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Amerikanischer Traum - Deutscher Traum

Subtitle: Ein Vergleich der Einwandererwerbung im Rahmen der deutschen Migration in die Vereinigten Staaten von Amerika und der türkischen Migration nach Deutschland

Scholarly Essay, 2001, 29 Pages
Author: Ingrid Eumann
Subject: Cultural Studies

Details

Category: Scholarly Essay
Year: 2001
Pages: 29
Bibliography: ~ 31  Entries
Language: German
Archive No.: V112349
ISBN (E-book): 978-3-640-10439-0

File size: 316 KB

Abstract

Die vorliegende Analyse beschäftigt sich mit den Werbeaktivitäten der Vereinigten Staaten von Amerika sowie der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen der Einwanderung deutscher bzw. türkischer Arbeitnehmer. Zeitlich wurden zwei Rahmen zugrunde gelegt. Bei der deutschen Einwanderung wurde die Zeit von 1849, dem Jahr, in dem die erste amerikanische einzelstaatliche Werbeinitiative an Deutsche gerichtet wurde, bis 1914, als mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Werbung von deutschen Auswanderern eingestellt wurde, als Grundlage herangezogen. 1 Bei der türkischen Einwanderung nach Deutschland wurde der Zeitraum von 1961 (Unterzeichnung des ersten Anwerbeabkommens) bis 1973 (Anwerbestopp) betrachtet. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Darstellung der von amerikanischer Seite in Deutschland („Deutschland“ als Sammelbegriff für deutsche Einzelstaaten) betriebenen Werbeaktivitäten. Die vorhandene Literatur zu diesem Aspekt und die darin zugänglichen Quellen ermöglichten eine gezielte Betrachtung der an deutsche Auswanderungswillige gerichteten Werbung. Hinsichtlich der Werbemittel, die in der Türkei eingesetzt wurden, um Türken für die Auswanderung2 nach Deutschland zu gewinnen, scheinen weder deutschsprachige Quellen irgendeiner Form noch detaillierte Aussagen in der deutschsprachigen Literatur vorzuliegen.3 Die Analyseansätze zum deutsch-türkischen Bereich beschränken sich daher auf Aussagen in der deutschsprachigen Literatur zur türkischen Auswanderung nach Deutschland bzw. Rückschlüssen aus dieser Literatur auf Aktivitäten, die in der Türkei zur Werbung von Auswanderern eingesetzt wurden. Eine Antwort auf die Frage, warum noch keine detaillierten Untersuchungen zur türkischen Einwandererwerbung in deutscher Sprache vorliegen, mag im Zeitfaktor begründet sein. Anderen Aspekten im Bereich der Migration von Deutschen in die USA ist offensichtlich der Vorzug gegeben worden. Im Falle der Türkei schient dies ähnlich zu sein. Ziel der vorliegenden Analyse ist es, trotz aller Unterschiede hinsichtlich des Betrachtungszeitraums und des zur Verfügung stehenden Materials, durch Fragen nach der Motivation der Zielländer, der Art der Werbemaßnahmen, dem Inhalt der Werbemittel und den Reaktionen, die sie hervorriefen, herauszuarbeiten, inwieweit sich Parallelen bzw. Kontraste zwischen den beiden Werbekampagnen ergeben haben.


Fulltext (computer-generated)

Amerikanischer Traum ­ Deutscher Traum

Ein Vergleich der Einwandererwerbung im Rahmen

der deutschen Migration

in die Vereinigten Staaten von Amerika

und

der türkischen Migration nach Deutschland

Ingrid Eumann

Juni 2001


i

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis ii

1

Einleitung 1

2

Motivationen der Zielländer und der werbenden Institutionen 2

2.1 USA 2

2.2 Deutschland 3

3

Art der Werbemaßnahmen 5

3.1 USA/Deutschland 5

3.2 Deutschland/Türkei 8

4

Inhalte der Werbung 10

4.1 USA/Deutschland 10

4.2 Deutschland/Türkei 14

5

Reaktionen auf die Werbemaßnahmen 17

5.1 Deutschland 17

5.2 Türkei 18

6

Abschließende Bewertung 19

Literaturverzeichnis 23


ii

Abkürzungsverzeichnis

BAAV

Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung

IIBK

Is ve Isçi Bulma Kurumu


1

1 Einleitung

Die vorliegende Analyse beschäftigt sich mit den Werbeaktivitäten der Vereinigten

Staaten von Amerika sowie der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen der

Einwanderung deutscher bzw. türkischer Arbeitnehmer. Zeitlich wurden zwei Rahmen

zugrunde gelegt. Bei der deutschen Einwanderung wurde die Zeit von 1849, dem Jahr,

in dem die erste amerikanische einzelstaatliche Werbeinitiative an Deutsche gerichtet

wurde, bis 1914, als mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Werbung von

deutschen Auswanderern eingestellt wurde, als Grundlage herangezogen. 1 Bei der

türkischen Einwanderung nach Deutschland wurde der Zeitraum von 1961

(Unterzeichnung des ersten Anwerbeabkommens) bis 1973 (Anwerbestopp) betrachtet.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Darstellung der von amerikanischer Seite in

Deutschland (,,Deutschland" als Sammelbegriff für deutsche Einzelstaaten) betriebenen

Werbeaktivitäten. Die vorhandene Literatur zu diesem Aspekt und die darin

zugänglichen Quellen ermöglichten eine gezielte Betrachtung der an deutsche

Auswanderungswillige gerichteten Werbung. Hinsichtlich der Werbemittel, die in der

Türkei eingesetzt wurden, um Türken für die Auswanderung2 nach Deutschland zu

gewinnen, scheinen weder deutschsprachige Quellen irgendeiner Form noch detaillierte

Aussagen in der deutschsprachigen Literatur vorzuliegen.3 Die Analyseansätze zum

deutsch-türkischen Bereich beschränken sich daher auf Aussagen in der

deutschsprachigen Literatur zur türkischen Auswanderung nach Deutschland bzw.

Rückschlüssen aus dieser Literatur auf Aktivitäten, die in der Türkei zur Werbung von

Auswanderern eingesetzt wurden. Eine Antwort auf die Frage, warum noch keine

detaillierten Untersuchungen zur türkischen Einwandererwerbung in deutscher Sprache

vorliegen, mag im Zeitfaktor begründet sein. Die früheste detaillierte Darstellung über

die an Deutsche gerichtete Werbung zur Auswanderung in die Vereinigten Staaten ist

von Ingrid Schöberl im Jahr 1982 veröffentlicht worden, somit fast 70 Jahre nach der

letzten Einwanderwerbung durch die USA. Anderen Aspekten im Bereich der Migration

von Deutschen in die USA ist offensichtlich der Vorzug gegeben worden. Im Falle der

Türkei schient dies ähnlich zu sein.

1 Vgl. Schöberl, I. (1990), S. 12-13, 20.

2 In dieser Arbeit wird nicht zwischen Auswanderer, Migrant und Gastarbeiter unterschieden.

3 In türkischer Sprache scheinen Veröffentlichungen vorhanden zu sein. Vgl. hierzu die Textanmerkungen

in Eryilmaz, A.;Jamin, M. (1998).


2

Ziel der vorliegenden Analyse ist es, trotz aller Unterschiede hinsichtlich des

Betrachtungszeitraums und des zur Verfügung stehenden Materials, durch Fragen nach

der Motivation der Zielländer, der Art der Werbemaßnahmen, dem Inhalt der

Werbemittel und den Reaktionen, die sie hervorriefen, herauszuarbeiten, inwieweit sich

Parallelen bzw. Kontraste zwischen den beiden Werbekampagnen ergeben haben.

2 Motivationen der Zielländer und der werbenden Institutionen

2.1 USA

Seit Beginn ihrer Kolonisierung waren die Vereinigten Staaten von Amerika auf die

Einwanderung von Europäern angewiesen, um den Aufbau des Landes voranzutreiben.

Wurde die Immigration im 17. und 18. Jahrhundert dem Zufall überlassen, so sah das

19. Jahrhundert konzentrierte Bemühungen der Vereinigten Staaten,

auswanderungswillige Europäer zur Landbesiedelung, d. h. also primär als Landwirte

oder Arbeiter in der Landwirtschaft, nach Amerika zu locken. 4 Bereits vor dem

Bürgerkrieg (1861-1865) hatte es Aktivitäten von amerikanischen Einzelstaaten zur

Werbung von deutschen Auswanderern gegeben. Michigan brachte 1849 eine rein

deutschsprachige Werbebroschüre heraus, die neben der Verteilung in den Vereinigten

Staaten auch für die Verteilung in Deutschland konzipiert war. 5 In der für die

Vereinigten Staaten wirtschaftlich schwierigen Situation nach dem Bürgerkrieg wurde

auch die amerikanische Zentralregierung aktiv, um möglichst viele Europäer zum

Ausgleich der hohen Bevölkerungsverluste durch den Krieg zur Immigration zu

bewegen. Durch die Verabschiedung des

Act to Encourage Immigration

im Jahr 1864

wurden die bis dahin zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der Anwerbung um die

Option erweitert, auch Kontraktarbeiter, d. h. mittellose Arbeitskräfte, die die Kosten

ihrer Überfahrt nach Amerika durch eine einjährige Bindung an den amerikanischen

Arbeitgeber tilgen konnten, zu werben.6 So sollte die Immigration aus Europa zusätzlich

angeregt werden, und außerdem sollte eine neu gegründete Bundesbehörde die Massen

von Auswanderungswilligen zielgerichtet in diejenigen Regionen, die dringend

Arbeitskräfte benötigten, weiterleiten. Die Realisierung dieses Vorhabens scheiterte

4 Vgl. Bretting, A. (1988), S. 63.

5 Vgl. Schöberl, I. (1990), S. 19-22.

6 Vgl. Görisch, S. W. (1991), S. 74.


3

jedoch aufgrund von Personalmangel und fehlender Mittel, und das Gesetz wurde 1968

wegen des geringen Erfolgs widerrufen.7

Durch die Einzelstaaten wurde jedoch die Organisation der Werbung weiterbetrieben,

und in der Zeit von 1895 bis 1870 wurden in insgesamt dreizehn amerikanischen

Einzelstaaten Behörden eingerichtet, die Auswanderer werben sollten.8 Die Behörden

zeigten hierbei große Flexibilität in der Organisation: Werbebüros in den Einzelstaaten

wurden gegründet, geschlossen, wieder gegründet ­ je nach Ermessen der Dringlichkeit

von Werbemaßnahmen seitens der Legislative der Einzelstaaten und der

dementsprechend gewährten bzw. eingestellten finanziellen Unterstützung. 9 Die

bevorzugte Einwandererzielgruppe stellten deutsche Einwanderer dar, da sie nach

Meinung der amerikanischen Politiker über eine angemessene Ausbildung sowie die

charakterlichen und körperlichen Eigenschaften verfügten, die für eine Bereicherung der

Staaten benötigt wurden.10

Neben den bereits bestehenden Einzelstaaten umwarben die amerikanischen Territorien,

also noch nicht als ordentliche Staaten anerkannte Gebiete, Auswanderer, um den

Bedingungen hinsichtlich der Bevölkerungszahl, die zur Gewährung des Status als Staat

gefordert waren, schnell zu entsprechen. 11 Darüber hinaus bemühten sich die

Eisenbahngesellschaften um Siedler für ihre Bahnstrecken. Für die

Eisenbahnunternehmen bedeuteten Siedler eine erhöhte Sicherheit für die Strecken,

gleichzeitig auch ein Reservoir an Arbeitern, Passagieren und Lieferanten von

Frachtgut.12

2.2 Deutschland

Ende der 1950er Jahre begann die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland zu sinken.

Viele Industriebetriebe faßten den Entschluß, zur Ausweitung ihrer Produktion

ausländische Arbeitnehmer anzuwerben. Die im Rahmen der Anwerbevereinbarung mit

süd-europäischen Ländern sowie Marokko, Tunesien und der Türkei geschlossenen

Verträge, die die Einwanderung von ausländischen Arbeitnehmern nach Deutschland

7 Vgl. Schoberl, I. (1990), S. 39-42, 66.

8 Vgl. Schöberl, I. (1982), S. 318.

9 Vgl. Schoberl, I. (1982), S. 37, 71.

10 Vgl. Schoberl, I. (1990), S. 169.

11 Vgl. Bretting, A. (1988), S. 67.

12 Vgl. Schöberl, I. (1990), S. 88.


4

ermöglichten, boten hierzu das geeignete Instrumentarium.13 Im Falle der Türkei war

die Initiative, ein Abkommen dieser Art abzuschließen, war von der Türkei selbst, also

dem Entsenderland, ausgegangen. Die Türkei erhoffte sich eine Entlastung des

Arbeitsmarktes, die Einnahme von Devisen sowie späteren Nutzen durch das in

Deutschland erworbene Know-how der Rückkehrer. 14 Obwohl zuerst von beiden

Staaten als temporäre Maßnahme gedacht, wurde der Abschluß von Zeitarbeitsverträgen

von 1 oder 2 Jahren Laufzeit bereits zum 30.09.1964 durch die Neufassung der

Anwerbevereinbarung aufgehoben. 15 Danach bestand keine Beschränkung in der

Aufenthaltsdauer, und auch das Verbot des Zuzugs von Familienangehörigen entfiel.16

Jedoch benötigte jeder Migrant weiterhin die Genehmigung beider Staaten, um von der

Türkei nach Deutschland reisen zu können.

Die verantwortliche Stelle für die Koordination der Anwerbung von türkischen

Einwanderern war ausschließlich die deutsche Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und

Arbeitslosenversicherung in Nürnberg (nachstehend BAAV) genannt. Anschließend an

die Unterzeichnung der Anwerbevereinbarung wurde im Jahr 1961 eine

Anwerbekommission der BAAV in Istanbul errichtet, die bis 1973 geöffnet blieb.17 Im

Jahr 1963 wurde eine Außenstelle in Ankara eingerichtet, 1971 kam eine Niederlassung

in Izmir hinzu. Die Mitarbeiterzahl dieser deutschen Verbindungsstellen in der Türkei

steigerte sich von 18 Mitarbeitern im Jahr 1962 auf 179 Mitarbeiter im Jahr 1973.18 In

der Türkei arbeitete die BAAV mit der Anstalt für die Vermittlung von Arbeit und

Arbeitskräften, Is ve Isçi Bulma Kurumu (nachstehend IIBK genannt) zusammen. Nach

Erhalt der Vorgaben durch die deutsche Behörde war für die Anwerbung geeigneter

Bewerber ausschließlich die türkische Partnerverwaltung mit ihren 67 Arbeitsämtern

zuständig.19 Die Vermittlung verursachte Kosten nicht nur bei der BAAV, sondern auch

bei den anfordernden Unternehmen.20

So genannte Übersetzungsbüros hatten als private Arbeitsvermittler bereits vor dem

zwischen den Staaten abgeschlossenen Anwerbeabkommen fungiert. Sie behielten diese

13 Vgl. Herbert, U. (1986), S. 195.

14 Vgl. Eryilmaz, A.; Jamin, J., Hg. (1998), S. 1.

15 Vgl. Berger, J.; Mohr, J. (1976), S. 58.

16 Vgl. Eryilmaz, A.; Jamin, J., Hg. (1998), S. 7.

17 Vgl. Schrettenbrunner, H. (1982), S. 24.

18 Vgl. BAAV, Hg. (o. J. a), o. S.

19 Vgl. BAAV, Hg. (o. J. a), o. S.

20 Vgl. Geiselberger, S., Hg. (1972), S. 41. Demnach mußte bis 1971 für die Vermittlung eines türkischen

Arbeitnehmers seitens des deutschen Arbeitgebers DM 165,00, seitens der BAAV DM 235,00

aufgewandt werden.


5

Tätigkeit in direkter Konkurrenz zu den staatlichen Behörden auch in den Folgejahren

bei und konnten sie sogar weiter ausbauen, obwohl es aufgrund der vertraglich

festgelegten Monopolstellung der türkischen Arbeitsvermittlungsbehörde von Zeit zu

Zeit zu Spannungen zwischen der Behörde und den Unternehmen kam. 21

Deutschschulen boten Kurse für Auswanderer an, und die Deutsche Bundesbahn sowie

die Lufthansa warben in der Türkei mit Reiseangeboten nach Deutschland.22

3 Art der Werbemaßnahmen

3.1 USA/Deutschland

Die erste deutschsprachige Werbebroschüre wurde 1849 in Michigan produziert.

Insgesamt stellte Michigan bis 1882 neun verschiedene deutschsprachige Schriften her.

Wisconsin ließ in den Jahren 1871 und 1872 jeweils 10.000 Broschüren direkt in

Deutschland drucken, 1882 ließ Mississippi 15.000 Exemplare eines

Einwandererhandbuches für Deutsche fertigen, und Oregon produzierte 1886 sogar

46.000 Ausgaben einer halb in deutsch und halb in schwedisch abgefassten

Informationsschrift. Alle Broschüren wurden kostenlos in Deutschland verteilt. Um

diese Werbeunterlagen an die richtigen Adressaten ausliefern zu können, wurde das

Werbematerial zuerst an diejenigen gesandt, die sich nach Informationen suchend an die

staatlichen Stellen gewandt hatten. Darüber hinaus wurden Einwanderer nach ihrer

Ankunft in den USA gebeten, die Anschrift von Auswanderungswilligen in Deutschland

zu nennen, so daß auch diese mit Informationsmaterial versorgt werden konnten. Waren

die Broschüren einmal dort angekommen, setzten die amerikanischen Behörden darauf,

daß sie an andere Interessenten weitergereicht wurden.23

Des Weiteren wurden die amerikanischen Konsuln in Europa und somit auch in

Deutschland zur Unterstützung bei der Einwandererwerbung eingesetzt. Sie sollten die

amerikanischen Publikationen in Deutschland verteilen und Auswanderungswilligen

durch Beratung zur Seite stehen. Von Schöberl werden in diesem Zusammenhang

besonders die Aktivitäten des Konsuls William Marsh in Altona hervorgehoben, der

sich bereits vor 1864 der Werbung neuer Auswanderer verschrieben hatte und der nach

21 Vgl. Eryilmaz, A.; Jamin, J., Hg. (1998), S. 99-100.

22 Vgl. Herbert, U. (1986), S. 55.

23 Vgl. Schöberl, I. (1982), S. 314, 321-322.


6

Inkrafttreten des staatlichen Einwanderergesetzes die ihm zur Verfügung gestellte

Publikation in deutscher Sprache nicht nur an ihm bekannte Interessenten verteilte,

sondern sie auch publikumswirksam in der Nähe von Auswanderersammelplätzen,

Herbergen und Schiffen anbrachte, um sie jedermann zugänglich zu machen.24 Zur

Unterstützung der staatlichen Werbebüros wurden entweder amerikanische Agenten der

jeweiligen staatlichen Behörden nach Deutschland geschickt 25 oder Deutsche als

Agenten angeworben. So ergab sich in Deutschland bald ein Netz von Agenten und

Unteragenten, die Auswanderungswilligen flächendeckend mit Rat und Tat zur Seite

standen.26 Die fest stationierten Hauptagenten operierten vorwiegend von Hamburg oder

Bremen aus, führten jedoch auch Werbetouren durch, um durch Vorträge und direkte

Gespräche Interessenten zu gewinnen. Wichtig war für sie, die Informationen zu streuen

und Kontakte mit Verbindungseinrichtungen und -personen aufzubauen und zu erhalten,

wie z.B. mit Schiffahrtsgesellschaften, Gasthäusern, Banken, Postämtern, Bahnhöfen

und Zeitungsredaktionen.27

Die Werbebüros gingen außerdem davon aus, daß die deutschen Einwanderer, sobald

sie erst einmal in Amerika Fuß gefasst hatten, durch Briefe nach Deutschland weitere

Auswanderungswillige zum Zuzug in dieselbe Region bewegen würden. Die staatlichen

Behörden kalkulierten in ihre Überlegungen also den Mechanismus der

Kettenwanderung ein.28 So integrierten die staatlichen Werbebroschüren Briefe in ihre

Publikationen und machten sich die Werbekraft, die Erfolgsmeldungen von bereits

etablierten Auswanderern für Auswanderungswillige in den Ausgangsländern hatten,

zunutze.29 Denn über die offiziellen amerikanischen Werbeaktivitäten hinaus waren es

vor allem private Kontakte, vor allem durch Briefe aus den Vereinigten Staaten, die

Auswanderungswillige informierten bzw. bei ihnen den Entschluss zur Auswanderung

hervorriefen oder verstärkten.30

Neben den staatlichen Werbebroschüren gab es auch privatwirtschaftliche

Informationsblätter und Werbeaktivitäten, wie die der amerikanischen

Eisenbahngesellschaften, die ebenfalls versuchten, auf diesem Weg Auswanderer für

24 Vgl. Schöberl, I. (1982), S. 54.

25 Dies geschah jedoch erst nach dem Bürgerkrieg, weil erst dann die Notwendigkeit der Anwerbung von

Einwanderern als groß genug eingestuft wurde, um die zur Werbung erforderlichen Kosten zu

rechtfertigen. Vgl. Schöberl, I. (1990), S. 34.

26 Vgl. Schöberl, I. (1982), S. 324-325.

27 Vgl. Schöberl, I. (1990), S. 173-175.

28 Vgl. Schöberl, I. (1990), S. 115-116.

29 Vgl. Schöberl, I. (1982), S. 333.

30 Vgl. Helbich, W. et al., Hg. (1988), S. 32.


7

sich zu gewinnen. So verfügt z. B. die Northern Pacific Railroad im Zeitraum von 1871

bis Ende der 1880er Jahre über mehrere Agenten in Deutschland.31

Deutsche Zeitungen waren ebenfalls ein beliebtes Werbemittel, so war z. B. Wisconsin

im Jahr 1882 in 41 deutschen Zeitungen mit Werbung für günstiges, fruchtbares

Regierungsland vertreten.32 Viele Zeitungen wurden nicht nur von den Agenten der

staatlichen Behörden, sondern wiederum auch von privatwirtschaftlichen

Interessensgruppen als Informations- und Kommunikationsmittel für Auswanderer

genutzt. So fanden sich in ihnen Anzeigen für Sprachführer, Fachbücher, Hotels in den

Vereinigten Staaten, aber auch Anzeigen von Auswanderern, die ihre glückliche

Ankunft in den Vereinigten Staaten meldeten, 33 sowie genaue Angaben über die

Informations- und Beratungstermine von Agenten während ihrer Rundreisen.34

Während die nicht auf eine Zielgruppe festgelegten Zeitungen vorwiegend vom

Bürgertum rezipiert wurden, wandte sich eine spezielle Auswanderungsliteratur an alle

Schichten von Auswanderungswilligen. Zielgerichtet versuchten diese Fachblätter mit

aktuellen Informationen und Literaturangeboten, ihr Produkt an die Auswanderer zu

bringen. Gleichzeitig warnten sie vor unseriösen Agenten. 35 Als früheste dieser

Auswanderungszeitschriften kam 1846 die

Allgemeine Auswandererzeitung

auf den

Markt.36 1852 folgte die

Deutsche Auswandererzeitung

. Hier war die Verflechtung von

deutscher Zeitschrift und amerikanischem Werbebüro besonders offensichtlich. Ihr

Herausgeber H. M. Hauschild trat ab 1865 gleichzeitig als Agent für Missouri auf und

veröffentlichte alle ihm von der staatlichen Behörde zugesandten Artikel in seiner

Zeitung, die somit das offizielle Sprachrohr des

Immigration Boards

von Missouri in

Deutschland wurde.37

Als weitere Werbemittel, wenn auch nicht unbedingt ausschließlich von amerikanischer

Seite herausgegeben, sind die sogenannten Dolmetscher-Publikationen zu nennen, die

weit mehr waren als reine Wörterbücher. Neben Wortschatz- und

Grammatikvermittlung waren in ihnen Tabellen zur Währungsumrechnung,

topographische Details, Einwohnerzahlen von amerikanischen Städten, die Art der

31 Vgl. Schöberl, I. (1990), S. 89.

32 Vgl. Bretting, A. (1988), S. 67.

33 Vgl. Faltin, S. (1987), S. 289.

34 Vgl. Schöberl, I. (1990), S. 176.

35 Vgl. Bretting, A. (1991), S. 76.

36 Vgl. Görisch, S. W. (1991), S. 41-45.

37 Vgl. Schöberl, I. (1982), S. 329.


8

vorhandenen Infrastruktur sowie Verkehrsverbindungen zu finden. 38 Als weitere

Informationsquellen über das Zielland Vereinigte Staaten von Amerika waren

Reiseberichte, Reiseführer und Ratgeber, zum Teil auch von den staatlichen

Werbebüros erstellt, erhältlich.

Bei den Werbeaktivitäten waren nicht nur amerikanische Interessen im Spiel. Deutsche

Auswanderungsvereine, also Organisationen von bereits Ausgewanderten und

Auswanderungswilligen, suchten ebenfalls durch Annoncen und Werbeschriften ihr

Publikum.39 Das deutsche Transportgewerbe, vor allem die Schiffahrt, war ebenfalls

rege, Auswanderungswillige in ihrem Entschluß zu bestärken und für das eigene

Unternehmen zu gewinnen. Die steigenden Auswandererzahlen in der zweiten Hälfte

des 19. Jahrhunderts waren Voraussetzung für die positive Entwicklung des deutschen

Seehandels, da nun die Beförderung der Passagiere die Leerfahrt der Schiffe von

Deutschland nach Amerika aufgrund fehlender Exportgüter auffing. 40 Im gesamten

deutschen Raum verstreute Agenturen der konkurrierenden Schiffahrtslinien sorgten für

Passagiere.

Insgesamt erschienen in Deutschland von Anfang des 19. Jahrhunderts bis 1914

zwischen 300 und 400 auf die Auswanderung nach Amerika bezogene

Veröffentlichungen.41

3.2 Deutschland/Türkei

Zur Art der Werbemittel in der Türkei liegen nur sehr wenige Angaben in der

deutschsprachigen Literatur vor. Da die türkischen Arbeitnehmer über die

Möglichkeiten, die eine Auswanderung für sie darstellte, informiert werden mußten, ist

davon auszugehen, daß Werbemittel wie Broschüren und Informationsblätter vom IIBK

herausgegeben wurden. Wahrscheinlich ist auch, daß Informationen über das Radio und

später das Fernsehen weitergegeben wurden.

Eryilmaz und Jamin berichten in ihrer Publikation über Informationsaushänge an den

Arbeitsplätzen sowie Zeitungsanzeigen als Werbemittel. In der Presse waren regelmäßig

Informationen mit Angaben der Arbeitnehmerzahl, die von Deutschland angefordert

worden war, zu finden.42 Bingemer erwähnt Informationen für türkische Arbeitnehmer

38 Vgl. Görisch, S. W. (1991), S. 177-178.

39 Vgl. Bickelmann, H. (1991), S. 94.

40 Vgl. Görisch, S. W. (1991), S. 83-85.

41 Vgl. Görisch, S. W. (1991), S. 335.

42 Vgl. Eryilmaz, A.; Jamin, J., Hg. (1998), S. 99, 107.


9

seitens deutscher Arbeitgeber, wobei offen bleibt, ob dies durch Vertreter der

Arbeitgeber im Ausgangsland oder im Zielland geschah.43 Ein weiteres Werbemittel

waren Anwerberreisen von Mitarbeitern deutscher Unternehmen, so unternahmen z. B.

Siemens-Vertreter Werbereisen in Anatolien zur Auswahl von geeigneten

Fachkräften.44

In Zusammenarbeit mit den türkischen Behörden waren die so genannten

Dorfentwicklungsgenossenschaften oder Deutschlandgenossenschaften in der Werbung

von Auswanderungswilligen aktiv. Die Wartezeiten auf eine legale, staatlich gesteuerte

Ausreise waren zeitweise auf bis zu zehn Jahren angewachsen. Die Mitgliedschaft in

einer solchen Genossenschaft versprach eine Verkürzung dieser Frist unter der

gleichzeitigen Verpflichtung, von Deutschland aus Mitgliedsbeiträge zur Finanzierung

der Genossenschaft zu überweisen.45 Es ist anzunehmen, dass diese Genossenschaften

auch Informationsschriften herausgegeben oder durch Vorträge über die Vorteile einer

Mitgliedschaft informiert haben. Es wird zudem Werbemaßnahmen, wie z. B.

Zeitungsanzeigen durch die in Konkurrenz zum IIBK tätigen Übersetzungsbüros sowie

der Deutschen Bahn und der Lufthansa gegeben haben.

Briefe als Erfahrungsvermittlung und somit im positiven Fall als Bestätigung der

möglichen Realisierung der Träume der Auswanderer werden ebenfalls eine große Rolle

gespielt und dazu beigetragen haben, den endgültigen Auswanderungsentschluß zu

treffen. Aufgrund der räumlichen Nähe Deutschlands zur Türkei im Vergleich zu den

Vereinigten Staaten wurden die Deutschlandberichte der türkischen Auswanderer von

türkischen Auswanderungswilligen als willkommene Informationsquelle geschätzt.

Postkarten und Fotos als Beleg für eine geglückte Auswanderung dürfen die Werbung

der staatlichen Stellen ebenfalls unterstützt haben.46

Da sich aufgrund der langen Wartezeiten bis zur genehmigten Ausreise eine große

Anzahl von türkischen Arbeitnehmern entschloß, illegal nach Deutschland zu reisen,

wurden immer die Dienste von Schleppern genutzt. Diese Schlepper boten ihre Dienste

vor den Vermittlungsstellen in der Türkei gegen Beträge von bis zu DM 1.000,00 an.47

Auch diese illegalen Schlepperdienstleistungen müssen als Werbung angesehen werden,

43 Vgl. Bingemer, K. et al. (1970), S. 81.

44 Vgl. Eryilmaz, A.; Jamin, J., Hg. (1998), S. 114.

45 Vgl. Arin, C. (1991), S. 18.

46 Vgl. Eryilmaz, A.; Jamin, J., Hg. (1998), S. 107.

47 Vgl. Geiselberger, S., Hg. (1972), S. 45.


10

da sie doch eine weitere Einreisemöglichkeit in das Land der Wünsche propagierte und

zu realisieren versprach.

Kettenwerbung wurde von der BAAV wohl eher in Kauf genommen als aktiv betrieben.

Neben der anonymen Anforderung von Arbeitskräften durch die deutschen

Unternehmen gab es ab ca. 1968 auch Anfragen von Unternehmen an die BAAV, ihre

früheren Arbeiter aus den türkischen Heimatorten wieder nach Deutschland

zurückholen oder ihnen empfohlene Arbeiter direkt anzuwerben.48 Diese namentlichen

Anfragen nahmen in den Jahren bis 1973 zu, konnten aber laut BAAV nicht mit

demselben Erfolg wie anonyme Vermittlungsanträge bearbeitet werden, und in den

Kommentaren der BAAV klingt an, daß diese Art der Werbung eigentlich unerwünscht

war.49

4 Inhalte der Werbung

4.1 USA/Deutschland

Der Mythos von den Vereinigten Staaten von Amerika als ,,Land der unbegrenzten

Möglichkeiten" hatte sich in Deutschland bereit in der Mitte des 19. Jahrhunderts

etabliert. In den Werbeaktivitäten des 19. Jahrhunderts kam es darauf an, diese

Möglichkeiten zu konkretisieren, um sie für eine noch größere Zielgruppe realistischer

und erreichbarer darzustellen.50 Religiöse Auswanderungsgründe spielten keine große

Rolle mehr, nun waren es vorwiegend wirtschaftliche und soziale Motive, die die

Deutschen zur Auswanderung bewegten.51 Darauf war die Werbung gezielt abgestimmt.

Bürgerliche Freiheiten, große Flächen unbesiedelten Landes, die starke und anhaltende

Nachfrage nach Arbeitskräften und somit die Aussicht auf eine gesicherte und

unabhängige Existenz waren die Pullfaktoren, mit denen die Werber lockten.52 Hier

wurden Auswanderer angesprochen, die den Rest ihres Lebens in den Vereinigten

Staaten verbringen sollten und wollten. Indirekte Kritik an den Verhältnissen in

Deutschland läßt sich u. a. aus folgender Passage aus Ratschläge für Auswanderer von

Traugott Bromme aus dem Jahr 1848 ablesen. Bromme stellt als positiv heraus, ,,daß

48 Vgl. Schrettenbrunner, H. (1982), S. 24.

49 Vgl. BAAV, Hg. (o. J. b), S. 34-35.

50 Vgl. Bretting, A. (1988), S. 64.

51 Vgl. Moltmann, G. (1976), S. 13-14.

52 Vgl. Görisch, S. W. (1991), 334.


11

hier zu Lande [in den Vereinigten Staaten] als Glied der Gesellschaft Niemand über ihm

[dem Einwanderer] steht, daß durch Geburt die Menschen weder höher noch niedriger

sind, daß ihr sittlicher und geistiger Werth Alles ist. Selbst Regierungen sind hier nicht

Götter, sondern nur Diener des Volks, das sie nach Wohlgefallen ein- und absetzt."

Ebenfalls angepriesen wurde die Möglichkeit, bereits fünf Jahre nach der Einreise die

amerikanische Staatsbürgerschaft zu erwerben, was Auswanderungswillige ermuntert

haben dürfte, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. 53

Hinsichtlich der Inhalte der Werbebroschüren ist die Informationsschrift des Staates

Wisconsin aus dem Jahr 1885 typisch. Sie bietet laut Deckblatt einen ,,Bericht über

Bevölkerung, Boden, Klima, Handel und die industriellen Verhältnisse." 54 Bereits vor

dem Bürgerkrieg waren die staatlichen Werbebüros per Gesetz verpflichtet,

Einwanderern die hier angesprochenen Punkte zu vermitteln. Hinzu kamen

Informationen über die günstigste Route von New York zum Zielgebiet. Die staatlichen

Publikationen dürften Vertrauen erweckender gewirkt haben als die

Informationsschriften privater Organisationen, zumal die staatlichen Informationsblätter

in ihren Broschüren mit dem Auftrag warben, Einwanderer vor unehrlichen

Geschäftemachern zu schützen.55

Die Werbeschriften der Behörden der amerikanischen Einzelstaaten waren also gefüllt

mit konkreten Informationen für die potentiellen Einwanderer, denn nur so konnten

Auswanderer dazu gebracht werden, sich für den werbenden Staat zu entscheiden.56 Die

Verhältnisse in den Vereinigten Staaten wurden jedoch zum größten Teil beschönigend

dargestellt. Lediglich in den Bereichen der Bodenbeschaffenheit und des Klimas

wurden auch negative Aspekte eingeräumt. Eine starke Beeinflussung von

Auswanderungswilligen war gewünscht, jedoch sollte gemäß den amerikanischen

Gesetzesbestimmungen niemand zur Auswanderung überredet werden. 57 Außerdem

wurden Maßnahmen, Deutsche aktiv zur Auswanderung zu werben oder zu verleiten

von den deutschen Behörden missbilligt und verfolgt.58 Es muß jedoch festgehalten

werden, daß die Formulierungen in den Werbeschriften diesem Gebot nicht immer

Rechnung trugen. Als Beispiel soll die Werbebroschüre der Winona und St. Peter

53 Vgl. Helbich, W. (1988), S. 31, 66.

54 Vgl. Schöberl, I. (1982), S. 301.

55 Vgl. Schöberl, I. (1990), S. 26.

56 Vgl. Schöberl, I. (1982), S. 302-303.

57 Vgl. Schöberl, I. (1982), S. 316, 321, 336.

58 Vgl. Helbich, W. (1988), S. 28.


12

Eisenbahn dienen, die mit folgendem Text warb: ,,unter den liberalsten Bedingungen

und zu äußerst billigen Preisen zu verkaufen...noch nie ist die Einwanderung in dieses

prächtige Land so stark und ununterbrochen gewesen wie jetzt...Da die

Regierung...fernere Land-Schenkungen...eingestellt hat, so lässt sich leicht begreifen,

warum in Zukunft unbemittelten Leuten keine solche Gelegenheit, sich unter so

günstigen Bedingungen eine Heimath zu gründen, mehr geboten werden kann."59 Hier

scheint fraglich, ob die Formulierungen, die darauf abzielten, Auswanderungswillige zu

einem schnellen Entschluß zu verleiten, von den deutschen Behörden als legal

angesehen wurden oder nicht.

Da die amerikanischen Staaten in Deutschland keine Vorauswahl hinsichtlich des

Gesundheitszustands und der beruflichen Qualifikation der Auswanderer treffen

konnten, versuchten sie, in ihren Broschüren durch Informationen und Mahnungen den

Kreis der Auswanderer in ihrem Sinne einzugrenzen. So waren in den meisten Fällen

mittellose Einwanderer nicht erwünscht und dementsprechend warnten die Broschüren

davor, ohne Geld in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Nur Colorado, Michigan

und Minnesota ermunterten ebenfalls mittellose Deutsche zur Einwanderung.60 Auch

wurden nach der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der amerikanischen

Bevölkerung in den 1870er Jahren die erwünschten charakterlichen Qualitäten der

Einwanderer von den Behörden in ihren Publikationen angesprochen. So sollten die

Einwanderer fleißig, sparsam, zuverlässig, ordentlich und bescheiden sein.61 Diejenigen

Deutschen, die über landwirtschaftliche und/oder handwerkliche Qualifikationen

verfügten, waren die Hauptzielgruppe der Werbung. Landbesitz für jedermann wurde in

den Werbematerialien versprochen. Man suchte Bauern zur Erschließung der riesigen,

spärlich besiedelten Gebiete. Zwar wurden Ende des 19. Jahrhunderts auch zunehmend

Facharbeiter für die aufstrebende Industrie benötigt, diese Bedürfnisse schlugen sich

jedoch in den Werbeinhalten nicht nieder.62

Die in Deutschland verteilten Broschüren waren fast ausschließlich gezielt auf deutsche

Auswanderungswillige zugeschnitten. Dies gelang zum einen dadurch, daß die Staaten

mit bereits ansässigen deutschen Siedlergruppen, also vertrauter ethnischer Umgebung,

für neue Siedler werben konnten.63 Außerdem waren oft Deutschamerikaner, die die

59 Vgl. Helbich, W. (1988), S. 95-96.

60 Vgl. Schöberl, I. (1982), S. 304.

61 Vgl. Schöberl, I. (1990), S. 78.

62 Vgl. Bretting, A. (1988), S. 64, 66, 68.

63 Vgl. Vgl. Schöberl, I. (1982), S. 308.


13

Bedürfnisse ihrer deutschen Landsleute kannten, an der Autorenschaft der Broschüren

beteiligt. 64

Deutsche und amerikanische Lebensverhältnisse wurden in vielen

Broschüren zueinander in Beziehung gesetzt, um den deutschen Auswanderern den

Zielstaat sowohl vertrauter als auch interessanter erscheinen zu lassen.65

Die deutschen Auswanderungsvereine warben mit der komplett organisierten

Auswanderung in die Vereinigten Staaten in Zeitungen, durch Agenten und

Informationsschriften. Der

Nationalverein für deutsche Auswanderung und Ansiedlung

bot 1847 in der in Darmstadt herausgegebenen Wochenschrift

Der Deutsche

Auswanderer

an, eine garantiert reibungslose und kostengünstige Emigration

durchzuführen, betreut vom Heimatort bis zum Zielort durch Vertreter in Deutschland

(u. A. Traugott Brumme) und durch Büros in den Vereinigten Staaten, sowie

umfassendes Informationsmaterial zur Verfügung zu stellen.66

Die in den Werbebroschüren oder Zeitungen als Werbemittel integrierten

Auswandererbriefe berichteten von erfolgreichen Neuanfängen deutscher Auswanderer

und lockten so neue Einwanderer an. Dadurch, daß die Briefe in Umgangssprache

verfaßt waren, konnten sie von jedem Auswanderungswilligen unabhängig vom

Bildungsgrad verstanden werden. Die Informationen in den Briefen wurden von den

Adressaten als glaubwürdiger eingestuft als die Informationen in der staatlichen

Werbeliteratur, obwohl die Urheberschaft der Briefe nicht immer nachgewiesen war

und es sich oft um reine Fiktion gehandelt haben dürfte.67 Während die publizierten

Briefe die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten beschönigend darstellten, räumten

die Privatbriefe auch negative Aspekte des Lebens in Amerika ein. Dies geschah

allerdings teilweise aus Selbstzweck, um unerstützungsbedürftige Verwandte von einem

für den bereits in den Vereinigten Staaten lebenden Auswanderer finanziell nachteiligen

Nachzug abzubringen. Für die überwältigende Mehrheit von Auswanderungswilligen in

Deutschland bedeuteten die privaten Briefe die einzig glaubwürdige Informationsquelle

über das Leben in den Vereinigten Staaten.68

Die Werbemittel der Eisenbahnlinien gaben den Auswanderern ebenfalls umfassende

Informationen und versprachen ihnen günstiges Land sowie Landkauf auf Kredit. So

zeigten sie auch mittellosen Auswanderern Möglichkeiten auf, sich schnell aus dem

64 Vgl. Schöberl, I. (1990), S. 127.

65 Vgl. Schöberl, I. (1982), S. 311.

66 Vgl. Bickelmann, H. (1991), S. 94.

67 Vgl. Schöberl, I. (1982), S. 333-334.

68 Vgl. Helbich, W. et al. (1988), S. 32-33.


14

eingegangenen Arbeitsverhältnis befreien und sich ein gesichertes Leben erarbeiten zu

können.69

Die Amerika-Ratgeber boten alle von Auswanderungswilligen gewünschten

Informationen über die Vereinigten Staaten von Amerika, einschließlich

Kostenkalkulationen für den Neuanfang. Sie enthielten meistens auch den Hinweis, so

schnell und so gut wie möglich Englisch zu lernen. In diesem Zusammenhang wurde

auch darüber informiert, dass Deutsche ihr Deutschtum offiziell dem amerikanischen

Lebensstil unterordnen müßten, wenn sie in den Vereinigten Staaten erfolgreich sein

wollten. Im privaten Bereich jedoch sei durch Einrichtungen und Unternehmen von

Deutschamerikanern die Aufrechterhaltung der deutschen Lebensweise gewährleistet,

gesetzt den Fall, man zöge in Gebiete, in denen bereits eine gewisse deutsche Präsenz

gegeben war. 70

So wurde den Auswanderungswilligen eine Absicherung des

Auswanderungserfolgs aufzeigt: Der Zuzug in ein Gebiet, in dem sich bereits Deutsche

etabliert hatten, vereinfachte laut Ratgeber die Akkulturation und vermittelte trotzdem

ein Gefühl der ethnischen Zugehörigkeit. Somit schien der wirtschaftliche Erfolg bei

einem gleichzeitigen seelischen Wohlbefinden garantiert.

4.2 Deutschland/Türkei

Wie bereits erwähnt, liegen zur Art und somit auch zum Inhalt der Werbeaktivitäten in

der Türkei kaum Angaben in deutscher Sprache vor. In der Türkei bestand bereits ein

positives Deutschlandbild, bevor die Auswanderungswelle Anfang der 1960er Jahre

begann.71 Also dürfte auch hier der Inhalt der Werbemittel darauf abgestimmt gewesen

sein, die Möglichkeiten, die sich in Deutschland für die türkischen Arbeitnehmer

eröffneten, zu konkretisieren und, da die Auswanderung durch zwei Staaten gesteuert

wurde, die Auswanderungseilligen über die Voraussetzungen und Abläufe der

Bewerbung zur legalen Auswanderung zu informieren. Bei den

Auswanderungswilligen, die auf legalem Weg die Ausreise antreten wollten, handelte es

sich zwangsläufig um Bewerber bei den türkischen und deutschen Stellen. Diese

Auswanderungswilligen werden also auch staatliches Informationsmaterial erhalten

haben.

69 Vgl. Görisch, S. W. (1991), S. 146.

70 Vgl. Görisch, S. W. (1991), S. 282, 286, 318-329.

71 Vgl. Eryilmaz, A.; Jamin, J., Hg. (1998), S. 143.


15

Im Falle der türkischen Arbeitnehmer waren es vorwiegend wirtschaftliche Motive, die

sie zur Migration bewegten, religiöse Gründe werden nur am Rande eine Rolle gespielt

haben, ebenso wie soziale Beweggründe.72 Direkte oder indirekte Kritik am türkischen

Staat dürfte in der Werbung nicht vorhanden gewesen sein, denn es war ja die türkische

Regierung selbst, die die Werbung herausgab. Die Anwerbung, ebenso wie der

Aufenthalt in Deutschland, wurde als zeitlich begrenztes Phänomen betrachtet, und die

türkischen Arbeitnehmer als variabel einsetzbare Unterstützungskräfte für den

deutschen Arbeitsmarkt angesehen.73 Dieses Konzept wurde den türkischen Bewerbern

auch vermittelt, wie z. B. indirekt im Informationsblatt der IIBK für Auswanderer aus

dem Jahr 1963: ,,...soll nichts euch dazu verführen, eure treue Frau zu vergessen, die in

eurem Heim geduldig auf euch wartet."74 Das bedeutete auch, daß die Auswanderer

indirekt aufgefordert waren, ihre türkische Identität beizubehalten und sich nicht zu sehr

den deutschen Verhältnissen anzupassen.

Über den allgemeinen Informationsstand der Bewerber läßt sich aufgrund der

vorliegenden Literatur sagen, dass die Richtlinien, wer sich um eine Stelle in

Deutschland bewerben konnte, allgemein bekannt waren. Der folgende Personenkreis

kam in Frage: ungelernte männliche Arbeiter im Alter zwischen 18 und 35 sowie

männliche Facharbeiter im Alter zwischen 18 und 45. Alle Bewerber mußten die

Grundschule abgeschlossen und den Wehrdienst bereits abgeleistet haben. Vorbestrafte

mußten einen mindestens fünfjährigen Nachweis des guten Betragens vorweisen.

Weitere Informationen, wie Vorbedingungen an die zu tragende Kleidung wurden z. B.

im Bestätigungsschreiben des türkischen Arbeitsamtes den Bewerbern, die sich bei der

Behörde vorstellen sollten, mitgeteilt.75

Daß eine medizinische Untersuchung, die neben der beruflichen Qualifikation die

Hauptvoraussetzung für die Genehmigung der Ausreise darstellt, zu durchlaufen war,

war ebenfalls bekannt. Die von den Türken in Deutschland wahrzunehmende

Beschäftigung war vor allem durch schwere, körperliche Arbeit bzw. monotone

Arbeitsabläufe geprägt.76 Außerdem bestand seitens der deutschen Behörden die Angst,

daß kranke oder anfällige türkische Arbeitnehmer in Deutschland die deutschen

Krankenkassen belasten könnten. Daher wurde den potentiellen Auswanderern

72 Vgl. Moltmann, G. (1976), S. 13-14.

73 Vgl. Herbert, U. (1986), S. 195, 198, 199.

74 Vgl. Eryilmaz, A.; Jamin, J., Hg. (1998), S. 132.

75 Vgl. Arin, C. (1991), S. 18-19.

76 Vgl. Grothusen, K.-D., Hg. (1985), S. 522.


16

spätestens beim Eintreffen in der Deutschen Verbindungsstelle in Istanbul ein

Informationsblatt an die Hand gegeben, aus dem ersichtlich war, was bei einer

medizinischen Untersuchung geprüft wurde.77

In Bezug auf die sich in Deutschland bietenden Verdienstmöglichkeiten werden

ebenfalls Informationen vorgelegen haben. Dies ergibt sich aus Werner Schiffbauers

Analyse über die Migranten aus dem Ort Subay. Schiffbauer nennt die für türkische

Verhältnisse enorme Höhe des angebotenen Arbeitsentgeltes als ausschlaggebenden

Faktor für die Bewerbung um einen Arbeitsplatz in Deutschland.78 Außerdem war

bekannt, daß der Transfer nach Deutschland bei einer legalen Auswanderung bezahlt

wurde. Hinzu kamen Informationen, die die IIBK zur Förderung der Bewerberzahlen

bekannt gegeben haben dürfte, wie z. B. die Gewährung von Kindergeld für in der

Türkei lebende Kinder der in Deutschland tätigen türkischen Arbeitnehmer ab dem

01.06.1963.79

Ein zusätzlicher Anreiz, sich um eine Stelle in Deutschland zu bewerben, dürfen die

Informationen über die von der Deutschen Verbindungsstelle angebotenen Schulungs-

und Ausbildungsmaßnahmen gewesen sein. Ausbildungsverträge, die ein Vorprogramm

vor der Einreise nach Deutschland für die Dauer von 3-6 Monaten sowie einen

Sprachkurs vorsahen, wurden in Zusammenarbeit mit den türkischen Arbeitsämtern

vermittelt, um die Zuführung qualifizierter und in Sicherheitsfragen unterwiesener

Arbeiter nach Deutschland zu gewährleisten, wie die BAAV in ihren Berichten aus den

Jahren 1971 und 1972/73 erläutert.80 Da die meisten türkischen Emigranten bis kurz vor

ihrer Abreise nicht wußten, in welchen Teil Deutschlands sie geschickt wurden, ist es

anzunehmen, daß detaillierte Informationen über deutsche Bundesländer und Städte aus

Sicht der Ämter nicht nötig waren. Bei den staatlich gesteuerten türkischen

Werbemitteln wurde auf Informationen über mögliche Probleme beim Zurechtfinden in

der deutschen Kultur verzichtet, weil die Ämter potentielle Auswanderer in ihrem

Entschluß nicht verunsichern wollten. 81 Es ist jedoch anzunehmen, daß durchaus

herausgestellt wurde, daß die Abwicklung der Auswanderung über bilaterale Stellen den

Auswanderern eine nicht zu unterschätzende Sicherheit bot.

77 Vgl. Eryilmaz, A.; Jamin, J., Hg. (1998), S. 113, 118.

78 Vgl. Schiffbauer, W. (1991), S. 92.

79 Vgl. Eryilmaz, A.; Jamin, J., Hg. (1998), S. 4.

80 Vgl. BAAV, Hg. (o. J. b.), o. S.

81 Vgl. Bingemer, K. et al. (1970), S. 79.


17

Die Berichte über Deutschland, die durch diejenigen, die während des Urlaubs

Verwandte und/oder Freunde in der Türkei besuchten, und diejenigen, die nach Ablauf

des Arbeitsvertrages in Deutschland in die Türkei zurückgekehrten waren, in die

türkische Gesellschaft getragenen wurden, dürften den Auswanderungswilligen ein

konkreteres Bild vermittelt haben, als es die Informationen der staatlichen Stellen

vermochten.

5 Reaktionen auf die Werbemaßnahmen

5.1 Deutschland

Wie bereits erwähnt, standen die deutschen Regierungen der Tätigkeit der Agenten

skeptisch gegenüber, denn sie fürchteten den Verlust von Kapital und Bevölkerung. So

war es in Preußen ab 1873 ausländischen Werbern nicht mehr gestattet, im Land zu

agieren. Alle Agenten, die auf deutschen Boden Auswanderer werben wollten, mußten

sich zunächst um eine Lizenz bemühen. 82

Wirklich zurückgehalten wurden

Auswanderungswillige durch Maßnahmen der Behörden aber nicht. Alle gegen die

Auswanderung gerichteten Vorschriften ließen sich von den Emigranten ohne großes

Risiko umgehen.83

Jedoch reagierten die Behörden immer wieder negativ auf Werbemaßnahmen der USA,

wie z. B. auf das amerikanische Bundesgesetz zur Einwanderungsförderung. Die

deutschen Zeitungen kritisierten die Werbung mit Kontraktvereinbarungen, die sie

Werbung mit sklavenartigen Beschäftigungsverhältnissen nannten.84 In ihnen, d. h. den

nicht speziell auf Auswanderer zugeschnittenen Zeitungen, wurden die Vereinigten

Staaten kontrovers diskutiert. 85 In positiven Kommentaren kam die Faszination in

Bezug auf die Vereinigten Staaten zum Ausdruck. Die negativen Besprechungen waren

zumindest zum Teil Ausdruck der Furcht vor behördlichen Maßnahmen bei zu positiven

Zeichnungen der Möglichkeiten, die sich in den Vereinigten Staaten eröffneten.86

Diese Möglichkeiten von Landbesitz für jedermann, von Gleichheit, politischer und

religiöser Freiheit sowie gesellschaftlicher und räumlicher Mobilität waren bereits

82 Vgl. Schöberl, I. (1982), S. 331-332..

83 Vgl. Helbich, W. (1988), S. 29.

84 Vgl. Schöberl, I. (1990), S. 60-61.

85 Vgl. Riechmann, W. (1993), S. 277.

86 Vgl. Faltin, S. (1987), S. 274.


18

eingeführte Pullfaktoren. 87

Schöberl bezweifelt, daß die amerikanischen

Werbekampagnen ausschlaggebend für die deutsche Massenauswanderung in der

zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren, jedoch schließt sie eine Beeinflussung der

Auswanderer hinsichtlich der Wahl des Zielstaates nicht aus.88 Auch Görisch sieht sich

nicht in der Lage, eine Aussage über den Beitrag der Werbeaktivitäten an der

Gesamtauswanderung zu machen. Er gibt zu bedenken, daß bei der geringen Auflage

von Informationsschriften im Vergleich zur Auswandererzahl die Werbeaktitiväten

nicht den Motor der Emigration, sondern lediglich einen kleinen Teil der Faktoren, die

letztendlich zum Auswanderungsentschluß führten, ausgemacht haben können.89 Bade

sieht ebenfalls eine Verknüpfung der Werbemaßnahmen mit anderen Faktoren, wie dem

vermehrten transatlantischen Informationsaustausch, der privaten Überseekontakte

sowie der Verbesserung und Verbilligung der Passagierfahrt und der innerdeutschen

Reise zu den Häfen.90

Der Erfolg des Zusammenspiels von Push- und Pullfaktoren, die durch die

amerikanische Werbung signalisierte unbegrenzte Aufnahmebereitschaft der

Vereinigten Staaten sowie das Fehlen von abschreckenden Aus- und

Einreisebeschränkungen lassen sich in den Auswandererzahlen ablesen: Von 1847 bis

1914 wanderten fast 4 Mio. Deutsche in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. Das

entspricht 89 % der deutschen Auswanderer in andere Staaten insgesamt.91

5.2 Türkei

Daß die Veröffentlichungen des türkischen Arbeitsamtes rezipiert wurden, läßt sich

daran ablesen, daß positive Meldungen über die benötigte Arbeitnehmerzahl regelmäßig

zu einer Steigerung der Anzahl der Bewerbungen bei den türkischen Arbeitsämtern

führten.92

Die Auswanderung wurde in der türkischen Presse mal positiv, mal negativ

kommentiert.93 Die türkische ,,Deutschlandliteratur" zeichnet in Romanen, wie u. a. von

B. Yildiz,

Türkler Almanyda

(Die Türken in Deutschland, 1966),sowie N. Üstün,

Almanya, Almanya

(Deutschland, Deutschland,; 1965), ein negatives Bild der

87 Vgl. Bretting, A. (1988), S. 64.

88 Vgl. Schöberl, I. (1982), S. 332.

89 Vgl. Görisch, S. W. (1991), S. 249 und 337.

90 Vgl. Bade, K. J., Hg. (1984), S. 268.

91 Vgl. Bade, K. J., Hg. (1984), 270.

92 Vgl. Eryilmaz, A.; Jamin, M., Hg. (1998), S. 107.

93 Vgl. Eryilmaz, A.; Jamin, M., Hg. (1998), S. 107.


19

Migration.94 Hier wurde die Desillusionierung, die sich in Deutschland aufgrund der

Informationsdefizite, die ausgewanderte Türken feststellen mußten, aufgearbeitet.

Worauf viele türkische Auswanderer durch die mangelnde Vorbereitung nicht gefaßt

waren, war das Aufeinanderprallen mit der fremden Kultur, das sie erwartete.95

Durch die während ihres Urlaubs zurückgereisten sowie der für immer in die Türkei

zurückgekehrten Türken wurde wohl oft statt einer Schilderung der deutschen Realität

ein Deutschlandmythos kreiert, in dem Negatives verschwiegen wurde. Vielen

Rezipienten der Rückkehrinformationen scheint nur das Positive in den Erzählungen

wichtig gewesen zu sein. Je nach den individuellen Beweggründen wurde ein

Deutschland interpretiert, das ein Schlaraffenland, schnelles Geld, Eskapismus aus der

alten Welt und/oder Emanzipation bedeutete.96

Die Informationen zur Auswanderung und das in der Türkei dadurch entstandene

Deutschlandbild müssen große Pullfaktoren ausgemacht haben. Dies zeigt sich daran,

daß in der Zeit von 1961 bis 1973 rund 865.000 türkische Arbeitnehmer legal nach

Deutschland einreisten. Davon kamen ca. drei Viertel über die deutsche

Vermittlungsstelle in Istanbul, ein Viertel kam auf namentliche Anforderung deutscher

Unternehmen.97 Aufgrund der langen Wartezeiten für eine legale Emigration wichen

viele Auswanderungswillige auf die illegale, so genannte ,,Touristenmigration" aus.

Ralle nennt einen Anteil der ,,Touristenmigranten" an der Gesamtauswandererzahl von

ca. 20 % gemäß Statistiken des Staatlichen Planungsamtes der Türkei aus dem Jahre

1971.98 Insgesamt erlebte die Türkei somit die erste Massenauswanderungen in ihrer

Geschichte.

6 Abschließende Bewertung

Für die deutschen Staaten war die Auswanderung kein neuartiges Phänomen. Für die

Türkei hingegen stellt die Auswanderung seit Anfang der 1960er Jahre ein Novum in

ihrer Geschichte dar. Die Initiative zur Werbung von Einwanderern ging im Falle der

Amerika-Einwanderer vom Zielland aus, im Falle der türkischen Einwanderer primär

94 Vgl. Grünefeld, H.-D. (1988), S. 74-75.

95 Vgl. Arin, C. (1991), S. 19; Bingemer, K. et al. (1970), S. 81.

96 Vgl. Eryilmaz, A.; Jamin, M., Hg. (1998), S. 209.

97 Vgl. Eryilmaz, A.; Jamin, M., Hg. (1998), S. 149.

98 Vgl. Ralle, B. (1981), S. 51.


20

von der Türkei als Entsenderland. In beiden Fällen bildeten wirtschaftliche Interessen

bzw. Notlagen die Motivation der Länder zur Einwandererwerbung.

In den Vereinigten Staaten entstanden die staatlichen Werbeaktivitäten hauptsächlich

durch die Initiative der Einzelstaaten, während es sich bei der deutsch-türkischen

Werbung um die Kooperation von zwei gesamtstaatlichen Regierungen handelte. Als

Fazit bedeutet dies, daß bei der Auswanderung in die Vereinigten Staaten eine Vielzahl

von amerikanischen Institutionen aktiv war, während die türkischen Arbeitnehmer im

Wesentlichen von einer einzigen staatlichen Stelle aus informiert und angeworben

wurden. Die amerikanische Seite war durch Information und Warnungen bemüht, eine

bestimmte Zielgruppe deutscher Auswanderungswilliger in die Vereinigten Staaten zu

locken, für die es keine Einreisebeschränkung (bis auf oberflächliche Gesundheitstests

bei der Einreise) gab. Die türkischen Auswanderer mußten sich bereits im

Entsenderland, der Türkei, einer Selektion unterziehen. Ob sich ihr

Auswanderungsentschluß in die Tat umsetzen ließ, war nicht nur von ihnen selbst,

sondern auch von den türkischen und deutschen Behörden abhängig.

Im Fall der amerikanischen Kontraktarbeiterwerbung und in der türkischen Werbung

allgemein dürfte sich die Anwerbung mit der vertraglichen Bindung an den neuen

Arbeitgeber für mindestens ein Jahr geähnelt haben. Die Konsequenzen auf der

türkischen Seite bei Nichterfüllung waren jedoch gravierender, denn statt Pfändung oder

Gefängnisstrafe wie in den Vereinigten Staaten drohte ihnen die Ausweisung und somit

das aus ihrer Sicht endgültige Ende eines Auswegs aus ihrer wirtschaftlichen Notlage.99

Die Werbung zur Auswanderung in die Vereinigten Staaten musste die Neugierde

deutscher Auswanderungswilliger wecken, denn die Auswahl an Publikationen,

amerikanischen Einzelstaaten und an deutschen und amerikanischen Transporteuren war

groß. In der Türkei hingegen kam es in erster Linie darauf an, türkische Arbeitnehmer

zur Bewerbung der IIBK zu veranlassen. In beiden Fällen wurde im Wesentlichen die

Zielgruppe der ,,Wirtschaftsflüchtlinge" angesprochen, wobei neben den

wirtschaftlichen Gründen auch die Ablehnung der politischen und sozialen

Bedingungen eine Rolle in der für die Deutschen konzipierten Werbung spielte.100 Da

die Einwanderer für den Einsatz in unterschiedlichen Wirtschaftszweigen vorgesehen

waren, müssen sich hieraus inhaltliche Unterschiede in den Werbeaktivitäten ergeben

haben. Außerdem scheint es in der Türkei, von den grundlegenden Angaben zum

99 Vgl. McRae, V. (1972), S. 13.

100 Vgl. Helbich, W. (1992/93), S. 61.


21

Ablauf der Auswanderung und der Existenzsicherung in Deutschland abgesehen, nur

wenige verständlich vermittelte Informationen über das Leben in Deutschland gegeben

zu haben., so daß bei vielen türkischen Auswanderern ein unrealistisches und

phantastisches Bild der Möglichkeiten, die sich ihnen in Deutschland bieten würden,

entstand und sie in Deutschland oft einen Kulturschock erlebten.

Die Art der staatlichen Werbemittel und der private Informationsaustausch dürften sich

bei den beiden Migrationsbewegungen in etwa entsprochen haben. Angenommen

werden kann jedoch, daß bei den drucktechnischen Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts

und den Massenmedien wie Radio und später Fernsehen die Werbung des türkischen

Staates massiv und intensiver gewesen sein dürfte als die amerikanische Werbung. Zu

den türkischen Publikationen, die den Auswanderungswilligen mit Rat und Tat zur Seite

standen, ließen sich ­ im Gegensatz zu den deutsch-amerikanischen Ratgebern und

Wörterbüchern ­ keine Angaben finden. Auch die privatwirtschaftliche Werbung in der

Türkei konnte augrund mangelnder Informationen nicht bewertet werden. Die

Informationen oder Werbeaktivitäten durch Privatpersonen dürften im Falle der

türkischen Auswanderung eine noch stärkere Resonanz gefunden haben als in der

deutschen Migration, da die mündlichen Bericht der so genannten Urlaubstürken und

vor allem die Visualisierung des Emigrationserfolges durch die mitgebrachten Fotos

den Traum von einem besseren Leben in Deutschland noch viel glaubhafter darstellen

konnten, als es die Briefe vermochten, die den deutschen Auswanderern fast ein

Jahrhundert zuvor zur Verfügung gestanden hatten.

Für Auswanderungswillige gewannen das jeweilige Zielland und die Zielregionen somit

durch eine Mischung aus Fakten und Mythos an Gestalt. Sie hofften, den

amerikanischen Traum bzw. den deutschen Traum für sich realisieren zu können, und

dieser Hoffnung trug der Inhalt der Werbemaßnahmen Rechnung. Die Werbung fand

bei den Auswanderungswilligen Anklang: In den betrachteten Immigrationszeiträumen

stellten die Deutschen die zahlenmäßig stärkste Einwanderungsgruppe in den

Vereinigten Staaten,101 bei der Immigration nach Deutschland nahmen ab 1973 diesen

Platz die türkischen Einwanderer ein. 102 Auch wenn sich nicht ermitteln läßt, in

welchem Umfang die Werbeaktivitäten den Auswanderungsentschluß auslösten, so

haben sie doch sicherlich sowohl in der deutschen Auswanderung in die Vereinigten

101 Vgl. Helbich, W. (1988), S. 19.

102 Vgl. Eryilmaz, A.; Jamin, M., Hg. (1998), S. 149.


22

Staaten von Amerika als auch bei der türkischen Auswanderung nach Deutschland eine

erhebliche Rolle gespielt.


23

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