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"Ey, du Opfer"

Subtitle: Nachdenken über Jugendgewalt, Religion und religiöse Bildung

Textbook, 2008, 86 Pages
Author: Dr. Olaf Kühl-Freudenstein
Subject: Theology - Miscellaneous

Details

Category: Textbook
Year: 2008
Pages: 86
Bibliography: ~ 150  Entries
Language: German
Archive No.: V113770
ISBN (E-book): 978-3-640-13369-7
ISBN (Book): 978-3-640-13539-4
File size: 494 KB

Abstract

Um die Frage zu klären, ob die Gewalt Jugendlicher eine religiöse Dimension hat, muss zunächst das Phänomen Religion in den Blick genommen werden, speziell der Zusammenhang von Religion und Gewalt. In den ersten zwei Kapiteln wird dementsprechend nach Ansätzen gesucht, die es erklärlich werden lassen, warum die Geschichte der meisten Religionen in der Gewaltfrage so widersprüchlich ist. Es ist ein Glücksfall für diese Arbeit, dass vor einigen Jahren vom ÖKUMENISCHEN RAT DER KIRCHEN eine Dekade zur Überwindung von Gewalt ausgerufen wurde. Demnach sollen sich Christen von 2001 bis 2010 in ihrem Umfeld mit der Gewaltproblematik auseinandersetzen und für ein Leben in Gewaltfreiheit eintreten. Diese Dekade hat ein neues intensives Nachdenken über die Zusammenhänge von Religion und Gewalt ausgelöst. Zahlreiche Publikationen sind erschienen, in denen mit religionsgeschichtlichen und religionswissenschaftlichen Zugriffen die entsprechenden Zusammenhänge deutlich erhellt worden sind. Auf der Grundlage der dann vorgenommenen Klärungen richtet sich im dritten Kapitel der Blick auf das Phänomen Jugendgewalt. Aktuelle, durch ihre besondere Brutalität spektakulär gewordene Fälle aus der jüngeren Vergangenheit werden hier vorgestellt, um diese in einem weiteren Schritt auf möglicherweise darin enthaltene religiöse Elemente hin zu analysieren. Ziel dieses Abschnittes ist es, Analogien herauszufinden und zu benennen, die zwischen der Gewalt, die wir aus der Geschichte der Religionen kennen, und eben der von Jugendlichen ausgeübten Gewalt bestehen könnten. Als evangelischer Religionslehrer interessiert mich aber noch eine weiterführende Frage: Wenn denn die Gewalt Jugendlicher tatsächlich eine religiöse Dimension hat, ist dann nicht vielleicht gerade der Religionsunterricht herausgefordert, darauf zu reagieren? Der Frage, wie dies geschehen könnte, wird im letzten Kapitel nachgegangen.


Excerpt (computer-generated)

,,Ey, du Opfer!"

Nachdenken über Jugendgewalt, Religion
und religiöse Bildung

 


Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkungen - 3 -
1. Friedenssehnsucht und Gewalt: Das Unvereinbare vereint in den Weltreligionen? - 8 -
2. Erklärungen - 16 -
a. Sakralisierung der Gewalt - 16 -
b. Sakralisierung der Liebe - 28 -
c. Vermischungen - 31 -
3. Jugend und Gewalt - 50 -
4. Der Religionsunterricht als friedenspädagogisches Kernfach - 60 -
5. Schlussüberlegung - 77 -
Literatur - 78 -

- 2 -

 


Vorbemerkungen

Seit einigen Jahren interessiert mich der Zusammenhang von Jugend und Gewalt. Das hängt einerseits mit Medienberichten über spektakuläre Gewaltverbrechen Jugendlicher zusammen, die ­ man denke an Erfurt oder an das uckermärkische Potzlow ­ so grauenhaft sind, dass trotz aller Erklärungsversuche immer einen Rest an Unverständnis bleiben wird. Das hängt andererseits mit meiner Arbeit an Schulen zusammen, an denen ich immer wieder Gewalt erlebe. Seit Jahren arbeite ich als evangelischer Religionslehrer an Schulen zur individuellen Lernförderung, besser bekannt unter dem früheren Begriff Sonderschulen. Die Arbeit an diesen Schulen ist insgesamt bereichernd, zumal die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen interessiert und umgänglich ist. Manche Schüler aber sind schwierig ­ und wenden sehr schnell Gewalt an, wenn sie meinen sich verteidigen zu müssen. So gibt es immer wieder Situationen, in denen ich mit Gewalt in ihren unterschiedlichen Ausprägungen konfrontiert bin: mit mutwilligen Sachbeschädigungen, üblen Verunreinigungen etc.; mit Demütigungen, Schlägereien, gar Erpressungen. (Besonders bedrückend ist dabei, dass es in der Regel immer die gleichen Schüler sind, die attackiert werden.) Gelegentlich erlebe ich aber auch Gewalttätigkeiten, an denen Lehrkräfte beteiligt sind. Selten als ,Täter′ (freilich haben auch manche Lehrer Schülern gegenüber einen demütigenden Tonfall, manchmal berichten Schüler auch, einem Lehrer sei ­ wie es dann verniedlichend heißt ­ ,die Hand ausgerutscht′), häufiger als Opfer. Ich denke hier an Ausdrücke und Beleidigungen, aber auch an bisweilen vorkommende tätliche Übergriffe.

Mein bislang eindrücklichstes schulisches Gewalt-Erlebnis ereignete sich wie folgt: Auf dem Pausenhof hatte ich eine heftige verbale Auseinandersetzung mit einem 13-jährigen Schüler. Begonnen hatte diese mit einer Kleinigkeit: Er hatte mich provozierend angeschaut (später stellte sich heraus, dass das an meinem Ohrring lag, den ich seiner Meinung nach auf der ,falschen′, nämlich vermeintlich schwulen Seite trage), woraufhin ich den Schüler (wie ich meine: freundlich) ansprach. Sofort wurde ich von ihm ordinär beschimpft und seine Körpersprache signalisierte eine hohe Aggressionsbereitschaft. Nun veränderte sich auch mein Ton, ich wies ihn schroff zurecht, Schüler kamen dazu, einige versuchten zu mäßigen, andere taten das Gegenteil. Irgendwann standen so viele zwischen uns, dass wir auseinander gingen. In der Überzeugung, dass ein so aggressives Auftreten nicht ungeahndet bleiben sollte, kam anschließend aus dem Kollegenkreis der Vorschlag mit einer Anzeige zu reagieren. Noch ehe ich mich dafür oder dagegen entschieden hatte, bekam die ganze Geschichte aber eine andere Wendung. Der Schüler hatte nämlich erfahren, was wir im Kollegenkreis debattierten ­ und trat die Flucht nach vorne an. Nun beschuldigte er mich, ich hätte ihn im Verlauf der Auseinandersetzung angegriffen und gewürgt ­ und tatsächlich hatte er nicht nur Würgemale am Hals aufzuweisen (die ihm, wie sich später herausstellte, ein Freund beigebracht hatte), sondern auch eine stattliche Zahl von Zeugen, die seine Anschuldigungen gegen mich bestätigten. Dergestalt

- 3 -

 


munitioniert erstattete der Schüler nun eine Anzeige gegen mich, so dass ich bei der Polizei nicht ­ wie gedacht ­ als Zeuge oder Kläger, sondern als Angeklagter erscheinen musste.

Erfreulicherweise ging die Sache gut für mich aus. Es fand sich ein Kollege, der die Szene beobachtet hatte und meine Version bestätigen konnte, die angeblichen Zeugen widerriefen, die Anzeige wurde zurückgezogen und der Junge sollte sich bei mir entschuldigen (was er aber nicht tat). Dennoch: Für mich war es erschütternd zu erleben, dass ich der beschriebenen Dynamik zunächst kaum etwas entgegenzusetzen hatte. Obgleich der Vorgang lediglich mit einer Kleinigkeit begonnen hatte und es in dessen Verlauf auch zu keiner manifesten Gewalt kam, tauchte innerhalb kurzer Zeit ein existentiell bedrohliches Szenario am Horizont auf: nämlich die unehrenhafte Entlassung aus dem Schuldienst, ein Gerichtsverfahren mit ungewissem Ausgang, letztlich das berufliche Aus.

Ab und an höre ich auch, wie Schüler (manchmal auch Lehrer) bei einem Wortwechsel als ,Opfer′ tituliert werden. Tatsächlich ist das Schmähwort ,,Ey, du Opfer..." bei vielen Jugendlichen sehr beliebt. Das macht den evangelischen Religionslehrer, der gelernt hat, dass es seit Christus keiner Opfer mehr bedarf, hellhörig. Ist der so betitelte Schüler denn wirklich ein Opfer? Welche Eigenschaften hat er (bzw. welche fehlen ihm), die ihn zu einem solchen machen? Und ­ vor allem ­ warum braucht denn derjenige, der ihn so betitelt, eines? Wem würde er das Opfer darbringen wollen? Und was geschähe denn bei der potentiellen Opferung? Mit dem Opfer? Mit dem Täter?

Meine schulischen Gewalt-Erfahrungen haben mich also nicht nur gegenüber Gewalt im Allgemeinen sensibilisiert, sie haben mich auch im Besonderen auf die Frage gestoßen, wie zufällig eine Wortwahl ist, die das Gegenüber zum Opfer macht. Liegt hier lediglich eine simplifizierende Weltsicht zugrunde, die die Menschheit leichtfertig in zwei Gruppen aufteilt, eine minderwertig, eine höherwertig ­ und damit die Brutalität den vermeintlich Minderwertigen gegenüber legitimiert? Oder könnte nicht der ursprünglich aus dem Bereich der Religionen stammende Begriff Opfer ein Hinweis darauf sein, dass sich hinter solchen Klassifizierungen und dann eben auch hinter den nachfolgenden Gewalttaten ein religiöses Motiv verbirgt? Und ­ wenn ja ­ finden sich solche Motive auch bei anderen Gewalttaten Jugendlicher, bei denen ja auch Opfer gesucht werden, auch wenn diese nicht in jedem Fall als solche bezeichnet werden?

Nun wurde bereits gesagt, dass der von Jugendlichen so gerne verwandte Begriff Opfer ursprünglich ein religiöser war. Dass das nicht zufällig ist und hier tatsächlich eine religiöse Dimension durchschimmern mag, darauf könnte auch der Umstand hindeuten, dass Religion und Gewalt erwiesenermaßen keine Gegensätze bilden. Im Gegenteil. Zwar gibt es in den meisten Religionen auch eine starke Friedenssehnsucht. Wie es aber scheint, wohnt allen

- 4 -

 


Religionen in bestimmten Situationen die Neigung inne Gewalt zu akzeptieren und zu legitimieren. Religionen waren in langen Phasen der Geschichte gewaltaffin und sie sind dies oft genug bis heute. Wenn denn aber eine Nähe zwischen Gewalt und Religion besteht, warum sollte diese dann nicht auch bei der Gewalt Jugendlicher vorliegen?

* * * *

Um die aufgeworfene Frage zu klären, ob die Gewalt Jugendlicher eine religiöse Dimension hat, muss zunächst das Phänomen Religion in den Blick genommen werden, speziell der Zusammenhang von Religion und Gewalt. In den ersten zwei Kapiteln wird dementsprechend nach Ansätzen gesucht, die es erklärlich werden lassen, warum die Geschichte der meisten Religionen in der Gewaltfrage so widersprüchlich ist.

Es ist ein Glücksfall für diese Arbeit, dass vor einigen Jahren vom ÖKUMENISCHEN RAT DER KIRCHEN eine Dekade zur Überwindung von Gewalt ausgerufen wurde. Demnach sollen sich Christen von 2001 bis 2010 in ihrem Umfeld mit der Gewaltproblematik auseinandersetzen und für ein Leben in Gewaltfreiheit eintreten. Diese Dekade hat ein neues intensives Nachdenken über die Zusammenhänge von Religion und Gewalt ausgelöst. Zahlreiche Publikationen sind erschienen, in denen mit religionsgeschichtlichen und religionswissenschaftlichen Zugriffen die entsprechenden Zusammenhänge deutlich erhellt worden sind.

Auf der Grundlage der dann vorgenommenen Klärungen richtet sich im dritten Kapitel der Blick auf das Phänomen Jugendgewalt. Aktuelle, durch ihre besondere Brutalität spektakulär gewordene Fälle aus der jüngeren Vergangenheit werden hier vorgestellt, um diese in einem weiteren Schritt auf möglicherweise darin enthaltene religiöse Elemente hin zu analysieren. Ziel dieses Abschnittes ist es, Analogien herauszufinden und zu benennen, die zwischen der Gewalt, die wir aus der Geschichte der Religionen kennen, und eben der von Jugendlichen ausgeübten Gewalt bestehen könnten.

Als evangelischer Religionslehrer interessiert mich aber noch eine weiterführende Frage:

Wenn denn die Gewalt Jugendlicher tatsächlich eine religiöse Dimension hat, ist dann nicht vielleicht gerade der Religionsunterricht herausgefordert, darauf zu reagieren? Der Frage, wie dies geschehen könnte, wird im letzten Kapitel nachgegangen.

* * * *

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Im Vorfeld einer solchen Untersuchung sind begriffliche Klärungen hilfreich. Die Begriffe, die im Zentrum dieser Arbeit stehen, sind Gewalt und Religion; von ihnen soll zum Abschluss der Einleitung die Rede sein.

Das Wort Gewalt ist eine Ableitung vom althochdeutschen Verb walten, das herrschen und wirken bedeutet. In diesem Kontext haftet dem Begriff Gewalt zunächst nichts Negatives an. Herrschaft kann Ordnung schaffen und Sicherheit garantieren ­ eine Bedeutungsebene, die noch bei Begriffen wie Anwalt, Verwaltung oder Gewaltmonopol durchschimmert und erklärlich werden lässt, wieso der Begriff Gewalt bspw. in der Reformationszeit noch deutlich positiv konnotiert gewesen ist (vgl. Lienemann, S. 11).

Freilich kann Herrschaft auch dazu genutzt werden, um andere unrechtmäßig zu unterdrücken, zu unterwerfen etc. Auf dieser ­ heute im öffentlichen Sprachgebrauch dominierenden ­ Bedeutungsebene wird Gewalt zu recht als negativ empfunden. Die in dieser Arbeit zu untersuchende Jugendgewalt ist dabei dem zweiten Bereich zuzuordnen, geht es bei ihr doch um unfreiwilliges Unterwerfen und um Unterdrückung.

Wann aber fangen Unterwerfung und Unterdrückung an? Welches Ausmaß bzw. welche Form müssen diese annehmen, damit man von Gewalt sprechen kann ­ oder ist jede Form von Unterwerfung und Unterdrückung Gewalt? In den 70er Jahren hat bspw. der norwegische Friedensforscher Johan GALTUNG für eine Ausweitung des Gewaltbegriffes plädiert und den Begriff der strukturellen Gewalt eingeführt. Mit einigem Recht wies GALTUNG darauf hin, dass Menschen auch ohne Anwendung physischer Gewalt zu etwas gezwungen werden können, was ihrem Willen nicht entspricht (vgl. Lienemann, S. 20). Mit ebensolchem Recht ist dieser weiten Definition von Gewalt aber entgegengehalten worden, dass dabei eine ,,differenzlose Totalisierung von Gewalt" (Lienemann, S. 21) stattfinde, die zu einer erheblichen terminologischen Unklarheit führt. Um begriffliche Klarheit zu schaffen, sei es deshalb ,,wünschenswert, einen engen Gewaltbegriff zu verwenden" (ebd.) und den Begriff Gewalt dem Bereich der manifesten physischen Gewalt vorzubehalten (vgl. ebd.).

Die Jugendgewalt, um die es in dieser Arbeit geht, gehört zweifellos zur manifesten physischen Gewalt und fällt damit in den Bereich, der durch den engeren Gewaltbegriff markiert wird. Über die Legitimität eines weiten Gewaltbegriffs, wie GALTUNG ihn vorschlug, ist damit noch nichts gesagt, allerdings würde eine sorgfältige Auseinandersetzung mit diesem im Kontext einer Arbeit, die insbesondere Jugendgewalt thematisiert, zu weit führen.

Nun ist es ­ wie dargelegt ­ nicht leicht, den Begriff Gewalt zu definieren. Die Schwierigkeiten, die sich bei der Definition des Begriffs Religion auftun, sind allerdings ungleich

- 6 -

 


größer. Wer sich mit den gängigen Definitionsversuchen beschäftigt, wird schnell feststellen, dass diese oft bemerkenswert nebulös sind und tendenziell mehr Fragen aufwerfen, als dass sie welche beantworten. Religion bspw. als ,,Tiefendimension des Menschen" (zit. nach Feil, Sp. 265) zu begreifen, kann nicht überzeugen, weil dadurch der falsche Schluss nahegelegt wird, überall dort, wo Religion ist, müsse auch Tiefe sein. Ebenso problematisch ist es wiederum, Religion grundsätzlich mit einer wie auch immer bestimmten Transzendenz in Verbindung zu bringen, weil dadurch der Bereich der Profanreligion aus dem Blick gerät.

Da kaum zu erwarten ist, dass noch ein überzeugender Religionsbegriff vorgelegt wird, wurde vorgeschlagen, auf den Religionsbegriff künftig ganz zu verzichten; das freilich wird allein aus wissenschaftsorganisatorischen Gründen kaum Akzeptanz finden können (vgl. ebd.).

Nun mag es angesichts dieser desolaten Lage fruchtlos sein, den Begriff Religion definieren zu wollen, eine begriffliche Annäherung indes sollte dennoch versucht werden, um zumindest ansatzweise den im Mittelpunkt dieser Arbeit stehenden Begriff zu klären. Tatsächlich scheint es mir vor dem Hintergrund dessen, was in dieser Arbeit näher zu entfalten sein wird, geraten, einen engen Zusammenhang zwischen Religion und Heil anzunehmen. Religion, so legt es ein Blick auf unterschiedliche religionsgeschichtliche Epochen und Phänomene nahe, beginnt für viele Menschen dort, wo sie nachhaltig Heil erfahren. Ein solches HeilErlebnis kann durch innerweltliche (profanreligiöse) Ereignisse ausgelöst werden, Gleiches kann aber auch durch einen wie auch immer qualifizierten Kontakt zum Jenseitigen geschehen.

Umgekehrt wird man sagen können, dass eine Religion, die Menschen keinen Ausweg aus ihrem Unheil bieten kann, für sie auch keine wirkliche Religion darstellen wird.

Mit der im Idealfall nachhaltigen, oftmals freilich nur kurzzeitigen Befreiung oder Erlösung von einem wie auch immer gearteten Un-Heil bricht etwas in das Leben eines Menschen ein, das dieser dann mit zumindest subjektivem Recht als heilig empfinden wird. Die These, dass bei solchen als heilig erlebten Befreiungserlebnissen Gewalt eine große, wenn nicht entscheidende Rolle gespielt hat und immer noch spielt, soll in dieser Arbeit verifiziert werden.

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1. Friedenssehnsucht und Gewalt: Das Unvereinbare vereint in den Weltreligionen?

Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen die Begriffe Gewalt und Religion. Setzt man diese beiden Begriffe in Relation zueinander, kommt schnell der bemerkenswerte Umstand in den Blick, dass wir bei vielen Religionen neben pazifistischen Tendenzen und Traditionen immer auch Gegenteiliges finden, nämlich eine religiöse Legitimierung, bisweilen sogar Verklärung von Gewalt. An zwei Beispielen möchte ich dieses eigentümliche Spannungsverhältnis verdeutlichen: am Christentum und am Islam.

* * * *

Eine gewisse Spannung in der Gewaltfrage finden wir bereits im Neuen Testament. Jesus hat gewaltfrei gehandelt, hat in der Bergpredigt Gewaltfreiheit und Vergeltungsverzicht zu Leitmotiven der Nachfolge definiert, hat zur Friedfertigkeit auch gegenüber den Feinden aufgerufen und denen, die so handeln, die Gottessohnschaft prophezeit. Diese starken Motive stehen in den Evangelien fast unangefochten, in eine andere Richtung weist allenfalls die Erzählung von der rabiaten Tempelaustreibung nebst wenigen anderen Begebenheiten (vgl. Janowski, S. 203). Im Neuen Testament sind es insbesondere die Visionen der Apokalypse, die in der Gewaltfrage eine andere Tonart anschlagen, denn hier wird in bemerkenswert grausamen Bildern das Ende derer geschildert, die nicht zu den Erwählten gehören.

So heißt es in Apk 20,15: ,,Und wenn jemand nicht gefunden wurde geschrieben in dem Buch des Lebens, der wurde geworfen in den feurigen Pfuhl."

LUTHER übersetzt das griechische Wort mit ,Pfuhl′, was heute aber kaum mehr geläufig ist; um die Dramatik des entwickelten Szenarios besser zu verstehen, sollte man deshalb eher die auch mögliche Übersetzung ,feuriger Sumpf′ wählen, weil das die zu erwartenden Qualen und die Ausweglosigkeit gleichsam verdoppelt und damit der Intention des Autors wohl entspricht.

Das erinnert an Rachephantasien, die in einer Spannung zu der Friedfertigkeit stehen, die Jesus allen, auch seinen Feinden gegenüber walten ließ.

Dieselbe Spannung begegnet uns dann auch in der Kirchengeschichte. Über bald drei Jahrhunderte schaffte es die junge Kirche relativ friedfertig zu existieren. Zumindest war man sich darüber einig, dass für einen Christen der Dienst an der Waffe nicht in Frage komme.

- 8 -

 


Das darf freilich nicht mit einer grundsätzlichen Ächtung des Militärdienstes verwechselt werden; tatsächlich gibt es zahlreiche Belege dafür, dass Christen damals im römischen Heer dienen konnten, ohne damit kirchlicherseits Anstoß zu erregen; hier gilt es zu bedenken, dass das römische Militär immer auch zivile Aufgaben zu erfüllen hatte ­ wogegen aus christlicher Sicht nichts einzuwenden war; lediglich der Militärdienst in Kriegszeiten wurde theologisch geächtet (vgl. George, S. 146f).

Bemerkenswert ­ und in einem deutlichen Gegensatz zu dieser Friedfertigkeit ­ steht der Eifer, mit dem von Anbeginn an sich Christen untereinander befehdeten. Damalige Auseinandersetzungen über Rechtgläubigkeit und Häresie wurden mit einer solchen Schärfe und Unerbittlichkeit geführt (vgl. Halbfas, S. 158), dass in der Altertumswissenschaft angenommen wird, einige der damaligen Christenverfolgungen seien nicht aus dem Gegensatz von Heidentum und Christentum erwachsen, sondern in ihnen seien Maßnahmen zur Wiederherstellung des durch innerkirchlichen Streit bedrohten Staatsfriedens zu sehen (vgl. u.a. Portmann, S. 247 u.ö.).

Nach der Konstantinischen Wende und der damit einhergehenden Aufwertung des Christentums zur Staatsreligion veränderte sich die Situation grundlegend: Zum einen wurde es schwieriger, den Waffendienst theologisch zu ächten: Immerhin war der Staat, den es zu schützen galt, nunmehr ein christlicher. Zum anderen stellte die Möglichkeit, die als Häresie verstandenen Richtungen des Christentums nun mithilfe der Staatsgewalt wirksam zu unterdrücken, eine große, in manchen Zeiten zu große Versuchung dar. So fand sich die Tradition des Gewaltverzichts bald nur noch in kleinen Gruppen wieder, die von der offiziellen Kirche oft als Ketzer verfolgt und (wie die Katharer) nach Möglichkeit vernichtet wurden.

Eine ähnliche Unentschiedenheit begegnet auch in der evangelischen Kirche. Einerseits hatte LUTHER ein unbekümmertes Verhältnis zur Gewalt, wenn sie ihm geboten schien.

Bekanntlich forderte er ein brachiales Vorgehen gegen aufständische Bauern, bekehrungsunwillige Juden, gegen Türken u.a. (vgl. Wendelborn, S. 245ff, v.d. sowie v.d. Osten Sacken, S. 128ff). Besonders problematisch war dabei seine immer wieder durchbrechende Unfähigkeit, hinter gegnerischen Gruppierungen etwas anderes als den Teufel höchstpersönlich zu erblicken. ,,Denn der Türke ist (wie gesagt) ein Diener des Teufels..." (Luther 1529, S. 99) ­ solche Zuschreibungen finden sich bei LUTHER allenthalben, wenn es um die Bestimmung der Hintergründe seiner Gegner geht. Die Möglichkeit, Meinungsverschiedenheiten diskursiv auszutragen bzw. mit den Gegnern kompromissorientiert zu verhandeln, war damit verbaut ­ womit LUTHER als historischer Bezugspunkt für friedensethische Bemühungen weitgehend ausfällt. Das kann dann auch nicht mehr der Umstand ändern, dass [...]

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