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Am Ende der Geschichte – Vilém Flusser und die menschliche Kommunikation an der Apokalypse der historischen Welt

Hausarbeit, 2005, 52 Seiten
Autor: Markus Müller
Fach: Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Details

Veranstaltung: Kanonische Texte? Basistexte der Medienwissenschaft
Institution/Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin (Institut für Kunst- und Kulturwissenschaft)
Tags: Ende, Geschichte, Vilém, Flusser, Kommunikation, Apokalypse, Welt, Kanonische, Texte, Basistexte, Medienwissenschaft
Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2005
Seiten: 52
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 62  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V112478
ISBN (E-Book): 978-3-640-10834-3
ISBN (Buch): 978-3-640-10993-7
Dateigröße: 407 KB
Anmerkungen :
62 Einträge im Literaturverzeichnis, davon 10 Internetquellen.


Zusammenfassung / Abstract

Spätestens seit Gutenbergs genialer Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert und erst recht mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht im 19. Jahrhundert, gilt die Sprache und insbesondere das geschriebene Wort als das etablierteste Kommunikationsmittel menschlicher Existenz. Sie ersetzte die vierdimensionale Wirklichkeit, setzte sich gegen die dreidimensionale Baukunst durch und machte den zweidimensionalen Bildern ihren Platz in der anthropomorphen Welt streitig. Selbst Mimik und Gestik, die nicht minder wichtig für Gedankenübertragung sind, wurden von der Sprache überflügelt. Auch heute, in einer wesentlich telematischeren Gesellschaft, ist der Text vorherrschend. Die Sprache ist immer noch omnipräsent. Sie steht sogar noch hinter den technischen Medien, indem sie Drehbücher, Werbeslogans, Videotexte und Internetchats dominiert. [...] Die nun folgende Abhandlung soll den berühmten Medienphilosophen Vilém Flusser und dessen Werk genauer beleuchten und stellt sich dabei als Aufgabe, im Vergleich zu anderen Medientheorien, zu erörtern, ob Flussers Ideen tatsächlich brauchbar für die uns nahende Zukunft sind. Um dies auch tatsächlich umzusetzen, sei zunächst die Entwicklung seines Denkens anhand seiner Biographie erläutert. Daran anschließen wird sich eine konkrete Analyse seines spezifischen Lösungsversuches, aus dem die einzelnen Lösungsschritte herausgelöst und einzeln diskutiert werden sollen. Darauf folgend wird versucht, die entstandene Konklusion Flussers in den Kontext zu seinen medientheoretischen Zeitgenossen einzubauen, um anhand dieser Konfrontation zu klären, wie hoch die Prägnanz der Verlautbarungen des berühmten Kommunikologen ist. In einem abschließenden Teil, der ebenfalls einer kurzen Zusammenfassung des Flusserschen Gedankengutes, wie auch einer knappen Autorenwertung dient, wird ein Zukunftsausblick gegeben, der mit der gegenwärtigen Realisierbarkeit zu kombinieren ist. Dadurch soll sich zeigen, ob Flussers Prophezeiungen tatsächlich eintraten oder zumindest noch zu erwarten sind. Das im letzten Abschnitt beinhaltete Resümee wird dann hoffentlich klären, ob „Flusser, der Fremde in der Welt, der Vaterlandslose par excellence“ die Frage, die er sich Zeit seines Lebens stellte, erfolgreich und für die Medienwissenschaft relevant klären konnte.


Textauszug (computergeneriert)

HUMBOLDT-UNIVERSITÄT ZU BERLIN

Philosophische Fakultät III

Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften

Seminar für Medienwissenschaft

Am Ende der Geschichte ­ Vilém Flusser und die

menschliche Kommunikation an der

Apokalypse der historischen Welt

von

Markus Müller

Berlin, den 09. Mai 2005


Inhaltsverzeichnis

1. Introduktion 3

2.

Das Leben des Vilém Flusser 6

2.1. Curriculum Vitae 6

2.2. Entstehung seines Denkens 9

3. Die Thesen und Theorien des Vilém Flusser 11

3.1.

Über die Funktion der menschlichen Kommunikation 11

3.2.

Die Strukturen zur Verwirklichung dieser Funktion 16

3.3.

Am Ende der Geschichte 22

4. Quergefragt ­ Vilém Flussers Thesen im Vergleich zu denen anderer

medientheoretischer Größen seiner Zeit 30

5.

Über die Realisierbarkeit von ,,Flussers Vision" 40

6.

Literaturverzeichnis 48

2


1. Introduktion

Spätestens seit Gutenbergs genialer Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert und erst

recht mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht im 19. Jahrhundert, gilt die Sprache

und insbesondere das geschriebene Wort als das etablierteste Kommunikationsmittel

menschlicher Existenz. Sie ersetzte die vierdimensionale Wirklichkeit, setzte sich gegen die

dreidimensionale Baukunst durch und machte den zweidimensionalen Bildern ihren Platz in

der anthropomorphen Welt streitig. Selbst Mimik und Gestik, die nicht minder wichtig für

Gedankenübertragung sind, wurden von der Sprache überflügelt. Auch heute, in einer

wesentlich telematischeren Gesellschaft, ist der Text vorherrschend. Die Sprache ist immer

noch omnipräsent. Sie steht sogar noch hinter den technischen Medien, indem sie

Drehbücher, Werbeslogans, Videotexte und Internetchats dominiert.

Das Wort ist ohne Zweifel präsent, und dennoch scheint sich etwas zu verändern. Es

ist anders präsent als früher. Es ist regelrecht inflationär präsent.1 Kann man also sagen, dass

die Vorherrschaft des geschriebenen und gesprochenen Wortes auf dem absteigenden Ast ist?

Möglich wäre dies allemal. Man betrachte sich nur das 20. Jahrhundert und man wird merken,

dass das Phänomen der Sprachlosigkeit nicht gerade Seltenheitswert besaß. Nach dem

2. Weltkrieg entwickelte sich z. B. eine Blütezeit für

,,sprachlose"

Autoren, die ihren Texten

bezeichnend den, von Heinrich Böll geprägten, Titel

,,Trümmerliteratur"

2 gaben. Dem

Namen entsprechend gestaltete sich die Sprache auch. Sie war förmlich in Fragmente

zertrümmert. Sie war schlicht und ergreifend einer Art

,,Kahlschlag"

3 unterworfen, wie es

Wolfgang Weyrauch einst so treffend formulierte. Ist aber das Sprachproblem der

Nachkriegsautoren gleichbedeutend mit dem Sprachproblem, welches sich derzeit viel

existenzieller über unsere Kommunikation hermacht? Autoren, wie Literaturnobelpreisträger

Heinrich Böll und Wolfgang Borchert, schrieben schließlich derartig reduziert, um die

Kriegsschrecken zu verdauen und sie gleichermaßen in ihre Texte zu integrieren. Die Schrift

war eben lediglich so kahl und leer, wie die zerbombten Städte, in denen ihre Autoren lebten.

Die Kriegsgeschehnisse kann man jedoch nicht als den einzigen Grund für die

Spracharmut des 20. Jahrhunderts angeben. Das Sprachproblem dieses Säkulums ist viel

umfassender, als man damals vielleicht annahm, was allein daran zu sehen ist, dass auch die

Generationen vor dem 2. Weltkrieg und die Generationen danach ähnliche Konflikte in ihrer

Textproduktion hatten. Bereits in den goldenen Zwanzigern sprach man ­ um Gottfried Benns

1 Vgl. Flusser, Vilém: Umbruch der menschlichen Beziehungen?, in: ders.: Kommunikologie, Fischer

Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 101

2 Böll, Heinrich zit. in: http://www.nrw2000.de/nrw/boell.htm, Zugriff: 03. März 2005

3 Weyrauch, Wolfgang zit. in: www.kultur-netz.de/archiv/literat/gruppe47.htm, Zugriff: 03. März 2005

3


Worte zu nutzen ­ von der Notwendigkeit der

,,Zusammenhangsdurchstoßung"

und

,,Wirklichkeitszertrümmerung"

.4 Im aufkommenden Fernsehzeitalter der 1960er und 1970er

Jahre setzte man sich dann auch mit dem

,,Nichtssagend[en] und blutleer[en] und

kraftlos[en]"

5,

,,schwabbelnde[n], sang- und klanglosen tingelnden"

6 Charakter der

modernen Medien- und Werbesprache auseinander, die völlig gehaltlos nichts weiter als

Imperative vermitteln will. Das großartige 20. Jahrhundert, mit seinen enormen technischen

Errungenschaften, mit seinen großen und kleinen Revolutionen, mit seiner Relativitätstheorie,

mit der Albert Einstein durch die unscheinbare Formel

,,E = mc²"

ganze Weltbilder

kollabieren ließ, und mit seinen verschiedenen politischen Ausprägungen, war voll von

konstruktiver Sprachlosigkeit und verzweifelten Hilferufen. Das Wort stockte im

Technikzeitalter und blieb den Menschen erstarrt auf der Zunge liegen und im Halse stecken.

Ein Versuch, gegen den Sprachverlust anzugehen, war es, ein eher archaisches

Kommunikationsmittel wieder auszugraben, um es mit dem Vorherrschenden zu verbinden.

Das Resultat solcher Arbeiten sah dann zumeist wie folgt aus:

,,Worte Worte Worte

Worte Worte Worte Worte

Worte

Worte

Worte Worte

Worte Worte"

7

Diese ganzen Wortgebilde und absurd wirkenden Konstruktionen nannte man dann

,,konkrete

Poesie"

, womit die immer abstrakter werdende Sprache auf den Punkt gebracht werden sollte.

Es sollte kein hochtrabendes

,,Um-den-heißen-Brei-reden"

mehr geben und undurchsichtigen

Formulierungen wurde der rhetorische Kampf angesagt: (Im Idealfall) ein Wort, ein Bild, eine

Aussage. Doch konnte diese Vermischung von Bild und Wort Erfolg haben? Konnten Ernst

Jandl & Co. den Konfliktknoten Sprache auf diese Weise entwirren?

Was

die

,,konkreten Poeten"

in ihren Künstlerateliers fabrizierten, interessierte damals

auch eine Person, die sich ab Anfang der 1960er Jahre von Brasilien aus zum gefeierten

Medienphilosophen empor katapultieren sollte. Vilèm Flusser ­ der gebürtige Prager aus dem

damals postkafkaesken Milieu der goldenen Stadt ­ entflammte zunächst auf der Suche nach

4 Benn, Gottfried, zit. in: www.skg.krumbach.de, Zugriff: 03. März 2005

5 Kunert, Günter: Meine Sprache, in: Verkündigung des Wetters, München 1966

6 Ebd.

7 Lobel, Mira et al.: Die Brücke, zit. in: Schriftliche Abschlussprüfung Deutsch ­ Realschulabschluss,

Sächsisches Staatsministerium für Kultus, Dresden 2000

4


Sinn, Zweck und Zukunft der Sprache für die neuartige Gattung der Dichtkunst und sah in

ihrer Mixtur aus

,,Sprachknochensplittern"

8 und

,,geschmäcklerischer Wanddekoration"

9

eine Möglichkeit, die Krise von Wort und Wert zu überwinden. Die Lage der Sprache im

20. Jahrhundert war diese:

,,Alles zerbricht in Teile und die Teile wieder in Teile, die Wörter

schwimmen um ihn [Lord Chandos] herum und gerinnen zu Augen, die ihn anstarren und in

die er zurückstarren muss, es sind Wirbel, in die hinabzusehen ihn schwindelt, sie drehen

sich, durch sie hindurch kommt man ins Leere."

10

Eben diese Teile, die Hugo von

Hofmannsthal in seinem Chandos-Brief beschreibt, diese

,,Quanten"

11 und

,,Bits"

12, wie sie

Vilém Flusser wiederum bezeichnen würde, sollen in der

,,konkreten Poesie"

neu

zusammengefügt werden ­ jedoch nicht in Texte, sondern in Bilder.

Das selbiges nicht der beste Weg war, um die Kommunikation zu retten, erkannte

Flusser in seinem brasilianischen Exil jedoch schnell und wandte sich bald den technischen

Bildern zu, denn auch in ihnen fügen sich die zersplitterten Teile ­ die Pixel ­ zu einem

Mosaik zusammen. Die schillernden, chamäleonartigen Bilder wurden Flussers Metier, in

dem er sich nach Herzenslust austobte. Dabei schaute er jedoch nicht nur

,,in die Röhre"

,

sondern auch dahinter, um aufzudecken, wie das Technobild funktioniert, warum es die

Schrift als vorherrschendes Kommunikationsmittel substituieren wird, und um ihm die neue

Art der Verständigung, die neue Bewusstseinsform zuzuweisen.

Die nun folgende Abhandlung soll den berühmten Medienphilosophen Vilém Flusser

und dessen Werk genauer beleuchten und stellt sich dabei als Aufgabe, im Vergleich zu

anderen Medientheorien, zu erörtern, ob Flussers Ideen tatsächlich brauchbar für die uns

nahende Zukunft sind. Um dies auch tatsächlich umzusetzen, sei zunächst die Entwicklung

seines Denkens anhand seiner Biographie erläutert. Daran anschließen wird sich eine konkrete

Analyse seines spezifischen Lösungsversuches, aus dem die einzelnen Lösungsschritte

herausgelöst und einzeln diskutiert werden sollen. Darauf folgend wird versucht, die

entstandene Konklusion Flussers in den Kontext zu seinen medientheoretischen Zeitgenossen

einzubauen, um anhand dieser Konfrontation zu klären, wie hoch die Prägnanz der

Verlautbarungen des berühmten Kommunikologen ist. In einem abschließenden Teil, der

ebenfalls einer kurzen Zusammenfassung des Flusserschen Gedankengutes, wie auch einer

knappen Autorenwertung dient, wird ein Zukunftsausblick gegeben, der mit der

gegenwärtigen Realisierbarkeit zu kombinieren ist. Dadurch soll sich zeigen, ob Flussers

8 Vgl. Gloor, Beat: www.kontrast.ch, Zugriff: 21. Februar 2005

9 Ebd.

10 von Hofmannsthal, Hugo: Chandos-Brief, zit. in: www.kontrast.ch, Zugriff: 21. Februar 2005

11 Vgl. Flusser, Vilém: Ins Universum der technischen Bilder, European Photography, Göttingen 2000, S. 37

12 Ebd.

5


Prophezeiungen tatsächlich eintraten oder zumindest noch zu erwarten sind. Das im letzten

Abschnitt beinhaltete Resümee wird dann hoffentlich klären, ob

,,Flusser, der Fremde in der

Welt, der Vaterlandslose par excellence"

13 die Frage, die er sich Zeit seines Lebens stellte,

erfolgreich und für die Medienwissenschaft relevant klären konnte.

2. Das Leben des Vilém Flusser

Als Vilém Flusser am 27. November 1991 das Zeitliche ­ das Entropische ­ segnete, betrübte

dies eine ganze Gemeinde von Anhängern. Aber nicht nur die Philosophen waren an diesem

Tag niedergeschlagen, sondern selbst Menschen, die nicht in der philosophischen Substanz

steckten, saßen betrübt auf ihren Barhockern und nippten an ihren leeren Weingläsern.14 Alle,

die Flusser oder auch nur seine Worte kannten, trauerten um den passionierten

Medienphilosophen und holten die schwarze Garderobe aus den Kleiderschränken. Flussers

Popularität rührte dabei wohl am ehesten von zwei Tatsachen: Zum einen war seine

Schreibweise rational einfach und emotional. Zum anderen war seine Denkweise sehr

speziell. Beides verband sich dementsprechend zu einem Konglomerat neuartiger Aspekte in

der Medienphilosophie, die sich bis heute großen Interesses erfreuen. Die apokalyptische

Betrachtung medialer Prozesse war dabei ein Novum in der philosophischen Welt und gerade

das machte vielleicht den Reiz am Werk dieses Autors ein stückweit aus.

Flussers Denken war zweifellos speziell. Um die Spezialität seiner Texte

herauszuschälen, reicht es aber nicht aus, seine Standpunkte in ellenlangen Ausführungen

herzubeten. Vielmehr muss man auch seinen eigenwilligen Lebenslauf betrachten, um seine

Objektwahl und sein Denken zu verstehen. Selbiges soll im Folgenden geschehen:

2.1. Curriculum Vitae

Geboren wurde

,,der genuine Philosoph Brasiliens"

15 am 12. Mai 1920 als Sohn einer

deutsch-jüdischen Familie in Prag. Die goldene Stadt glich in den goldenen Zwanzigern dabei

einem einzigen Nährboden für kreative Köpfe, die wie Pilze aus dem Boden schossen.

Prägend dafür war natürlich das Wirken Franz Kafkas, aber auch das Rainer Maria Rilkes,

welche dem Prag der Zwischenkriegszeit ein ungemein intellektuelles Milieu vererbten. In

ebendiesem Milieu wuchs der junge Vilém Flusser auf und beschäftigte sich mit den

13 Leao, Maria Lília: Vilém Flusser und die Freiheit des Denkens, in: Rapsch, Volker (hrsg.): über flusser ­ die

Fest-Schrift zum 70. von Vilém Flusser, Bollmann Verlag, Düsseldorf 1990, S. 11

14 Klinger, Claudia: Die Krise der Codes, zit. in: www.claudia-klinger.de, Zugriff: 08. März. 2005

15 Leao, Maria Lília: Vilém Flusser und die Freiheit des Denkens, in: Rapsch, Volker (hrsg.): über flusser ­ die

Fest-Schrift zum 70. von Vilém Flusser, Bollmann Verlag, Düsseldorf 1990, S. 11

6


genannten Prager Autoren ­ besonders mit Kafka, der seinen Eltern gut bekannt war. Flusser

selbst nahm ihn persönlich sicherlich kaum wahr, da Kafka bereits 1924 starb. Dennoch war

dessen Denken stark auf das Flussers übergegangen, wobei auch die Freundschaft seiner

Familie mit Kafkas Verleger Max Brod half. Was sich da in Flussers Kopf einbrannte, war

der Mensch, wie Kafka ihn beschrieb, der Mensch als Spielball anderer Kräfte, der Mensch in

seiner Eingeengtheit, der Mensch in seinem Versagen gegenüber allem, was ihm

entgegensteht. Dieses Vermächtnis wirkte stark auf Flusser ­ er selber notierte dies in einer

autobiographischen Schrift von 196916 ­ und hinterließ tiefe Spuren in seinen Denkstrukturen.

Bald aber begann der Nährboden, auf dem sich Flussers Geist entwickelte, abrupt zu

verrotten. Zunächst annektierten die Nationalsozialisten 1938 auf Grundlage des Münchner

Abkommens das Sudetenland, was neben der schon zuvor geschehenen

,,Heimholung"

Österreichs zu tiefer Depression in der Moldaumetropole führte. Kurz darauf wurden die

Zugeständnisse, welche die Westmächte Nazideutschland machten, eigenhändig erweitert und

so wehten bereits 1939 die Hakenkreuzfahnen in den Prager Gassen. Für Flusser, der Jude

war und dessen Vater dazu noch der sozialistischen Fraktion im

,,Poslanecká snmovna"

angehörte, war die Lage prekär, um nicht zu sagen lebensbedrohlich. Tagtäglich musste er mit

der Deportation durch die Gestapo rechnen. Mit Hilfe seines Schwiegervaters begab er sich

also zunächst über den Ärmelkanal nach London, wo er versuchte, sein Philosophiestudium,

was er in Prag nach knapp einem Semester abbrechen musste, fortzusetzen.

Die Nähe zum

,,Kontinent"

war ihm dennoch zu heikel und so begab er sich mit seiner

Angetrauten Edith auf

,,eine Fahrt durch den gähnenden atlantischen Raum, bei der die Zeit

stillsteht."

17 Nicht aber die USA waren das Ziel der Flussers. Anstatt sich zusammen mit

vielen anderen europäischen Emigranten im

,,Land der unbegrenzten Möglichkeiten"

niederzulassen, trieben sie die

,,Wellen der Sinnlosigkeit, Strandgut gleich, an die

brasilianische Küste"

18, wo Vilém Flusser in São Paulo zunächst als Geschäftsführer

verschiedener Firmen fungierte. Zu dieser Zeit reiste er sehr viel und lernte Land und Leute

vom Amazonas bis zur Copacabana kennen. Dennoch war ihm dieser Job zuwider und er

beschäftigte sich enthusiastischer mit der Philosophie. Bis tief in die Nacht (In diesem Punkt

glich er Franz Kafka vollends) schrieb er seine Gedanken, dem Marxschen Motto:

,,...nach

dem Essen zu kritisieren"

19 entsprechend, nieder. Nacht für Nacht beugte er sich so über seine

Schreibmaschine, von der Friedrich Nietzsche einst sagte, dass sie mit an unseren Gedanken

16 Flusser, Vilém: Auf der Suche nach Bedeutung, in: Tendenz der aktuellen Philosophie in Brasilien in

Selbstbildnissen, Verlag Edicoes Loyola, São Paulo 1975

17 Flusser, Vilém: Bodenlos: eine philosophische Autobiographie, Bollmann Verlag, Düsseldorf 1992, S. 39

18 Ebd.

19 Marx, Karl und Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie, in: dies., Werke, Bd. 3, Berlin (Ost) 1978, S. 33

7


schreibe20 und das machte Flusser auch oft zum Thema ­ selbst wenn er diese These, wonach

­ um es in McLuhans Worte zu fassen ­ das Medium die Botschaft sei, eher ablehnte.21

Die unzähligen Texte, die Vilém Flusser zu dieser Zeit produzierte, erfuhren jedoch

nur ein geringes Echo von den einheimischen Verlagen. In seiner Verzweiflung schrieb er

seinem Cousin David:

,,Du musst nämlich wissen, daß ich wie fieberhaft einherschreibe, von

einem daimon gehetzt, in der Hoffnung, das unerträgliche Chaos, das die Welt ist, von der

Leber zu schreiben. Scribere necesse est, vivere non est. Und bisher hat niemand, der mir

maßgebend wäre, etwas von diesem Geschreibsel lesen wollen, so daß ich keinen Maßstab

habe für meine uferlose Schreibsucht."

22 Irgendwann stellten sich aber doch die ersten

Erfolge ein. Als der gebürtige Prager nämlich gelernt hatte, sich in der brasilianischen Kultur

und in der portugiesischen Sprache zurechtzufinden, wurden seine Schriften weitaus

engagierter und weniger abkapselnd. Flusser, der so gerne

,,das Prager Deutsch der Sprache

Kafkas"

23 sprach, schrieb nun in einer anderen Sprache und wurde erst jetzt von der

,,scientific society"

akzeptiert. Erstmals publizierte Flusser seine Essays ­ er liebte wie Kafka

die kurzen Textformen ­ 1961 in der Zeitung

,,Estado de São Paulo"

, wo er bald ständiger

Mitarbeiter wurde. Durch das 1963 veröffentlichte Buch

,,Lingua e Realidade"

erlangte

Vilém Flusser nach dem Prinzip

,,notorio saber"

Akzession zum Lehrkörper der Universität

und feierte als Professor für Kommunikationstheorie an der Fakultät für Kommunikation und

,,Humanidades"

in São Paulo sein Comeback auf der akademischen Bühne.

Das Glück im größten Staat Südamerikas dauerte lange, aber es konnte nicht ewig

dauern. Der von den USA inszenierte Putsch von 1964, welcher den gewählten Präsidenten

Joao Goulart zu Fall brachte und damit 15 Jahre Terror, Folter und Mord durch eine autoritäre

Militärregierung nach sich zog24, engte Flusser mit der Zeit immens ein.

,,Ich [...] stoße

überall gegen die Zensur. [...] Außerdem spüre ich überall die Grenzen einer geistigen Arbeit

in Unterentwicklung"

25, schrieb er 1973 an seinen Cousin. Der Philosoph, der einst

,,von den

Furien der Ereignisse nach Brasilien getrieben wurde"

26, verlies das Land Anfang der 1970er

20 Vgl. Nietzsche, Friedrich: Brief an Peter Gast, Februar 1882, in: Kittler, Friedrich: Unter dem Diktat der Zeit

in: Rapsch, Volker (hrsg.): über flusser ­ die Fest-Schrift zum 70. von Vilém Flusser, Bollmann Verlag,

Düsseldorf 1990, S. 11

21 Vgl. Flusser, Vilém: Vorlesungen zur Kommunikologie, in: ders.: Kommunikologie, Fischer Taschenbuch

Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 329

22 Flusser, Vilém, zit. in: ders.: Medienkultur (Vorwort von Stefan Bollmann), Fischer Taschenbuch Verlag,

Frankfurt am Main 2002, S. 13

23 Roller, Nils (hrsg.): absolute Vilém Flusser, orange-press, 2003, S. 25

24 Vgl. Moore, Michael: Volle Deckung Mr. Bush, Piper Verlag, München 2004, S. 91

25 Flusser, Vilém, zit. in: ders.: Medienkultur (Vorwort von Stefan Bollmann), Fischer Taschenbuchverlag,

Frankfurt am Main 2002, S. 15

26 Flusser, Vilém: Auf der Suche nach Bedeutung, in: Tendenzen der aktuellen Philosophie in Brasilien in

Selbstbildnissen, Verlag Edicoes Loyola, São Paulo 1975

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