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Kultfilm und Zivilisationskritik

Subtitle: Verfall, Untergang und Neubeginn einer Gesellschaft am Beispiel der Mad Max-Trilogie

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2000, 54 Pages
Author: Sylvie Magerstädt
Subject: Film Science

Details

Event: Das Ende der Welt? Filmische Fantasien zum Millenium
Institution/College: University of Leipzig (Kommunikations- und Medienwissenschaft)
Tags: Kultfilm, Zivilisationskritik, Mad Max, Filmtheorie
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2000
Pages: 54
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 7  Entries
Language: German
Archive No.: V113792
ISBN (E-book): 978-3-640-15157-8
ISBN (Book): 978-3-640-15408-1
File size: 1657 KB

Abstract

Bis heute gelten die Teile der Mad Max - Trilogie als absolute Kultfilme und reihen sich damit ein zwischen Werken wie The Blues Brothers, Rocky Horror Picture Show und der Star Wars Trilogie. Bereits der erste Film des australischen Regisseurs George Miller erreichte in vielen Ländern sofort Kultstatus. Nur die US-amerikanischen Verleihe wussten anfangs nicht so genau, wie sie den Film einordnen sollten. Deshalb synchronisierte man ihn kurzerhand mit den Stimmen bekannter amerikanischer Schauspieler. Erst nach dem enormen finanziellen Erfolg seiner Fortsetzung The Road Warrior fand auch der erste Mad Max-Film sein Publikum in den Vereinigten Staaten. Vor allem der bis dato völlig unbekannte Schauspieler Mel Gibson, welcher für seinen ersten Auftritt in Mad Max nur 15.000 US Dollar Gage bekam, hat diesen drei Filmen vermutlich seine Karriere bis hin zum heutigen Superstarstatus zu verdanken. Wie kommt es aber, dass eine Low-Budget-Produktion wie Mad Max, deren Produktionskosten sich auf gerade mal 400.000 US Dollar beliefen, ganze 100 Millionen US Dollar Gewinn einspielen konnte? Bis ins Jahr 1998 stand dieses Ergebnis noch im Guinness-Buch der Rekorde als die beste Profitspanne, die ein Film je erzielt hat. Erst zwanzig Jahre nach seiner Veröffentlichung wurde Mad Max 1999 von The Blair Witch Project abgelöst. Bis heute füllen die Homepages der Fans unzählige Seiten des Internets. Das Hauptinteresse gilt hierbei in besonderem Maße den Fahrzeugen, die, wie ich später noch erläutern werde, vor allem in den ersten beiden Mad Max-Filmen eine wichtige Rolle spielen. Bei meiner nachfolgenden Analyse möchte ich vor allem die soziologischen Aspekte der drei Filme in ihrer Entwicklung näher betrachten und untersuchen, inwiefern der Verfall der Gesellschaft bis hin zur völligen Anarchie und letztendlich die Neuentstehung zum Teil völlig gegensätlicher sozialer und gesellschaftlicher Strukturen sowohl filmästhetisch als auch inhaltlich dargestellt wird. Besonderes Interesse gilt dabei vor allem der quasireligiösen Gemeinschaft in der Raffinerie in The Road Warrior und der auf einem archaischen Rechtssystem aufgebauten Siedlerstadt Bartertown in Mad Max Beyond Thunderdome. Inwiefern diese hypothetischen Kurzcharakteristika meiner Ansicht nach tatsächlich zutreffend sind oder nicht, werde ich in meiner Analyse näher behandeln.


Excerpt (computer-generated)

Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft

Universität Leipzig

Kultfilm & Zivilisationskritik

Verfall, Untergang und Neubeginn einer Gesellschaft am Beispiel der
Mad Max - Trilogie

von Sylvie Magerstädt

Leipzig 2000

 


Gliederung

1. Einführung 3
1.1. Das Genre 4
1.2. Historischer Hintergrund 6
2. Analyse 8
2.1. ,,Brennstoffmangel und Höllenjockeys" ­ Der Zerfall der Gesellschaftsstrukturen in Mad Max 8
2.2. ,,Das Chaos regierte" ­ Apokalypse & Anarchie in The Road Warrior 13
2.3. "Help building a better tomorrow" - Bartertown und die Oase als alternative Zivilisationen in Mad Max Beyond Thunderdome 19
3. Auswertung und Kritik 28
Anhang 30
A. Sequenzprotokoll 30
B. Daten zum Film 50
Literaturliste 53

2

 


1. Einführung

Bis heute gelten die Teile der Mad Max - Trilogie als absolute Kultfilme und reihen sich damit ein zwischen Werken wie The Blues Brothers, Rocky Horror Picture Show und der Star Wars Trilogie. 1

Bereits der erste Film des australischen Regisseurs George Miller erreichte in vielen Ländern sofort Kultstatus. Nur die US-amerikanischen Verleihe wussten anfangs nicht so genau, wie sie den Film einordnen sollten. Deshalb synchronisierte man ihn kurzerhand mit den Stimmen bekannter amerikanischer Schauspieler. Erst nach dem enormen finanziellen Erfolg seiner Fortsetzung The Road Warrior fand auch der erste Mad Max-Film sein Publikum in den Vereinigten Staaten.

Vor allem der bis dato völlig unbekannte Schauspieler Mel Gibson, welcher für seinen ersten Auftritt in Mad Max nur 15.000 US Dollar Gage bekam, hat diesen drei Filmen vermutlich seine Karriere bis hin zum heutigen Superstarstatus zu verdanken.

Wie kommt es aber, dass eine Low-Budget-Produktion wie Mad Max, deren Produktionskosten sich auf gerade mal 400.000 US Dollar beliefen, ganze 100 Millionen US Dollar Gewinn einspielen konnte? Bis ins Jahr 1998 stand dieses Ergebnis noch im Guinness-Buch der Rekorde als die beste Profitspanne, die ein Film je erzielt hat. Erst zwanzig Jahre nach seiner Veröffentlichung wurde Mad Max 1999 von The Blair Witch Project abgelöst.

Bis heute füllen die Homepages der Fans unzählige Seiten des Internets. Das Hauptinteresse gilt hierbei in besonderem Maße den Fahrzeugen, die, wie ich später noch erläutern werde, vor allem in den ersten beiden Mad Max-Filmen eine wichtige Rolle spielen.

Bei meiner nachfolgenden Analyse möchte ich vor allem die soziologischen Aspekte der drei Filme in ihrer Entwicklung näher betrachten und untersuchen, inwiefern der Verfall der Gesellschaft bis hin zur völligen Anarchie und letztendlich die Neuentstehung zum Teil völlig gegensätzlicher sozialer und gesellschaftlicher Strukturen sowohl filmästhetisch als auch inhaltlich dargestellt wird. Besonderes Interesse gilt dabei vor allem der quasireligiösen Gemeinschaft in der Raffinerie in The Road Warrior und der auf einem archaischen Rechtssystem aufgebauten Siedlerstadt Bartertown in Mad Max Beyond Thunderdome.

Inwiefern diese hypothetischen Kurzcharakteristika meiner Ansicht nach tatsächlich zutreffend sind oder nicht, werde ich in meiner Analyse näher behandeln.

1 Siehe: Engelmeier, Das Buch vom Film (1996)

3

 


1.1. Das Genre

Die Einordnung der Mad Max-Filme in ein bestimmtes Genre gestaltet sich nicht so einfach. James Monaco charakterisiert die Filme als "futuristische Western/Road-Phantasien"2, andere Quellen ordnen es unter Science Fiction, Actionfilm und ähnlichem ein. Ich persönlich halte James Monacos Einschätzung für sehr zutreffend, da der Film trotz der Angabe "in einer nicht allzu fernen Zukunft", die zu Beginn von Mad Max gegeben wird, kaum Elemente des klassischen Science Fiction Films aufweist. Es gibt keine Anzeichen für technischen Fortschritt, alle Elemente des Films (Autos, Gebäude, Kleidung) sind uns auf gewisse Weise bekannt, wenngleich sie auch eigenartig verzerrt wirken. Sicher kann man sagen, dass es sich bei Mad Max auch um ein Road Movie handelt, da Geschichte und Szenerie besonders in den ersten beiden Teilen überwiegend auf der Straße angesiedelt sind und Autos, wie bereits erwähnt, eine dominante Rolle spielen.

Während der erste Mad Max Film als durchschnittlicher Actionfilm charakterisiert werden könnte, finden wir vor allem in The Road Warrior und Mad Max Beyond Thunderdome viele stilistische Elemente des klassischen Westerns. Dazu gehören in erster Linie die ausgiebigen Halbnah- und Nahaufnahmen der Stiefel und Waffen der handelnden Personen, gefolgt von einem vertikalen Schwenk auf den Oberkörper, besonders deutlich beispielsweise zu Beginn von Mad Max Beyond Thunderdome, so dass es aussieht als würde Max soeben zum Showdown à la High Noon in die Stadt reiten (Abbildung 1-3).

2 Film verstehen, S. 392

4

 


Abbildung 13 (1. Einstellung, Cowboystiefel im staubigen Wüstensand)

Abbildung 2 (Schwenk auf den Revolver)

3 Alle Graphiken in dieser Arbeit wurden von mir auf Basis der entsprechenden Filme angefertigt und stellen grobe Skizzen dar, welche sich auf die relevanten Aspekte der jeweiligen Einstellung konzentrieren.

5

 


Abbildung 3 (Übergang in die Totale mit Held im Vordergrund, auf die Stadt blickend)

Auch die Kulisse der Australischen Wüste, die Staubwolken der Fahrzeuge und das Heulen des Windes im Hintergrund bestätigen diesen Eindruck. All das erreicht seinen Höhepunkt in der Schlusssequenz von Mad Max Beyond Thunderdome, wenn die Flucht aus Bartertown mit einer alten Eisenbahn erfolgt und Master plötzlich in einem maßgeschneiderten Anzug im Stil der Jahrhundertwende inklusive Melone und Hebammenkoffer auf der Bildfläche erscheint, während die Kinder im Inneren ein altes Grammophon reaktivieren. Hinzu kommen Slapstick-Elemente in bester Stan Laurel/Oliver Hardy-Manier, wie zum Beispiel, wenn einer der Verfolger mit einer Bratpfanne niedergeschlagen wird und erst die Augen zu einer un-glaublichen Grimasse verdreht, bevor er bewusstlos zu Boden fällt. Gerade der letzte der drei Mad Max-Filme ist voll von Anspielungen und ironischen Hinweisen auf andere Filme und Genres, die ich im Rahmen dieser Hausarbeit leider nicht ausführlich beschreiben kann. 1.2. Historischer Hintergrund Das Problem akuten Benzinmangels und damit verbundener Restriktionen, wie er in Mad Max thematisiert wird, der Kampf um Rohöl und die Raffinerie, welche in The Road Warrior die Grundlage der Gesellschaft bildet, und dann letztendlich die Suche nach alternativen Formen der Energiegewinnung in Mad Max Beyond Thunderdome kommt nicht von ungefähr. Bei all diesen Aspekten können wir einen direkten Bezug zum politischen Kontext der damaligen Zeit feststellen. Vor allem die Ölkrise der siebziger und achtziger Jahre hat hier ganz

6

 


offensichtlich nachhaltigen Einfluss auf die Arbeit von George Miller genommen. Ich möchte deshalb einen kurzen Abriss dazu geben, wie sich die Situation in dieser Zeit gestaltete.4

Anfang der siebziger Jahre versuchten die arabischen Staaten zunehmend, ihre Öllieferungen an die westliche Welt als politisches Machtmittel einzusetzen. Vor allem sollte die Unterstützung Israels durch den Westen geschwächt werden. So wurde gegen die USA und die Niederlande ein Lieferboykott verhängt, was sich selbstverständlich auch auf die übrigen westeuropäischen Staaten niederschlug. So konnte die OPEC (Organization of Petroleum Ex-porting Countries) unter anderem eine Vervierfachung des Rohölpreises gegenüber 1970 durchsetzen und forcierte außerdem die Verstaatlichung der Ölgewinnung. Die drastischen Erhöhungen hatten natürlich Auswirkungen auf andere Märkte und Wirtschaftszweige, was letztendlich ab 1973/74 zur Weltwirtschaftskrise führte.

Dies brachte die westlichen Industriestaaten dazu, erste Energiesparmaßnahmen (z.B. autofreier Sonntag) einzuführen und die Forschung zur Nutzung "alternativer" Energieressourcen voranzutreiben.

1979/81 kam es dann zur zweiten, ebenfalls politisch motivierten Ölpreiskrise, bei der der Preis für ein Barrel Rohöl auf bis zu 40 US Dollar stieg (1970 kostete ein Barrel 1,40 US Dollar!). Grund hierfür waren vor allem die Iranische Revolution und der Ausbruch des ersten Golfkrieges zwischen Iran und Irak.

Vor allem die Anfangssequenz von The Road Warrior ist nach meiner Auffassung vor diesem Hintergrund zu sehen. Hier wird in besonderem Maße die Rolle wirtschaftlicher Macht in politischen Prozessen und deren Auswirkungen auf den gesamten Lebensprozess deutlich, Dieses Thema existiert unterschwellig in nahezu allen Teilen der Mad Max-Filme , auch wenn es fast nie explizit thematisiert wird.

4 Ich beziehe mich hier auf: Schlaglichter der Weltgeschichte, S. 519 ­ 521

7

 


2. Analyse

In den nachfolgenden Abschnitten werde ich mich detaillierter mit den spezifischen Inhalten der drei Mad Max Filme beschäftigen und die unterschiedlichen Aspekte der dargestellten Gesellschaften näher untersuchen. Der Fokus ist hierbei auf den sozialen Strukturen der Gemeinschaften und den ambivalenten Lebensphilosophien der handelnden Personen.

2.1. ,,Brennstoffmangel und Höllenjockeys" ­ Der Zerfall der Gesellschaftsstrukturen in Mad Max

In diesem Teil möchte ich näher auf meine These eingehen, dass es sich bei Mad Max, im Unterschied zu seinen beiden Fortsetzungen, nicht um ein postapokalyptisches Szenario handelt, sondern eher um eine Vorstufe zu Anarchie, Chaos und Apokalypse. Möglicherweise kann man die gesellschaftliche Situation in Mad Max am ehesten als eine Art "Prä-Apokalypse" bezeichnen.

In filmästhetischer Hinsicht sind es nach meiner Auffassung vor allem die Szenerie und die farbliche Gestaltung des Films, die einen deutlichen Gegenpol zu den beiden Nachfolgern bilden. Zwar spielt Mad Max wie auch seine Nachfolger in Australien, aber nicht wie The Road Warrior und Mad Max Beyond Thunderdome in der Wüste, sondern in einer einigermaßen fruchtbaren Küstenlandschaft mit blauem Wasser und grünen Wäldern. Auch die übrige Ausstattung des Films ist viel farbiger als der zweite und dritte Teil der Trilogie. Die Kleidung der Einwohner der Stadt ist bunt und im gängigen Stil der damaligen Zeit gehalten, Autos und Wohnwagen sind farbenfroh bemalt, auch die Streifenwagen sind in kräftigem Rot, Gelb und Blau gehalten. Selbst die Rockerbande, welche die Straßen der Umgebung unsicher macht, die Höllenjockeys, wie die Polizei sie nennt, weichen optisch nicht besonders von dem Bild ab, das wir allgemein von Motorradgangs haben. Dies wird noch unterstrichen durch die Tatsache, dass ein großer Teil der Bande tatsächlich von einer realen, am Drehort ansässigen, Biker-Gang mit dem Namen ,,The Vigilantes" gespielt wird.

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