Project Report, 2007, 21 Pages
Author: Bachelor Soziale Arbeit Rebecca Brohm
Subject: Social Pedagogy / Social Work
Details
Institution/College: University of Applied Sciences Esslingen
Tags: Erziehung, Islam, Projekt, Interkulturelle, Sozialarbeit, Austausch, Regionen, Neckarraum, Istanbul
Year: 2007
Pages: 21
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 5 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-11029-2
ISBN (Book): 978-3-640-11490-0
File size: 279 KB
Die Note bezieht sich auf das gesamte Projekt und nicht nur auf diesen Projektbericht.
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Abstract
Im Sommersemester 2005 machte ich ein Praktikum in einer Sozialen Gruppenarbeit. In einer der Gruppen, die von 5 Mädchen und 7 Jungen im Grundschulalter besucht wurde, kam es zu folgender Begebenheit: Ayse und Zeynep (Namen geändert) kamen sehr aufgeregt in die Gruppe. Sie erzählten von einem Monster, dass sie gesehen hätten und dass es wirklich gäbe. Sie erzählten eine Geschichte von einem holländischen Mädchen, dass Feuer gefangen hätte, weil es seinen Eltern ungehorsam war und außerdem den Koran zerriss. Nun sei das Mädchen total entstellt und die Eltern würden es einschläfern lassen wollen. Das ganze sei wirklich passiert, sie hätten ein Foto von dem Mädchen gesehen. Wir –die Mitarbeiter der Sozialen Gruppenarbeitwollten der Sache auf den Grund gehen. Wir fanden über das Internet heraus, dass eine große Anzahl von Kindern und Jugendlichen das Bild des vermeintlich entstellten Mädchens aufs Handy oder per Email geschickt bekommen haben. Bei einer weiteren Recherche im Internet stieß ich schließlich auf die Homepage einer amerikanischen Künstlerin, die das Thema Gentechnologie in ihren Skulpturen kritisch bearbeitet. Das Foto von dem angeblich entstellten Mädchen ist ein Ausschnitt aus einer ihrer Skulpturen. Auf ihrer Homepage distanziert sie sich von der Geschichte des holländischen Mädchens. Sie sei nicht ihrer Idee entwachsen, sondern irgendjemand hätte unerlaubt ein Foto ihrer Skulptur hierzu verwendet. Überraschender Weise glaubte die Mutter der Kinder selbst an die Echtheit der Geschichte, selbst nachdem wir ihr die Homepage der Künstlerin zeigten. Auch von einer jungen Muslima, der ich die vermeintliche Geschichte des Mädchens erzählte, kam eine spontane Aussage in Richtung von „Und das ist wirklich passiert?“. Hieraus ergaben sie folgende Fragestellungen: Wie werden Kinder im Islam erzogen –sowohl von Seiten der Familie, als auch von Seiten islamischer Vereine, Moscheen etc.? Und welche Bedeutung hat diese Erziehung für die Arbeit in Kinder- und Jugendgruppen? In dem vorliegenden Text beschäftige ich mich vorwiegend im mit der Situation von Kindern und Jugendlichen in muslimischen Familien mit türkischem Migrationshintergrund. [...]
Excerpt (computer-generated)
von Rebecca Brohm
(eigene Fotografie)
Projektbericht
,,Interkulturelle Sozialarbeit im Austausch der Regionen mittlerer
Neckarraum und Istanbul" im WS 2006/2007 und SoSe 2007
Inhaltsverzeichnis
1. Die Projektidee 3
1.1 Entstehung 3
1.2 Vorgehensweise 4
2. Erziehungsziele in der Familie 4
2.1 Vertraut machen mit religiösen Praktiken 5
2.2. Respekt und Gehorsam 6
2.3. Sexualmoral 8
2.4 Geschlechtsspezifische Erziehung 9
2.5 Wünsche von Eltern an Kinder- und Jugendgruppen 11
3. Erziehung von Seiten der Institution 13
3.1. In Deutschland 13
3.1.1 Koran und Freizeit 13
3.1.2 Muslimische Jugend Deutschland (MJD) 15
3.2 In der Türkei 17
4. Fazit für die Soziale Arbeit 19
Literaturverzeichnis 20
2
1. Die Projektidee
1.1 Entstehung
Im Sommersemester 2005 machte ich ein Praktikum in einer Sozialen
Gruppenarbeit. In einer der Gruppen, die von 5 Mädchen und 7 Jungen im
Grundschulalter besucht wurde, kam es zu folgender Begebenheit:
Ayse und Zeynep (Namen geändert) kamen sehr aufgeregt in die Gruppe.
Sie erzählten von einem Monster, dass sie gesehen hätten und dass es wirklich
gäbe. Sie erzählten eine Geschichte von einem holländischen Mädchen, dass
Feuer gefangen hätte, weil es seinen Eltern ungehorsam war und außerdem
den Koran zerriss. Nun sei das Mädchen total entstellt und die Eltern würden es
einschläfern lassen wollen. Das ganze sei wirklich passiert, sie hätten ein Foto
von dem Mädchen gesehen. Wir die Mitarbeiter der Sozialen Gruppenarbeit-
wollten der Sache auf den Grund gehen. Wir fanden über das Internet heraus,
dass eine große Anzahl von Kindern und Jugendlichen das Bild des
vermeintlich entstellten Mädchens aufs Handy oder per Email geschickt
bekommen haben. Bei einer weiteren Recherche im Internet stieß ich
schließlich auf die Homepage einer amerikanischen Künstlerin, die das Thema
Gentechnologie in ihren Skulpturen kritisch bearbeitet. Das Foto von dem
angeblich entstellten Mädchen ist ein Ausschnitt aus einer ihrer Skulpturen. Auf
ihrer Homepage distanziert sie sich von der Geschichte des holländischen
Mädchens. Sie sei nicht ihrer Idee entwachsen, sondern irgendjemand hätte
unerlaubt ein Foto ihrer Skulptur hierzu verwendet. Überraschender Weise
glaubte die Mutter der Kinder selbst an die Echtheit der Geschichte, selbst
nachdem wir ihr die Homepage der Künstlerin zeigten. Auch von einer jungen
Muslima, der ich die vermeintliche Geschichte des Mädchens erzählte, kam
eine spontane Aussage in Richtung von ,,Und das ist wirklich passiert?".
Hieraus ergaben sie folgende Fragestellungen: Wie werden Kinder im Islam
erzogen sowohl von Seiten der Familie, als auch von Seiten islamischer
Vereine, Moscheen etc.? Und welche Bedeutung hat diese Erziehung für die
Arbeit in Kinder- und Jugendgruppen? In dem vorliegenden Text beschäftige ich
mich vorwiegend im mit der Situation von Kindern und Jugendlichen in
muslimischen Familien mit türkischem Migrationshintergrund.
3
1.2 Vorgehensweise
Die Informationen für meine Projektarbeit erhielt ich zum einen über
Literaturstudium. Zum anderen baute ich verschiedene Kontakte auf. U.a. zu
einem Kindergarten, zu einem Islamwissenschaftler und zur
Jugendorganisation ,,Muslimische Jugend" und führte mit den genannten
Personen Interviews. Des Weiteren habe ich an 3 Muslima einen Fragebogen
ausgegeben. Aus den Interviews werden im Text illustrativ Zitate
herangezogen.
Die verwendeten Fotos wurden, sofern nicht anders erwähnt, während
meines Aufenthalts in Istanbul von mir fotografiert.
2. Erziehungsziele in der Familie
Nach muslimischer Auffassung ist der Islam die natürliche Religion eines
jedes Menschen. Nach islamischem Recht richtet sich die Religion des Kindes
nach der Religion des Vaters. Es braucht kein späteres eigenes ausdrückliches
Bekenntnis des Kindes (etwa in Form einer Kommunion oder Konfirmation). Es
geht in der Familie also ,,nur" noch darum dem Anrecht des Kindes auf eine
Erziehung im Geiste des Islams gerecht zu werden. Das sich jemand später für
eine andere Religion entscheidet ist nach Ansicht des Korans unmöglich.1
Sicherlich ist es schwierig von allgemein gültigen Erziehungszielen im
Islam zu sprechen. Welche Erziehungsziele verfolgt werden, hängt von
verschiedenen Faktoren ab. Welche Sozialisationserfahrungen haben die
Eltern? Unter welchen gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen lebt die
Familie? Um nur einige ausschlaggebende Aspekte zu nennen. Je nachdem,
wie wichtig einer Familie die eigene Religion ist, wird nach den
Erziehungsgrundsätzen dieser Religion gehandelt.
Was sind nun die Erziehungsgrundsätze des Islams? Sicherlich gibt es
unter islamischen Theologen, den verschiedenen Rechtsschulen und der
individuellen Frömmigkeit der Einzelnen unterschiedliche Ansichten. Im
Folgenden möchte ich einen Überblick geben über Erziehungsziele, die
1 Vgl. Breuer 1998, S.61ff.; vgl. http://www.orientdienst.de/muslime/minikurs/kindererziehung.shtml
(Stand:02.06.2007)
4
sicherlich nicht alle in jeder Familie zu finden sind, jedoch handelt es sich um
Aspekte, die beim Thema Islam und Familie immer wieder eine Rolle spielen -
in der einen Familie mehr, in der anderen Familie weniger oder sogar gar nicht.
2.1 Vertraut machen mit religiösen Praktiken
Eltern, die ihre Religion wichtig nehmen, ist es in der Regel ein Anliegen
ihren Kindern religiöse Praktiken und Werte nahe zu bringen.
Ayshe: ,,Wie wäre es denn, wenn jemand von einer Sache überzeugt und sehr
zufrieden ist, sie dann aber nicht mit eigenen Kindern teilen würde? Ich teile gerne mit
allem womit ich zufrieden bin. Einen entdeckten Schatz möchte ich niemanden
vorenthalten."
Von ihrer eigenen Kindheit bereichtet Ayshe, dass ihr selbst die Religion
wichtiger wurde, als dies auch bei ihren Eltern geschah. Auch Selma2 bestätigt,
dass in ihrer eigenen Familie die Religion einen hohen Stellenwert hatte und es
ihr selbst wichtig ist, dass ihre Kinder möglichst alles vom Islam erfahren.
Geschwisterlichkeit, Gerechtigkeit, Teilen aber auch Toleranz gegenüber
anderen Religion unter dem Grundsatz ,,Together in Difference" sind Werte, die
Ayshe selbst als Kind erfahren hat und gerne an ihre eigenen Kinder
weitergeben möchte. Sie möchte ihre Kinder einmal gerne von Anfang an ans
Gebet gewöhnen (Gebet vor dem Schlafengehen) und ihnen andere religiösen
Praktiken vorleben und erklären. Selma beschreibt, dass ihre Eltern ihr von
Anfang an Dinge wie das Gebet erklärten und als es als lebende Beispiele
selbst praktizierten.
Ein Kind, das in einer islamischen Familie geboren wird, ist automatisch
Muslim. Ein Ritual bei der Geburt eines Kindes ist es, ihm den Gebetsruf
(,,Gott
ist groß, ich bekenne, dass es keinen Gott gibt außer Gott und dass
Mohammed sein Prophet ist, auf zum Gebet, auf zum Heil Gott ist groß, es gibt
keinen Gott außer Gott.")
ins rechte Ohr zu flüstern.3 Es braucht keine eigene
bewusste Bestätigung hierzu, daher gibt es ein solches Fest wie
Kommunion/Konfirmation im Islam nicht.
2 Name geändert
3 vgl. Breuer 1998, S. 56
5
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