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Béla Bartók und Arthur Honegger als Futuristen?

Subtitle: Das 'Allegro barbaro' und 'Pacific 231'

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 21 Pages
Author: Cornelia Richter
Subject: Musicology

Details

Event: Kunst und Musik des Futurismus
Institution/College: Martin Luther University (Institut für Musikwissenschaft)
Tags: Béla, Bartók, Arthur, Honegger, Futuristen, Kunst, Musik, Futurismus
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 21
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 19  Entries
Language: German
Archive No.: V113859
ISBN (E-book): 978-3-640-16518-6

File size: 976 KB

Abstract

Der musikalische Futurismus wollte vieles erreichen. Im Sinne der Bewegung im Allgemeinen wollte oder sollte man komplett mit der Tradition brechen, ja auf radikalste Weise alles bisher Dagewesene erneuern; somit sollte eine „revolutionär neue Ästhetik“ entstehen, deren „Mittelpunkt […] die Verherrlichung der modernen Industrie- und Maschinenwelt“ sein sollte. Die Strategien zur Erreichung dieses neuen ästhetischen Ideals beinhalteten die Liebe zur Gefahr, Kühnheit, Beweglichkeit, Dynamik und Geschwindigkeit. In der Musik im Speziellen waren die theoretischen Maxime etwa bezogen auf eine Forderung nach Enharmonik und auf eine Einführung des „ritmo libero“ nach dem Beispiel des „verso libero“ in der Poesie. Der italienische Komponist und Futurist Fr. Balilla Pratella forderte eine „Erweiterung der tonalen Basis in Richtung auf Polytonalität und Polymodalität.“ Im Frühjahr 1913 wurde das Manifest „L’arte dei rumori“ von Luigi Russolo öffentlich; er strebte eine Ersetzung der traditionellen Orchesterklänge durch Geräusche an, und brachte so ein völlig neues Konzept von Klang zur Diskussion. Es waren Ideen wie diese, die den gesellschaftlichen Kunstbegriff umformen und endlich die starren Formen und Klänge der alten Welt vergessen machen sollten. In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, inwiefern Bartóks Allegro barbaro und Honeggers Pacific 231 diesen Bruch mit der Tradition erreichen konnten oder wollten, und welche Einstellung die Komponisten zum Futurismus hegten...


Excerpt (computer-generated)

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Institut für Musikwissenschaft

Hauptseminar: Kunst und Musik des Futurismus

Sommersemester 2006

Hausarbeit
Béla Bartók und Arthur Honegger als Futuristen?
Das Allegro barbaro und Pacific 231

Cornelia Richter


Inhaltsangabe

1. EINLEITUNG 2
2. BELA BARTOK (1881-1945): ALLEGRO BARBARO 4
2.1 Entstehung des Werkes und Einordnung in Bartóks Schaffen 4
2.2 Aufbau und musikalische Konzeption 6
2.3 Einordnung in den Futurismus 10
3. ARTHUR HONEGGER (1892-1955) : PACIFIC 231 11
3.1 Zur Entstehungsgeschichte und Intention 11
3.2 Aufbau und musikalische Konzeption 13
3.3 Einordnung in den Futurismus 14
4. SCHLUSSBETRACHTUNG 16
QUELLENANGABE 18

1

 


1. Einleitung

Der musikalische Futurismus wollte vieles erreichen. Im Sinne der Bewegung im Allgemeinen wollte oder sollte man komplett mit der Tradition brechen, ja auf radikalste Weise alles bisher Dagewesene erneuern; somit sollte eine ,,revolutionär neue Ästhetik" entstehen, deren ,,Mittelpunkt [...] die Verherrlichung der modernen Industrie- und Maschinenwelt" sein sollte.1 Die Strategien zur Erreichung dieses neuen ästhetischen Ideals beinhalteten die Liebe zur Gefahr, Kühnheit, Beweglichkeit, Dynamik und Geschwindigkeit.

In der Musik im Speziellen waren die theoretischen Maxime etwa bezogen auf eine Forderung nach Enharmonik und auf eine Einführung des ,,ritmo libero" nach dem Beispiel des ,,verso libero" in der Poesie. Der italienische Komponist und Futurist Fr. Balilla Pratella forderte eine ,,Erweiterung der tonalen Basis in Richtung auf Polytonalität und Polymodalität." 2 Im Frühjahr 1913 wurde das Manifest ,,L′arte dei rumori" von Luigi Russolo öffentlich; er strebte eine Ersetzung der traditionellen Orchesterklänge durch Geräusche an, und brachte so ein völlig neues Konzept von Klang zur Diskussion.

Es waren Ideen wie diese, die den gesellschaftlichen Kunstbegriff umformen und endlich die starren Formen und Klänge der alten Welt vergessen machen sollten. In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, inwiefern Bartóks Allegro barbaro und Honeggers Pacific 231 diesen Bruch mit der Tradition erreichen konnten oder wollten, und welche Einstellung die Komponisten zum Futurismus hegten.

Bartóks Klavierstück hat sicherlich die Musikwelt sofort bewegt, doch hatte das mit der Futurismusbewegung zu tun oder war er ein Neuerer ohne diese Beziehung? Inwieweit zeigt das Stück einen Gestus, der dem Willen und den Vorstellungen der Futuristen entspricht, und ist der Bruch mit der Tradition im Stück als radikal zu bezeichnen? Welche Einstellung hatte er zu Neuerungen, welcher Intensität auch immer? Ferruccio Busoni, Komponist, Pianist und Schriftsteller, hatte schon 1907 seinen Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst vorgebracht, der unter anderem Enharmonik propagierte und einen radikalen Umbruch in der Musik forderte.3 Er war es auch, der schon Bartóks Vierzehn Bagatellen (1908) so vielversprechend fand, dass er sie dem Verlag Breitkopf & Härtel in Leipzig empfahl, der es jedoch ablehnte, sie zu veröffentlichen.4 Scheinbar also war Bartóks Musik das, was Busoni sich von neuer

1 Dietrich Kämper, ,,Futurismus," Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil Bd. 3. Ludwig Finscher (Hrsg.) (Kassel: Bärenreiter, 1995) 975.
2 Ebenda, 977.
3 Ebenda, 976.
4 Udo Zilkens, Béla Bartók spielt Bartók (Köln-Rodenkirchen: P. J. Tonger, 1999) 38.

2

 


Musik immerhin wünschte, auch, wenn er sich eher vom Futurismus distanzierte: ,,Es bleibt bei meinem Grundsatz, dass der Fortschritt eine Bereicherung und nicht eine Verschiebung der Mittel bedeuten soll. [...] Man zerstöre darum nicht, man baue auf!"5 Der ,,stile barbaro", oder ,,Allegro barbaro style,"6 der vor allem für Dynamik in höchsten Zügen stand, war also offenbar seiner Zeit voraus, obwohl die Bedeutung des Stückes wahrscheinlich erst im Nachhinein offensichtlich wurde: ,,Mit Béla Bartók, der 1911 Herzog Blaubarts Burg und das Allegro barbaro komponiert hatte, [...] bin ich 1913 schon im Zentrum neuer Musik."7 Bis heute ist das Allegro barbaro die ,,meistberufene Klavierkomposition Bartóks," und es hat wohl sogar den ,,Ausdruckstanz der zwanziger Jahre choreographisch vielfältig angeregt."8 Als eine Wurzel von Bartóks Musik werden gemeinhin stets die Bauernmusik und Debussy zitiert, jedoch hatte er auch eine große Begeisterung für Technik, was sich in seiner Beschäftigung mit Aufnahmegeräten wie Edisons Phonographen widerspiegelte.9 Kann man ihn deshalb also zu den Futuristen zählen, die ja die Technologisierung als d i e Zukunft der Kunst sahen?

Die Futuristen forderten außerdem:

[...] in einer zukünftigen Musik solle die ,anima musicale′ der Massen, der großen Industriebetriebe, der Züge, der Ozeandampfer, der Panzer, der Automobile und der Flugzeuge wiedergegeben und den zentralen Motiven der Sinfonischen Dichtung das Reich der Maschine und die ,,siegreiche Herrschaft der Elektrizität" hinzugefügt werden.10

Arthur Honeggers Pacific 231 liegt genau dieses Prinzip zugrunde. Als das erste von drei Mouvements symphoniques ist es jenes, welches dieses ,,Reich der Maschine" tatsächlich in den Bereich der Sinfonischen Dichtung einfügt, wenn man die Mouvements symphoniques als solche bezeichnet. Diese Bezeichnung ist allerdings nicht korrekt. Honegger hat nach eigener Aussage den Titel erdacht, als das Werk bereits komponiert war. Es hat also zwar einen programmatischen Titel, dieser ist aber das einzige, was an Sinfonische Dichtung im Sinne von zum Beispiel Liszt erinnert. Was nun bringt Pacific 231 in die Diskussion um den Futurismus? Welche Elemente führen dazu, das Werk in diesem Zusammenhang zu behandeln? Gibt es Parallelen zwischen jenem Stück und Bartóks Allegro barbaro?

5 Kämper, ,,Futurismus," Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 980.
6 Vera Lampert und László Somfai, ,,Bartók, Béla," The New Grove Dictionary of Music and Musicians, Bd.
2. Stanley Sadie (Hrsg.) (London: Macmillan Publishers Limited, 1980) 211.
7 Matthias Brzoska und Michael Heinemann (Hrsg.), Die Geschichte der Musik: Band 3, Die Musik der Moderne (Laaber: Laaber-Verlag, 2004) 182.
8 Heinrich Lindlar, Lübbes Bartók Lexikon (Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag, 1984) 23.
9 Zilkens, Béla Bartók spielt Bartók, 7.
10 Kämper, ,,Futurismus," Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 976.

3

 


2. Béla Bartók (1881-1945): Allegro barbaro
2.1 Entstehung des Werkes und Einordnung in Bartóks Schaffen

Den zeitgenössischen Musikkritikern zufolge war das Allegro barbaro ein Klavierstück, das genau jene Bezeichnung verdiente. Für Francis Poulenc war es Anstoß für seine ,,Revolte gegen den sogenannten guten Geschmack."11 Es wirkte brutal, schockierend und eben äußerst barbarisch ­ und Béla Bartók wusste um diese Wirkung. Der Titel jedoch dient gleichzeitig auch als eine spitze Bemerkung zu den Pariser Musikkritikern, die ihn und seinen Freund Zoltán Kodály als ,,junge Barbaren" bezeichneten, unter anderem vor dem Hintergrund Kodálys Rumänischer Tänze. 12 Das Allegro barbaro entstand in jener Phase Bartóks Schaffens, die gemeinhin als seine Entfaltungsphase bezeichnet wird. 13 Zusammen mit anderen Klavierstücken bildet es, 1911 entstanden, den Beginn dieser Schaffensperiode und zugleich eine Reihe von neuen Formen des Charakterstücks, die nach Bezeichnung und Form an die Charakterstücke Schumanns erinnern, beispielsweise die Skizzen op. 9/b mit Titeln wie Mädchenbildnis oder Schaukelspiel. Ersteres erinnert zwar an Schumann, irritiert jedoch leicht durch tonale Reibungen, die bei diesem in dieser Art nicht auftraten. Das ,,Schaukelspiel" zeigt bereits Züge der außerordentlichen dynamischen Arbeit, die Bartók seinen Klavierstücken in den Jahren zwischen 1908 und 1911 zugute kommen ließ. Es zeugt außerdem von postromantischer Harmonisierung und Akkordfolgen, die es in den Beginn des 20. Jahrhunderts einbetten.

Die Werke, die in den Jahren zwischen 1908 und 1911 komponiert wurden, werden der Periode seines Schaffens zugerechnet, die von einer gewissen Neigung zu folkloristischer Musik bestimmt wird.14 Das Allegro barbaro besiegelt die Reihe von Klavierstücken, die Bartók im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts komponierte. Es ist der ultimative Ausdruck von Dynamik, die sich in alle extremen Richtungen erstreckt und eine Komposition, die deutlich ,,die völlige Reife des neuen Stils" verkündet und damit für sich selbst steht, metaphorisch und opusbezogen.15 Bartók selbst sagte bereits früh, dass jene Klavierwerke, vor allem die Vierzehn Bagatellen, seine Antwort auf das 19. Jahrhundert wären und gleichzeitig seinen neuen Stil einleiteten:

11 Brzoska und Heinemann, Die Geschichte der Musik, 225.
12 Lindlar, Lübbes Bartók Lexikon, 122.
13 Vgl. Bence Szabolcsi (Hrsg.), Bartók: Weg und Werk, Schriften und Briefe (Budapest: Corvina Verlag,
1957) 42.
14 Vgl. Lampert und Somfai, ,,Bartók, Béla," The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 201.
15 Szabolcsi, Bartók, 42.

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