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Termpaper, 2005, 28 Pages
Author: M.A. Sandra Calkins
Subject: Orientalism / Sinology - Arabistic
Details
Institution/College: University of Leipzig (Institut für Orientalistik)
Tags: Adab, Alt-Arabische, Literatur, Schlüssel, Verständnis, Seminar, Klassische, Arabische, Literatur
Year: 2005
Pages: 28
Grade: 1,5
Bibliography: ~ 11 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-14798-4
File size: 291 KB
Note 1,5 aufgrund formaler Fehler: Probleme im Layout und einige Umschriftfehler
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Abstract
Der 11. September kam und alles lag in Scherben. Die Welt – man verstand sie nicht mehr. Dann hieß es nur noch „wir“ und „sie“. Den Menschen in den westlichen Staaten war mit einem Schlag klar geworden, dass sie die arabische Kultur nicht verstanden, sie ihnen fremd war. „Sie“ stand repräsentativ für alle Araber, sogar alle Muslime, von denen man sich nun bedroht fühlte und sich abgrenzen wollte. Doch warum kann der Westen eine Kultur nicht verstehen, deren Gedankengut seit Hunderten von Jahren den lateinischen Sprachraum in Form von Übersetzungen infiltriert? Hatte man womöglich den Geist der Übersetzungen nicht verstanden? Was heißt es also zu verstehen? Laut Pierre Bourdieu bedeutet verstehen „sich gedanklich in (den anderen) hineinzuversetzen“ und „Partei für ihn zu ergreifen .“ Dies beinhaltet die Kenntnis der Existenzbedingungen des Anderen, seines Sozialraums, gesellschaftlicher Mechanismen und Dynamiken. Bourdieu betrachtet das Individuum als Produkt äußerer Determinanten, wie Tradition, Gesellschaft, Religion und Geschichte. Demnach ist ein Verständnis der arabisch sprechenden Menschen eng mit der Einsicht in historische Bedingungen heutiger „sozialer und psychischer Prägungen“ verstrickt. Wie kann also das gegenseitige Verständnis der unterschiedlichen Kulturen gefördert werden, um zu einem respektvollen Miteinander zu finden? Diese Hausarbeit versucht zu einem interkulturellen Dialog beizutragen. Angesichts der bestehenden Unsicherheit vieler Deutscher gegenüber dem arabischen Gedankengut, möchte ich hiermit zu einem bessern Verständnis der reichen arabischen Kultur- und Literaturgeschichte verhelfen und vielleicht einige neue Aspekte und Zusammenhänge aufwerfen. Es lohnt sich bis in frühislamische Zeiten zurückzugehen, denn gegenwärtige Verhaltensmuster und arabische, ethische Vorstellungen gründen im Altarabischen. Besonders das Adab dient der Entschlüsselung altarabischer Lebensbedingungen, der Sozialräume und des Verhaltens. Doch was genau ist Adab?
Excerpt (computer-generated)
Universität Leipzig
Orientalisches Institut
Seminar: Klassische arabische Literatur
Adab alt-arabische Literatur als Schlüssel zum gegenwärtigen Verständnis
Hausarbeit von Sandra Calkins
Sommersemester 2005
Inhaltsverzeichnis
I. Adab als Verstehenshilfe 3
1. Einleitung 3
1.1 Begriff, Definition und Bedeutungswandel von Adab 4
II. Adab- Geschichte, Charakteristika und Werke 5
2. Die Evolution der Adab-Literatur 5
2.1 Verschriftlichung 5
2.2 Sesshaftwerdung 5
2.3 Gesellschaft 6
2.4 Politik 7
3. Pioniere der Adab-Literatur 8
4. Adab-Werke 8
4.1 Charakteristika von Adab-Werken 9
4.2 Standarisierte Textsorten 11
4.3 Narrative Textsorten 11
4.4 Appellative Textsorten 13
4.5 Adab der Hofsekretäre und Fürstenspiegel 13
5. Al-hi und al-Maarri Zwei herausragende Adab-Autoren 16
5.1 Al-hi- der Glotzäugige 16
5.2 al-Maarr Der Dichter-Asket 19
III. Adab - eine vergessene Literaturgattung? 22
Literaturverzeichnis: 26
2
I. Adab als Verstehenshilfe
1. Einleitung
Der 11. September kam und alles lag in Scherben. Die Welt man verstand sie nicht mehr. Dann hieß es nur noch ,,wir" und ,,sie". Den Menschen in den westlichen Staaten war mit einem Schlag klar geworden, dass sie die arabische Kultur nicht verstanden, sie ihnen fremd war. ,,Sie" stand repräsentativ für alle Araber, sogar alle Muslime, von denen man sich nun bedroht fühlte und sich abgrenzen wollte. Doch warum kann der Westen eine Kultur nicht verstehen, deren Gedankengut seit Hunderten von Jahren den lateinischen Sprachraum in Form von Übersetzungen infiltriert? Hatte man womöglich den Geist der Übersetzungen nicht verstanden? Was heißt es also zu verstehen?
Laut Pierre Bourdieu bedeutet verstehen ,,sich gedanklich in (den anderen) hineinzuversetzen" und ,,Partei für ihn zu ergreifen1." Dies beinhaltet die Kenntnis der Existenzbedingungen des Anderen, seines Sozialraums, gesellschaftlicher Mechanismen und Dynamiken. Bourdieu betrachtet das Individuum als Produkt äußerer Determinanten, wie Tradition, Gesellschaft, Religion und Geschichte. Demnach ist ein Verständnis der arabisch sprechenden Menschen eng mit der Einsicht in historische Bedingungen heutiger ,,sozialer und psychischer Prägungen" verstrickt. Wie kann also das gegenseitige Verständnis der unterschiedlichen Kulturen gefördert werden, um zu einem respektvollen Miteinander zu finden?
Diese Hausarbeit versucht zu einem interkulturellen Dialog beizutragen. Angesichts der bestehenden Unsicherheit vieler Deutscher gegenüber dem arabischen Gedankengut, möchte ich hiermit zu einem bessern Verständnis der reichen arabischen Kultur- und Literaturgeschichte verhelfen und vielleicht einige neue Aspekte und Zusammenhänge aufwerfen. Es lohnt sich bis in frühislamische Zeiten zurückzugehen, denn gegenwärtige Verhaltensmuster und arabische, ethische Vorstellungen gründen im Altarabischen. Besonders das Adab dient der Entschlüsselung altarabischer Lebensbedingungen, der Sozialräume und des Verhaltens. Doch was genau ist Adab?
1 Bourdieu, Pierre; Verstehen, in: Das Elend in der Welt, UVK: Konstanz (1997), S.786
3
1.1 Begriff, Definition und Bedeutungswandel von Adab
Die etymologische Geschichte des Wortes Adab spiegelt die Entwicklung der arabischen Kultur von der vorislamischen Zeit bis zur Moderne wider. Man nimmt an, dass Adab vom Plural db abgeleitet wurde, der ursprünglich den Plural zu dab, Sitte und Gewohnheit, bildete. In der vorislamischen Zeit war Adab ein Synonym von sunna, bedeutete demnach vor allem Gewohnheit, Brauch, Sitte, Moral und Verhaltenskonformität gemäß einer lobenswerten, tradierten Stammesnorm.2
Nach Erscheinen des Islam änderte sich die Wortbedeutung, ebenso wie sich Bräuche und Gewohnheiten der beduinischen Konvertiten wandelten. Die Innovation war das Hinzukommen von neuen Wortbedeutungen, wobei die alte Bedeutung von Adab nie komplett überholt wurde. Zu Beginn der abbasidischen Epoche stand Adab für die gute Erziehung, Höflichkeit, Eleganz, Etikette und Verfeinerung, im Gegensatz zu den alten, vorislamischen Sitten. Diese ethisch-soziale Bedeutung von Adab hielt sich durch das ganze islamische Mittelalter. Doch Adab hatte zu Beginn der Umayyadenzeit eine weitere Bedeutung angenommen. Adab bezeichnete die Summe des Wissens, das einen Mann zum Adb, also urbanen, kultivierten und höflichen Zeitgenossen, machte. Die Grundkenntnisse des Adb umfassten Rhetorik, Grammatik, Lexikografie und Metrik der arabischen Sprache, sowie Dichtkunst, Geschichte der arabischen Stämme und ihres Brauchtums.
Im Laufe der islamischen Expansion wurde dieses arabische Konzept von Adab als Folge des Kontakts mit fremden Kulturen ausgeweitet. Die Bildung des kosmopoliten Adb war interkulturell und beinhaltete nun auch Kenntnisse indischer, persischer und hellenistischer Literatur. Dieser transnationale Kulturbegriff des Adab wurde aber wenig später eingeschränkt. Adab bedeutete dann vorrangig die nötigen Erfahrungen und das Zugangswissen zur Beamtenlaufbahn, wie das Adab von Wesiren, Sekretären und Richtern. Bald darauf wurden Handbücher die fachspezifisches Wissen für Juristen und Beamte vermitteln sollten, Adab-Werke genannt. Somit wurde die Signifikanz von Adab auf eine Literaturgattung reduziert. H.A.R. Gibb entwarf eine interessante Theorie zum Bedeutungswandel von Adab, die auf einer Konkurrenz zwischen der persischen und der arabischen scholastischen Tradition fußt. Demnach tauchte der Begriff Adab häufig in den Titeln persischer Hofsekretäre und anderen Vertretern der iranischen soziokulturellen Welt
2 nach Nallino, C.A., La Litterature arabe, in: Bonebakker, S.A., Adab and the Concept of Belles Lettres, in: `Abbasid Belles Lettres, The Cambridge History of Arabic Literature, Cambridge, UK (1990), S. 16
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auf. Gegner der persischen Schule konterten und integrierten den Begriff ebenfalls in ihre Titel, um ihre arabische Sicht von Adab, d.h. korrektem ethischen und sozialen Verhalten, darzustellen (Bonebakker 1990: 22). Durch die häufige Nennung in Titeln arabischer und persischer Gelehrter, wurde der Name schließlich zum Programm, d.h. er stand für die Literaturgattung. Aber die Gleichsetzung von Adab mit einem Genre ist bis heute, wegen dem Abwechslungsreichtum und der Heterogenität der als Adab bezeichneten Werke, umstritten (Bonebakker 1990: 27-30=. Diese Arbeit verwendet den Begriff Adab vorrangig als Literaturgattung oder Genre und nennt die typischen literarischen Werke dieser Gattung Adab-Werke. Außerdem ist der hier verwendete Adab-Begriff vom gegenwärtigen arabischen Sprachgebrauch abzugrenzen. Denn heute bezeichnen Adab und der Plural db Literatur im weitesten Sinne, während ein Schriftsteller Adb heißt (Encyclopaedia of Islam 2001, Bonebakker 1990: 15-30). Doch zum Verständnis der Adab-Literatur ist mehr als eine begriffliche Definition notwendig. Im folgenden sollen die wichtigsten Faktoren analysiert werden, die das Milieu charakterisieren aus dem sich Adab herausbildete.
II. Adab- Geschichte, Charakteristika und Werke
2. Die Evolution der Adab-Literatur
2.1 Verschriftlichung
Eine erste Etappe in der Entwicklungen der schriftlichen arabischen Literatur, vollzog der Umayyaden-Kalif, Abd al-Malik (685-705). Er ließ die Verwaltungssprache vereinheitlichen und sorgte für die erste Standardisierung der arabischen Schrift. Für die Entfaltung des arabischen Schrifttums und die beachtliche Literaturproduktion des 9. und 10. Jahrhunderts, war außerdem die Schlacht der Araber mit chinesischen Truppen am Talas im heutigen Kirgistan entscheidend. Damals im Jahre 751 fielen den Arabern chinesische Papierfabrikanten in die Hände. In den Folgejahren verbreitete sich die Papierproduktion rasch über den Iran in den Irak (794) und schaffte somit die Grundlage für die Verschriftlichungswelle des 9. Jahrhunderts (Halm 2004: 34).
2.2 Sesshaftwerdung
Doch gab es neben den neuen technischen Möglichkeiten durch die Einführung des Papiers in den arabischen Raum auch gesellschaftspolitische Bedingungen, welche die Entwicklung einer schriftlichen literarischen Tradition begünstigten bzw. erst
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ermöglichten. Ein solcher Faktor war die Aufgabe des Beduinentums, die nach Aufkommen des Islam die arabische Halbinsel erfasste. Erst nach der Sesshaftwerdung war die Basis für die Sammlung von Schriftstücken und Büchern gelegt, da diese vorher der Mobilität einer nomadischen Lebensweise durch Größe und Gewicht abträglich waren. Die mündlichen Tradition der Beduinen wandelte sich so beschleunigt durch die einherschreitende Urbanisierung in eine schriftliche. Diese Veränderung der Lebensweise schlug sich auch thematisch nieder. Mit dem Verlassen der Wüste wurden das Thema der Wüstenlandschaft, des Zeltplatzes, der Wüstenbewohner und ihrer Tiere irrelevant. Stattdessen interessierte sich die junge städtische Bevölkerung für ethische, philosophische und religiöse Themen.
2.3 Gesellschaft
Ein Nebeneffekt der Urbanisierung war die Auflösung der Stammesstrukturen und zunehmende Individualisierung der Gesellschaft. Zu Beginn der islamischen Expansion schlossen sich nicht-arabische Konvertiten zum Islam, wie Inder, Perser und Türken, arabischen Stämmen an. Dabei waren die Konvertiten keineswegs mit den Arabers gleichgestellt, sondern lediglich durch Klientenverträge an die arabische Elite gebunden. Die Zahl der zugewanderten ,,Mawli" (dt: Klienten) stieg stetig an, besonders in den Städten des Irak. Das Bevölkerungswachstum und die Durchmischung der Völker begannen die Stammesstruktur zu unterwandern. Die schiere Anzahl der Menschen konnte nicht mehr in das Stammessystem integriert werden. Dies führte daher hin zu einer multi-kulturell-orientierten Gesellschaft- deren Führung aber weiterhin fest in arabischen Händen lag.
Ein wichtiger gesellschaftspolitischer Einflussfaktor des neunten Jahrhunderts war die Bewegung der Subya. Diese Strömung war die intellektuelle Reaktion auf den arabischen Führungsanspruch und die Dominanz. Die Subya war in erster Linie ein literarisches Phänomen. Anfangs wurde sie hauptsächlich von den Persern und Aramäern des Irak getragen. Das vergangene sasanidische Zeitalter wurde idealisiert und die Überlegenheit der Perser propagiert. Die geforderte Vormachtstellung der Perser wurde durch soziale und kulturelle Argumente nicht religiöse begründet. Zum Beispiel, war das abbasidische Verwaltungssystem nach persischem Muster organisiert. Die Leitung des administrativen Apparats übernahmen die einflussreiche Klasse der persischen Hofsekretäre. Dies galt Anhängern der Subya als Beweis für die Überlegenheit des sasanidischen [...]
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