine

zeitgenössische ,Lesart` der Utopie herauskristallisieren lässt. Bei einer solchen Vorgehensweise

Aufschrei der Utopie. Möglichkeiten einer anderen Welt, Bonn 2006.

8

So der Titel des von Maresch und Rötzer herausgegebenen Sammelbandes: Maresch, R./Rötzer, F. (Hrsg.):

Renaissance der Utopie. Zukunftsfiguren des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/Main 2004.

9

Jacoby, R.: Picture Imperfect. Utopian Thought for an Anti-Utopian Age, Berkeley 2005; Moylan, T.: Scraps of

the Untainted Sky. Science Fiction, Utopia, Dystopia, Boulder u. Oxford 2000; Jameson, F.: Archaeologies of

the Future. A Desire Called Utopia and Other Science Fiction, New York 2005.

10

Kneer, G.: Notwendigkeit der Utopie oder Utopie der Kontingenz? Ein Beitrag zum Streit zwischen Univer-

salismus und Kontextualismus, in: Eickelpasch, R./Nassehi, A. (Hrsg.): Utopie und Moderne, Frankfurt/ Main

1996, S. 51-85, hier: S. 52.

11

Saage, R. (Hrsg.): Hat die politische Utopie eine Zukunft?, Darmstadt 1992. Vgl. auch: Scherer, K.-J./Wasmuth,

U. C. (Hrsg.): Mut zur Utopie! Festschrift für Fritz Vilmar, Münster 1994; Slusser, G. et al. (Hrsg.): Trans-

forming Utopia. Changing views of the Perfect Society [1991], New York 1999.

12

Saage, R.: Politische Utopien der Neuzeit, Darmstadt 1991, S. IX.

4


können zwar fraglos wichtige Aspekte nicht hinreichend gewürdigt werden. So wird

beispielsweise die empirische Untersuchung des Einflusses der hier dargelegten Perspektiven auf

politisches Denken und Handeln ausgespart bleiben.13 Trotzdem sprechen gute Grunde für eine

Fokussierung auf das jeweils zugrunde gelegte Utopieverständnis. Zunächst einmal ist es

angebracht zu explizieren, was mit Utopie bezeichnet wird, wenn von einer neuen bzw.

andauernden Bedeutung dieser gesprochen wird. Dies umso mehr, wenn erstens mit dem Begriff

Utopie sehr Unterschiedliches bezeichnet wird und wenn zweitens damit gleichzeitig eine mehr

oder minder entschiedene Distanzierung von älteren Utopien bzw. Utopieverständnissen

vorgenommen wird. Eine derart vorgehende Untersuchung kann darlegen, unter welchen

Aspekten an ältere Utopietraditionen angeknüpft wird und inwieweit diese auch verworfen

werden. Ein Abwägen von Momenten der Tradierung und Momenten der Distanzierung wirft

zudem die Frage auf, ob es weiterhin schlüssig ist, von Utopien zu sprechen. Zu untersuchen sein

wird schließlich, in welchem Zusammenhang der Wandel dessen, was unter Utopie verstanden

wird, gesehen werden muss mit einer Veränderung der sozialen und politischen Parameter vor

deren Hintergrund das Nachdenken über die Utopie stattfindet. Hier drängt sich die

Gegenüberstellung Moderne ­ Postmoderne auf. Aber auch Zeitdiagnosen wie Ronald Inglehards

Postmaterialismus-These, Ulrich Becks Risikogesellschaft oder Peter Gross´ Multioptions-

gesellschaft legen nahe, dass Entwicklungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dazu

geführt haben, dass ,,irgendetwas Neues kommt oder schon herangekommen ist, das sich von

dem, was bis dahin Moderne genannt wurde, in hinreichend signifikanter Weise unterscheidet,

um eine neue Benennung zu rechtfertigen."14 Die Frage nach einer möglichen Renaissance der

Utopie stellt sich so wie folgt: Gelingt es, unter den Bedingungen, die nur noch bedingt die der

Moderne zu sein scheinen, plausibel an ältere Utopien anzuknüpfen, oder reflektieren die in

dieser Arbeit dargelegten Neuorientierungen utopischen Denkens geradezu die Grenzen einer

solchen Renaissance in der Gegenwart? Dies ist eine grundlegende Frage, die vor einer

Auseinandersetzung mit den praktischen Einflussmöglichkeiten einzelner Ansätze zu

beantworten ist.

Eine Auswertung der Literatur zu diesem Thema hinsichtlich eines gewandelten Utopiebegriffs

ist bislang erst in Ansätzen erfolgt. Richard Saage nimmt eine knappe Zusammenfassung v.a. der

Beiträge seines wichtigen Buches ,,Hat die politische Utopie eine Zukunft?" im vierten Band

seiner ,,Utopischen Profile" vor. Dabei lässt er jedoch die Frage nach ,,einem erneuerten

13

Zum Stand und zu Problemen einer wirkungsgeschichtlichen Utopieforschung vgl. auch: Saage, R.:

Utopieforschung. Eine Bilanz, Darmstadt 1997, S. 167-177.

14

Reese-Schäfer, W.: Die seltsame Konvergenz der Zeitdiagnosen: Versuch einer Zwischenbilanz, in: Soziale

Welt, Bd. 50 (1999), S. 433-448, hier: S. 435.

5


Utopiediskurs" offen.15 In seinem ,,Utopieforschung. Eine Bilanz" zeichnet Saage die

Konzeptualisierung des Utopischen als ,,Veränderungsstrategie der kleinen Schritte" bei Autoren

wie Burghart Schmidt, Rolf Cantzen und Rolf Schwendter nach.16 Bezieht sich Saage

hauptsächlich auf die deutsche Literatur, vertritt die britische Soziologin und Utopieforscherin

Ruth Levitas die These, dass v.a. in der englischsprachigen Forschungsliteratur Utopie

zunehmend als ein Prozess aufgefasst wird, anstatt mit dem Entwurf einer alternativen

Idealgesellschaft Aspekte des Inhalts in den Vordergrund zu rücken.17 Dieser Ansatz wird in der

vorliegenden Arbeit aufgegriffen und weiterverfolgt. Ebenfalls einen guten Überblick über die

Utopieforschung und Utopiekonzepte im englischsprachigen Raum gibt der US-amerikanische

Literaturwissenschaftler Tom Moylan in seinem jüngsten Buch ,,Scraps of the untainted sky".18

Der Verlauf dieser Arbeit gliedert sich wie folgt: Um eine Veränderung von Utopiekonzepten

feststellen zu können, bedarf es zunächst einer tragfähigen Definition des Gegenstandes (Kapitel

2). Eine allgemein anerkannte Definition der Utopie liegt bislang nicht vor. Für die Fragestellung

bietet sich, wie zu zeigen sind wird, jedoch der klassische Utopiebegriff nach Richard Saage an.

Eine Neuverortung der Utopie nach 1990 kann hinter zwei prominente Kritiken nicht

zurückfallen (Kapitel 3).19 Einerseits ist da die Kritik von liberaler und konservativer Seite, die

im Wesentlichen Utopie mit Sozialismus und Totalitarismus gleichsetzt und die deshalb im

Zusammenbruch des real-existierenden Sozialismus eine Bestätigung der eigenen Position sieht,

die Utopie sei unrealistisch und nur gewaltsam zu realisieren. Andererseits wird die Utopie von

Vertretern der Postmoderne als Ausdruck moderner, potentiell totalitärer Homogenitäts- und

Rationalitätsvorstellungen verworfen.

Im eigentlichen Hauptteil der Arbeit (Kapitel 4) werden danach Wandlungen des Utopiebegriffs

anhand von vier immer wiederkehrenden Argumentationsmustern nachgezeichnet.

Das erste hier behandelte Argument ist, dass die Utopie nach wie vor von Bedeutung ist, jedoch

die fiktionale Entfaltung des utopischen Gemeinwesens auf einer entlegenen Insel oder einer

fernen Zukunft zu unrealistisch ist und nicht zuletzt auch deshalb potentiell gefährlich. Die große

räumliche bzw. zeitliche Distanz zwischen ihrer eigenen Lebenswirklichkeit und der Utopie, die

den Utopisten erlaubte, gleichsam auf dem Reißbrett eine ideale Gesellschaft zu entwickeln,

stellt sich heute dagegen als ein Hindernis dar.

15

Vgl.: Saage, R.: Utopische Profile, Bd. 4, Münster (2. Aufl.) 2006, S. 499-511.

16

Saage, R.: Utopieforschung. Eine Bilanz, Darmstadt 1997, S. 100-108.

17

Vgl. Levitas, R.: For Utopia: The (Limit of the) Utopian Function in Late Capitalist Society, in: Critical Review

of Social and Political Philosophy, Vol. 3, No. 2/3 (2000), S. 25-43; dies.: The Elusive Idea of Utopia, in:

History of Human Sciences, Vol. 16, No. 1 (2003), S. 1.10.

18

Vgl. Moylan, T.: Scraps of the untainted sky, Boulder 2000.

19

Vgl. Saage, R.: Utopische Profile, Bd. 4, a.a.O., S. 546ff; Parker, M.: Utopia and organizational imagination:

outopia, in: ders. (Hrsg.): Utopia and Organization, Oxford 2002, S. 1-8.

6


Das zweite Argument lautet, dass die Utopie nach den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts nicht

mehr als detaillierter Entwurf einer Idealgesellschaft gedacht werden könne. Insbesondere in

pluralistischen Gesellschaften könne kein kollektives Ideal formuliert werden, dem sich alle

partikularen Interessen unterzuordnen hätten. So wird die Utopie als Prozess eines gelingenden

Pluralismus aufgefasst; vergleichbar mit dem, was Jürgen Habermas einmal als den utopischen

Gehalt der Kommunikationsgesellschaft bezeichnet hat: die ,,formalen Aspekte einer unver-

sehrten Intersubjektivität".20

Drittens wird eine Lesart dargelegt, die die Utopie in der Nähe zu Michel Foucaults Heterotopie

nicht in ein räumlich oder zeitlich entferntes Nirgendwo verlagert, sondern das Utopische in

Ermanglung eines effektiven ,Außen` ,,in den Sprüngen und Rissen" des Hier und Jetzt

verortet.21 Der holistische Entwurf der klassischen Utopie wird durch eine Vielzahl von Utopien

,,kleinerer Reichweite" ersetzt.22

Das vierte Argument lautet, dass die Utopie nicht verschwunden ist, sondern dass vielmehr die

im Kalten Krieg obsiegende Marktwirtschaft selbst utopische Züge aufweise. Dabei seien im

Zuge der Globalisierung das reibungslose Funktionieren eines transparenten, ortlosen/ubiquitären

Marktes und individualisierte Vorstellungen eines guten Lebens an die Stelle der transparenten,

wohlgeordneten Gesellschaft der klassischen Utopie getreten.

Die unter diesen vier Aspekten untersuchten Wandlungen des Utopiebegriffs deuten auf eine

Veränderung der Zeit- und Raumwahrnehmung der Moderne hin (Kapitel 5). Der Soziologe

Hartmut Rosa führt diese in seiner Studie ,,Beschleunigung. Veränderung der Zeitstrukturen der

Moderne" auf beschleunigte soziale und technische Prozesse zurück, die am Ende des 20.

Jahrhunderts zu einem qualitativen Umschlag in der Konstruktion sozialer Wirklichkeit führen.

In dieser Spätmoderne verlieren langfristige Planungen individuellen Lebens wie in der Politik

gegenüber Flexibilität und Okkasionalität an Bedeutung. Die klassischen Utopien nehmen sich

vor diesem Hintergrund wie Relikte einer vergangenen Zeit aus. Die vorgelegten spätmodernen

,Lesarten` der Utopie, so die Hauptthese der vorliegenden Arbeit, sind eher Ausdrucks dieses

Umstandes, als dass sie wie die klassische Utopie einen Ausweg ihrer Situation imaginieren.

20

Habermas, J.: Die Krise des Wohlfahrtsstaates und die Erschöpfung utopischer Energien, in: ders.: Die neue

Unübersichtlichkeit, Frankfurt/Main 1985, S. 141-162, S. 161.

21

Schmidt, B.: Am Jenseits von Heimat. Gegen die herrschende Utopiefeindlichkeit im Dekonstruktiven, Wien

1994, S. 114.

22

Bizeul, Y.: Politische Mythen, Ideologien, und Utopien, in: Sonderdruck aus: Tepe, P./Bachmann, T./ zur

Nieden, B. (Hrsg.): Mythos No. 2., Würzburg 2006, S. 20.

7


2. Utopiebegriff und Bezugsrahmen

Um Transformationen des Begriffs der Utopie seit 1990 zu benennen, ist es zunächst

unerlässlich, einen Bezugspunkt festzulegen, von dem aus Differenzen zu Tage treten können.

Dabei kann nicht auf einen allgemein anerkannten Begriff zurückgegriffen werden, schon gar

nicht auf einen, der über die Grenzen einer wissenschaftlichen Disziplin hinaus akzeptiert wäre.23

Der von Richard Saage, im Anschluss an Überlegungen von Norbert Elias24 vorgeschlagene

klassische Utopiebegriff erweist sich für die Fragestellung dieser Arbeit als fruchtbar, da er von

einem mit Thomas Morus´ ,,Utopia" in der Renaissance einsetzenden, auf Platon zurück-

verweisenden, historisch wandlungsfähigen, medienunabhängigen Utopiediskurs ausgeht. Aus

diesem Grunde wird in der vorliegenden Arbeit weitgehend diesem Konzept gefolgt. Um den

Bezugsrahmen für die weiteren Ausführungen abzustecken, wird zunächst Saages Abgrenzung

seines klassischen Utopiebegriffs gegenüber konkurrierenden Definitionsversuchen nachvoll-

zogen. Danach wird die Stärke dieses Utopiebegriffs dargestellt, Utopie als historisches, d.h. sich

unter bestimmten historischen Gegebenheiten wandelndes Phänomen zu fassen. Utopie erscheint

aus dieser Perspektive als Reaktion auf eine soziale Realität, die sie einerseits zu transzendieren

sucht, in dem sie Alternativen sucht, von deren Voraussetzungen sie andererseits aber auch

abhängig ist. So lässt sich im weiteren Verlauf dieser Arbeit fragen, welche Voraussetzungen für

utopisches Denken heute gegeben sind, bzw. inwieweit die historischen Bedingungen, die nach

dem klassischen Utopiebegriff die Utopie hervorgebracht haben, noch gegeben sind.

2.1. Totalitärer, intentionaler und klassischer Utopiebegriff

Der in der Utopieforschung wohl profilierteste deutsche Politikwissenschaftler Richard Saage

unterscheidet drei Kategorien von Utopiebegriffen voneinander: den totalitären, den inten-

tionalen und den klassischen Utopiebegriff.

Den totalitären Utopiebegriff führt er auf Karl R. Poppers Kritik zurück (vgl. unten 3.1.), der

Holismus der Utopie entspringe dem Wunsch, zur Harmonie archaischer Stammesgesellschaften

zurückzukehren, und sei in seinem Kern totalitär. Saage verwirft diesen Utopiebegriff, da Popper

23

Vgl. Neusüss, A.: Utopie. Begriff und Phänomen des Utopischen, Neuwied u. Berlin (2. Aufl.) 1972, S. 13ff.;

Tietgen, J.: Die Idee des ewigen Friedens in den politischen Utopien der Neuzeit. Analysen von Schrift und Film,

Marburg 2005, S. 21ff.; Levitas, R.: The Concept of Utopia, Hemel Hempstead 1990, S. 2ff.; Saage, R.:

Politische Utopien der Neuzeit, Darmstadt 1991, S. 2ff.

24

Vgl. Elias, N.: Thomas Morus´ Staatskritik. Mit Überlegungen zur Bestimmung des Begriffs Utopie, in:

Voßkamp,W. (Hrsg.): Utopieforschung, Bd. 2, Frankfurt/Main 1985, S. 107-147.

8


die Utopie auf ein Derivat des Totalitarismus reduziere, wodurch ihr kritischer Charakter aus

dem Blick gerate. Zugleich weite er den Begriff unnötig aus auf Erscheinungen wie die Theorien

von Marx und Engels oder den Faschismus.25

Dem gegenüber betont der intentionale Utopiebegriff in der Tradition Gustav Landauers, Karl

Mannheims und Ernst Blochs gerade die Momente der individuellen Motivation und des

Umbruchs. Allerdings weist Saage zurecht darauf hin, dass Utopie auch hier lediglich

Derivatcharakter besitzt. Entweder wird sie auf Revolution (Landauer) oder Ideologie

(Mannheim) zurückgeführt. Zudem könne der intentionale Utopiebegriff die anti-indivi-

dualistischen, nur bedingt nach Umsetzung strebenden Raum-Utopien der Renaissance kaum

fassen. Und schließlich zöge die Festlegung der Utopie auf alles, was eine Überwindung des

status quo vorwegnehme, eine Ausuferung nach sich, die bei Bloch dazu führe, dass religiöse

Eschatologien, individuelle Tagträume ebenso zu den Utopien gerechnet würden, wie Jahrmärkte

oder Beethovens Neunte Symphonie.26

Diese Problematik zeigt sich auch in dem Versuch der britischen Soziologin Ruth Levitas, einen

allgemeinen Utopiebegriff aufzustellen. Hilfreich ist ihre Unterscheidung zwischen Utopie-

begriffen je nachdem, ob sie von einem bestimmten Inhalt, einer bestimmten Form oder einer

bestimmten Funktion ausgehen.

Sie zeigt, das keine der drei Dimensionen sinnvoll als historisch

invariant angenommen werden kann. Daraus schließt sie, dass Utopie als Wunsch nach einem

besseren Leben die allgemeinste Definition ist, die in der Lage ist, den Blick für Veränderungen

in diesen Dimensionen freizumachen. Allerdings räumt auch sie ein, dass dies auf Kosten einer

klaren Abgrenzung gegenüber anderen Phänomenen geht.27 Gerade für diese Arbeit, die

Wandlungen des Utopiebegriffs untersucht, erweist sich Levitas´ Ansatz als wenig hilfreich. Um

eine Wandlung des Utopiebegriffs festzustellen, müssten zunächst Referenzpunkte erarbeitet

werden, um die Variablen Inhalt, Form und Funktion begrifflich zu ,füllen`.

Hilfreicher erweist sich hier der klassische Utopiebegriff von Saage, der unter Rekurs auf die

Quellen Utopie möglichst dicht an das Muster angelehnt definiert, das Thomas Morus in

,,Utopia" (1516) entwickelt hat, und von dort aus Entwicklungslinien verfolgt. In seinen

umfangreichen Studien28 liefert Saage gleichsam die Referenzpunkte, die einen Vergleich erst

ermöglichen. Er geht dabei von der Prämisse aus,

daß politische Utopien Fiktionen innerweltlicher Gesellschaften sind, die sich entweder

zu einem Wunsch- oder Furchtbild verdichten. Ihre Zielprojektion zeichnet sich durch

eine präzise Kritik bestehender Institutionen und sozio-politischer Verhältnisse aus, der

25

Vgl. Saage, R.: Utopische Profile, Bd. 4, Münster (2. Aufl.) 2006, S. 419-422.

26

Vgl. ebd., S. 390-395, 398-401.

27

Vgl. Levitas: The Concept of Utopia, a.a.O., S. 198f.

28

Gewissermaßen als Zusammenfassung des Ertrags dieser Bemühungen, siehe: Saage, R.: Utopische Profile, 4

Bde., Münster 2001-2003.

9


sie eine durchdachte und rational nachvollziehbare Alternative gegenüberstellt.29

Hiervon ausgehend, lässt sich der Untersuchungsgegenstand von anderen verwandten

Gegenständen unterscheiden. So stellt sich die Utopie aus dieser Perspektive als ein genuines

Phänomen der westlichen Moderne dar.30 Sie spiegelt die Vorstellung wider, dass der Mensch

seine Gesellschaft nach rationalen Gesichtspunkten selbst konstruieren kann. Damit erfolgt eine

Abgrenzung zu metaphysischen oder in die Vergangenheit projizierten Fiktionen, wie dem

Paradies, dem Schlaraffenland, dem Goldenen Zeitalter oder religiösen Heilserwartungen, wie sie

für die chiliastischen Visionen der Wiedertäufer des 16. Jahrhunderts kennzeichnend waren.31

Jedoch finden sich in vormodernen Quellen Elemente, die in Utopien wieder auftauchen, wie

z.B. das Element der Harmonie, das in Bildern vom Paradies oder dem Goldenen Zeitalter

ausgedrückt wird, oder das Element der Hoffnung, wie es im Millenarismus zum Ausdruck

kommt.32

Zudem können mit Saages Fokussierung auf politische Utopien Fiktionen unterschieden werden,

die nicht ein besseres oder ideales Gemeinwesen darstellen. Zu diesen gehören individuelle

Tagträume ebenso wie die Literaturgattung der Robinsonade, die den Kampf des Einzelnen

gegen die Natur thematisiert, oder der Bildungsroman und die Schäferidylle, die auf der Ebene

des Individuellen angesiedelt sind. Science-Fiction unterscheidet sich von der politischen Utopie,

da in ihr zumeist wissenschaftlich-technische Aspekte im Vordergrund stehen und das Moment

der Sozialkritik und die Auseinandersetzung mit politischen und sozialen Formen in den

Hintergrund tritt.33 Dem kann hinzu gefügt werden, dass Science Fiction, zumal in populären

Filmen, hauptsächlich die (zumeist physische) Auseinandersetzung des Protagonisten mit seinen

Widersachern zum Thema hat und nicht die Errichtung eines Gemeinwesens.34

Die utopiespezifische Art der Gegenwartskritik grenzt sie schließlich gegenüber Disziplinen mit

wissenschaftlichem Anspruch wie der Futurologie und dem Marxismus ab. Wo Letzterer sich der

29

Vgl. Saage, R.: Politische Utopien der Neuzeit, a.a.O., S. 2f.

30

Vgl. Enzensberger, H.-M.: Gangarten. Ein Nachtrag zur Utopie, in: Saage, R. (Hrsg.): Hat die politische Utopie

eine Zukunft?, Darmstadt 1992, S. 65-74; Nipperdey, Th.: Die Funktion der Utopie im politischen Denken der

Neuzeit, in: Archiv für Kulturgeschichte, Bd. 44 (1962), S. 357-378.

31

Sargents Unterscheidung zwischen diesen ,,utopias brought about without human effort" und den ,richtigen`

,,utopias brought about by human effort" zielt auf eine ähnliche Abgrenzung, wobei die Kennzeichnung ersterer

als Utopien letztlich überflüssig wird. Vgl. Sargent, L. T.: Utopian Traditions. Themes and Variations, in:

Schaer, R./Claeys, G./Sargent, L. T. (Hrsg.): Utopia. The Seach for the Ideal Society in the Western World, New

York u. Oxford 2000, S. 8-17.

32

Vgl. Kumar, K.: Utopianism, Milton Keynes 1991, S. 17ff.; Pfetsch, F. R.: Erkenntnis und Politik. Philoso-

phische Dimensionen des Politischen, Darmstadt 1995, S. 78.

33

Saage: Politische Utopien der Neuzeit, a.a.O., S. 4; Tietgen, J.: Die Idee des Ewigen Friedens in den politischen

Utopien der Neuzeit, a.a.O., S. 31ff.

34

Vgl.: Kaschinski, K.: Frankenstein, seine Schüler, ihre Minister, himmlische Versprechungen und die Angst vor

dem Verlust menschlicher Natur. Biopolitik im Science Fiction zwischen Kritik und Ästhetisierung, in:

Mayerhofer, P./Spehr, C. (Hrsg.): Out of this World! Beiträge zu Science-Fiction, Politik & Utopie, Hamburg

2002, S. 197-214.

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