Interkulturelle Identitäten - Immigration in späten Werken von Tahar Ben Jelloun

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Details
Autor: Anne Grimmelmann
Fach: Romanistik - Französisch - Literatur
Institution/Hochschule: Philipps-Universität Marburg (Romanistik)
Jahr: 2007
Seiten: 93
Note: 1,00
Literaturverzeichnis: ~ 90 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 781 KB
ISBN (E-Book): 978-3-640-14504-1
ISBN (Buch): 978-3-640-14618-5
Zusammenfassung / Abstract
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Darstellung der interkulturellen Identitäten im Kontext der Immigration in den Werken des marokkanischstämmigen französischen Autors Tahar Ben Jelloun. Durch die französische Kolonialgeschichte und die sich ab den 50erJahren anschließende Immigrationsbewegung aus den Maghrebstaaten1 in den prosperierenden Westen entwickelte sich eine kulturelle Konstellation und ein ökonomisches Gefälle, die zu massiven Konflikten führten. Diese Konflikte betreffen sowohl die Politik der genannten Staaten als auch das Verhalten der Menschen, die in diesen Staaten leben. Tahar Ben Jelloun ist in Marokko geboren, wuchs dort auf und emigrierte als Erwachsener nach Frankreich. Die Thematik der Immigration und des Verhältnisses zwischen Orient und Okzident greift er in nahezu all seinen Werken auf. Durch das ‚Insider-Wissen‘, die professionelle interkulturelle Kompetenz und die persönliche Betroffenheit, ist ein persönlicher Bezug und eine Empathie zu den Figuren in seinen Werken stets präsent.Das Hauptziel der Arbeit ist es, der Frage nachzugehen, wie die Protagonisten in ihrer Identitätsfindung zwischen den Kulturen in seinen Werken dargestellt werden und welche Rolle die Immigration dabei spielt. Das besondere Augenmerk richtet sich deshalb auf die Analyse der repräsentativen Protagonisten, die Tahar Ben Jelloun in seinen Romanen zeichnet, sowie der individuellen Schicksale, die den Begriff der „interkulturellen Identitäten“2 plakativ widerspiegeln.Die Untersuchung geht exemplarisch vor und beschränkt sich im Wesentlichen auf drei späte Werke Ben Jellouns, die thematisch besonders relevant sind.
Textauszug (computergeneriert)
Erste Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien
Wissenschaftliche Hausarbeit
im Fach Französisch
vorgelegt von Anne-Christin Grimmelmann
Thema:
Interkulturelle Identitäten:
Immigration in späten Werken von
Tahar Ben Jelloun
Datum: 31.10.2007
Zwischen
zwei
Welten
inmitten
unendlicher
Einsamkeit
möchte
ich eine Brücke sein
Die Brücke bricht
Droht mich
Zu zerreißen
In der Mitte.
Nevfel Cumart
2
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung 4
1.1
Fragestellung und Methodik 4
1.2
Identität interkulturelle Identität 6
1.3
Immigration 8
1.4
Sozio-kulturelle Hintergründe der postkolonialen maghrebinischen Literatur
französischer Sprache 10
1.4.1
Unterschiede zwischen französischer und arabischer Kultur 12
1.4.2
Ursachen und Auswirkungen der Immigration auf die Gesellschaft 14
1.4.3
Immigration in der postkolonialen maghrebinischen Literatur 16
2
Interkulturelle Identitäten im Werk von Tahar Ben Jelloun 19
2.1
Tahar Ben Jelloun : Schreiben aus dualer Perspektive zwischen Marokko und Paris ..19
2.2
Generationenkonflikte und multiperspektivische Blicke auf zwei Heimaten in Les yeux
baissés (1991) 24
2.2.1
Der Titel die Metaphorik des gesenkten Blicks 27
2.2.2
Kniza zwischen Traum und Realität, Vergangenheit und Zukunft 30
2.2.3
Die Eltern Die Immigrantengeneration der 60er und 70er Jahre 38
2.2.4
Der Baum als Metapher für die Wurzeln des eigenen Ichs 41
2.2.5
Zusammenfassung 42
2.3
Aufstrebende Karrierefrauen und männliche Verlierer zwischen den Kulturen in Les
raisins de la galère (1996) 43
2.3.1
Nadia eine
beurette
im Kampf um Gleichberechtigung 45
2.3.2
Arabische Männer: Aggressive Machos und lethargische Versager? 49
2.3.3
Das Motiv des Hauses: Zuflucht, Heimat und Brücke 54
2.3.4
Zusammenfassung 55
2.4
Jugendliche Schicksale der 90er und hybride Geschlechterrollen in Partir (2006) 57
2.4.1
Der Titel und die Paratexte 60
2.4.2
Korruption, Gewalt, verleugnete Sexualität: Azel im ,,entre-deux" zwischen Arm und Reich 61
2.4.3
Emanzipierte Frauen als Wegweiser für eine gelungene Emigration? 68
2.4.4
Islamistischer Fundamentalismus als Ausweg? 72
2.4.5
Zusammenfassung 75
3
Fazit 78
4
Compte - rendu 82
5
Literatur 86
5.1
Primärliteratur 86
5.1.1
Tahar Ben Jellouns Werke in chronologischer Reihenfolge 86
5.1.2
Zitierte Primärliteratur 87
5.2
Sekundärliteratur 87
5.3
Internetressourcen 91
3
1 Einleitung
1.1 Fragestellung und Methodik
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Darstellung der interkulturellen Identitäten im
Kontext der Immigration in den Werken des marokkanischstämmigen französischen Autors
Tahar Ben Jelloun. Durch die französische Kolonialgeschichte und die sich ab den 50er
Jahren anschließende Immigrationsbewegung aus den Maghrebstaaten1 in den
prosperierenden Westen entwickelte sich eine kulturelle Konstellation und ein ökonomisches
Gefälle, die zu massiven Konflikten führten. Diese Konflikte betreffen sowohl die Politik der
genannten Staaten als auch das Verhalten der Menschen, die in diesen Staaten leben. Tahar
Ben Jelloun ist in Marokko geboren, wuchs dort auf und emigrierte als Erwachsener nach
Frankreich. Die Thematik der Immigration und des Verhältnisses zwischen Orient und
Okzident greift er in nahezu all seinen Werken auf. Durch das ,Insider-Wissen`, die
professionelle interkulturelle Kompetenz und die persönliche Betroffenheit, ist ein
persönlicher Bezug und eine Empathie zu den Figuren in seinen Werken stets präsent.
Das Hauptziel der Arbeit ist es, der Frage nachzugehen, wie die Protagonisten in ihrer
Identitätsfindung zwischen den Kulturen in seinen Werken dargestellt werden und welche
Rolle die Immigration dabei spielt. Das besondere Augenmerk richtet sich deshalb auf die
Analyse der repräsentativen Protagonisten, die Tahar Ben Jelloun in seinen Romanen
zeichnet, sowie der individuellen Schicksale, die den Begriff der ,,interkulturellen
Identitäten"2 plakativ widerspiegeln.
Die Untersuchung geht exemplarisch vor und beschränkt sich im Wesentlichen auf
drei späte Werke Ben Jellouns, die thematisch besonders relevant sind. Einleitend erfolgt eine
Erläuterung, in der die zentralen Begriffe Identität, interkulturelle Identität sowie Immigration
in Anlehnung an die inhaltliche Thematik der Werke betrachtet werden sollen. Daran schließt
sich ein Kapitel über die sozio-kulturellen Hintergründe der maghrebinischen Kultur und
Literatur an, mit dem Ziel, die im folgenden analysierten Werke thematisch vorzubereiten.
1 Unter ,Maghreb` wird allgemein der westlichste Teil Afrikas verstanden, der drei Staaten umfasst, die ehemals
zum französischen Kolonialreich gehörten. Bei HEILER, Susanne (2005):
Der maghrebinische Roman. Eine
Einführung.
Tübingen: Gunter Narr Verlag. S.9 heißt es dazu: ,,Maghreb leitet sich von dem arabischen Wort für
,Westen` ab und bezeichnet die nordafrikanischen Länder Algerien, Marokko und Tunesien." Im weiteren,
geographischen Sinne schließt die Region Maghreb außerdem das von Marokko besetzte Gebiet Mauretaniens
sowie die Westsahara ein. Wenn im Verlauf der Arbeit die Bezeichnung ,Maghreb` verwendet wird, bezieht sich
das immer auf die enger gefasste Definition Heilers.
2 Eine nähere begriffliche Erläuterung folgt in Kapitel 1.2.
4
Dabei beziehe ich mich insbesondere auf die ausführlichen Untersuchungen von Susanne
Heiler.
Kapitel 2 bildet den Hauptteil der Arbeit. Das Unterkapitel 2.1 widmet sich zunächst
dem Autor selbst. Die ausführliche Beschäftigung mit dem Autor rechtfertigt sich durch
seinen biografischen Bezug zu den Werken, seine didaktisch-aufklärende Intention sowie
seine ethnisch-kulturelle Herkunft. Seine eigenen interkulturellen Erfahrungen sowie seine
spezifische Ausbildung beeinflussen sowohl Stil als auch Thematik nachhaltig. Das Herzstück
der Untersuchung bildet dann die Analyse der drei Romane
Les yeux baissés
(1991),
Les
raisins de la galère
(1996) und
Partir
(2006). Die Wahl fiel auf gerade diese drei Romane,
weil sie die Entwicklung der Emigration aus dem Maghreb zwischen den 50er und 90er
Jahren des 20. Jahrhunderts repräsentativ widerspiegeln. Außerdem stellen sie auch die
Entwicklung der persönlichen Schwerpunkte und den kritischen Blick des Autors auf die
Immigration zwischen 1991 und 2006 dar. Um diesen Entwicklungen Rechnung zu tragen,
habe ich mich für einen chronologischen Aufbau und eine jeweils gesonderte Analyse der drei
Werke entschieden. Das heißt, die Analyse der Werke erfolgt sowohl in Bezug auf die
Entstehungs- bzw. Erscheinungsjahre, als auch den zeitlichen Hintergrund der jeweiligen
Handlung betreffend, in chronologischer Abfolge. Nichtsdestotrotz sollen aber auch durch
entsprechende Querverweise Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Büchern
herausgearbeitet werden.
Die Untersuchungen von
Les yeux baissés
und
Les raisins de la galère
beziehen sich
vielfach auf die ausführliche Forschung Roland Spillers. Da
Partir
erst kürzlich erschienen
ist, gibt es zu diesem Roman bisher kaum Sekundärliteratur. Daher stützt sich die
Untersuchung hauptsächlich auf eigene Analyse sowie einschlägige Interviews mit dem
Autor.
Die Unterkapitel der einzelnen Romananalyse sind jeweils ähnlich aufgebaut.
Eingangs steht stets ein kurzer Inhaltsüberblick, dann erfolgt eine Einordnung in den sozio-
kulturellen und historischen Kontext des Werkes sowie eine erste Annäherung an den
stilistischen Aufbau. Darauf aufbauend, folgen hauptsächlich jeweils ausführliche Analysen
ausgewählter Figuren. Dabei wird auf folgende Fragen eingegangen: Welche (Identitäts-)
Konflikte zeigt Ben Jelloun auf? Worin bestehen diese Konflikte, die durch die Immigration
entstehen, in welchen Handlungen der Protagonisten manifestieren sie sich? Welche Rolle
spielt der Begriff der Interkulturalität? Wie stellt Ben Jelloun die Identitätskonflikte der
5
Figuren stilistisch dar, welche Methoden verwendet er? Welcher Zusammenhang besteht
zwischen Inhalt und Form, was sagen die Stilmittel über den Inhalt aus?
Zusätzlich zu diesen Grundfragen erfolgt in den Kapiteln 2.2.1 und 2.4.1 eine Analyse
der Titel und Paratexte der Romane, die eine wichtige Rolle für das Verständnis der
dargestellten interkulturellen Konflikte spielen. Kapitel 2.2.4 und Kapitel 2.3.3 widmen sich
der näheren Betrachtung von zwei besonderen Motiven, nämlich dem Baum und dem Haus.
Beide symbolisieren in unterschiedlicher Weise den Begriff der interkulturellen Identitäten
und haben in den Romanen eine tragende Bedeutung. Bei der Analyse des Romans
Partir
wird aufgrund der Aktualität zusätzlich der Aspekt des islamistischen Fundamentalismus
beleuchtet und dessen Darstellung im Kontext der Immigration und Identitätsfindung
jugendlicher Maghrebiner analysiert.
Wie sich im Verlauf der Arbeit zeigen wird, weist Ben Jelloun männlichen und
weiblichen Figuren unterschiedliche Umgangsweisen mit der Immigration und dem
Paradigma der kulturellen Hybridität zu. Im Fazit soll versucht werden, die gemeinsamen und
unterscheidenden Merkmale aller Figuren zu einer Synthese zusammenzuführen. Außerdem
soll der Zusammenhang zwischen Form und Inhalt im Gesamtüberblick über die drei Werke
noch einmal hergestellt werden.
1.2 Identität interkulturelle Identität
Um in dieser Arbeit näher auf den Begriff der
interkulturellen Identität
als Folge der
Immigration bzw. als Folge der Immigration der Eltern- oder Großelterngeneration eingehen
zu können, bedarf es zunächst einer klaren Definition des Begriffs
Identität
an sich. Das Wort
Identität entstammt dem Lateinischen
identitatis
; das lateinische Wort
idem,
aus dem es sich
ableitet, bedeutet ,,das Gleiche". Im Petit Robert wird
identité
wie folgt definiert: ,,Le fait
pour une personne d′être tel individu et de pouvoir être reconnu pour tel sans nulle confusion
grâce aux éléments qui l′individualisent"3. Identität wird also zum einen bestimmt durch alle
individualisierenden Elemente, die eine Person einzigartig machen und sie dadurch von
anderen unterscheidet. Das Duden Fremdwörterbuch liefert eine weitere Definition: ,,die als
`Selbst` erlebte innere Einheit der Person"4. Identität wird also auch durch die
Selbstwahrnehmung bestimmt. Diese Definitionen beschreiben die persönliche Identität, die
m.E. aber nur einen Teil der menschlichen Identität ausmacht.
3 ROBERT, Paul/ REY DEBOVE, Josette (2007):
Le nouveau Petit Robert : dictionnaire alphabétique et
analogique de la langue française
. Paris: Le Robert. S.957
4 BAER, Dieter u. a. (2001):
Duden, Fremdwörterbuch.
Mannheim: Duden Verlag. S.419
6
Diese Erklärung miteinbezogen, kann eine Kategorisierung der Gesamtidentität eines
Menschen in folgende drei große Bereiche vorgenommen werden:
1. die sozial-gesellschaftliche Identität: Gruppenzugehörigkeit, ethnisch-kulturelle Wurzeln,
sie verbindet mit anderen Individuen,
2. die persönliche Identität: vom Individuum gefühlt und gelebt, sie unterscheidet von
anderen Individuen,
3. die offizielle Identität: rechtlich anerkannter Status, Staatsangehörigkeit.5
Natürlich sind diese Kategorien nicht ohne weiteres getrennt voneinander zu
betrachten, sondern bedingen einander und überlappen sich. Zur ersten Kategorie gehören
Sprache, Kultur, Religion, Gebräuche und Traditionen6 sowie das Zugehörigkeitsgefühl zu
einer Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft kann im engeren Sinne die Familie sein, im
weitesten Sinne gehört dazu aber ebenfalls die nationale Identität, welche nicht zwangsläufig
mit der Staatsbürgerschaft übereinstimmen muss. Religiöse Gruppenzugehörigkeit,
beispielsweise der fundamentalistische Islamismus, zählen ebenfalls zu dieser Kategorie.
Obwohl die nationale Identität einer Person nur ein Teil der multiplen Identifikationen ist,
nimmt dieser Teil in extremen und bedrohlichen Situationen überhand. Zu diesen
Extremsituationen zählt auch die Emigration und das Leben in einem fremden Land, das ein
verschärftes Abgrenzen der eigenen Identität vom Fremden zur Folge haben kann. Vermehrter
Zulauf zu fundamentalistischen Glaubensgruppierungen kann so als Folge dieser Abschottung
betrachtet werden. Durch das Partizipieren an einer Gemeinschaft wird das Fehlen anderer
Elemente der sozialen Identität (vertrauter Sprach- und Kulturraum etc.) ersetzt. Auf dieses
spezielle Phänomen soll später bei der Analyse des Romans
Partir
noch näher eingegangen
werden.
Was passiert mit dem Individuum, wenn Sprache, Kultur und Religion des Umfelds
sich ändern? Wenn durch unfreiwillige oder freiwillige Immigration eine komplette
Veränderung der Lebensumstände statt findet, wird das Zugehörigkeitsgefühl zu einer
Gemeinschaft zerstört oder zumindest in Frage gestellt. Teile der zur Identität des Menschen
gehörenden Faktoren werden ausgeblendet, neue Einflüsse strömen auf den Immigranten ein,
alte Gruppenzugehörigkeiten treten entweder in den Hintergrund oder gewinnen im
Gegenteil eine größere Bedeutung. Sowohl mit der neuen als auch mit der alten
5 vgl. HARGREAVES, Alec (1991):
Voices
from the North African Immigrant Community in France.
New
York/Oxford: Berg, French Studies Series. S.20 und HILLMANN, Karl-Heinz (1994):
Wörterbuch der
Soziologie
. Stuttgart: Kröner. S.350/351.
7
Gemeinschaft bestehen nun Verbindungen, beide machen den Menschen, der zwischen den
Kulturen steht, aus und prägen ihn.
Aus dieser Spagatsituation der interkulturellen Identität können sich sowohl Vorteile
als auch große Probleme ergeben. Die Chance liegt in der kulturellen Vielfalt, dem
selbstverständlichen Aufwachsen in der Mehrsprachigkeit und einem toleranten Umgang
miteinander. Schwerwiegende Probleme entstehen v. a. durch mangelnde Integration und
Information, Unverständnis und Intoleranz seitens beider Kulturkreise, psychische und
physische Probleme der Immigranten, die durch kulturelle Unterschiede entstehen und
Rassismus seitens der Aufnahmegesellschaft7. Die oben bereits erwähnte radikale
Hinwendung zur Religion als Gruppengefüge gehört ebenfalls dazu. Im heutigen - einst
ethnisch und kulturell relativ homogenen - Westeuropa treffen kulturell und ethnisch stark
differierende Gruppen aufeinander und es entsteht eine immer heterogenere multikulturelle,
multiethnische und multinationale Gesellschaft.8 Das kann eine Chance für die Entwicklung
einer individuellen, charakterstarken Identität sein, aber es ist auch eine große
Herausforderung an der, wie sich im Verlauf der Arbeit zeigen wird, einige der in Ben
Jellouns Romanen dargestellten Charaktere scheitern.
Die Fragen nach der eigenen Identität ,,Wer bin ich?", ,,Wohin gehöre ich?" und ,,Was
macht mich zu dem, was ich bin?" stellen sich fast allen Menschen. Geschlecht, Eltern,
soziales Umfeld, Religion und Sprache sind nur einige der Faktoren, die zur Beantwortung
dieser komplexen Fragen zu Rate zu ziehen sind. Zwischen den Kulturen, mitten in der
Pubertät, mit einem ungewissen Blick in die Zukunft, illegal und ohne Pass in einem fremden
Land, gesellschaftlich marginalisiert diese Faktoren, mit denen die Protagonisten in Ben
Jellouns Werken zu kämpfen haben, erschweren die Suche nach der eigenen Identität
zweifelsohne erheblich. Der marokkanisch-französische Autor greift die dabei entstehenden
zwischenmenschlichen sozialen Spannungen und Konflikte auf und gibt der sensiblen
aktuellen Thematik der interkulturellen Identitäten durch seine jugendlichen Protagonisten ein
markantes Gesicht.
1.3 Immigration
Im Zusammenhang mit Ben Jellouns Werken bezieht sich der Begriff der Immigration immer
auf die Migration aus den Maghrebstaaten Marokko, Algerien oder Tunesien nach Europa,
6 Vgl. WAXMAN, Dov (1997) :
Immigration and Identity: A New Security Perspective in Euro-Maghreb
Relations.
London: risct. Conflict Studies 302. S.19
7 vgl. HARGREAVES (1991) S.20
8 vgl. WAXMAN (1997) S. 20
8
vornehmlich auf Frankreich, in
Partir
auf Spanien. Immigration bedeutet die längere oder gar
zeitlich unbegrenzte Übersiedlung in ein anderes Land. Faktoren, die ein hohes
Migrationspotential zur Folge haben, sind allgemein Bevölkerungswachstum, Arbeitslosigkeit
(vgl.
Partir
), Wassermangel und Armut (vgl
. Les yeux baissés
) sowie insgesamt Faktoren
demografischer, ökologischer und ökonomischer Art.9 Migration gab es schon immer und ist
keineswegs ein unbekanntes oder neues Phänomen. Durch das ökonomische Gefälle
zwischen den armen Maghrebstaaten und den reichen europäischen Ländern ergibt sich
allerdings ein hohes Konfliktpotential, das durch die kulturelle Differenz noch gesteigert wird.
Bei den Ursachen der Immigration muss eine Differenzierung vorgenommen werden.
Ab den 50er Jahren setzte die sogenannte Gastarbeitermigration ein, während der die
europäischen Staaten durch das schnelle Wirtschaftswachstum einen hohen Bedarf an
flexiblen und billigen Arbeitskräften hatten. In dieser Zeit warb Frankreich besonders
männliche Arbeitskräfte aus den Maghrebstaaten an. Hierbei handelte es sich vornehmlich um
legale Immigration. Die Immigranten kamen ausschließlich, um Geld zu verdienen, die
Rückkehr in die Heimat war fest geplant.10 In den 70er Jahren wurde diese staatlich initiierte
Arbeitsmigration gestoppt. Ab diesem Zeitpunkt verstärkte sich die illegale Immigration.
Auch die Gründe und Ziele veränderten sich ab den 80er Jahren zum Teil: die Missachtung
der Menschenrechte, die begrenzte soziale Freiheit und die Frustration über die
ökonomischen, sozialen und politischen Nachteile im Heimatland gegenüber dem
europäischen Westen bewogen immer mehr junge Menschen dazu, illegal als ,
boat people
ohne Rückfahrschein` das Glück in Europa zu suchen. Die Bilder von gestrandeten
Afrikanern auf den kanarischen Inseln und an der spanischen Küste zieren besonders im
Sommer auch deutsche Tageszeitungen.
Zu den Folgen der Immigration zählt vor allem der kulturelle Konflikt im alltäglichen
Leben zwischen ansässiger Bevölkerung und Immigranten. Immigration wird als ,Problem`
betrachtet und der Immigrant als ,Gefahr`. Auf der Gegenseite sieht der Immigrant das
Gastland als ,fremd` und beängstigend und sucht sich deshalb ein familiäres, ethnisches
Netzwerk von Landsleuten, die dem gleichen Schicksal ausgesetzt sind. Die Gesellschaft
spaltet sich daraufhin in unterschiedliche Parallelgesellschaften, die beim Aufeinanderprallen
in Konflikt geraten.11
9 vgl. ebd. S.6
10 Die in
Les yeux baissés
und
Les raisins de la galère
beschriebene Immigration bezieht sich auf die
Gastarbeitermigration zwischen den 50er und 70er Jahren.
11 vgl. WAXMAN (1997) S.7
9
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