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(K)ein England

Untertitel: Manifestationen und Transformationen hybrider Identitäten am Beispiel von Hanif Kureishis 'My Beautiful Laundrette'
Autor: Oliver Haag
Fach: Geschichte - Sonstiges

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Details

Veranstaltung: Forschungsseminar
Institution/Hochschule: Universität Wien (Zeitgeschichte)
Kategorie: Studienarbeit
Jahr: 2003
Seiten: 52
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 68  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 305 KB
Archivnummer: V113673
ISBN (E-Book): 978-3-640-14151-7
ISBN (Buch): 978-3-640-14163-0
Anmerkungen :
2-zeiliger Zeilenabstand

Zusammenfassung / Abstract

‚(K)ein England’ eröffnet eine zeithistorische Analyse identitätspolitischer Konzepte am Beispiel von Hanif Kureishis Film 'My Beautiful Laundrette'. Es werden die Kategorien von Ethnizität, Geschlecht und sexueller Orientierung im England der Ära Thatcher als Ansatzpunkt für hybride Identitätstheorien hervorgehoben. Die Dynamik von Identität wird im Zusammenhang von persönlicher Lebensgeschichte, Kultur und sozial-historischen Kategorien aufgezeigt.

Textauszug (computergeneriert)

(K)ein England. Manifestationen und Transformationen hybrider Identitäten am

Beispiel von Hanif Kureishis ′My Beautiful Laundrette′ | Oliver Haag

Studienarbeit

1


I n h a l t s v e r z e i c h n i s

Einleitung 3

I.

`My Beautiful Laundrette′ 9

I.I Der Handlungsverlauf 12

II.

Zwischen Individuum und Kollektiv--Identitätsdiskurse 18

II.I Identitätspolitik und die Konstruktion des Fremden 18

III.

Manifestationen und Transformationen hybrider Identitäten

32

Schlusswort

43

Literatur 45

2


Einleitung

Identität ist ein weit verwendeter Begriff. Er wird sowohl auf menschliche Individuen als

auch auf abstrakte Gemeinschaften und Gebilde bezogen: so heißt es, wir alle hätten eine

Identität, Kinder müssten ihre Identität erst finden, Heimatlose würden an einem

Identitätsverlust leiden und so fort. Dem gegenüber steht die Identität einer Gruppe: hierin

fallen besonders nationale und lokale Identitäten. Dies kommt besonders in der Frage nach

gemeinschaftlichen Wesenszügen zum Ausdruck. 1 Was macht die Tschechinnen und

Tschechen so unverwechselbar tschechisch? Oder die Britinnen und Briten so typisch britisch?

Worin liegen die Unterschiede zwischen den West- und Oststaaten? Was macht die Schwulen

zu den Schwulen, die Indigenen zu den Indigenen und dergleichen?

Identität hat also mit dem Wissen um sich selbst und über andere zu tun. So definiert

der Duden Identität etymologisch als ,,Selbigkeit"2, als das Wissen von sich selbst. Identität

ist demnach nicht mit Identischsein, letztlich Austausch- und Verwechselbarkeit,

gleichzusetzen. Dieses Wissen um sich selbst ist sowohl im Fall der individuellen als auch der

kollektiven Identität ein historisches: hier sind es die lebensgeschichtlichen Aspekte3, dort die

als gemeinsam angenommenen Vergangenheiten4. Beide, Individuum wie Kollektiv, wissen

sich als solche erst durch die Erzählungen der jeweiligen Geschichte, die sie in der Gegenwart

positionieren, um in der Zukunft Orientierung zu bieten.

Trotz aller Parallelen ist die Aufrasterung des Identitätsbegriffes in eine personale und

eine Gruppenidentität jedoch nicht völlig unproblematisch. Dies vor allem deshalb, weil durch

1 Vgl. etwa die Monographien von Ernst Bruckmüller (²1996), 19 zu Österreich und von

Patricia Grimshaw et al. (1996) zu Australien.

2 Vgl. Duden, Herkunftswörterbuch Bd. VII (³2001), s.v. Identität, 357, Sp. II.

3 Vgl. Erdheim (1984), VIIf.

4 Vgl. Assmann (1992), 132.

3


die Betonung des jeweiligen Singulars die Vielgestaltigkeit sowohl der politischen, wie auch

der personalen Identitäten häufig überdeckt wird. Immerhin hat niemand nur eine einzige

Identität. Im Gegenteil, Individuen und politische Gemeinschaften haben verschiedene

Dimensionen an Identitäten: Schwule sind nicht nur schwul, sondern können zusätzlich

schwarz, weiß, arm, wohlhabend und so weiter sein. Ebenso wenig referieren die

Charakteristika einer Nation bloß auf eine einzige kulturelle oder sozioökonomische Gruppe.

Das Problem der Homogenisierung von Identität trifft in besonderem Maße auf

politische Praktiken zu. Denn mit Identität wird und wurde Politik gemacht. So läuft eine

Identitätspolitik, die bestimmte Gruppen über Ab- und Ausgrenzungen sichtbar macht, leicht

Gefahr, Differenzen zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern zu verwischen und andere,

zumeist politisch schwächere Individuen aus der Gruppe auszublenden. Zum Beispiel wurden

und werden die (afrikanischen) Mörder Lumumbas als ,schwarze Europäer′ bezeichnet und

erst durch eine solche Titulierung aus dem ,echten′ Schwarzsein beziehungsweise aus dem

Afrikanischsein ausgeschlossen.5 Ähnliche Begriffe für die Annahme einer anderen Identität

und den daraus resultierenden (partiellen) Identitätsverlust gibt es bei indigenen Gruppen:

,coconut′ (innen weiß, außen schwarz) bei australischen Aborigines und ,apple′ (außen rot,

innen weiß) bei kanadischen Indigenen. 6 Identität, Identitätspolitik und die Erforschung

beider Phänomene sind sensible und heikle Themen.

Hinzu kommt, dass beim Umgang mit marginalisierten Gruppen oft Gegensatzpaare

an Verhaltensweisen und Einstellungen zu beobachten sind: Antisemitismus versus

Philosemitismus, Homophobie versus Homophilie, Rassismus versus Antirassismus. Sie

allesamt sind letztlich auf ,böse′ versus ,gut′ reduzierbar. Diese Dichotomien haben eine

Essentialisierung von Identität zum Effekt.

5 Vgl. Ki-Zerbo (1993), 587f.; Klicker (1993), 17.

6 Vgl. Heiss (2003), 196.

4


Homogenisierung und Essentialisierung von Identität thematisiert Hanif Kureishi in

,My Beautiful Laundrette′ auf bemerkenswert verständliche und zugleich niveauvolle Weise.

,My Beautiful Laundrette′, zu Deutsch ,Mein wunderbarer Waschsalon′, ist das Drehbuch zu

einem gleichnamigen von Stephen Frears produzierten Film. Der Film spielt im London der

1980er Jahre. Der Hauptprotagonist Omar, Sohn eines pakistanischen Zuwanderers, leitet

einen Waschsalon und stellt den arbeitslosen Johnny, Mitglied einer rechtsradikalen Gang, als

Hilfsarbeiter ein. Omar ist schwarz, Johnny weiß. Omar ist finanziell besser situiert als

Johnny und diesem überlegen. Beide verlieben sich ineinander, doch bleibt die Beziehung

stets hierarchisch--Omar ist Unternehmer, Johnny

sein

Arbeiter.

Der Film spielt mit gängigen Klischees und populären Identitätszuschreibungen. Er

stellt Identität als wandelbar und multidimensional dar. Diese Vielschichtigkeit wird in der

sozialwissenschaftlichen Literatur häufig mit dem Terminus der ,hybriden Identität′

umschrieben. Besonders die Schriften von Homi Bhabha (,The Location of Culture′) und von

Stuart Hall waren in diesem Kontext wegweisend.7

Anhand von Hanif Kureishis ,My Beautiful Laundrette′ soll in der hier vorliegenden

Arbeit nach Manifestationen und Transformationen hybrider Identitäten gefragt werden.

Dabei werden zum einen die historischen Zusammenhänge der im Film dargestellten

englischen Gesellschaft diskutiert. Zum anderen werden auf einer theoretischen Ebene die im

Film relevanten Identitätsdiskurse behandelt. Unter Diskurs verstehe ich gemeinsame

Erzählungen, die auf vielen Ebenen der privaten und öffentlichen Sphäre und Sprache

zusammenhängen und bestimmte Bilder erzeugen. Die Technologie des Diskurses wird zwar

durchaus von Machtstrukturen beeinflusst, doch bedeutet dies meiner Ansicht nach nicht, dass

7 Vgl. Bhabha (1994); Hall (1994); Hall (1996a); Hall (1996b).

5


das Individuum im Diskurs nicht auch autonom sein kann. Kurz, die einzelnen Akteurinnen

und Akteure sind den herrschaftlichen Diskursen nicht gänzlich unterworfen.8

Diese Arbeit ist im Kontext der Cultural Studies verortet und versteht den

Kulturbegriff im Sinne der Cultural Studies. Denn für Identität ist nicht nur Geschichte

sondern auch Kultur ausschlaggebend. Was bedeutet das im konkreten?

Cultural Studies haben--vereinfacht gesprochen--eine Kulturanalyse zum Inhalt. Die

Geschichte dieser in Großbritannien entstandenen Disziplin ist selbst von Kontinuitäten und

von Brüchen gekennzeichnet.9 So wurde anfangs noch ein elitärer, den literarischen English

Studies entlehnter Kulturbegriff verwendet, der erst durch die Thematisierung der

Arbeiterkultur auch den Alltag als kulturrelevant erfasste. Dabei wurde als Analyseschema

auf die Kategorie der Klasse fokussiert. Somit ergab sich das Dilemma, dass die Disziplin, die

die Kultur und deren Mythen beschreiben und analysieren sollte, historisch gesehen, Mythen

nicht hinterfragte, sondern bestätigte. Kultur wurde nicht analysiert, sondern definiert--sei

dies nun in der Bestärkung einer nationalen Identität Englands oder einer Identität der

Arbeiterschaft gelegen.

In den für die Cultural Studies einflussreichen Texten von Richard Hoggart und

Raymond Williams wurde Kultur zunehmend als Summe geteilter Lebensweisen und

Lebenserfahrungen verstanden. 10 Damit wurde der individuelle Definitionsrahmen zu

Ungunsten einer von außen erfolgten Zuordnung gestärkt. Dennoch blieben die Kategorien

der Klasse und der Community als die zwei bestimmenden Säulen von Kultur dominierend.

Dies änderte sich erst ab den 1970ern mit dem Aufkommen feministischer Theorien und vor

8 Vgl. Fairclough (1995), 92.

9 Zur Geschichte der Cultural Studies vgl. zusätzlich Lutter/Reisenleitner (1998), 18ff., 119-

121, 125f.; Chambers (1993), 154.

10 Vgl. Hoggart (1972); Williams (1958).

6


allem durch die Einflüsse der US-amerikanischen Cultural Studies. Letztere fokussierten

vermehrt auf die Kategorien von Race und Geschlecht, über die Identität hergestellt wird.

Mit dieser Wende wurde die Geschlechterblindheit in den britischen Cultural Studies

aufgeweicht. Dieses Amalgam ermöglichte eine Dekonstruktion von Geschlechts- und

Identitätskonstruktionen, ohne auf die Kapitalismuskritik der britischen Schule zu verzichten.

Kultur im Sinne der Cultural Studies ist demnach als Ausfluss gemeinsam geteilter

Lebensweisen zu verstehen. Kulturen setzen sich aus individuellen und kollektiven

Erfahrungen zusammen und können in Abgrenzung zu anderen Kulturen eine fiktive

Gemeinschaft bilden. Rassismus und Neoliberalismus beispielsweise können Bestandteil einer

oder mehreren Kulturen sein, womit ersichtlich wird, dass Kultur nicht zwangsläufig positiv

konnotiert sein muss.

Als Analysegrundlage dient hier zum einen der Film als audiovisuelle Quelle, zum

anderen das von Kureishi redigierte Drehbuch ,My Beautiful Laundrette′. 11 Die

Sekundärliteratur zum Film ,My Beautiful Laundrette′ ist breit gestreut. Die meisten Arbeiten

wie jene von Susanne Knittel und Bettina Saarela entstammen literaturwissenschaftlichen

Perspektiven. 12 Kenneth Kaleta und Corinna Hein theoretisieren Kureishis Schriften im

Kontext post-kolonialer Theorien.13 Viele Autorinnen und Autoren wie Silke Voithofer, Ines

Böhner und Linda Chan-Shun et al. analysieren ,My Beautiful Laundrette′ im Kontext

anderer von Hanif Kureishi herausgegebener Schriften.14

Obwohl die Frage nach Identität in vielen Studien dominiert, wurden hybride

Identitätskonstruktionen bislang oftmals ausgeblendet. Historische Analysen sind ebenfalls rar.

11 My Beautiful Laundrette, (1985); Kureishi (1986b).

12 Vgl. Knittel (2001); Saarela (2004).

13 Vgl. Kaleta (1998); Hein (2007).

14 Vgl. Voithofer (2003); Böhner (1996); Chan-Shun (1998).

7


Diese Arbeit schlägt mit der Thematisierung hybrider Identitätstheorien einen anderen Weg

ein. Ebenfalls finden die gesellschaftspolitischen Zusammenhänge Englands nähere

Berücksichtigung.

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