In der Stoa (um 300 v.Chr.) ist der Mensch in einen übergreifenden kosmischen Zusammenhang eingebunden, aus dem sich ein in allen Naturerscheinungen und natürlichen Zusammenhängen waltendes göttliches Prinzip ergibt. Der Mensch muss lernen, an der kosmischen Vernunft teilzunehmen und in Gelassenheit und „stoischer Ruhe“ seine Stellung in dieser Ordnung zu akzeptieren. Das Erfassen bildet die Grundlage sowohl des Wissens als auch der Meinung. Voraussetzung für Wissen ist nach stoischer Auffassung die Begründung oder Argumentation, Wissen impliziert Wahrheit, wenn eine Behauptung durch keinerlei Argumentation als Falschheit oder Unhaltbarkeit einer Behauptung widerlegt werden kann. Der Erkenntnisprozess beginnt mit einer Einwirkung der Sinne von außen. Diokles (Mitte 4. Jahrhundert v.Chr.) spricht von einer Prägung in der Seele und einer Veränderung der Seele, als Basis der Kognition. Kognition steht heute nicht allein im Zentrum aller mentaler Prozesse, sondern ist der entwicklungsgeschichtlich jüngere Teil der Funktion des Zentralnervensystems. Der ältere Teil ist der emotionale Kern des ZNS. Ihr Zusammenspiel wird in jüngster Zeit wieder konzeptionell genutzt, um biologisch und medizinisch relevante Verhaltensmuster der Individuen zu erklären und gezielt zu beeinflussen Unter besonderer Berücksichtigung humanökologischer Beeinflussungen werden die Grundlagen der Gesundheits-Wissenschaft in Lebenswelt so zum bio-psycho-sozialen Konzept, mit dem sich Wissenschaftler auseinandersetzen müssen.
Inhaltsverzeichnis
Von der Zufälligkeit des Seins
Wann ist der Mensch ein Mensch?
Kommunikation ist alles
Im Kreisverkehr der Lebenssphären
Let’s talk about
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die theoretische Fundierung eines integrativen, bio-psycho-sozialen Modells für die moderne Medizin, welches den Menschen als Einheit des Überlebens in seiner individuellen Wirklichkeit begreift. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, wie Kommunikation und semiotische Prozesse die Arzt-Patienten-Beziehung konstituieren und wie durch eine solche „sprechende Medizin“ dualistische Idiosynkrasien überwunden werden können.
- Evolutionäre und philosophische Anthropologie des Menschen
- Die Theorie des bio-psycho-sozialen Modells nach Th. v. Uexküll und W. Wesiack
- Medizinische Semiotik und die Zeichentheorie nach C. S. Peirce
- Konstruktivistische Ansätze in der Erkenntnistheorie und Medizin
- Dialogik als Grundlage der Arzt-Patienten-Beziehung
Auszug aus dem Buch
Kommunikation ist alles
Der ökologische Bezug ist für alle Lebewesen originär von existentieller Bedeutung, sämtliche physiologische Funktionen sind auf natürliche Ressourcen angewiesen, die den individuellen biologischen, psychischen und sozialen Anforderungen entsprechen. Organismen benötigen daher zum Überleben Umwelten, die sich zu ihren Bedürfnissen und Verhaltensmöglichkeiten kongruent verhalten. Das wesentliche Grundproblem der Biologie und Medizin liegt folglich in der Beziehung zwischen dem Organismus und seiner Umgebung, wobei Beziehung laut J.v.Uexküll eine Entsprechung darstellt, in der sich Organismus und Umgebung gegenseitig definieren und gegenseitig ergänzen. Leben manifestiert sich zwar auf jeder Integrationsebene in verschiedenartiger Erscheinung, aber in prinzipiell gleicher systemischer Weise.
Somit lässt sich aus medizinischer Sicht Gesundheit als intaktes, Krankheit dagegen als gestörtes Beziehungsgefüge definieren. Nach G.Bateson bilden Organismus und Umwelt ein „Ganzes“, eine „Einheit des Überlebens“, oder ein „lebendes System“, dessen Teile wie Schlüssel und Schloss zueinander passen müssen. Deshalb ist Umwelt von der herkömmlichen Auffassung der Umgebung zu differenzieren, nach J.v.Uexküll ist „Umwelt“ die „subjektive Welt“, die ein Lebewesen aufgrund seiner artspezifischen Organisation, seiner biologischen Bedürfnisse und Verhaltensdispositionen aus Zeichen „konstruiert“, die seine Rezeptoren oder Sinnesorgane empfangen.
Zusammenfassung der Kapitel
Von der Zufälligkeit des Seins: Dieses Kapitel erläutert die evolutionäre Einbettung des Menschen als Mängelwesen und seine einzigartige Fähigkeit zur Adaptation durch geistiges und praktisches Potential.
Wann ist der Mensch ein Mensch?: Der Text beleuchtet die philosophische und biologische Suche nach der Definition des Menschseins, wobei der Schwerpunkt auf der Vernunftfähigkeit und der erkenntnistheoretischen Einordnung in die Tradition der Stoa und Kant liegt.
Kommunikation ist alles: Hier wird die medizinische Bedeutung des bio-psycho-sozialen Modells sowie der semiotischen Zeichentheorie für das Verständnis von Gesundheit und Krankheit als Beziehungsgeflecht dargelegt.
Im Kreisverkehr der Lebenssphären: Dieses Kapitel analysiert das diagnostisch-therapeutische Handeln als dynamischen Regelkreis, in dem Kommunikation zwischen Arzt und Patient eine entscheidende Rolle spielt.
Let’s talk about: Der Fokus liegt auf der dialogischen Arzt-Patienten-Beziehung und der Relevanz des Radikalen Konstruktivismus für eine patientenzentrierte Medizin.
Schlüsselwörter
Bio-psycho-soziales Modell, Kommunikation, Semiotik, Arzt-Patienten-Beziehung, Evolution, Erkenntnistheorie, Konstruktivismus, Leib-Seele-Problem, Systemtheorie, Identität, Adaptation, Gesundheit, Krankheit, Compliance, Dialogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Fundierung eines integrativen, bio-psycho-sozialen Modells für die Medizin, um den Menschen als ganzheitliche Einheit in seiner Umwelt besser verstehen und behandeln zu können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die philosophische Anthropologie, die medizinische Semiotik (Zeichentheorie), die Systemtheorie lebender Organismen und die Neugestaltung der Arzt-Patienten-Kommunikation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie durch eine „sprechende Medizin“ der psychophysische Dualismus in der Heilkunde überwunden und eine patientenzentrierte, humane medizinische Praxis etabliert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit verwendet eine interdisziplinäre methodische Herangehensweise, die philosophische Anthropologie, evolutionäre Erkenntnistheorie, Semiotik nach Peirce sowie systemtheoretische Ansätze und Konstruktivismus integriert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die evolutionsbiologischen Voraussetzungen des Menschen, die semiotische Konstruktion von Wirklichkeit durch Organismen und die Anwendung dieser Konzepte auf die Arzt-Patienten-Interaktion als therapeutischen Regelkreis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Bio-psycho-soziales Modell, Semiotik, Kommunikation, Arzt-Patienten-Beziehung, Konstruktivismus und Systemtheorie.
Welche Bedeutung hat das Modell des „Funktionskreises“ in diesem Dokument?
Es fungiert als Fundament für die moderne Verhaltensforschung und beschreibt die Konstruktion einer subjektiven Umwelt durch den Organismus, was entscheidend für das Verständnis des therapeutischen Prozesses ist.
Wie unterscheidet der Autor zwischen der „Orthoebene“ und der „Metaebene“?
Die Orthoebene beschreibt die messbare, gegenständliche Interaktion (Ich-Es), während die Metaebene eine kategorienlose Ebene der Dialogik (Ich-Du) darstellt, die für eine ganzheitliche ärztliche Beratung notwendig ist.
Warum wird der Begriff „Metaarzt“ verwendet?
Der Metaarzt ist jemand, der in der Lage ist, über die reine Befunderhebung hinaus auf einer Metaebene zu agieren, um die medizinischen Erkenntnisse individuell an die Wirklichkeit des Patienten anzupassen.
Was versteht man in diesem Kontext unter einer „sprechenden Medizin“?
Eine sprechende Medizin ist eine medizinische Praxis, die den Patienten nicht als bloßes Objekt von Befunden betrachtet, sondern ihn als Subjekt in seiner individuellen Wirklichkeit in den therapeutischen Prozess einbezieht.
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- Dr.med.dent. Hubertus R. Hommel (Author), 2007, Propädeutik der Komplementärmedizin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114304