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"Obamessiah" - Die Relevanz zivilreligiöser Terminologie in den Reden von Barack Obama für seine Inszenierung als politische Erlöserfigur

Termpaper, 2008, 47 Pages
Author: Sarah Triendl
Subject: Theology - Miscellaneous

Details

Category: Termpaper
Year: 2008
Pages: 47
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V112521
ISBN (E-book): 978-3-640-10850-3
ISBN (Book): 978-3-640-11004-9
File size: 393 KB
Notes :
14 Einträge im Literaturverzeichnis, davon 8 Internetquellen.


Abstract

(...) Während seiner Rede nach der verlorenen Vorwahl in New Hamphire prägte Obama den Mantra-artigen Mottovers „Yes we can“, der von einer spanischen Arbeiterbewegung der frühen achtziger Jahre („İSi, Se Puede!“) übernommen wurde und der alle Zweifel am charismatisch-revolutionären Potenzial seiner Kandidatur ausräumen sollte. Viele weitere Gelegenheiten, rhetorisch in Erscheinung zu treten, wurden bisher gezielt genutzt und die Reden mit einer deutlich theologischen Terminologie angereichert. Obama selbst erklärte den Wählern in Iowa, wie seine Reden prinzipiell funktionierten: “At the end or maybe somewhere in the middle a shaft of light comes through and hits you and you experience an epiphany: I have to vote for Barack” . Die Erscheinung oder Offenbarung, die durch Obamas Vorträge ausgelöst werden soll, integriert sich geschickt in ein Gefüge von Kommunikationsstrukturen, das die symbolische Konstruktion einer moralisch harmonischen sozialen und nationalen Einheit, sowie generalisierter Sinnangebote zum Ziel hat. Seit der Bekanntgabe seiner Kandidatur arbeiten Barack Obama und seine Wahlkampfberater fleißig an der Darstellung des Hoffnungsträgers Obama, der in seiner Biographie den wahrgewordenen American Dream verkörpert und im Rennen um die Präsidentschaft angetreten ist, um change herbeizuführen; ein neues, ein besseres Amerika; ein gerechtes und starkes Amerika, in dem jeder Einzelne Rang und Namen hat; eine Supermacht, die in der Welt wieder Rang und Namen hat; ein Amerika ganz im Sinne der Gründerväter. Die Zusammenschau all dieser komplexen Stilisierungen und Konstruktionen wird in der Forschung als Civil Religion bezeichnet, als die Theorie, dass ein Gemeinwesen auf eine Art und Weise begründet und verehrt wird, wie es sonst für Religionen oder religiöse Systeme üblich ist. Offensichtlich ist: vor allem „der amerikanische Patriotismus (…) ähnelt einer Religion“ . Um im Hauptteil der vorliegenden Arbeit ausgewählte Reden von Barack Obama in Teilen auf ihr zivilreligiöses Potenzial hin analysieren und auswerten zu können, soll zunächst eine Begriffsklärung Aufschluss über die Civil Religion Theorie und ihre Tragweite geben.


Excerpt (computer-generated)

Universität Augsburg

Lehrstuhl für Systematische Theologie / Ethik der Textkulturen

Proseminar: Civil Religion als Identitätsmerkmal der USA

WS 2007 / 2008

,,Obamessiah" ­ Die Relevanz zivilreligiöser Terminologie in den Reden von

Barack Obama für seine Inszenierung als politische Erlöserfigur

Sarah Triendl


2

Inhaltsverzeichnis

Einführung in die ,,Obamamania" 3

Was ist ,,Civil Religion"? 4

Zivilreligiöse Motive in den Reden von Barack Obama 8

The Great Need of the Hour: ,,Union" und ,,Unity" als bedeutende Schlagwörter 8

Der Glaube an und das Bekenntnis zu Amerika und seiner herausragenden Stellung in der Welt ... 10

Barack Obama als Verkörperung des ,,American Dream" 14

Der Opfergedanke ­ Notwendigkeit von Entbehrung und Anstrengung 15

Ausblick 17

Quellenverzeichnis 19

Bilder 19

Literatur 19

Websites 19

Anhang 20

Transkribierte Redentexte 20


3

Einführung in die ,,Obamamania"

Das deutsche Politmagazin ,,Spiegel" gab seiner Ausgabe über ,,

Barack Obama und die

Sehnsucht nach einem neuen Amerika

" im Februar 2008 den Titel ,,

Der Messias-Faktor

". Ein

Chicagoer Kunststudent veröffentlichte kurz vor der Karwoche 2008 seine Statue aus

Pappmaché, mit Heiligenschein, typisch jesuanischem Gewand und einer erstaunlichen

Ähnlichkeit mit dem Senator aus Illinois. Motivation für das vielkritisierte Kunstwerk sei ,,

the

idea that Barack is sort of a potential savior that might come and absolve the country of all its

sins

"1.

Den Unterstützern von Barack Obama und seiner charismatischen Wahlkampagne genügt der

bloße Vergleich mit dem Messias schon lange nicht mehr. Websites wie

www.obamamessiah.blogspot.com und zahlreiche andere Blogs diskutieren die Fragen ,,

Is

Obama the Messiah

?" oder ,,

Is Barack Obama (...) the second coming of our Savior and our

Redeemer, Prince of Peace and King of Kings, Jesus Christ

?"2. Im Rahmen einer politischen

Großveranstaltung in Austin, Texas, die vielfach mit einer ,,pilgrimage", einer Pilgerreise

verglichen wurde, spielte eine Band ,,Obama-lujah". Der Baptistenprediger Rev. Jesse

Jackson, der sich 1984 als erster Afroamerikaner um die amerikanische Präsidentschaft

bewarb, äußerte sich wie folgt zu Obamas Wahlkampfstil:

"

He′s running a theological campaign (...) At some point, he took off his arms and grew

wings

"3.

Bereits der Titel seines Wahlkampfes gibt Grund genug zur Annahme, dass Vorstellungen

wie die hier genannten nicht zufällig in den Köpfen verzückter Obama-Anhänger entstanden

sind. Auf der offiziellen Website prangt allerorten der Slogan ,,

Change we can believe in

",

sowie die Schlagwörter ,,

hope

" und ,,

unity

".

Während seiner Rede nach der verlorenen Vorwahl in New Hamphire prägte Obama den

Mantra-artigen Mottovers ,,

Yes we can

", der von einer spanischen Arbeiterbewegung der

frühen achtziger Jahre (,,øSi, Se Puede!") übernommen wurde und der alle Zweifel am

charismatisch-revolutionären Potenzial seiner Kandidatur ausräumen sollte.

1ã ää æ trry rv rt trryrvrtrssv{äá

rtärvätrrzä

2ää tswzwyzâs{äruätrrzä

3ää äë± trrzrt trrzrtt{äâs{äruätrrzä


4

Viele weitere Gelegenheiten, rhetorisch in Erscheinung zu treten, wurden bisher gezielt

genutzt und die Reden mit einer deutlich theologischen Terminologie angereichert. Obama

selbst erklärte den Wählern in Iowa, wie seine Reden prinzipiell funktionierten:

"

At the end or maybe somewhere in the middle a shaft of light comes through and hits you

and you experience an epiphany: I have to vote for Barack

"4.

Die Erscheinung oder Offenbarung, die durch Obamas Vorträge ausgelöst werden soll,

integriert sich geschickt in ein Gefüge von Kommunikationsstrukturen, das die symbolische

Konstruktion einer moralisch harmonischen sozialen und nationalen Einheit, sowie

generalisierter Sinnangebote zum Ziel hat. Seit der Bekanntgabe seiner Kandidatur arbeiten

Barack Obama und seine Wahlkampfberater fleißig an der Darstellung des Hoffnungsträgers

Obama, der in seiner Biographie den wahrgewordenen

American Dream

verkörpert und im

Rennen um die Präsidentschaft angetreten ist, um

change

herbeizuführen; ein neues, ein

besseres Amerika; ein gerechtes und starkes Amerika, in dem jeder Einzelne Rang und

Namen hat; eine Supermacht, die in der Welt wieder Rang und Namen hat; ein Amerika ganz

im Sinne der Gründerväter. Die Zusammenschau all dieser komplexen Stilisierungen und

Konstruktionen wird in der Forschung als Civil Religion bezeichnet, als die Theorie, dass ein

Gemeinwesen auf eine Art und Weise begründet und verehrt wird, wie es sonst für Religionen

oder religiöse Systeme üblich ist. Offensichtlich ist: vor allem ,,

der amerikanische

Patriotismus (...) ähnelt einer Religion

"5.

Um im Hauptteil der vorliegenden Arbeit ausgewählte Reden von Barack Obama in Teilen

auf ihr zivilreligiöses Potenzial hin analysieren und auswerten zu können, soll zunächst eine

Begriffsklärung Aufschluss über die Civil Religion Theorie und ihre Tragweite geben.

Was ist ,,Civil Religion"?

In seiner gesellschaftsphilosophischen Abhandlung ,,Du Contract Social" konzipiert Jean-

Jaques Rousseau 1762 ein bürgerliches Glaubensbekenntnis, das ein Minimum an religiösen

Glaubenssätzen voraussetzt, die eine Gesellschaft zusammenhalten sollen. Eine solche

,,réligion civile" müsse Rousseau zufolge jeder Staat etablieren und für alle Bürger

verpflichtend machen, um erfolgreich zu existieren.

4äääâs{äruätrrzä

5átrrsâäsvrä


5

,,

Denn ohne eine durch Zwangsmaßnahmen flankierte Zivilreligion schien ihm die

Unantastbarkeit und Unbedingtheit, m.a.W. die Heiligkeit des Gesellschaftsvertrages

gefährdet

"6.

Über 200 Jahre später bezieht sich der amerikanische Soziologe Robert N. Bellah in seiner

Publikation ,,Civil Religion In America" (1967) auf Rousseaus Theorie und bringt somit den

Begriff der ,,Civil Religion" erneut in die weltweite öffentliche Debatte. Er geht dabei davon

aus, dass auch moderne Verfassungsstaaten auf religiöse Legitimation angewiesen sind.

Bellah frägt angeregt durch seinen Lehrer Talcott Parson nach den Sinn- und

Motivationskräften sozialen Handelns sowie nach den normativen Bedingungen sozialer

Ordnung. Das Ergebnis:

,,

Eine gesellschaftliche Ordnung entsteht nicht von selbst, sie wird symbolisch konstruiert. Je

mehr sich eine Gesellschaft ausdifferenziert, umso prekärer und gefährdeter ist ihre

Stabilität. Je rapider der soziale Wandel, umso nötiger sind generalisierte Sinnangebote

"7.

Bei dem von Bellah vorgeschlagenen Konzept handelt es sich nicht um eine reelle

Konfession, sondern um ein religionstheoretisches Postulat, um ein konstruiertes und

konstituiertes, bindendes Bekenntnis zu einem Gemeinwesen, das sich von bestimmten

,,

Gewissheiten und Überzeugungen von seinem Ursprung, seiner Verfassung und seiner

Bestimmung

" leiten lässt. Oder anders formuliert: Die Theorie einer ,,Civil Religion", im

Folgenden Zivilreligion genannt, ,,

fragt nach den Konturen und dem Einfluss jenes

Sinnhorizontes, vor dem sowohl die Bürgerinnen und Bürger wie auch die politischen

Institutionen ihr öffentlich-politisches Handeln begründen und rechtfertigen

"8.

Sie ,,

unterscheidet sich von anderen Religionen dadurch, dass sie zivil (d.h. nicht klerikal,

also unabhängig von den Kirchen) und dass sie zivilgesellschaftlich (d.h. nicht als von den

Machthabern instrumentalisierte politische Religion oder politische Theologie) verfasst ist.

Sie ist den Bürgerinnen und Bürgern ein Anliegen und kommt als Forderung an die

Glaubwürdigkeit des Gemeinwesens wie auch als Verpflichtung zur Loyalität gleichermaßen

zum Ausdruck

"9.

6 átrrsâäuzä

7Ebd.

8Ebd.

9Ebd.


6

Bellah verbindet Max Webers Ansicht, dass ohne Sinn kein soziales Handeln möglich sei mit

Emile Durkheims Axiom, dass eine Gesellschaft keine materiale, sondern eine moralische

Entität sei und entwickelt daraus seine eigene These:

Jede Gesellschaft brauche eine moralisch ideale, symbolische Vorstellung von sich selbst, um

handlungsfähig zu sein. Bellah versteht unter Zivilreligion

,,ein Gefüge von

Glaubensaussagen, Symbolen und Ritualen, das jenseits kirchlicher Kontrolle in die

politische Kultur eines Gemeinwesens integriert ist. Dazu gehören die Verwendung religiöser

Semantik in Verfassungstexten und öffentlichen Reden ebenso wie die staatlichen Feiertage

und die Gestaltung von nationalen Gedenkstätten

"10.

Zivilreligion wirkt demnach legitimierend, sinnstiftend und gemeinschaftsfördernd. Die

Bevölkerung wird mit Werten und Grundhaltungen vertraut gemacht. Das System der

Zivilreligion soll möglichst umfassend sein und von möglichst vielen Menschen akzeptiert

werden.

Zwar existiert die Zivilreligion in Amerika neben den positiven religiösen Institutionen und

ist nicht mit dem Christentum gleichzusetzen, dies macht Bellah unmissverständlich deutlich,

doch legitimieren sich ihre Akteure immer wieder durch einen Gottesbezug. Die Motive, die

dafür herangezogen werden, stammen dabei meist aus dem Kontext des Christentums.

Später wirbt Bellah im Zuge seiner aggressiven Liberalismuskritik für das zivilreligiöse

Modell und seine Anwendung, da er es als ,,

Quelle politischer Moral

" betrachtet und in ihm

die einzige Möglichkeit sieht, der ,,

selbstzerstörerischen Kraft

" von Liberalismus und

Utilitarismus entgegenzuwirken11.

,,

Bellah wollte mit seiner Wortschöpfung civil religion nicht allein auf die oft übersehene

religiöse Dimension der politischen Kultur aufmerksam machen, es ging ihm auch darum, die

gesellschaftliche Notwendigkeit politischer Moral zu unterstreichen(...)Denn moralisches

Handeln brauche eine Vision von einer gerechten, freien und sozialen Gesellschaft

"12.

Durchaus kritischer als Bellah äußert sich später Rolf Schieder in seinem Aufsatz ,,Civil

Religion ­ Die Religiöse Dimension Der Politischen Kultur" (1987). Er vermutet

zivilreligiöses Potenzial in denjenigen Bereichen der politischen Kultur, in denen es um Sinn-

und Letztbegründungsfragen geht.

10 átrrsâäu{ä

11 átrrsâävrä

12Ebd.


7

Der Sinnfrage könne in modernen Verfassungsstaaten nicht allein mit kognitiven

Überzeugungen und Theorien begegnet werden. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielten

auch die religiös aufgeladenen Selbstverständlichkeiten der politischen Kultur, die zum

Beispiel in unhinterfragten Symbolen und Riten zum Ausdruck kämen.

Schieder nähert sich dem Begriff Zivilreligion zunächst durch eine Klärung des Begriffs

Religion an sich. Dies seien ,,

alle Versuche des Menschen, in der möglichen Sinnlosigkeit des

Weltgeschehens Sinn zu finden

", bzw. das Bemühen, einen solchen Sinn zu konstruieren13.

Folgerichtig könne man von Zivilreligion sprechen, ,,

wenn Staatsbürger versuchen, im

Hinblick auf das Gemeinwesen, in dem sie leben, Sinn zu finden. Oder abstrakter formuliert:

Civil Religion sind alle Versuche, den Sinnhorizont eines Gemeinwesens zu konstruieren

"14.

Besonders auffällig an Schieders Beitrag zur Debatte erscheint sein beharrliches Insistieren

auf dem theoretischen Status der Zivilreligion. Einen unkritischen Umgang mit dieser Theorie

und eine Aufhebung der Unterscheidung zwischen Programm und Theorie hält er für äußerst

gefährlich und gibt an ,,

dass nur eine Theorie aufklärend und bewusstseinsfördernd, also

kritisch, sein kann

"15.

Die Kritikwürdigkeit des Begriffes ,,Civil Religion" drückt sich vor allem auch dadurch aus,

dass Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen sich seit seinem Aufkommen darum

bemühen, die Essenz aller Überlegungen über dieses Konstrukt sinnvoller zu benennen.

Neben Vorschlägen wie ,,Common Faith", ,,Democratic Faith", ,,The American Way" oder

,,American Shinto", ist vor allem eine Kreation von Robert N. Bellah selbst herausragend, der

auf Grund der heftigen Kritik am gewagten Begriff ,,Civil Religion" sein Konzept später in

,,Public Philosophy" umbenannte.

Da sich aber der Begriff Zivilreligion in Fachkreisen durchgesetzt hat, werde ich ihn, wenn

auch kritisch, in dieser Arbeit verwenden und zwar untergliedert in diejenigen seiner

maßgeblichen Erscheinungsformen, die in der Kampagne von Barack Obama von größter

Bedeutung sind.

Durch den systematischen Einsatz von bestimmten Motiven, Symbolen oder allgemein

bekannten Mythen, die ich im Folgenden exakter darstellen möchte, werden Obamas Hörer

13


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