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Inszenierungen des Bösen in phantastischer Kinder- und Jugendliteratur

Examination Thesis, 2008, 118 Pages
Author: Sarah Müller
Subject: German - Miscellaneous

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2008
Pages: 118
Grade: 3
Bibliography: ~ 95  Entries
Language: German
Archive No.: V112625
ISBN (E-book): 978-3-640-13189-1
ISBN (Book): 978-3-640-13443-4
File size: 496 KB

Abstract

Phantastische Literatur hat am Beginn des 21. Jahrhundert Konjunktur. Die große Nachfrage wird mit zahlreichen Werken für gehobene Ansprüche bis hin zur Trivialliteratur bedient. Romane, ja ganze Zyklen und Serien spielen in phantastischen Welten und begeistern Groß und Klein. Die Stadt Wetzlar kann sich sogar rühmen, eine eigene Bibliothek ausschließlich der Phantastik zu widmen. Gerade Joanne K. Rowlings Harry Potter-Zyklus (engl. 1997 – 2007) hat als mehrfach-adressierte Literatur einen regelrechten (Lese-) Boom ausgelöst: „Kein Werk aus der Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur war seit dem Zweiten Weltkrieg [auch bei den erwachsenen Lesern] annähernd so erfolgreich.“ (Kaulen 2003, S. 36). Im Zeitalter der Technik tragen nicht nur Bücher zum großen Erfolg der phantastischen Literatur bei. Auch die Medien haben Konjunktur und Verfilmungen von J.R.R. Tolkiens Fantasy-Klassiker Der Herr der Ringe, George Lucas’ Stars Wars-Reihe oder dem Harry Potter-Zyklus ließen und lassen weltweit Millionen von Zuschauern in die Kinos strömen. Phantastische Kinder- und Jugendliteratur gibt es jedoch nicht erst seit dem 20. Jahrhundert. Sie blickt auf eine lange Tradition zurück. 1811/1812 erschien der erste Band der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen, deren „wunderbare Geschichten“ als Kinderliteratur angesehen wurden. Die Brüder Grimm äußerten Bedenken, „die Märchen nur als Kinderlektüre anzusehen“ (Kaminski 1998, S. 91). Sie bereinigten die Märchen von „für das Kinderalter nicht passenden Aus[drücken]“ (Grimm in: Rölleke 2007, S. 14) und präsentierten die Märchen kindgerecht. E.T.A. Hoffmanns Wirklichkeitsmärchen Nussknacker und Mausekönig (1816) und Das fremde Kind (1817) gehörten ebenfalls zur intentionalen Kinderliteratur . Hoffmanns Wirklichkeitsmärchen wurden jedoch eskapistische Tendenzen vorgeworfen wurden und er fand in Frankreich weit mehr Beachtung als in der deutschen Heimat. Das bestätigt auch Haas (2000, S. 331).


Excerpt (computer-generated)

Wissenschaftliche Hausarbeit

für das Lehramt an Gymnasien

eingereicht dem Amt für Lehrerbildung

Thema:
Inszenierungen des Bösen in
phantastischer Kinder- und
Jugendliteratur

Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Fachbereich 10
Institut für Jugendbuchforschung

 


2

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis  5
Einleitung  6
I. Definition und Abgrenzung phantastischer Kinder- und Jugendliteratur  10
1. Zur Definition phantastischer Literatur  10
1.1. Minimalistische Definition: Tzvetan Todorov 12
1.2. Theorien von Louis Vax und Roger Caillois 15
1.3. Maximalistische Definition: Gerhard Haas 16
2. Zur Definition phantastischer Kinder- und Jugendliteratur  19
2.1. Die frühe Forschung: Anna Krüger, Ruth Koch und Göte Klingberg 19
2.2. Theorie der Dreiteilung der sekundären Welt: Maria Nikolajeva 22
2.3. Forschungsergebnisse zur Phantastikdefinition der 1990er Jahre 23
2.4. Neueste Forschungsergebnisse 25
2.5. Abgrenzungsversuch der Begriffe nach Kaulen 26
3. Abgrenzung der phantastischen Literatur zu benachbarten Genres  28
3.1. Abgrenzung vom Märchen 28
3.2. Abgrenzung von Fantasy 29
3.3. Abgrenzung von Science Fiction 31
3.4. Abgrenzung von (Anti-)Utopie 32

 


3

4. Themen und Motive der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur  33
4.1. Phantastische Reisen 34
4.2. Die phantastische Schwelle 34
4.3. Das fremde Kind 35
4.4. Hexen und Zauberer 35
4.5. Der Kampf zwischen Gut und Böse 35
5. Funktionen der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur  36
II. Das Böse  39
1. Was ist das Böse? ­ Ein Definitionsversuch  39
2. Warum gibt es das Böse? ­ Die Dichotomie von Gut und Böse  41
3. Streiten um das Böse ­ Das Problem der Theodizee  43
4. Das Böse als Triebfeder des Fortschritts  46
5. Heiligt der Zweck alle Mittel?  48
6. Die Selbstverteidigung der Menschheit  49
7. Der Kampf gegen die ohnmächtige Verzweiflung  50
8. Die Figur des Teufels  51
9. Die Faszination des Bösen  56
III. Inszenierungen des Bösen in phantastischer Kinder- und Jugendliteratur  59
1. Astrid Lindgren: Mio, mein Mio  60
1.1. Das Land Außerhalb ­ Die Welt der Dunkelheit 60
1.2. Ritter Kato ­ Personifikation des Bösen 62

 


4

2. Astrid Lindgren: Die Brüder Löwenherz  65
2.1. Das Land Karmanjaka 66
2.2. Tengil, der Tyrann 67
3. James Krüss: Timm Thaler 71
4. Otfried Preußler: Krabat  76
4.1. Das Leben auf der Mühle 78
4.2. Figuren des Bösen: Der Müller und der Gevatter 80
4.3. Die Funktion der Träume 83
4.4. Christliche Motive 84
5. Michael Ende: Momo  86
5.1. Die grauen Herren ­ Diebe der Zeit 87
5.2. Gesellschafts- und Zivilisationskritik in Momo 91
6. Joanne K. Rowling: Harry Potter  94
6.1. Lord Voldemort 95
6.2. Die Todesser 102
6.3. Die Dementoren 105
6.4. Ambivalenz der Figuren 107
7. Inszenierungen des Bösen in phantastischer Kinder- und Jugendliteratur ­ eine Zusammenfassung  108
IV. Ausblick  111
Literaturverzeichnis  112

 


5

Abkürzungsverzeichnis

(HP1) Rowling, Joanne K.: Harry Potter und der Stein der Weisen.
(HP2) Rowling, Joanne K.: Harry Potter und die Kammer des Schreckens.
(HP3) Rowling, Joanne K.: Harry Potter und der Gefangene von Askaban.
(HP4) Rowling, Joanne K.: Harry Potter und der Feuerkelch.
(HP5) Rowling, Joanne K.: Harry Potter und der Orden des Phönix.
(HP6) Rowling, Joanne K.: Harry Potter und der Halbblutprinz.
(HP7) Rowling, Joanne K.: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes.
(Kra) Preußler, Otfried: Krabat.
(Löw) Lindgren, Astrid: Die Brüder Löwenherz.
(Mio) Lindgren, Astrid: Mio, mein Mio.
(Mom) Ende, Michael: Momo.
(Tim) Krüss, James: Timm Thaler.

 


6

Einleitung
Phantastische Literatur hat am Beginn des 21. Jahrhundert Konjunktur. Die große Nachfrage wird mit zahlreichen Werken für gehobene Ansprüche bis hin zur Trivialliteratur bedient. Romane, ja ganze Zyklen und Serien spielen in phantastischen Welten und begeistern Groß und Klein. Die Stadt Wetzlar kann sich sogar rühmen, eine eigene Bibliothek ausschließlich der Phantastik zu widmen. Gerade Joanne K. Rowlings Harry Potter-Zyklus (engl. 1997 ­ 2007) hat als mehrfach-adressierte Literatur1 einen regelrechten (Lese-) Boom ausgelöst: ,,Kein Werk aus der Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur war seit dem Zweiten Weltkrieg [auch bei den erwachsenen Lesern] annähernd so erfolgreich." (Kaulen 2003, S. 36). Im Zeitalter der Technik tragen nicht nur Bücher zum großen Erfolg der phantastischen Literatur bei. Auch die Medien haben Konjunktur und Verfilmungen von J.R.R. Tolkiens Fantasy-Klassiker Der Herr der Ringe, George Lucas′ Stars Wars-Reihe oder dem Harry Potter-Zyklus ließen und lassen weltweit Millionen von Zuschauern in die Kinos strömen.
Phantastische Kinder- und Jugendliteratur gibt es jedoch nicht erst seit dem 20. Jahrhundert. Sie blickt auf eine lange Tradition zurück. 1811/1812 erschien der erste Band der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen, deren ,,wunderbare Ge-schichten" als Kinderliteratur angesehen wurden. Die Brüder Grimm äußerten Bedenken, ,,die Märchen nur als Kinderlektüre anzusehen" (Kaminski 1998, S. 91). Sie bereinigten die Märchen von ,,für das Kinderalter nicht passenden Aus[drücken]" (Grimm in: Rölleke 2007, S. 14) und präsentierten die Märchen kindgerecht. E.T.A. Hoffmanns Wirklichkeitsmärchen Nussknacker und Mause-könig (1816) und Das fremde Kind (1817) gehörten ebenfalls zur intentionalen Kinderliteratur2. Hoffmanns Wirklichkeitsmärchen wurden jedoch eskapistische Tendenzen vorgeworfen wurden und er fand in Frankreich weit mehr Beachtung als in der deutschen Heimat. Das bestätigt auch Haas (2000, S. 331). Die Anfänge der phantastischen Literatur im deutschsprachigen Raum waren durch Hoffmann zwar vielversprechend, doch Haas (2000, S. 331) konstatiert ,,nur schwer erklärbare

1 Unter mehrfach-adressierter Literatur versteht man Literatur, die nach Ewers (2000a, S. 28) sowohl an Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene adressiert ist.
2 Unter intentionaler Kinder- und Jugendliteratur versteht man Literatur, die Kinder und Jugendliche nach Ewers (2000a, S. 17f.) aus Sicht von Literaturvermittlern lesen sollen.

 


7

 Brüche und Verdrängungserscheinungen" der Entwicklung der phantastischen Literatur in Deutschland.
Im Gegensatz dazu können Skandinavien und der angelsächsische Raum auf eine kontinuierlichere Tradition zurückblicken, denn ,,[d]ie etablierteste Tradition phantastischen Erzählens war in Großbritannien entstanden" (Kaminski 1998, S. 94). Die ,,Brüche" der deutschen Phantastiktradition hängen laut Kaminski
damit zusammen, dass hier die Kinderliteratur traditionell mit der Pädagogik parallelisiert wird. Anders in England, dort war die Phantastische Literatur in erster Linie ein reizvolles literarisches Spiel mit dem Möglichen und Unmöglichen. (Kaminski 1998, S. 94)
Diese Tendenz ändert sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als 1949 aus Schweden Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf importiert wird. Zwar wird das Buch damals nicht als Kinderlektüre, sondern ausschließlich als Jugendbuch3 angesehen und sollte Kindern und Jugendlichen unter vierzehn Jahren vorenthalten werden. Der Grundstein des Wiedereinzugs der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland war jedoch gelegt. Die Rezeption Pippi Langstrumpfs ,,ermöglichte eine (verspätete) Rezeption vieler Werke der klassischen englischen kinderliterarischen Phantastik" (O′Sullivan 2003, S. 2) und eine Tradition, ,,die ihren Anfang, aber keine unmittelbare Fortsetzung" (O′Sullivan 2003, S. 2) im deutschsprachigen Raum hatte, gelangte wieder nach Deutschland.
In den 1950er/1960er Jahren sind es deutsche Autoren wie Otfried Preußler (Die kleine Hexe, 1957) und James Krüss (Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen, 1962) die in Lindgrens Fußstapfen treten. In den 1970er Jahren gibt es eine erste Fantasy-Welle, die von der Publikation Tolkiens Der Herr der Ringe (engl 1954 ­ 1955), mit fünfzehnjähriger Verspätung (1969/1970) gegenüber der englischen Originalausgabe, ausgelöst wird. Der deutsche Autor der 1970er Jahre ist Michael Ende, der ,,mit seinen Werken (Momo, 1973; Die unendliche Geschichte, 1979) zeitweise sogar als ein ,deutscher Tolkien′ gefeiert wurde" (Kaulen 2003, S. 31). Doch erst Ende der 1990er Jahre kann der Harry Potter-Zyklus eine zweite fulminante Erfolgswelle der phantastischen Literatur auslösen.

3 Von Kinderliteratur spricht man nach Ewers (2000b, S. 14) bei Werken, die für Kinder bis zum 10./11. Lebensjahr geschrieben wurden, Jugendliteratur richtet sich an 12- bis 14jährige Leser.

 


8

Die Erfolgswelle der phantastischen Literatur in den 1970er Jahren hat zur Folge, dass sich auch die Wissenschaft in zunehmendem Maße mit der Phantastik auseinandersetzt. Zunächst sind es, bis auf wenige Ausnahmen, Beiträge zur Phantastik in der allgemeinen Literatur, die in den fünf von Rein A. Zondergeld herausgegeben Phacon-Bändchen (1974 ­ 1984) veröffentlicht werden und bis heute grundlegend für die Phantastikforschung sind.
Im I. Kapitel der vorliegenden Arbeit werden zunächst die wichtigsten Beiträge zur Phantastikforschung vorgestellt. Besonders hervorzuheben ist die Introduction à la littérature fantastique (dt. Einführung in die fantastische Literatur, 1972) des bulgarischen Literaturtheoretikers Tzvetan Todorov, die im 1. Abschnitt des I. Kapitels vorgestellt wird. Bernhard Rank bemerkt zu Recht, dass man um den Theorieansatz ,,auch dann nicht herum[kommt], wenn man sich ,nur′ um die Kinder [-und Jugend]literatur kümmern möchte" (Rank 2002, S. 104). Der 2. Abschnitt des I. Kapitels gibt einen Überblick der Forschungsergebnisse zur phantastischen Kinder- und Jugendliteratur von der frühen Forschung (Anna Krüger, Ruth Koch, Göte Klingberg) über Gerhard Haas, den bedeutendsten Vertreter der weiten Phantastikdefinition, bis hin zu den Beiträgen der 1980/1990er Jahre (Maria Nikolajeva und Carsten Gansel) und den neuesten Forschungsergebnissen von Birgit Patzelt. Im 3. und 4. Abschnitt werden zum einen die phantastische Kinder- und Jugendliteratur von benachbarten Genres wie Märchen, Fantasy, Science Fiction und (Anti-) Utopie abgegrenzt, zum anderen wichtige Themen und Motive der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur dargestellt.
Eines der zentralen Themen der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur ist der Kampf zwischen Gut und Böse. Die ethischen Motive von Gut und Böse stehen in Opposition zueinander und so weiß wie das eine, so schwarz wird oft das andere inszeniert. In der vorliegenden Arbeit soll vor allem der Frage nachgegangen werden, wie das Böse in der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur inszeniert wird. Die zu analysierenden Werke sind einem Zeitraum von etwa 50 Jahren entnommen, sodass nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch Unterschiede in den Inszenierungen dargestellt werden können.

 


9

Das II. Kapitel befasst sich mit der Darstellung des Bösen. Ausgehend vom Guten wird im 1. Abschnitt ein Definitionsversuch unternommen. Der 2. Abschnitt geht der Frage nach, warum das Böse existiert. Im 3. Abschnitt das Problem der Theodizee angesprochen, der Rechtfertigung Gottes. Es stellt sich die Frage, wie die Existenz des Bösen mit der Gerechtigkeit und Güte Gottes vereinbar ist. Der 4. Abschnitt stellt Kants Theorie ,,Das Böse als Triebfeder des Fortschritts" vor, während der 5. Abschnitt der Auffassung, dass der Zweck alle Mittel heiligt, widerspricht. Die Abschnitte 6 und 7 stellen die Ohnmacht der Menschheit angesichts der Übermacht des Bösen dar und führen zu dem Schluss, dass Nächstenliebe das einzige Mittel im Kampf gegen das Böse ist. Schließlich wird im 8. Abschnitt auf die Figur des Teufels und dessen Helfershelfer eingegangen, denn als Hauptdarsteller des Bösen darf er in einer Darstellung des Bösen nicht fehlen. Obwohl das Böse ,,schlecht" und ,,falsch" ist, so scheint es die Menschen dennoch zu faszinieren. Auf diese Faszination geht der 9. Abschnitt ein.
Das III. Kapitel setzt sich im Wesentlichen aus Einzelanalysen der Werke phantastischer Kinder- und Jugendliteratur zusammen, in denen das Böse in Opposition zum Guten dargestellt wird. Die Figuren des Bösen und gegebenenfalls die mit dem Bösen assoziierten Orte werden analysiert und charakteristische Merkmale herausgearbeitet. Abschließend wird ein Fazit gezogen und überprüft, ob die Inszenierungen des Bösen konstant blieben oder Wandlungen unterworfen waren und ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat. Ein Ausblick im IV. Kapitel schließt die Arbeit ab.

 


10

I. Definition und Abgrenzung phantastischer Kinder- und Jugendliteratur
In seiner Dissertation Phantastik in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart stellt Meißner 1989 (S. 29) fest, dass die Forschungslage zur Definition des Gattung Phantastik in der Kinder- und Jugendliteratur wegen mangelnder Begriffsklarheit recht unübersichtlich erscheint und der Versuch der Nebeneinanderstellung voneinander abweichender Konzeptionen zu weiterer Begriffsverwirrung geführt hat. Auch gut zehn Jahre später sieht Tabbert diesbezüglich in der Forschung keine Übereinstimmung:
Was als Spezifikum phantastischer Erzählungen im allgemeinen und phantastischer Kindererzählungen im besonderen zu verstehen sei, ist umstritten und damit auch die Frage, was diesem Literaturtyp zugerechnet werden kann. Für literaturdidaktische Zwecke empfiehlt es sich Definitionen unterschiedlicher Reichweite im Bewusstsein zu haben und an phantastische Literatur im engeren, im weiteren und im weitesten Sinne zu denken." (Tabbert 2000, S. 187)
Eine Abgrenzung der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur zur realistischen Kinder- und Jugendliteratur ist dagegen in den meisten Definitionen zu finden. Letztlich wird auch diese Arbeit keine eindeutige Definition liefern (können), wohl aber unter Bezug auf die wesentlichen Forschungsbeiträge die Begriffsentwicklung im deutschsprachigen Raum für die Kinder- und Jugendliteratur rekonstruieren. Abhandlungen zur phantastischen Literatur für Erwachsene werden nur insoweit dargestellt, als sie in der Diskussion um die phantastische Literatur für Kinder und Jugendliche aufgegriffen worden sind. Ziel ist es, die bis heute recht unübersichtliche Forschungslage ordnend darzustellen.
1. Zur Definition phantastischer Literatur
1989 stellt Meißner fest, dass man sich genötigt sehe von ,,Defiziten der Theoriediskussion" zu sprechen, wenn man ,,nach einer Theorie der phantastischen Literatur [im deutschen Sprachraum] such[e]" (Meißner 1989, S. 9). Zehn Jahre später ist es für Gansel (1999, S. 91) weiterhin offen ,,ob es sich bei Phantastik bzw. dem Phantastischen um eine Gattung, eine Darstellungsweise, einen Stil oder eine Struktur handelt". Die kreative Fähigkeit, Gedächtnisinhalte zu neuen [...]

 



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