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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 29 Pages
Author: Steffi Lehmann
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Details
Institution/College: Dresden Technical University
Tags: Objekt, Wahrnehmung, Buch, Hauptseminar, Drittes, Parzival
Year: 2008
Pages: 29
Grade: 1
Bibliography: ~ 21 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-14468-6
ISBN (Book): 978-3-640-14591-1
File size: 188 KB
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Abstract
Parzival wäre nicht der Protagonist des höfischen Romans Wolframs von Eschenbach, wenn er eindeutig und ohne großes Aufsehen zu erregen in eine Gemeinschaft integriert dargestellt wäre. Als Sohn eines hervorragenden Ritters und der Schwester des Gralskönig Anfortas vereint er unterschiedliche Merkmale, die ihn nach dem Eintritt in die Welt als Fremden auftreten lassen. Während er sein ambivalentes Wesen in der Einsamkeit von Soltane vor allem dem Rezipienten demonstriert, wird er sukzessive im Laufe des III. Buches "Wahrnehmungsobjekt" anderer Romanfiguren. Ihre identitätsstiftenden Reaktionsmuster auf die Erscheinung Parzivals sollen Gegenstand dieser Arbeit sein.
Excerpt (computer-generated)
T e c h n i s c h e U n i v e r s i t ä t D r e s d e n
Fakultät Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften
Institut für Germanistik
Lehrstuhl für Germanistische Mediävistik und
Frühneuzeitforschung
Hauptseminar: Parzival
,,Aller manne schoene bluomen kranz":
Parzival als Objekt der Wahrnehmung im III.
Buch.
von: Steffi Lehmann
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2
2. Basis: Parzivals art
3
3. Parzivals Habitus im außerhöfischen Bereich: ,,an
küneclîcher fuore betrogn"
5
3.1 Parzival zwischen Sehnsucht und Not
5
3.2 Parzivals lîp als ,,gotes kunst"
7
3.3 Parzivals ,,antlütze minneclîch"
10
4. Parzivals Eintritt in die höfische Gesellschaft
14
4.1 Parzival als W ahrnehmungsobjekt am Artushof
15
4.1.1 Artus′ zwîvel
17
4.1.2 Prophezeiung durch Cunneware und Anator
18
4.2 Aneignung der roten Rüstung
19
5. Zusammenfassung
22
Bibliographie
25
2
1. Einleitung
Der Adlige kann nur in der höfischen Konfiguration angemessen leben: Höfisches Leben ist gebunden an die wechselseitige Wahrnehmung, höfische êre an die öffentliche Anerkennung für eine zustimmungsfähige Darstellung und Behauptung des eigenen Status [...]1
Parzival wäre nicht der Protagonist des Romans Wolframs von Eschenbach, wenn er
ohne eine besondere Stellung zu haben in die höfische Gesellschaft integriert
dargestellt wäre und darin ,,angemessen leben" würde. Der Rezipient begegnet
einem von außergewöhnlichen Attributen gekennzeichneten Sohn eines Ritters und
der Schwester des Gralskönigs Anfortas. Vom Hof entfernt, wächst er in der
Einsamkeit Solltane auf und fungiert dort zunächst nur als ,Wahrnehmungsobjekt′ des
Zuhörers bzw. Lesers. ,,Vereinzelung erscheint in der höfischen Literatur als ein
Absterben gegenüber der Gesellschaft, als Gesellschaftlicher Tod, der nur in der
lebendigen, verlebendigenden Gemeinschaft aufgehoben werden kann."2 Parzivals
Drang, Solltane zu verlassen, kann aber nicht nur als Sehnsucht nach Eingliederung
in die höfische Gesellschaft betrachtet werden, vielmehr ist der Grund seines
Fortgangs aus der Einöde das von der Erscheinung des Ritters Karnahkarnanz
ausgehende Leuchten, das er mit Gott verbunden hat und anstrebt. Dabei ist er von
Geburt an ein imago Dei: Parzival wird immer wieder als leuchtend schön und kräftig
beschrieben. Seine herausragenden körperlichen Merkmale sind daneben auch
Zeichen seiner Adligkeit. Vor der Geburt kündigt der Erzähler an, dass er ,,aller ritter
bluome wirt" (V. 109,11).3 Der Protagonist wird im gesamten Roman aber keine
Ritterschaft ausüben, auch wenn er sich nach dem Tod Ithers eine dafür
ausgezeichnete Rüstung aneignet. Parzival ist keinem Stand und keiner
Gemeinschaft eindeutig zuzuordnen, er tritt als Fremder auf und vereint
unterschiedliche Eigenschaften in seiner Person.
Von den Merkmalen ausgehend, die Parzival bereits ohne Erziehung durch sein
väterliches und mütterliches Erbe besitzt, beschäftigt sich die folgende Untersuchung
mit den Reaktionen der im III. Buch auftretenden Handlungsfiguren auf die
Erscheinung Parzivals. Diese haben für ihn identitätsstiftende Auswirkungen. Dabei
wird zwischen dem Blick einzelner Figuren im außerhöfischen Bereich und der
Wahrnehmung der höfischen Öffentlichkeit unterschieden. ,,Schritt für Schritt und
1 Wenzel 2000, S. 248.
2 Ebd., S. 250.
3 Alle folgenden Verse aus Lachmann / Knecht 2003.
_3
Stück für Stück wird Parzival aus seiner alten Identität, seiner ,Jugend′ in eine neue,
sein ,Erwachsenenalter′ hinübergeführt."4 Durch die Tötung Ithers erkämpft sich der
Protagonist nicht nur eine Rüstung, die seinem schönen Körper adäquat erscheint,
sondern einen Gesellschaftsfähigen Habitus, mit dem er im gesamten Roman agieren
wird.
2. Basis: Parzivals art
Parzivals Abstammung ist die Voraussetzung für seine art, d.h. für die Gesamtheit
der Merkmale, die er weder durch Erziehung noch durch Aneignung von Wissen
besitzt.5 ,,Das Vatererbe, das Muttererbe und die angeborenen Körpergüter machen
Parzivals Habitus aus."6 Dass der Protagonist als einzige Figur des Romans sowohl
Mitglied des Artus- als auch Abkomme des Gralsgeschlechts ist, bedingt die
Ambivalenz seiner art.7 Parzival ist der Sohn des rastlosen Ritters Gahmuret
dessen Geschichte wird in den ersten beiden Büchern erzählt8 und der schönen
4 Delabar 1990, S. 75 f. ,,Die Reihe der Episoden, die Parzival durchläuft, ist darüber hinaus als
Einführung, Initiation in den Habitus des weltlichen Ritters zu verstehen." Ebd., S. 75.
5 ,,Auch der nackte Mensch hat eine Natur, ein Wesen; Wolfram benutzt dafür das Wort art." Bumke
2001, S. 81. Dieselbe Bedeutung haben die Begriffe natura und ingenium, die man bei Hugo von St. Victor bzw. Johannes von Salisbury findet. Vgl. ebd.
6 Ebd., S. 85.
7 Im I. Buch wird erwähnt, dass sich die genealogischen Linien des Artus- und des
Gralsgeschlechts durch die Heirat von Kaylet und der Tochter des Gralskönigs Titurel bereits vor der Geburt Parzivals verbunden haben, allerdings entstanden aus dieser Ehe keine Nachkommen. Vgl. Bumke 2004, S. 47.
8 Während Chrétiens >Conte du Graal< mit Percevals Begegnung mit den Rittern beginnt, wird im
>Parzival< Wolframs von Eschenbach nach dem Prolog zunächst von Gahmuret berichtet, dessen Vater, König Gandin, gestorben ist. Vgl. Bumke 2001, S. 33. Aufgrund des in Anschouwe geltenden Gesetzes der Primogenitur erbt dieser als Zweitgeborener nichts, weshalb er in die Fremde zieht, um êre und ein ,,noch nicht in erstrebter Weise erwirktes lop vor der Welt" zu erlangen. Russ 2000, S. 28. Als vorbildlicher Ritter der Erzähler schreibt ihm Tugenden wie zuht (V. 12,24), muot (V. 12,26) und mâze (V. 13,4) zu befreit er die im Königreich Zazamanc gelegene, belagerte Stadt Patelamunt. Vgl. Ebd., S. 29. Daraufhin verliebt sich die dort herrschende schwarze Königin Belakane in ihn, welche ihn dazu bringt, sie zu heiraten. Nach dreimonatiger Ehe, in der der elsternfarbige Feirefiz gezeugt wird, regt sich in Gahmuret eine für ihn typische Sehnsucht nach aventiuren, die ihn dazu bewegt, seine schwangere Frau heimlich zu verlassen. Er hinterlässt einen Brief, in dem er einen seiner Vorfahren, Utepandragun (V. 56,12), nennt, ,,der den literarisch Gebildeten als der Name von König Artus′ Vater bekannt war." Bumke 2004, S. 48. Er gelangt danach in die Stadt Kanvoleiz, wo er am Vorabend eines Turniers zu welchem die Königin Waleis′ aufgerufen hat, um einen passenden Ehepartner zu finden an einem harten Kampf teilnimmt, den er gewinnt. Mit dem Sieg als bester Kandidat für die Ehe herausgestellt, möchte ihm Herzeloyde ihre Liebe schenken und ihre Länder übergeben. Obwohl er sich anfänglich gegen eine Ehe mit ihr wehrt er bezeugt, Belakane zu lieben , setzt die Königin ihren Wil en mit einem Richterspruch durch. Wolframs Konstruktion der Schwierigkeiten, die durch die Dreieckskonstellation zwischen Belakane, Gahmuret und Herzeloyde auftreten, betont "erzähltechnisch die Notwendigkeit [der] Minne" zwischen den Eltern Parzivals. Russ 2000, S. 33.
4
Herzeloyde, Schwester des Gralskönig Anfortas.9 Das Erbe seines Vaters zeigt sich
im Protagonisten durch sein intuitiv auftretendes anfängliches Streben nach
Ritterschaft, seine ,,Kampfesnot"10 und Kraft. Als Abkomme seiner Mutter besitzt er
,,Liebes- und Mitleidsnot"11, triuwe (V. 451,6 f.) und wird im Laufe des Romans ein
den Gral Suchender.
Parzivals immer wieder thematisierte zwiespältige art, die im Folgenden an der
Vogelepisode gezeigt werden soll, kann als Resultat seiner Abstammung gelten. Sie
ist dafür verantwortlich, dass jede auf der Erzählebene auf ihn treffende Figur in
Parzival etwas Eigenes oder etwas ihm Unbekanntes erkennen kann. Im
Umkehrschluss bedeutet dies, dass der Protagonist bereits durch seine Abstammung
an keinem Ort vol kommen integrationsfähig,12 gleichzeitig aber auch nicht
vol kommen fremd ist, da er sowohl Vertrautes als auch Ungewohntes verkörpert. Je
nachdem, in welcher Situation er sich befindet und welchen Aspekt seiner
zwiespältigen art er zeigt, reagiert sein Gegenüber fasziniert (Karnahkarnanz),
belustigt (Gurnemanz), erstaunt (Iwanet) oder auch abweisend. Nicht nur Cundrie
bezeugt im VI. Buch ihre Abneigung gegenüber Parzivals unpassendem Verhalten
auf Munsalvæsche, auch seine Mutter Herzeloyde möchte den für sie fremden Teil in
ihm unterdrücken, weshalb sie nach der Geburt ihres Sohnes den Hof verlässt und
sich mit ihm in die Einöde Solltane begibt. Einerseits will sie ihm mit dieser
Maßnahme ,,das Schicksal des Vaters ersparen"13, das aufgrund einer Sehnsucht
nach aventiuren seinen Lauf genommen hat; andererseits schützt sie sich mit dieser
Präventivmaßnahme selbst vor einer möglichen Wiederholung ihres Leidens,
welches sie durch den Tod Gahmurets erfahren hat.14
9 Durch den Kyot-Exkurs im IX. Buch, in dem die Familienchroniken Mazadans und Titurels
zusammengefasst werden, erfährt der Rezipient zum ersten Mal, dass Herzeloyde die Schwester Anfortas′ ist und damit aus dem Gralsgeschlecht stammt. Parzival wird von diesen Verwandtschaftsverhältnissen daraufhin von Tevrizent berichtet. Vgl. Bumke 2004, S. 89.
10 Bumke 2001, S. 83.
11 Ebd.
12 ,,Überall ist Parzival ein Fremder, der wegen seiner Schönheit, seiner Kraft und seiner
Hochherzigkeit bestaunt wird, dem die höchsten Ehren des Rittertums zuteil werden und dem die Damen ihre Zuneigung bezeugen, der aber auch eine Ära der Distanz um sich verbreitet, die im Verlauf der Handlung immer größer wird." Bumke 2004, S. 155.
13 Stein 1993, S. 73.
14 Sie weicht zwar dem Fremden in ihm aus, gleichzeitig stel t Parzival schon kurz nach der Geburt
Ersatz für das ,Fremde′ ihren verstorbenen Ehemann dar: ,,si dûht, si hete Gahmureten / wider an ir arm erbeten." (V. 113,13 f.)
5
3. Parzivals Habitus im außerhöfischen Bereich: ,,an küneclîcher fuore
betrogn" Mit der Entscheidung, in die waste Solltane zu ziehen, bringt
Herzeloyde Parzival um seine höfische Identität. Er ,,[...] weiß weder um seine
küneclîche fuore (118,2), seine Vorrangstellung innerhalb der höfischen
Gesellschaft, noch weiß er um seine dynastische Abstammung."15 Parzival kennt
bis zur ersten Begegnung mit Sigune nicht einmal seinen eigenen Namen.16
Parzival erlebt seine Kindheit abseits des Hofes, was als Voraussetzung für
seine Wahrnehmungsschwierigkeiten angesehen werden kann, die er nach der
Rückkehr in die Gesellschaft hat. Er tritt sowohl am Artushof als auch auf der
Gralsburg als Fremder auf, der keine Kenntnis über Ritterschaft oder ein den
Konventionen angemessenes Auftreten besitzt. Allerdings ist die Funktion der
Beschreibung seiner Jugend weniger darin zu liefern, Gründe für sein zum Teil
unverständliches Verhalten in der Welt zu sehen, als eher seine Erwähltheit zu
betonen. Trotz fehlendem höfischen Umfeld und fehlendem Wissen über seine
Genealogie, Ritterschaft und Gott entwickelt er als Kind Verhaltensweisen, die
auf sein väterliches und mütterliches Erbe zurückzuführen sind. Er besitzt auch
abseits vom Hof, im Wald von Solltane, seine art.17
3.1 Parzival zwischen Sehnsucht und Not
Das in Parzival verankerte ritterliche Erbe seines Vaters und sein höfisches
Wesen deuten sich als erstes in seinem Jagdinstinkt an. Als Kind beweist er
Geschicklichkeit, als er Pfeil und Bogen schnitzt, um damit Vögel zu erschießen:
,,ez enmöht an eime site sîn: / bogen unde bölzelîn / die sneit er mit sîn
selbes hant" (V. 118,35). Die Kräftigkeit seines Körpers, die er später in al
en Kämpfen unter Beweis stellt, wird dadurch betont, dass er die mit einem
gabylôt erlegten Hirsche nach der Jagd im Ganzen nach Hause trägt: ,,swennerrschôz
daz swære, / des wære
15 Stein 1993, S. 73. Herzeloyde bringt Parzival um die ihm zustehenden
Länder Anschouwe, Waleis und Norgals. Der Erzähler wertet ihre Entscheidung ab:
V. 112,13 f.; V, 112,19; V. 117,28; V. 117,30; V. 118,2.
16 Seine Mutter nennt ihn nur ,,′bon fîz, scher fîz, bêâ fîz." (V. 113,4) Der
Rezipient kennt seinen Namen schon seit dem I. Buch (V. 39,26). Die Diskrepanz
zwischen dem, was der Rezipient weiß und dem, was die Figuren wissen, führt zu
Spannung.
17 Vgl. Stein 1993, S. 75 u. S. 80.
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