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Jüdische Münchener Emigranten in London

Examination Thesis, 2004, 97 Pages
Author: Joseph Badde
Subject: History - Miscellaneous

Details

Event: Jüdische Geschichte
Institution/College: LMU Munich
Tags: Jüdische, Münchener, Emigranten, London, Jüdische, Geschichte
Category: Examination Thesis
Year: 2004
Pages: 97
Grade: 1
Bibliography: ~ 115  Entries
Language: German
Archive No.: V113674
ISBN (E-book): 978-3-640-21265-1
ISBN (Book): 978-3-640-21273-6
File size: 1648 KB

Abstract

Mit der Grundsteinlegung des neuen jüdischen Gemeindezentrums am 9. November 2003 am Jakobsplatz in München rückte die jüdische Gemeinde Münchens nach ihrer Zerstörung und Vertreibung in den 30er Jahren für jedermann wieder sichtbar in das Zentrum der Münchener Innenstadt. Dies ist aufgrund ihres raschen Wachstums in den letzten 10 Jahren auch angebracht, da die heutige jüdische Gemeinde mittlerweile, mit ca. 9000 Mitgliedern, wieder ungefähr so groß ist wie vor 1933.1 Doch sind nur die wenigsten Mitglieder der heutigen jüdischen Gemeinde Personen oder Nachfahren der damals in München lebenden Juden. Wohin gingen die Emigranten, die ihrer Vernichtung entkommen konnten und was machten diese Personen? Diese Frage war der Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit. Aufgrund eines einjährigen Aufenthaltes als Assistant-teacher in London, bei dem ich mit der dortigen jüdischen Gemeinde in Westminster in Kontakt kam, lag es nahe, dass die vorliegende Zulassungsarbeit sich mit den jüdischen Münchner Emigranten in London beschäftigt. [...]


Excerpt (computer-generated)

JÜDISCHE MÜNCHENER EMIGRANTEN IN

LONDON

ZULASSUNGSARBEIT

ZUR ERLANGUNG DES ERSTEN STAATSEXAMENS

VORGELEGT

AN DER

LUDWIG-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT MÜNCHEN

HISTORISCHES SEMINAR

JÜDISCHE GESCHICHTE

5. FEBRUAR 2004

VON

JOSEPH BADDE

LA GYM. ENGLISCH/GESCHICHTE


INHALTSVERZEICHNIS

A. Einleitung

2

B. Methodische Überlegungen

5

1. Oral History

5

2. Eigene Vorgehensweise

9

C. Historischer Kontext

14

1. Jüdisches Leben in München

14

a) Historischer Abriss bis 1939

14

b) Antisemitismus in München

19

c) Emigration aus München

25

2. Die Situation in Großbritannien

27

a) Immigrationspolitik

27

b) Ankunft und Integration

33

D. Vorstellung der Befragten

37

E. Auswertung der Interviews

41

1. Erfahrungen in der Jugend

41

a) Elternhaus

41

b) Kindheit in München

48

c) Emigration

59

d) Ankunft

62

2. Integration, Selbstverständnis und Identität heute

68

a) Integration

68

b) Identität

69

c) Sprache

72

d) Deutsch, Jüdisch, Englisch?

74

e) Judentum, Religion und Israel

75

f) Kinder und Enkelkinder

77

g) Emigranten heute

79

h) Verhältnis zu Deutschland, Bayern und München

81

F. Schlussbetrachtung

85

G. Anhang

87

1. Fragebogen

87

2. Quellen

89

3. Bibliographie

90


A. EINLEITUNG

Mit der Grundsteinlegung des neuen jüdischen Gemeindezentrums am

9. November 2003 am Jakobsplatz in München rückte die jüdische Gemeinde

Münchens nach ihrer Zerstörung und Vertreibung in den 30er Jahren für

jedermann wieder sichtbar in das Zentrum der Münchener Innenstadt. Dies ist

aufgrund ihres raschen Wachstums in den letzten 10 Jahren auch angebracht, da

die heutige jüdische Gemeinde mittlerweile, mit ca. 9000 Mitgliedern, wieder

ungefähr so groß ist wie vor 1933.1 Doch sind nur die wenigsten Mitglieder der

heutigen jüdischen Gemeinde Personen oder Nachfahren der damals in München

lebenden Juden. Wohin gingen die Emigranten, die ihrer Vernichtung entkommen

konnten und was machten diese Personen? Diese Frage war der Ausgangspunkt

der vorliegenden Arbeit.

Aufgrund eines einjährigen Aufenthaltes als Assistant-teacher in London, bei dem

ich mit der dortigen jüdischen Gemeinde in Westminster in Kontakt kam, lag es

nahe, dass die vorliegende Zulassungsarbeit sich mit den jüdischen Münchner

Emigranten in London beschäftigt.

Ich entschied mich für die Befragung eines kleinen Samples, also für eine

qualitative empirische Untersuchung im Rahmen der

Oral History

. Die gewählte

Methode bot die Möglichkeit den einzigartigen persönlichen Erfahrungen der

Emigranten nachzugehen, einen Einblick in die Situation der damals in München

lebenden jüdischen Kinder zu bekommen und dabei etwas von der Atmosphäre

der damaligen Zeit zu erfassen. Da die Kindheit eine sehr prägende Phase im Leben

darstellt, war außerdem gefragt, inwieweit die in der Kindheit gemachte Erfahrung

von Ausgrenzung, Emigration und Ankunft in einem neuen Land, nachhaltige

Spuren bei den Personen hinterlassen habe. Dabei war zu berücksichtigen, dass es

sich in allen Fällen um Aussagen in großem zeitlichem Abstand, also um

Erinnerungen handelt. Diese Erinnerungen sollten verglichen werden, um ein

Gesamtbild der beschriebenen Personen, der Stimmung in München und der

geschichtlichen Umstände zu skizzieren. Somit soll diese Arbeit auch ein Stück

1 Vgl. Michael Brenner,

Die Steine mit Leben zu füllen

, in: Süddeutsche Zeitung vom 8./9. November

2003.

2


Münchener Stadtgeschichte wiederspiegeln und eine Erinnerung und Würdigung

der aus München vertriebenen Einwohner jüdischen Glaubens beziehungsweise

jüdischer Herkunft sein.

Da es sich bei interviewten Personen nicht um eine große homogene Gruppe,

sondern um eine recht kleine, neun Personen umfassende heterogene Gruppe

handelt, die zumeist unabhängig voneinander nach England flohen und auch dort

nicht unbedingt im Kontakt miteinander waren, kann diese Arbeit keine

quantitative, sondern nur eine qualitative Studie darstellen. Dies bedeutet, dass

durch die vorliegende Arbeit keine verallgemeinerbaren Erkenntnisse gewonnen,

sondern nur subjektive Erinnerungen und Meinungen einzelner Befragter

wiedergegeben werden können, die Ergebnisse vorliegender Untersuchungen

bestätigen oder diesen widersprechen. Besonders ist dabei die 1984 erschienene

soziologische Studie

Continental Britons2

von Marion Berghahn zu erwähnen, die

mit 180 Zeitzeugengesprächen eine bisher einzigartige quantitative Untersuchung

über deutsch-jüdische Emigranten in England anfertigte. Diese Untersuchung

wurde bei meiner Untersuchung oft zum Vergleich herangezogen, wobei zu

beachten war, dass sie mittlerweile schon über 20 Jahre alt ist.

Psychologischen Fragestellungen, die unweigerlich bei einer solchen Untersuchung

auftauchen, wenn es um Fragen der Assimilation, Identität und Verhaltensformen

geht, erwähne ich zwar, steige jedoch nicht in tiefere psychologische

Erklärungsversuche ein, da dies nicht Absicht der Arbeit ist und auch meine

Kompetenz übersteigen würde.

Im Folgenden werden die Lebenswege der einzelnen Emigranten beschrieben und

verglichen, um eventuell gemeinsame Züge herauszuarbeiten. Dem gehen

Ausführungen über

Oral History

voraus, die Darstellung der eigenen methodischen

Vorgehensweise und der politischen Ausgangssituation in München und London

zur Zeit der Emigration.

Da die für dieses Thema relevanten Zeitzeugen in Großbritannien leben, wurden

im Sommer 2003 von mir in London insgesamt neun Zeitzeugeninterviews mit dort

lebenden geborenen Münchenern durchgeführt, was der

Deutsche Akademische

Austauschdienst

dankenswerter Weise mit 700,- förderte. Die Zeitzeugen stellten

2 Marion Berghahn,

Continental Britons

, London 1984.

3


außerdem Fotos und diverse Dokumente zu Verfügung und waren, während ich

die Arbeit schrieb, bereit, auf Rückfragen bei Unklarheiten einzugehen, was zur

weiteren Vollständigkeit der Arbeit beitrug.

4


B. METHODISCHE ÜBERLEGUNGEN

1. Oral History

Während Peter Hanke sich 1968 noch in der Vorbemerkung zu seiner

Dissertation ,,Zur Geschichte der Juden in München zwischen 1933 und 1945" für

die Hinzuziehung von Zeitzeugen fast entschuldigte3, ist das Selbstverständnis, mit

dem Historiker

Oral History

nützen, in den letzten 30 Jahren erheblich gestiegen.

Aus den Vereinigten Staaten Anfang der 70er Jahre kommend, fand die

Oral History

in den Kultur- und Sozialwissenschaften Europas ideale Rahmenbedingungen vor.4

Im besonderen vor dem Hintergrund der Studentenbewegung war mit den

,,

Geschichtswerkstätten

" in Deutschland eine Gegenströmung zu etablierten

Geschichtswissenschaft entstanden, die die subjektiven Erinnerungszeugnisse dort

als Quelle einführte, wo ein Defizit an herkömmlichen Quellen herrschte oder diese

einer Ergänzung bzw. eines anderen Blickwinkels bedurften.5 Dieses neue

,,

demokratische Geschichtsbild

" fand vor allem in der Lokal- und Regionalgeschichte

Resonanz,

,,wo nun überprüft wurde, wie denn die großen historischen Prozesse in der

vertrauten Welt des Lokalen erlebt und verarbeitet wurden."

6

Doch sind

Erinnerungsinterviews in der Geschichtsschreibung im Grunde7, außer dass sich in

den letzen Jahrzehnten die technischen Möglichkeiten zur Aufnahme erheblich

verbessert haben, nichts Neues. Denn die Befragung von Augen- und Ohrenzeugen

gehörte schon immer zu den Methoden der Geschichtsschreibung, so dass

Reinhard Koselleck schon in Herodot den ,,

Erfinder

" und ,,

unübertroffenen Meister

3

,,...wiewohl ich mir durchaus des manchmal zweifelhaften Quellenwertes solcher Aussagen bewußt bin."

Peter Hanke,

Zur Geschichte der Juden in München zwischen 1933 und 1945

. München 1967, S. 7.

4 Vgl. Louis M. Starr,

"Oral History"

, in: Encyclopaedia of Library and Information Science, New

York 1977, Bd. 20, S. 440 ff.

5 Alexander von Plato:

Erfahrungsgeschichte- von der Etablierung der Oral History,

in: Gerd Jüttemann /

Hans Thomae (Hg.) Biographische Methoden in de Humanwissenschaften. Weinheim 1998, S. 60-74,

hier S. 60 ff.

6 Friedemann Schmoll:

Einleitung

, in: Wolfgang Sannwald (Hg.):

Erlebte Dinge, erinnerte Geschichte.
Soziale Geschichtsprojekte, Oral History und Alltagsgeschichte in der Diskussion.

Dokumentation einer

Tagung des Landkreises Tübingen und des Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Sozialordnung

Baden-Württemberg. Gomaringen 1995, S. 2-4, S. 3.

7 John Barnes ist sogar der Meinung, dass

"contemporary history is best concerned with the period in
which there can be profitable interaction between oral testimony and at least some documentation."

John

Barnes,

Books and Journals

, in: Anthony Seldon (ed.), Contemporay History. Practice and Method,

Oxford ­ New York 1988, S. 30-54, S. 30.

5


der Oral History

" entdeckte.8 Aus der umfangreichen Literatur, die mittlerweile zu

diesem Thema vorliegt9, sind im Zusammenhang mit der vorliegenden Arbeit

besonders die folgenden methodologischen Aspekte von Interesse.

Hauptziel war und ist es, bei den Erinnerungsinterviews die Erfahrungswelten der

Subjekte in die Geschichte zu integrieren und zwar nicht die prominenter

Einzelner, sondern die der ,kleinen Leute′10. Hierbei mussten sich die

Oral

Historians

einer Kritik stellen: Wenn man ein Mikrophon vor ältere Leute hält,

entsteht dabei noch nicht verlässliche Geschichtsschreibung. Man muss fragen, wie

verlässlich das Erinnerungsvermögen der Befragten ist und in wieweit das Erzählte

reflektiert, idealisiert, glättet oder gar verfälscht worden ist. In Bezug auf die

Auswertung entsteht die Frage, ob die Auswahl der Befragten repräsentativ genug

ist, um einen überzeugenden Transfer von der mikrohistorischen Ebene der

subjektiven Erfahrung zur makrohistorischen Ebenen der gesellschaftlichen

Struktur glaubhaft vornehmen zu könne.11 Dabei ist ein interessanter aber nur

teilweise mein Thema berührender Aspekt, dass

Oral History

als

Erfahrungsgeschichte nicht nur heuristisches Hilfsmittel sein will, sondern eine

eigene Forschungsrichtung, die Verarbeitungsformen historischer Erlebnisse und

die Veränderungen der Selbstdeutungen von Menschen untersuchen will und

somit das ,,

kommunikative Gedächtnis

", das ,,

in der Regel nur [ein] drei Generationen

verbindende Gedächtnis der mündlich weitergegebenen Erinnerungen

" ist, in ein

,,

kulturelles Gedächtnis

", dass heißt in ein diesen Drei-Generationen-Zeitraum

übergreifendes Gedächtnis überführt.12

Ein weiteres Problem für den Historiker ist, dass er zwar die sich unvermittelt

ergebenden Erfahrungs- und Erlebnisberichte der Befragten als Quelle nutzen

kann, sie gleichzeitig aber auch wider Willen zerstören kann, weil er in der Gefahr

8 Reinhard Koselleck,

Begriffsgeschichtliche Anmerkungen zur ,,Zeitgeschichte"

, in: Victor

Conzemius/Martin Greschat/Hermann Kocher (Herg.), Die Zeit nach 1945 als Thema kirchlicher

Zeitgeschichte, Göttingen 1988, S. 21.

9 Vgl. Bibliographie: Atteslander; Apitzsch; Brüggemeir; Huber; Inowlocki; Meindl; Lipp;

Niethammer; Plato; Reinau; Ungern-Sternberg; Vorländer; Welser; Wierling usw.

10 Wolfgang Benz:

Das Exil der kleinen Leute, Alltagserfahrungen deutscher Juden in der Emigration

.

München 1991, S. 36.

11 Hans Günter Hockerts:

Zeitgeschichte in Deutschland. Begriff, Methoden, Themenfelder,

in: Aus Politik

und Zeitgeschichte. B 29-30/1993, S. 3-19, S. 9.

12 Aleida Assmann:

Erinnerungsräume. Formen und Wandel des kulturellen Gedächtnisses

. München

1999, S. 13.

6


steht, seinen Erfahrungsraum mit dem des Befragten gleichzusetzen. Max Weber,

der dieses Problem schon frühzeitig erkannt hat, fasst diese Problematik in

folgenden Satz zusammen:

,,Stets gewinnt das ,Erlebnis′, zum ,Objekt′ gemacht,

Perspektiven und Zusammenhänge, die im ,Erlebten′ eben nicht gewußt werden."

13 Das

heißt im Falle der vorliegenden Arbeit, dass, wenn die Interviews interpretiert und

eingearbeitet worden sind, dies für die interviewten Personen, wenn sie es in

gedruckter Fassung lesen, befremdlich wirken kann. Es ist in anderen Worten

einfacher, über schon verstorbene Personen Geschichte zu schreiben, als über noch

lebende, die in dem einen oder anderen Fall noch Ungereimtheiten entdecken

werden oder sich missverstanden fühlen.

Nicht aufzuheben ist vermutlich ein immanenter Widerspruch der

Oral History

:

Einerseits soll der Informant dem Forscher gegenüber als gleichberechtigt

verstanden werden, andererseits ist aber das Verhältnis von Frager und Befragtem

immer diametral. Die Zugzwänge, in die ein Informant insbesondere bei einem

offenen Interview geraten kann, verdeutlicht die Oral History-Forscherin Almut

Leh. Sie unterstellt dem Interviewer, bei seinem Informanten einen Verlust der

Selbstkontrolle herbeiführen zu wollen, um an Informationen zu gelangen, die ihm

bei anderen Formen des Interviews wohl eher verschlossen bleiben würden:

,,Es

wird versucht, die üblichen Kommunikationsregeln außer Kraft zu setzen, nach denen jeder
mehr oder weniger in der Lage ist, unliebsame Themen auszuklammern, unangenehme

Fragen zu übergehen ­ eben zu verschweigen, worüber er nicht reden will."

14 Doch gerade

diese Dinge wären für den Forscher interessant und würden unter Umständen zu

neuen Erkenntnissen führen. Der Interviewer steht somit vor dem ethischen

Dilemma, den Informanten geschickt dahin zu bringen, dass er

,,Dinge [erzählt], die

er noch nie erzählt hat"15

oder sich dem Informanten gegenüber quasi demokratisch

zu verhalten. Da Almut Leh ihren Kollegen unterstellt, doch eher dem ersteren

zugeneigt zu sein, würde sie selbst kein lebensgeschichtliches Interview geben

13 Max Weber:

Objektive Möglichkeit und adäquate Verursachung in der historischen Kausalbildung

, in:

ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hrsg. von Johannes Winckelmann, Tübingen

71988, S. 266-290, S. 280.

14 Almut Leh:

Forschungsethische Probleme der Zeitzeugenforschung

, in: BIOS 13/1 (2000), S. 64-76, hier

S. 66.

15 Ebd.

7


wollen: ,,

Meine spontane Antwort wäre wahrscheinlich Nein ­ schließlich weiß man ja,

was einen da erwartet

."16

Als letztes soll erwähnt werden, dass die äußern Gegebenheiten des Interviews,

wie der Ort17, die Atmosphäre zwischen Interviewer und Interviewtem18 und ihre

aktuelle mentalen beziehungsweise physische Verfassung19 meist nur am Rande

berücksichtigt werden können, auch wenn sie unter Umständen sehr entscheidend

das Interview prägen. Dieses Manko wäre mit Hilfe eines psychologisch geschulten

Beobachters zu beheben, der diese Gegebenheiten weitgehend objektiv feststellen

könnte.20

Die erwähnten Kritikpunkte könnten zu dem Schluss führen, dass

Oral History

als

Forschungsmethode mehr Fragen aufwirft als beantwortet und somit un-

befriedigend ist. Dass dem nicht so ist, soll in der vorliegenden Arbeit gezeigt

werden, in der versucht wird

Oral History

nicht pur, sondern soweit wie möglich in

ihren historischen Kontext eingebettet wiederzugeben, gleichzeitig jedoch den

narrativen und illustrativen Stil der Interviews ergänzt durch Photos zu belassen,

um bei der Darstellung den subjektiven Erinnerungshorizont möglichst wenig zu

verzerren.

16 Almut Leh:

Forschungsethische Probleme der Zeitzeugenforschung

, S. 64

17 Hier entstehen Fragen von Anspruch und Realität. An welchem Ort zu welcher Zeit wäre das

Interview theoretisch am besten durchzuführen und welcher Ort wird dann aufgrund der

gegebenen Möglichkeiten zur Durchführung des Interviews ausgewählt. In einem Fall konnte ich

beispielsweise das Interview nur während dem Essen in einem Restaurant durchführen...

18 Fragen von Sympathie und Antipathie. In meinem Fall auch die Frage, ob ich als Deutscher nicht

auch in irgendeiner Weise mit der Vergangenheit belastet sei. Fragen nach dem Engagement meinen

Großeltern in der Nazizeit usw.

19 Da manche der interviewten Personen schon recht alt waren und ich als Interviewer ihrer

gesundheitlichen und mentalen Zustand nicht kannte, war die Frage in welcher Verfassung ich sie

vorfinden würde reine Glückssache.

20 Vgl. Alexander von Plato,

Geschichte und Psychologie ­ Oral History und Psychoanalyse

, in: BIOS 11/2

1998.

8



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