Autor: Dr. Brigitte Kertscher
Fach: Medien / Kommunikation - Sonstiges
Details
Jahr: 2005
Seiten: 422
Note: cum laude
Literaturverzeichnis: ~ 500 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 4309 KB
ISBN (E-Book): 978-3-640-13992-7
ISBN (Buch): 978-3-640-17174-3
Zusammenfassung / Abstract
Einleitung Die vorliegende Arbeit soll einen Überblick über die Entstehung, Entwicklung und Strukturen des Bürgerrundfunks1 in Deutschland geben und seine Funktionen darlegen. Ein Schwerpunkt wird darauf liegen, die Rolle dieser Rundfunksender2 – Nichtkommerzielle Lokale Hörfunksender (NKL) und Offene Hörfunk- und Fernsehkanäle (OK) – als Lernorte in der modernen Kommunikationsgesellschaft zu verdeutlichen. Bisherige umfangreichere Publikationen befassen sich zumeist mit einzelnen Bürgersendern oder regionalen Bürgerrundfunklandschaften bzw. beschränken sich auf eine der beiden Grundformen. Daneben gibt es eine Reihe von Veröffentlichungen, die medienpädagogische Projekte vorstellen. Erstmals wird mit dieser Arbeit eine umfassendere Monografie vorgelegt, die sowohl Offene Kanäle als auch Nichtkommerzielle Lokalradios von der Idee über ihre Institutionalisierung bis hin zu ihrer Arbeitsorganisation und Funktionsweise bundesweit vorstellt. Ergänzend wurden vier Modellbeispiele aufgenommen und zudem eine größere Anzahl aktiver Nutzer Offener Kanäle ausführlich befragt. Im Bürgerrundfunk wird, wie die vorliegende Arbeit belegen soll, alltäglich medienpraktische und medienpädagogische Arbeit geleistet. Diese Sender bieten mit ihren Angeboten für die Bürgerinnen und Bürger ein hervorragendes Untersuchungsfeld für die Forschung, die hier anhand einer Vielzahl verschiedenster Produktionsvorhaben und Weiterbildungsangebote betrieben werden kann. Solche Feldforschungen können auch über lange Zeiträume geführt werden und die verschiedensten Zielgruppen einbeziehen.
Textauszug (computergeneriert)
Lernort Bürgerrundfunk -
Offene Hörfunk- und Fernsehkanäle
und Nichtkommerzielle Lokalradios
in der Bundesrepublik Deutschland
Dissertation
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktorin der Philosophie
(Dr. phil.)
genehmigt durch die Fakultät
für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften
der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg
von Dipl.-Lehrer, Dipl.-Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (FH)
Brigitte Kertscher, geb. Sädtler
Eingereicht am 22. 12. 2004
Verteidigung der Dissertation am 13. 07. 2005
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 7
1.
Begleitforschungen im Bereich des Bürgerrundfunks 10
2.
Medienkompetenz als politische Schlüsselkompetenz .20
2.1
Die Entwicklung der Medien und ihre Bedeutung in der Gesellschaft
20
2.2
Medienkompetenz Bildungsbegriff und -aufgabe 26
2.3
Medienkompetenz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe 36
2.4
Die Bildungsinhalte 38
3.
Zur Entwicklung der Bürgersender in Deutschland .41
3.1
Die Idee des Bürgerrundfunks: Offene Kanäle und
Nichtkommerzieller Lokaler Hörfunk 41
3.2
Formen und Merkmale des Bürgerrundfunks 44
3.2.1
Merkmale Offener Kanäle (OK) 45
3.2.2
Merkmale Nichtkommerzieller Lokaler Hörfunksender (NKL) 46
3.2.3
Ausbildungssender 48
3. 3
Das duale Rundfunksystem in Deutschland und die Zulassung von
Bürgerrundfunk 50
3.3.1
Die Entstehung des dualen Rundfunksystems der Bundesrepublik
Deutschland und der gesellschaftspolitische Diskurs 50
3.3.2
Die medienpolitische Diskussion um den Ausbau neuer Übertra-
gungstechniken und die Einführung des dualen Rundfunksystems 53
3.3.3
Die Diskussion um die Zulassung von Bürgerrundfunk Pro und
Kontra Offene Kanäle 57
3.3.4
Die Landesmedienanstalten 65
3.4
Die Entstehung des Bürgerrundfunks in der Bundesrepublik
Deutschland 71
3.4.1
Die Entstehung und Zulassung der ersten Offenen Kanäle 71
2
3.4.2
Die Entstehung und Zulassung des Nichtkommerziellen Lokalen
Hörfunks 74
3.4.3
Zusammenfassung: Traditionslinien und Entstehung des
Bürgerrundfunks 82
3. 5
Grundsätzliche Regelungen und Organisationsmerkmale des
Bürgerrundfunks 85
3.5.1
Der ,,Rundfunkstaatsvertrag" 85
3.5.2
Grundsätzliche Regelungen und Organisationsmerkmale Offener
Kanäle 85
3.5.3
Grundsätzliche Regeln und Organisationsmerkmale der NKL 98
3.5.4
Zusammenfassung: Strukturen 100
3.6
Problemkreise des Bürgerrundfunks 103
4.
Lage des Bürgerrundfunks um das Jahr 2000 eine Übersicht
über die Entwicklung und den Betrieb der Bürgersender in
ihrer länderspezifischen Ausprägung 107
4.1
NKL und Präferenz für Ausbildungssender der ,,OK-freie" Süden
108
4.1.1
Baden-Württemberg 108
4.1.2
Bayern 111
4.1.3
Sachsen 113
4.2
Konzentration auf die OK Länder mit Offenen Kanälen aber
ohne NKL 116
4.2.1
Berlin/Brandenburg 116
4.2.2
Bremen 118
4.2.3
Mecklenburg-Vorpommern 118
4.2.4
Nordrhein-Westfalen 120
4.2.5
Rheinland-Pfalz 131
4.2.6
Saarland 135
4.2.7
Schleswig-Holstein 138
4.3
Bürgerrundfunklandschaften Länder mit NKL und OK 139
4.3.1
Hamburg 139
4.3.2
Hessen 146
4.3.3
Niedersachsen 148
4.3.4
Sachsen-Anhalt 156
4.3.5
Thüringen 159
3
4.4
Dachorganisationen, Kooperationen 162
4.4.1
Der Arbeitskreis Offener Kanäle/Bürgerfunk (AKOK) 162
4.4.2
Die Norddeutsche Kooperation Bürgermedien (NOKO) 163
4.4.3
Der Bundesverband Offene Kanäle (BOK) e.V 164
4.4.4
Der Bundesverband Freier Radios (BFR) 165
5.
Die Praxis vor Ort .170
5.1
Der Bürgerrundfunk als medienpädagogisches Handlungs- und
Forschungsfeld 170
5.1.1
Saarland: Offener Kanal in Schulen (OkiS) 170
5.1.2
ArbeitnehmerInnen auf Sendung Projekt der PH Freiburg in
Offenen Hörfunkkanälen und NKL 173
5.1.3
Freie Radios in Baden-Württemberg als Ort der aktiven Jugend-
Medienarbeit 176
5.2
Modellbeispiele 177
5.2.1
Radio ,,Corax" (Halle/Saale) 178
5.2.2
Radio ,,Lora" (München) (Stand Januar 2001) 187
5.2.3
OK Bremen/OK Bremerhaven 193
5.2.4
Offener Kanal Wernigerode(Stand Mai 2001) 201
5.2.5
Zusammenfassung 207
5.3
Die Praxis vor Ort aus Nutzersicht OK-Umfrage Sachsen-Anhalt...209
5.3.1
Ziele und Grenzen der Umfrage 209
5.3.2
Theoretische Ansätze der Befragung 210
5.3.3
Befragungsmodus 211
5.3.4
Auswertung 213
5.3.5
Fazit und Rückschlüsse für die weitere Arbeit der Offenen Kanäle in
Sachsen-Anhalt 239
6.
Ergänzender Überblick über wesentliche Entwicklungen nach
2001 .242
6.1
Thüringen, Nordrhein-Westfalen , Saarland und Hamburg 242
6.2
Das niedersächsische Konvergenzmodell 245
6.2.1
Die Idee des Konvergenzmodells und die daraus resultierenden
Aufgaben der Bürgersender 245
6.2.2
Die Umsetzung des Konvergenzmodells 248
6.3
Ausblick auf die mögliche weitere Entwicklung 250
4
7.
Zusammenfassung .253
Literatur
258
Abbildungsverzeichnis 290
Anlagen .291
A. MEDIENGESETZE (Auszüge) 291
- Rundfunkstaatsvertrag (RStV) Auszüge 291
- Landesmediengesetze 294
B. DACHORGANISATIONEN/VERBÄNDE .324
Satzung des Bundesverbandes Offene Kanäle (BOK) e.V. 324
Open Channels For Europe 1997 329
Erklärung zum Jahrestreffen Offener Kanäle Berlin 1998 330
Bundesverband Freier Radios - BFR-Charta 331
Tübinger Maßgaben zur Programmkooperation 332
Nordkooperation der Landesmedienanstalten - Thementag Offene Kanäle in
Norddeutschland 2001 332
C. LÄNDERRICHTLINIEN/OK-SATZUNGEN DER LÄNDER 334
Baden-Württemberg Richtlinien der Landesanstalt für Kommunikation für eine
Förderung von nichtkommerziellen Hörfunkveranstaltern (FöRL
NKL) 334
Satzung der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk (LPR Hessen) über
die Nutzung Offener Kanäle 337
Nutzungsordnung für die Offenen Kanäle in Hessen 341
Thüringen: OK-Satzung 343
Thüringen - Merkblatt NKL 349
5
Satzung für die Zulassung von Ereignis- und Einrichtungsrundfunk in
Thüringen 350
D. MEDIENPÄDAGOGISCHE PROJEKTE UND
BILDUNGSANGEBOTE .353
- Hamburg: HAM Medienkompetenzprojekte 13. Dezember 2000 353
- Medienpädagogische Projekte der NLM (Niedersachsen) 354
- Seminare im Medienkompezenzzentrum der Landesmedienanstalt Sachsen-
Anhalt 358
- Sonderveranstaltungen der Offenen Kanäle Magdeburg und Merseburg zur
Nutzerschulung 365
Medienwerkstätten der Medienanstalt Sachsen-Anhalt in Schulen 369
E. ANLAGEN DER MODELLBEISPIELE .370
- Corax Vereinssatzung 370
- Corax Redaktionsstatut 373
- Corax-Programm Mai 2001 379
- Lora-Programmschema 386
- OK Bremerhaven 8. 11. Mai 2001 TV-Programm 387
- OK Bremerhaven, Radio-Sendeplätze 388
- Offener Kanal Wernigerode e.v. Vereinsstatut 392
- Nutzungsordnung für den Offenen Kanal Wernigerode e. V. 396
- Programm OK Wernigerode 23. 04. 03 .05. 2001 400
F. ANLAGE ZUR OK-BEFRAGUNG IN SACHSEN-ANHALT
(Fragebogen) 404
G. ERGÄNZENDER ANHANG 409
- Verbot der Sendung von "Radio Teutonicus" 409
- Anschriften der Landesmedienanstalten 410
- Anschriften der Offenen Kanäle in Deutschland 412
6
Einleitung
Die vorliegende Arbeit soll einen Überblick über die Entstehung, Entwicklung
und Strukturen des Bürgerrundfunks1 in Deutschland geben und seine
Funktionen darlegen. Ein Schwerpunkt wird darauf liegen, die Rolle dieser
Rundfunksender2 Nichtkommerzielle Lokale Hörfunksender (NKL) und
Offene Hörfunk- und Fernsehkanäle (OK) als Lernorte in der modernen
Kommunikationsgesellschaft zu verdeutlichen.
Bisherige umfangreichere Publikationen befassen sich zumeist mit einzelnen
Bürgersendern oder regionalen Bürgerrundfunklandschaften bzw. beschränken
sich auf eine der beiden Grundformen. Daneben gibt es eine Reihe von
Veröffentlichungen, die medienpädagogische Projekte vorstellen. Erstmals wird
mit dieser Arbeit eine umfassendere Monografie vorgelegt, die sowohl Offene
Kanäle als auch Nichtkommerzielle Lokalradios von der Idee über ihre
Institutionalisierung bis hin zu ihrer Arbeitsorganisation und Funktionsweise
bundesweit vorstellt. Ergänzend wurden vier Modellbeispiele aufgenommen und
zudem eine größere Anzahl aktiver Nutzer Offener Kanäle ausführlich befragt.
Im Bürgerrundfunk wird, wie die vorliegende Arbeit belegen soll, alltäglich
medienpraktische und medienpädagogische Arbeit geleistet. Diese Sender bieten
mit ihren Angeboten für die Bürgerinnen und Bürger ein hervorragendes
Untersuchungsfeld für die Forschung, die hier anhand einer Vielzahl
verschiedenster Produktionsvorhaben und Weiterbildungsangebote betrieben
werden kann. Solche Feldforschungen können auch über lange Zeiträume
geführt werden und die verschiedensten Zielgruppen einbeziehen.
Vor allem im Rahmen der durch die Medienanstalten initiierten
Begleitforschung rücken die Bürgersender zunehmend in den Blickwinkel des
wissenschaftlichen
Interesses,
das
Spektrum
reicht
dabei
von
Politikwissenschaft
und
Soziologie
über
Kommunikations-
und
Medienwissenschaft bis hin zu den Erziehungswissenschaften. Dennoch sind die
Anmerkungen
1 Für den Begriff ,,Bürgerrundfunk" werden im allgemeinen und amtlichen
Sprachgebrauch noch weitere Begriffe synonym verwendet, so ,,Bürgermedien" und
,,Bürgersender" bzw. ,,Bürgerfunk". Der Begriff ,,Bürgermedien" ist etwas
irreführend, da er die Printmedien (z.B. die Bürger- und Schülerzeitungen) und die
Computertechnologien mit einschließen müsste - er wird daher in der vorliegenden
Arbeit nur im Rahmen von Zitaten und amtlichen Bezeichnungen angewandt und soll
sich ausschließlich auf den Bürgerrundfunk beziehen. ,,Bürgerfunk" wird ebenfalls mit
,,Bürgerrundfunk" gleichgesetzt und bezieht sich nicht auf CB-Funk. Im engeren Sinne
bezeichnet der Begriff eine Sonderform des Bürgerrundfunks in NRW.
2 Der Begriff ,,Rundfunk" wird häufig sogar in den Titeln von Fachzeitschriften
(z.B.: ,,Rundfunk und Fernsehen") auf Hörfunk reduziert, umfasst aber Hörfunk und
Fernsehen.
7
Möglichkeiten, die der Bürgerrundfunk für eine potentielle Nutzerschaft und als
Forschungs- und Praxisfeld bietet, bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Das mag
auch daran liegen, dass die dem Bürgerrundfunk zu Grunde liegenden Ideen, die
konzeptionellen Ansätze und die Strukturen noch zu wenig bekannt sind.
Die Forderung nach Bürgerbeteiligung im Rundfunk ist so alt wie der Rundfunk
als Massenmedium, bereits die Arbeiterradioklubs der 20er und 30er Jahre des
20. Jahrhunderts forderten eine aktive Beteiligung. Bertolt Brecht gilt als der
bekannteste Fürsprecher in dieser frühen Entwicklungsphase. Bis in die
neunziger Jahre hinein wurde die Debatte insbesondere unter dem Aspekt der
freien Meinungsäußerung geführt, den Bürgern sollte das Massenmedium
Rundfunk als öffentliches Podium zugänglich gemacht werden, auf dem sie ihre
Probleme und Erfahrungen in eigenen Sendebeiträgen zur Sprache bringen
könnten. Der Bürgerrundfunk als basisdemokratisches Medium sollte gleichsam
als Gegengewicht gegen die öffentlich-rechtlichen und privaten Sender gesetzt
werden. Die Entwicklung hat gezeigt, dass sich die Bürgersender auf Dauer
nicht allein auf diese Argumentation stützen können, da die dadurch
entstandenen Erwartungen den Bürgerrundfunk überfordern.
Seit etwa Mitte der neunziger Jahren gewinnt eine zweite Argumentationslinie
zunehmend an Bedeutung, die zuvor nur ergänzend eingebracht wurde und die
jetzt insbesondere von den Befürwortern der Offenen Kanäle in der aktuellen
Diskussion verstärkt aufgegriffen wird. Im Mittelpunkt steht die auch in dieser
Arbeit vertretene These, dass der Bürgerrundfunk eine wichtige Rolle bei der
Förderung von Medienkompetenz spielen kann bzw. bereits spielt. Die Arbeit
setzt sich daher ausgehend von der Entwicklung und Bedeutung der Medien in
unserer Gesellschaft zunächst mit dem Begriff ,,Medienkompetenz"
auseinander. Medienkompetenz wird als politische Handlungskompetenz in
ihrer sozialen Dimension hevorgehoben und die aktive, praktische Medienarbeit
in diesen Kontext eingeordnet.
Die Idee des Bürgerrundfunks, seine Formen und Merkmale, die Entstehung des
dualen Rundfunksystems und die Etablierung des Bürgerrundfunks schließen
sich an und verdeutlichen das gesellschaftspolitische Umfeld der Bürgersender.
Die Geschichte des Bürgerrundfunks in der Bundesrepublik Deutschland ist eng
mit der Entwicklung neuer Übertragungstechniken verbunden, die potentiell die
Zulassung einer Vielzahl neuer Sender ermöglichten. Dadurch wurde eine heftig
geführte gesellschaftspolitische Diskussion ausgelöst, die in ihren Grundzügen
in der Arbeit aufgegriffen und kommentiert wird. Gegen starke Widerstände
wurde bundesweit in der Mitte der 1980er Jahre das duale Rundfunksystem
installiert, das neben den öffentlich-rechtlichen auch privatrechtlich organisierte
Sender zulässt. Im Rahmen der Einführung des dualen Rundfunksystems wurde
auch der Weg für den Bürgerrundfunk frei.
Da die Mediengesetzgebung Ländersache ist, lag und liegt die Entscheidung, ob
und in welchem Umfang Bürgersender zugelassen werden, im Ermessen der
Bundesländer, so dass sich sehr verschiedene Bürgerrundfunklandschaften
8
herausgebildet haben, die in ihren Grundzügen beschrieben werden. Die
Entwicklung des Bürgerrundfunks in den einzelnen Bundesländern und die auf
landesgesetzlichen Regelungen beruhenden Strukturmerkmale werden
umfänglich abgehandelt, um die verschiedenen Ausprägungen zu verdeutlichen.
Anhand von Beispielen wird anschließend ein detaillierterer Blick auf die Praxis
vor Ort aus verschiedenen Perspektiven geworfen: Die Kommentierung von drei
medienpädagogischen Forschungsberichten zeigt die Praxis aus wissen-
schaftlicher Sicht und umreißt das Forschungs- und Handlungsfeld. Vier
Modellbeispiele von Bürgersendern ergänzen detaillierter die Darstellung der
Strukturen und zeigen die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der zu Grunde
liegenden Konzeptionen, und eine Umfrage unter zum Zeitpunkt der Befragung
an eigenen Produktionen arbeitenden Nutzern der ersten fünf Offenen Kanäle in
Sachsen-Anhalt schließt aus der Sicht der Nutzer diesen Blick auf die Praxis vor
Ort ab. Ziel der Umfrage war es, festzustellen
-
inwieweit die Argumentationslinie, Offene Kanäle förderten die
Medienkompetenz, nicht nur eine Schutzbehauptung zur Legitimation
dieser Sender darstellt,
-
inwieweit die Nutzer den Kompetenzgewinn überhaupt wahrnehmen und
-
welche Angebotsformen und Inhalte den Nutzern besonders wichtig
erscheinen.
Das schier unerschöpfliche Diskussionsthema Medienkritik wird nur
eingeschränkt abgehandelt. Medienkritische Gesichtspunkte finden soweit
Berücksichtigung, wie sie unmittelbar für die Diskussion um die Entwicklung
des dualen Rundfunksystems und des Bürgerrundfunks von fundamentaler
Bedeutung waren und sind bzw. aus ihnen auf erforderliche Maßnahmen für den
verantwortungsvollen und kompetenten Umgang mit den Medien geschlossen
werden kann.
Die vorliegende Arbeit stützt sich in erster Linie auf Recherchen, die die
Entstehung und Entwicklung des Bürgerrundfunks und die damit verbundene
Diskussion bis zur Jahrtausendwende verfolgen. Diese Recherchen wurden Ende
2001 zunächst beendet. Zu diesem Zeitpunkt sind auch die beiden großen
Gründungswellen weitgehend abgeschlossen, es ist jetzt ein Zeitpunkt in der
Entwicklung erreicht, der eine umfassende Bestandsaufnahme erlaubt und
grundlegende Entwicklungslinien und Strukturen erkennen lässt.
Wesentliche Entwicklungen aber auch einzelne Rückschläge wurden in
einen abschließenden Überblick aufgenommen, so das Konvergenzmodell, das
Elemente der Offenen Kanäle und des Nichtkommerziellen Lokalen Hörfunks
zusammenführt, und damit verbunden aktuelle Argumentationsstränge in der
Diskussion um den Bürgerrundfunk. Dieser Überblick soll lediglich eine
Ergänzung darstellen und verdeutlichen, dass sich der Bürgerrundfunk auch
weiterhin der Diskussion um seine Legitimation stellen muss und dass auch
inhaltlich und strukturell noch Entwicklungen zu erwarten sind.
9
1.
Begleitforschungen im Bereich des Bürgerrundfunks
Ein erster Blick in die Forschungstätigkeit im Bereich des Bürgerrundfunks
zeigt eine Fülle von Publikationen und Forschungsberichten. Der weitaus größte
Teil dieser Untersuchungen wurde durch die Landesmedienanstalten angeregt
und als Begleitforschung im Rahmen der Evaluation von Bürgerrund-
funkeinrichtungen
durchgeführt.
Demgegenüber
nehmen
durch
wissenschaftliche Einrichtungen wie Hochschulen und Universitäten initiierte
Forschungen einen relativ kleinen Raum ein.
Die Forschungsarbeiten über die Bürgersender lassen sich unter verschiedenen
Aspekten zusammenfassen, so unter anderem.
-
nach dem Ziel (Evaluation, Erarbeitung von konzeptionellen Grundlagen),
-
nach den Auftraggebern (z.B. Medienanstalten, Bildungseinrichtungen,
politische Gremien, Selbstauftrag),
-
nach den auftragnehmenden Institutionen (Hochschulen, Forschungs-
einrichtungen, Medienanstalten),
-
als struktur- oder projektbezogene Forschung,
-
als Untersuchungen zur Akzeptanz der Bürgersender in der Bevölkerung
(aktive Nutzer/Rezipienten) sowie
-
im Hinblick auf Fachbezüge (z.B. politikwissenschaftliche, soziologische,
Untersuchungen).
Jede der Forschungsarbeiten kann je nach Perspektive mehrfach, d.h. nach
verschiedenen Ordnungsprinzipien, zugeordnet werden. Für die Bürgersender
sind m.E. die der Begleitforschung zuzuordnenden Untersuchungen von
besonderer Bedeutung und unabhängig vom Umfang und davon, durch wen
das jeweilige Forschungsvorhaben initiiert wurde die medienpädagogischen
Projekte.
Es fällt auf, dass das Interesse am Bürgerrundfunk an den akademischen
Einrichtungen sehr stark an Personen gebunden zu sein scheint. So haben sich
an einigen Hochschulen schon Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre
Forschungsteams an bestimmten Lehrstühlen herausgebildet, die sich für den
Bürgerrundfunk interessieren exemplarisch seien hier im Vorgriff einige
genannt: die Politikwissenschaftler um Winand Gellner (Universität Trier/später
Passau), die Forschungsgruppe um Otfried Jarren am Institut für Journalistik der
Universität Hamburg, ein Team des Instituts für Psychologie der Universität
Saarbrücken um Peter Winterhoff-Spurk und die Forschungsgruppe um
Winfried B. Lerg, Institut für Publizistik der Universität Münster. Frühe
Forschungsberichte liegen auch von Schweitzer/Reisch und Meyer vom Institut
für stadtteilbezogene soziale Arbeit und Beratung der Essener Universität vor.
Es sind also verschiedene Fachrichtungen in die Begleitforschungen des
Bürgerrundfunks einbezogen. Erziehungswissenschaftler bzw. Medienpäd-
agogen der Universitäten sind dabei bei weitem nicht in dem Maße involviert,
10
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