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Untertitel: Sprachtraining für Studenten, Absolventen und Berufsanfänger
Fachbuch, 2008, 83 Seiten
Autor: Karl-Heinz List
Fach: Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwiss.
Details
Jahr: 2008
Seiten: 83
Note: "-"
Literaturverzeichnis: ~ 17 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-16568-1
Dateigröße: 360 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Die meisten Studenten in Deutschland können nicht verständlich schreiben, meint der Sprachwissenschaftler Hans Krings von der Universität Bremen in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Für das Fortkommen, so Krings, sei das Schreiben in fast allen Berufen von großer Bedeutung und ein Schlüssel für die erfolgreiche Tätigkeit.. Wer seine Gedanken zu Papier bringt, muss sich so ausdrücken, dass er auf Anhieb verstanden wird. Wer die Leser für sich einnehmen möchte, muss die Gefühle ansprechen, in Bildern sprechen und anschaulich formulieren. Man muss nicht gleich den Anspruch haben, wie Arthur Schopenhauer oder Heinrich Heine schreiben zu können. Doch sich verständlich und präzise auszudrücken, kann man lernen. Zugegeben: Wir sind alle nicht perfekt im Umgang mit unserer Muttersprache. Wir planen im voraus, sprechen von anderen Alternativen, eigenhändiger Unterschrift, Rückantwort und Zukunftsprognose. Aber wir arbeiten daran. Die Leser lernen bei diesem Training, ihr Sprachgefühl zu entwickeln. Wer ein gutes Sprachgefühl besitzt, weiß intuitiv, was richtig oder falsch ist. Intuition beruht auf Erfahrungswissen. Das gilt auch für das Sprachgefühl, das ein Bauchgefühl ist. Je mehr Erfahrung jemand mit Sprache hat, desto ausgeprägter ist seine Intuition. Die Beispiele und Übungen in diesem Buch beziehen sich auf die „Sprache im Beruf“: Der ausladenden und verklausulierten Sprache der Unternehmen in Verträgen, Geschäftsberichten und bei der Selbstpräsentation im Internet wird ein ökonomischer Stil gegenüber gestellt: Kürzer, verständlicher, präziser. Die Leser lernen bei dieser Gelegenheit, wie sie ein Bewerbungsschreiben wirkungsvoll und in einer anschaulichen Sprache formulieren oder selbst einen Vorschlag für ihr Praktikumszeugnis schreiben.
Textauszug (computergeneriert)
Karl-Heinz List
Verständlich schreiben
lernen
Ein Sprachtraining für Studenten, Absolventen und Berufsanfänger
1
Einleitung
1. Sprache ein Mittel zum Zweck
Ökonomisch schreiben
2. Sprachgefühl entwickeln
Sprachgefühl und Intuition
Sprache ist nicht logisch
Übung A: Wie steht es mit ihrem Sprachgefühl?
Überflüssiges weglassen
Präzise schreiben, Gefühle richtig benennen
Übung B: Gefühle und Sprache Synonyme finden
3. Leicht verständliche Sätze bilden
Wortstellung
Schachtelsatz
Eingeschobene Sätze
Das Komma
Was heißt verständlich schreiben?
Übung C: Verständlich schreiben
4. Das falsche Wort
Zeitfenster
Kultur
(sich) entwickeln
Kernkompetenz
Wir haben die Wahl
Übung D: Das richtige Wort finden - Gegensätze
5. Adjektive
Abgegriffene und überflüssige Adjektive
Echte Adjektive
Übung E: Richtig, falsch, überflüssig
6. Indikativ und Konjunktiv
Direkte und indirekte Rede
Unterscheidung Konjunktiv I und II
Würde-Form
7. Altmodisches, Aktuelles, Neumodisches
Die gehobene Sprache
Moden
Modewörter
2
8. Juristendeutsch
Haben Juristen eine eigenständige Sprache?
Beispiel aus der Straßenverkehrsordnung (Übung)
Sprache der Juristen: Ungenau und unverständlich
Was Anwälte so schreiben und für ,,Deutsch" halten:
Übung F: Arbeitsvertrag in verständliches Deutsch bringen
9. Bewerbungsbriefe schreiben
Positive Gefühle auslösen
Beispiel: Bewerbung auf eine Stellenanzeige
Negative Beispiele
Was nicht so gut ankommt
Hauptwörterstil vermeiden
Übung G: Die beste Formulierung finden
10. Arbeitszeugnis: Wie man für sich selbst einen Entwurf formuliert
Was ist ein gutes Arbeitszeugnis?
Was im Zeugnis beurteilt wird
Die Sprache im Arbeitszeugnis
- Codierte Zeugnissprache
- Der ökonomische Schreibstil
- Was es zu vermeiden gilt
- Missglückte Formulierungen
- Mehr Verben, weniger Substantive
Übung H: Arbeitszeugnis-Entwurf schreiben
11. Abschlussübung: Was stimmt nicht?
12. Lösungen zu den Übungen
Literatur
3
Einleitung
Gut schreiben zu können ist und bleibt eine wichtige Voraussetzung für den berufli-
chen Erfolg.
Die meisten Studenten in Deutschland können nicht verständlich schreiben, sagte
der Sprachwissenschaftler Hans Krings von der Universität Bremen in einem Ge-
spräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Deutschland brauche für seine Wirtschaft
nicht nur Ingenieure und Naturwissenschaftler, sondern auch Mitarbeiter, ,,die wirklich
verständlich schreiben können. Und das Bildungssystem trägt wenig dazu bei, die
Fähigkeit zum verständlichen Schreiben auszubilden." Für das Fortkommen, so Hans
Krings, sei das Schreiben in fast allen Berufen von großer Bedeutung und ein
Schlüssel für die erfolgreiche Tätigkeit.
Doch es sind nicht nur Studenten oder Hochschulabsolventen, die verquaste Sätze
schreiben. Auch Professoren formulieren Texte, die sich anhören wie offizielle Ver-
lautbarungen, wie der Politik-Wissenschaftler Dietmar Herz in einer Reportage über
Afghanistan (Süddeutsche Zeitung Magazin 30. 5. 08). Hier ein paar Sätze:
- Auf dem Rollfeld stehen die in der deutschen Diskussion wohlbekannten sechs
Tornados der Bundeswehr. (Flugzeuge sind nicht ,,wohlbekannt)
- Der Flug nach Faisabad verläuft kurz, aber turbulent (warum ,,aber"?)
- Der Auftrag der Bundeswehr lautet, die Afghanen bei Schaffung und Erhalt von
Sicherheit zu unterstützen. (Bürokratendeutsch!)
- Das zentrale Anliegen der ISAF sei die
Herstellung und Gewährleistung von
Sicherheit.
Eine solche Formulierung kommt sicher von offiziellen Stellen. Ein Journalist hätte
das anders formuliert: ISAF hat den Auftrag, dafür zu sorgen, dass es im Land siche-
rer wird und auch bleibt.
Wer keinen Ehrgeiz hat, bessere Sätze als bisher zu formulieren, sollte sich mit die-
ser Lektüre nicht abgeben. Wer aber den Ehrgeiz hat, beruflich voranzukommen,
sollte sich die Sache mit der Sprache noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Wer
andere überzeugen will, muss wirkungsvolle Sätze formen. Wer seine Gedanken zu
Papier bringt, muss sich so ausdrücken, dass er auf Anhieb verstanden wird. Wer
Leser und Zuhörer für sich einnehmen möchte, muss die Gefühle ansprechen, in Bil-
dern sprechen und anschaulich formulieren. Auch intelligente Leute tun sich damit
schwer. Man muss nicht gleich den Anspruch haben, wie Arthur Schopenhauer oder
Heinrich Heine schreiben zu können. Doch sich verständlich und präzise auszudrü-
cken, kann man lernen.
Übers Fernsehen lässt sich das Sprachgefühl nicht entwickeln. In den Nachrichten ist
die Rede von ,,Kampfhandlungen", obwohl ,,Krieg" gemeint ist, der in diesem oder
jenem Land tobt. Im Wetterbericht begnügt man sich nicht mit dem einfachen Aus-
druck ,,Wetter" oder ,,Nebel". Es muss schon ein Wettergeschehen oder Nebelfelder
sein. Oder der Pressesprecher des Landesarbeitsgericht Chemnitz:
,,Streikmaßnah-
men sind uneingeschränkt möglich."
4
Fußballspieler glänzen selten mit geschliffenen Sätzen, eher schon damit, dass sie
den ,,Ball flach halten" und Tore schießen. Polizeibeamte formulieren im Fernsehen
so lebendig wie sie es auch im Vernehmungsprotokoll tun. Ein Polizeioffizier auf die
Frage, warum die scharfen Sicherheitsmaßnahmen beim EU-Gipfel in Heiligendamm
notwendig gewesen wären: ,,... um den Gipfel in seiner Durchführung zu gewährleis-
ten."
Politiker reden vor Ort, dass sie bereits ,,im Vorfeld" auf das Problem hingewiesen
und sich die Fronten jetzt verhärtet hätten. Die Opposition wirft der Regierung vor, sie
hätten ihre ,,Hausaufgaben nicht gemacht und das Problem ,,zeitnah" gelöst werden
müsse.
Manager reden gerne von ,,Talsohlen, die sie durchschritten" hätten und von ,,Ver-
krustungen", die sie aufbrechen mussten, um ,,zukunftsfähige Strukturen" zu schaf-
fen. Das Portfolie hätten sie ,,zu Gunsten ihrer Kunden" ausgebaut. Dabei stehe der
Mensch immer im Fokus.
Zugegeben: Wir sind alle nicht perfekt im Umgang mit unserer Muttersprache. Wir
planen im voraus, sprechen von anderen Alternativen, eigenhändiger Unterschrift,
Rückantwort und Zukunftsprognose. Aber wir arbeiten daran.
Viele sind schon dabei, Doppelungen zu vermeiden und sich kürzer auszudrücken.
Sie schreiben nicht mehr: ,,Die Reklamationsrate ist zu hoch und muss unbedingt
abgesenkt werden", sondern ,,... muss unbedingt gesenkt werden." Manche folgen
der englischen Grammatik. Sie sagen nicht: ,,Ich rufe Sie wieder an", sondern knap-
per: Ich rufe Sie zurück (I call you back). Man spart ein Wort, der Anfang ist gemacht.
Das lässt sich steigern. Sie sagen nicht: ,,Ich kann mich nicht daran erinnern", son-
dern: ,,Ich erinnere das nicht" (I can´t remember that). In diesem Fall werden zwei
Wörter eingespart. Wer ,,gespart" schreibt, spart noch eine Silbe. Wenn das nicht ö-
konomisch ist.
5
1. Sprache ein Mittel zum Zweck
Sprache hat zu tun mit Handlung, mit Werten, mit Gefühlen und mit der Wirkung: Wer
eine Wirkung erzielen und ein bestimmtes Ziel erreichen will, muss die Gefühle an-
sprechen, muss appellieren.
Wenn ein Vorstandsvorsitzender im Geschäftsbericht die Aktionäre über den Ge-
schäftsverlauf informiert, will er das Unternehmen in einem günstigen Licht darstellen
und die Aktionäre davon überzeugen, dass sie ihr Geld gut angelegt haben, weil das
Unternehmen alles getan habe, um sich im Wettbewerb zu behaupten und auch in
Zukunft eine optimale Rendite erwirtschaften werde. Der Chef des Unternehmens
und der Vorsitzende des Aufsichtsrats wollen mit den Informationen im Geschäftsbe-
richt Zuversicht verbreiten und um Vertrauen werben. Das hat viel mit Gefühlen zu
tun. Je größer das Vertrauen der Aktionäre in die Ertragskraft des Unternehmens ist,
desto höher die Nachfrage nach den Aktien.
Kommunikation hat nicht nur den Zweck auszudrücken, was ist, sondern auch, was
sein soll. Mit dem, was ich sage, möchte ich etwas erreichen, bewirken, zum Beispiel
jemand trösten, aufmuntern, begeistern, ihn dazu bewegen, bestimmte Dinge zu tun
oder zu unterlassen. Wir wollen mit dem Appell Einfluss nehmen, überzeugen, beru-
higen oder Ängste überwinden. Ob ein schriftlicher Appell das richtige Mittel zur Lö-
sung von Problemen ist, darf man bezweifeln. Wer als Chef Mitarbeiter begeistern
oder eine Verhaltensänderung erreichen will, wird die Grenzen der schriftlichen
Kommunikation schnell erreichen. Wie bei der mündlichen Rede muss der Sender
bei der schriftlichen Kommunikation die Gefühle ansprechen:
Wir können so nicht weitermachen. Es muss sich etwas
ändern. Ich brauche ihre Hilfe. Machen Sie mit.
Wir können positive und negative Gefühle auslösen. Wir können durch Sprache Ge-
ringschätzung oder Wertschätzung ausdrücken, Lob und Tadel.
Stil ist kein Selbstzweck, sondern stets ein Mittel zum Zweck. Mit dem, was wir
schreiben verbinden wir eine bestimmte Absicht. Man spricht auch von der kommuni-
kativen Kraft des Textes.
Ökonomisch schreiben
Mitarbeiter mit anspruchsvollen Aufgaben und Führungskräfte formulieren Angebote,
entwerfen Verträge und informieren Aktionäre, Betriebsräte und Mitarbeiter, schrei-
ben Abmahnungen, Kündigungen, Einladungen, Absagebriefe und Arbeitszeugnisse.
Sie halten Kurzvorträge, leiten Besprechungen, führen Gespräche mit Mitarbeitern
und wollen andere in Präsentationen von ihren Ideen überzeugen.
Korrektes Deutsch zu schreiben und zu sprechen ist eigentlich eine Selbstverständ-
lichkeit. Es gibt keine übergeordnete Instanz, die entscheidet, was gutes Deutsch ist,
auch nicht die Duden-Redaktion.
Wie soll man formulieren? Kurze Sätze, präzise, anschaulich und verständlich. Das
spart Zeit und Geld. Kann man das lernen? Ja, man kann sich auch in der Sprache
disziplinieren und aus ausladenden Texten leicht lesbare Sätze bilden. Dieses Buch
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unterstützt den Leser, sein Sprachgefühl zu schärfen und seine Ausdrucksfähigkeit
zu verbessern. Der bewusste Umgang mit der Sprache steigert das Selbstwertgefühl
und die Souveränität. Wer präzise formulieren kann, macht einen guten Eindruck und
empfiehlt sich für qualifizierte Aufgaben.
Der Text muss auch logisch aufgebaut und gegliedert sein. Kurze, verständliche Sät-
ze entsprechen eher einem ökonomischen Sprachstil als weitschweifende Formulie-
rungen mit vielen Substantiven. Bandwurmsätze machen einen Text holprig und
schwer lesbar. Sätze mit vielen Verben dagegen machen den Ausdruck lebendiger
und anschaulicher. Es ist dieser furchtbare Nominalstil, dieses Papierdeutsch, das
nicht nur in den Amtsstuben grassiert, sondern auch in den Chefetagen der Wirt-
schaft.
Ökonomisch formulieren heißt auch, Überflüssiges weglassen. Alles, was der Leser
schon weiß, kann man weglassen und auch das, was er nicht wissen muss. Ökono-
misch schreiben bedeutet, sprachlich und sachlich knapp formulieren, das richtige
Wort finden, wenig Adjektive und Substantive verwenden und anschaulich schreiben:
bildhaft, emotional, konkret.
Wer sich präzise, elegant und klar ausdrücken kann, macht Eindruck. Wer treffend
formulieren kann, ist im Vorteil. Wer seine Gedanken und Gefühle geschliffen zu Pa-
pier bringen kann, qualifiziert sich für höhere Aufgaben. Dazu gehört beispielsweise
themenzentriert formulieren zu können. Das Thema einer Besprechung, Tagung oder
eines Workshops soll positiv und themenbezogen formuliert sein. Wer zu einer
dienstliche Besprechung einlädt, um über das Thema ,,Reklamationen" zu sprechen,
sollte schon beim Thema sagen, worum es ihm dabei geht: ,,Wir wollen über das
Thema ,,Reklamationen" diskutieren, und dann präziser: Wie können wir die Rekla-
mationsrate senken und die Kundenzufriedenheit steigern?"
,,Man kann die Umgangssprache nicht kurzerhand kopieren; nur die lebendige Form,
den abwechslungsreichen Ausdruck, den natürlichen Ton sollen wir von ihr lernen"
(Ludwig Reiners).
Sprache hat viel mit Gefühl zu tun. Manche Manager halten nicht nur Distanz zu ih-
ren Mitarbeitern, sondern auch zu ihren eigenen Gefühlen. Und je mehr Distanz sie
halten, desto abstrakter wird ihre Sprache.
Nach Kapiteln, Abschnitten, Absätze, aber auch durch Satzzeichen: Punkt, Komma,
Semikolon. Beim Sprechen sind es die Pausen, die Betonung, die Lautstärke.
Geschriebenes lässt sich unterstreichen, hervorheben (fett) oder durch Sperrung
markieren.
Ökonomisch schreiben bedeutet auch, das richtige Wort finden, wenig Adjektive und
Substantive verwenden und anschaulich schreiben: bildhaft, emotional, konkret. ,,Sti-
listisch gut ist, was übersichtlich und sprachökonomisch formuliert ist." (Ludwig Rei-
ners)
Die ökonomische Variante der Sprache beschäftigt sich weniger mit der Grammatik
(wird vorausgesetzt) und auch nicht mit der Schönheit eines Satzes, sondern damit,
ob der Text seinen Leser erreicht. Das bedeutet: Der Text muss verständlich und
wirkungsvoll sein. Auf Wörter, die schmückendes Beiwerk sind, wird verzichtet. Die
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Sprache ist nüchtern, sachlich, schnörkellos und leicht zu lesen. Man spart Zeit,
kommt schnell zur Sache. Wer einfache Sätze schreibt, hat auch die Gewissheit,
dass er, seine Sache, sein Problem verstanden wird.
Der Text liefert Informationen für Entscheidungen oder beeinflusst das Käuferverhal-
ten durch Gefühle, die durch Sprache angesprochen werden.
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2. Sprachgefühl entwickeln
Sprachgefühl und Intuition
Wir wissen alle, was Gefühle sind. Freude, Trauer, Wut, Begeisterung. Aber was ist
gemeint mit dem Wort ,,Sprachgefühl"? Ein Gefühl dafür haben, was in einer Sprache
richtig oder falsch ist? Ja. Aber braucht man dazu überhaupt ,,Gefühl", oder kann
man das lernen wie Mathematik oder Geografie?
Die Neurowissenschaftlerin Angela Frederice vom Max-Planck-Institut in Leipzig ver-
tritt in Anlehnung an Noam Chomsky die Auffassung, dass im menschlichen Gehirn
eine angeborene Universalgrammatik festgeschrieben sei, genauer gesagt die Fä-
higkeit, ein solches Regelsystem zu lernen. Diese bislang unbewiesene These sei
durch etliche Indizien gestützt. Die Leipziger Forscher haben ihre Studien auf Kinder
ausgeweitet und konnten dabei beobachten, wie sich die richtige grammatische
Struktur nach und nach entwickelt. Erste Untersuchungen brachten erstaunliche Er-
gebnisse. Die Gehirne von Fünfjährigen konnten bereits die korrekte grammatische
Struktur eines Satzes bestimmen. Das junge Gehirn vollendet offenbar im achten
Lebensjahr seine grammatische Entwicklung. Offenbar lernen wir Sprechen wie
Schwimmen oder Fahrrad fahren. Das Erlernte läuft dann unbewusst ab
(www.cbs.mpg.de/institute/foco/grammar).
Richtiges, grammatikalisch einwandfreies Deutsch zu schreiben, lernen wir in der
Schule. Doch korrekt zu schreiben ist noch kein guter Stil.
,,Will ein Unternehmen etwas erreichen, muss das, was erreicht werden soll, also die
Unternehmensziele, denjenigen, die an ihrer Erreichung arbeiten, bekannt sein."
Dieser Satz eines Personalvorstandes ist von der Grammatik her korrekt: Was der
Schreiber ausdrücken wollte, ist sehr umständlich formuliert, mit zu vielen Worten
und nicht ökonomisch. Das hätte man kürzer und zeitsparender schreiben können:
,,Die Mitarbeiter müssen die Unternehmensziele kennen."
Es muss um mehr gehen als um korrektes Deutsch, wenn wir von Sprachgefühl re-
den. Das hat etwas zu tun, mit dem Gespür für das richtige Wort und den Satzbau,
wie man etwas verständlich, präzise, knapp und anschaulich ausdrückt. Wir können
unser Sprachgefühl entwickeln, schärfen und verfeinern.
Wir wissen mehr als wir zu sagen wissen. Muttersprachler sind in der Lage spontan
zu sagen, ob ein Satz grammatisch korrekt und idiomatischrichtig ist, aber nur weni-
ge können erklären, warum das so ist.
Wer ein gutes Sprachgefühl besitzt, der weiß intuitiv, was in einer Sprache richtig
oder falsch ist. Intuition beruht auf Erfahrungswissen. Das gilt auch für das Sprachge-
fühl. Grammatik ist Wissen, Sprachgebrauch ist Erfahrung. Das Sprachgefühl ist ein
Bauchgefühl. Es ist umso ausgeprägter, je mehr Erfahrung jemand auf dem Gebiet
,,Sprache" besitzt.
Der Psychologe Gerd Gigerenzer, Leiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsfor-
schung, beschäftigt sich seit zehn Jahren mit Intuition (Bauchentscheidungen, 2007).
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