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Scholary Paper (Seminar), 1986, 10 Pages
Author: Detlef Rüdiger
Subject: Ethics
Details
Institution/College: Folkwang University of the Arts Essen
Tags: Schillers, Briefe, Erziehung, Menschen, Verhältnis, Kunst, Herrschaft
Year: 1986
Pages: 10
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 7 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-14440-2
File size: 93 KB
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Abstract
Schillers Ausführungen "Über die Ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen" werden referiert. Hierbei werden durch die Explikation der Begriffsdichotomien die Hauptlinien der Schillerschen Argumentation herauskristallisiert.
Fulltext (computer-generated)
Seminararbeit
im Rahmen des erziehungswissenschaftlichen Seminars
Zum Verhältnis von Kunst und Herrschaft
vorgelegt
von
Detlef Rüdiger
Schulmusik
Thema : Schillers Briefe
"Über die Ästhetische Erziehung des Menschen"
Folkwang Hochschule für Musik, Theater, Tanz in Essen-Werden
Sommersemester 1986
1
Ziel dieser Arbeit ist es, Schillers Ausführungen "Über die
Ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen"
zu referieren. Schiller hat seine insgesamt 27 Briefe 1795 in
der von ihm im gleichen Jahre gegründeten Zeitschrift "Die
Horen" erstmalig veröffentlicht: zunächst die Briefe 1-9, dann
1o - 16, schließlich 17 - 27. In seinen ziemlich umfangreichen
Ausführungen bedient sich Schiller zweier Argumentations-
ebenen: zum einen begründet er die Idee einer "Ästhetischen
Erziehung" auf empirisch - induktivem Wege, indem er sie als
ein Korrektiv zu den politischen, gesellschaftlichen und
kulturellen Verfallserscheinungen des Zeitalters versteht
(Briefe 1 - 1o), zum anderen versucht er auf deduktivem Wege
(dem "transzendentale(n) Weg", S.167) für den für die
"Ästhetische Erziehung" zentralen Begriff der "Schönheit"
einen "reinen Vernunftbegriff" zu entwickeln. Mit Hilfe
verschiedener Begriffsdichotomien wie Sinnlichkeit-Vernunft,
Neigung-Pflicht, Natur-Freiheit, Naturstaat-Vernunftstaat,
Leiden-Tätigkeit, Beschränkung-Unendlichkeit, Erscheinungen-
Idee, Mannigfaltigkeit-Einheit, Anschauung-Abstraktion, Leben-
Würde, Realität-Formalität, Verwilderung-Erschlaffung,
physischer Zustand-moralischer Zustand, Stofftrieb-Formtrieb
versucht Schiller, im Spannungsverhältnis dieser Extremwerte
einen "reinen Begriff der Menschheit" (S.167) zu lokalisieren.
Eine Analogisierung der Begriffspaare Sinnlichkeit-Vernunft
und Neigung-Pflicht verweist auf die Relevanz der Ästhetik für
die Ethik. Die "reinen Vernunftbegriffe" der "Schönheit"
(ästhetischer Bereich) und der "Menschheit" (ethischer
Bereich) sind aufeinander bezogen. Schiller schreibt: "Die
Schönheit müßte sich als eine notwendige Bedingung der
Menschheit aufzeigen lassen" (S.167).
Diese Arbeit versucht, die vielfältigen Argumentationsstränge
Schillers transparenter zu machen und gleichzeitig viel
weniger umfangreich als seine Ausführungen zu sein. Zunächst
werden die ersten zehn Briefe vorgestellt. Hier wird nicht
"chronologisch" am Text entlang nacherzählt, sondern unter
2
systematischen Gesichtspunkten versucht, die Hauptlinien der
Schillerschen Argumentation herauszukristallisieren.
Anschließend wird die schon in sich abgeschlossene Darstellung
präzisiert, indem die Briefe 11 - 27 in gleicher Weise
referiert werden.
Die Briefe 1 - 1o
Schiller leitet seine Untersuchungen mit einer rhetorischen
Frage ein: "Ist es nicht wenigstens außer der Zeit, sich nach
einem Gesetzbuch für die ästhetische Welt umzusehen, da die
Angelegenheiten der moralischen ein soviel näheres Interesse
darbieten und der philosophische Untersuchungsgeist durch die
Zeitumstände so nachdrücklich aufgefordert wird, sich mit dem
vollkommensten aller Kunstwerke, mit dem Bau einer wahren
politischen Freiheit zu beschäftigen?" (S.14o). Schiller
konstatiert ein Defizit an politischer Freiheit. Einerseits
hat der Staat dieses Übel veranlaßt, andererseits kann von den
einzelnen Individuen zur Zeit keine geeignete Initiative
ausgehen, "den Staat der Not mit dem Staat der Freiheit zu
vertauschen" (S.148). Das hat folgende Ursache: Daß die
Menschen immer noch "Barbaren" (S.159) sind, liegt nicht an
einem Mangel an philosophischen Erkenntnissen, welche für die
Angelegenheiten einer moralischen Welt bedeutsam sind. "Das
Zeitalter ist aufgeklärt, das heißt, die Kenntnisse sind
gefunden und öffentlich preisgegeben" (S.159). Die Vernunft
hat also alles geleistet, was sie leisten kann. Es kommt
vielmehr darauf an, diese Ergebnisse zu rezipieren und in die
Tat umzusetzen. Schiller erwähnt den Wahlspruch der Aufklärung
"sapere aude" ("Habe Mut, weise zu sein") (S.159) und fügt
hinzu, daß nicht allein der "Wille" zum Mut die Bedingung der
Möglichkeit ausmacht, "weise" zu sein, sondern daß es ebenso
auf die "Energie" des Muts ankommt, die jedoch bei vielen
Menschen nicht vorhanden ist: "Der zahlreichere Teil der
Menschen wird durch den Kampf mit der Not viel zu sehr ermüdet
und abgespannt, als daß er sich zu einem neuen und härteren
3
Kampf mit dem Irrtum aufraffen sollte" (S.159). In diesem
Zusammenhang verweist Schiller auf die Funktion der "Triebe",
welche "die einzigen bewegenden Kräfte in der empfindenden
Welt" (S.158) sind. Wenn er schreibt, daß die "Ausbildung des
Empfindungsvermögens ... das dringendere Bedürfnis der Zeit"
(S.16o) ist, stellt er die Forderung auf, Bedingungen
herzustellen, unter welchen der Aufklärungsspruch "sapere
aude" erst realisiert werden kann: der "Wille" des Muts, der
die Leistungen der Vernunft zu "vollstrecken" hat, bedarf der
"Energie" des Muts. Welche Bedingungen müssen hergestellt
werden für den "Bau einer wahren politischen Freiheit?"
Schiller erkennt folgenden Zirkel: einerseits sollen
politische Veränderungen von einer veränderten Einstellung der
einzelnen Individuen des Staates ausgehen, andererseits
scheint die Wandlung der Individuen wiederum von den
politischen Bedingungen abhängig zu sein: "Wie kann sich unter
den Einflüssen einer barbarischen Staatsverfassung der
Charakter veredeln?" (S.16o). Schiller meint, diesen Zirkel
durchbrechen zu können, indem er die "schöne Kunst" in seine
Überlegungen einbezieht. Die Kunst ist immun gegenüber der
Willkür der Menschen. Der politische Gesetzgeber kann zwar
versuchen, "ihr Gebiet [zu] sperren, aber darin herrschen kann
er nicht" (S.16o): die Kunst ist autonom. Schiller ist
überzeugt, "daß man, um jenes politische Problem in der
Erfahrung zu lösen, durch das ästhetische den Weg nehmen muß,
weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit
wandert" (S.142). Die Aufgabe eines mündig gewordenen Volks
ist es, seinen Not- oder Naturstaat in einen sittlichen oder
Vernunftstaat zu verwandeln: das bedeutet politische Freiheit.
Der Vernunftstaat jedoch bezeichnet ein Ideal von Staat, er
wird nur annähernd realisiert werden können. Schiller
vergleicht den Staat mit einem Uhrwerk, welches ausgebessert
werden muß, indem es weiterschlägt. Während der Naturstaat "in
der Zeit keinen Augenblick aufhören darf" zu existieren, muß
der Vernunftstaat sich "in der Idee" (S.144) bilden. "Man muß
4
also für die Fortdauer der Gesellschaft eine Stütze aufsuchen,
die sie von dem Naturstaate, den man auflösen will, unabhängig
macht" (S.144). Die "schöne Kunst" übernimmt die Funktion
einer solchen Stütze. Durch die "Schönheit" erlangt der Mensch
mit der Zeit die politische Freiheit. Politische Freiheit
erfordert eine Staatsverfassung, die sich an dem Ideal des
Vernunftstaates orientiert. Jedes einzelne Individuum muß sich
mit der Konstitution einer solchen Staatsverfassung
identifizieren können. Schiller beschreibt hier das Verhältnis
zwischen Staat und Individuum. Er analogisiert zunächst das
Verhältnis Naturstaat-Vernunftstaat: "Jeder individuelle
Mensch... trägt, der Anlage und Bestimmung nach, einen reinen
idealischen Menschen in sich..." (S.145). Der Mensch "in dar
Zeit" muß sich zum Menschen "in der Idee" "veredeln" (S.146).
Das bedeutet eine Koinzidenz von Individuum und Staat "in der
Idee": "Dieser reine Mensch... wird repräsentiert durch den
Staat"; der Staat kann sich in den Individuen dadurch
"behaupten" (S.146), "daß das Individuum Staat wird" (S.146).
Zusammenfassend läßt sich sagen: Die Verwirklichung der
politischen Freiheit ist von drei Faktoren abhängig:
1. Die "Ausbildung des Empfindungsvermögens" im Medium der
"schönen Kunst", 2. alle Individuen müssen sich daran
beteiligen, 3. das dauert seine Zeit.
Aus den Briefen 11 - 27
Das Verhältnis zwischen "Zeit" und "Idee" wird vom 11. Brief
an transferiert auf das Verhältnis zwischen "Zustand" und
"Person". Während der "Zustand" des Menschen sich im Laufe der
Zeit ständig verändert, bleibt die "Person" stets unberührt
vom zeitlichen Geschehen: "... bei allem Wechsel des Zustands
beharret die Person" (S.168). Der Mensch als endliches Wesen
ist jedoch "nicht bloß Person überhaupt, sondern Person, die
sich in einem bestimmten Zustand befindet" (S.169). Dennoch
5
sind Person und Zustand verschieden: "so kann sich weder der
Zustand auf die Person, noch die Person auf den Zustand
gründen". "Die Person also muß ihr eigener Grund sein"
(S.168). Schiller versteht die "Person" als "die Idee des
absoluten, in sich selbst gegründeten Seins, d.i. die
Freiheit" (S.168). Er bemüht sich im folgenden um einen
Begriff der "Freiheit", die auf dem Boden der
gesellschaftlichen Verhältnisse im Laufe der Zeit verwirklicht
werden soll (Nicht nur über den transzendentalen Wolken muß
die Freiheit wohl unendlich sein!): der Mensch wird durch zwei
einander entgegengesetzte Triebe bestimmt. Während der
"sinnliche Trieb" oder "Stofftrieb" Ausdruck des "physischen
Daseins" des Menschen ist, geht der "Formtrieb" vom "absoluten
Dasein" des Menschen aus. "Der sinnliche Trieb fordert zwar
Veränderung, aber er fordert nicht, daß sie auch auf die
Person... sich erstrecke Der Formtrieb dringt auf Einheit
und Beharrlichkeit - aber er will nicht, daß mit der Person
sich auch der Zustand fixiere, daß Identität der Empfindung
sei" (S.173). Das Ziel des Formtriebs ist also einerseits die
Bewahrung der Einheit der Person bei allem Wandel der
Zustände. Will er lediglich die "Idee des absoluten Seins",
d.h. die "Freiheit" bewahren, befindet er sich noch jenseits
von Zeit und Geschichte. Indem er sich andererseits für den
"Zustand" der "Person" verantwortlich zeigt und somit im
zeitlichen Geschehen agiert, ist er imstande, die "Freiheit"
zu realisieren. Das Ziel des Formtriebs ist es, den "Zustand"
an das Ideal der "Person" heranzuführen, während der
Stofftrieb darauf zu achten hat, daß das "physische Dasein",
d.h. z.B. die sinnlichen Bedürfnisse des Menschen nicht
vernachlässigt werden dürfen. Gefordert wird eine
"Wechselwirkung" zwischen den beiden Trieben, "wo die
Wirksamkeit des einen die Wirksamkeit des andern zugleich
begründet und begrenzt" (S.177): "den Stofftrieb muß die
Persönlichkeit, und den Formtrieb... die Natur in seinen
gehörigen Schranken halten" (S.177). Aus dieser Wechselwirkung
6
resultiert der "Spieltrieb", welcher bezweckt, "die Zeit in
der Zeit aufzuheben, Werden mit absolutem Sein, Veränderung
mit Identität zu vereinbaren" (S.178). Der Gegenstand des
"Spieltriebs" ist die "Schönheit", welche Schiller als
"lebende Gestalt" definiert. Er verdeutlicht hiermit den
Zusammenhang zwischen den "reinen Vernunftbegriffen" der
"Schönheit" und der "Menschheit". Im Medium des "Spiels" sind
"Mensch" und "Schönheit" identisch: "der Mensch soll mit der
Schönheit nur spielen, und er soll nur mit der Schönheit
spielen" (S.182). "Der Mensch spielt nur, wo er in voller
Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch,
wo er spielt" (S.182/183). Dieser Satz, so verspricht
Schiller, wird "das ganze Gebäude der ästhetischen Kunst und
der noch schwierigern Lebenskunst tragen" (S.183). Daß der
Mensch mit der Schönheit "nur spielen" soll, verweist auf eine
strikte Trennung zwischen Realität und ästhetischem Reservat.
Begriffsdichotomien dieser Art lassen sich wie folgt
klassifizieren: Arbeit/Ernst-Spiel, Realität-Schein/Kunst
(werk), Wahrheit-Täuschung, Tat-Einbildungskraft, Bestimmung-
Bestimmbarkeit. Die "Gleichgültigkeit gegen Realität" und das
"Interesse am Schein" wird von Schiller als "eine wahre
Erweiterung der Menschheit und [als] ein entschiedener Schritt
zur Kultur" (S.218) bezeichnet.
Ziel einer Fortsetzung dieser Arbeit müßte es sein, den
Implikationszusammenhang zwischen den einzelnen Begriffs-
dichotomien
der beiden vom Verfasser dieser Arbeit
konstruierten Klassifikationsschemata aufzuzeigen. Vor dem
Hintergrund der Fragestellung nach dem Verhältnis zwischen
"Individuum" und "Staat" müßte verdeutlicht werden, welche
Bedingungen geschaffen werden müssen, um politische Freiheit
zu ermöglichen.
7
Literaturverzeichnis
1. Schiller, Friedrich,
Über die Ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von
Briefen, in: Friedrich Schiller, Über das Schöne und die
Kunst. Schriften zur Ästhetik, hrsg. von Gerhard Fricke und
Herbert G. Göpfert, München 1984, S.139-23o
2. Lukâcs, Georg,
Zur Ästhetik Schillers,
in: Georg Lukâcs Werke, Bd.1o:
Probleme der Ästhetik,
Neuwied und Berlin 1969, S. 17-1o6
(1. Aufl. 1935)
3. Wilkinson, Elizabeth M. / Willoughby, L.A.,
Schillers Ästhetische Erziehung des Menschen. Eine Einführung,
München 1977 (Originaltitel : On the Aesthetic Education of
Man, Oxford University Press 1967)
4. Janke, Wolfgang,
Die Zeit in der Zeit aufheben.
Der transzendentale Weg in Schillers
Philosophie der Schönheit,
in: Schillers Briefe über die
Ästhetische Erziehung, hrsg. von
Jürgen Bolten,
Frankfurt a.M. 1984, S.229-26o
(zuerst veröffentlicht in:
Kant-Studien 58, 1967, H.4, S.433-457)
8
5. Düsing, Wolfgang,
Friedrich Schiller. Über die Ästhetische Erziehung des
Menschen in einer Reihe von Briefen. Text, Materialien,
Kommentar, München/Wien 1981
6. Barnouw, Jeffrey,
"Freiheit zu geben durch Freiheit". Ästhetischer Zustand -
Ästhetischer Staat,
in: Friedrich Schiller. Kunst, Humanität und Politik in der
späten Aufklärung. Ein Symposium, hrsg. von Wolfgang
Wittkowski, Tübingen 1982
7. Habermas, Jürgen,
Exkurs zu Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung des
Menschen, in: Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der
Moderne. Zwölf Vorlesungen, Frankfurt a.M. 1985 , S. 59-64
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