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Bewegungsmangel bei Kindern

Scholary Paper (Seminar), 2008, 24 Pages
Author: Thorsten Schütte
Subject: Sport - Sport Sociology

Details

Event: Sportpädagogik - Forschungsseminar
Institution/College: Saarland University (SWI Saarbrücken)
Tags: Bewegungsmangel, Kindern, Sportpädagogik, Forschungsseminar
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2008
Pages: 24
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 11  Entries
Language: German
Archive No.: V113856
ISBN (E-book): 978-3-640-15175-2

File size: 1339 KB

Abstract

Die Zeiten, da Kinder stundenlang draußen tobten, auf Bäume kletterten und ihre Kräfte beim Ringkampf erprobten, gehören längst der Vergangenheit an. Viele Experten machen sich aktuell Sorgen über den Bewegungsmangel bei Kindern. Sie bewegen sich in der heutigen Zeit zu wenig, werden immer adipöser und erkranken immer früher an den Folgen der Fettleibigkeit. Ebenso werden soziale Vereinsamung und kognitive Entwicklungsdefizite als Gefahren angesehen, denen dicke Kinder ausgesetzt sind (Kurz, 2003, S. 3). Durch das Interesse der Presse an diesem Thema und deren Verbreitung von Horror- Szenarien rückt es immer weiter in den Fokus der Öffentlichkeit. Bei privaten Sendern im Fernsehen gibt es bereits erfolgreiche Serien mit Titeln wie: „Liebling, wir bringen die Kinder um“. Der sehr wahrscheinliche Lebensweg von adipösen Kindern hin zum kranken und dicken Erwachsenen wird den Eltern aufgezeigt, wenn sich das Ess- und Bewegungsverhalten ihrer Kinder nicht ändert. Ebenso wird ein alternativer Lebensverlauf vorgestellt, den die Kinder dann einschlagen können, wenn sie ihre Ernährung umstellen und sich mehr bewegen. So klar solche Zusammenhänge zu sein scheinen, so lückenhaft und widersprüchlich sind Aussagen aus der Wissenschaft. Repräsentative bundesweite Bestandsaufnahmen zur Bewegungsaktivität und Fitness von Kindern und Jugendlichen fehlen bisweilen (Kurz, 2003, S.3). Auch ist das Thema des Bewegungsmangels bei Kindern und Jugendlichen kein neues in der wissenschaftlichen Diskussion. Lorinser beklagte bereits 1836 den katastrophalen Gesundheitszustand der Jugend. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die defizitäre schulische Erziehung und bestehende Zivilisationsprobleme. Schuld an der Situation seinen unter anderen Errungenschaften der Modernen Gesellschaft wie beispielsweise die Eisenbahn (Bös, 2003, S. 10). In dieser Seminararbeit wird sich mit dem in der öffentlichen Diskussion gern behandelten Thema des Bewegungsmangels bei Kindern und Jugendlichen kritisch auseinandergesetzt. So werden Texte von Bös, Kretschmer, Klaes und Lentze behandelt, welche sich mit der nationalen Befundlage zu dem Thema befassen, sowie ein Text von Wydra et al. zur sportlichen Aktivität Luxemburger Schüler.


Fulltext (computer-generated)

Thorsten Schütte

Bewegungsmangel bei Kindern

Seminararbeit im Rahmen des Seminars:

,,Forschungsseminar"

Sportwissenschaftliches Institut

der Universität des Saarlandes

Saarbrücken

WS 2007/2008


Inhaltsverzeichnis

1

EINLEITUNG 3

2

AUSDAUERNDES LAUFEN UND DIE ENTWICKLUNG DES HOMO 4

3

NATIONALE UNTERSUCHUNGEN ZUM BEWEGUNGSMANGEL VON KINDERN

UND JUGENDLICHEN 6

3.1

Motorische Leistungsfähigkeit von Kindern 7

3.2

Aktuelle Trends zum Bewegungsstatus von Kindern und Jugendlichen 10

3.3

Mangelt es Kindern an Bewegung? 11

3.4

Ernährung von Kindern in den letzten zwei Jahrzehnten 14

3.4.1

Einflussfaktoren für die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas

im Kindes- und Jugendalter 15

3.4.2

Die DONALD-Studie 16

3.5

Zusammenfassung zur nationalen Befundlage des Bewegungsmangels bei

Kindern und Jugendlichen 17

4

SPORTLICHE AKTIVITÄT, FITNESS UND WOHLBEFINDEN LUXEMBURGER

SCHÜLER 19

5

FAZIT 22

LITERATURVERZEICHNIS 23


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

3

1

Einleitung

Die Zeiten, da Kinder stundenlang draußen tobten, auf Bäume kletterten und ihre

Kräfte beim Ringkampf erprobten, gehören längst der Vergangenheit an. Viele Experten

machen sich aktuell Sorgen über den Bewegungsmangel bei Kindern. Sie bewegen sich

in der heutigen Zeit zu wenig, werden immer adipöser und erkranken immer früher an

den Folgen der Fettleibigkeit. Ebenso werden soziale Vereinsamung und kognitive

Entwicklungsdefizite als Gefahren angesehen, denen dicke Kinder ausgesetzt sind

(Kurz, 2003, S. 3).

Durch das Interesse der Presse an diesem Thema und deren Verbreitung von Horror-

Szenarien rückt es immer weiter in den Fokus der Öffentlichkeit. Bei privaten Sendern

im Fernsehen gibt es bereits erfolgreiche Serien mit Titeln wie: ,,Liebling, wir bringen

die Kinder um". Der sehr wahrscheinliche Lebensweg von adipösen Kindern hin zum

kranken und dicken Erwachsenen wird den Eltern aufgezeigt, wenn sich das Ess- und

Bewegungsverhalten ihrer Kinder nicht ändert. Ebenso wird ein alternativer Lebensver-

lauf vorgestellt, den die Kinder dann einschlagen können, wenn sie ihre Ernährung um-

stellen und sich mehr bewegen.

So klar solche Zusammenhänge zu sein scheinen, so lückenhaft und widersprüchlich

sind Aussagen aus der Wissenschaft. Repräsentative bundesweite Bestandsaufnahmen

zur Bewegungsaktivität und Fitness von Kindern und Jugendlichen fehlen bisweilen

(Kurz, 2003, S.3).

Auch ist das Thema des Bewegungsmangels bei Kindern und Jugendlichen kein neu-

es in der wissenschaftlichen Diskussion. Lorinser beklagte bereits 1836 den katastro-

phalen Gesundheitszustand der Jugend. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die

defizitäre schulische Erziehung und bestehende Zivilisationsprobleme. Schuld an der

Situation seinen unter anderen Errungenschaften der Modernen Gesellschaft wie bei-

spielsweise die Eisenbahn (Bös, 2003, S. 10).

In dieser Seminararbeit wird sich mit dem in der öffentlichen Diskussion gern be-

handelten Thema des Bewegungsmangels bei Kindern und Jugendlichen kritisch ausei-

nandergesetzt. So werden Texte von Bös, Kretschmer, Klaes und Lentze behandelt,

welche sich mit der nationalen Befundlage zu dem Thema befassen, sowie ein Text von


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

4

Wydra et al. zur sportlichen Aktivität luxemburger Schüler. Bevor das Thema dieser

Arbeit ,,Bewegungsmangel bei Kindern" vertiefend bearbeitet wird, soll aufgezeigt

werden, warum sich der Mensch so bewegt, wie er sich bewegt. Hierzu wird eine Studie

über die Entwicklung hin zur Spezies

Homo

betrachtet.

Abschließend soll geklärt werden ob Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendli-

chen eher Fakt oder Fiktion ist.

2

Ausdauerndes Laufen und die Entwicklung des Homo

Die Familie der Menschenaffen (Hominidae), zu denen unter anderen Gorillas,

Schimpansen und wir Menschen gehören, besitzt die Fähigkeit des beidbeinigen Schrei-

tens. Diese Fähigkeit ermöglicht es sowohl Gehen, als auch Laufen zu können, wobei

das Laufen eine eher unbedeutende Rolle in der Entwicklung der Menschenaffen ge-

spielt zu haben scheint. Beispielsweise sind Affen im Vergleich zu den meisten Vier-

beinern reine Sprinter. Es lassen sich jedoch gewisse anatomische und physiologische

Gegebenheiten feststellen, die darauf hinweisen, dass Menschen im Vergleich zu den

anderen Mitgliedern der Familie der Menschenaffen sehr gut lange und ausdauernd lau-

fen können. Fossile Funde lassen darauf schließen, dass das ausdauernde Laufen eine

von der Gattung

Homo

vor etwa zwei Millionen Jahren erlangte Fähigkeit ist. Außer-

dem wird davon ausgegangen, dass sie für die Entwicklung der menschlichen Körper-

form mitentscheidend war (Bramble & Lieberman, 2004, p. 345).

Viele Strukturen und Anpassungserscheinungen des

homo sapiens

weisen eindeutig

auf die Fähigkeit hin, lange und ausdauernd laufen zu können:


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

5

Abbildung 1: Anatomischer Vergleich von Mensch, Schimpanse, H. erectus und A. afarensis. a,

c, Vorder- und Rückansicht des Menschen; b, d, Vorder- und Rückansicht des Schimpansen; e,

Rekonstruktion des H. erectus; f, Rekonstruktion des A. afarensis (Bramble & Lieberman, 2004,

p. 349).

Vor allem die folgenden strukturellen und physiologischen Anpassungen unterschei-

den den

homo sapiens

von den restlichen Vertretern der Menschenaffen und ermögli-

chen ein ausdauerndes Laufen:

· Hypertrophierter gluteus maximus

· Langgezogene, schmale Taille + breiter vom Kopf abgekoppelter Schultergürtel

(essentielle Stabilisationsfunktion beim Laufen)

· Kurze Vorderarme

· Sehr gute Thermoregulation (Schwitzen, Haarlosigkeit und kuriales Abkühlsys-

tem)

· Mundatmung unter Belastung (aber kein Hecheln)

· Stark ausgeprägtes Federsystem in Bein und Fuß

Nach der Feststellung der Veränderungen, die den

homo sapiens

zu einem ausdau-

ernden Läufer machen, stellen die Autoren Hypothesen auf, warum er sich in dieser


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

6

Form entwickelt hat. Welche Vorteile brachte es mit sich, lange und ausdauernd laufen

zu können?

Die Fähigkeit des langen und ausdauernden Laufens könnte dazu gedient haben nahe

genug an Beute zu gelangen, um sie mit einem Stein oder anderen Wurfgeschossen zu

erlegen. Auch die Möglichkeit der Verfolgung anderer Säuger bis zu deren Erschöpfung

und Erlegung wird angenommen. Eine weitere Vermutung legt nahe, dass der

homo

sapiens

als Aasfresser darauf angewiesen war, längere Strecken zum Auffinden von

Kadavern zurückzulegen. Vielleicht hat er auch andere Jäger begleitet und verfolgt, um

von deren Beute einen Teil zu erlangen. Wie auch immer er zu seiner Nahrung kam, die

Fähigkeit des ausdauernden Laufens ermöglichte ihm eine reichhaltige Ernährung mit

ausreichend Proteinen und Fetten. Nur dadurch entwickelte sich die einzigartige Kom-

bination von langem Körper, kleinen Eingeweiden, großem Gehirn und kleinen Zähnen

(Bramble & Lieberman, 2004, pp. 350 ­ 351).

In Anbetracht der Wichtigkeit des ausdauernden Laufens für die Evolution des

homo

sapiens

, spielt diese Fähigkeit in der heutigen Zeit keine zentrale Rolle mehr im Leben

der Menschen. Wie wichtig diese Fähigkeit und deren Erhalt trotzdem zu sein scheint,

sieht man an der heutigen Debatte zum Bewegungsmangel, der vor allem Kinder und

Jugendliche betrifft. Die kontroverse Diskussion um Bewegungsmangel bei dieser Al-

tersgruppe wird in den folgenden Abschnitten behandelt.

3

Nationale Untersuchungen zum Bewegungsmangel von Kindern und

Jugendlichen

Zur nationalen Befundlage zu dem Thema des Bewegungsmangels bei Kindern und

Jugendlichen gibt es sehr viele Untersuchungen. Nicht zuletzt deswegen setzt sich eine

freiwillige Vereinigung von Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Sport, Kirche, Kultur,

Politik, Gewerkschaften und Wirtschaft namens Club of Cologne mit diesem Thema

auseinander. Wichtige Untersuchungen und Ergebnisse zum Bewegungsmangel werden

im Folgenden betrachtet (Kurz, 2003, S. 3).


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

7

3.1

Motorische Leistungsfähigkeit von Kindern

Klaus Bös arbeitet in seinem Beitrag zur aktuellen Situation heraus, was wir tatsäch-

lich zur Befundlage des Bewegungsmangels bei Kindern wissen, und was wir daraus

schlussfolgernd tun sollten.

Betrachtet man die heutige Alltagswelt so scheint es, dass die Bewegung in zuneh-

mendem Maße aus unserem Leben verschwindet. Sowohl in der Erwachsenenwelt, als

auch bereits in der Kinderwelt findet man wenige Trainingsreize für die motorischen

Fähigkeiten. Um die Ausmaße des Bewegungsmangels vor allem bei Kindern zu ver-

deutlichen gibt es eine Vielzahl von Studien und Untersuchungen. Wie Bös jedoch kri-

tisch aufzeigt und anmerkt gibt es eine enorme Normwertproblematik. Jeder Forscher

bzw. jedes Forscherteam untersucht ihre Stichprobe mit unterschiedlichen Tests und

unter verschiedenen Bedingungen. Daher verwundert es nicht, dass die Ergebnisse der

Untersuchungen so unterschiedlich ausfallen und nur schwer bzw. gar nicht miteinander

vergleichbar sind

Autor

Jahr

N

Alter

Methode

Kommentar

Gaschler

1986

171

6-7

KTK, BML, SMT

31% auffällige Koordination

Heinecke

1992

328

6-8

BML

50%/34% Stadt/Land sind förde-

ringsbed.

Gaschler

1998

106

4-7

MOT 4-6

32% gut - sehr gut, 8% unter-

durchschnittl., 60% durchschnittl.

Kretschmer

2001

1672

7-10

AST

Vergleich mit Normen von Bös und

& Giewald

Wohlmann 1987: 50% schlechter,

50% gleich/besser

AST: Allgemeiner sportmotorischer Test von Bös & Wohlmann

BML: Bestimmung der motor. Leistungsfähigkeit von H. J. Dordel

KTK: Körperkoordinationstest für Kinder von Kiphard & Schilling

MOT 4-6: Motoriktest von Zimmer & Volkamer

SMT: sportmotorische Einzeltests

Abbildung 2: Untersuchungen zur motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen

(vgl. Bös, 2003, S. 12).


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

8

Die Problematik der Vergleichbarkeit, wie man in Abbildung 2 ersehen kann, macht

Bös (2003, S. 15) an folgenden Schwierigkeiten fest:

· Es gibt so gut wie keine repräsentativen Untersuchungen, d.h. alle zum Ver-

gleich herangezogenen Untersuchungen sind mit einem nicht genau beschriebe-

nen Stichprobenfehler behaftet.

· In den Tests werden unterschiedliche Tests (oder unterschiedliche Durchfüh-

rungsvarianten) verwandt, damit ist die Untersuchungsmethodik nicht exakt i-

dentisch und erschwert vergleiche.

· Die Testsituationen sind länderspezifisch und von der Kompetenz der Ver-

suchsleiter sowie der Motivation der Versuchspersonen abhängig.

· Ein spezielles Problem ist, dass es vor allem keine vergleichbaren Koordinati-

onstests gibt.

Um dennoch einen relativ präzisen Vergleich zu ermöglichen wurden Testaufgaben

bzw. Motorikbereiche ausgewählt, zu denen umfassende Datensätze vorliegen. Letzt-

endlich wurden sechs Testaufgaben betrachtet:

1. 20m-Lauf (Aktionsschnelligkeit)

2. Dauerläufe (6 Minuten/1000 m) (aerobe Ausdauer)

3. Dauerläufe 12 Minuten (aerobe Ausdauer)

4. Situps (30 sec) (Kraftausdauer)

5. Rumpfbeugen (Beweglichkeit)

6. Standweitsprung (Schnellkraft)

Es wurde über den Zeitraum von 1965 bis 2002 recherchiert. Letztendlich beschränk-

te man sich von mehreren Hundert Untersuchungen auf lediglich 54 von 48 Autoren aus

20 Ländern. Daten von mehreren hunderttausend Testpersonen im Alter zwischen 6 und

17 Jahren, beiderlei Geschlechts, wurden berücksichtigt (Bös, 2003, S. 16).


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

9

Abbildung 3: Mittelwerte für die 6 Testaufgaben in den Jahren 1975 und 2000 (Bös, 2003, S. 17

­ 19).

Die Ergebnisse zeigen, dass zwischen 1975 und 2000 die motorische Leistungsfähig-

keit der Kinder und Jugendlichen um 10 % abgenommen hat. Bei den Ausdauerläufen

und der Beweglichkeit sind die Unterschiede am größten. Auch beim 20m Lauf gibt es

einen Leistungsabfall, dafür bei den Situps einen minimalen Leistungsanstieg (Bös,

2003, S. 19).

Aus den gemachten Feststellungen und Ergebnissen seiner Untersuchung stellt Bös

(2003, S. 20 ­ 21) drei Forderungen als Zusammenfassung und Aufgaben für die Zu-

kunft. Die erste Forderung an die Sportwissenschaft ist die Entwicklung von bundes-

weit normierten Tests. Sowohl Objektivität, Reliabilität und Validität, als auch eine


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

10

hohe Ökonomie wird von den Testaufgaben gefordert. Die zweite Forderung bezieht

sich auf eine regelmäßige Berichterstattung. Wie im Gesundheitsbereich brauch auch

der Bereich der motorischen Leistungsfähigkeit eine solide empirische Basis, damit

gezielt Interventionsmaßnahmen eingeleitet werden können. Eine dritte Forderung ist

die genauere Unersuchung der Transferwirkung von der Motorik auf andere Persönlich-

keitsbereiche. Nur die Unterstellung positiver Effekte sportlicher Aktivität reicht Bös

nicht aus.

Durch die Feststellung eines Rückgangs der motorischen Leistungsfähigkeit von

Kindern und Jugendlichen wird ein Argument für deren Bewegungsmangel geliefert.

3.2

Aktuelle Trends zum Bewegungsstatus von Kindern und Jugendlichen

Im Jahr 2000 starten AOK, DSB und WIAD die Initiative ,,Fit sein macht Schule".

Es handelt sich hierbei unter anderem um einen Bewegungs-Check-Up, der in Schulen

durchgeführt wird. Sportlehrer erhalten auf Anfrage eine Materialmappe sowie Basisin-

formationen und eine Handreichung, worin der Münchner Fitnesstest (MFT) mit Test-

aufbau und -durchführung enthalten ist. Zwei Zielsetzungen haben die Initiatoren vor-

gegeben. Die Ergebnisse sollen den Schülern und Lehrern gezielte Interventionsmög-

lichkeiten aufzeigen und es soll eine Grundlage zur Analyse von Entwicklungstrends in

der sportmotorischen Leistungsfähigkeit im Kindes- und Jugendalter geschaffen werden

(Klaes, 2003, S. 25).

Der MFT setzt sich aus 6 Testaufgaben zusammen:

1. Ballprellen (Koordination)

2. Zielwerfen (Koordination)

3. Rumpf-/Hüftbeugen (Flexibilität)

4. Standhochspringen (Kraft)

5. Halten im Hang (Kraft)

6. Stufensteigen (Ausdauer)

Die Werte eines Schülers können mit dem Durchschnitt der Klasse und den Stan-

dardwerten des MFT verglichen werden:


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

11

Abbildung 4: Beispiel für ein individuelles Leistungsprofil (Klaes, 2003, S. 26).

Wie die Auswertung der Daten von 2000 und 2001 zeigt, gibt es bei den 9- bis 16-

jährigen Jungen und Mädchen einen Rückgang der motorischen Leistungsfähigkeit. Mit

Ausnahme der 16-jährigen Jungen sind diese Rückgänge bei allen anderen Gruppen als

signifikant einzuordnen. Der Autor schätzt diesen Sachverhalt als besorgniserregend ein

(Klaes, 2003, S. 28).

Bezüglich der vorliegenden Ergebnisse gilt es jedoch Kritik zu üben. Burrman et al.

(2007, S.320) stellen fest, dass das Stufensteigen zumindest in der im MFT verwende-

ten Form nicht als valide und aussagekräftig angesehen werden darf. Da der Stufenstei-

gen-Test in das Gesamtergebnis einfließt, sind die Ergebnisse vieler Schüler auf Grund

von Messfehlern zumindest verzerrt. Die Aussage, dass die Fitness vieler Kinder und

Jugendlicher besorgniserregend ist, steht also auf ,,wackligen Füßen". Das Autorenteam

fordert daher vor der Durchführung von groß angelegten Studien eine kritische Betrach-

tung des eingesetzten Testverfahrens.

Ob ein Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen vorliegt kann nicht eindeu-

tig belegt werden. Zwar zeigt die Untersuchung einen eindeutigen Bewegungsmangel

auf, die Kritik bezüglich des verwendeten Testverfahrens relativiert diesen jedoch.

3.3

Mangelt es Kindern an Bewegung?

Der Autor Jürgen Kretschmer setzt sich sehr kritisch mit dem Thema Bewegungs-

mangel bei Kindern auseinander. ,,Bewegungsmangel ist ein Mythos. Schon seit Hun-

derten von Jahren wird mit Bewegungsmangel argumentiert, wenn es darum geht, die


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

12

Notwendigkeit von Leibesübungen und Sportunterricht zu stützen" (Kretschmer, 2003,

S.33).

Auch sei die Argumentationsfigur in den letzten 200 Jahren fast dieselbe. Schon da-

mals verunglückten offensichtlich Tausende von Menschen ,,jährlich durch Fallen auf

ebenem Boden, Treppen, schmalen Stegen usw.: [...] weil sie zu plump, unbehilflich

und schwindlig sind; weil sie sich weder durch Kraft, noch Schnelligkeit und Geschick-

lichkeit zu helfen wissen" (Kretschmer, 2003, S.34 zitiert nach Gutsmuths, 1893, S.31).

In Anbetracht des inflationären Gebrauchs des Begriffs Bewegungsmangel ist die

Beweisführung dafür als lückenhaft zu bezeichnen. Viele Autoren kommen unter Ver-

wendung unterschiedlicher Testverfahren zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

Kretschmer erfasste die motorische Leistungsfähigkeit von Grundschülern in Ham-

burg (MoLeH), indem er 1999 in 76 zweiten und vierten Klassen, und 2002 erneut in 37

vierten Klassen Tests durchführte. Als Testverfahren wählte er den AST 6-11 und eine

zusätzliche Beweglichkeitsaufgabe. Insgesamt wurden 2444 Schüler zwischen 7 und 10

Jahren getestet, wobei 493 Schüler sowohl 1999 in der zweiten, als auch 2002 in der

vierten Klasse getestet wurden (Kretschmer, 2003, S. 40).

Tabelle 1: Testergebnisse zur motorischen Leistungsfähigkeit von Grundschülern in Hamburg

(Krteschmer, 2003, S.40).

AST

1986-1999

1986-2002

1999-2002

2001-2002

gesamt

Mittelwertvergleiche gesamt

24

24

24

28

100

bessere Leistungen

18

21

23

22

84

schlechtere Leistungen

6

3

1

6

16

signifikante bessere Leistun-

2

15

12

14

43

gen

signifikante schlechtere Leis-

3

1

0

3

7

tungen

Die Ergebnisse zeigen, dass es 1999 im Vergleich zu den Normwerten von 1986

mehr bessere als schlechtere Leistungen gab. Signifikant sind allerdings nur zwei besser

und drei schlechter. Vergleicht man die Normwerte mit denen von 2002, so ist das Ver-


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

13

hältnis von besseren zu schlechteren Leistungen 21 zu 3. Signifikant verbessern sie sich

sogar 15-mal bei nur einer Verschlechterung. Im hamburginternen Vergleich von 1999

und 2002 liegen die signifikanten Verbesserungen zu den Verschlechterungen bei 12 zu

0. Die vorletzte Spalte betrachtet den Zeitraum von 2001 bis 2002. 2001 wurden die

Normwerte neu geeicht. 2002 verschlechtern sich die Leistungen im Vergleich zu den

neuen Normwerten 6-mal, davon 3-mal signifikant. Dem entgegen stehen allerdings 22

Verbesserungen, von denen sogar 14 signifikant sind (Kretschmer, 2003, S. 40 ­ 41).

Die Leistungsentwicklung vom zweiten zum vierten Schuljahr kann man anhand der

493 doppelt getesteten Schüler zeigen.

Abbildung 5: Leistungsentwicklung vom zweiten zum vierten Schuljahr (Kretschmer, 2003, S.

42).

Die Ergebnisse, die vom Alterseffekt bereits gereinigt sind, zeigen, dass sich die

Schüler in 5 der 6 Testaufgaben in ihrer motorischen Leistungsfähigkeit verbessern.

Als Fazit hält Kretschmer (2003, S. 43 ­ 46) fest, das die von seinen Unersuchungen

erhaltenen Ergebnisse nur für Hamburg gültig sind. Dass ein einheitlicher Trend bun-

desweit zur Verschlechterung der motorischen Leistungsfähigkeit festgestellt werden

kann, muss verneint werden. Pauschale Aussagen bezüglich des Bewegungsmangels bei

Kindern und Jugendlichen sollten daher kritisch betrachtet werden. Die Ergebnisse die-

ser Studie zeigen sogar eine Verbesserung der motorischen Leistungsfähigkeit von Kin-

dern und Jugendlichen in Hamburg.


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

14

Im Gegensatz zu den in Abschnitt 3.1 gezogenen Schlussfolgerungen wird gezeigt,

dass auch Verbesserungen der motorischen Leistungsfähigkeit bei Kindern und Jugend-

lichen feststellbar sind. Bezüglich der Fragestellung, ob Bewegungsmangel bei Kindern

und Jugendlichen Fakt oder Fiktion ist, zeigt die Untersuchung von Kretschmer (2003)

eine Tendenz in Richtung Fiktion auf.

3.4

Ernährung von Kindern in den letzten zwei Jahrzehnten

Michael Lentze (2003, S. 49) stellte sich bei seiner Unersuchung die Frage, ob auch

in Deutschland die Annahme zutrifft, dass die Zunahme von Übergewicht und Adiposi-

tas bei Kindern weniger durch das Ernährungsverhalten als durch das Bewegungsver-

halten bedingt ist.

Da die Einschränkungen für Kinder mit Übergewicht sehr vielfältig sind, ist es wich-

tig zu wissen, an welcher Stelle man mit Interventionen ansetzen sollte.

Abbildung 6: Folgen von Adipositas im Kindes- und Jugendalter (Lentze, 2003, S. 50).


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

15

3.4.1 Einflussfaktoren für die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas im

Kindes- und Jugendalter

Im Rahmen des Baden-Württemberger Kinder- und Gesundheitsbericht wurden die

Einflussfaktoren Schultyp, sportliche Betätigung und Fernsehkonsum für die Entwick-

lung von Übergewicht im Kindes- und Jugendalter analysiert (Lentze, 2003, S. 50 ­

52).

Abbildung 7: Einflussfaktoren Schultyp, sportliche Betätigung und Fernsehkonsum (Lentze,

2003, S. 50 ­ 51).

Es lässt sich feststellen, dass der Kinder, die das Gymnasium besuchen weniger ü-

bergewichtig und adipös sind, als diejenigen, die eine Hauptschule besuchen. Weiter

wird deutlich, dass die sportliche Betätigung von Kindern und Jugendlichen Einfluss

auf die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas hat. Egal ob durch Freizeit- oder

Vereinssport, die sportliche Betätigung verringert die Wahrscheinlichkeit für das Auf-

treten von Übergewicht und Adipositas. Der Fernsehkonsum, der mit bewegungsarmer

freier Zeit gleichzusetzen ist, hat negative Auswirkungen auf das Gewicht von Heran-

wachsenden (Lentze, 2003, S. 51 ­ 52).


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

16

3.4.2 Die DONALD-Studie

Die DONALD-Studie (Dortmund-Nutritional and Anthropometic Longitudinally De-

signed Study) wurde vom Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung durchge-

führt. Die Erforschung des Ernährungsverhaltens von Säuglingen, Kindern und Jugend-

lichen in den letzten 20 Jahren war Gegenstand der Längsschnittstudie. Aspekte der

Ernährung, des Stoffwechsels, des Wachstums und der Entwicklung wurden analysiert.

Während der Studie wurden die teilnehmenden Kinder ein- bis zweimal jährlich kinder-

ärztlich untersucht. Außerdem wurden Kinder und Eltern über das Ernährungsverhalten

befragt, und ein Wegeprotokoll über die Ernährung sollte geführt werden Lentze, 2003,

S. 52).

Abbildung 8: Trends in der Fettzufuhr, Kohlenhydratzufuhr und in der Energiedichte von Kin-

dern und Jugendlichen (Lentze, 2003, S. 54 ­ 55).

Wie in Abbildung 8 zu sehen hat die Fettzufuhr von Kindern und Jugendlichen in

Deutschland seit 1985 stetig abgenommen. Beim Verzehr von Kohlenhydraten zeigt

sich ein entgegen gesetztes Bild, hier hat der Verzehr kontinuierlich zugenommen. Die

Heranwachsenden in Deutschland haben also seit 1985 immer weniger Fleisch, Fisch,


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

17

Eier und Milchprodukte, dafür aber mehr Brot und Cerealien verzehrt. Dieser Trend

wird auch durch die Abnahme der Energiedichte der Ernährung von Kindern und Ju-

gendlichen deutlich (Lentze, 2003, S. 54 ­ 55).

Um Aufschluss darüber zu bekommen, warum die Kinder und Jugendlichen immer

dicker werden führt Lentze (2003, S.55 ­ 56) weiter die Gesamtenergiebilanz auf. Sie

ist der Quotient aus Energiezufuhr einerseits und dem Energieverbrauch andererseits.

Ist das Verhältnis ausgeglichen besitzt der Quotient einen Wert von 1,0. Der Wert der

untersuchten Kinder lag allerdings deutlich über 1,0. Obwohl die Energiedichte abge-

nommen hat, was die Parameter Energiezufuhr und Energieverbrauch in Richtung einer

ausgeglichenen Bilanz beeinflusst, ist die Gesamtenergiebilanz der Kinder und Jugend-

lichen positiv. Betrachtet man diese Tatsache auf dem Hintergrund, dass die Kinder

immer dicker werden, so muss der mangelnde Energieverbrauch dafür verantwortlich

sein. Letztendlich ist also die mangelnde körperliche Aktivität Schuld an der Zunahme

der übergewichtigen und adipösen Kinder und Jugendlichen.

Insgesamt kann man auf der Grundlage der vorliegenden Daten zu dem Schluss

kommen, dass die Rolle der Ernährung weniger wichtig ist, als von vielen Seiten her

angenommen. Die Daten legen nahe, dass der Anstieg von Übergewicht und Adipositas

überwiegend durch das Bewegungsverhalten, also durch Bewegungsmangel, und weni-

ger durch das Ernährungsverhalten bedingt ist (Lentze, 2003, S.56).

Durch die Analyse von Einflussfaktoren wie Schultyp, sportliche Betätigung und

Fernsehkonsum, sowie dem Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen kann

eine Aussage bezüglich des Bewegungsmangels gemacht werden, die nicht auf Ergeb-

nissen von sportmotorischen Tests beruht. Hier zeigt sich eindeutig die Tendenz in die

Richtung, dass ein Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen vorliegt und somit

Fakt ist.

3.5

Zusammenfassung zur nationalen Befundlage des Bewegungsmangels bei

Kindern und Jugendlichen

Egal wie groß die Forschungslücken derzeit auch sind, man darf nicht abwarten, bis

die Folgen des Bewegungsmangels bei einer ganzen Generation von Kindern eindeutig


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

18

nachgewiesen sind. Bewegungsmangel erhöht das Risiko vieler Erkrankungen des Herz-

Kreislauf-Systems und des aktiven und passiven Bewegungsapparats. Übergewicht und

Adipositas im Kindesalter setzen sich mit großer Wahrscheinlichkeit im späteren Leben

fort und führen nicht selten zum metabolischen Syndrom. Dieses Syndrom wird auch

als das tödliche Quartett bezeichnet, bei dem Adipositas, Diabetes mellitus, Fettstoff-

wechselstörungen und Bluthochdruck gemeinsam in Erscheinung treten. Gerade das

Kindesalter bietet optimale Voraussetzungen die Bewegungskoordination zu entwickeln

und Bewegungsfertigkeiten zu erlernen. In Anbetracht des gegenwärtig verfügbaren

Wissens fordert der Club of Cologne (2003, S.6 - 7):

· Kinder auf alle mögliche Weise für ein bewegungsaktives und sportliches Le-

ben zu gewinnen.

· Eltern sollten möglichst früh über das Thema und ihre Verantwortung aufge-

klärt, und aktiv einbezogen werden.

· Kinderärzte und den öffentlichen Gesundheitsdienst noch mehr als Anwälte ei-

ner bewegungsreichen Kindheit zu gewinnen.

· Bei der Stadtplanung Bewegungsräume schaffen, die bereits kleine Kinder

selbstständig erreichen können.

· Kindergärten und Schulen, vor allem den Schulsport, als Umwelten für beweg-

tes Leben und Lernen zu entwickeln.

· Sportvereine dabei zu unterstützen, kindgerechte und vielseitige Angebote aus

zubauen, die für alle Kinder einladend und förderlich sind.

· Bewegung der Kinder in der Schul- und Sportpolitik sowie in der Gesundheits-

und Verbraucherpolitik angemessen zu berücksichtigen.

· Die Entwicklung eines standardisierten Inventars für den Bewegungsstatus der

Kinder und der Aufbau einer regelmäßigen wissenschaftlichen Berichterstat-

tung.


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

19

4

Sportliche Aktivität, Fitness und Wohlbefinden luxemburger Schüler

In Anbetracht der im Obigen beschriebenen Erkenntnisse des Club of Cologne und

der Untersuchungsergebnissen von Dordel (2000, S. 348), dass Kinder heute weniger

Bewegung als früher haben und dieser ewegungsmangel Auswirkungen auf die kör-

perliche Leistungsfähigkeit hat, untersuchen Wydra et al. die Situation in Luxemburg.

Von drei Sekundarschulen wurden aus mehreren Klassen der Stufen sieben bis zehn

insgesamt 385 Schüler mit dem IPPTP 9-17 (von Bös und Mechling) getestet. Dieser

sportmotorische Test besteht aus sechs Einzeltest, die die körperliche Leistungsfähig-

keit in den Bereichen Kraftausdauer, Maximalkraft, aerobe Ausdauer und Schnelligkeit

im Stationsbetrieb misst (Wydra et al., 2005, S. 111 ­ 112):

· 20-m-Sprint

· Liegestütz in 30 Sekunden

· Sit-Ups 30 Sekunden

· Medizinballwurf

· Standweitsprung

· 6-Minuten-Lauf

Neben dem sportmotorischen Test wurde auch die sportliche Aktivität mit dem von

Winchenbach und Wydra (2002) entwickelten Fragebogen zur sportlichen Aktivität er-

fasst, so wie das Wohlbefinden mit dem Fragebogen zum allgemeinen aktuellen Wohl-

befinden von Wydra (2004) festgestellt.

Die Hypothesen lauteten:

· Die körperliche Leistungsfähigkeit der untersuchten luxemburger Schüler un-

terscheidet sich nicht gegenüber den Normwerten des IPPTP 9-17 von 1985.

· Die sportliche Aktivität hat einen signifikanten Einfluss auf die Ausprägung

der Fitness.

· Die Ausprägung der Fitness hat einen signifikanten Einfluss auf die Ausprä-

gung des allgemeinen habituellen Wohlbefindens.


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

20

Abbildung 9: Gesamttestwerte des IPPTP 9-17 (Z-Werte) im Vergleich zum Normwert (Z=100)

(Wydra et al., 2005, S. 114).

Wie die Abbildung zeigt ist die körperliche Leistungsfähigkeit der untersuchten lu-

xemburger Schüler im Vergleich zu den Normwerten aus dem Jahr 1985 teilweise hoch-

signifikant schlechter. Die erste Hypothese ist hiermit widerlegt.

Abbildung 10: Häufigkeit des Sporttreibens inner- und außerhalb eines Sportvereins (Ein-

heit/Woche) und Gesamttestbeurteilung (Wydra et al., 2005, S. 114).

Abbildung 11: Fitnesslevel in Abhängigkeit von einer Mitgliedschaft in einem Sportverein

(Wydra et al., 2005, S. 114).


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

21

Die zweite Hypothese wird durch die Testergebnisse nur bedingt bestätigt. Wie in

Abbildung 10 zu sehen ist, hat die Zahl der Sportstunden pro Woche keinen Einfluss

auf die sportliche Leistungsfähigkeit. Die Sportvereinsmitgliedschaft hat jedoch einen

hoch signifikanten Einfluss auf die körperliche Fitness.

Abbildung 12: Zusammenhang zwischen Fitnesslevel und dem Summenwert des Fragebogens zum

allgemeinen habituellen Wohlbefinden (Wydra et al., 2005, S. 114).

Wie in der dritten Hypothese angenommen hat die Ausprägung der Fitness einen

hoch signifikanten Einfluss auf die Ausprägung des allgemeinen habituellen Wohlbe-

findens.

Als Schlussfolgerung halten Wydra et al. (2005, S. 116) fest, dass auch die luxem-

burger Schüler unter dem Bewegungsmangel leiden, dessen Folgen sich in einer hoch

signifikant schlechteren Leistungsfähigkeit widerspiegeln. Wegen der engen Verknüp-

fung der konditionellen mit den organismischen Parametern sind Fitnesswerte nicht nur

für den Sport von Interesse, sondern dienen auch als Indikatoren für die Gesundheit.

Ein internationaler Rückgang der Fitnesswerte kann nicht nur für die Sportwissen-

schaftler, sondern insbesondere auch für die Gesundheitspolitiker als Frühwarnzeichen

für eine sich verschlechternde gesundheitliche Situation wahrgenommen werden.

Neben den kontroversen nationalen Forschungsergebnissen zum Bewegungsmangel

von Kindern und Jugendlichen wird mit der Analyse von luxemburger Schülern ein

weiteres Indiz für einen vorhandenen Rückgang der motorischen Leistungsfähigkeit

geliefert. Es kann also von einem international vorhandenen Bewegungsmangel bei

Kindern und Jugendlichen gesprochen werden.


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

22

5

Fazit

Wie der einleitende Text zum ausdauernden Laufen und der Entwicklung zum

Homo

erläutert, hat sich der heutige Mensch erst durch die Fähigkeit des langen und ausdau-

ernden Laufens zu dem Lebewesen entwickelt, das er heute ist. Sich viel und lange zu

bewegen scheint also in den Genen des Menschen manifestiert zu sein.

Die heutige Lebens- und Arbeitswelt kann in diesem Zusammenhang als besonders

bewegungsarm bezeichnet werden. Sehr viel Arbeit wird im Sitzen vollzogen und Wege

werden mit dem Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt. Aus diesem Um-

feld entwickeln sich für die Welt in der Kinder und Jugendliche heranwachsen enorme

Engpässe, die einem gesunden Bewegungsverhalten entgegenstehen. Allseits verbreitet

ist die Sorge um die Jugend, die sich im Vergleich zu früheren Jahren nur unzureichend

bewegt. Beweise dafür versuchen viele Forscher durch unzählige Testverfahren zu fin-

den. Leider stellen sich die verwendeten Testverfahren häufig als zu ungenau und we-

nig aussagekräftig heraus.

Wie Thiele (1999, S. 142) beschreibt wird von einer auffälligen Motorik, Koordina-

tionsstörungen, körperlichen Leistungsschwächen, Haltungsschäden, Übergewicht usw.

gesprochen und dabei entsprechende Prozentzahlen aus unterschiedlichsten Untersu-

chungen kommentarlos aneinandergereiht und unkritisch verglichen.

Vor allem der Club of Cologne, aber auch viele andere Autoren setzten bzw. setzen

sich mit diesem Problem auseinander. Obwohl die Sachlage schwierig ist bleibt es zu

hoffen, dass den Forderungen des Club of Cologne Rechnung getragen wird. Viele soll-

ten das Thema des Bewegungsmangels bei Kindern nicht nur anprangern, sondern aktiv

etwas dagegen unternehmen.

Insgesamt zeigt sich in der vorliegenden Arbeit, dass die Forschungsergebnisse zwar

häufig sehr vorsichtig zu interpretieren sind, insgesamt die Tendenz aber eindeutig in

Richtung eines vorliegenden Bewegungsmangels geht. So ist dieser zumindest bei Kin-

dern und Jugendlichen eher Fakt als Fiktion.


Thorsten Schütte: Bewegungsmangel bei Kindern

23

Literaturverzeichnis

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Bewegungsmangel bei Kindern:

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Fakt oder Fiktion?

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Aktivität, Fitness und Wohlbefinden luxemburger Schülerinnen und Schüler.

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