'Die Bauern von Subay' und 'Eskiya - der Bandit' - Ein genreübergreifender Vergleich

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Details

Titel: 'Die Bauern von Subay' und 'Eskiya - der Bandit' - Ein genreübergreifender Vergleich
Untertitel : Die Darstellung der türkischen Gesellschaft in einer wissenschaftlichen Monographie und einem Blockbuster
Autor: Marc Castillon
Fach: Ethnologie / Volkskunde
Veranstaltung: Eine islamische Reise. Ethnographien, Erzählungen, Filme vom Bosporus bis zum Karakorum.
Institution/Hochschule: Freie Universität Berlin (Institut für Ethnologie)
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2008
Seiten: 25
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 11  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 184 KB
Archivnummer: V113543
ISBN (E-Book): 978-3-640-14430-3
ISBN (Buch): 978-3-640-14570-6

Zusammenfassung / Abstract

Der folgende Textbeitrag ist die schriftlich ausgearbeitete Version des Referates über Werner Schiffauers Ethnographie „Die Bauern von Subay. Das Leben in einem türkischen Dorf“. Über die Referatsleistung des Verfassers hinaus werden hier Schiffauers Ausführungen durch weitere Literatur ergänzt und verifiziert. Darüber hinaus sollen die in Yavuz Turguls Spielfilm „Eskiya – Der Bandit“ dargestellten Handlungsmotive und Werte auf der Grundlage einer Untersuchung der sozialen Beziehungen zwischen den einzelnen Filmprotagonisten herausgearbeitet werden. Die aus dem Spielfilm gewonnenen Erkenntnisse sollen hierbei mit den durch Schiffauer beschriebenen traditionellen Ordnungsprinzipien der türkischen Gesellschaft abgeglichen werden. Der inhaltliche Schwerpunkt dieser vergleichenden Betrachtung liegt auf den dargestellten gesellschaftlichen Werten, also auf einer thematisch begrenzten, inhaltlichen Ebene. Eine umfassende Filmanalyse und -interpretation soll hier nicht betrieben werden. Zunächst bedarf es einer kurzen politisch-historischen Kontextualisierung, um die Zeit und die Umstände zu reflektieren, in denen Buch und Film erschienen sind, auch wenn zwischen Erscheinen von Ethnographie und Film nur etwa 9 Jahre liegen. Schiffauers insgesamt achtmonatige Feldforschung in dem in der Schwarzmeerregion, zirka 100 km nördlich von Ankara liegenden Dorf Subay fand in den Sommermonaten 1977 und im Winter 1982/83 statt. Die Ethnographie erschien im Jahre 1987. Die Lage in der Türkei zurzeit der Feldforschung Schiffauers war durch politische Instabilität geprägt, die sich in wechselnden politischen Koalitionen, wirtschaftlichen Umbrüchen, Terrorakten und politischen Morden durch das extrem rechte und linke politische Spektrum zeigte. Im Herbst 1980 putschte sich das Militär an die Macht, in der Folge wurde über das Land das Kriegsrecht verhängt, alle politischen Parteien, Gewerkschaften und Vereine verboten, die Regierung des Amtes enthoben, das Parlament geschlossen. Der Putsch richtete sich vornehmlich gegen die aufkeimende kurdische Befreiungsbewegung, sowie gegen linke und kommunistische Kräfte.

Textauszug (computergeneriert)

Castillon, Marc

Freie Universität Berlin

Institut für Ethnologie

Wintersemester 2007/2008

REGIONALSEMINAR

Eine islamische Reise.

Ethnographien, Erzählungen, Filme vom Bosporus bis zum Karakorum.

Hausarbeit

über

,,,′Die Bauern von Subay′ und ′Eskiya ­ der Bandit′

Ein genreübergreifender Vergleich.

­

Die Darstellung der türkischen Gesellschaft

in einer wissenschaftlichen Monographie und einem Blockbuster."


Gliederung

Seite

I.

Einleitung

1

II.

Politische und historische Kontextualisierung

1

III.

Das Leben der Menschen in Subay

2

1.

Ordnung der Gegenseitigkeit

2

a)

Idee der Körperschaft

2

b)

Idee des Tausches

5

c)

Idee des Teilens

6

d)

Beispiel: Übergangsritual bei einer Hochzeit

7

2.

Ordnung des Islams

7

3.

Ordnung des Staates

8

4.

Zwischenergebnis

9

IV.

Eskiya ­ Der Bandit

10

1.

Kontext

10

2.

Beschreibung und Interpretation der Filmmotive

11

a)

Rache

11

b)

Verrat aus Leidenschaft

14

c)

Liebe

15

d)

Tradition vs. Wandel

16

V.

Fazit

18

Literaturverzeichnis

II


I.

Einleitung

Der folgende Textbeitrag ist die schriftlich ausgearbeitete Version des Referates

über

Werner Schiffauers

Ethnographie ,,Die Bauern von Subay. Das Leben in einem

türkischen Dorf". Über die Referatsleistung des Verfassers hinaus werden hier

Schiffauers

Ausführungen durch weitere Literatur ergänzt und verifiziert. Darüber hinaus sollen die in

Yavuz Turguls

Spielfilm ,,Eskiya ­ Der Bandit" dargestellten Handlungsmotive und Werte

auf der Grundlage einer Untersuchung der sozialen Beziehungen zwischen den einzelnen

Filmprotagonisten herausgearbeitet werden. Die aus dem Spielfilm gewonnenen

Erkenntnisse sollen hierbei mit den durch

Schiffauer

beschriebenen traditionellen

Ordnungsprinzipien der türkischen Gesellschaft abgeglichen werden. Der inhaltliche

Schwerpunkt dieser vergleichenden Betrachtung liegt auf den dargestellten

gesellschaftlichen Werten, also auf einer thematisch begrenzten, inhaltlichen Ebene. Eine

umfassende Filmanalyse und -interpretation soll hier nicht betrieben werden.

II.

Politische und historische Kontextualisierung

Zunächst bedarf es einer kurzen politisch-historischen Kontextualisierung, um die

Zeit und die Umstände zu reflektieren, in denen Buch und Film erschienen sind, auch wenn

zwischen Erscheinen von Ethnographie und Film nur etwa 9 Jahre liegen.

Schiffauers

insgesamt

achtmonatige

Feldforschung

in

dem

in

der

Schwarzmeerregion, zirka 100 km nördlich von Ankara liegenden Dorf Subay1 fand in den

Sommermonaten 1977 und im Winter 1982/83 statt. Die Ethnographie erschien im Jahre

1987. Die Lage in der Türkei zurzeit der Feldforschung

Schiffauers

war durch politische

Instabilität geprägt, die sich in wechselnden politischen Koalitionen, wirtschaftlichen

Umbrüchen, Terrorakten und politischen Morden durch das extrem rechte und linke

politische Spektrum zeigte. Im Herbst 1980 putschte sich das Militär an die Macht, in der

Folge wurde über das Land das Kriegsrecht verhängt, alle politischen Parteien,

Gewerkschaften und Vereine verboten, die Regierung des Amtes enthoben, das Parlament

geschlossen. Der Putsch richtete sich vornehmlich gegen die aufkeimende kurdische

Befreiungsbewegung, sowie gegen linke und kommunistische Kräfte.2 Anfang der 1990er

Jahre begab die Türkei sich auf den Weg zu einem demokratischen Staat, jedoch erst ab

1999 wurden umfassende Reformen im Zivilrecht begonnen, die Menschen- und

1 Alle Orts- und Eigennahmen wurden von Schiffauer verändert.

2 Vgl. Steinbach, Udo: Geschichte der Türkei, München 20003, S. 102-123; sowie Çalar, Gazi: Die Türkei zwischen

Orient und Okzident. Eine politische Analyse der Geschichte und Gegenwart, Münster 2003, S. 185-190.

1


Freiheitsrechte gestärkt. Teilweise wurden auch die gegen die kurdische Bevölkerung

bestehenden Repressionen eingestellt und kulturelle Freiheiten weniger beschnitten.3

Mitte der 1990er Jahre, 9 Jahre nach dem Buch, erschien der Film ,,Eskiya ­ Der

Bandit". Das türkische Kino der 1990er Jahre zeichnete sich vor allem durch historisch

aufgearbeitete und komödiantische Filme aus. Auch ,,Eskiya ­ Der Bandit" lässt sich hier

einordnen, es lassen sich sowohl melancholische als auch durchaus komödiantische

Elemente wieder finden. ,,Eskiya ­ Der Bandit" erschien in einer Zeit der beschleunigten

Dynamik und politisch-strukturellen Fortentwicklung der Türkei. Es verwundert also nicht,

dass der Film sich auch mit dem Ringen zwischen Tradition und Wandel auseinandersetzt.

Der 35 Jahre lang in der Haft isolierte, nur die traditionelle Ordnung in seinem Dorf

kennende Hauptdarsteller reist das erste Mal in seinem Leben in die Großstadt Istanbul.

Die Beobachtungen und Begegnungen dieses Mannes münden in einer der Grundideen des

Films: Die Suche bzw. das Finden von Identität zwischen der traditionalistischen Kultur

und den Vorstellungen eines fortschrittorientierten, modernen Lebens. Mal mehr, mal

weniger deutlich spiegelt dabei der Film die Zerrissenheit der türkischen Gesellschaft

wieder.

III.

Das Leben der Menschen in Subay

Schiffauer

arbeitet in ,,Die Bauern von Subay" im Wesentlichen drei die

Dorfgesellschaft prägende Ordnungsprinzipien heraus: Die Ordnung der Gegenseitigkeit,

des Islams und des Staates. Anzunehmen ist dabei, dass

Schiffauers

Feldforschung über die

soziale Welt des Dorfes Subay nicht nur für die ländliche türkische Gesellschaft

repräsentativ ist, sondern durchaus (noch) für das Leben der modernen, großstädtischen

Bevölkerung Gültigkeit hat.

1.

Ordnung der Gegenseitigkeit

Die Mechanismen der Gegenseitigkeit sind in Subay das wichtigste

gesellschaftliche Ordnungsprinzip.

a)

Idee der Körperschaft

Eine Komponente des Ordnungsprinzips der Gegenseitigkeit ist die Idee der

Körperschaft. Rechtssubjekte sind nicht die Individuen, sondern die Haushalte im Dorf.

Die Haushalte sind die sozialen Körper in der Gesellschaft. Jeder Einzelne ist nur als

3 Riemer, Andrea K.: Die Türkei an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Die Schöne und der Kranke Mann am Bosporus?,

Frankfurt am Main 1998, S. 66ff.

2


Mitglied eines Haushaltes, als Träger von Rechten und Pflichten, Rechtsperson. Nur

zusammen mit den anderen Angehörigen seines Haushaltes bildet er eine Rechtseinheit.

Wird ein einzelnes Haushaltsmitglied von außen angegriffen, so ist dies immer auch ein

Angriff auf alle anderen Haushaltsangehörigen. Andererseits wird die Verfehlung eines

Einzelnen auch immer als Verfehlung aller Familienmitglieder gesehen.4

Dieser Rechtseinheitsgedanke kommt u. a. auch im Konzept der Ehre

(namus)

zum

Tragen. Ehre ist hier im Sinne von Integrität und Unantastbarkeit eines Haushaltes zu

verstehen. Wenn ein Außenstehender ein Haushaltsmitglied angreift oder beleidigt, wird

die Ehre des ganzen Haushaltes verletzt. Das Ehrkonzept spiegelt sich in der traditionellen

türkischen Gesellschaft auch in der grundsätzlichen und rigiden Trennung von zwei

Bereichen ­ dem privaten, inneren Bereich auf der einen und dem öffentlichen, äußeren

Bereich auf der anderen Seite. Der innere Bereich wird zunächst durch die Kernfamilie

bzw. den Haushalt verkörpert. Die Ehre wird als gemeinsamer Besitz angesehen.

Verletzungen der Grenze zum inneren Bereich durch außenstehende Dritte fordert ihre

Verteidigung heraus. Da sich die bäuerliche Familie nur als Solidargemeinschaft erhalten

kann, fordert die Ehre, unabhängig von der abstrakten Schuldfrage, die bedingungslose

Solidarität und Verteidigung des ganzen Haushaltes.5 Innerer und äußerer Bereich sind

darüber hinaus geschlechtsspezifisch getrennt. Die Frau mit ihren ganz eigenen Aufgaben

und Pflichten (vgl. hierzu Abb. 1) wird dem inneren, häuslichen Bereich zugeordnet, der

Mann dem äußeren, öffentlichen Bereich.

Aus

dieser

Unterscheidung

Abb. 1) Gesellschaftliche Unterscheidung zwischen inneren

Bereich (Frau) und äußerem Bereich (Mann) und daraus

resultieren

wiederum

auch

resultierende Arbeitstätigkeiten:

Hausfrau

Söhne

Haushalts-

unterschiedliche, geschlechtsspezifische

Töchter

Schwiegertöchter

vorstand

Verhaltensnormen

hinsichtlich

der Kochen Versorgung von Viehhüten Handel

Bewahrung der Ehre. Der Mann bewahrt Backen

Vieh im Stall

Feldarbeit

Waldarbeit

die Ehre, wenn er sich nicht so verhält,

Putzen

dass er in den Ruf eines Feiglings gerät,

Wasserholen

Wäschetrocknen

sich ausreichend um die Mitglieder seines

Gartenarbeit

Haushalt sorgt bzw. diese vor den

INNEN

AUSSEN

Angriffen Außenstehender zu verteidigen

(Quelle: Schiffauer, Werner: Die Bauern von Subay. Das Leben in

einem türkischen Dorf, Stuttgart 1987, S. 108.)

weiß und es schafft, die sexuelle Integrität

4 Schiffauer: Die Bauern von Subay, S. 23.

5 Die Ausländerbeauftragte des Senats von Berlin in Zusammenarbeit mit dem Paritätischen Bildungswerk e.V. [Hg.]:

Die Ehre in der türkischen Kultur. Ein Wertsystem im Wandel, Berlin 1991, S. 9.

3


der zum Haushalt zugehörigen Frauen zu garantieren. Die Frau dagegen bewahrt im

Wesentlichen die Ehre, indem sie sich vor sexuellen Übergriffen Außensteher zu schützen

weiß, sie in ihrer Keuschheit unversehrt bleibt und nicht in den Ruf einer Hure gerät.6

Jedes Familienmitglied ist somit für die Ehre des gesamten Haushaltes

mitverantwortlich. Der Haushaltsvorstand, meist der Vater, ist der Repräsentant des ganzen

Haushalts. Nur seine Person ist sowohl politisch als auch wirtschaftlich rechtsfähig, er

alleine steht für die Einheit und Geschlossenheit des Haushaltes. Alle anderen

Haushaltsmitglieder sind ihm im Rechtsverständnis untergeordnet. Der Haushaltsvorstand

hat darüber hinaus die Aufgabe, die Haushaltsmitglieder in der Öffentlichkeit zu vertreten

und sie gegen Angriffe von außen zu schützen.7 Die Ehre eines Mannes kann aus ganz

unterschiedlichen Gründen herausgefordert werden, z. B. durch eine unerlaubte

Überschreitung der Grenzen seines Besitzes, seiner Felder oder seines Hauses, durch eine

Annäherung Dritter an die in seinem Haushalt lebenden Frauen oder aber durch einen

verbalen oder körperlichen Angriff auf einer der Haushaltsmitglied.8

Ein Angriff auf ein beliebiges Familienmitglied wird

Abb. 2) Autoritätsstruktur in der

immer auch als Angriff auf den Haushaltsvorstand gewertet.

Familie:

Haushaltsvorstand

In Subay sollen unter anderem Fälle aufgetreten sein, in denen

Frauen

bewusst

geschädigt

wurden,

um

den

Mutter

Söhne

Haushaltsvorstand zu treffen. Dabei zerstört nichts ,,die Ehre

einer Familie so vollkommen, wie ein Angriff auf die sexuelle

Töchter

Unversehrtheit der Frauen im Haushalt".9 Wird der

(Quelle: Schiffauer, Werner: Die

voreheliche Geschlechtsverkehr einer Tochter oder der Bauern von Subay. Das Leben in

einem türkischen Dorf, Stuttgart 1987,

S. 109.)

außereheliche Verkehr einer Frau bekannt, ist der Rechtstatus

der ganzen Familie ruiniert. In diesem Fall kann die Ehre nur durch den Tod des

Angreifers oder der Frau selbst wiederhergestellt werden. Ist ein Haushalt angegriffen,

obliegt die Verteidigung der Ehre grundsätzlich den jüngeren Männern eines Haushaltes.

Die Verteidigung der Ehre muss durch die Söhne im Notfall auch mit dem Leben verteidigt

werden.10

Die vorgemachten Ausführungen verdeutlichen, wieso die Haushalte in Subay

ständig um ihren politischen Stand, ihre Ehre und ihr Ansehen in Sorge sind. Alles muss

vermieden werden, was dazu führen könnte, den Ruf und damit die Ehre der Familie auch

nur anzuzweifeln. Aus diesem Grund drängt der Haushaltsvorstand auf die

6 Schiffauer: Die Bauern von Subay, S. 23; Die Ausländerbeauftragte: Die Ehre in der türkischen Kultur, S. 10f.

7 Die Ausländerbeauftragte: Die Ehre in der türkischen Kultur, S. 6; Schiffauer: Die Bauern von Subay, S. 23f.

8 Petersen, Andrea: Ehre und Scham. Das Verhältnis der Geschlechter in der Türkei, Berlin 1985, S. 29.

9 Schiffauer: Die Bauern von Subay, S. 25.

10 Petersen: Ehre und Scham., S. 32f.; Schiffauer: Die Bauern von Subay, S. 25.

4


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