Beat in der DDR close Bitte warten


Details

Veranstaltung: Seminar
Institution/Hochschule: Universität Wien (Politikwissenschaft)
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2008
Seiten: 23
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 16  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 230 KB
Archivnummer: V113656
ISBN (E-Book): 978-3-640-14110-4
ISBN (Buch): 978-3-640-14119-7

Zusammenfassung / Abstract

Die Leitfrage der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich mit den politischen Handlungen, die die SED im Bezug auf den Anfang der 1960er Jahren aufkommenden Beatboom setzte und versucht herauszustreichen, wie und warum es letztlich zu einem ständigen Auf und Ab zwischen staatlicher Förderung und massiver Ablehnung gekommen ist. Ich versuche im Hauptteil der Arbeit den politischen Zick-Zack-Kurs der SED einigermaßen chronologisch, im Fokus die Jahre 1964 bis 1972, herauszuarbeiten und zu begründen, warum einer Musikkultur wie dem Beat eine derart hohe politische Brisanz beigemessen wurde. Um die Handlungen der Führungsriege verständlicher zu machen, stelle ich zuvor im ersten Teil das ideologische Kulturverständnis der DDR sowie, im Konsens dazu, ihre Haltung zur Jugend vor. Für die Ausarbeitungen des Hauptteils dienten vorrangig die Literatur von Michael Rauhut und Peter Wicke, für den Kultur-und-Jugend-Teil insbesondere die Arbeiten von Katharina Silo und Brigitte Leißner. Weiters stellte in medienpolitischen Fragen auch das Buch „Zwischen Pop und Propaganda“, herausgegeben von Klaus Arnold und Christoph Classen, eine große Hilfe für das Verständnis der sozialistischen Agitation der DDR dar.

Textauszug (computergeneriert)

Gerhard Paleczny

PS - Musik und Politik





Seminararbeit

Beat in der DDR. Musik und Politik in der Grauzone - 1949 bis 1972.


WiSe 2007/08

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Gerhard Paleczny

PS - Musik und Politik

Index

Index 2

1. Einleitung 3

2. Kultur und Jugend in der DDR 4

2.1. Kultur und die sozialistische Persönlichkeit 4

2.2. Der Kulturimperialismus des Westens 5

2.3. Beatmusik als Kunst 5

3. Der Aufstieg des Beat ­ 1949 bis 1965 6

3.1. Rock N′ Roll und Brauselimonade - Die 1950er Jahre 6

3.2. Der Beat kommt! ­ Die erste Hälfte der 1960er Jahre 7

3.3. Arbeit mit Gitarrengruppen - Jugendpolitische Liberalisierung 8

3.4. Klare Köpfe und wackelnde Hintern - Beat in den Medien 9

4. Der Beat als Politikum ­ 1965 bis 1967 11

4.1. Beat in der Kontroverse 11

4.2. Auf offenem Anti-Beatkurs 13

4.3. Die Monotonie des yeah, yeah, yeah - Die 11. Tagung des ZK der SED 14

4.4. Die Druckwelle der 11. Tagung 15

5. Tanzmusikalisches Tauwetter ­ 1967 bis 1972 16

5.1. Die Pilzkopfstudien ­ das Ende der Restriktionen 16

5.2. Die Rückkehr des Beat 16

5.3. Die Profilierung des DDR-Rock 17

5.4. Rock und Politik in den 1970er Jahren 18

6. Zusammenfassende Schlussbetrachtung 19

7.1. Literatur 21

7.2. Weitere Quellen 22

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1. Einleitung

Es ist heutzutage kein Geheimnis mehr, dass nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen

Lebens in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) mehr oder weniger der staatlichen

Kontrolle unterlagen. Die Bereiche der so genannten Unterhaltungskunst und somit der

populären Musik stellten keine Ausnahme dar. Ganz im Gegenteil: die DDR-Führung hat bald

begriffen, dass die vom Westen überschwappenden Beatmusik1 nicht (wie anfangs

angenommen) als temporäre Modeerscheinung abgetan werden konnte, sondern tiefe Spuren

in den Alltag ganzer Scharen von Mädchen und Buben gegraben hatte.

Gerade die Jugend, für deren Erziehung zur ,,sozialistischen Persönlichkeit" schon immer

große Anstrengungen unternommen wurden, verfiel zusehends dem neuen Lebensgefühl, das

die ,,kapitalistisch-feindliche" Beatmusik aus dem Westen propagierte - ein herber Schlag für

die DDR-Führungsriege. Man erkannte, dass es nicht genügt ,,die kapitalistische Dekadenz in

Worten zu verurteilen, [...] gegen die ,Hotmusik′ und die ekstatischen Gesänge eines Presley

zu sprechen. Wir müssen besseres bieten."2 Das offizielle Verhältnis zur Musik ist

zwiespältig: So wurde Beatmusik in der DDR zwar einerseits gefördert, jedoch gleichzeitig

durch eine Vielzahl an Regelungen und kontrollierenden Institutionen an die sozialistische

Ideologie gebunden, zeitweise sogar vollends verboten. Dieser politische Zick-Zack-Kurs der

Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) sollte zu schweren Komplikationen mit

einer sich immer mehr emanzipierenden Jugend führen.

Die Leitfrage der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich mit den politischen Handlungen, die

die SED im Bezug auf den Anfang der 1960er Jahren aufkommenden Beatboom setzte und

versucht herauszustreichen, wie und warum es letztlich zu einem ständigen Auf und Ab

zwischen staatlicher Förderung und massiver Ablehnung gekommen ist. Ich versuche im

Hauptteil der Arbeit den politischen Zick-Zack-Kurs der SED einigermaßen chronologisch,

im Fokus die Jahre 1964 bis 1972, herauszuarbeiten und zu begründen, warum einer

Musikkultur wie dem Beat eine derart hohe politische Brisanz beigemessen wurde. Um die

Handlungen der Führungsriege verständlicher zu machen, stelle ich zuvor im ersten Teil das

ideologische Kulturverständnis der DDR sowie, im Konsens dazu, ihre Haltung zur Jugend

vor.

1 ,,Beatmusik" bezeichnete im offiziellen Sprachgebrauch der DDR frühe Spielarten des Rock. Der Begriff

,,Rockmusik" setzte sich in der DDR erst in der zweiten Hälfte der Siebziger Jahre durch und wurde dann im

nachhinein auf zu Beginn jenes Jahrzehnts aufbrechende Entwicklungslinien übertragen. (vgl. Rauhut 1993,

S.299)

2 Walter Ulbricht 1959 auf der 1. Bitterfelder Konferenz. In: Rauhut 1999, S.1790

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Für die Ausarbeitungen des Hauptteils dienten vorrangig die Literatur von Michael Rauhut

und Peter Wicke, für den Kultur-und-Jugend-Teil insbesondere die Arbeiten von Katharina

Silo und Brigitte Leißner. Weiters stellte in medienpolitischen Fragen auch das Buch

,,Zwischen Pop und Propaganda", herausgegeben von Klaus Arnold und Christoph Classen,

eine große Hilfe für das Verständnis der sozialistischen Agitation der DDR dar.

2. Kultur und Jugend in der DDR

2.1. Kultur und die sozialistische Persönlichkeit

Die Förderung von Kunst und Kultur wurden in der DDR seit jeher als eine bedeutende

Aufgabe des Staates angesehen. Sowohl die ,,hohe Kunst" als auch die ,,Unterhaltungskunst"

hatten eine ideologische Funktion zu erfüllen (vgl. Meyer 1994, 53). Kunst sollte ,,zur

allseitigen Ausgestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft" beitragen, ,,die

Triebkräfte des Sozialismus" freisetzen und ,,die Rolle der sozialistischen Kultur in den

internationalen Klassenauseinandersetzungen erhöhen" (Dolz 1988, 193). Dabei wurde im

Speziellen der Unterhaltungskunst ,,eine unersetzbare Funktion bei der Formung des Denkens

und des Fühlens der Menschen" (Ziermann 1988, 186) beigemessen. Kunst sollte also das

sozialistische Menschenbild bilden bzw. die sozialistische Persönlichkeit formen, um so

letztlich als ,,Waffe im Klassenkampf" (vgl. Wicke 1999, 1872) zu fungieren. So galt

beispielsweise sogar für den Rundfunk, dass ,,auch die Musiksendungen in geschickter Weise

unserem Kampf dienen müssen"3 (vgl. Arnold/Classen 2004, 90).

,,Die sozialistische Persönlichkeit wurde durch einen festen Klassenstandpunkt, das Streben

nach einer höheren Kultur im täglichen Leben, Freundschaft zur Sowjetunion und die Liebe

zum sozialistischen Vaterland charakterisiert."4

Nicht zuletzt sollte selbst die Unterhaltungskunst bei der ,,Reproduktion der Arbeitskraft"

mitwirken, da sie ja die sozialistische Persönlichkeit erzog, die ihrerseits wiederum zu

,,erhöhter Leistungsbereitschaft" führte (vgl. Ziermann 1988, 185f).

Empirische Untersuchungen über das Freizeitverhalten und die Freizeitinteressen von

(jungen) DDR-Bürgern ergaben, dass der allgemeine Bedarf an ,,Unterhaltung, Geselligkeit

und zwangloser Kommunikation" ebenso stetig anstieg wie das Bedürfnis nach ,,kulturellen

Gemeinschaftserlebnissen, [...] dem Austausch und der Vermittlung sozialer Erfahrungen,

[...] Tanz und Vergnügen" (Ziermann 1988, 182). Die SED erkannte die allgemein hohe und

stetig steigende Akzeptanz von Unterhaltungskunst bei der Jugend und schloss folgerichtig

3 Rede auf der 16. Tagung des ZK der SED im September 1953

4 In: Silo 2005, S.5

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weiters daraus, dass durch die Kunst sozialistische Werte breiten Massen vermittelt werden

können. Eine ,,freie" Entwicklung wurde den Jugendlichen aber nur soweit zugestanden, wie

,,es zum so genannten Wohl der sozialistischen Gesellschaft beträgt." (Leißner 1984, 26).

2.2. Der Kulturimperialismus des Westens

Der westlichen, kapitalistischen Kunst und Unterhaltung wurde freilich keine

ideologiefördernde Wirkung zugeschrieben; demzufolge versuchte man die Auswirkungen

des so genannten ,,Kulturimperialismus"5 so weit als möglich einzuschränken. Man war der

Meinung, dass westlicher Kulturbetrieb die kulturelle Vielfalt überdecke und standardisierte

Produkte liefere. Außerdem galt Populärmusik als ein Mittel der imperialistischen

Kriegsführung, nicht von ungefähr wurde selbst der Prager Frühling 1968 mit der westlichen

Musik in Verbindung gebracht.

Nichtsdestotrotz hielt er zu nicht unerheblichem Ausmaß Einzug in die sozialistischen

Staaten. So galt es, sozialistische Unterhaltungskunst deutlich von der des Westens

abzugrenzen und die qualitative Überlegenheit der hauseigenen Kulturprodukte

sicherzustellen (vgl. Dolz 1988, 205ff). Denn immer wieder wurde auf die Gefahren

unpolitischer Unterhaltungssendungen hingewiesen (Arnold/Classen 2004, 90f). Es ist

durchaus interessant, dass westlicher Unterhaltung in der DDR offenbar selbst von offizieller

Seite eine nicht unbedeutende Einflusswirkung zugerechnet wurde. Jedenfalls konnte somit

der staatliche Anspruch auf Eingriffe in kulturelle Prozesse legitimiert werden (vgl. Silo 2005,

6).

2.3. Beatmusik als Kunst

Spätestens Mitte der 1960er Jahre sah sich die SED-Führung genötigt, sich mit Populärmusik

eingehend auseinander zu setzen. Da sie auch als ein Teil der Unterhaltungskunst angesehen

wurde, sollte sie nicht nur populär sein, sondern auch künstlerischen Ansprüchen genügen

(vgl. Leißner 1984, 55). Beatmusik hatte also ihre gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen: sie

sollte die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaft widerspiegeln und somit zur

Erziehung zur ,,sozialistischen Persönlichkeit" beizutragen ­ und nicht einfach vom Westen

abgekupfert werden. So formulierte es später auch ein Positionspapier der Generaldirektion:

5 Der Begriff ,,Kulturimperialismus" meint die kulturelle Expansion imperialistischer Staaten bzw.

transnationaler Konzerne, die die kulturelle Identität anderer Länder und Völker bedroht (vgl. Dolz 1988, S.204).

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