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"Kleine, unspektakuläre Zellen" - vom Rasieren haariger Objekte

Subtitle: Eine qualitative Analyse des Feldes der Stammzellforschung

Diploma Thesis, 2006, 153 Pages
Author: Mag. Andrea Schikowitz
Subject: Sociology - Medical Care

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2006
Pages: 153
Grade: 1,00
Bibliography: ~ 55  Entries
Language: German
Archive No.: V115009
ISBN (E-book): 978-3-640-15388-6
ISBN (Book): 978-3-640-15549-1
File size: 497 KB
Notes :
Diplomarbeit mit sehr gut benotet, Studium mit Auszeichnung abgeschlossen


Abstract

Um die Perspektive, aus der ich an meine Fragestellung herangehe, nachvollziehbar zu machen, werde ich meinen fachlichen Hintergrund kurz darstellen. Ich studiere seit dem WS 2000 Soziologie (geisteswissenschaftlicher Zweig) und Politikwissenschaft. Dabei habe ich am Institut für Wissenschaftsforschung einige Lehrveranstaltungen absolviert. Ausgehend von der Beschäftigung mit Biologismus hat sich ein starkes Interesse für biomedizinische Themen herausgebildet. Daher wollte ich mich auch in meiner Diplomarbeit aus wissenssoziologischer Sichtweise mit Biotechnologie beschäftigen. Als Soziologin wollte ich dafür einen Bereich finden, der auch in der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion relevant ist. Meine Entscheidung für die Stammzellforschung gründet auf persönlichem Interesse und der subjektiven Wahrnehmung, dass dieses Thema in den Medien und auch in der politischen Diskussion sehr präsent ist. Beim Einlesen in das Thema der Stammzellforschung ist mir aufgefallen, dass selbst das Basiswissen über die Stammzelle und ihre genaue Funktionsweise sehr unsicher ist. Was sie im Körper genau auslöst, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Diese Wahrnehmung hat mein Interesse auf die Stammzelle als Objekt gelenkt. In Anlehnung an Bruno Latour sind solche wissenschaftlichen Objekte weder reine Naturobjekte, die unabhängig von menschlicher Einflussnahme bestehen, noch reine Konstrukte, die erst durch menschliche Konstruktionsarbeit entstanden sind und ohne diese nicht existieren würden. Sie entstehen in ihrer konkreten Form vielmehr durch das Zusammentreffen und die Kommunikation von Menschen und „Naturobjekten“, sie haben eine Geschichte. Sie sind laufender Veränderung unterworfen und wirken auch verändernd auf die sie umgebende Welt ein. Insofern sind sie eben keine starren Objekte mehr, sondern Nicht-menschliche Akteure oder Aktanten. Sie haben durch die Übersetzungsleistung des wissenschaftlichen Instrumentariums die Fähigkeit zu sprechen und durch ihre Wirkung auf die politische und soziale Welt die Fähigkeit zu handeln. In diesem Sinne entfalten sie eine politische Wirkung. Das macht sie zu „haarigen Objekten“ im Sinne Bruno Latours.[...]


Excerpt (computer-generated)

,,KLEINE, UNSPEKTAKULÄRE ZELLEN" ­

VOM RASIEREN HAARIGER OBJEKTE

Eine qualitative Analyse des Feldes der Stammzellforschung





DIPLOMARBEIT



zur Erlangung des Magistergrades der

Sozial- und Wirtschaftswissenschaften

an der Fakultät für Sozialwissenschaften

der Universität Wien




eingereicht von

Andrea Schikowitz

Wien, Juni 2006


2

1 EINLEITUNG 4

1.1 DANKSAGUNGEN 4

1.2 GESCHLECHTERSENSIBLE SCHREIBWEISE 4

1.3 ERKENNTNISINTERESSE UND FRAGESTELLUNG 4

2 KONZEPTUELLE UND THEORETISCHE RAHMEN 8

2.1 VERWISSENSCHAFTLICHUNG DER GESELLSCHAFT UND VERGESELLSCHAFTUNG DER WISSENSCHAFT 9

2.2 ÜBER STAMMZELLFORSCHUNG 11

2.2.1 Was sind Stammzellen? 11

Embryonale Stammzellen 12

Somatische Stammzellen 13

2.2.2 Wofür werden Stammzellen eingesetzt? 14

Einsatz in der Forschung 15

Krebstherapie 15

Regeneration von Gewebe 16

Herzinfarkttherapie 18

Tumorbehandlung 19

2.2.3 Gesetzliche Regelungen 19

Europäische Union 19

Österreich 22

2.2.4 Zusammenfassende Überlegungen 23

2.3 THEORETISCHE PERSPEKTIVE 24

2.3.1 Pierre Bourdieu ­ das wissenschaftliche Feld 24

Feld 25

Kapital 26

Habitus 26

Autonomie eines Feldes 27

Hierarchisierungsprinzipien 28

Die Besondere Bedeutung von sozialem Kapital im medizinischen Feld 30

2.3.2 Bruno Latour ­ Haarige Objekte 31

Das Höhlengleichnis ­ Spaltung von Gesellschaft und Natur 32

,,Die" Wissenschaft 33

,,Die" Natur 35

Haarige Objekte 37

Tatsachen und Werte 38

Eine neue Gewaltenteilung 39

Menschliche und nicht-menschliche Akteure 41

2.3.3 Zusammenfassende Überlegungen 42

2.4 EIN KOORDINATENSYSTEM FÜR DAS FELD DER STAMMZELLFORSCHUNG 43

2.4.1 Naturbegriff 44

Gegenüberstellung von Natur und Gesellschaft 45

Naturschutz 48

Natur im Labor 50

Kybernetisches Naturbild 51

DNA ­ Die einzig wahre Natur 53

Zusammenfassende Überlegungen 55

2.4.2 Menschenbild 55

Der Mensch als ,,animal rationale" 57

Biologischer Determinismus 58

Der Mensch ist frei 62

Menschenbild in der Gentechnik-Ära 62

Zusammenfassende Überlegungen 63

2.4.3 Risikobegriff 63

Wissensabhängigkeit von Modernisierungsrisiken 65

Soziale Anerkennung von Risiken 66

Umgang ,,der Öffentlichkeit" mit Risiken 68

Vergesellschaftung der Natur 69

Subpolitik der Medizin 70

Zusammenfassende Überlegungen 73


3

2.4.4 Wissenschaftliches Selbstverständnis 74

Definitionen von Wissenschaft 74

Grundlagenforschung und angewandte Forschung 77

Wissenschaft und Öffentlichkeit 80

Hierarchien 87

Implizite Normen 88

Objektivität 90

Originalität und Innovation 92

Wissenschaftliche Praxis 95

Zusammenfassende Überlegungen 98

3 EINE QUALITATIVE ANALYSE DES FELDES DER STAMMZELLFORSCHUNG 99

3.1 METHODISCHE HERANGEHENSWEISE 99

3.1.1 Überlegungen zu qualitativen Methoden 99

3.1.2 Vorbereitung auf die Interviews 101

3.1.3 Der Leitfaden 102

3.1.4 Auswahl der Befragten 103

3.1.5 Feldzugang 105

3.1.6 Interviewführung 105

3.1.7 Auswertung mittels Systemanalyse 106

3.2 MECHANISMEN UND VORSTELLUNGEN IM FELD DER STAMMZELLFORSCHUNG 110

3.2.1 ,,Switching" zwischen multiplen Menschenbildern 111

3.2.2 Der Körper als ,,Black Box" 115

3.2.3 Ignorieren kritischer Aspekte 118

3.2.4 Verteidigung der Autonomie 122

3.2.5 Forscherdrang und Fortschritt 127

3.2.6 Wahrnehmung der Öffentlichkeit und ,,Aufklärung" 131

3.2.7 Bilder von der Stammzelle als Objekt 137

4 RESUMÉE ­ LASST DEN STAMMZELLEN IHRE HAARE! 141

LEITFADEN 145

LITERATUR 148


4

1 Einleitung

1.1 Danksagungen

Mein besonderer Danke gilt meinen Freunden Doris Hämmerle, Petra Tallafuss, Andreas

Rachlinger, Bernhard und Sabine Rathmayr, Anna Kantner und Christian Wetzlmair, die

mir in ihrer Freizeit unentgeltlich bei der Auswertung der Interviews geholfen haben.

Meinem Freund Christian danke ich darüber hinaus, dass er während der Zeit meiner

Diplomarbeit für mich da war und mir immer geduldig zugehört hat. Ich danke auch

meinen Eltern für ihre Unterstützung während meiner gesamten Ausbildung.

1.2 Geschlechtersensible Schreibweise

Es gibt gute Argumente für und auch gegen eine geschlechtersensible Schreibweise. Dafür

spricht, dass Frauen nicht unsichtbar gemacht, sondern mitgedacht und explizit benannt

werden sollen. Das meiner Meinung nach wichtigste Gegenargument ist, dass auch das

Anhängen der weiblichen Endung nur eine Zwischenlösung ist, da es die Unterscheidung

zwischen Frauen und Männern wieder in den Vordergrund rückt. Die beste Lösung wäre

aus meiner Sicht, eine geschlechtsneutrale Form zu verwenden, wie beispielsweise

,,Studierende" statt ,,StudentInnen" zu schreiben. Das ist aber leider nur bei wenigen

Worten möglich und daher muss ich mich mit einer Kompromisslösung zufrieden geben.

Da ich es trotz der Nachteile wichtig finde, Frauen sprachlich sichtbar zu machen, werde

ich in meiner Diplomarbeit jene Schreibweise verwenden, in der die weibliche Endung mit

großem ,,I" angefügt wird. Dabei werde ich versuchen, den Lesefluss nicht unnötig zu

stören.

1.3 Erkenntnisinteresse und Fragestellung

Um die Perspektive, aus der ich an meine Fragestellung herangehe, nachvollziehbar zu

machen, werde ich meinen fachlichen Hintergrund kurz darstellen. Ich studiere seit dem

WS 2000 Soziologie (geisteswissenschaftlicher Zweig) und Politikwissenschaft. Dabei

habe ich am Institut für Wissenschaftsforschung einige Lehrveranstaltungen absolviert.

Ausgehend von der Beschäftigung mit Biologismus hat sich ein starkes Interesse für

biomedizinische Themen herausgebildet. Daher wollte ich mich auch in meiner


5

Diplomarbeit aus wissenssoziologischer Sichtweise mit Biotechnologie beschäftigen. Als

Soziologin wollte ich dafür einen Bereich finden, der auch in der öffentlichen

Wahrnehmung und Diskussion relevant ist. Meine Entscheidung für die

Stammzellforschung gründet auf persönlichem Interesse und der subjektiven

Wahrnehmung, dass dieses Thema in den Medien und auch in der politischen Diskussion

sehr präsent ist.

Beim Einlesen in das Thema der Stammzellforschung ist mir aufgefallen, dass selbst das

Basiswissen über die Stammzelle und ihre genaue Funktionsweise sehr unsicher ist. Was

sie im Körper genau auslöst, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Diese

Wahrnehmung hat mein Interesse auf die Stammzelle als Objekt gelenkt. In Anlehnung an

Bruno Latour sind solche wissenschaftlichen Objekte weder reine Naturobjekte, die

unabhängig von menschlicher Einflussnahme bestehen, noch reine Konstrukte, die erst

durch menschliche Konstruktionsarbeit entstanden sind und ohne diese nicht existieren

würden. Sie entstehen in ihrer konkreten Form vielmehr durch das Zusammentreffen und

die Kommunikation von Menschen und ,,Naturobjekten", sie haben eine Geschichte. Sie

sind laufender Veränderung unterworfen und wirken auch verändernd auf die sie

umgebende Welt ein. Insofern sind sie eben keine starren Objekte mehr, sondern Nicht-

menschliche Akteure oder Aktanten. Sie haben durch die Übersetzungsleistung des

wissenschaftlichen Instrumentariums die Fähigkeit zu sprechen und durch ihre Wirkung

auf die politische und soziale Welt die Fähigkeit zu handeln. In diesem Sinne entfalten sie

eine politische Wirkung. Das macht sie zu ,,haarigen Objekten" im Sinne Bruno Latours.

Diese definieren sich dadurch, dass die Art und Weise ihrer ,,Produktion", ihre

Wechselwirkungen mit der sie umgebenden Welt und vor allem die Folgen, die sie nach

sich ziehen, sichtbar sind und zu ihnen gehören. Wie sie ,,entstehen", wie die Verhandlung

aussieht, die sie in unsere gemeinsame Welt aufnimmt, bestimmt mit, wie sie auf diese

Welt zurückwirken. Die Perspektive Latours scheint mit geeignet, die Bedeutung der

Stammzelle als Objekt zu analysieren.

Die verschiedenen Bereiche, die sich mit diesem Objekt beschäftigen, sind sehr

heterogen, bei vordergründiger Betrachtung haben sie wenig miteinander zu tun. Indem ich

versuche, die strukturellen Gemeinsamkeiten dieser Bereiche herauszuarbeiten, möchte ich

den verbindenden Einfluss des Objektes Stammzelle erfassen. Die Strukturen des Feldes


6

der Stammzellforschung möchte ich mit den Begrifflichkeiten und Herangehensweisen von

Pierre Bourdieu sichtbar machen. Sein Konzept mit den zentralen Begriffen Feld, Kapital

und Habitus erscheint mir geeignet, um Strukturen, Handlungsweisen und

Wechselwirkungen verschiedener AkteurInnen (dazu zähle ich nach Latour auch das

Objekt Stammzelle) und Eigendynamiken und Mechanismen, die im Feld wirksam sind, zu

analysieren.

Wegen des Zusammentreffens und der Durchmischung von Natur, Gesellschaft und

Wissenschaft im Objekt Stammzelle und der Wirkungen und Folgen die es auslöst, habe

ich

die

Analysekategorien

Naturbegriff,

Menschenbild,

Risikobegriff

und

wissenschaftliches Selbstverständnis entwickelt. Ich denke, diese Kategorien sind geeignet,

um gewissermaßen ein Koordinatensystem aufzuspannen, in dem das Feld der

Stammzellforschung eingeordnet werden kann.

Ich habe mich mit naturwissenschaftlicher Einführungsliteratur zum Thema

Stammzellforschung beschäftigt und (vor allem im Internet) zu den rechtlichen

Rahmenbedingungen und der Forschungslandschaft in Österreich recherchiert. Außerdem

habe ich mir einen Überblick über die Medienberichterstattung verschafft, weil ich einen

Einblick in den Umgang der Politik mit dem Thema bekommen wollte. Dann habe ich

Interviews mit drei StammzellforscherInnen aus sehr unterschiedlichen Teilbereichen des

Feldes geführt, um über die Innenperspektive die Strukturen und Prozesse des Feldes zu

erfassen. Die Interviews habe ich mittels Systemanalyse nach Froschauer/Lueger

ausgewertet, diese Methode ist geeignet, um auch latente Sinnstrukturen zu erfassen.

Mein Erkenntnisinteresse ist es also, implizite Strukturen und Mechanismen, die im Feld

der Stammzellforschung wirksam sind, sichtbar zu machen. Ich möchte herausarbeiten,

wie sich diese Strukturen in der konkreten Alltagswahrnehmung und im Handeln der

Befragten ausdrücken. Ich möchte in diesem Zusammenhang auch der Frage nachgehen,

wie diese Strukturen mit dem Objekt Stammzelle zusammenhängen und ob es sich dabei

wirklich, wie ich a priori annehme, um ein ,,haariges Objekt" nach Latour handelt und

welche Bedeutungen das hätte.

Ich habe die klassische Teilung des Textes in Theorieteil und empirischen Teil gewählt,

weil ich zuerst die Grundlagen darstellen möchte, aus denen ich meine Perspektive


7

entwickle. Dann werde ich auf die Methoden eingehen, mit denen ich meiner Fragestellung

nachgehen möchte. Abschließen werde ich die Arbeit mit der Darstellung der Ergebnisse

meiner Analyse.


8

2 Konzeptuelle und theoretische Rahmen

In diesem Kapitel werde ich jene theoretischen Grundlagen vorstellen, die meine

Herangehensweise an die Themen Stammzellforschung und Stammzelle als Objekt prägen.

Zuerst

werde

ich

für

meine

Fragestellung

relevante

Grundsätze

der

Wissenschaftssoziologie zusammenfassen, die ja den groben analytischen Rahmen meiner

Diplomarbeit bilden.

Im nächsten Teil fasse ich kurz die wissenschaftlichen Grundlagen der

Stammzellforschung zusammen. Ich erhebe dabei nicht den Anspruch auf Vollständigkeit

und Detailgetreue, was schon aufgrund der raschen Entwicklung und der Komplexität auf

diesem Sektor kaum möglich ist. Aber ich bin sicher, dass die Informationen ihrer Tendenz

nach genügen, um eine soziologische Analyse des Feldes vorzunehmen. Denn es geht mir

in diesem Kapitel ja nicht um eine Aufarbeitung der wissenschaftlichen Details der

Stammzellforschung, sondern darum, einen kurzen Überblick über die grundsätzlichen

Ziele und Vorgangsweisen der Forschung zu geben. Außerdem soll eine Grundlage für das

Verständnis der wissenschaftlichen Inhalte der Interviews sowie ein erstes Ausloten der

Strukturen des Feldes und ,,seines" Objektes geschaffen werden.

Dann werde ich jene beiden theoretischen Ansätze vorstellen, an denen sich einerseits

meine Fragestellung und andererseits meine Perspektive auf das Feld entwickelt hat.

Bourdieus Konzept des sozialen Feldes ermöglicht mir, die Strukturen dieses Feldes, die

Stellung der Akteure darin und die Kräfte, die darin wirken, zu erfassen. Latour soll mir

helfen, tiefer in das Feld einzutauchen und vor allem die Akteursstellung des Objektes

Stammzelle herauszuarbeiten. Mit Latours Begriffsinstrumentarium lässt sich auch die

subtile gegenseitige Instrumentalisierung von Wissenschaft und Politik sowie der Ausweg

daraus zeigen. Dabei stellt Latour die Konzepte Natur und Gesellschaft in Frage.

Im darauf folgenden Kapitel gehe ich einzeln auf die Analysekategorien Naturbegriff,

Menschenbild, wissenschaftliches Selbstverständnis und Risikobegriff ein, die einerseits

meine Fragestellung vertiefen sollen und andererseits meinen Blick lenken, da sie auch die

Grundlage für die Entwicklung meines Leitfadens für die Interviews darstellen.


9

2.1 Verwissenschaftlichung der Gesellschaft und Vergesellschaftung der

Wissenschaft

In diesem Kapitel werde ich kurz auf Grundannahmen der Wissenschaftssoziologie

eingehen, die für die Verortung meines Themas in diesem Bereich wichtig sind.

Die Wissenschaft ist ein einflussreicher Teilbereich moderner Gesellschaften, sie

durchdringt heute beinahe jeden Aspekt unseres Lebens. Diese ,,Verwissenschaftlichung"

der Gesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass die Prinzipien und Methoden

wissenschaftlichen Wissenserwerbes zunehmend in allen anderen gesellschaftlichen

Bereichen übernommen werden. Die Methode des Erkenntnisgewinns mittels Aufstellung

von Hypothesen, deren systematische Überprüfung zu Falsifikation oder (vorläufiger)

Verifikation führt, wird auch in der Wirtschaft, der Politik und den Medien angewendet.

Außerdem dienen in öffentlichen und politischen Kontroversen WissenschaftlerInnen als

Gewährsleute für das Gewicht und den Wahrheitsgehalt der getätigten Aussagen. Will man

diese ,,Faktizität" entkräften, geht das nur durch die Aufbietung von GegenexpertInnen.

Dadurch stellt sich die Frage nach der gesellschaftlichen Funktion von Wissenschaft. Diese

wird in der Öffentlichkeit zunehmend auch kritisch wahrgenommen und gerät immer mehr

unter Legitimationsdruck. Diese ,,Vergesellschaftung" der Wissenschaft meint die

zunehmend enger werdende Kopplung und das teilweise Verschwimmen von Grenzen

zwischen dem Wissenschaftssystem und den anderen Teilsystemen der Gesellschaft.

,,Wissenschaftsfremde" Kriterien wie die Sicherstellung von Ressourcen oder die

Erzeugung von Legitimation durch Öffentlichkeitsarbeit gewinnen auch innerhalb der

Wissenschaft an Bedeutung.

Die Verwissenschaftlichung der Gesellschaft und die Vergesellschaftung der Wissenschaft

bedingen einander gegenseitig. Das macht sich auch in den Aussagen der interviewten

StammzellforscherInnen bemerkbar, sie spüren vor allem den Legitimationsdruck, sind

sich aber auch ihres Einflusses auf Politik und Gesellschaft bewusst. Zu verstehen, wie

Wissenschaft arbeitet, welchen Einflüssen sie ausgesetzt ist und welche Auswirkungen sie

nach sich zieht, wird immer wichtiger. Eine Reihe von Disziplinen haben die Wissenschaft

selbst zu ihrem Untersuchungsgegenstand gemacht. Hier sind vor allem


10

Wissenschaftsgeschichte1,

Wissenschaftstheorie2,

Wissenschaftssoziologie

und

Wissenschaftsforschung zu nennen.

Im Zentrum des Interesses der Wissenschaftsforschung stehen eine Vielzahl verschiedener

sozialer Phänomene im Zusammenhang mit Wissenschaft und deren Einbettung in die

Gesellschaft, die Gegenstand systematischer wissenschaftlicher Analyse wird. Um ihre

Forschung auf eine breite, sozialwissenschaftlich fundierte Basis zu stellen, bedient sie

sich eines interdisziplinären Zugangs. Sie strebt auch besonders an, ,,verwendbares"

Wissen zu produzieren.

,,Es ist ihr ein besonders Anliegen, Wissen bereitzustellen, das zu einem besseren

Verständnis von Wissenschaft in der Öffentlichkeit beiträgt, wissenschaftspolitische

Entscheidungsprozesse anleitet oder zur

Selbstreflexion [Hervorhebung von den

AutorInnen selbst]

einzelner Fachgebiete animiert."3

Es können drei hauptsächliche Untersuchungsbereiche der Wissenschaftsforschung

ausgemacht werden. Erstens die Frage nach den Wechselwirkungen von Wissenschaft,

Technologie und Gesellschaft, zweitens die Beschäftigung mit den gesellschaftlichen und

kulturellen Bedingtheiten und Spezifika wissenschaftlicher Forschung und drittens die

Analyse der sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Die beiden letzten Punkte sind auch für meine Diplomarbeit von Bedeutung und fallen mit

den

Interessensbereichen

der

Wissenschaftssoziologie

zusammen.

Die

Wissenschaftssoziologie wendet sich den Praktiken der Wissenserzeugung zu. Sie

beschäftigt sich vor allem mit der sozialen Organisation von Wissenschaft und mit der

sozialen Konstruktion von wissenschaftlichem Wissen.

1 Die Wissenschaftsgeschichte hat die Beschreibung des Ablaufs der historischen Entwicklung der

verschiedenen Wissenschaften durch die Darstellung von Einzelpersönlichkeiten zum Ziel.

2 Das Interesse der Wissenschaftstheorie galt lange Zeit der logischen und erkenntnistheoretischen

Begründung des wissenschaftlichen Wissens, seiner Struktur, den kognitiven Inhalten einzelner

Wissenschaften und ihrer weltanschaulichen Bedeutung sowie der Methodologie der Forschung und der

Rekonstruktion wissenschaftlicher Theorien. In den letzten Jahren werden vermehrt auch historische

Komponenten mit einbezogen.

3 Aus:

Felt et al.

, 1995, S. 20



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