Im Titel dieser Arbeit wird auf zweifache Weise ein und dasselbe Thema bezeichnet. Im Allgemeinen soll ein Beitrag zu dem Verhältnis von Sein und Sollen geleistet werden. Im Besonderen wird dabei auf einen Autor Bezug genommen, der ein bedeutender Vertreter zumindest einer Seite dieses Verhältnisses ist. Martin Heidegger hat sich in seinem Denken intensiv mit dem Sein beschäftigt. In dieser Arbeit wird es daher darum gehen, dieses Seinsdenken in ein Verhältnis zum Sollen zu setzen. Die allgemeine Themenstellung dient allerdings mehr der groben Einordnung des Problems, als dass sie tatsächlich umfassend erörtert würde. Abgesehen von einer kurzen Passage in der Schlussbetrachtung, steht das Verhältnis von Sein und Sollen im Hintergrund einer Auseinandersetzung mit der Philosophie Heideggers, wie er sie in seinem Hauptwerk Sein und Zeit ausgearbeitet hat. Bezogen auf die darin formulierte Ontologie wird die „Frage der Ethik“ gestellt. Sie lässt sich auf verschiedene Weise konkretisieren: Hat Heidegger mit Sein und Zeit eine Ethik geschrieben? Wie kommt es, dass Sein und Zeit die Frage nach einer Ethik aufwirft? Wieso muss bei Heidegger nach einer Ethik gefragt werden? Als eine erste Antwort auf die letzten Fragen kann der Hinweis auf einige ethisch konnotierte Termini dienen, die in Sein und Zeit einen wichtigen Stellenwert haben. Der zentrale Begriff der „Sorge“ z. B. weckt intuitiv Assoziationen zur Ethik. Deutlicher noch sind die Intuitionen bei dem Begriff der „Schuld“ und des „Gewissens“. Aber auch Ausdrücke wie „Angst“ oder „Entschlossenheit“ und die ausführlich behandelte Thematik des „Todes“ geben Grund zur Annahme, dass dieses als „Fundamentalontologie“ angekündigte Werk eine gewisse ethische Orientierung aufweist. Die außergewöhnliche Terminologie rechtfertigt einmal die Frage nach einer Ethik überhaupt. Dann lässt sich aber auch nach dem spezifischen Verhältnis von Ontologie und Ethik bzw. Sein und Sollen innerhalb eines Werkes fragen, dass sich einer solchen Terminologie bedient.
Humboldt-Universität zu Berlin
Philosophische Fakultät I
Institut für Philosophie
Unter den Linden 6
Sein und Sollen
Die Frage der Ethik bei Martin Heidegger
Magisterarbeit im Hauptfach Philosophie
geschrieben von
Axel Schubert
Sein und Sollen
Die Frage der Ethik bei Martin Heidegger
1.
Einleitung 1
2.
Ethik und Moral 6
3.
Heidegger und Ethik
Heideggers Position vor Sein und Zeit 11
Heideggers Position nach Sein und Zeit 14
Heideggers Position in Sein und Zeit 16
4.
Ethik und Heidegger
Ethische Aspekte in Sein und Zeit 20
Individualität: Umwillen, Zu-Sein, Sorge 20
Sozietät: Mitsein, Fürsorge, Man 25
Handlungsdisposition: Gewissen, Schuld, Entschlossenheit 33
Ethische Versäumnisse in Sein und Zeit 43
Gewissen als Ruf der Sorge 43
Schuld als Schuldigsein 45
Gewissenhaftigkeit als Gewissen-haben-wollen 46
Ethische Hindernisse in Sein und Zeit 49
Der Andere
50
Eigentlichkeit
55
Rationalität des Handelns 59
5.
Schluss Sein und Sollen 64
6.
Literatur 73
1. Einleitung
Im Titel dieser Arbeit wird auf zweifache Weise ein und dasselbe Thema bezeichnet. Im Allgemeinen soll ein Beitrag zu dem Verhältnis von Sein und Sollen geleistet werden. Im Besonderen wird dabei auf einen Autor Bezug genommen, der ein bedeutender Vertreter zumindest einer Seite dieses Verhältnisses ist. Martin Heidegger hat sich in seinem Denken intensiv mit dem Sein beschäftigt. In dieser Arbeit wird es daher darum gehen, dieses Seinsdenken in ein Verhältnis zum Sollen zu setzen. Die allgemeine Themenstellung dient allerdings mehr der groben Einordnung des Problems, als dass sie tatsächlich umfassend erörtert würde. Abgesehen von einer kurzen Passage in der Schlussbetrachtung, steht das Verhältnis von Sein und Sollen im Hintergrund einer Auseinandersetzung mit der Philosophie Heideggers, wie er sie in seinem Hauptwerk Sein und Zeit ausgearbeitet hat. Bezogen auf die darin formulierte Ontologie wird die ,,Frage der Ethik" gestellt. Sie lässt sich auf verschiedene Weise konkretisieren: Hat Heidegger mit Sein und Zeit eine Ethik geschrieben? Wie kommt es, dass Sein und Zeit die Frage nach einer Ethik aufwirft? Wieso muss bei Heidegger nach einer Ethik gefragt werden?
Als eine erste Antwort auf die letzten Fragen kann der Hinweis auf einige ethisch konnotierte Termini dienen, die in Sein und Zeit einen wichtigen Stellenwert haben. Der zentrale Begriff der ,,Sorge" z. B. weckt intuitiv Assoziationen zur Ethik. Deutlicher noch sind die Intuitionen bei dem Begriff der ,,Schuld" und des ,,Gewissens". Aber auch Ausdrücke wie ,,Angst" oder ,,Entschlossenheit" und die ausführlich behandelte Thematik des ,,Todes" geben Grund zur Annahme, dass dieses als ,,Fundamentalontologie" angekündigte Werk eine gewisse ethische Orientierung aufweist. Die außergewöhnliche Terminologie rechtfertigt einmal die Frage nach einer Ethik überhaupt. Dann lässt sich aber auch nach dem spezifischen Verhältnis von Ontologie und Ethik bzw. Sein und Sollen innerhalb eines Werkes fragen, dass sich einer solchen Terminologie bedient.
Heidegger selbst hat die Ethik als philosophische Disziplin grundsätzlich abgelehnt. Das machen einigen Stellen in Sein und Zeit deutlich. Diese ablehnende Haltung findet sich aber nicht nur hier, sondern bereits in seinen frühen Vorlesungen und auch im Spätwerk noch. In dieser Hinsicht hat die ,,Frage der Ethik" eine besondere Brisanz. Vor dem Hintergrund einer solchen Ablehnung muss die erwähnte terminologische Ausprägung umso mehr verwundern. Es lässt sich schließlich noch fragen, ob es trotz Heideggers ablehnender Haltung möglich ist, im Ausgang von Sein und Zeit zu einer
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ethischen Theorie zu gelangen. Die im Titel angekündigte ,,Frage der Ethik" stellt sich also bei genauer Betrachtung als ein ganzer Fragenkomplex heraus. Diesen zu beantworten, ist das Ziel dieser Arbeit.
Die Heidegger-Literatur ist denkbar umfangreich. Bereits sehr bald nach Erscheinen von Sein und Zeit gibt es erste direkte oder indirekte Reaktionen auf Heideggers Seinsdenken im Hinblick auf die Thematik der Ethik. So ist Karl Löwiths 1928 erschienen Abhandlung Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen sicher eine der ersten kritischen Auseinandersetzungen, die die Stellung des Mitmenschen in Heideggers Analyse des menschlichen Daseins hinterfragt. Aber auch Jean-Paul Sartes 1943 erschienenes Das Sein und das Nichts kann diesbezüglich als eine sehr frühe, eingehende Bezugnahme auf Heideggers Denken gesehen werden. Des weiteren sind Autoren oder Autorinnen wie Karl Jaspers, Hannah Arendt oder Emmanuel Levinas zu nennen, die im Ausgang oder in Absetzung von Heidegger Beiträge zur praktischen Philosophie geleistet haben.
Obwohl Sein und Zeit bis 1985 nur in Auszügen in französischer Übersetzung vorlag, ist die Rezeption in Frankreich bereits sehr früh außerordentlich groß und nicht unwesentlich für die Rehabilitation Heideggers nach dem Zweiten Weltkrieg und seinem einjährigen Rektorat 1933 verantwortlich. Die Vorlesungen von Alexandre Kojève in den 1930er Jahren, in denen dieser u. a. den Begriff der ,,Sorge" erörtert, machen Heidegger in Frankreich bereits früh bekannt. Mit seiner ersten Veröffentlichung nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Brief über den Humanismus, antwortet er denn auch öffentlich auf eine Frage seines französischen Kollegen und Förderers Jean Beaufret. Später gehören z. B. Paul Ricoeur, Jean-François Lyotard, Michel Haar oder Jacques Derrida zu bekannten Vertretern einer von Heidegger inspirierten Philosophie. Aber auch die Rezeption in Deutschland reißt nach 1945 nicht ab. Hier sei nur auf Autoren wie Walter Biemel, Hans-Georg Gadamer, Ernst Tugendhat, Helmut Fahrenbach, Gerold Prauss, Michael Theunissen, Carl-Friedrich Gethmann, Otto Pöggeler, Werner Marx er übernimmt 1976 Heideggers Lehrstuhl in Freiburg , Günter Figal oder Thomas Rentsch hingewiesen. Sie bilden die Kette einer nicht abreißenden Beschäftigung mit Heidegger hinsichtlich der ethischen Dimension der Existenz. Sie führt sein Denken weiter, kritisiert es dabei z. T. aber auch scharf. Schließlich setzt am Ende des 20. Jahrhunderts auch eine eingehende Heidegger-Rezeption im anglo-amerikanischen Sprachraum ein. Die herausragenden Protagonisten
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einer intensiv geführten Debatte bezüglich des Stellenwertes der Heideggerschen Philosophie für die Ethik sind Frederick A. Olafson und Hubert L. Dreyfus. Aber auch in der praktischen Philosophie John Haugelands oder Robert B. Brandoms findet Heideggers Denken Berücksichtigung. Insbesondere der pragmatistische Ansatz im ersten Abschnitt von Sein und Zeit findet in der analytischen Philosophie großen Anklang.
Diese Liste gibt einen keinesfalls vollständigen Überblick über die Autoren, die Heidegger in eigenständigen Veröffentlichungen gewürdigt haben. Sie ließe sich noch ergänzen durch eine lange Aufzählung von Aufsätzen. Davon soll hier abgesehen werden. Allein die Liste der Abhandlungen zu dem Verhältnis Heideggers zur Ethik ist kaum überschaubar. Der überwiegende Teil dieser Artikel, wie auch der Monografien, bezieht sich dabei sehr umfassend auf alle Phasen des Heideggerschen Denkens. Häufig wird auch der Schwerpunkt auf die Erörterung seiner Spätphilosophie gelegt. Da sich diese Arbeit auf Sein und Zeit konzentriert, unterscheidet sie sich von der großen Mehrheit dieser Texte und kann nur begrenzt auf deren Erkenntnisse zurückgreifen. Ihr Ansatz ist insofern neu, als er bewusst zwei entgegengesetzte Richtungen einschlägt. Auf der einen Seite wird versucht, Sein und Zeit für die Rekonstruktion einer Ethik zu heranzuziehen. Auf der anderen Seite wird auf derselben Textgrundlage gezeigt, inwiefern dies nicht möglich ist. Weder wird von vornherein davon ausgegangen, dass das, was Heidegger selbst zum Thema Ethik sagt, das nur zu bestätigende letzte Wort ist, noch wird sein Denken lediglich als Ausgangspunkt einer philosophischen Weiterentwicklung in Richtung einer Ethik genommen.
Die Arbeit ist in vier größere Abschnitte gegliedert. Im ersten Abschnitt wird eine kurze Positionierung bezüglich des Verständnisses von Ethik und Moral vorgenommen (2.). Die beiden Begriffe werden grundsätzlich und methodisch bestimmt. Zusätzlich wird eine mögliche Ausdifferenzierung der Ethik vorgeschlagen, wie sie für den Fortgang der Untersuchung relevant ist. Am Ende soll ein allgemeines Verständnis von Ethik und Moral vorliegen, das als Richtlinie für die Auseinandersetzung mit den ethischen Aspekten der Philosophie Heideggers dienen kann.
Der zweite Abschnitt dient der groben historischen Einordnung der ,,Frage der Ethik" bezogen auf Heideggers Werk (3.). Stellvertretend für die Zeit um das Erscheinen von Sein und Zeit soll am Beispiel des Humanismusbriefes und einer frühen Freiburger Vorlesung Heideggers eigene Einschätzung der Ethik exemplifiziert werden. Diese kurze Darstellung hat nicht den Anspruch, Heideggers Verhältnis zur Ethik gemäß
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seiner eigenen Aussagen vollständig zu klären. Sie soll lediglich eine Tendenz aufzeigen, die sich durch Heideggers ganzes Werk zieht. Am Schluss des Abschnitts wird ein erster Einblick in den methodischen Ursprung und Aufbau von Sein und Zeit gegeben. Dabei soll auf die Konsequenzen hingewiesen werden, die sich daraus für die Suche nach ethischen Ansätzen in diesem Werk ergeben. Zusätzlich soll vermittelt werden, wie Heidegger sich und sein Werk in bezug auf die Ethik positioniert.
Der dritte und größte Abschnitt wendet sich direkt an die Textgrundlage von Sein und Zeit (4.). Innerhalb dieses Abschnitts werden drei Schwerpunkte gesetzt. Zunächst sollen die wichtigsten ethischen Aspekte in diesem Werk aufgezeigt werden (4.1). Die Vorgehensweise entspricht der von Heidegger vorgegebenen Entwicklung. Sie setzt bei der individuellen Konstitution des menschlichen Daseins ein, schreitet weiter zur Bestimmung seiner Sozietät, um schließlich zur Erklärung seiner inneren Disposition beim Handeln zu gelangen. Dabei wird es darum gehen, die ontologische Struktur, die Heidegger im ersten Abschnitt von Sein und Zeit entwickelt, zu vermitteln und in deren Interpretation unter Berücksichtigung der Zeit im zweiten Abschnitt einzuführen. Bei jedem dieser drei Schritte wird das Augenmerk auf den z. T. verdeckten ethischen Gehalt der jeweiligen Strukturmomente und Begriffe gerichtet.
Der zweite Schwerpunkt gilt dem Hinweis darauf, inwiefern Heidegger es versäumt, konkret ethische Ansätze zu einer ethischen Theorie auszuführen (4.2). Am Beispiel seiner ontologischen Rekonstruktionen der Schuld und des Gewissens soll gezeigt werden, dass er sich hier zwar zweier offensichtlich ethisch besetzter Begriffe bedient, dass er deren ethischen Gehalt aber nicht berücksichtigt. Es lässt sich erkennen, dass die formale Bestimmung des Gewissens als ,,Ruf der Sorge", der Schuld als ,,Schuldigsein" und der Gewissenhaftigkeit als ,,Gewissen-haben-wollen" jeweils einer Einklammerung dieses Gehaltes bedeuten, auf den später nicht wieder zurückgegriffen wird. Eine eingehende Betrachtung wird zeigen, dass dies auch gar nicht mehr möglich ist. Die ontologische Reduktion dieser Begriffe wird sich als deren Entmoralisierung herausstellen.
Der letzte Schwerpunkt des dritten Abschnitts ist der Erläuterung dreier sachlichsystematischer Aspekte in Sein und Zeit gewidmet (4.3). Deren Widersprüchlichkeit oder Unausgewogenheit werden als Hinderungsgrund dafür gesehen, dass eine Ethik im Ausgang dieses Werkes möglich ist. Dies gilt einmal für die Stellung des Anderen in der ontologischen Bestimmung des menschlichen Daseins. Es wird gezeigt, dass diese in einer vollkommenen Abhängigkeit vom thematischen ,,Dasein" steht. Das hat zur Konsequenz, dass eine vollwertige Interpersonalität, wie sie in dieser Arbeit für die
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Ethik eingefordert wird, nicht gegeben ist. Dann ist es der Heideggersche Terminus der ,,Eigentlichkeit", der zu der Einsicht führt, dass Sein und Zeit konsequent egozentrisch konzipiert ist. Die Überprüfung dieses Begriffs auf seine Tragfähigkeit im überindividuellen Bereich hin wird zu der Einsicht führen, dass Heideggers ontologische Konstitution des Menschen in vollkommene Vereinzelung und Determiniertheit durch das Schicksal führt. Dadurch wird dem Menschen der individuelle und soziale Handlungsspielraum entzogen, innerhalb dessen eine Ethik greifen könnte. Schließlich sind es diese soziale Unausgewogenheit der ,,Fundamentalontologie" und der daraus resultierende Mangel an Kriterien, die das menschliche Handeln letztlich als irrational erscheinen lassen. Indem, wie sich zeigen wird, weder der Andere noch sonstige Instanzen das Handeln des einzelnen ,,Daseins" beeinflussen können, wird einer jeden Ethik ihre Grundlage entzogen. Es wird sich herausstellen, dass Heideggers Überwindung des traditionellen Subjektivitätsdenkens auch zu einem Aufgeben der Vernunft und damit des essentiellen Mittels zur Ausrichtung des Handelns und zur Ordnung des Zusammenlebens führt.
Im letzten Abschnitt wird zunächst eine zusammenfassende Schlussbetrachtung noch einmal den Gang des Hauptteils der Arbeit wiederholen (5.). Dabei wird auf die wichtigsten Erkenntnisse des vorhergehenden Abschnitts eingegangen. Im Anschluss daran wird erneut das ambivalente Verhältnis diskutiert, das zwischen Heidegger und der Ethik besteht. Rückblickend wird darauf eingegangen, dass die Frage nach einer Ethik im Anschluss an Sein und Zeit unweigerlich gestellt werden muss. An einigen Beispielen wird gezeigt, dass Heidegger auch inhaltlich deutliche Assoziation zur Ethik weckt. Diese werden als ein philosophisches Versprechen gedeutet, dessen Einlösung er jedoch schuldig bleibt. Es wird gezeigt, dass einige der ethischen Aspekte im einzelnen durchaus originelle Ansatzpunkte für eine noch zu schreibende Ethik darstellen. Schließlich kommt es am Ende der Arbeit noch zu einer kurzen Erörterung des Verhältnisses von Sein und Sollen vor dem Hintergrund der gewonnenen Erkenntnisse. Dazu wird Sein und Zeit unter den Verdacht einer ,,naturalistic fallacy" nach der Bestimmung George Edward Moores gestellt. Damit soll auch noch eine letzte Frage beantwortet werden: Ist das Sollen, das sich in Sein und Zeit finden lässt, möglicherweise einzig aus einem Sein abgeleitet?
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2. Ethik und Moral
Soll ein philosophischer Text analysiert werden, so muss vorab klar sein, in welcher Hinsicht dies geschehen soll. Die Schwierigkeit liegt dabei in der angemessenen Bestimmung des konzeptionellen Rahmens. Wird er zu fest umrissen, kann der Eindruck entstehen, es werde vorher bereits festgelegt, was später gefunden werden soll. Eine Untersuchung, die dagegen vorgibt, sich nicht im Voraus festlegen zu wollen, läuft Gefahr, sich selbst zu täuschen. Wenn daher Heideggers Sein und Zeit auf seine ethische Dimension hin überprüft werden soll, so bedarf es der Festlegung auf ein angemessenes Verständnis dessen, was genau mit Ethik gemeint ist.
Seit Aristoteles′ großer Differenzierungsleistung ist die Ethik eine eigenständige philosophische Disziplin neben der Logik und der Physik. ,,Ethik" bezeichnet also einen bestimmten Teilbereich der Philosophie, in dem systematisch Überlegungen angestellt und zu Theorien zusammengefasst werden. Heute wird ,,Ethik" oft synonym mit ,,Moralphilosophie" verwendet. Das bringt noch deutlicher zum Ausdruck, dass von einem Bereich der Philosophie die Rede ist. Es lässt aber vermuten, dass ,,Ethik" und ,,Moral" ebenso gleichgesetzt werden können. In vielen Fällen, sowohl in der substantivischen als auch der adjektivischen Verwendung, ist das durchaus legitim. Wenn man z. B. sagt ,,Er vertritt eine bestimmte Moral", so kann man genauso gut sagen ,,Er vertritt eine bestimmte Ethik". In anderen Fällen dagegen ist eine Substitution nicht möglich. Am deutlichsten wird das beim negierten adjektivischen Gebrauch. ,,Er ist ein unmoralischer Mensch" kann nicht in ,,Er ist ein unethischer Mensch" umgewandelt werden. Der gewöhnliche Sprachgebrauch kennt ,,ethisch" nicht als ein in dieser Form negierbares Prädikat.
Die umgangssprachlichen Nuancen verdanken sich zuallererst der Tatsache, dass nicht nur der griechische Wortursprung, sondern auch dessen lateinische Übersetzung erhalten geblieben sind. Der Ausdruck ,,Ethik" leitet sich von dem griechischen (Gewohnheit, Sitte, Brauch) ab, das später zu (Charakter) wurde. ,,Moral" geht auf das lateinische mos zurück, was eine Übersetzung beider Begriffe ist und was deren Bedeutungen zusammenführt. Wie das obige Beispiel aber zeigt, haben sich bestimmte Verwendungsgewohnheiten etabliert. Danach werden ,,Moral" und ,,moralisch" häufig
mit dem Charakter einer Person oder den Sitten einer Gesellschaft assoziiert. Unter ,,Ethik" wird dagegen eher ein systematisches Regelwerk verstanden, das über das individuelle Verhalten hinausgeht.
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