Facetten und psychische Strategie des schwachen Helden in Italo Svevos „Zeno Cos... close Bitte warten


Details

Veranstaltung: Italo Svevo, Arthur Schnitzler im Dialog mit Sigmund Freud
Institution/Hochschule: Universität Siegen (Romanische Literaturwissenschaft - französische und italienische Literatur )
Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2008
Seiten: 23
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 18  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 197 KB
Archivnummer: V113975
ISBN (E-Book): 978-3-640-14291-0
ISBN (Buch): 978-3-640-14340-5

Zusammenfassung / Abstract

[...] Ziel dieser Arbeit ist es, die Inszenierung der Figur des Zeno Cosini als schwachen Helden im Romanwerk nachzuweisen. Hierfür werden zunächst verschiedene Facetten der charakterlichen Schwäche Zenos aufgezeigt. Diese Facetten werden mit der Methode der psychoanalytischen Literaturinterpretation näher auf ihre Ursprünge untersucht. Inwieweit diese Prädispositionen Zeno in der Interaktion mit seiner Umwelt beeinflussen, wird im dritten Kapitel behandelt. Hierbei werden drei verschiedene Komplementärfigurentypen in der Auseinandersetzung mit dem Antihelden betrachtet: Die begehrte, starke Frau, der überlegene Rivale sowie der verhasste, starke Konkurrent. Schließlich werden die Mechanismen zur Kompensation der Schwäche analysiert, mit denen der schwache Held Zeno die eigene Minderwertigkeit zu verbergen und auszugleichen sucht und mit denen er sich gegen Angriffe aus der Außenwelt schützt. Abschließend sollen die Ergebnisse resümiert werden und es ist zu diskutieren, inwieweit und in welcher Form es dem Antihelden gelingt, seine Schwäche abzulegen.

Textauszug (computergeneriert)

Universität Siegen

Hauptseminar: Italo Svevo, Arthur Schnitzler im Dialog mit Sigmund Freud

Sommersemester 2007


Facetten und psychische Strategie

des schwachen Helden

in Italo Svevos ,,Zeno Cosini"

vorgelegt von:

Laura Dorfer

5. Semester, Bachelor

Literary, Cultural and Media Studies

Englisch/ Deutsch

Kronberg, den 11.03.2008


2

Gliederung

1. Einleitung 3

2. Facettenreichtum der Schwäche Zenos 4

2.1 Der handlungsunfähige Held 4

2.2 Der neurotische Held 5

2.3 Der schuldige Held 7

2.4 Der narzisstische Held 8

3. Der schwache Held in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt 10

3.1 Zeno und der starke Rivale 10

3.2 Zeno und die begehrte, starke Frau 12

3.3 Zeno und der starke Konkurrent 14

4. Mechanismen zur Kompensation der Schwäche 16

4.1 Traumfähigkeit 16

4.2 Ironische Grundhaltung 17

4.3 Die psychische Strategie des schwachen Helden 19

5. Schlussbemerkung 20

6. Bibliographie 21























3

1.

Einleitung

In der Epoche des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert, in der die traditionellen Werte an

Beständigkeit verloren haben und eine verbindliche kulturelle Ordnung obsolet geworden ist,

hat sich auch die Konzeption des literarischen Helden gewandelt:1 Der Held des modernen

Romans ist nicht länger ein sich in allen Lebenslagen und Konflikten behauptendes Indivi-

duum, sondern vielmehr ein Durchschnittsmensch mit Schwächen und Gebrechlichkeiten.

Während in der antiken Welt des Epos der Romanheld Ausdruck eines auf Wahrheit und

Schönheit beruhenden Ideals ist, scheitert der moderne Held sowohl an der Anpassung an die

idealfremde Welt, als auch bei der Suche nach sich selbst. Ein solch paradigmatischer Anti-

held findet sich in dem Svevo′schen Protagonisten Zeno Cosini.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Inszenierung der Figur des Zeno Cosini als schwachen Helden im

Romanwerk nachzuweisen. Hierfür werden zunächst verschiedene Facetten der charakterli-

chen Schwäche Zenos aufgezeigt. Diese Facetten werden mit der Methode der psychoanalyti-

schen Literaturinterpretation näher auf ihre Ursprünge untersucht. Inwieweit diese Prädisposi-

tionen Zeno in der Interaktion mit seiner Umwelt beeinflussen, wird im dritten Kapitel behan-

delt. Hierbei werden drei verschiedene Komplementärfigurentypen in der Auseinandersetzung

mit dem Antihelden betrachtet: Die begehrte, starke Frau, der überlegene Rivale sowie der

verhasste, starke Konkurrent. Schließlich werden die Mechanismen zur Kompensation der

Schwäche analysiert, mit denen der schwache Held Zeno die eigene Minderwertigkeit zu ver-

bergen und auszugleichen sucht und mit denen er sich gegen Angriffe aus der Außenwelt

schützt. Abschließend sollen die Ergebnisse resümiert werden und es ist zu diskutieren, in-

wieweit und in welcher Form es dem Antihelden gelingt, seine Schwäche abzulegen.

1Delassalle 1996 S.163-165


4

2.

Facettenreichtum der Schwäche Zenos

In diesem einleitenden Kapitel stehen die mannigfachen Facetten der Schwäche Zenos im

Mittelpunkt der Analyse. Hierbei sollen auch im besonderen Maße die Ursprünge dieser Ei-

genschaften mit Hilfe der Psychoanalyse ergründet werden. Des Weiteren sind die Konse-

quenzen, die Zeno aus diesen Facetten erwachsen, zu untersuchen.

2.1

Der handlungsunfähige Held

Zeno Cosinis Verhalten ist gekennzeichnet von der Unfähigkeit zu agieren und Entscheidun-

gen zu treffen. Er überlässt es stets dem Zufall und der Außenwelt, über seine Zukunft zu

bestimmen. So erwählt er Augusta nicht zu seiner Ehefrau, sondern wird zu dem Heiratsan-

trag bewogen. Gleichfalls verliert er seine Geliebte Carla aufgrund eines Missverständnisses,

anstatt sie gemäß seiner guten Vorsätze zu verlassen. Zenos Unentschlossenheit äußert sich

des Weiteren in einer Sprunghaftigkeit: Er pendelt zwischen dem Jus und der Chemie, sowie

zwischen der Ehefrau und der Geliebten.

Zeno fristet sein Dasein, indem er sich beim Leben zuschaut.2 An Stelle der Aktion tritt die

Erforschung der eigenen Existenz.3 Seinem kontemplativen Wesen entsprechend versinkt er

in Grübeleien, denen jeder Entschluss zur Aktion fehlt. Diese Passivität und Willenlosigkeit

führen zwangsläufig zu einem untätigen, müßigen Leben. Dabei befriedigt ihn seine Stellung

im Leben durchaus nicht. Er ist jedoch aus Trägheit und Energiemangel unfähig, sich aktiv im

Leben einzubringen und Missstände zu beheben. Dies geht soweit, dass er Strategien der

Handlungsverhinderung entwirft, indem er die eigene Passivität und Unfähigkeit mit dem

Alter, der Schwäche oder den äußeren Umständen entschuldigt.4 Die ständig wiederkehrenden

Rechtfertigungsschemata ersetzen das eigene Handeln.5 So erklärt er sein Scheitern im Leben

mehrfach mit dem intensiven Rauchen: ,,

Es schien bewiesen, daß ich für das chemische Stu-

dium nicht geeignet war, allein schon wegen meiner ungeschickten und unsicheren Hände.

Wie hätten die auch anders sein können, da ich unaufhörlich wie ein Türke rauchte?

"6 Indem

Zeno die eigenen Defizite als Vorwand für den Müßiggang verwendet, macht er sich selbst zu

einem ,,inetto":7 Das Scheitern wird zum Modus der Lebensführung.

Die Vorwände für das Nicht-Handeln durchziehen den gesamten Roman und sind symptoma-

tisch für Zenos Unzulänglichkeit. Es stellt sich die Frage, wie dieses unentschlossene Verhal-

2 Delassalle 1996 S.118

3 ebd. S.182

4 Behrens 1994 S.347

5 Schärer 1978 S.40

6 Svevo 2007 S.37

7 Behrens 1994 S.347


5

ten zur Realität begründet ist. Als Ursache hierfür kann die neurotische Angst vor der Realität

gewertet werden:8 Zeno ist unfähig, die ihn umgebende Realität zu kontrollieren und fühlt

sich von dieser unter Druck gesetzt. Diese Realitätsfurcht und Lebensangst führen schließlich

zu einer Schwächung des Ichs und dem Verlust von Handlungsantrieben.9 Zenos Bestreben ist

es daher, Entscheidungen zu meiden und jeglicher Form von Bindung zu entgehen:10 Indem er

sich nicht festlegt und irreversible Entscheidungen vermeidet, kann er den vergänglichen Cha-

rakter des Lebens ignorieren und sich seine Infantilität bewahren.11

Dieser Angst vor der Realität zum Trotz entwickelt Zeno sporadisch einen überzogenen Trieb

zu agieren.12 Dabei fallen seine Handlungen ostentativ und irrational, ja seinem eigenen Un-

vermögen zum Trotz ungestüm, aus. Ein solches krampfhaft aktives Handeln zeigt sich in

dem starrsinnigen Vorhaben unmittelbar eine der drei Malfenti-Töchter ­ selbst die unattrak-

tive Augusta ­ zu heiraten. Der willenskranke Zeno kompensiert seine Vorliebe für die Passi-

vität folglich beizeiten in einer Überaktivität.

2.2

Der neurotische Held

Der müßige Lebenswandel gestattet es Zeno, sich intensiv mit der eigenen Person zu beschäf-

tigen. Durch den Mangel an kommerzieller Tätigkeit verfügt er über reichlich Zeit für die

Analyse und Observation der zahlreichen körperlichen Unpässlichkeiten und für die Kreation

neuer Krankheitssymptome. Dabei leidet Zeno nicht wirklich an einer organischen Krankheit

­ vielmehr ist seine Hypochondrie ein pathologisches Symptom.13 Die Hypochondrie wird

von Sigmund Freud als eine Form der Aktualneurose beschrieben.14 Nach Freud löst der Hy-

pochondrische Interesse wie Libido von den Objekten der Außenwelt und richtet beides auf

ein jeweiliges Organ.15

Neben der Hypochondrie sind ferner Zenos Zwangsvorstellungen charakteristisch für seinen

neurotischen Charakter. Zenos Drang stets zu grübeln und zu spekulieren ­ ja das Grübeln zur

Lebensaufgabe zu setzen ­ ist ein exemplarisches Symptom der Zwangsneurose.16 Seine fun-

damentale Unsicherheit manifestiert sich außerdem in dem leitmotivischen Zweifel:17 Zeno ist

ohne festes Urteil über sich selbst und andere und weist keine gesellschaftlichen Wertmaßstä-

8 Schärer 1978 S.32

9 Wuthenow 1990 S.73

10 Delassalle 1996 S.118

11 ebd. S.75

12 Schärer 1978 S.32-33

13 Delassalle 1996 S.106

14 vgl. Freud 1969 S.378

15 Freud 1975 S.50

16 vgl. Freud 1969 S.259f.

17 Heitmann 1980/1 S.8


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