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Textbook, 2008, 105 Pages
Author: Dr. rer. pol. Daniel Scheible
Subject: Economics / Business: Personnel and Organisation
Details
Year: 2008
Pages: 105
Bibliography: ~ 125 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-13263-8
ISBN (Book): 978-3-640-19533-6
File size: 335 KB
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Abstract
Globale Unternehmen sind dann erfolgreich, wenn es ihnen gelingt, die Geschäftsprozesse so zu koordinieren, dass eine effiziente Bearbeitung der als global angesehenen Märkte gelingt. Um Antworten darauf zu finden, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit interkulturelle Kompetenz in der globalen Unternehmung zum Erfolgsfaktor wird, wird untersucht, was unter interkultureller Kompetenz zu verstehen ist und welchen Einfluss diese Kompetenz auf die Prozesse im globalen Unternehmen haben kann. Anschließend werden Maßnahmen und ihre Wirkungsweisen vorgestellt, mit denen das globale Unternehmen auf die interkulturelle Kompetenz im Unternehmen Einfluss nehmen kann. Es wird deutlich, dass eine Steigerung der interkulturellen Kompetenz im globalen Unternehmen eine Beschleunigung der Abstimmungsprozesse zwischen den Mitarbeitern bewirkt, wenn die Entwicklungsmaßnahmen sowohl auf der individuellen Ebene als auch auf der organisationellen Ebene greifen. Für die Effektivität interkultureller Entwicklungsmaßnahmen ist es wichtig, dass den Teilnehmern interkulturelle Erfahrungsmöglichkeiten und Räume zur Reflexion der gesammelten Erfahrungen geboten werden. Damit die Effekte nachhaltig sind und interkulturelle Interaktion im globalen Unternehmen stattfinden kann, muss das Unternehmen seine Mitarbeiter darin unterstützen, Kontakte untereinander und über kulturelle Grenzen hinweg zu knüpfen und die Austauschbeziehungen zu pflegen. Im Rahmen interkultureller Trainingseinheiten können Mitarbeiter zusammengebracht und angeregt werden, sich über die Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszutauschen. Für die langfristige Pflege der Netzwerke bedarf es aber weiterer Institutionen im Unternehmen, die einen regelmäßig stattfindenden Austausch gewährleisten.
Fulltext (computer-generated)
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
Abbildungsverzeichnis III
1
Einleitung 1
2
Globale Unternehmen 3
2.1
Merkmale globaler Unternehmen 3
2.2
Gründe für die Globalisierung eines Unternehmens 8
2.3
Koordination im globalen Unternehmen 9
2.4
Interkulturelle Kompetenz als Faktor für den Erfolg auf
globalen Märkten 15
3
Interkulturelle Kompetenz 17
3.1
Definitionen interkultureller Kompetenz 17
3.2
Kulturbegriff 20
3.3
Kommunikationsbegriff 29
3.4
Interkulturelle Kommunikation 35
3.5
Erweiterung des Begriffs der interkulturellen Kompetenz 42
4
Entwicklung interkultureller Kompetenz 46
4.1
Möglichkeiten der Einflussnahme auf die interkulturelle
Kompetenz 46
4.1.1
Einflussnahme auf interkulturelle Kenntnisse und
Fähigkeiten 46
4.1.2
Einflussnahme auf die Bereitschaft zur interkulturellen
Zusammenarbeit 51
4.2
Interkulturelles Training 53
4.2.1
Gründe für die Einführung interkulturellen Trainings 54
4.2.2
Inhalte interkulturellen Trainings 55
4.2.3
Unzulänglichkeiten existierender Trainings 57
4.2.4
Interkulturelles Training als Maßnahme zur
Organisationsentwicklung 60
I
Inhaltsverzeichnis
5
Leistungsbeitrag interkultureller Kompetenz zum
Unternehmenserfolg 63
6
Diskussion und Schlussfolgerungen 69
6.1
Diskussion 69
6.2
Schlussfolgerungen 79
6.3
Ausblick 82
7
Zusammenfassung 85
Literaturverzeichnis 87
II
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Modell der globalen Organisation 6
Abb. 2: Komponenten internationaler Management-Kompetenz 19
Abb. 3: Sender-Empfänger-Modell 30
Abb. 4: Interaktionsmodell der interkulturellen Kommunikation 31
Abb. 5: Konvergenzmodell 33
Abb. 6: Phasenmodell des Kulturschocks 40
Abb. 7: Modell des Kulturschocks als Lern- und Reifeprozess 41
Abb. 8: Elemente interkultureller Kompetenz 44
Abb. 9: Handlungs- und lerntheoretisches Konzept interkultureller
Kompetenz 49
III
Einleitung
1 Einleitung
Viele Unternehmen verstehen sich heutzutage als global agierend. Doch
was macht ein Unternehmen eigentlich zu einer globalen Organisation?
Und welche Herausforderungen ergeben sich, wenn in dieser Organisati-
on Mitarbeiter aus verschiedenen Regionen der Erde, Mitarbeiter mit viel-
fältigen kulturellen Prägungen zusammenarbeiten?
Lange Zeit stellten sich Wirtschaftswissenschaftler diese Frage nicht. Man
nahm an, das perfekte Produkt spreche für sich (vgl. Müller 1991: 29).
Daher haben viele international tätige Unternehmen auch erst spät be-
gonnen, sich Gedanken darüber zu machen, wie die Interaktion ihrer kul-
turell unterschiedlich geprägten Mitarbeiter effektiver und effizienter wer-
den kann. Seit einigen Jahren hat sich nun im Feld der interkulturellen
Weiterentwicklung von Mitarbeitern eine rege Tätigkeit eingestellt. Das
entsprechende Know-how stammt dabei häufig von Anthropologen, Psy-
chologen, Kommunikationswissenschaftlern und Angehörigen anderer
Fachdisziplinen (vgl. Matoba/Scheible 2007a: 119).
Die vorliegende Arbeit will bewusst die wirtschaftswissenschaftliche Per-
spektive einnehmen. Zunächst wird der Frage nachgegangen, was ein
globales Unternehmen eigentlich ausmacht und inwiefern interkulturelle
Kompetenz für die Geschäftstätigkeit eines solchen Unternehmens er-
folgsrelevant sein kann. Es schließen sich konzeptionelle Überlegungen
an, was interkulturelle Kompetenz ausmacht, bevor darauf eingegangen
wird, wie interkulturelle Kompetenz entwickelt werden kann und wie ihr
Leistungsbeitrag zu bewerten ist.
1
Globale Unternehmen
2 Globale Unternehmen
2.1 Merkmale globaler Unternehmen
Global bedeutet gemäß Duden ,,auf die gesamte Erde bezüglich" oder
,,weltumspannend". Globale Unternehmen beziehen sich also auf den
,globus′ (lat.), den gesamten Erdball. Ist ein Unternehmen ein globales, so
hat es einen Zustand erreicht, der häufig als ,Globalität′ bezeichnet wird
(vgl. Beck 2004: 27f.). Der Weg zu diesem Zustand der Globalität ist die
Globalisierung laut Duden ,,die globale Ausrichtung (multinationaler)
Unternehmen".
Die Häufigkeit der Verwendung des Begriffs des globalen Unternehmens
ist in den vergangenen 15 Jahren stark angestiegen (vgl. Dörrenbächer
1999: 28). Was ein globales Unternehmen aber ausmacht, darüber be-
steht in der Literatur keine Einigkeit.
Für Welge, Böttcher und Paul macht die Art und Weise, wie ein Unter-
nehmen seinen Markt betrachtet, dasselbe zu einem globalen Unterneh-
men. Globale Unternehmen zeichnen sich durch internationales Markten-
gagement ,,im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung des Weltmarktes"
(Welge/Böttcher/Paul 1998: 1) aus. Hierbei stellen Welge, Böttcher und
Paul auf die Absatzmärkte für Waren und Dienstleistungen ab.
Daneben agiert ein Unternehmen auf diversen anderen Märkten. Nach
Porter verfolgt ein Unternehmen bereits dann eine globale Strategie, wenn
es Märkte für einzelne Aktivitäten der Wertkette als global betrachtet (vgl.
Porter 1986: 16). Dass ein Unternehmen Finanz- und Kapitalmarkt ganz-
heitlich als Weltmarkt betrachtet, ist in internationalen Konzernen gängige
Praxis (vgl. Niehoff/Reitz 2001: 12ff.). Das allein kann ein Unternehmen
also noch nicht zu einem globalen machen. Dass ein Unternehmen alle
3
Globale Unternehmen
Märkte, auf denen es agiert, als global ansieht, kann jedoch auch kein
geeignetes Kriterium für die Beschreibung einer globalen Unternehmung
sein. Den Markt für Arbeitsleistungen als Weltmarkt aufzufassen, dürfte
zum Beispiel nur in sehr wenigen Branchen praktikabel sein. In den meis-
ten Fällen sind die Arbeitsmärkte als nationale bzw. regionale Märkte
anzusehen (vgl. Buckley 1998: 13).
Das Kriterium von Welge, Böttcher und Paul, ob die Unternehmung ihre
Absatzmärkte als global betrachtet, erscheint demnach am plausibelsten.
In welcher Rolle sich die Unternehmen sehen, wenn sie als Akteure auf
diesen globalen Märkten auftreten, ist indes unterschiedlich. Wrona spricht
von der Globalisierungsbetroffenheit. Er sieht die Unternehmen in einer
eher passiven Rolle. Um auf internationalen Märkten erfolgreich zu sein,
müssen sich die Unternehmen in ihrer Entwicklung dem Branchentrend
anpassen (vgl. Wrona 1999: 133f.). Bei der Gestaltung ihrer Strategien,
Strukturen und Kulturen reagieren sie auf die Globalisierungstendenzen
der für sie relevanten Märkte. Kutschker und Schmid sehen die Unter-
nehmen dagegen stärker in einer aktiven Rolle. Für sie sind Unternehmen
,,Aktoren im Globalisierungsprozess" (Kutschker/Schmid 2005: 161). Sie
globalisieren sich deshalb, weil es ihr Geschäftsmodell vorsieht, dass die
Marktleistung auf als global betrachteten Märkten erbracht wird. Andere
Unternehmen der gleichen Branche können ganz andere Geschäftsmodel-
le haben und statt auf eine globale auf eine regionale oder auch lokale
Strategie setzen (vgl. Kutschker/Schmid 2005: 161f.).
Verfolgt ein Unternehmen eine globale Strategie betrachtet es seine
Zielmärkte also als globale Märkte, auf denen es als globales Unterneh-
men auftreten möchte, so strebt es den Zustand der Globalität an. Ge-
mäß Beck ist dieser Zustand der Globalität dadurch gekennzeichnet, dass
das Unternehmen ein offenes System darstellt, dessen Subsysteme durch
interdependente und dauerhafte Beziehungen miteinander verbunden
4
Globale Unternehmen
sind. Das gilt in sachlicher, räumlicher und zeitlicher Hinsicht (vgl. Beck
2004: 30).
Wo Interdependenzen und Schnittstellen zwischen weltweit verteilten
Subsystemen existieren, tritt Koordinationsbedarf auf. Die Aktivitäten, die
sich aus den globalen Marktstrategien ableiten, müssen koordiniert wer-
den.
Für Bartlett und Ghoshal reicht die Existenz von weltweit verteilten Sub-
systemen, zwischen denen Interdependenzen bestehen, die es über
Schnittstellen hinweg zu koordinieren gilt, nicht aus, um ein Unternehmen
als ein globales zu charakterisieren. Es ist die Art und Weise, wie die
Koordination im Unternehmen erfolgt, welche die Unternehmung zur glo-
balen Organisationen werden lässt. Bartlett und Ghoshal verstehen das
globale Unternehmen als Organisation, in der die Koordination in erster
Linie vertikal erfolgt. Die operationale Kontrolle der Unternehmung übt die
Zentrale aus (vgl. Bartlett/Ghoshal 2002: 58f.). Böttcher interpretiert das
Modell von Bartlett und Ghoshal vom globalen Unternehmen zutreffend
dahin gehend, ,,dass alle weltweit verstreuten Einheiten der Organisation
als ein integrativer Teil des Ganzen verstanden werden" (Böttcher 1996a:
163).
Damit grenzt sich das globale Unternehmen nach Bartlett und Ghoshal
vom multinationalen und vom internationalen Unternehmen ab. Während
das multinationale Unternehmen für Bartlett und Ghoshal als ,,decentrali-
zed federation" (Bartlett/Ghoshal 2002: 56) anzusehen ist, welche ,,im
Wesentlichen durch finanzielle Verflechtungen zusammen gehalten wird"
(Hogen 1998: 137), beschreiben Bartlett und Ghoshal das internationale
Unternehmen als ,,coordinated federation" (Bartlett/Ghoshal 2002: 57), in
der die Zentrale die Niederlassungen zwar kontrolliert, ihnen aber weitge-
5
Globale Unternehmen
hend selber überlässt, welche Produkte und Strategien sie übernehmen
(vgl. Bartlett/Ghoshal 2002: 56).
dezentrale
dezentrale
Einheit
Einheit
operationale Kontrole
operationale Kontrol e
Zentrale
dezentrale
operationale Kontrolle
operationale Kontrolle
strategische Verantwortung und
dezentrale
Einheit
Entscheidungsgewalt weitgehend
Einheit
zentralisiert
op
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e Ko
ional
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at
ro
er
l e
op
dezentrale
dezentrale
Einheit
Einheit
Märkte werden als global
einheitlich betrachtet
Abb. 1: Modell der globalen Organisation
Quelle: In Anlehnung an Bartlett/Ghoshal 2002: 60
Hedlund und Rolander verfeinern das Modell von Bartlett und Ghoshal.
Sie bestätigen zwar die grundsätzlich vertikale Koordination in der globa-
len Unternehmung, merken aber an, dass globale Unternehmen in der
Praxis nicht völlig zentralisiert sind, da dies zu einer Überlastung der Ma-
nager in der Zentrale und zur Demotivation der Manager in den dezentra-
len Einheiten führen würde. Ihr Ansatz ist der der ,Heterarchie′ (vgl. Hed-
lund/Rolander 1990: 36). Dabei ,,erfahren Führungskräfte in der Zentrale
insofern eine Entlastung, als dass strategisch wichtige Entscheidungs-
kompetenzen auch auf dezentrale Entscheidungsträger in den Niederlas-
sungen delegiert werden" (Böttcher 1996a: 164). Die dezentralen Ent-
6
Globale Unternehmen
scheidungsträger müssen ihre Entscheidungen aber an der globalen Stra-
tegie zur Erreichung des Gesamtoptimums für das Unternehmen als Gan-
zes ausrichten. Die Verteilung der strategischen Informationen im Unter-
nehmen erfolgt über zahlreiche reziproke, dynamische Beziehungen zwi-
schen den Entscheidungsträgern in der Zentrale und den weltweiten Ein-
heiten des Unternehmens (vgl. Hedlund/Rolander 1990: 36).
Bartlett und Ghoshal folgen dieser Argumentation und räumen ein, ihr
Modell der globalen Unternehmung tendiere dazu, ,,to be associated with
what may be described as the extreme global mentality which sees the
diversity of international environments as an inconvenience whose effects
must be minimized" (Bartlett/Ghoshal 1990: 217). Sie betonen aber noch
einmal, dass es im Unternehmen mit globaler Struktur darum geht, die
strategischen Vorgaben, welche auf eine möglichst weit reichende Markt-
durchdringung auf weltweiter Basis zielen, zentral zu treffen und im ge-
samten Unternehmen durchzusetzen. Auf Feinheiten der lokalen Märkte
wird im globalen Unternehmen nicht eingegangen (vgl. Bartlett/Ghoshal
1990: 217).
Demnach ist ein globales Unternehmen weltumspannend aufgestellt. Die
Teileinheiten werden von der Zentrale gesteuert, um das Ziel der mög-
lichst weit reichenden Durchdringung des ganzheitlich als Weltmarkt be-
trachteten Zielmarktes zu erreichen. Damit der Zentrale die Koordination
des weltumspannenden Unternehmens gelingt, werden wichtige Entschei-
dungskompetenzen auf dezentrale Entscheidungsträger in den Teileinhei-
ten delegiert. Das Verhältnis zu diesen Einheiten ist von einem hohen
Grad an organisationeller Abhängigkeit gekennzeichnet.
Einen solchen Zustand der Globalität erreicht ein Unternehmen nicht von
heute auf morgen. Wenn Unternehmen zu globalen Organisationen wer-
7
Globale Unternehmen
den sollen zum Beispiel in der Folge internationaler Mergers oder Akqui-
sitionen beginnt ein langwieriger Prozess der Umwandlung.
2.2 Gründe für die Globalisierung eines Unternehmens
Der Wandelprozess zum globalen Unternehmen ist nicht nur langwierig, er
bindet auch viele Ressourcen und verursacht somit hohe Kosten. Wenn
ein Unternehmen die strategische Entscheidung trifft, sich zu globalisie-
ren, so müssen diesen Kosten klare Benefits gegenüberstehen.
In der Literatur wird gemeinhin davon ausgegangen, dass die Globalisie-
rung eines Unternehmens in der Absicht erfolgt, Komplexität zu reduzieren
sowohl bei den Produkten als auch bei den Prozessen. Dadurch lassen
sich Skalen- und Synergieeffekte erzielen (vgl. Wortzel 1991: 37). Eine
solche Strategie ist aber nicht in allen Branchen sinnvoll. Märkte als global
(relativ) homogen zu betrachten, macht nur dann Sinn, wenn die Produkte
des Unternehmens auch tatsächlich in einer weitgehend standardisierten
Art und Weise angeboten werden können. In vielen Branchen lassen das
die Produkte nicht zu (zum Beispiel bei Lebensmitteln oder Baustoffen), in
anderen Branchen sprechen die rechtlichen Rahmenbedingungen dage-
gen (zum Beispiel bei Wehr- oder Raumfahrttechnik).
Als Paradebeispiele für Branchen, die es mit weitgehend einheitlichen
Märkten zu tun haben, werden dagegen der Automobilbau oder die Phar-
maindustrie angesehen. In diesen Branchen agieren die Unternehmen auf
zunehmend homogenen Märkten (vgl. Wüthrich/Winter 1994: 306). Des-
halb können sie Forschung und Entwicklung konzentrieren, die Anzahl der
Standorte reduzieren (um die kritische Masse zu erreichen und die Stand-
orte voll auslasten zu können) und sie können dafür sorgen, dass sich die
einzelnen Standorte auf bestimmte Technologien spezialisieren. Es kön-
8
Globale Unternehmen
nen Distributionsstrukturen integriert werden, um den Weltmarkt effizient
bedienen zu können, und für die Beschaffung von Ressourcen können
globale Sourcingstrukturen entwickelt werden (vgl. Borrmann 1997: 819f.).
Außerdem, so stellt Seidenfuß fest, hilft die globale Struktur eines Unter-
nehmens häufig, Markteintrittsbarrieren zu überwinden, indem das Unter-
nehmen in Schlüsselmärkten als Insider auftreten kann (vgl. Seidenfuß
1996: 91).
2.3 Koordination im globalen Unternehmen
Wie die Ausführungen in Kapitel 2.1 nahe legen, kommt der Koordination
im globalen Unternehmen eine Schlüsselrolle zu. Aufgrund der globalen
Struktur ist der Koordinationsbedarf hoch. Beim Decken des Koordinati-
onsbedarfs treten aber wegen der großen geographischen und kulturellen
Distanzen und wegen der unterschiedlichen politischen, rechtlichen und
technologischen Umwelten Probleme auf (vgl. Kutschker/Schmid 2005:
997).
Für Unternehmen, die sich im Prozess der Umwandlung zum globalen
Unternehmen befinden, bedeutet Koordinationsbedarf zunächst Integrati-
onsbedarf. Neue Elemente werden in das bereits bestehende System
eingebunden, wobei eine neue Gesamtheit entsteht. Diese neue Gesamt-
heit ist das Unternehmen, das den Zustand der Globalität erreicht hat.
Damit ist Integration nach Jansen ein Teilaspekt von Koordination. Sie
bedeutet einen ,,Abstimmungs- und Anpassungsprozess, einen Verände-
rungs- und Reorganisationsprozess und einen Aufbau- und Diffusionspro-
zess von zum Beispiel Management-, Prozess-, Produkt- und Kunden-
Know-how" (Jansen 2001: 228).
9
Globale Unternehmen
Um den Koordinationsbedarf und damit auch den Integrationsbedarf
im Unternehmen zu decken, stehen der Unternehmensleitung eine Reihe
von Koordinationsmechanismen zur Verfügung. Nach Macharzina und
Oesterle ist es ,,mittlerweile in der wissenschaftlichen Diskussion in brei-
tem Umfang akzeptiert" (Macharzina/Oesterle 1997: 615), Koordinations-
mechanismen nach strukturellen, technokratischen und personellen In-
strumenten zu unterscheiden.
Unternehmen, die sich globalisieren, wählen Welge zufolge in der Regel
eine Struktur, die eine Zentrale vorsieht, welche alle wichtigen unterneh-
menspolitischen Entscheidungen trifft (vgl. Welge 1980: 222). Dazu bildet
das sich globalisierende Unternehmen Zentralbereiche aus, die bestimmte
Aufgaben (zum Beispiel Controlling, Personal, Datenverarbeitung) für die
gesamte Unternehmung übernehmen (vgl. Kreisel 1995: 11). Das Ausbil-
den umfangreicher Zentralbereiche ist typisch für globale Unternehmen.
Sie üben die operationale Kontrolle innerhalb der weltumspannenden
Organisation aus (vgl. Bartlett/Ghoshal 2002: 58). Die Integration der
Aktivitäten in den Unternehmensteilen erfolgt in der Interaktion von Zent-
ralbereichen und dezentralen Einheiten.
An dieser Stelle sind die strukturellen Koordinationsmechanismen mit den
personellen verknüpft. Die enge Abstimmung mit der Zentrale erfordert
einen starken Informationsfluss zwischen den Zentralbereichen und den
weltweiten Unternehmensteilen. Mitarbeiter treten zum Zweck der Koordi-
nation miteinander in Kontakt; es kommt zur grenzüberschreitend Vernet-
zung der sozialen Einheiten im Unternehmen gemäß Beck ein Schlüs-
selaspekt der Globalisierung (vgl. Beck 2004: 28f.). Giddens merkt dazu
an, dass die Intensivierung weltweiter sozialer Beziehungen zur Folge hat,
dass räumliche Nähe keine Voraussetzung für die Anschlussfähigkeit von
Kommunikation mehr ist (Giddens 1995: 214ff.). Der Wirksamkeit von
10
Globale Unternehmen
Koordinationsbemühungen im Unternehmen sind also keine räumlichen
Grenzen mehr gesetzt.
Die Herausforderung für den Erfolg eines Unternehmens mit globalen
Strukturen liegt dann darin, dass sowohl in den Zentralbereichen als auch
in den weltweiten Unternehmensteilen Kompetenzen dafür aufgebaut
werden, dass sich die sozialen Einheiten im Unternehmen in geeigneter
Weise vernetzen und austauschen, um einen koordinierten, zielgerichte-
ten Ablauf zu gewährleisten.
Neben den Austauschbeziehungen, die sich aus der Primärorganisation
des Unternehmens ableiten, gibt es zahlreiche andere strukturelle Rege-
lungen, welche Einfluss darauf haben, wie die Informationsflüsse im Un-
ternehmen verlaufen. Informationsnetze bilden sich im Unternehmen zum
Beispiel durch projektorientierte Organisationsformen aus, wenn internati-
onale Teams zusammenarbeiten und sich die Mitarbeiter der verschiede-
nen Standorte und Funktionsbereiche bei Workshops, auf Konferenzen
oder in Ausschüssen treffen. Solche Netzwerke haben nach Kutschker
und Schmid große Bedeutung für die Koordination im Unternehmen (vgl.
Kutschker/Schmid 2005: 1010f.).
Bei den technokratischen Koordinationsmechanismen handelt es sich im
weitesten Sinne um Regeln (vgl. Steinmann/Schreyögg 1997: 393). Indem
ein Unternehmen Handlungsanweisungen aufstellt, werden Abstim-
mungsprobleme vorweggenommen. Situationen werden spezifiziert und
generalisiert. Im globalen Unternehmen sind zahlreiche technokratische
Koordinationsinstrumente anzutreffen. ,,Die Mitarbeiter in den einzelnen
Einheiten werden angehalten, bestimmte Aufgaben auf eine ganz be-
stimmt Weise zu erfüllen" (Kutschker/Schmid 2005: 1013).
11
Globale Unternehmen
Die ganzheitliche Sichtweise vom Unternehmen und seinen Märkten die
jeweils als Weltmarkt aufgefasst werden ermöglicht es, Regeln aufzu-
stellen, die in allen Unternehmensteilen gültig sind. Für das Unternehmen,
das sich im Prozess des Wandels zur globalen Organisation befindet,
bedeutet das aber, dass solche Regeln erarbeitet werden müssen und
dass die weltweiten Mitarbeiter lernen müssen, wie die Zentrale erwartet,
dass die Regeln interpretiert und umgesetzt werden.
Hier ist die Schnittstelle zwischen technokratischen und personenorientier-
ten Koordinationsmechanismen zu finden: Das Erlernen von Regeln und
Interpretationsmustern bedeutet eine Sozialisation der Mitarbeiter aus den
verschiedenen Unternehmensteilen (vgl. Jaeger 1989: 2019).
Die personenorientierten Koordinationsmechanismen haben die Abstim-
mung zwischen den Mitarbeitern zum Ziel. Diese erfolgt mittels persönli-
cher Weisungen oder mittels Selbstabstimmung. Beide Formen können
mehr oder weniger stark institutionalisiert sein.
Persönliche Weisungen können regelmäßig innerhalb einer ,direct repor-
ting structure′ erfolgen, sie können aber auch fallweise erfolgen, zum
Beispiel wenn die Geschäftsführung der Muttergesellschaft Bedarf sieht, in
das Geschehen bei einer der Auslandstöchter einzugreifen. In Organisati-
onen, die sich globalisieren, ist die Weisung ein häufig eingesetztes Koor-
dinationsinstrument, denn die Organisationsstrukturen globaler Unterneh-
men sehen es vor, dass die Abstimmung in erster Linie vertikal erfolgt (vgl.
Bartlett/Ghoshal 2002: 58). Die Konzernmutter greift also häufig in die
Abläufe bei den Töchtern ein.
In einer globalen Organisation mit seinen komplexen Koordinationszu-
sammenhängen und seinen zahlreichen Schnittstellen tendiert der Me-
chanismus der Abstimmung mittels persönlicher Weisung aber zur Über-
12
Globale Unternehmen
lastung der entsprechenden Instanzen und zur Überforderung der Stellen-
inhaber. Daher kommt dem Moment der Selbstabstimmung im globalen
Unternehmen ebenfalls eine erhebliche Bedeutung zu. Auch die Selbstab-
stimmung kann im Unternehmen institutionalisiert sein, indem sich die
involvierten Mitarbeiter in internationalen Teams, Komitees oder Arbeits-
kreisen begegnen. Darüber hinaus sind aber zahlreiche weitere fallweise
Besprechungen, Nach- und Rückfragen etc. notwendiger Bestandteil des
Koordinationsinstruments der Selbstabstimmung.
Daraus wird deutlich, dass die personenorientierten Koordinationsinstru-
mente in hohem Maße von den strukturellen Koordinationsmechanismen
abhängen. Die Struktur des Unternehmens determiniert den Rahmen,
innerhalb dessen die Mitarbeiter sich untereinander abstimmen (vgl. Hoff-
mann 1980: 355).
Innerhalb dieses Rahmens müssen sich die Mitarbeiter dann vielfach über
große geographische und kulturelle Distanzen hinweg abstimmen. Insbe-
sondere die kulturellen Distanzen führen Kutschker und Schmid zufolge zu
einem erhöhten Zeitbedarf beim Abstimmungsprozess (vgl. Kutsch-
ker/Schmid 2005: 1021). Maßnahmen, welche die Handelnden in den
Abstimmungsprozessen dazu befähigen, die kulturellen Distanzen zu
überbrücken und sich in kürzerer Zeit zu verständigen, sind daher relevant
für den Erfolg der Koordinationsbemühungen im globalen Unternehmen.
Als Maßnahme, die das Überbrücken von Distanzen ermöglicht und damit
für effizientere Zusammenarbeit sorgt, setzen sich globalisierende Unter-
nehmen vielfach auf den Face-to-face-Kontakt (vgl. Wolf 1994: 135f.).
Vertreter bzw. Delegationen der verschiedenen Unternehmensteile besu-
chen sich zu bestimmten Anlässen gegenseitig. Darüber hinaus halten
sich bestimmte Führungs- oder Fachkräfte längere Zeit als Expatriates in
anderen Unternehmensteilen auf. Das sind in erster Linie Manager aus
13
Globale Unternehmen
dem Mutterunternehmen, die aus Gründen der Koordination und des Wis-
sensmanagements in die Unternehmenstöchter entsandt werden, aber
auch Mitarbeiter der Töchter, die aus verschiedenen Gründen ins Mutter-
unternehmen transferiert werden. Solche Gründe können die Weiterent-
wicklung der Mitarbeiter sein, die Vereinheitlichung unternehmensweiter
Werte oder das organisationale Lernen (vgl. Engelhard/Hein 1996: 87).
Austausch im Unternehmen kann eine Koordinations- bzw. Integrations-
wirkung haben. Indem die Mitarbeiter interagieren, haben sie die Möglich-
keit, ihre Erwartungen an das Verhalten des jeweils anderen miteinander
abzugleichen. Das setzt aber voraus, dass die Interaktion erfolgreich ver-
läuft. Wenn die Kommunikation scheitert, findet auch kein Abgleich statt.
Das Verhalten der Interaktionspartner im Unternehmen bleibt unvorher-
sehbar, die Koordination im globalen Unternehmen gestaltet sich schwie-
rig. Es kann zur Desintegration einzelner Bereiche des Unternehmens
kommen, da für weltumspannend aufgestellte Unternehmen die Gefahr
des Auseinanderdriftens besonders hoch ist (vgl. Wolf 1996: 120).
Um die Erfolgsaussichten der Interaktionen von Managern und Fachkräf-
ten aus den verschiedenen Teilen der globalen Unternehmung zu erhöhen
und damit die globale Integration im Unternehmen voranzutreiben, wird in
der wissenschaftlichen Diskussion wie auch in der Unternehmenspraxis
die Steigerung der interkulturellen Kompetenz der entsprechenden Akto-
ren empfohlen.
Zu diesen Aktoren gehören nicht nur Angehörige des Top-Managements.
Wie Rall anmerkt, ist auch die interkulturelle Kompetenz beim Middlema-
nagement und bei den Fachspezialisten von großer Bedeutung. Denn sie
sind es, die in der täglichen Interaktion die Integration im Unternehmen
leisten. Auch wenn sie nicht für Einsätze außerhalb ihres Heimatlandes
vorgesehen sind, so müssen sie sich doch laufend mit Kollegen aus ande-
14
Globale Unternehmen
ren Teilen des Unternehmens abstimmen, deren Set an kulturellen Prä-
gungen deutlich anders ausfällt als das eigene (vgl. Rall 1999: 111).
2.4 Interkulturelle Kompetenz als Faktor für den Erfolg auf
globalen Märkten
Hinter der Empfehlung, die interkulturelle Kompetenz der Fach- und Füh-
rungskräfte im globalen Unternehmen zu steigern, steht die Annahme,
dass eine gesteigerte interkulturelle Kompetenz dieser Mitarbeiter zu bes-
serer Verständigung und zu effizienterer Interaktion im Unternehmen führt.
Es gelingt den Mitarbeitern besser, sich untereinander zu vernetzen und
so Abstimmungsprozesse zu vereinfachen (vgl. Steinmann/Schreyögg
1997: 620). Aufgrund ihrer gesteigerten interkulturellen Kompetenz kön-
nen sich die Interaktionspartner im globalen Unternehmen inhaltlich leich-
ter und schneller verständigen. Sie sind in der Lage, Missverständnisse zu
vermeiden oder schnell aufzuklären (vgl. Porter/Samovar 1996: 21; Tho-
mas 2003a: 141).
Die Effekte führen zu einem Benefit für das Unternehmen. Die Fähigkeit,
Missverständnisse schnell aufklären zu können, hilft, Kosten zu senken,
die durch Reibungsverluste in der konzerninternen Interaktion verursacht
werden. Entscheidungen lassen sich beschleunigt treffen und können
wirkungsvoll umgesetzt werden.
Obwohl die beschriebenen Effekte zeitverzögert und subtil auftreten,
scheint diese Annahme unter Praktikern durchaus verbreitet zu sein wie
eine Umfrage unter Managern internationaler Unternehmen zeigt. Auf die
Frage nach den wichtigsten Einflussfaktoren für den Erfolg auf globalen
Märkten nannten die befragten Manager an erster Stelle ,multikulturelle
15
Globale Unternehmen
Erfahrung′ und an zweiter Stelle entsprechende Weiterbildungsmaßnah-
men (vgl. Rosen 2000: 47).
Die Annahme gilt es zu überprüfen. Die genaueren Wirkungszusammen-
hänge zwischen interkultureller Kompetenz, ihrer Entwicklung im globalen
Unternehmen und die Auswirkung dieser Maßnahme auf den Unterneh-
menserfolg sollen Gegenstand der folgenden Ausführungen sein. Es stellt
sich die Frage: Wie lässt sich interkulturelle Kompetenz in geeigneter
Weise entwickeln, damit ein Unternehmen als globale Organisation auf
globalen Märkten erfolgreich ist?
Um auf diese Frage werthaltige Antworten zu finden, soll in zwei Schritten
vorgegangen werden:
· Zunächst gilt es zu untersuchen, was unter interkultureller Kompetenz
zu verstehen ist und welchen Einfluss sie auf die Prozesse im globalen
Unternehmen haben kann.
· Anschließend stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten ein Unter-
nehmen hat, auf die interkulturelle Kompetenz Einfluss zu nehmen.
Dabei muss geklärt werden, wie die Erfolgsrelevanz der möglichen
Maßnahmen beurteilt werden kann und worin ihr Leistungsbeitrag liegt.
16
Interkulturelle Kompetenz
3 Interkulturelle Kompetenz
3.1 Definitionen interkultureller Kompetenz
Zunächst einmal ist anzumerken, ,,dass es zumindest partiell vom jeweili-
gen Tätigkeitsbereich abhängt, wie interkulturelle Kompetenz definiert
werden muss" (Auernheimer 2003: 154). Da es in diesem Beitrag um die
interkulturelle Kompetenz in globalen Unternehmen gehen soll, kommen
hier auch nur solche Definitionen zum Tragen, die sich auf den Bereich
der Wirtschaft beziehen.
Moosmüller zufolge sind Mitarbeiter dann interkulturell kompetent, wenn
sie über Kenntnisse und persönliche Fähigkeiten verfügen, die sie befähi-
gen, erfolgreich interkulturell zu handeln (vgl. Moosmüller 1996: 271).
Unter erfolgreichem interkulturellem Handeln versteht Moosmüller, ,,mit
Individuen und Gruppen, die einer anderen Kultur angehören, erfolgreich
zu kommunizieren" (Moosmüller 1996: 272). Für die erfolgreiche Kommu-
nikation benötigt der Handelnde die passenden Sprachkenntnisse, ent-
sprechende ,,linguistische, soziale und psychische Fähigkeit" (Moosmüller
1996: 272) und Wissen über die eigene Kultur und die Kultur seines
Kommunikationspartners.
Müller und Gelbrich stellen dieser Definition noch die Angemessenheit zur
Seite. Für sie ist interkulturelle Kompetenz die ,,Fähigkeit [...], mit Angehö-
rigen anderer Kulturen effektiv und angemessen zu interagieren" (Mül-
ler/Gelbrich 2001: 247). Während Effektivität ähnlich wie bei Moosmüller
das Erreichen der eigenen Interaktionsziele meint, bedeutet Angemes-
senheit, dass auch die Ziele des Interaktionspartners geachtet werden und
soziokulturelle Normen befolgt werden (vgl. Müller/Gelbrich 2001: 247f.).
17
Interkulturelle Kompetenz
Thomas definiert interkulturelle Kompetenz als die Fähigkeit, ,,den interkul-
turellen Handlungsprozess so (mit)gestalten zu können, dass Missver-
ständnisse vermieden oder aufgeklärt werden können und gemeinsame
Problemlösungen kreiert werden, die von den beteiligten Personen akzep-
tiert und produktiv genutzt werden können" (Thomas 2003a: 141). Über
interkulturelle Handlungskompetenz verfügt nach Thomas, wer ,,das eige-
ne kulturelle Orientierungssystem in Abstimmung mit dem fremdkulturellen
Orientierungssystem des Partners zur Handlungsorientierung und Zieler-
reichung einzusetzen" (Thomas 2003b: 21) vermag.
Bolten stellt fest, dass unter interkultureller Kompetenz vielfach ,,Merkmale
wie ,Empathie′, ,Rollendistanz′, ,Ambiguitätstoleranz′, ,Flexibilität′, ,Lernbe-
reitschaft′, ,Kulturwissen′, ,fremdkulturelle Erfahrungen′ oder auch ,Fremd-
sprachenkenntnisse′" (Bolten 2001: 214) verstanden werden. Eine um-
fangreiche Liste solcher Eigenschaften findet sich bei Gudykunst und Kim.
Darin tragen sie zusammen, was verschiedene Autoren in den vergange-
nen 40 Jahren über die Merkmale von Menschen, die mit Angehörigen
fremder Kulturen effektiv kommunizieren können, geschrieben haben. So
sollen diese Menschen zum Beispiel über ein ,,value system which inclu-
des the value system of all men" verfügen, sie sollen ,,with hopefulness
and candor" sprechen oder sogar telepatische Fähigkeiten haben (vgl.
Gudykunst/Kim 2003: 273f.).
Bolten ist jedoch der Ansicht, dass es sich bei den meisten dieser Merk-
male um Kompetenzen handelt, die auch für erfolgreiches Handeln in der
eigenen Kultur wichtig sind. Im interkulturellen Kontext müssen diese
Kompetenzen verstärkt und bewusst zum Tragen kommen. Er definiert
daher interkulturelle Kompetenz ,,als die Fähigkeit, individuelle, soziale,
fachliche und strategische Kompetenzen in fremdkulturellen Handlungs-
kontexten angemessen zu realisieren" (Bolten 2001: 214). Interkulturelle
18
Interkulturelle Kompetenz
Kompetenz deutet er als ,,generelle Handlungskompetenz mit ,interkultu-
rellen Vorzeichen′" (Bolten 2003: 157).
Markt-, Rechts- und
Kosten-, Ertrags-
petenz
strate
Betriebskenntnisse
und Risikobewusstsein
gische
Fachkenntnisse im
K
Fachkom
om
Aufgabenbereich
Wissensmanagement
petenz
(internationale)
Organisationsfähigkeit
Berufserfahrung
Beschreibungs- und
Erklärungsfähigkeit in Bezug auf
Kenntnisse des
interkulturelle Prozesse
Problemlöse- und
zielkulturellen
Fremdsprachenkenntnisse
Entscheidungsfähigkeit
Technologiestands
interkulturelle Kompetenz
Teamfähigkeit
Eigenmotivation
Kenntnisse der Spezifika
interkulturel en Handelns
Assimilationsfähigkeit
Rollendistanz
interkulturelle Lernbereitschaft
Initiativfähigkeit
Selbstorganisation
Kommunikationsfähigkeit
Ambiguitätstoleranz
soziale
petenz
K
optimistische Grundhaltung
o
Empathie und Toleranz
mpetenz
Führungsfähigkeit
Fähigkeit zur
Selbstkritik
individuel e Kom
Abb. 2: Komponenten internationaler Management-Kompetenz
Quelle: Bolten 2001: 215
Allen diesen Definitionen ist gemeinsam, dass der Kompetenzbegriff auf
die Interaktion im fremdkulturellen Kontext bezogen ist. Interkulturelle
Kompetenz ist das ,,Resultat der Interaktion von Individuum und Situation"
(Thomas 2003a: 143).
Demnach ist interkulturelle Kompetenz ein Kanon aus Kenntnissen und
Fähigkeiten, die es dem Träger derselben ermöglichen, in fremdkulturellen
Zusammenhängen produktiv mit anderen zu interagieren. Dieser Kanon
umfasst zum einen Wissen über die eigene Kultur wie auch die Kultur des
Interaktionspartners, zum anderen kommunikative Fähigkeiten wie
Sprachkenntnisse und Wissen um die Besonderheiten der interkulturellen
19
Interkulturelle Kompetenz
Kommunikation. Darüber hinaus sind in der interkulturellen Interaktion
zahlreiche soziale und individuelle Fähigkeiten in besonderem Maße ge-
fragt, die auch im intrakulturellen Kontext das Zusammenleben erleichtern.
Viele fachliche und strategische Fähigkeiten, die auch im Berufsalltag im
intrakulturellen Umfeld von Bedeutung sind, sind beim interkulturell kom-
petenten Manager von besonderer Wichtigkeit.
Wissen um Kulturen und um Kommunikation insbesondere interkulturel-
le Kommunikation sind somit wesentliche Merkmale interkultureller
Kompetenz. Um diese Merkmale greifbarer zu machen, folgen nun einige
Überlegungen zu den Begrifflichkeiten.
3.2 Kulturbegriff
Dass Kultur Einfluss auf das Verhalten in und von Unternehmen hat, er-
kennen Wirtschaftswissenschaftler Kutschker und Schmid zufolge noch
nicht lange an. Vielmehr habe man stets ,,nach ,kulturfreien′ Modellen,
Konzepten oder Theorien" (Kutschker/Schmid 2005: 663) gesucht. Dies
hat sich geändert vor allem in der Betriebswirtschaft. Kutschker und
Schmid sind der Ansicht, dass es die zunehmende Internationalisierung
von Unternehmen ist, die dafür sorgt, dass sich Praktiker und Wissen-
schaftler inzwischen für kulturelle Fragestellungen interessieren. Dass der
Kultur heutzutage wesentlicher Einfluss auf die Unternehmenstätigkeit
beigemessen wird, zeigt unter anderem die Einführung von interkulturellen
Trainings für Mitarbeiter.
Wie Herrmann-Pillath feststellt, verwenden Wirtschaftswissenschaftler
jedoch häufig recht krude Begrifflichkeiten, wenn sie sich mit Kultur befas-
sen. In der fremddisziplinären Behandlung des Konzeptes der Kultur durch
20
Interkulturelle Kompetenz
Ökonomen erscheint dieses ,,als verkürzt, anachronistisch und nachgera-
de degeneriert" (Herrmann-Pillath 2000a: 9).
So hat Herrmann-Pillath den Eindruck, dass Kultur gerade von Volkswirt-
schaftslehre als eine Kraft gesehen wird, die von außen auf das individuel-
le Verhalten der Akteure einwirkt. Diese Kraft äußert sich darin, dass sich
Menschen an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten unter-
schiedlich verhalten. Warum sie sich so verhalten, bleibt ungeklärt. Sobald
aber andere Erklärungen für bestimmte Verhaltensweisen verfügbar sind,
werden die kulturellen Einflüsse nicht mehr erwähnt (vgl. Herrmann-Pillath
2000b: 6f.).
Das Problem ist, dass es schwierig zu bestimmen ist, was Kultur eigentlich
ist, welche Elemente ausschlaggebend sind und welche Kräfte im Einzel-
nen wirken. Was eine Kultur ausmacht, wie sie sich von anderen Kulturen
unterscheidet und wie sie sich verändert, ist ein Frage, mit der sich eine
Vielzahl von Forschungsrichtungen beschäftigt und jede hat ihre eige-
nen theoretischen Konzepte und Definitionen (vgl. Maletzke 1996: 18).
Holden zufolge führt das zu einem Durcheinander, welches es schwierig
macht, den Begriff der Kultur zu operationalisieren (vgl. Holden 2002a: 4).
Hauser ist ohnehin der Ansicht, dass sich der Begriff der Kultur ,,einer
präzisen Bestimmung entzieht" (Hauser 2003: 7), weshalb sie ihn als
,Suchbegriff′ kategorisiert. Dabei bezieht sie sich auf Baecker, der die
Ansicht vertritt: ,,Wenn es ein bestimmendes Merkmal des Begriffs der
Kultur gibt, dann die verbreitete Auffassung, dass dieser Begriff nicht zu
definieren ist. Wer es trotzdem versucht, zeigt damit nur, dass er dem
Begriff nicht gewachsen ist" (Baecker 2000: 33).
21
Interkulturelle Kompetenz
Trotz der Schwierigkeiten, zu bestimmen, was Kultur ist, ist Kultur ein viel
gebrauchter Begriff. Und so sollen an dieser Stelle doch einige Betrach-
tungen dazu angestellt werden, was unter Kultur verstanden werden kann.
Schütz und Luckmann stellen zunächst einmal fest: Wir nehmen es ,,als
fraglos gegeben hin [...], dass eine gegliederte Sozial- und Kulturwelt als
Bezugsrahmen für mich und meine Mitmenschen historisch vorgegeben
ist, und zwar in einer ebenso fraglosen Weise wie die ,Naturwelt′"
(Schütz/Luckmann 2003: 31). Sie unterscheiden also die Kultur von der
Natur.
,Kultur′ kommt vom lateinischen ,cultus′, was soviel heißt wie ,bebaut′ oder
,gepflegt′. Wie Scholz ausführt, war damit zunächst nur die landwirtschaft-
liche Bearbeitung des Bodens gemeint, bei der der Mensch die Natur
verändert und sich zunutze macht. Bald wurde unter ,cultus′ aber auch die
Pflege und Vervollkommnung der geistigen Fähigkeiten verstanden, bei
der der Mensch als Kulturwesen seine innere Natur verändert. Der
Mensch beherrscht als handelndes Wesen die Natur und schafft so Kultur.
Das verschafft ihm den Vorteil, dass er sich nicht mehr permanent mit der
Natur auseinander setzen muss (vgl. Scholz 2000: 14f.).
Im Zeitalter der Aufklärung bildete sich ein überwiegend normativer Kul-
turbegriff aus. Immanuel Kant beschreibt Kultur als ,innere′, ,organische
Bildung′, die auch Moralität umfasst. Der Kulturbegriff der Aufklärung ist
damit wertend und universalistisch. Kultur bezeichnet eine ausgezeichne-
te, allgemein erstrebenswerte Lebensweise. Ziel der Kulturforschung die-
ser Zeit ist die kollektive Verbesserung der Sitten und die entsprechende
Gestaltung der sozialen Gemeinschaft (vgl. Reckwitz 2000: 65f.).
Mit Johann Gottfried Herder erfolgt eine Umdeutung des normativen in
einen holistischen Kulturbegriff. Kultur ist nicht länger als eine erstrebens-
22
Interkulturelle Kompetenz
werte Lebensweise zu verstehen, sondern als spezifische Lebensform
eines Kollektivs in einer bestimmten Epoche (vgl. Reckwitz 2000: 72).
Auf Herders holistischem Kulturverständnis basiert die Kulturdefinition von
Edward B. Tylor, ,,who treated culture as a complex whole of our social
traditions and as prerequisite for us to be a member of the society"
(Chen/Starosta 1998: 25). Der Kulturbegriff ist nun kontextualisiert. Kultur
bezeichnet wertneutral die Lebensweise einer sozialen Gemeinschaft, die
als System geteilter Vorstellungen und Werte angenommen wird. Die
Bewohner eines Kulturraums sind durch feststehende Eigenschaften ge-
kennzeichnet. Sie konstituieren sich aufgrund sprachlicher, sozialer, religi-
öser, ethnischer und nationaler Kollektiv-Identitäten als Gruppe.
Diesem essentialistischen Ansatz liegt die Vorstellung zugrunde, dass das
Wesen (lateinisch: essentia) einer Gattung oder Art von Menschen be-
schrieben werden kann. Diese Gattung von Menschen unterscheidet sich
aufgrund ihrer Wesensmerkmale von anderen Gattungen (vgl. Hacking
2002: 34). Kultur erscheint aus essentialistischer Perspektive als histori-
sche, einmal erbrachte Leistung. Die Menschen nehmen gemäß dem
Konzept der kognitiven Anthropologie die Kultur als mentales Programm
aus ihrem sozialen Umfeld auf. Dies geschieht nach Douglass C. North
durch ,,Übertragung von Wissen, Werten und anderen verhaltensrelevan-
ten Faktoren vermittels Lehre und Nachahmung von einer Generation auf
die nächste" (zitiert nach Dorner/Klump 1996: 41). Das so übermittelte
mentale Programm bestimmt fortan das Verhalten eines Menschen. Die-
ses Verhalten ist spezifisch für die Gruppe, welcher der betreffende
Mensch angehört. So unterscheiden sich verschiedene Gruppen von
Menschen durch ihre kollektive Programmierung der kulturellen Kognition
(vgl. D´Andrade 1981: 192).
23
Interkulturelle Kompetenz
In der Managementlehre populär gemacht hat dieses Konzept der kollekti-
ven Programmierung Geert Hofstede. Für Hofstede ist Kultur ,,die kollekti-
ve Programmierung des Gehirns, welche unterscheidet zwischen den
Mitgliedern der einen Kategorie von Menschen und denen anderer Kate-
gorien" (Hofstede 1992: 304). Zwar merkt Hofstede an, dass unter solchen
Kategorien von Menschen ethnische Gruppen, Regionen, verschiedene
Alters- oder Berufsgruppen verstanden werden können (vgl. Hofstede
1992: 304), sein Hauptwerk, die Auswertung einer von IBM Ende der
1960er und Anfang der 1970er Jahre durchgeführte Studie über Mitarbei-
ter in verschiedenen Ländern, beinhaltet jedoch nur Nationen als Unter-
scheidungsmerkmal für Kategorien von Menschen. Dies ist dem Umstand
geschuldet, dass Hofstede Kulturunterschiede ausschließlich statistisch zu
ermitteln versucht. Die Verwendung der Staatsangehörigkeit nennt er
deshalb ,,eine Sache der Zweckmäßigkeit" (Hofstede 1993: 27).
Bing hält es für problematisch, dass Hofstede in seiner Studie Kulturen mit
politischen Einheiten gleichsetzt, wenn er nationale Grenzen zu kulturellen
Grenzen erklärt. Zwar sind Nationalstaaten ,,systems of cultural represen-
tation through which national identity is continually reproduced as discur-
sive action" (Barker 2000: 197), gleichzeitig sind sie aber politische Kon-
zepte, die an Territorien gebunden sind. Menschen, die sich mit einem
Nationalstaat kulturell identifizieren, können jedoch genauso gut in ande-
ren Territorien leben. Und Ono merkt schließlich an: ,,not all people under-
stand themselves as part of a nation" (Ono 1998: 199). Eine Nation spie-
gelt nicht die vielfältigen kulturellen Ausprägungen wider, die die Men-
schen, die dieser Nation angehören, leben.
Herrmann-Pillath sieht bei Hofstede in erster Linie ein Aggregati-
onsproblem. Die Bewertung nationaler Kulturen bedeutet ,,die Operationa-
lisierung auf einer zu hohen Aggregationsstufe [...], was dann Schwierig-
keiten mit anderen denkbaren Abgrenzungen erzeugt (etwa Unterschied-
24
Interkulturelle Kompetenz
lichkeit von Lokalkulturen, Unternehmenskulturen etc.)" (Herrmann-Pillath
2002: 1). Im Grunde hat Hofstede dieses Problem selber erkannt und
warnt davor, die Annahmen, die aus der IBM-Studie abgeleitet werden,
auf Individuen aus den jeweiligen Ländern anzuwenden (vgl. Hofstede
1993: 297). Dann stellt sich allerdings die Frage, welche Aussagekraft die
ermittelten ,Länderpunktwerte′ überhaupt haben.
Des Weiteren ist an dem gesamten Konzept fraglich, ob Programmierung
eine geeignete Metapher für den Prozess ist, der abläuft, wenn ein
Mensch lernt, an einer Kultur teilzuhaben. Programmierung im techni-
schen Sinne bedeutet, eine Maschine mit einem Programm zu speisen,
das ihr Anweisungen gibt, was sie wie zu tun hat. Programme werden eins
zu eins überspielt. Alle Maschinen mit dem gleichen Programm handeln in
der exakt gleichen Weise. Menschen lassen sich aber nicht programmie-
ren. Wie ein Mensch die ihm gebotenen Informationen aufnimmt und in-
terpretiert, entscheidet er selbst.
Außerdem verneint der Essentialismus, indem er von feststehenden Ei-
genschaften ausgeht, den Prozess der sozialen Evolution. Dabei wird
schon bei Herder deutlich, dass sich Kulturen im Laufe der Zeit verändern,
also dass sie sozialer Evolution unterliegen. Kultur ist bei Herder die zu
einer bestimmten Zeit herrschende Lebensweise einer sozialen Gemein-
schaft. Diese unterscheidet sich nicht nur von den Lebensweisen anderer
Gemeinschaften, sondern auch von den Lebensweisen zu anderen Zeiten
(vgl. Reckwitz 2000: 72).
Für Geertz, der in den ,,Formen der Gesellschaft [...] das Wesen der Kul-
tur" (Geertz 1983: 41) sieht, besteht die soziale Evolution einer Kultur
darin, ,,dass sich mit der Umformung der sozialen Beziehungsmuster auch
die Koordinaten der erfahrenen Welt verschieben" (Geertz 1983: 41).
Indem die Individuen laufend interagieren, formen sie die Beziehungsmus-
25
Interkulturelle Kompetenz
ter permanent um. Die Kultur unterliegt damit einem unaufhörlichen Wan-
del. Diese Sichtweise teilt auch Casmir. Sie führt ihn zu dem Schluss,
dass jede Beschreibung einer Kultur immer nur im Augenblick der Beo-
bachtung zutreffend ist (vgl. Casmir 1998: 21).
Wenn dem so ist, macht die Benennung bestimmter Eigenschaften, um
Kulturen gegeneinander abzugrenzen, wenig Sinn. Dennoch ,,stellt die
Zugehörigkeit zu einer Kultur ein Unterscheidungsmerkmal dar, mit dem
Menschen wahrgenommen und zugeordnet werden" (Scholz 2000: 16).
Und wenn es um interkulturelles Management geht, wird in der Literatur
gemeinhin davon ausgegangen, dass Mitarbeiter verschiedener Unter-
nehmensteile unterschiedlichen Kulturen angehören.
Gudykunst und Kim stellen fest, dass Mitglieder einer Gruppe ähnliche
Vorstellungen von den Regeln haben, wie sie untereinander kommunizie-
ren müssen, wie sie sich zu verhalten haben und wie sie Äußerungen und
Verhalten von anderen Mitgliedern der Gruppe zu interpretieren haben.
Sie partizipieren an gemeinsamem kulturellem Wissen (vgl. Gudy-
kunst/Kim 2003: 15f.). Das geschieht durch soziale Interaktion und Kom-
munikation. Finden neue Sichtweisen Eingang in den gemeinsamen Wis-
sensvorrat und werden diese Sichtweisen erfolgreich kommuniziert, tritt
ein kultureller Wandel ein, der bisweilen recht schnell vonstatten gehen
kann.
Den gemeinsamen kulturellen Wissensvorrat bezeichnet Sackmann bild-
lich als eine ,,Landkarte, der sich ihre Mitglieder zur Orientierung bedienen.
Diese Orientierungshilfe beeinflusst maßgeblich die Wahrnehmung, das
Denken, Fühlen und Handeln der Kulturmitglieder" (Sackmann 2000: 143).
Das Bild der Landkarte nutzt auch Barker, der Kulturen als ,,overlapping
maps of criss-crossing discursive meaning which form zones of temporary
26
Interkulturelle Kompetenz
coherence as shared but always contested significance in a social space"
(Barker 2000: 383) beschreibt.
Habermas versteht unter Kultur den ,,Wissensvorrat, aus dem sich die
kommunikativ Handelnden [...] mit konsensträchtigen Interpretationen
versorgen" (Habermas 1989: 397f.). Knoblauch drückt das so aus: Kultur
ist die ,,intime Verknüpfung von Wissen und Handeln, von ,kognitivem
System′ und ,gesellschaftlicher Organisation′, die im kommunikativen
Handeln ihren Ausdruck findet" (Knoblauch 1995: 73).
Gemeinsam ist diesen Definitionen die Annahme, dass Individuen zwar an
gesellschaftliche und kulturelle Wirklichkeiten gebunden sind, dass sie
aber auch in der Lage sind, diese Gegebenheiten zu hinterfragen und
weiterzuentwickeln (vgl. Baecker et al. 1992: 130). Menschen können mit
Hilfe ihres Verstandes aus verschiedenen Handlungsoptionen wählen.
Welche Handlungsoptionen sie wählen und auf welche Objektivationen
aus ihrem Wissensvorrat sie bei der Umsetzung dieser Optionen zurück-
greifen, ist jedoch kulturell determiniert und kennzeichnet die Handelnden
als Mitglieder einer Kultur (vgl. Loenhoff 1992: 143f.).
Dass Menschen mit Hilfe ihres Verstandes aus verschiedenen Hand-
lungsoptionen wählen können und dass sie dabei je nach ihrer kulturellen
Prägung auf unterschiedliches kulturelles Wissen zurückgreifen, sieht
Holden als große Chance für Unternehmen an. Ein Unternehmen, dessen
Belegschaft eine große kulturelle Vielfalt aufweist, kann Holden zufolge
daraus Wettbewerbsvorteile generieren (vgl. Holden 2002b: 18).
Jeder Mitarbeiter eines Unternehmens kann neue Ideen beisteuern. Die
kulturellen Wirklichkeiten im Unternehmen werden dadurch laufend neu
verhandelt (vgl. Casmir 1999: 104; Sackmann 2000: 146). Indem sich die
Mitarbeiter auf gemeinsame Situationsdefinitionen einigen, konstituieren
27
Interkulturelle Kompetenz
sie zusammenhängende Bedeutungssysteme (vgl. Trompenaars 1993:
21). Die Mitarbeiter finden sich in Gruppen zusammen, die auf diesem
Wege ihre jeweils eigenen, neuen Kulturen schaffen. Es entstehen Sub-
kulturen, die auf die Kultur der gesamten Gemeinschaft zurückwirken und
diese evolutionär verändern.
So herrscht in jeder Kultur immer ein vielfältiges Mit- und Nebeneinander
von Subkulturen. Jedes Individuum ist von zahlreichen solcher Subkultu-
ren geprägt und fühlt sich vielen Subkulturen zugehörig. Die Vielfalt der
Subkulturen nimmt nach Ansicht vieler Autoren zu, da wir es heutzutage
mit einer zunehmenden kulturellen Fragmentierung zu tun haben (vgl.
Chen/Starosta 1998; Hammer 1999; Liebl, 2000).
Die Frage nach der angemessenen Aggregationsstufe, wie Herrmann-
Pillath sie aufwirft (siehe oben), entscheidet also anscheinend jeder für
sich zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich. Ein Mitarbeiter eines globa-
len Unternehmens fühlt sich dann mal einer nationalen Kultur zugehörig,
mal der Unternehmenskultur, mal der Kultur, die in seiner Abteilung
herrscht, und mal der Kultur seines Tennisclubs.
Um die Potentiale, die aus der permanenten Neu-Konstitution von Bedeu-
tungssystemen erwachsen, in Wettbewerbsvorteile zu transformieren,
fordert Holden, dass Unternehmen Kultur endlich als Quelle für neues
Wissen anerkennen sollten. Dieses neue Wissen gilt es zu managen,
anstatt Kulturunterschiede als Gefahr für den Unternehmenserfolg anzu-
sehen, wie es lange Jahre im interkulturellen Management praktiziert
worden ist (vgl. Holden 2002b: XIIIf.).
Es lässt sich also zusammenfassend feststellen: Kultur ist ein Wissensvor-
rat, den ein Mensch mit anderen teilt, und der ihm als Unterscheidungs-
merkmal dient. Eine Kulturgemeinschaft konstituiert sich aufgrund ähnli-
28
Interkulturelle Kompetenz
cher Denk- und Lebensweisen. Die institutionalisierten Ausprägungen
dieser Denk- und Lebensweisen determinieren die Handlungs- und Kom-
munikationsweisen der Mitglieder der Kulturgemeinschaft. Indem diese
Mitglieder der Kulturgemeinschaft kommunizieren und interagieren, ver-
ändern sie aber die Institutionen. Kultur kann deshalb als eine kollektiv
genutzte kognitive Landkarte betrachtet werden, die sich aus den indivi-
duellen kognitiven Landkarten der Mitglieder der Kulturgemeinschaft zu-
sammensetzt und die gleichzeitig den Aufbau der individuellen kognitiven
Landkarten bestimmt. Indem Individuen Elemente aus ihrer eigenen kogni-
tiven Landkarte in neue Kontexte einbringen, verändern sich die in diesen
Kontexten existierenden kognitiven Landkarten.
3.3 Kommunikationsbegriff
Kommunikation kommt von der lateinischen ,communicatio′, was ,Einbe-
zug′, ,Mitteilung′ oder ,Gewährung′ bedeutet. Wie Bartsch und Marquart
erläutern, ist ,etwas Gemeinsames machen′ die ,,Kernbedeutung von
Kommunikation" (Bartsch/Marquart 1999: 9). Dabei kommt es zum Aus-
tausch über den gemeinsamen Gegenstand oder Inhalt in der Gemein-
schaft.
Kommunikation bezeichnet also einen Prozess des gemeinsamen Han-
delns oder des Aushandelns gemeinsamer Standpunkte (vgl. Bolten
2000). Damit ist Kommunikation interpersonale Interaktion (vgl.
Knapp/Knapp-Potthoff 1990: 66).
Um den Begriff der Kommunikation operationalisierbar zu machen, wur-
den im Laufe der Zeit viele Modelle entwickelt. Im Folgenden sollen drei
solche Modelle vorgestellt werden, von denen das erste gemeinhin als
,Basismodell′ angesehen wird, das zweite im Feld der interkulturellen
29
Interkulturelle Kompetenz
Kommunikation große Bedeutung erlangt hat und das dritte für das Kom-
munikationsverständnis in diesem Beitrag bedeutsam ist.
Beim Sender-Empfänger-Modell, dem ,Basismodell′, welches bis heute
stark verbreitet ist, wird Kommunikation als ein Vorgang beschrieben, in
dessen Verlauf Informationen von einem Sender über einen Kanal kodiert
an einen Empfänger übermittelt werden. Der Empfänger dekodiert die
übermittelte Botschaft. Bei der Übermittlung der Botschaft können Infor-
mationen verloren gehen, was dem so genannten Rauschen geschuldet
ist (vgl. Delhees 1994: 21).
Mitteilung
Enkodierer
Dekodierer
Interpret
Rauschen
Interpret
Dekodierer
Enkodierer
Mitteilung
soziales und gesellschaftliches Umfeld
Abb. 3: Sender-Empfänger-Modell
Quelle: In Anlehnung an Delhees 1994: 21
Dieses Kommunikationsmodell legt es nahe, dass Kommunikation dem
Transport von Mitteilungen von einer Person zu einer anderen entspricht.
Die Mitteilungen werden dabei ohne Bezug zur Umwelt gesendet und
30
Interkulturelle Kompetenz
empfangen. Dass Botschaften einen Teil ihrer Bedeutung aus dem sozia-
len Kontext beziehen, vor dem sie erzeugt werden, bleibt unberücksichtigt.
Dies liegt daran, dass das Modell einem technischen Kontext entstammt,
wie Rogers und Steinfatt (1999: 116) erläutern.
kultureller Einfluss
kultureller Einfluss
soziokultureller Einfluss
soziokulturel er Einfluss
Nachricht/Feedback
psychokultureller Einfluss
psychokultureller Einfluss
enkodieren
dekodieren
Person A
Person B
dekodieren
enkodieren
Nachricht/Feedback
Umwelteinflüsse
Abb. 4: Interaktionsmodell der interkulturellen Kommunikation
Quelle: Gudykunst/Kim 2003: 45
Gudykunst und Kim erweitern das Sender-Empfänger-Modell zum Interak-
tionsmodell. Dies geschieht dadurch, dass sie es um Feedback-Kanäle
erweitern, die es den Kommunikationspartnern ermöglichen, sich über
Bedeutungen ihrer Informationen auszutauschen. Das Enkodieren und
Dekodieren der Mitteilungen wird zum interaktiven Prozess, zu einem
,,process involving [...] the creation of meaning" (Gudykunst/Kim 2003:
269). Die Einflüsse, die Teile der Information verzerren oder verloren ge-
hen lassen können, werden nicht mehr einfach zum Rauschen zusam-
31
Interkulturelle Kompetenz
mengefasst, sondern in kulturelle, soziokulturelle, psychokulturelle und
situative Faktoren unterschieden.
Der Erfolg der Kommunikation der beiden Partner hängt bei Gudykunst
und Kim davon ab, wie sehr sich die Kommunikationspartner in ihrer Inter-
aktion einander annähern. Begünstigt wird der Prozess des sich einander
Annäherns, wenn die Kommunikationspartner mit den Interpretationswei-
sen des jeweils anderen vertraut sind (vgl. Gudykunst/Kim 2003: 270).
Rogers und Kincaid kritisieren an den vorgestellten linearen Kommunikati-
onsmodellen, dass diese zu mechanistisch seien. Zum einen bleibt ihrer
Ansicht nach bei den linearen Kommunikationsmodellen der Kontext der
Kommunikation unberücksichtigt, obwohl doch die Gedanken eines Men-
schen immer auf die Umwelt, auf die Gedanken anderer und auf die eige-
ne Person bezogen sind. Zum anderen merken sie an, dass die Kommu-
nikationsmuster zweier Individuen nie identisch sind (vgl. Rogers/Kincaid
1981: 53f.).
Kommunikation, bei der die Teilnehmer miteinander Informationen teilen,
um gegenseitiges Verständnis zu erreichen, lässt sich nach Rogers und
Kincaid besser verstehen, wenn man diese Vorgänge als zusammenhän-
gende Kommunikationskreise auffasst. Im Konvergenzmodell von Rogers
und Kincaid treten die Kommunikationspartner in eine Austauschbezie-
hung ein. Ihre Interpretationsschemata und das Verständnis von Wirklich-
keit nähern sich während des Kommunikationsprozesses einander an.
Unterschiedliche Auffassungen lassen sich so für eine bestimmte Zeit
reduzieren. Bricht der Prozess aber ab, so divergiert das Verständnis der
Teilnehmer wieder. Kommunikationsprozesse haben in Rogers′ und Kin-
caids Augen deshalb weder Anfang noch Ende (vgl. Rogers/Kincaid 1981:
56).
32
Interkulturelle Kompetenz
psychologische Realität
A
physische Realität
psychologische Realität
B
Interpretation
Wahrnehmung
Information
Wahrnehmung
Interpretation
Handlung
Handlung
gemeinsame
Handlung
Verstehen
Glauben
Glauben
Verstehen
gegenseitiges
Einvernehmen
gegenseitiges
Verständnis
soziale Realität
A
und
B
Abb. 5: Konvergenzmodell
Quelle: Rogers/Kincaid 1981: 55
Dass die Kommunikationsmuster zweier Individuen nie identisch sind, ist
eine Feststellung, die im interkulturellen Kontext von besonderer Bedeu-
tung ist. Das Problem ist, dass wir es in unserer alltäglichen Kommunikati-
on zumeist als selbstverständlich voraussetzen, dass der jeweils andere
über dasselbe Wissen verfügt, wie wir selbst (vgl. Knapp/Knapp-Potthoff
1990: 66). Dass dem nicht so ist, dass stattdessen jeder seinen individuel-
len Kommunikationsstil pflegt, liegt nach Bolten daran, dass ,,das, worauf
wir in unserer Kommunikation unweigerlich zurückgreifen müssen, [...]
nichts anderes als das Produkt vorangegangener Kommunikations- (und
damit Sozialisations-)prozesse [ist]: Es sind Wissensbestände, die sich in
Jahrhunderte langer Tradierung sukzessive erweitert, vernetzt und modifi-
ziert haben" (Bolten 2000).
33
Interkulturelle Kompetenz
So entwickeln die Individuen durch Sozialisation Muster, nach denen sie
selber handeln und nach denen sie die Handlungen der anderen wahr-
nehmen und ihnen Bedeutungen zuschreiben, wenn sie kommunizieren
(vgl. Rogers/Steinfatt 1999: 131). Diese Handlungsmuster sind Knapp und
Knapp-Potthoff zufolge ausgesprochen komplex und sind aus ,,verbalen,
paraverbalen und nonverbalen Kodes [...] zusammengefügt"
(Knapp/Knapp-Potthoff 1990: 66). Sie entwickeln sich ,,throughout our
lifetime as a result of our culture acting upon us as well as the result of our
individual experience within that culture" (Porter/Samovar 1996: 9).
Die Komplexität der Handlungsmuster hat zur Folge, dass es stets unsi-
cher ist, ob sich die Kommunizierenden verständigen können, wenn sie in
Interaktion treten (vgl. Rogers/Kincaid 1981: 44). Verständigung ist aber
das Ziel der Kommunikation. Die Kommunikationspartner lassen sich auf
den dynamischen Prozess der Kommunikation ein, um dieses Ziel zu
erreichen. Voraussetzung ist, dass sie über den Prozess der Kommunika-
tion zunächst ein Klima des Verstehen-Wollens und des Verstanden-
Werden-Wollens herstellen (vgl. Mall 2000: 337). Wenn bei einem Men-
schen jedoch bereits der Gedanke an die Interaktion mit einem Gefühl der
Angst einhergeht, weil es zum Beispiel unvorhersehbar ist, wie der Ge-
genüber auf das Angebot zur Interaktion reagiert, oder wenn es leichter
erscheint, den Zweck auf andere Weise zu erreichen, kann die Motivation
zu kommunizieren gering sein, wie Gudykunst und Kim (2003: 276f.) aus-
führen.
Solche Aspekte sind Gegenstand der interkulturellen Kommunikation.
34
Interkulturelle Kompetenz
3.4 Interkulturelle Kommunikation
Interkulturelle Kommunikation ist die Kommunikation zwischen Menschen,
die verschiedenen Kulturen angehören, das heißt zwischen Menschen, die
sich selber einer anderen Kultur zugehörig fühlen, als der, der sie den
Kommunikationspartner zurechnen. Nach Knapp und Knapp-Potthoff
handelt es sich bei interkultureller Kommunikation um ,,die interpersonale
Interaktion zwischen Angehörigen verschiedener Gruppen, die sich mit
Blick auf die ihren Mitgliedern jeweils gemeinsamen Wissensbestände und
sprachlichen Formen symbolischen Handelns unterscheiden"
(Knapp/Knapp-Potthoff 1990: 66). Die Problematik bei der Kommunikation
im interkulturellen Zusammenhang liegt also darin, dass der eine der
Kommunikationspartner nicht mehr davon ausgehen kann, dass der ande-
re über dasselbe Wissen verfügt, wie er selbst. Damit fehlt den Kommuni-
kationspartnern ,,die interpretative Folie für die Deutung des bisher Kom-
munizierten und die Orientierung für weiteres Handeln" (Knapp/Knapp-
Potthoff 1990: 66). In der interkulturellen Kommunikation können die
Kommunikationspartner ,,nicht auf einem über Jahrhunderte gewachsenen
und immer schon fraglos vorhandenen Netzwerk kollektiver Selbstver-
ständlichkeit aufbauen" (Bolten 2000). Die Kultur des Kommunikations-
partners ist daher eine fremde; der Gegenüber wird zu einem gewissen
Grad als fremd empfunden.
Dieses Empfinden der Fremdheit steht im Gegensatz zu einem Gefühl der
Vertrautheit in der eigenen Gruppe. Die Kultur der eigenen Gruppe bietet
ihren Mitgliedern die Grundlage ihres Selbstverständnisses. Der Kontrast
zwischen Fremdem und Eigenem betrifft so Waldenfels Erfahrungsge-
halte und Erfahrungsbereiche. ,,Wo Lebensbereiche und Lebenswelten im
Persönlichen wie im Gesellschaftlichen ihre Vertrautheit verlieren" (Wal-
denfels 1991: 58), beginnt das Fremde. Dieses stellt sich dem Individuum
als eine unstrukturierte Situation dar, die ,,eine Tendenz zur Wiedergewin-
35
Interkulturelle Kompetenz
nung von Vertrautheit, Orientierungs- und Handlungssicherheit" (Thomas
1993: 259) aufkommen lässt.
Baecker stellt fest, dass es des Gegensatzes zwischen Vertrautheit und
Fremdheit bedarf, um überhaupt erst auf ein Eigenes schließen zu können
(vgl. Baecker 2000: 16). Das bedeutet: ,,ohne Fremdes keine eigene Kul-
tur" (Barloewen 1993: 299). Andererseits ist nach Baecker, ,,das Fremde
[...] Teil des Eigenen, das nichts anderes ist als die Abgrenzung vom
Fremden, die Suche nach dem Kontrast" (Baecker 2000: 16). Ebenso
sieht das Brenner. Auch für ihn ist das Fremde immer Teil des Eigenen
,,eben jenes Konstrukt, durch das das Fremde als Interpretament entsteht
und das seine wesentlichen Kategorien aus der eigenen Kultur bezieht"
(Brenner 1999: 16).
So geht es, wie Gudykunst und Kim bemerken, in den meisten Konzepten
um ein Gefühl der Vertrautheit in Abgrenzung zum Fremden (vgl. Gudy-
kunst/Kim 2003: 23). Wenn sich das Fremde aber anhand dieses Kriteri-
ums konstituiert, so stellt Harman fest, ist ,,in the dominant mode of social
organization in western society [...] the stranger [...] not the exception but
the rule. [...] Strangeness is not longer a temporary condition to be over-
come, but a way of life" (Harman 1987: 44).
Ähnliche Beobachtungen stellt Georg Simmel bereits zu Anfang des 20.
Jahrhunderts an. Für Simmel ist das Verhältnis von Kultur und Einzel-
mensch von sozialer, psychischer und wirtschaftlicher Entfremdung ge-
kennzeichnet. In dieser Welt ist der Fremde derjenige, der zwar körperlich
anwesend und an der Situation beteiligt, gleichzeitig aber außen vor ist, da
er nicht Mitglied der Gruppe ist (vgl. Simmel 1968: 509). In Simmels Au-
gen verschafft ihm das einen höheren Grad an Freiheit, da er leichter
zwischen den Gruppen wechseln kann und unterschiedliche Bedeutungs-
zuschreibungen leichter verstehen kann. ,,Er ist der Freiere, praktisch und
36
Interkulturelle Kompetenz
theoretisch, er übersieht die Verhältnisse vorurteilsloser, misst sie an
allgemeineren, objektiveren Idealen" (Simmel 1968: 510f.). Nach Geenen
ist es dabei gut möglich, dass sich der Fremde in der Gruppe als fremder
erlebt, als er von den Mitgliedern der Gruppe wahrgenommen wird. Das
liegt daran, dass er Mitglied in anderen Gruppen ist, deren Mitgliedern er
nahe steht. Im Verhältnis zu denen erscheint ihm die Distanz zu den Mit-
gliedern der neuen Gruppe groß, ,,während die Mitglieder der Gruppe, die
keine andere Gruppe kennen, eine Distanz höchstens in geringerem Um-
fange erreichen können" (Geenen 2002: 42f.). Arbeitet also in einem glo-
balen Unternehmen ein Mitarbeiter aus einer dezentralen Einheit des
Unternehmens in den Zentralbereichen in einem Projektteam mit, mögen
ihm diesen Ausführungen zufolge die anderen Projektmitarbeiter fremder
erscheinen, als er den anderen Mitarbeitern.
Schütz sieht im Fremden einen Menschen, der nicht am Sozialisations-
prozess der Gruppe teilgenommen hat, der aber ,,von der Gruppe, welcher
er sich nähert, dauerhaft akzeptiert oder zumindest geduldet werden
möchte" (Schütz 1972: 53). In seinem Bemühen um Akzeptanz interagiert
der Fremde mit den Gruppenmitgliedern. Es kommt, so Barloewen zur
Akkulturation, bei der sich die Selbsteinschätzung des Fremden ,,immer
stärker von einem ausschließlich kulturellen zu einem interkulturellen
Zustand" (Barloewen 1993: 307) verlagert. Gleichzeitig wirkt die Interakti-
on mit dem Fremden verändernd auf das kulturelle Wissen der Gruppe
und ,verfremdet′ deren Selbstverständnis (vgl. Schütz 1972: 53).
Auch diese Feststellung ist für die Entwicklung interkultureller Kompetenz
in globalen Unternehmen bedeutsam. Indem ein Mitarbeiter aus dem
einen Unternehmensteil in einem anderen Teil mitarbeitet, verändert sich
das Wissen der dortigen Mitarbeiter, auch wenn sie nicht aktiv in die Maß-
nahme einbezogen sind.
37
Interkulturelle Kompetenz
Um die Prozesse zu erklären, wenn Menschen miteinander kommunizie-
ren, die sich gegenseitig zu einem gewissen Grad als fremd empfinden,
sind diverse Modelle entwickelt worden. Die zwei am weitesten verbreite-
ten Modelle, die wenn es um Kommunikation im interkulturellen Kontext
geht fast immer zur Erklärung herangezogen werden, sind das des
Ethnozentrismus und das Kulturschock-Modell.
Ethnozentrismus ist ein Konzept, das auf William G. Sumner zurückgeht.
Sumner definiert Ethnozentrismus als die Tendenz, die Gruppe, zu der
man sich zugehörig fühlt, in den Mittelpunkt seiner Weltsicht zu stellen
(vgl. Sumner 1959: 13). Andere Kulturen werden als der eigenen Kultur
unterlegen bewertet (vgl. Rogers/Steinfatt 1999: 50). Die Art, wie sich eine
ethnozentrische Haltung äußert, kann nach Antweiler (1994: 149) ,,unauf-
fällig bis selbstverständlich sein", aber auch bewusst, forciert und ideolo-
gisch motiviert.
In jedem Fall so meinen Rogers und Steinfatt ist Ethnozentrismus ,,a
block to effective intercultural communication because it prevents un-
derstanding unalike others" (Rogers/Steinfatt 1999: 50). Dieser in der
Literatur weit verbreiteten Ansicht, dass Ethnozentrismus bereits der
Grund für das Scheitern der Kommunikation über kulturelle Grenzen hin-
weg sei und deshalb abzubauen sei, widerspricht Moosmüller. Für ihn ist
jeder Mensch ein Ethnozentriker, da Ethnozentrismus ,,eine anthropologi-
sche Grundkonstante" (Moosmüller 1996: 279) sei. Jeder Mensch kon-
struiert seine Lebenswelt aus dem eigenen Lebenszusammenhang her-
aus. Und natürlich beeinflusst auf diese Weise der Ethnozentrismus jedes
einzelnen das Verhältnis zu seinen Interaktionspartnern. Wie Moosmüller
(1996: 280) feststellt, ist das Problem aber nicht die Tatsache, dass ein
solcher Einfluss existiert, sondern dass dieser Einfluss aus dem Bewusst-
sein gedrängt wird, da Ethnozentrismus in der interkulturellen Kommunika-
tion ein negativ besetzter Begriff ist.
38
Interkulturelle Kompetenz
Die Vorgänge in einer globalen Organisation interpretiert also jeder Mitar-
beiter aus seiner Sicht einer Sicht, die auch ethnozentrisch beeinflusst
ist. Gleichzeitig muss aber berücksichtigt werden, dass der ethnozentri-
sche und überhaupt der kulturelle Einfluss nur einer von vielen Faktoren
ist, die eine Rolle spielen, wenn Partner aus unterschiedlichen Kulturen
kommunizieren (vgl. Porter/Samovar 1996: 21). Individuen sind immer
unterschiedlich und pflegen ihre individuellen Kommunikationsweisen.
Auch interkulturelle Kommunikation ist ,,inter-persönliche Kommunikation
zwischen Einzelmenschen" (Casmir 1998: 18). Hier interagieren keine
Kulturen, sondern Menschen, die in unterschiedlicher kultureller Umwelt
aufgewachsen und sozialisiert sind.
Das zweite Modell, welches häufig bemüht wird, um den Verlauf des
kommunikativen Verhaltens eines Menschen, der im fremdkulturellen
Kontext agiert, zu beschreiben, ist das Kulturschock-Modell. Am weitesten
verbreitet ist das Stufenmodell von Oberg. Nach diesem Modell wird der
Anpassungsprozess in vier Phasen eingeteilt: eine euphorische Phase, in
der der fremdkulturelle Kontakt positive Gefühle auslöst, eine Phase der
Krise, in der sich die Gefühle gegenüber der fremden Kultur verschlech-
tern, eine Phase der allmählichen Anpassung an die neue Situation und
schließlich eine Phase, in der die Anpassung abgeschlossen ist und die
Interaktion in der neuen Kultur als normal empfunden wird (vgl. Oberg
1960: 195). Der Kulturschock soll Oberg zufolge Symptome wie Verärge-
rung und Misstrauen gegenüber Vertretern der fremden Kultur, Hilflosig-
keit im Hinblick auf Probleme in der alltäglichen Kommunikation, Suche
nach Beziehungen mit Menschen aus der eigenen Kultur etc. hervorrufen
(vgl. Kühlmann 1995: 7).
Andere Autoren haben Obergs Modell modifiziert, indem sie abweichende
oder zusätzliche Phasen eingeführt haben. Kühlmann kritisiert aber an
allen diesen Stufenmodellen, dass sie ,,in konzeptueller wie methodischer
39
Interkulturelle Kompetenz
Hinsicht schwerwiegende Mängel" (Kühlmann 1995: 8) aufweisen, da viele
Fragen offen bleiben. So bleibt unklar, ob zwangsläufig alle Stufen in der
beschriebenen Reihenfolge durchlaufen werden müssen und nach wel-
chen Kriterien die Zuordnung zu den einzelnen Phasen erfolgt.
Gefühl
positiv erregt
normal
negativ erregt
Zeit
euphorische
Phase der
Phase der
Phase der
Phase
Krise
Anpassung
Normalisierung
Abb. 6: Phasenmodell des Kulturschocks
Quelle: Moosmüller 1996: 283
Moosmüller plädiert dafür, das Konzept des Kulturschocks neu zu betrach-
ten. Er stellt fest, dass es sich ,,nicht um eine schockartige Reaktion auf
die fremde Kultur, sondern um langfristige, subtile Veränderungen der
Persönlichkeit als Folge der Auseinandersetzung mit einer fremden Kultur"
(Moosmüller 1996: 282) handelt. Es bietet sich also die Möglichkeit, den
Kulturschock als Anstoß zu persönlichen Lern- und Reifeprozessen zu
nutzen. Als Modell schlägt Moosmüller in Anlehnung an das ,Modell der
adaptiven Transformation′ von Kim (1988: 56) vor, statt der sonst üblichen
40
Interkulturelle Kompetenz
linearen Darstellungsweise den Anpassungsprozess spiralförmig abzubil-
den, da Menschen, die sich in fremdkulturellem Kontext bewegen, immer
wieder Stresssituationen ausgesetzt sind.
Anpassung
Zeit
Stress
Abb. 7: Modell des Kulturschocks als Lern- und Reifeprozess
Quelle: Kim 2001: 59
Wenn im globalen Unternehmen nun die interkulturelle Kompetenz entwi-
ckelt werden soll, so versucht die Organisation mittels geeigneter Maß-
nahmen in die beschriebenen persönlichen Lern- und Reifeprozesse ein-
zugreifen und sie zu forcieren.
41
Interkulturelle Kompetenz
3.5 Erweiterung des Begriffs der interkulturellen Kompe-
tenz
Die Definitionen in Kapitel 3.1 legen es nahe, interkulturelle Kompetenz
als einen Kanon aus Kenntnissen und Fähigkeiten zu betrachten, die es
dem Träger derselben ermöglichen, in fremdkulturellen Zusammenhängen
produktiv mit anderen zu interagieren. Dieser Kanon umfasst Wissen über
die eigene Kultur wie auch die Kultur des Interaktionspartners und kom-
munikative Fähigkeiten wie Sprachkenntnisse und Wissen um die Beson-
derheiten der interkulturellen Kommunikation. Hierbei handelt es sich um
explizites Wissen.
Darüber hinaus sind in der interkulturellen Interaktion zahlreiche soziale
und individuelle Fähigkeiten in besonderem Maße gefragt, die auch im
intrakulturellen Kontext die Interaktion mit anderen erleichtern. Bei diesen
Fähigkeiten handelt es sich zumeist um implizites Wissen, also um Wis-
sen, welches über das, was ,,wir zu sagen wissen" (Polanyi 1985: 14),
hinausgeht. Da es nicht expliziert werden kann, ist dieses Wissen schwer
zugänglich. Es ist in seiner Struktur nicht genau beschreibbar und wird
von seinen Trägern eher intuitiv eingesetzt. Implizites Wissen erwerben
Menschen, indem sie Einzelheiten mittels Empathie verinnerlichen. Die
Dinge werden nicht bewusst beobachtet, sondern ihrer wird ,,im Zusam-
menhang der aus ihnen gebildeten komplexen Entität gewahr" (Polanyi
1985: 25).
Interkulturelle Kompetenz erfordert also bestimmte Qualifikationen der an
der Zusammenarbeit Beteiligten in Form von explizitem und implizitem
Wissen. Dann verläuft die Interaktion über kulturelle Grenzen hinweg
gemäß den angeführten Definitionen von interkultureller Kompetenz (siehe
Kapitel 3.1) erfolgreich. Dabei wird jedoch ein wesentlicher Aspekt über-
sehen: Die interkulturellen Kenntnisse und Fähigkeiten der Mitarbeiter
42
Interkulturelle Kompetenz
kommen nicht zum Tragen, wenn es an der Bereitschaft zur Interaktion
mangelt. Schließlich kann die interkulturelle Zusammenarbeit nur erfolg-
reich sein, wenn sie denn auch zustande kommt.
Somit ist neben dem Element ,Kenntnisse und Fähigkeiten′ die Bereit-
schaft zur Interaktion ein zweites, wesentliches Element interkultureller
Kompetenz. Diese Bereitschaft ist zum einen von der Motivation der Mit-
arbeiter getragen, innerhalb des globalen Unternehmens über kulturelle
Grenzen hinweg zu interagieren. Zum anderen wird die Bereitschaft zur
Interaktion von der Organisation determiniert. Den Mitarbeitern müssen
entsprechende Handlungsspielräume Befugnis und Zeit eingeräumt
werden; interkulturelle Interaktion muss als erwünscht gelten (vgl.
Dombrowski et al. 2004). Pribilla spricht in diesem Zusammenhang von
der ,,Ermöglichung im Unternehmen" (Pribilla 2000: 390).
Die Motivation eines Mitarbeiters zur interkulturellen Zusammenarbeit
hängt von seinen Erfahrungen ab. Sammelt der Mitarbeiter positive Erfah-
rungen in diesem Bereich, so ist er motiviert, sich auch in Zukunft mit
fremdkulturell geprägten Kollegen innerhalb des globalen Unternehmens
zu verständigen. Macht er negative Erfahrungen mit interkultureller Inter-
aktion, so sinkt dadurch seine Motivation, in Zukunft mit den fremdkulturel-
len Kollegen zusammenarbeiten zu wollen. Sein möglicherweise vorhan-
denes Wissen über interkulturelle Zusammenhänge wird nicht zum Tragen
kommen.
Die Motivation eines Mitarbeiters, interkulturell handeln zu wollen, liegt
ebenso wie seine Kenntnisse und Fähigkeiten in diesem Zusammenhang
auf der individuellen Ebene. Daneben müssen die äußeren Umstände
ein interkulturell kompetentes Handeln zulassen. Wenn das Umfeld im
Unternehmen ein solches Handeln nicht ermöglicht, kann die interkulturel-
43
Interkulturelle Kompetenz
le Kompetenz nicht zum Tragen kommen. Neben der individuellen Ebene
existiert also auch eine organisationelle Ebene interkultureller Kompetenz.
Interkulturelle
Kompetenz
Kenntnisse und Fähigkeiten
Bereitschaft
explizites Wissen
implizites Wissen
Motivation
Ermöglichung
Sollen
Dürfen
Zeit
individuelle Ebene
organisationelle Ebene
Abb. 8: Elemente interkultureller Kompetenz
Quelle: Eigene Darstellung
Interkulturelle Kompetenz ist demnach nicht unabhängig vom Kontext.
Individuen können nicht interkulturell kompetent sein, wenn die Rahmen-
bedingungen es nicht ermöglichen. Das Vorhandensein interkultureller
Kompetenz im Unternehmen hängt nicht nur von den Fähigkeiten und der
Bereitschaft der einzelnen Mitarbeiter ab, es hängt auch davon ab, inwie-
fern die organisationellen Bedingungen diese Kompetenz fördern und ihr
Raum geben. Welche Erfahrungen ein Mitarbeiter wiederholt machen
möchte, hängt zwar zum einen von seinem eigenen Wollen ab, aber auch
davon, welche Erfahrungsmöglichkeiten ihm zugänglich gemacht werden.
44
Interkulturelle Kompetenz
Interkulturelle Fähigkeiten und Motivation zur interkulturellen Zusammen-
arbeit bei den einzelnen Mitarbeitern reichen also nicht aus. Interkulturelle
Kompetenz muss auch von der organisationellen Seite her ermöglicht
werden. Nur wenn Kontakte zwischen den Mitarbeitern aus den weltweit
angesiedelten Standorten des Unternehmens erwünscht und gefordert
sind, wenn die Vernetzung von der Organisation vorangetrieben wird,
kann interkulturelle Kompetenz im globalen Unternehmen zum Tragen
kommen.
Darüber hinaus gilt auch die umgekehrte Feststellung: Die Vernetzung
kann nur stattfinden, wenn die Mitarbeiter im weltumspannenden Unter-
nehmen auch ,,entsprechende Verbindungen herstellen können" (Stähli
1996: 32) und die nötige ,Empfangsbereitschaft′ an den Tag legen. Indivi-
duelle und organisationelle Ebene interkultureller Kompetenz bedingen
sich gegenseitig.
Interkulturelle Kompetenz soll folglich als die Befähigung von Mitarbeitern
unterschiedlicher kultureller Prägung zur effektiven und effizienten Zu-
sammenarbeit definiert werden. Sie beinhaltet eine individuelle Ebene, auf
der die einzelnen Mitarbeiter über kulturelle, kommunikative und sonstige
soziale Kenntnisse und Fähigkeiten (expliziter wie impliziter Art) sowie
über die Motivation zur interkulturellen Interaktion verfügen. Außerdem
beinhaltet sie eine organisationelle Ebene, auf der die Kontakte zustande
kommen und eine dauerhafte Vernetzung der Mitarbeiter erfolgt. Beide
Ebenen bedingen sich gegenseitig.
45
Entwicklung interkultureller Kompetenz
4 Entwicklung interkultureller Kompetenz
4.1 Möglichkeiten der Einflussnahme auf die interkulturelle
Kompetenz
Gemäß der Definition interkultureller Kompetenz in Kapitel 3.5 müssen
wenn im Unternehmen die interkulturelle Kompetenz gesteigert werden
soll Kenntnisse und Fähigkeiten (expliziter wie impliziter Art) der Mitar-
beiter entwickelt und die Bereitschaft zur interkulturellen Interaktion erhöht
werden. Auf der individuellen Ebene bedeutet das eine Steigerung der
Motivation der Mitarbeiter zur interkulturellen Zusammenarbeit, auf der
organisationellen Ebene müssen die Kontakte im Sinne einer dauerhaften
Vernetzung der Mitarbeiter unterschiedlicher kultureller Prägung gefördert
werden.
4.1.1 Einflussnahme auf interkulturelle Kenntnisse und Fähigkeiten
Im weltumspannenden Unternehmen arbeiten Menschen zusammen, die
sich an sehr weit entfernten Orten befinden und die in weit entfernten
Gegenden sozialisiert wurden. Sie bringen bestimmte personale und sozi-
ale Voraussetzungen mit, wobei mit ,,zunehmender [...] räumlicher und
sozialer Entfernung [...] die Ähnlichkeiten, die Gemeinsamkeiten der je
konkreten Lebenswelten ab[nehmen]" (Honer 1993: 20). Damit die Mitar-
beiter zur reibungslosen interkulturellen Zusammenarbeit befähigt werden,
muss die globale Unternehmung versuchen, darauf Einfluss zu nehmen,
dass sich die Wissensvorräte ihrer Mitarbeiter, deren Lebenswelten wenig
Ähnlichkeiten aufweisen, in den relevanten Bereichen so erweitern, dass
die nötigen Überschneidungen dieser Wissensvorräte zustande kommen.
Unter der Lebenswelt eines Mitarbeiters ist die Gesamtheit seiner Erfah-
rungen zu verstehen, die er macht und die seinem Denken und Handeln
46
Entwicklung interkultureller Kompetenz
zugrunde liegen. Indem er sich mit den Gegenständen und Prozessen in
seinem sozialen Umfeld auseinandersetzt, bildet sich der Mitarbeiter sei-
nen Erfahrungshorizont, vor dem er seine Welt betrachtet (vgl.
Schütz/Luckmann 2003: 44). Dieser Horizont ist jederzeit erweiterungsfä-
hig, ein ,,prinzipiell unerschöpflicher Kontext" (Habermas 1989: 202). Wel-
che Erfahrungsmöglichkeiten der Mitarbeiter tatsächlich nutzt, unterliegt
seiner bewussten Entscheidung (vgl. Honer 1993: 18).
Wegen dieser Entscheidungsmöglichkeit ist eine direkte Beeinflussung der
Wissensvorräte der Mitarbeiter, die es in interkultureller Hinsicht zu erwei-
tern gilt, nicht möglich. Einfluss kann das Unternehmen nur darauf neh-
men, welche Erfahrungsmöglichkeiten sich dem einzelnen Mitarbeiter
bieten. Welche Erfahrungsmöglichkeiten er dann nutzt und welchen Ein-
fluss die gemachten Erfahrungen auf seine individuelle Wirklichkeit und
seinen individuellen Wissensvorrat haben, bestimmt der zu entwickelnde
Mitarbeiter selber (vgl. Hejl/Stahl 2000: 22).
Für Thomas bedeutet das, dass das Unternehmen einen Lernprozess
anstößt, in dessen Verlauf die Mitarbeiter Erfahrungen sammeln, die sie
interkulturell kompetenter machen. Denn, so stellt Thomas fest, interkultu-
relle Kompetenz ist ,,nicht einfach vorhanden oder nicht vorhanden, son-
dern entwickelt sich in und aus dem Verlauf eines hochgradig lernsensiti-
ven interkulturellen Begegnungs- und Erfahrungsprozesses" (Thomas
2003a: 143). Dazu ist anzumerken, dass es Thomas in seinem handlungs-
und lerntheoretischen Konzept um den Erwerb interkultureller Kenntnisse
und Fähigkeiten geht. Diesen setzt er mit der Steigerung interkultureller
Kompetenz gleich. Die Komponente der Bereitschaft zur interkulturellen
Interaktion, wie sie die Definition in Kapitel 3.5 beinhaltet, ist in seinem
Kompetenzbegriff nicht enthalten. Das Thomas′sche Konzept wird an
dieser Stelle deshalb unter dem Aspekt der Einflussnahme auf die inter-
kulturellen Kenntnisse und Fähigkeiten von Mitarbeitern diskutiert.
47
Entwicklung interkultureller Kompetenz
Damit die weiterzuentwickelnden Fach- und Führungskräfte des globalen
Unternehmens neue interkulturelle Erfahrungen machen können, müssen
sie gemäß Thomas in interkulturelle Begegnungen eingebunden werden,
in denen sie dann Situationen erleben, die sie zu einem gewissen Grad
als befremdlich empfinden. Die Mitarbeiter erleben einen Kulturschock
(siehe Kapitel 3.4). Es treten Spannungen auf, die Thomas und Woodruff
zufolge unvermeidbar sind, wenn die Mitarbeiter mit Kollegen anderer
kultureller Prägung in Interaktion treten (vgl. Thomas/Woodruff 1999: 7).
Dies liegt an der ,,anthropologische[n] Grundkonstante" (Moosmüller 1996:
279) des Ethnozentrismus, wonach jeder Mensch seine Lebenswelt aus
dem eigenen Lebenszusammenhang heraus konstruiert (siehe Kapitel
3.4).
Durch die interkulturellen Erfahrungen wird dann der Prozess des interkul-
turellen Lernens angeregt. Die Mitarbeiter werden kultureller Konvergen-
zen und Divergenzen gewahr, reflektieren darüber und entwickeln kulturel-
le Wertschätzung und adäquate Handlungsmöglichkeiten. Daraufhin
kommt es zum interkulturellen Verstehen. Das bedeutet, dass die einge-
bundenen Mitarbeiter an interkultureller Orientierungsklarheit gewinnen
und ihr Repertoire an Verhaltensalternativen erweitern (vgl. Thomas
2003a: 144).
Hierzu ist zu ergänzen, dass erfahrungsbasiertes interkulturelles Lernen
vielfach zunächst auf der impliziten Ebene stattfindet. Nach Nonaka und
Takeuchi erweitern die Handelnden dabei ihr implizites Wissen. Im Pro-
zess der Wissenskonversion wird dann ein Teil des impliziten Wissens in
explizites Wissen transformiert. Dadurch erweitern die Lernenden ihren
Vorrat an explizitem Wissen (vgl. Nonaka/Takeuchi 1995: 61f.).
Der Vorgang des interkulturellen Lernens wie Thomas ihn beschreibt
beinhaltet diesen Prozess der Wissenskonversion. Die Lernenden müssen
48
Entwicklung interkultureller Kompetenz
sich der kulturellen Aspekte bewusst werden, sie müssen darüber reflek-
tieren und adäquate Handlungsmöglichkeiten in Betracht ziehen. Dass sie
dazu allein durch die interkulturelle Erfahrung angeregt werden, ist aber
nicht unbedingt zu erwarten. Wahrscheinlicher ist es, dass die Verarbei-
tung des Erlebten ausschließlich auf der impliziten Ebene erfolgt.
interkulturelle
Kompetenz
personale und
interkulturelle
interkulturelles
interkulturelles
soziale Bedingungen
Erfahrung
Lernen
Verstehen
(= interkulturelle
Kenntnisse und
Fähigkeiten)
personale
Einbindung in
Gewahrwerden
Gewinn an
Handlungs-
Faktoren
interkulturelle
kultureller
interkultureller
möglichkeiten
Begegnung
Konvergenzen
Orientierungs-
(routinemäßige
Lebenserfahrung
und Divergenzen
klarheit
Verfügbarkeit)
Erfahrungen mit
Persönlichkeits-
Interaktions-
Reflexion über
Erweiterung des
Handlungs-
eigenschaften
situationen, die
kulturelle
Repertoires an
sicherheit
Fremdheits-
als befremdlich
Konvergenzen
Verhaltens-
konzept
empfunden
und Divergenzen
alternativen
Handlungs-
werden
flexibilität
Entwicklung
Reaktionen auf
kultureller
Handlungs-
Umweltfaktoren
die Interaktions-
Wertschätzung
kreativität
situationen
gegenständliche
Entwicklung
Umwelt
adäquater
Handlungs-
soziale Umwelt
möglichkeiten
Abb. 9: Handlungs- und lerntheoretisches Konzept interkultureller Kompe-
tenz
Quelle: In Anlehnung an Thomas 2003a: 144
Um den Prozess der Wissenskonversion dahin gehend zu beeinflussen,
dass größere Teile des Erfahrungswissen in den Vorrat an explizitem
Wissen eingehen, kann von Seiten der Unternehmung durch das Angebot
von Möglichkeiten zur Reflexion der interkulturellen Erfahrungen und
durch Aufzeigen von Handlungsmöglichkeiten unterstützend eingegriffen
werden: ,,Instruments can be used to give feedback to the trainees about
49
Entwicklung interkultureller Kompetenz
their current level of intercultural development and help them see more
clearly what knowledge, skills, and attitudes they need to acquire" (Paige
2004: 87).
Die Kenntnisse und Fähigkeiten, welche die Mitarbeiter im Laufe des be-
schriebenen Lernprozesses erwerben, befähigen sie schließlich dazu, in
der interkulturellen Zusammenarbeit routinemäßig über die passenden
Handlungsmöglichkeiten zu verfügen und das mit der nötigen Hand-
lungssicherheit, -flexibilität und -kreativität (vgl. Thomas 2003a: 144). Ob
die interkulturellen Kenntnisse und Fähigkeiten innerhalb des globalen
Unternehmens zum Tragen kommen, hängt aber noch davon ab, ob es
gelingt, für die nötige Bereitschaft zur interkulturellen Interaktion zu sor-
gen. Wie das gelingen kann, soll im folgenden Kapitel 4.1.2 erörtert wer-
den.
Zuvor aber noch eine Anmerkung zu Thomas′ handlungs- und lerntheore-
tischem Konzept interkultureller Kompetenz: Es geht davon aus, dass
zunächst eine Enkulturation im eigenkulturellen Umfeld des Mitarbeiters
stattfindet, während der dieser Mitarbeiter keinerlei interkulturelle Kompe-
tenz erwirbt. Eine Trennung in eigen- und fremdkulturelle Prägung ist aber
immer unscharf. Wenn ein Mensch in dieser Phase der Enkulturation
seine soziale Kompetenz entwickelt, so lernt er, mit den Menschen in
seiner Umgebung situationsadäquat zu interagieren. Er bildet ,,Kommuni-
kationsfähigkeit, Empathie, soziale Motivation, soziale Bindungsfähigkeit,
Kooperationsbereitschaft und -befähigung" (Thomas 2003a: 138) aus.
Aber auch die Menschen in der Umgebung sind kulturell unterschiedlich
geprägt. Eine entwickelte soziale Kompetenz umfasst deshalb immer auch
zu einem gewissen Grad interkulturelle Kompetenz (vgl. Allolio-Näcke et
al. 2003: 151).
50
Entwicklung interkultureller Kompetenz
Auch Thomas räumt ein, dass in Kulturen, für die ,,kulturell bedingte An-
dersartigkeit zum Alltag gehört" (Thomas 2003a: 147), die Menschen von
Geburt an interkulturelle Kompetenz entwickeln. Für Thomas scheint das
die Ausnahme zu sein. Tatsächlich ist es aber die Regel. Daher ist davon
auszugehen, dass Mitarbeiter, die in interkultureller Hinsicht weiterentwi-
ckelt werden sollen, bereits über ein gewisses Maß an interkulturellen
Kenntnissen und Fähigkeiten verfügen, die es durch das Initiieren ent-
sprechender Erfahrungen zu steigern gilt.
4.1.2 Einflussnahme auf die Bereitschaft zur interkulturellen Zu-
sammenarbeit
Die Motivation eines Mitarbeiters zur interkulturellen Zusammenarbeit
hängt von seinen Erfahrungen ab. Sammelt der Mitarbeiter positive Erfah-
rungen in diesem Bereich kommt die interkulturelle Interaktion in seiner
Lebenswelt als positiv konnotiertes Element vor , so wird er auch in Zu-
kunft solche Erfahrungen machen wollen. Er ist motiviert, sich mit fremd-
kulturell geprägten Kollegen innerhalb des globalen Unternehmens zu
verständigen. Sein Handeln erfährt eine Richtung, anhand derer neue
Erfahrungen geordnet werden (vgl. Honer 1993: 19).
Entsprechend wird sich ein Mitarbeiter, der negative Erfahrungen mit in-
terkultureller Interaktion gemacht hat, in Zukunft aber mit hoher Wahr-
scheinlichkeit dagegen entscheiden, solche Erfahrungen erneut machen
zu wollen. Das Erlebnis hat Einfluss auf sein Denken, sein Handeln und
seine Kommunikation. Indem ein Mensch aber denkt, handelt und kom-
muniziert, reproduziert er seine Lebenswelt andauernd (vgl. Kneer 1990:
64). Dabei verändert sie sich, neue Elemente werden aufgenommen.
Wenn dadurch seine Motivation, in Zukunft mit den fremdkulturellen Kolle-
gen zusammenarbeiten zu wollen, sinkt, so wird sein möglicherweise
51
Entwicklung interkultureller Kompetenz
vorhandenes Wissen über interkulturelle Zusammenhänge nicht zum
Tragen kommen.
Indem das Unternehmen einen Rahmen schafft, der dazu beiträgt, dass
interkulturelle Kontakte im Unternehmen von den Beteiligten als positiv
empfunden werden, steigert es die Motivation der Mitarbeiter, auch wei-
terhin auf interkulturelle Zusammenarbeit zu bauen. Zu den Maßnahmen,
die einen solchen Rahmen ermöglichen, gehören regelmäßige Face-to-
face-Kontakte (vgl. Wolf 1994: 135f.), unterstützt von Lerneinheiten, wel-
che die Reflexion des interkulturellen Erlebens und die Entwicklung pas-
sender Handlungsalternativen fördern.
Darüber hinaus ist es für die Bereitschaft zur interkulturellen Interaktion
und damit für den Aufbau interkultureller Kompetenz im globalen Unter-
nehmen unabdingbar, dass die organisationellen Bedingungen so gestal-
tet werden, dass eine Zusammenarbeit der betreffenden Mitarbeiter jeder-
zeit über die Grenzen der weltweiten Unternehmensteile hinweg ermög-
licht wird (vgl. Müller-Stewens/Pautzke 1996: 188). Konkret bedeutet das,
dass die Mitarbeiter die Möglichkeit haben müssen und auch dazu an-
gehalten werden, sich zu vernetzen und dieses Netzwerk zu pflegen.
Netzwerke zeichnen sich dadurch aus, dass es sich bei ihnen ,,um länger-
fristig stabile Beziehungen zwischen Organisationen oder Individuen, die
über Personen vermittelt sind" (Herrmann-Pillath/Lies 2001: 6), handelt.
Die Beziehungen stellen so genannte Kanäle dar, ,,in denen sich fallweise
Austauschprozesse [...] zwischen den Netzwerkelementen vollziehen"
(Welge 1999: 120). Grundsätzlich können im Unternehmen also einzelne
Personen, Arbeitsgruppen, Abteilungen oder Niederlassungen miteinander
vernetzt sein, wobei mindestens drei soziale Einheiten über zumindest
zwei Kanäle miteinander verbunden sein müssen, um von einem Netz-
werk sprechen zu können (vgl. Böttcher 1996b: 96).
52
Entwicklung interkultureller Kompetenz
Das Knüpfen solcher Netzwerke nennt Holden eine ,,activity of creating
pathways to resources, competencies and capabilities needed by an or-
ganization to sustain its viability and to manage the resulting information
channels" (Holden 2002b: 43). Die Vernetzung der weltweiten Mitarbeiter
dient nach diesem Verständnis als informeller Steuerungsmechanismus,
der bei der Länder übergreifenden Integration im Unternehmen eine zent-
rale Rolle spielt, wie Böttcher in einer empirischen Studie mit 12 multinati-
onalen Unternehmen nachweist. Demnach kommt es bei der Integration
im globalen Unternehmen entscheidend auf die Koordinationswirkung der
emergierenden Interaktions- und Kommunikationsprozesse an, ,,die im
Rahmen von persönlichen Beziehungen zwischen Entscheidungsträgern
häufig auch lateral auftreten" (Böttcher 1996a: 173).
Böttcher fordert daher, dass neben die Organisationsstruktur des globalen
Unternehmens, welche die informellen Steuerungsmechanismen ausblen-
det, ein systematisches Management persönlicher Beziehungen von de-
zentralen Entscheidungsträgern treten soll (vgl. Böttcher 1996a: 172f.).
Denn das Ermöglichen interkultureller Kompetenz im globalen Unterneh-
men findet sowohl auf der formalen organisationellen Ebene wie auch auf
der Ebene informeller Netzwerke statt.
4.2 Interkulturelles Training
Wenn ein Unternehmen das interkulturelle Lernen innerhalb der Organisa-
tion unterstützen möchte, um die interkulturelle Kompetenz im Unterneh-
men zu verbessern, so kann es wie in Kapitel 4.1.1 gezeigt gezielt
Lernchancen und Lernerfahrungen initiiert. Werden solche Entwicklungs-
maßnahmen, welche anregen zu ,,Reflexion und Kommunikation über das,
was an situations- und zielangemessenem Verhalten zu planen, durchzu-
führen und als Ergebnis zu registrieren und zu bewerten ist" (Thomas
53
Entwicklung interkultureller Kompetenz
2003a: 143), im Unternehmen systematisch durchgeführt, so werden sie
als interkulturelle Trainings bezeichnet (vgl. Zülch 2004: 45). Werden
diese Trainings im Unternehmen institutionalisiert, so handelt es sich um
interkulturelle Trainingsprogramme.
Viele international tätige Unternehmen führen interkulturelle Trainings
durch (bzw. lassen solche Trainings durchführen). Die Organisationsfor-
men solcher Trainings sind vielfältig. Es gibt Unternehmen, die Mitarbeiter
zu einzelnen Workshops in Trainingseinrichtungen schicken, es gibt In-
house-Seminare, Austauschprogramme, Trainee-Programme für Be-
rufseinsteiger in Führungspositionen etc. Warum solche Trainingsmaß-
nahmen durchgeführt werden und was sie im Einzelnen beinhalten, soll im
Folgenden diskutiert werden.
4.2.1 Gründe für die Einführung interkulturellen Trainings
Nach Ferdman und Brody (1996: 284f.) führen Unternehmen überwiegend
aus drei verschiedenen Gründen interkulturelle Trainings durch: Sie ver-
spüren eine moralische Verpflichtung, sie stehen unter gesetzlichem oder
sozialem Druck oder sie sehen in den Trainingsmaßnahmen eine Mög-
lichkeit, ihre Wettbewerbsposition zu verbessern. Der letzte Punkt ist der
gewichtigste; ,,85% of the organizations [...] cited business success or
competitiveness as the primary motivator for using diversity training"
(Ferdman/Brody 1996: 288).
Im Rahmen dieser Arbeit geht es ausschließlich um den Aspekt der Posi-
tionierung des Unternehmens im Wettbewerb. Ferdman und Brody führen
aus, dass Unternehmen wegen der Globalisierung ohnehin gezwungen
sind, auf Fragen der Interkulturalität einzugehen, wenn sie im internationa-
len Geschäft nicht den Anschluss verlieren wollen (vgl. Ferdman/Brody
1996: 288). Sie gehen aber auch davon aus wie viele andere Autoren
54
Entwicklung interkultureller Kompetenz
auch (vgl. Bolten 2001; Cox 1994; Holden 2002b; Kühlmann 1995) , dass
Unternehmen durch effektiven Umgang mit Interkulturalität echte Wettbe-
werbsvorteile erzielen können (vgl. Ferdman/Brody 1996: 288).
Die Wettbewerbsvorteile liegen in erster Linie darin, dass die Mitarbeiter
effizient interagieren, weil sie über die nötigen Fähigkeiten verfügen, um
sich inhaltlich leicht und schnell zu verständigen (vgl. Thomas 2003a:
141), und darin, dass die Mitarbeiter besonders engagiert sind, weil sie in
der täglichen Zusammenarbeit viel Wertschätzung erfahren (vgl. Cox
1994: 15).
4.2.2 Inhalte interkulturellen Trainings
Edward Hall, Anthropologe am US-amerikanischen Foreign Service Insti-
tute, stellte in den 1950er Jahren fest, dass es an geeigneten Trainings-
materialien mangele, um die Beschäftigten im diplomatischen Dienst auf
ihre Aufgaben vorzubereiten (vgl. Hall 1956: 5f.). Er entwickelte daraufhin
Trainingstechniken, die auch heute noch fester Bestandteil interkulturellen
Trainings sind. Dazu gehören interkulturelle Rollenspiele und Simulationen
sowie die Beschäftigung mit Fallstudien und so genannten Critical Inci-
dents (vgl. Pusch 2004: 15).
Diese Techniken wurden inzwischen weiterentwickelt. Auf der Basis von
Critical Incidents wurden Cultural Assimilators entworfen, Fallstudien wer-
den heute per Video präsentiert oder animiert am Computer bearbeitet
(vgl. Fowler/Blohm 2004: 37). Damals wie heute dienen sie aber der Re-
flexion von Verhaltensweisen, die als fremd empfunden werden. Sie sollen
die Trainees dazu anregen, sich neue, adäquate Handlungsoptionen zu
erschließen. Die Zielgruppe solcher Techniken sind Menschen, die auf die
Interaktion mit Angehörigen bestimmter Kulturen vorbereitet werden sol-
55
Entwicklung interkultureller Kompetenz
len. Man spricht deshalb auch von kulturspezifischen Trainings (vgl. Pusch
2004: 17).
Im Rahmen von Trainings in globalen Unternehmen können kulturspezifi-
sche Trainingselemente sinnvoll sein, wenn die Trainees auf die Zusam-
menarbeit mit den Mitarbeitern in den Zentralbereichen und mit den von
der Zentrale entsandten Expatriates vorbereitet werden sollen. Es darf
dabei aber nicht übersehen werden, dass jeder Mensch von einer Vielzahl
kultureller Einflüsse geprägt ist. Critical Incidents und sonstige Fallstudien
können deshalb immer nur eine Tendenz aufzeigen, wobei stets die Ge-
fahr besteht, dass Differenzen verschärft werden (vgl. Matoba/Scheible
2007b: 32).
Für Trainees, die auf die Interaktion mit Angehörigen vieler verschiedener
Kulturen vorbereitet werden sollen, wurden in jüngerer Zeit kulturallgemei-
ne Training Tools entwickelt. So gibt es mittlerweile Cultural Assimilators,
die Critical Incidents aus einer Vielzahl von sozialen und kulturellen Situa-
tionen beinhalten. Genau genommen werden die Trainees hier aber auch
nur auf verschiedene spezifische Kontaktsituationen vorbereitet (vgl.
Pusch 2004: 17). Von spezifischen Kulturen komplett abstrahiert wird
bislang lediglich in Kommunikationstrainings, welche die Trainees für das
Stereotypisieren sensibilisieren und sie dazu befähigen, die unterschwelli-
gen Annahmen explizit zu machen (vgl. Matoba 2002: 148f.). Ansonsten
empfehlen Fowler und Blohm persönliches Coaching der Trainees, wenn
es um ,,intercultural effectiveness, performance in multicultural settings,
sensitivity, and establishing cross-cultural relationships" (Fowler/Blohm
2004: 40) geht.
Eine reibungslose Zusammenarbeit im globalen Unternehmen setzt natür-
lich auch voraus, dass die eingebundenen Mitarbeiter eine gemeinsame
Sprache sprechen. In der internationalen Wirtschaftskommunikation dient
56
Entwicklung interkultureller Kompetenz
als lingua franca in der Regel das Englische. Interkulturelle Trainings
beinhalten deshalb häufig Englischkurse. Müller hält Sprachkurse jedoch
für weniger dringliche Bestandteile interkulturellen Trainings. Da internati-
onal tätige Manager Wortschatz und Grammatik des Englischen meist
sehr gut beherrschen, kommt er zu dem Schluss, dass die fremdsprachli-
chen Probleme in der Wirtschaftskommunikation geringer seien als die
kulturellen (vgl. Müller 1991: 31). Die gute Sprachbeherrschung führt näm-
lich häufig dazu, dass der Sprecher übersieht, dass das von ihm Gesagte
vom Hörer auf dessen kulturell eigene Art interpretiert wird. Und auch der
Hörer läuft Gefahr zu übersehen, dass das Gehörte vom Sprecher anders
gemeint sein kann, als er es verstanden hat. Hier setzen dann die oben
erwähnten kulturallgemeinen Kommunikationstrainings an.
Um das eigene kommunikative Verhalten zu erkunden, es mit dem der
Mit-Trainees zu vergleichen und Entwicklungen über den Trainingsverlauf
hinweg feststellen zu können, wurden seit den 1980er Jahren diverse Self-
awareness Inventories entwickelt (vgl. Pusch 2004: 26). Wie Brown und
Knight meinen, sind solche Inventories gut geeignet, Trainingserfolge zu
dokumentieren, weil sie eine gewisse Objektivität besitzen und das Feed-
back von den Trainees deshalb leicht akzeptiert werden kann (vgl.
Brown/Knight 1999: 20).
4.2.3 Unzulänglichkeiten existierender Trainings
Die interkulturellen Trainings, die Unternehmen eingeführt haben, um ihre
Mitarbeiter zum effektiven Umgang mit Interkulturalität zu befähigen, ha-
ben nach Moosmüller (1996: 271) ,,alle ein gemeinsames Ziel: die Vermitt-
lung interkultureller Kompetenz". Weiter führt Moosmüller aus, dass den
Trainings aber auch ein Problem gemeinsam sei: Die Lernziele auf dem
Weg zu hoher interkultureller Kompetenz seien unklar. Das liegt seiner
57
Entwicklung interkultureller Kompetenz
Meinung nach daran, dass das Thema sehr neu sei und sich die Trainings
noch im Versuchsstadium befänden (vgl. Moosmüller 1996: 271).
Tatsächlich waren die Erfahrungen mit interkulturellen Trainings in
Deutschland bis in die 1990er Jahre hinein gering. Das mag befremdlich
anmuten, da viele deutsche Unternehmen stark exportabhängig sind.
Müller veranlasste das damals zu der Vermutung, dass in deutschen Un-
ternehmen der Glaube stark sei, wenn man ein perfektes Produkt entwick-
le, werde das für sich sprechen (vgl. Müller 1991: 29).
Also musste man bei der Konzeption von Trainings auf Erfahrungen aus
den USA zurückgreifen, wo es zu diesem Zeitpunkt ,,seit gut zwanzig Jah-
ren einen großen und fest gefügten Markt an interkulturellen Beratungs-
und Trainingsfirmen" (Müller 1991: 28) gab. Die Konzepte aus den USA
waren aber nur bedingt auf Deutschland übertragbar, da es in den Verei-
nigten Staaten mehr um die Integration von Mitarbeitern ging, die ethni-
schen Minderheiten im Land angehörten. Zur Verbesserung der interkultu-
rellen Kompetenz international tätiger Führungskräfte trugen sie nur unzu-
reichend bei. Und so stellen Mendenhall et al. im Jahre 2004 beinahe
zehn Jahre nach Moosmüllers oben erwähnter Feststellung in einer
Studie, in der sie 28 Evaluationen interkultureller Trainings aus den Jahren
1988 bis 2000 untersuchen, fest, dass zwar in den meisten Trainings
einiges an Wissen vermittelt wird, an Einstellung, Verhalten und Perfor-
mance der Trainees ändert sich aber zumeist wenig (vgl. Mendenhall et al.
2004: 136).
Dass es nicht zu mehr als einer Wissensvermittlung reicht, dürfte vor al-
lem an der geringen Dauer der meisten Trainings liegen. So stellen Gudy-
kunst, Guzley und Hammer (1996: 62) fest, dass die Trainings zum über-
wiegenden Teil nur wenige Stunden umfassen. Und auch in der Untersu-
chung von Mendenhall et al. dauerten zwei Drittel der betrachteten Trai-
58
Entwicklung interkultureller Kompetenz
nings nicht länger als eine Woche (vgl. Mendenhall et al. 2004: 133). Sue
stellt die These auf: ,,Success is directly proportional to the investment of
time, energy, and financial resources devoted to the development of a
truly multicultural organization" (Sue 1991: 100). Demnach kann der Effekt
der meisten Trainings nur gering sein, wenn die Unternehmen so wenige
Ressourcen dafür aufwenden.
Wie Gudykunst, Guzley und Hammer aber weiter feststellen, fehlt es au-
ßerdem an theoretischer Fundierung. Die Trainingsmaßnahmen sind häu-
fig nicht auf die Arbeit der Trainees bezogen. Qualitativ schlechte Trai-
nings führen jedoch zu falschen Erwartungen und in der Folge bei den
Trainees zu negativen Erfahrungen in der interkulturellen Interaktion (vgl.
Gudykunst/Guzley/Hammer 1996: 62).
Ein weiterer Umstand, der den Erfolg interkulturellen Trainings gefährdet,
ist die Tatsache, dass die Trainings häufig bei externen Anbietern einge-
kauft werden. Umgekehrt heißt das nämlich, dass diese Trainingsfirmen
ihre Programme verkaufen müssen. Darin sehen Gudykunst, Guzley und
Hammer ein fundamentales Problem. Denn verkaufen lassen sich nur die
Trainings, die von den Teilnehmern gut beurteilt werden (vgl. Gudy-
kunst/Guzley/Hammer 1996: 63). Gudykunst, Guzley und Hammer stellen
aber fest, dass gerade gute Trainings von den Teilnehmern oft schlecht
bewertet werden, da die Teilnehmer in diesen Trainings mit ihren Vorurtei-
len und Unzulänglichkeiten konfrontiert werden. Dies führe zu Unbehagen,
und Programme, die unbehaglich seien, werden schlecht evaluiert (vgl.
Gudykunst/Guzley/Hammer 1996: 63).
59
Entwicklung interkultureller Kompetenz
4.2.4 Interkulturelles Training als Maßnahme zur Organisationsent-
wicklung
Wie in Kapitel 4.2 diskutiert, stellen interkulturelle Trainings im Unterneh-
men systematisch durchgeführte Entwicklungsmaßnahmen dar, welche
zum Ziel haben, die interkulturelle Kompetenz im Unternehmen zu
verbessern (vgl. Zülch 2004: 45). Das bedeutet gemäß dem Verständnis
von Verbesserung interkultureller Kompetenz, das diesem Beitrag zugrun-
de liegt, dass das Unternehmen seine Mitarbeiter dazu anregt, interkultu-
relle Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben, sich mit den Kollegen aus
den verschiedenen Unternehmensteilen zu vernetzen und dieses Netz-
werk in regelmäßiger Interaktion zu pflegen.
So stellen auch Ferdman und Brody fest, dass interkulturelles Training auf
verschiedenen Ebenen stattfindet: auf der persönlichen Ebene dort
werden Wissen und Fertigkeiten vermittelt , auf der zwischenmenschli-
chen Ebene hier werden neue Kommunikationsweisen und Bezie-
hungsmuster entwickelt und schließlich auf der Gruppenebene dort
findet Team-building statt. Alle diese Vorgänge führen auf Unternehmens-
ebene zu effektiverem Arbeiten (vgl. Ferdman/Brody 1996: 291).
Indem interkulturelles Training zur Entwicklung von Kommunikationswei-
sen, Beziehungsmustern, Netzwerken und Teams beiträgt, ermöglicht es
eine effiziente, wie kreative Art der Selbstabstimmung im globalen Unter-
nehmen. Den zentrifugalen Kräften, welche durch die organisatorische
Ausgestaltung der globalen Unternehmung in Zentralbereiche und dezen-
trale Teile, zwischen welchen sich über zahlreiche Schnittstellen hinweg
abgestimmt werden muss, freigesetzt werden, wirkt diese Art der Selbst-
abstimmung integrierend entgegen. Interkulturelles Training hat damit
Einfluss auf die Organisation selbst.
60
Entwicklung interkultureller Kompetenz
Folglich kann interkulturelles Training von Fach- und Führungskräften als
Maßnahme zur Organisationsentwicklung betrachtet werden und zwar
im ursprünglichen Sinne des Terminus′. Denn der Begriff der Organisati-
onsentwicklung hat sich ,,in der angloamerikanischen Managementliteratur
eingebürgert [...], um spezielle unternehmensinterne Trainingsmaßnah-
men zu beschreiben, die auf eine Veränderung bestimmter Einstellungen
und Verhaltensmuster der Mitarbeiter abzielen und die auf diesem Wege
auch einen Wandel der Strukturen und Abläufe in der Organisation in
Gang setzen sollen" (Wimmer 2003: 1).
Im interkulturellen Training machen die Teilnehmer gemeinsam Erfahrun-
gen mit interkultureller Interaktion. Ihre individuellen Wissensvorräte erwei-
tern sich und erfahren Überschneidungen in bestimmten Bereichen. Da-
durch wird ein Prozess der Selbstveränderung angestoßen, der einerseits
,,die Entfaltungsspielräume eines jeden Mitglieds deutlich erhöht" (Wimmer
2003: 3), weil dem einzelnen Mitglied durch sein neu erworbenes Wissen
neue Handlungsoptionen offen stehen. Andererseits sorgt dieser Prozess
aber auch für Ordnung, Kontinuität und Sicherheit (vgl. Hejl/Stahl 2000:
26), weil sich durch die teilweise Überschneidung der Lebenswelten die
Relevanzsysteme der Mitarbeiter einander annähern. Bestimmte Deu-
tungs- und Handlungsmuster bewähren sich im Unternehmen. Sie werden
von allen akzeptiert und alle legen sie ihrem Verhalten zugrunde (vgl.
Honer 1993: 29). Dies gibt den Mitarbeitern im globalen Unternehmen
Sicherheit darin, was sie von anderen Mitarbeitern, die unter Umständen
in weit entfernten Teilen des Unternehmens angesiedelt sind, erwarten
dürfen (vgl. Müller-Stewens/Pautzke 1996: 194). Neue Mitarbeiter haben
die Möglichkeit, die Muster zu erlernen ein Vorgang, den man als Enkul-
turation auffassen kann. Die Neuen werden ,,in das Erfahrungswissen, in
das Wert-, Norm- und Regelwerk" (Thomas 2003a: 138) eingeführt.
61
Entwicklung interkultureller Kompetenz
Einen weiteren Effekt interkulturellen Trainings, der Einfluss auf die Orga-
nisation hat, beschreibt Holden: Im interkulturellen Training lernen sich
Mitarbeiter aus verschiedenen, weltweit angesiedelten Teilen des Unter-
nehmens kennen. Sie lernen, wie sie miteinander kooperieren können
und zwar nicht nur über geographische und kulturelle Distanzen hinweg,
sondern auch über hierarchische. Im Netzwerk findet die Abstimmung
nicht immer vertikal sondern vielfach auch lateral statt. Dies trägt dazu bei,
im globalen Unternehmen eine konstruktive und vertrauensvolle Atmo-
sphäre zu schaffen nach Holden die Grundvoraussetzung für effektive
Zusammenarbeit und den damit verbundenen und täglich stattfindenden
Wissenstransfer (vgl. Holden 2002a: 6).
Was die Effektivität interkulturellen Trainings als Maßnahme zur Organisa-
tionsentwicklung angeht, so stellen Ferdman und Brody fest: Je höher das
organisationelle Level, auf dem interkulturelles Training im Unternehmen
ansetzt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich Veränderun-
gen stattfinden, dass sich die Organisation entwickelt und dass die Verän-
derungen auch nachhaltig sind (vgl. Ferdman/Brody 1996: 291).
Solche Veränderungen gehen allerdings langsam vonstatten. Schließlich
wird von den Beteiligten verlangt, ,,ihre mühsam erworbenen persönlichen
Theorien, ,Drehbücher′ und andere Schemata über Bord zu werfen"
(Hejl/Stahl 2000: 22). Kurzfristig können deshalb sogar Verständigungs-
und Koordinationsprobleme auftreten. Die Verbesserung der Zusammen-
arbeit im Unternehmen mit Hilfe interkulturellen Trainings kann also nur
ein langfristiges Ziel sein. Entsprechend lang müssen die Trainings der
einzelnen Teilnehmer dauern.
62
Leistungsbeitrag interkultureller Kompetenz zum Unternehmenserfolg
5 Leistungsbeitrag interkultureller Kompetenz zum
Unternehmenserfolg
Indem die interkulturelle Kompetenz im Unternehmen entwickelt wird, soll
langfristig die unternehmensinterne Verständigung verbessert werden. Als
Nebeneffekt so sind Ferdman und Brody überzeugt verbessert sich
dadurch auch die Verständigung mit den externen Stakeholdern des Un-
ternehmens. Insgesamt führen die Effekte dazu, dass die Performance
des Unternehmens und die Anpassungsfähigkeit an Veränderungen stei-
gen (vgl. Ferdman/Brody 1996: 288f.). Dies gilt insbesondere dann, wenn
das interkulturelle Training in ein umfassendes strategisches Konzept des
Unternehmens eingebettet ist (vgl. Buntaine 1994: 221).
Die Entscheidung, ein Unternehmen global auszurichten und diesen Aus-
richtungsprozess durch die Entwicklung interkultureller Kompetenz im
Unternehmen zu unterstützen, ist eine strategische. Jede strategische
Entscheidung muss dahin gehend hinterfragt werden, welchen Beitrag sie
zum Unternehmenserfolg liefert.
Soll der Beitrag zum Unternehmenserfolg quantifiziert werden, so muss
geklärt werden, welcher zeitliche Horizont für die Untersuchung gewählt
werden soll, welche Bezugsgröße zugrunde gelegt werden soll und wel-
che Wirkungszusammenhänge zwischen der strategischen Entscheidung,
den gewählten Maßnahmen und der Bezugsgröße bestehen (vgl. Buz-
zell/Gale 1987: 24ff.).
Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass die Quantifizierung des Leis-
tungsbeitrags strategischer Entscheidungen mit dem Problem behaftet ist,
dass die Wirkungen solcher Entscheidungen in der Regel erst nach vielen
Jahren zutage treten. Als Buzzell und Gale beim Aufbau der PIMS-
Datenbank mit diesem Problem konfrontiert waren, setzten sie eine Perio-
63
Leistungsbeitrag interkultureller Kompetenz zum Unternehmenserfolg
de von vier Jahren für die Untersuchung jeder einzelnen strategischen
Entscheidung an (vgl. Buzzell/Gale 1987: 25). Für die Untersuchung der
Wirkung gesteigerter interkultureller Kompetenz in einem weltumspannen-
den Unternehmen erscheint diese Zeitspanne immer noch kurz, wenn
man bedenkt, wie viele Mitarbeiter dafür in entsprechenden Trainings
interkulturelle Erfahrungen machen, Wissen aufbauen, Netzwerke knüpfen
und somit Einfluss auf die Abstimmungsprozesse nehmen sollen.
Als Bezugsgröße für die Wirkung der strategischen Entscheidungen legten
Buzzell und Gale beim PIMS-Projekt den durchschnittlichen Return-on-
Investment und den durchschnittlichen Return-on-Sales des Untersu-
chungszeitraums fest (vgl. Buzzell/Gale 1987: 25). Ob im globalen Unter-
nehmen, das die strategische Entscheidung getroffen hat, die interkulturel-
le Kompetenz im Unternehmen zu steigern, die Entwicklung dieser Grö-
ßen tatsächlich im Zusammenhang mit der Entscheidung steht, lässt sich
jedoch erst beurteilen, wenn die oben benannten Wirkungszusammen-
hänge geklärt sind.
Mendenhall et al. haben die Ergebnisse verschiedener Studien der ver-
gangenen 15 Jahre ausgewertet, die sich mit der Wirksamkeit von inter-
kulturellen Trainings beschäftigen. Zusammenfassend kommen sie zu der
Einschätzung, dass eine Quantifizierung des Leistungsbeitrags interkultu-
rellen Trainings genau deshalb bisher nicht in befriedigender Weise mög-
lich ist, weil unklar ist, wie die Wirkungszusammenhänge methodisch
erfasst werden sollen. Zwar kommen einige Forscher zu dem Ergebnis,
dass interkulturelles Training einen bestimmten Beitrag zum Unterneh-
menserfolg leistet, doch werden deren Untersuchungen aufgrund metho-
discher Schwächen von anderen wiederum dahin gehend kritisiert, dass
es unklar bleibt, ob die gemessenen Effekte nicht auf andere Umstände
zurückzuführen sind (vgl. Mendenhall et al. 2004: 131).
64
Leistungsbeitrag interkultureller Kompetenz zum Unternehmenserfolg
Wie in Kapitel 2.4 festgestellt, soll sich nach Meinung zahlreicher Wissen-
schaftler wie auch Praktiker gesteigerte interkulturelle Kompetenz deshalb
positiv auf den Unternehmenserfolg auswirken, weil sich die Mitarbeiter im
globalen Unternehmen dann inhaltlich leichter und schneller verständigen
können und weil sie in der Lage sind, Missverständnisse zu vermeiden
oder schnell aufzuklären (vgl. Porter/Samovar 1996: 21; Thomas 2003a:
141). Sie vernetzen sich untereinander und vereinfachen so die Abstim-
mungsprozesse (vgl. Steinmann/Schreyögg 1997: 620).
Dass sich eine beschleunigte Verständigung auf den Erfolg der globalen
Unternehmung auswirkt, ist plausibel. Zwischen den Zentralbereichen und
den weltweiten Unternehmensteilen herrscht ein starker Informationsfluss,
der effizient gemanagt werden muss, damit es nicht zur Überlastung der
Mitarbeiter in den Zentralbereichen kommt (siehe Kapitel 2.3). Nach Hol-
den besteht ein solches Management darin, ,,to facilitate and direct syner-
gistic interaction" (Holden 2002a: 5), was die grenzüberschreitende Ver-
netzung der Mitarbeiter des Unternehmens bedeutet. Die Mitarbeiter ha-
ben dann über das Netzwerk die Möglichkeit der Selbstabstimmung
vorausgesetzt, die dafür nötige interkulturelle Kompetenz ist im Unter-
nehmen vorhanden.
Abstimmung im Netzwerk bedeutet, dass die Mitarbeiter ihre Handlungs-
pläne koordinieren. Dieser Prozess erfolgt vor dem lebensweltlichen Hin-
tergrund der Beteiligten (vgl. Kneer 1990: 61). Überschneiden sich die
Wissensvorräte der Beteiligten in den relevanten Bereichen stark, so ist
anzunehmen, dass sie ähnliche Handlungsmöglichkeiten in Betracht zie-
hen. Überschneiden sich die Wissensvorräte nur wenig, mögen die Betei-
ligten ihren Wissensvorräten sehr unterschiedliche Handlungsmöglichkei-
ten entnehmen. Der Verständigungsvorgang dauert dann ungleich länger.
65
Leistungsbeitrag interkultureller Kompetenz zum Unternehmenserfolg
Die Entwicklung der interkulturellen Kompetenz beinhaltet, dass die kultu-
rell verschieden geprägten Mitarbeiter ihre Lebenswelten so erweitern,
dass sich ihre individuellen Wissensvorräte in den Bereichen überschnei-
den, die eine wirkungsvolle Zusammenarbeit im globalen Unternehmen
ermöglichen. Gemäß den Erfordernissen der Situation, in der sie sich
gerade befinden, können die Menschen dann aus diesen Wissensvorräten
schöpfen. Sie dienen als ,,Quelle interaktiver Verständigungsprozesse"
(Kneer 1990: 62). Das steigert die Effizienz der Zusammenarbeit dieser
Mitarbeiter.
Die Beschleunigung der Abläufe ist jedoch schwer messbar, weil jeder
Teilnehmer eines interkulturellen Trainings andere Kenntnisse und Fähig-
keiten erwirbt und seine Lebenswelt um andere Elemente erweitert.
Schließlich nutzen die verschiedenen Trainees unterschiedliche Erfah-
rungsmöglichkeiten, und die Anstöße daraus führen zu unterschiedlichen
Lerneffekten (siehe Kapitel 4.1.1).
Ein weiterer Umstand erschwert die Messbarkeit der Effekte von Maß-
nahmen zur Steigerung der interkulturellen Kompetenz: Interkulturelle
Kompetenz beinhaltet auch implizites Wissen; die Steigerung interkulturel-
ler Kompetenz geht mit einer Vermehrung des impliziten Wissens einher.
Im Prozess der Wissenskonversion wird nur ein Teil des impliziten Wis-
sens in explizites Wissen transformiert (vgl. Nonaka/Takeuchi 1995: 61f.)
(siehe auch Kapitel 4.1.1). Implizites Wissen ist für eine Vielzahl der Hand-
lungen von Mitarbeitern eines Unternehmens leitend. Da es nicht explizit
wird, lässt sich die Vermehrung des impliziten Wissens jedoch nicht be-
werten.
Andererseits gibt es auch Effekte der Steigerung interkultureller Kompe-
tenz, deren Auswirkungen auf das Ergebnis einer Unternehmung sich
recht genau feststellen lassen. So spart ein globales Unternehmen Perso-
66
Leistungsbeitrag interkultureller Kompetenz zum Unternehmenserfolg
nalkosten, wenn in seinen weltweiten Standorten statt teurer Expatriates
aus der Zentrale fachlich und interkulturell kompetente lokale Führungs-
kräfte tätig sind. Gelingt es dem Unternehmen, mit Hilfe interkulturellen
Trainings lokale Mitarbeiter für Führungsaufgaben zu qualifizieren und
dann Expatriates durch diese Mitarbeiter zu ersetzen, so lässt sich die
Einsparung (Differenzen der Grundgehälter, Auslandzuschläge, Heimatur-
laube etc.) eindeutig beziffern. Diese ist zumeist so hoch, dass sich allein
daraus schon ein positiver Return-on-Investment der interkulturellen Ent-
wicklungsmaßnahmen ergibt (vgl. Pusch 2004: 21).
Dies führt insgesamt zu der Einschätzung, dass sich ein positiver Return
aus der Investition in die Maßnahmen zur Steigerung der interkulturellen
Kompetenz erzielen lässt. Das setzt voraus, dass es dem Unternehmen
gelingt, durch Entwicklungsmaßnahmen dafür zu sorgen, dass interkultu-
relle Kompetenz im Unternehmen aufgebaut wird, die dazu führt, dass
sich die Mitarbeiter leichter verständigen können und sich effizienter ab-
stimmen. In Zahlen lässt sich der Return-on-Investment nicht abschlie-
ßend ausdrücken, denn eine Quantifizierung des Leistungsbeitrags inter-
kulturellen Trainings zum Unternehmenserfolg ist nur partiell möglich (und
dann auch nur mit einem langen Zeithorizont), die Effekte der gesteigerten
interkulturellen Kompetenz sind von Fall zu Fall verschieden, generelle
Wirkungszusammenhänge lassen sich meist nicht ausmachen und der
Einfluss einzelner Maßnahmen auf das Ergebnis ist nicht überschnei-
dungsfrei feststellbar.
67
Diskussion und Schlussfolgerungen
6 Diskussion und Schlussfolgerungen
6.1 Diskussion
Globale Unternehmen sind dann erfolgreich, wenn es ihnen gelingt, die
Geschäftsprozesse so zu koordinieren, dass eine effiziente Bearbeitung
der als global angesehenen Märkte gelingt. Dann lassen sich Synergie-
und Skaleneffekte erzielen. Dazu werden Steuerungs- und Verwaltungs-
aufgaben konsequent in Zentralbereichen gebündelt, während sich die
dezentralen Einheiten auf bestimmte Bereiche der Leistungserstellung
spezialisieren können und in ihren Bereichen dann die kritische Masse
überschreiten.
Neben diesem strukturellen Koordinationsinstrument werden in einem
globalen Unternehmen zahlreiche Regeln aufgestellt, die in allen Unter-
nehmensteilen Gültigkeit beanspruchen. Viele Abstimmungsprobleme
lassen sich jedoch nicht durch Regeln also technokratische Koordination
vorwegnehmen, da entweder unterschiedliche politische, rechtliche und
technologische Umwelten das Aufstellen solcher Regeln behindern oder
die Durchsetzung unternehmensweit gültiger Regeln aufgrund kultureller
Distanzen erschwert wird. Dann müssen die Mitarbeiter der Zentralberei-
che und diejenigen der dezentralen Einheiten miteinander in Kontakt tre-
ten, um sich abzustimmen. Aber auch dieses personelle Koordinationsin-
strument ist in hohem Maße von der kulturellen Prägung der handelnden
Mitarbeiter beeinflusst.
Dass unterschiedliche kulturelle Prägungen die Abstimmung erschweren,
dieser Ansicht ist man in vielen globalen Unternehmen. So ist es ein we-
sentlicher Grund für die Existenz zahlreicher interkultureller Trainingspro-
gramme, dass es in der Zusammenarbeit zwischen den Zentralbereichen
und den Auslandsniederlassungen immer wieder zu Friktionen kommt.
69
Diskussion und Schlussfolgerungen
Das Verständnis davon, wie diese Prägungen zustande kommen, ist in
den entsprechenden Unternehmen jedoch nicht immer zielführend. Die
weite Verbreitung entsprechender Trainingsansätze zeugt davon, dass
zumeist ein eher essentialistisches Verständnis von kultureller Prägung
vorherrscht. Kulturelle Differenzen und der angemessene Umgang mit
ihnen lassen sich jedoch besser nachvollziehen, wenn davon ausgegan-
gen wird, dass zwar kollektive Wissensvorräte die Denk- und Lebenswei-
sen, die kognitiven Landkarten von Individuen prägen, dass die Individuen
aber gleichzeitig Einfluss darauf haben, in welcher Weise ihre kognitiven
Landkarten geprägt werden und dass sie durch ihr Handeln auch Einfluss
auf die kollektiven Wissensvorräte nehmen.
In globalen Unternehmen erfolgt die Abstimmung entsprechend deren
Primärorganisation zu einem Großteil vertikal, also zwischen den Mitarbei-
tern der Zentralbereiche und den hierarchisch untergeordneten Mitarbei-
tern in den dezentralen Einheiten (vgl. Bartlett/Ghoshal 2002: 58f.). Damit
diese von der hierarchischen Struktur bestimmte Kommunikationsweise
bei den Mitarbeitern in den Zentralbereichen nicht zur Überlastung und bei
den Mitarbeitern in den dezentralen Einheiten zur Demotivation führt,
bedarf es daneben der Möglichkeit der fallweisen, oft lateralen Abstim-
mung der internationalen Mitarbeiter untereinander (vgl. Hedlund/Rolander
1990: 36). Diese Möglichkeit ist dann gegeben, wenn die entsprechenden
Mitarbeiter so miteinander vernetzt sind, dass sie sich immer, wenn Ab-
stimmungsbedarf auftritt, unmittelbar untereinander austauschen können.
Damit die Abstimmung zwischen den Mitarbeitern aus den verschiedenen
Teilen eines globalen Unternehmens zustande kommt, müssen die Inter-
aktionspartner in der Lage sein, sich in ihren Austauschbeziehungen zu
verständigen. Da der Koordinationsbedarf im globalen Unternehmen hoch
und die entsprechenden Abstimmungsprozesse komplex sind, muss die
Verständigung effizient erfolgen. Missverständnisse sind nach Möglichkeit
70
Diskussion und Schlussfolgerungen
zu vermeiden oder müssen schnell ausgeräumt werden können. Inwiefern
das gelingt, ist eine Frage der interkulturellen Kompetenz im Unternehmen
(vgl. Thomas 2003a: 141).
Die Zusammenarbeit der kulturell unterschiedlich geprägten Mitglieder der
globalen Organisation wird beeinflusst von den Kenntnissen und Fähigkei-
ten der Mitglieder in diesem Bereich und von der Bereitschaft zur Koope-
ration. Während die interkulturellen Kenntnisse und Fähigkeiten, die so-
wohl impliziter als auch expliziter Art sein können, ausschließlich auf der
individuellen Ebene liegen, teilt sich die Bereitschaft zur interkulturellen
Interaktion in die Motivation der betreffenden Mitarbeiter und in die Ermög-
lichung im Unternehmen auf. Die Motivation liegt ebenfalls auf der indivi-
duellen Ebene, während die Ermöglichung auf der organisationellen Ebe-
ne angesiedelt ist.
Individuelle und organisationelle Ebene bedingen sich gegenseitig. Wenn
es die organisationellen Rahmenbedingungen nicht zulassen, können
interkulturelle Fähigkeiten der Mitarbeiter nicht zum Tragen kommen.
Gleichzeitig findet die Vernetzung der Mitarbeiter nur statt, wenn sie auch
in der Lage sind, über kulturelle Grenzen hinweg entsprechende Kontakte
zu knüpfen.
Alle diese Elemente interkultureller Kompetenz sind im globalen bzw. sich
globalisierenden Unternehmen aber nicht ohne weiteres im erforderlichen
Maße vorhanden. Sie müssen entwickelt werden, was eine Steigerung der
interkulturellen Kompetenz im Unternehmen bedeutet.
Die Entwicklung interkultureller Kompetenz kann vom Unternehmen ge-
fördert werden. Auf die interkulturellen Kenntnisse und Fähigkeiten kann
Einfluss genommen werden, indem den Mitarbeitern Erfahrungsmöglich-
keiten angeboten werden, die das interkulturelle Lernen anregen. Die
71
Diskussion und Schlussfolgerungen
Mitarbeiter können diese Angebote nutzen und ihre Wissensvorräte um
das erworbene Erfahrungswissen erweitern. Die Qualität der Erfahrungen
hat Einfluss auf die Motivation der Mitarbeiter, im interkulturellen Kontext
zu agieren. Die Ermöglichung des interkulturellen Handelns im Unterneh-
men wird dadurch beeinflusst, dass den Mitarbeitern Raum gegeben wird,
sich innerhalb der Organisation mit den Kollegen in den weltweit angesie-
delten Unternehmenseinheiten zu vernetzen. Nebenbei lernen die interna-
tionalen Mitarbeiter, die im globalen Unternehmen existierenden Regeln in
ähnlicher Weise zu interpretieren.
Zum interkulturellen Lernen anzuregen, ist seit vielen Jahren ein Anliegen
interkultureller Trainings. Viele Unternehmen institutionalisieren solche
Trainings in Form von Programmen. Es ist jedoch eher selten anzutreffen,
dass interkulturelle Trainingsprogramme explizit die Entwicklung der Be-
reitschaft zum interkulturellen Handeln zum Trainingsziel erklären. Dass
die Vernetzung der internationalen Mitarbeiter zum Zwecke einer langfris-
tigen informellen Abstimmung im Unternehmen gefördert werden soll, ist
in kaum einem interkulturellen Trainingsprogramm als Trainingsziel vorge-
sehen.
Bevor ein globales Unternehmen die strategische Entscheidung trifft, die
interkulturelle Kompetenz im Unternehmen entwickeln zu wollen und des-
halb in interkulturelles Training zu investieren, wird es sich Gedanken über
den Return dieser Investition machen. Auch wenn es einige Versuche gibt,
den Leistungsbeitrag interkulturellen Trainings zu messen, eine Quantifi-
zierung ist stets mit dem Problem behaftet, dass sie nur partiell möglich
ist, weil die Trainingseffekte individuell unterschiedlich ausfallen und weil
die Wirkungszusammenhänge nicht abschließend ermittelt werden kön-
nen. Klar ist aber, dass interkulturelles Training dann einen hohen Leis-
tungsbeitrag bringt, wenn es dazu beiträgt, dass Expatriates ersetzt wer-
den können. Durch den so erzielten Einsparungseffekt bei den Personal-
72
Diskussion und Schlussfolgerungen
kosten amortisieren sich entsprechende Trainingsprogramm schnell. Kos-
teneinsparungen werden aber auch dann erzielt, wenn sich die Betriebs-
zugehörigkeit von Absolventen von Trainingsprogrammen erhöht.
Der Leistungsbeitrag interkultureller Trainingsmaßnahmen hängt auch
davon ab, wie nachhaltig die angestoßenen Entwicklungen sind. Je höher
der organisationelle Level, auf dem interkulturelles Training im Unterneh-
men ansetzt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Veränderun-
gen bewirkt, dass sich die Organisation entwickelt und dass die Verände-
rungen auch nachhaltig sind (vgl. Ferdman/Brody 1996: 291). Außerdem
wirkt es sich positiv auf den Leistungsbeitrag des Trainings aus, wenn die
Maßnahmen in ein umfassendes strategisches Konzept eingebettet sind
(vgl. Buntaine 1994: 221).
Damit interkulturelle Trainings ihre gewünschte Wirkung entfalten, die
interkulturelle Kompetenz im Unternehmen zu erhöhen und dadurch einen
möglichst großen Beitrag zur Steigerung des Unternehmenserfolgs zu
leisten, müssen möglichst viele der relevanten Mitarbeiter an den Maß-
nahmen beteiligt werden. Zu den relevanten Mitarbeitern zählen im globa-
len Unternehmen alle diejenigen, für deren Arbeit es ökonomisch betrach-
tet sinnvoll wäre, sich mit Kollegen aus anderen Teilen des Unternehmens
auszutauschen.
Das sind neben den Mitarbeitern der Zentrale und den Expatriates die
Mitarbeiter der Auslandsniederlassungen, die mit den Zentralbereichen im
Heimatland des Unternehmens zusammenarbeiten, aber auch diejenigen,
die mit den aus der Zentrale entsandten Expatriates und mit Kollegen aus
anderen Auslandsniederlassungen kooperieren (sollen).
Der Forderung, den Kreis der an interkulturellen Trainingsmaßnahmen
Beteiligten auf möglichst viele relevante Mitarbeiter auszudehnen, stehen
73
Diskussion und Schlussfolgerungen
jedoch verschiedene Umstände entgegen. So stellen fundierte Trainings
zunächst einen hohen Kostenfaktor dar, dessen Return erst auf lange Frist
zu erwarten ist. Dazu kommt, dass nicht alle Mitarbeiter, deren Teilnahme
am interkulturellen Training wünschenswert wäre, als Kandidaten zur
Verfügung stehen.
Zunächst einmal muss der jeweilige Vorgesetzte eines potentiellen Kandi-
daten bereit sein, diesen für die Trainingsmaßnahme freizustellen. Bei
längeren Maßnahmen müssen Lösungen für den vorübergehenden Ersatz
des Mitarbeiters gefunden werden. Das heißt aber, dass Mitarbeiter in
Unternehmensteilen, deren Führungskräfte eine Teilnahme am interkultu-
rellen Training nicht unterstützen, kaum eine Chance haben, an solchen
Entwicklungsangeboten zu partizipieren. Außerdem müssen die beste-
henden Angebote unter den potentiellen Kandidaten hinreichend hohe
Bekanntheit und Attraktivität genießen. Wer nicht darüber informiert ist,
dass eine Trainingsmaßnahme stattfindet, kann sich natürlich auch nicht
um eine Teilnahme bemühen. Und wenn zu befürchten steht, dass sich
die Teilnahme nicht positiv im schlimmsten Fall sogar negativ auf den
Werdegang auswirkt (z.B. Verlust der Position nach Rückkehr von einem
längeren Trainingsaufenthalt im Ausland), wird ein Interessent von dem
Angebot Abstand nehmen. Auch in diesen Punkten sind die Mitarbeiter
also stark von der Unterstützung durch die Vorgesetzten abhängig.
Über den Nutzen einer interkulturellen Trainingsmaßnahme sollten sich
Kandidaten und Vorgesetzte ein möglichst genaues Bild machen können.
Dazu ist es hilfreich, wenn Inhalte, Methoden und Ziele des Trainings
prägnant dargestellt werden. Dabei darf aber nicht übersehen werden,
dass der Trainingsbedarf von Mitarbeiter zu Mitarbeiter unterschiedlich ist.
Welche Erfahrungsmöglichkeiten im Rahmen eines Trainings einem Teil-
nehmer geboten werden sollten, muss deshalb individuell ermittelt wer-
den. Bei dieser Ermittlung und der sich daran anschließenden Planung
74
Diskussion und Schlussfolgerungen
des Trainingsablaufs sind möglichst die Perspektiven aller Beteiligten
einzubeziehen.
Um den Teilnehmern geeignete Erfahrungsmöglichkeiten bieten zu kön-
nen, damit sich ihre interkulturellen Kenntnisse erweitern, damit ihre Moti-
vation zur interkulturellen Zusammenarbeit steigt und damit sie sich mit
den internationalen Kollegen zum Zwecke der Abstimmung vernetzen,
stellen Trainingsaufenthalte in verschiedenen Teilen des globalen Unter-
nehmens gute Rahmenbedingungen dar. Das Schaffen guter Rahmenbe-
dingungen und das Angebot von Erfahrungsmöglichkeiten allein reichen
aber noch nicht aus. Damit die Teilnehmer die Erfahrungsmöglichkeiten
auch in der erwünschten Weise nutzen können, bedarf es weiterer Unter-
stützung von Seiten des Unternehmens.
So sind geeignete Angebote für die für das interkulturelle Lernen nötige
Reflexion der Erlebnisse in der interkulturellen Überschneidungssituation
vonnöten. Erst die Reflexion der gemachten Erfahrungen ermöglicht die
Wissenskonversion. Kommt dem Moment der Reflexion eine zu geringe
Bedeutung zu, bleibt vieles vom Erfahrungswissen der Trainees auf der
impliziten Ebene.
Entsprechende Tools sind in vielen Varianten entwickelt worden. Das
eigene kommunikative Verhalten und das der Interaktionspartner kann mit
Self-awareness Inventories reflektiert werden, es kann in der Auseinan-
dersetzung mit Critical Incidents oder im Dialogprozess erkundet werden.
Entscheidend ist, dass für die Durchführung solcher Reflexionsübungen
genügend Raum zur Verfügung steht. Das beinhaltet zum einen die nötige
Zeit für den intensiven Austausch, aber auch, dass sich die Teilnehmer in
dem Augenblick auf die Übung einlassen können und nicht gedanklich bei
anderen Themen sind. Außerdem müssen die Teilnehmer den Eindruck
75
Diskussion und Schlussfolgerungen
gewinnen, dass die Übungen zielführend sind. Das setzt eine gewisse
Professionalität bei der Durchführung voraus.
Eine professionelle Begleitung der Trainees könnte auch mit Hilfe von
persönlichem Coaching erfolgen, wie Fowler und Blohm (2004: 40) es
empfehlen. Die Begleitung durch einen Coach bindet aber erhebliche
Ressourcen und kommt somit nur für einige wenige Spitzenkräfte in Be-
tracht.
Was den Sprachunterricht im Rahmen eines interkulturellen Trainingspro-
gramms angeht, so stellt Müller fest, dass dieser ein weniger wichtiges
Element sei, da die fremdsprachlichen Probleme in der Wirtschaftskom-
munikation geringer seien als die kulturellen (vgl. Müller, 1991: 31). Diese
sehr pauschale Aussage abstrahiert jedoch von den Fällen, in denen die
fremdsprachlichen Probleme so gravierend sind, dass eine sprachliche
Verständigung kaum möglich ist. Wenn interkulturelles Training aber dazu
verhelfen soll, Verständigungsprozesse effizienter zu machen, so stellt
Sprachunterricht zur Beseitigung solcher Probleme doch ein wichtiges
Element im Training dar.
Neben der Entwicklung der interkulturellen Kenntnisse und Fähigkeiten
der Mitarbeiter sollte interkulturelles Training auch die Steigerung der
Bereitschaft zur interkulturellen Zusammenarbeit zum Ziel haben, da die
entsprechenden Fähigkeiten der Mitarbeiter nur zum Tragen kommen,
wenn auch die Bereitschaft zur Interaktion im globalen Unternehmen vor-
handen ist. Auf der individuellen Ebene bedeutet dies die Steigerung der
Motivation der Mitarbeiter zur Zusammenarbeit.
Daraus folgt, dass ein globales Unternehmen, das die Motivation seiner
Mitarbeiter zur interkulturellen Zusammenarbeit fördern will, dafür sorgen
muss, dass diesen Mitarbeitern Erfahrungsmöglichkeiten geboten werden,
76
Diskussion und Schlussfolgerungen
die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu positiven interkulturellen Erfahrungen
führen. Das läuft allerdings der These von Gudykunst, Guzley und Ham-
mer zuwider, die meinen, dass interkulturelle Trainings oft gerade dann
gut seien, wenn sie von den Teilnehmern als unbehaglich empfunden
werden, weil die Teilnehmer mit ihren Vorurteilen und Unzulänglichkeiten
konfrontiert werden (vgl. Gudykunst/Guzley/Hammer 1996: 63). Die Auflö-
sung dieses Zielkonflikts gelingt, wenn man den zeitlichen Horizont be-
rücksichtigt. Das Aufzeigen von Unzulänglichkeiten kann nur ein Anstoß
zur Weiterentwicklung interkultureller Fähigkeiten sein. Wenn diese Wei-
terentwicklung dann über einen längeren Zeitraum erfolgt, kann sich
durchaus das positive Erleben einstellen, welches dann auch die Motivati-
on positiv beeinflusst.
Da auf die Entwicklung der Mitarbeiter aber kein direkter Einfluss genom-
men werden kann, stößt interkulturelles Training an seine Grenzen, wenn
sich Teilnehmer dem interkulturellen Aspekt komplett verschließen. Positi-
ve Erfahrungen, die zu einer Steigerung der Motivation zur interkulturellen
Zusammenarbeit im globalen Unternehmen führen, lassen sich nur initiie-
ren, wenn die Teilnehmer auch zu einem gewissen Grad bereit sind, Em-
pathie, Toleranz und auch etwas Assimilationsfähigkeit an den Tag zu
legen. Wenn bereits im Vorfeld des Trainings klar wird, dass der Kandidat
dazu nicht bereit ist, dann kann sich das Unternehmen die Kosten für die
Weiterentwicklungsmaßnahme sparen. Damit so etwas im Vorfeld erkannt
werden kann, bedarf es eines entsprechenden Auswahlverfahrens.
Die Steigerung der Bereitschaft zur interkulturellen Interaktion im globalen
Unternehmen findet nicht nur auf der individuellen Ebene statt. Auch die
Ermöglichung der Zusammenarbeit im Unternehmen auf organisationeller
Ebene ist Voraussetzung dafür, dass interkulturelle Kompetenz im Unter-
nehmen zum Tragen kommt. Nur wenn die Mitarbeiter über entsprechen-
de Handlungsspielräume verfügen, die es ihnen erlauben, sich mit den
77
Diskussion und Schlussfolgerungen
relevanten Kollegen im gesamten globalen Unternehmen auszutauschen,
kommt die Abstimmung über kulturelle Grenzen hinweg auch zustande.
Außerdem muss es im Unternehmen als erwünscht gelten, wenn Mitarbei-
ter entsprechende Kontakte knüpfen, sich über die gesamte globale Orga-
nisation vernetzen und diese Netzwerke pflegen.
Für ein globales Unternehmen mit seinen vertikalen Koordinationsstruktu-
ren ist es nicht selbstverständlich, dass der Aufbau solcher informellen
Netzwerke, die die Hierarchien durchkreuzen, als erwünscht gilt. Die Ein-
sicht, dass die fallweise Abstimmung über entsprechende Netzwerke der
Abstimmung über die Strukturen der Primärorganisation in vielen Fällen
überlegen ist und gleichzeitig die Zentralbereiche erheblich entlastet, kann
aber zu einem Umdenken führen.
Da im globalen Unternehmen die Hierarchien wegen der überwiegend
vertikalen Koordination stark ausgeprägt sind, laufen die Mitarbeiter bei
ihrem Bemühen, Kontakte zu knüpfen, Gefahr, auch wieder nur den struk-
turell vorgegebenen Linien zu folgen. Schließlich gibt die Organisation ja
vor, an wen man sich zu wenden hat, wenn ein Problem auftritt.
Die fallweise, kreative Abstimmung innerhalb der Strukturen einer globa-
len Unternehmung zu fördern, ist nicht ganz einfach. Vor allem wenn es
um die Vernetzung der Mitarbeiter aus verschiedenen dezentralen Einhei-
ten geht, bereitet die Zentralisation des Unternehmens Probleme. Wäh-
rend intensive Kontakte zu den Zentralbereichen, die ja die operationale
Kontrolle der dezentralen Einheiten ausüben, strukturell vorgesehen sind,
läuft der Austausch mit Kollegen aus anderen dezentralen Einheiten aller
Erfahrung der dortigen Mitarbeiter zuwider. Dabei ist der Nutzen für das
Unternehmen offensichtlich. Die Probleme, welche in den weltweit ange-
siedelten Standorten auftreten, sind häufig ähnlich gelagert. Wenn es zum
lateralen Erfahrungsaustausch der jeweiligen Mitarbeiter ohne den Um-
78
Diskussion und Schlussfolgerungen
weg über die vermittelnden Zentralbereiche kommen würde, ließen sich
viele Abstimmungsprobleme vorwegnehmen und die Zentralbereiche
würden entlastet. Hier bedarf es besonderer Bemühungen, die Mitarbeiter
so zusammenzubringen, dass sie sich über Potentiale einer Zusammen-
arbeit ernsthafte Gedanken machen und sich dabei zum Aufbau dauerhaf-
ter und tragfähiger Austauschbeziehungen entschließen was im Rah-
men von interkulturellen Trainingsangeboten möglich wäre. Diese Bezie-
hungen müssen aber anschließend auch gepflegt werden, damit das
Netzwerk funktioniert. Dazu müssen weitere Angebote institutionalisiert
werden, bei denen sich die Netzwerkmitglieder in regelmäßigen Abstän-
den treffen (was auch virtuell möglich wäre).
Es dürfte deutlich geworden sein, dass es für den Markterfolg eines globa-
len Unternehmens sehr hilfreich sein kann, wenn es die interkulturelle
Kompetenz im Unternehmen entwickelt. Wie das in geeigneter Weise
geschehen sollte, ist andiskutiert worden. Es zeigt sich, dass die Effekte,
die sich mit interkulturellen Entwicklungsmaßnahmen erzielen lassen,
individuell unterschiedlich sind. Es ist daher wichtig, dass bei jedem Teil-
nehmer nach Abschluss des Trainings eine umfassende Evaluation der
Trainingsergebnisse stattfindet. Nur so lässt sich die Qualität der interkul-
turellen Trainingsmaßnahmen auf Dauer sichern. Ergebnisse müssen
systematisch erhoben, dokumentiert und ausgewertet werden, damit die-
ses Erfahrungswissen zur permanenten Weiterentwicklung der Trainings
zur Verfügung steht.
6.2 Schlussfolgerungen
Aus der Diskussion der Frage, inwiefern interkulturelle Kompetenz einen
Erfolgsfaktor in globalen Unternehmen darstellt, lassen sich folgende
Schlüsse ziehen:
79
Diskussion und Schlussfolgerungen
· Interkulturelle Kompetenz wirkt sich auf die Koordination im Unterneh-
men aus. Je höher der Grad an interkultureller Kompetenz im Unter-
nehmen ist, desto effizienter gelingt es den Mitarbeitern, sich über kul-
turelle Grenzen hinweg abzustimmen. Die Abstimmungsprozesse be-
schleunigen sich, wenn es den Mitarbeitern des Unternehmens gelingt,
Missverständnisse schneller auszuräumen bzw. sie ganz zu vermei-
den. Dies ist in globalen Unternehmen in besonderer Weise erfolgsre-
levant, da die Koordination überwiegend vertikal erfolgt. Erfolgt die Ab-
stimmung zwischen Unternehmensmutter und -töchtern effizient, be-
wahrt dies die Mitarbeiter an den Schnittstellen vor Überlastung.
· Interkulturelle Kompetenz im Unternehmen beinhaltet interkulturelle
Kenntnissen und Fähigkeiten der Mitarbeiter. Der Begriff der interkultu-
rellen Kompetenz muss aber erweitert werden. Nur wenn zu den inter-
kulturellen Fähigkeiten die Bereitschaft zur interkulturellen Zusammen-
arbeit hinzukommt, werden die Kenntnisse und Fähigkeiten handlungs-
relevant. Bereitschaft zur interkulturellen Interaktion setzt entsprechen-
de Motivation der betreffenden Mitarbeiter voraus, aber auch die Er-
möglichung im Unternehmen. Somit hat interkulturelle Kompetenz eine
individuelle Ebene und eine organisationelle Ebene, die sich gegensei-
tig bedingen.
· Damit
interkulturelle
Kompetenz
im globalen Unternehmen erfolgsrele-
vant wird, muss sie sowohl auf der individuellen Ebene als auch auf
der organisationellen Ebene entwickelt werden. Eine direkte Beeinflus-
sung ist jedoch nicht möglich. Die Mitarbeiter können nur dazu ange-
regt werden, Wissen aufzubauen, sich auf die interkulturelle Zusam-
menarbeit einzulassen und geeignete Strukturen zu schaffen, die das
ermöglichen.
80
Diskussion und Schlussfolgerungen
· Damit Mitarbeiter interkulturelles Wissen aufbauen können, müssen sie
interkulturelle Erfahrungen machen. Wenn das Unternehmen das för-
dern will, muss es Erfahrungsmöglichkeiten anbieten und den Mitarbei-
tern Unterstützung gewähren, wenn sie die Angebote annehmen. Wer-
den interkulturelle Entwicklungsmaßnahmen im Unternehmen instituti-
onalisiert, ist darauf zu achten, dass den Teilnehmern Planungssicher-
heit in Bezug auf ihre Karriere und geeignete Möglichkeiten zur Refle-
xion der gemachten Erfahrungen geboten werden.
· Um die Motivation der Mitarbeiter zur interkulturellen Zusammenarbeit
zu steigern, sollte das globale Unternehmen dafür sorgen, dass die in-
terkulturellen Erfahrungen der Mitarbeiter überwiegend positiv ausfal-
len. Je länger der zeitliche Horizont einer Entwicklungsmaßnahme ist,
desto wahrscheinlicher ist das positive Erleben beim Teilnehmer.
· Damit die interkulturelle Interaktion im globalen Unternehmen stattfin-
den kann, ist es wichtig, dass das Knüpfen entsprechender Kontakte
und das Pflegen der Austauschbeziehungen ermöglicht werden. Zum
einen muss dafür signalisiert werden, dass der Aufbau entsprechender
Netzwerke über das gesamte globale Unternehmen hinweg erwünscht
ist. Zum anderen müssen Räume geschaffen werden, in denen das
Vernetzen erfolgen kann. Im Rahmen interkulturellen Trainings können
die relevanten Mitarbeiter zusammengebracht werden und angeregt
werden, sich über die Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszutau-
schen. Als Plattform für den Aufbau und die langfristige Pflege von
Netzwerken ist ein einmaliges und zeitlich befristetes Training jedoch
nicht ausreichend. Dazu bedarf es weiterer, langfristiger Institutionen
im Unternehmen, die einen regelmäßig stattfindenden Austausch ge-
währleisten.
81
Diskussion und Schlussfolgerungen
· Ob die so entwickelte interkulturelle Kompetenz im globalen Unter-
nehmen zu einem positiven Return-on-Investment aus den Entwick-
lungsmaßnahmen führt, lässt sich nicht generell beantworten. Vor ei-
nem mehrjährigen Horizont ist die Wahrscheinlichkeit groß zumal
wenn es gelingt, Expatriates durch Absolventen der Entwicklungsmaß-
nahmen zu ersetzen. Einer umfassenden Quantifizierung des Leis-
tungsbeitrags entzieht sich die interkulturelle Kompetenz jedoch. Die
Quantifizierung ist nur partiell möglich, weil die Trainingseffekte indivi-
duell unterschiedlich ausfallen und weil die Wirkungszusammenhänge
nicht abschließend ermittelt werden können.
6.3 Ausblick
Interkulturelle Entwicklungsmaßnahmen verursachen Kosten. Der Return
daraus ist erst langfristig zu erwarten und lässt sich dann noch nicht ein-
mal genau beziffern. In Zeiten, in denen hoher Wettbewerbsdruck globale
Unternehmen permanent zwingt, Kosten zu senken und den Shareholder
Value zu steigern, haben solche Entwicklungsmaßnahmen einen schwe-
ren Stand.
Andererseits zwingt der Kostendruck globale Unternehmen auch dazu,
ihre stark ausgeprägten Zentralbereiche zu verschlanken. Die Effizienz
und damit auch der Wert von globalen Unternehmen werden nun mal
daran gemessen, mit wie vielen Mitarbeitern ihre Zentralen auskommen
und welche Kosten sie verursachen.
Wenn die Zentralbereiche globaler Unternehmen verkleinert werden, wenn
für die Koordination im Unternehmen weniger Mitarbeiter zur Verfügung
stehen, so müssen die Abstimmungsprozesse beschleunigt werden. Da
genau das durch eine Steigerung der interkulturellen Kompetenz im Un-
82
Diskussion und Schlussfolgerungen
ternehmen möglich ist, wird diesem Thema in Zukunft eine stärkere Be-
deutung zukommen.
Dass isolierte Veranstaltungen mit einer Dauer von wenigen Tagen, in
denen den Mitarbeitern interkulturelles Wissen vermittelt werden soll, nicht
zielführend sind, wenn die interkulturelle Kompetenz im Unternehmen
gesteigert werden soll, diese Erkenntnis wird sich in vielen globalen Un-
ternehmen erst noch durchsetzen müssen. Zu langfristigen interkulturellen
Trainingsprogrammen ist allerdings zumindest in Unternehmen mit
Stammsitz in Deutschland bisher noch wenig Erfahrungswissen aufge-
baut worden. Von daher ist davon auszugehen, dass die Phase des Expe-
rimentierens auf diesem Feld noch nicht abgeschlossen ist. Forschungs-
bedarf ist somit in der wissenschaftlich fundierten Evaluation von entspre-
chenden Trainingsprogrammen zu sehen.
83
Zusammenfassung
7 Zusammenfassung
Globale Unternehmen sind dann erfolgreich, wenn es ihnen gelingt, die
Geschäftsprozesse so zu koordinieren, dass eine effiziente Bearbeitung
der als global angesehenen Märkte gelingt. Um Antworten darauf zu fin-
den, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit interkulturelle
Kompetenz in der globalen Unternehmung zum Erfolgsfaktor wird, wird
untersucht, was unter interkultureller Kompetenz zu verstehen ist und
welchen Einfluss diese Kompetenz auf die Prozesse im globalen Unter-
nehmen haben kann. Dabei erfährt der Begriff der interkulturellen Kompe-
tenz eine Erweiterung: Interkulturelle Kompetenz umfasst demnach nicht
mehr nur Kenntnisse und Fähigkeiten einzelner Mitarbeiter, welche die
Interaktion mit fremdkulturell geprägten Mitarbeitern des weltumspannen-
den Unternehmens erleichtern. Sie umfasst auch die Bereitschaft zur
interkulturellen Zusammenarbeit. Dazu bedarf es der Motivation der ein-
zelnen Mitarbeiter, aber auch der Ermöglichung im Unternehmen.
Anschließend werden Maßnahmen und ihre Wirkungsweisen vorgestellt,
mit denen das globale Unternehmen auf die interkulturelle Kompetenz im
Unternehmen Einfluss nehmen kann. Es wird deutlich, dass eine Steige-
rung der interkulturellen Kompetenz im globalen Unternehmen eine Be-
schleunigung der Abstimmungsprozesse zwischen den Mitarbeitern be-
wirkt, wenn die Entwicklungsmaßnahmen sowohl auf der individuellen
Ebene als auch auf der organisationellen Ebene greifen.
Für die Effektivität interkultureller Trainingsmaßnahmen ist es wichtig,
dass den Teilnehmern interkulturelle Erfahrungsmöglichkeiten und geeig-
nete Möglichkeiten zur Reflexion der gesammelten Erfahrungen geboten
werden. Gibt das Unternehmen den Teilnehmern auch noch Planungssi-
cherheit, so ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die interkulturellen Er-
fahrungen der Mitarbeiter überwiegend positiv ausfallen, was die Motivati-
85
Zusammenfassung
on der Mitarbeiter zur interkulturellen Zusammenarbeit steigert. Damit die
Effekte nachhaltig sind und interkulturelle Interaktion im globalen Unter-
nehmen stattfinden kann, muss das Unternehmen seine Mitarbeiter darin
unterstützen, Kontakte untereinander und über kulturelle Grenzen hinweg
zu knüpfen und die Austauschbeziehungen zu pflegen.
Im Rahmen interkultureller Trainingseinheiten können die relevanten Mit-
arbeiter zusammengebracht werden und angeregt werden, sich über die
Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszutauschen. Für die langfristige
Pflege der Netzwerke bedarf es aber weiterer Institutionen im Unterneh-
men, die einen regelmäßig stattfindenden Austausch gewährleisten.
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