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Wie kommt der Sinn in die Welt?

Über den Sinnbegriff in Edmund Husserls "Ideen"
Scholary Paper (Seminar),  2000, 32 Pages
Price: 10,99 EUR (E-Book), 15,99 EUR (Book)
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Description

Archive No.:
V114296
ISBN (E-book):
978-3-640-15844-7
ISBN (Book):
978-3-640-15954-3
DOI:
10.3239/9783640158447
File size:
178 KB

Category:
Scholary Paper (Seminar)
Year:
2000
Pages:
32
Bibliography:
~ 18   Entries
Grade:
1,0
Language:
German

Tags:

Abstract

Von Emmanuel Levinas ist ein Anekdote überliefert, die Edmund Husserl ihm selbst bei einem Aufenthalt in Straßburg erzählt haben soll . Dieser Geschichte zufolge bekam Husserl als Kind einmal ein Taschenmesser geschenkt. Da ihm die Klinge dieses Messers jedoch nicht scharf genug erschien, schliff er sie immer wieder. Ausschließlich darauf bedacht die Klinge zu schärfen, merkte der junge Husserl nicht, wie diese immer kleiner wurde und schließlich verschwand. Husserl maß dieser Erinnerung eine symbolische Bedeutung bei, die ihn beim Erzählen derselben traurig gestimmt haben soll. Er muß gespürt haben, wie seine Tendenz, seine philosophische Methode stets zu vervollkommnen, ihn immer wieder um eine endgültige systematische Formulierung gebracht hat. Immer wieder sind seine Entwürfe einer Gesamtdarstellung gescheitert. Sei es, daß sie inhaltlich noch nicht abgerundet waren, wie bei seinen „Logischen Untersuchungen“ , sei es, daß wichtige Teile nicht mitveröffentlicht wurden, wie bei den „Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie“ , oder sei es, daß er bei der Überarbeitung eines bereits zum Druck eingesandten und wieder zurückverlangten Manuskriptes erkrankte und starb, wie es sich bei seinem letzten Werk, der „Krisis-Schrift“ ereignete. Husserl unterzog seine Arbeitsergebnisse immer wieder neuen Korrekturen. Bis an sein Lebensende gab er sich mit dem, was er bisher erarbeitet hatte, nicht zufrieden, sodaß er schließlich nie zu einem vollendeten abgeschlossenen Lebenswerk gelangen konnte. Daß dieses unermüdliche Weiterkommen- und Vervollkommnen-wollen zuweilen zu der Einsicht geführt hat, dem Ziel wohl auf ewig fern bleiben zu müssen und daß dies wiederum Husserls Stimmung gelegentlich verdunkelt hat, ist leicht einzusehen. Wieviel Kraft mag es gekostet haben, immer wieder aufs Neue eine Einleitung in eine neuzugründende Philosophie zu schreiben und doch nie über diese Einleitung hinaus zu kommen. Müssen doch Husserls große Werke allesamt als Einleitungen zu einer Philosophie verstanden werden, deren Eigenart es mitunter war, nicht zu einem Ende gebracht werden zu können. Die „Phänomenologie“ muß als ein neuerschlossener Nährboden für ein neues Denken gesehen werden, der vielen späteren Denkern die Möglichkeit gegeben hat, neue Erträge einzufahren...

Excerpt (computer-generated)

Humboldt-Universität zu Berlin

Institut für Philosophie

Wie kommt der Sinn in die Welt? -
Über den Sinnbegriff in Edmund Husserls ,,Ideen"

von Axel Schubert

 


1. Einleitung 1

2. Sinn und Bedeutung 3

3. Sinn und Noese 6

4. Sinn und Noema 12

5. Sinn und Sein 20

6. Schlussbemerkung 25

7. Literatur 28

 


1. Einleitung

Von Emmanuel Levinas ist ein Anekdote überliefert, die Edmund Husserl ihm selbst bei einem Aufenthalt in Straßburg erzählt haben soll1. Dieser Geschichte zufolge bekam Husserl als Kind einmal ein Taschenmesser geschenkt. Da ihm die Klinge dieses Messers jedoch nicht scharf genug erschien, schliff er sie immer wieder. Ausschließlich darauf bedacht die Klinge zu schärfen, merkte der junge Husserl nicht, wie diese immer kleiner wurde und schließlich verschwand. Husserl maß dieser Erinnerung eine symbolische Bedeutung bei, die ihn beim Erzählen derselben traurig gestimmt haben soll. Er muß gespürt haben, wie seine Tendenz, seine philosophische Methode stets zu vervollkommnen, ihn immer wieder um eine endgültige systematische Formulierung gebracht hat. Immer wieder sind seine Entwürfe einer Gesamtdarstellung gescheitert. Sei es, daß sie inhaltlich noch nicht abgerundet waren, wie bei seinen ,,Logischen Untersuchungen"2, sei es, daß wichtige Teile nicht mitveröffentlicht wurden, wie bei den ,,Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie"3, oder sei es, daß er bei der Überarbeitung eines bereits zum Druck eingesandten und wieder zurückverlangten Manuskriptes erkrankte und starb, wie es sich bei seinem letzten Werk, der ,,Krisis-Schrift" ereignete.

Husserl unterzog seine Arbeitsergebnisse immer wieder neuen Korrekturen. Bis an sein Lebensende gab er sich mit dem, was er bisher erarbeitet hatte, nicht zufrieden, sodaß er schließlich nie zu einem vollendeten abgeschlossenen Lebenswerk gelangen konnte. Daß dieses unermüdliche Weiterkommen- und Vervollkommnen-wollen zuweilen zu der Einsicht geführt hat, dem Ziel wohl auf ewig fern bleiben zu müssen und daß dies wiederum Husserls Stimmung gelegentlich verdunkelt hat, ist leicht einzusehen. Wieviel Kraft mag es gekostet haben, immer wieder aufs Neue eine Einleitung in eine neuzugründende Philosophie zu schreiben und doch nie über diese Einleitung hinaus zu kommen. Müssen doch Husserls große Werke allesamt als Einleitungen zu einer Philosophie verstanden werden, deren Eigenart es mitunter war, nicht zu einem Ende

1 vgl. Husserl, Edmund: Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge. Hrsg. von S. Strasser. In: Husserliana Bd. 1, Den Haag 1950, Einleitung XXIX.
2 Wenn im Zusammenhang dieser Arbeit von Edmund Husserls ,,Logischen Untersuchungen" die Rede ist, so bezieht sie sich gemeinhin auf den 1901 veröffentlichte II. Band dieses Werkes. Ich verwende im Folgenden die Abkürzung ,LU`.
3 Ich verwende im Folgenden die Abkürzung ,Ideen I`.

 


gebracht werden zu können. Die ,,Phänomenologie" muß als ein neuerschlossener Nährboden für ein neues Denken gesehen werden, der vielen späteren Denkern die Möglichkeit gegeben hat, neue Erträge einzufahren. Mag es Husserl auch bewußt gewesen sein, daß er mit seiner Arbeit ein Forschungsfeld betreten hatte, daß er selbst nie ganz würde erschließen können, und mag ihn das auf der einen Seite auch mit Stolz erfüllt haben, so wird ihn diese Aussicht auf der anderen Seite auch immer wieder in Momente des Selbstzweifels und der Unzufriedenheit gerissen haben. Davon zeugt die Anekdote über das Taschenmesser, aber auch der umfangreiche Nachlaß seines Briefwechsels beinhaltet immer wieder Passagen, in denen er klagt, nicht zur Zufriedenheit in der Arbeit weitergekommen zu sein.

In den Ideen I gibt es einzelne Stellen, in denen Husserl darauf aufmerksam macht, daß mit einer abgeschlossenen Bearbeitung eines bestimmten Aspektes nicht zu rechnen sei. Es gehe nicht darum, ausführende Theorien zu einzelnen Themen zu formulieren, sondern schlicht darum, allgemeine Gedanken zu einer ,,neuen Wissenschaft", der Phänomenologie zur Einsicht zu bringen. Es muß also berücksichtigt werden, daß eine gewisse Unvollkommenheit zum Programm der Phänomenologie gerechnet werden muß.

Indem sich diese Arbeit insbesondere mit den Ideen I beschäftigt, steht sie vor der Aufgabe, die Phänomenologie Husserls als eine Einführung gelten zu lassen, die weder in diesem einen Werk, noch als Gesamtwerk endgültige, letzte Auskünfte enthält. Gleichzeitig muß aber versucht werden allgemeine Erkenntnisse aus dieser Vorlage zu gewinnen, die über ihren Charakter der Vorläufigkeit Bestand und Gültigkeit haben. Als Arbeitsthema ist der Begriff ,,Sinn" gewählt, der vor dem Hintergrund einer neu vorgeschlagenen Philosophie, die auch eine neue Arbeitsmethode ist, freigestellt und analysiert werden soll. Dazu ist es notwendig, vorab die Vorarbeit, die in den LU geleistet wurde, mitzuberücksichtigen. Werden auch gelegentlich andere Werke Husserls, wie auch die anderer Autoren erwähnt, so gilt doch das Hauptaugenmerk den Gedanken, die die Ideen I bezüglich diese Begriffes zur Verfügung stellen.

Die Eigenart dieses Begriffes und auch seine Positionierung in den Ideen I verbietet es, ihn isoliert zu betrachten und zu bestimmen. Er muß im Umfeld anderer Begriffe aufgespürt und identifiziert werden. Es geht also um die Untersuchung seines begriffsgesellschaftlichen Verhaltens: In welchen Zusammenhängen tritt er auf, mit welchen Begriffen steht er in Verbindung etc.? Erst nach einer generellen Bestimmung seiner Stellung im besprochenen Werk kann der Versuch unternommen werden, einige

2

 


allgemeine Aussagen über ihn zu machen. Dabei wurden einige Werke aus der Husserl-Forschung zu Rate gezogen, die sich besonders mit dieser Thematik beschäftigen.

2. Sinn und Bedeutung

Beschäftigt man sich mit dem englischen Wort ,,meaning" und hat man dabei auch zunächst kein philosophisches Ansinnen, so wird man bald merken, daß die deutsche Sprache für die Übersetzung dieses Wortes zwei Alternativen offenhält. Man kann wählen, es entweder mit ,,Sinn" oder mit ,,Bedeutung" zu übersetzen, ohne dabei einer Übersetzungsgewohnheit zu ent- oder widersprechen. Der alltägliche Gebrauch kennt die in der Philosophie gelegentlich auftretenden Nuancen ebensowenig und verwendet Sinn und Bedeutung zumeist gleichbedeutend.

Verweilt man noch einen Moment länger bei diesem Wort und übersetzt seine verbalisierte Form, so stößt man auf eine weitere Variante im Bedeutungsumfeld dieses Ausdrucks. Mit ,,Meinen" oder ,,Meinung" tritt ein dritter wichtiger Begriff in Erscheinung, der zwar nicht unbedingt zur Übersetzung des Substantivs dient und auch im Alltag selten Anlaß zu äquivalenter Verwendung bietet. Für die Philosophie ist es aber von gewissem Wert, bei der Rede von Sinn und Bedeutung diesen Ausdruck mitzuberücksichtigen.

In Husserls Arbeiten stößt man auf alle drei Ausdrücke im Zusammenhang seiner phänomenologischen Erörterungen. Wirft man einen Blick ins Sachregister der LU und der Ideen I4, so wird man verschiedener allgemeiner Tendenzen gewahr, was die Verwendung der einzelnen Termini anbelangt. Beim Durchgehen der einzelnen Begriffe und den für sie angegebenen Textstellen stellt man fest, daß in den LU zunächst noch sehr häufig und kontinuierlich durch das gesamte Werk verlaufend von ,,Bedeutung" die Rede ist. Der Ausdruck ,,Sinn" dagegen taucht nur einige Male in der ersten LU auf. Daraufhin findet er sich nur noch sehr sporadisch in der fünften und sechsten LU. In der ersten LU, die den Titel ,,Ausdruck und Bedeutung" trägt, steht der ,,Sinn" anfangs noch Seite an Seite mit der

4 Die für diese Untersuchung verwendete achtbändige Ausgabe der ,,Gesammelten Schriften" Husserls von 1992, bietet ein gemeinsames Sachregister für alle in dieser Ausgabe veröffentlichten Schriften. Dies sind nur diejenigen Schriften, die Husserl selbst publiziert hat, was die beiden Bände der LU und das erste Buch der Ideen I von 1913 beinhaltet. Das gemeinsame Register bietet einen guten Überblick und läßt die angesprochene Tendenz der begrifflichen Verwendung ebenso deutlich erkennen.

 


,,Bedeutung". Nachdem sich Husserl aber dazu entschieden hat ,,Bedeutung (...) ferner gleichbedeutend mit Sinn"5 zu gebrauchen, streicht er das Wort ,,Sinn" für die folgenden Untersuchungen förmlich aus seinem Vokabular und konzentriert sich fortan auf die ,,Bedeutung".

Man ist geneigt, dies auf die Schwierigkeiten zurückzuführen, die Husserl zuvor im § 14 der ersten LU noch damit hat ,,Sinn" und ,,Bedeutung" nebeneinander zu verwenden.6 Dort ist einmal vom ,,erfüllenden bzw. durch den Ausdruck ausgedrückten Sinn" die Rede, der dem Akt der ,,Bedeutungserfüllung" entspricht. Der Gegenstand ist darin in derselben Weise gegeben, wie er in der Bedeutung gemeint ist. Diese Übereinstimmung von Gemeintem und Gegebenem nennt Husserl wenig später aber auch die ,,erfüllende Bedeutung". Will es dem Leser zunächst so erscheinen, als ergebe sich im intensiven Textstudium eine feine Unterscheidung der beiden Begriffe, so wird diese Annahme durch das Auftauchen des einen in der Bedeutung des anderen wieder zunichte gemacht. Es bleibt lediglich der Eindruck, daß Husserl den Ausdruck ,,Bedeutung" mit dem Meinen eines aussagenden Aktes verknüpft, wohingegen ,,Sinn" eher ein idealer Erfüllungsgegenstand in einem den Gegenstand konstituierenden Akt ist.

Wie sich aber schon in früheren Paragraphen der LU angedeutet hat, trifft die aus der alltäglichen Rede bekannte Äquivalenz der Termini auch auf Husserls sprachlichlogische Untersuchen zu7. Husserl begrüßt es, daß ihm die Möglichkeit gegeben ist, sich bei der Wahl der Termini abzuwechseln und er dadurch gar die Thematik der vorliegenden Untersuchung elegant auszudrücken vermag. Schließlich ginge es gerade darum, den ,,Sinn des Terminus Bedeutung"8 zu erforschen. Er macht von dieser Wahlmöglichkeit im Folgenden jedoch nur in geringem Maße Gebrauch und bedient sich stattdessen fast ausschließlich des Ausdruckes ,,Bedeutung".

5 Husserl, Edmund: Gesammelte Schriften / Edmund Husserl. Hrsg. von Elisabeth Ströcker. Bd. 3. Logische Untersuchungen. - Bd. 2 Untersuchungen zur Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis. - Teil 1. nach Husserliana XIX/1. Hamburg 1992, S. 58.
6 Daß darüberhinaus zwischen Husserls Arbeit an diesen Begriffen und der Gottlob Freges ein Zusammenhang besteht, geht u.a. aus Husserl Verweis auf Frege und dessen begrifflicher Differenzierung hervor, von der er sich bewußt distanziert. Vgl. dazu Husserl, Logische Untersuchungen a.a.O. S. 58. Wie sehr Frege Husserls Terminologie beeinflußt hat muß an dieser Stelle jedoch Spekulation bleiben. Vgl. dazu auch Føllesdal, Dagfinn: Noema and Meaning in Husserl. In: Philosophy and Phenomenological Research. Vol. 50 (Supplement), Brown University 1990, S. 265 und 268.
7 vgl. Husserl, Logische Untersuchungen a.a.O. S. 38 bzw. 43.
8 Husserl ebd. S. 58.

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