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Scholary Paper (Seminar), 2007, 19 Pages
Author: Stefanie Pokorny
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Bamberg (Sprach- und Literaturwissenschaften)
Tags: Speise, Hungern, Anerkennung, Franz, Hungerkünstler, Essen, Essstörungen, Literatur, Kafka
Year: 2007
Pages: 19
Grade: 2,3
Bibliography: ~ 17 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-16318-2
File size: 76 KB
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Abstract
Was kann einen Menschen dazu bewegen, sich aus freien Stücken tagelang alleine einsperren zu lassen und nichts zu essen? Essen ist eine Lebensnotwendigkeit, ein Genuss und oftmals eine soziale und gesellschaftliche Angelegenheit. Auch die Freiheit ist ein Privileg, das im Laufe der Geschichte immer wieder hart erkämpft werden musste. Heute würde wohl kaum mehr jemand freiwillig und über längere Zeit auf Freiheit und Nahrung verzichten wollen, doch im 19. Jahrhundert war das Schauhungern sehr populär. So genannte Hungerkünstler verdienten ihren Lebensunterhalt durch ihre, im wörtlichen Sinne, brotlose Kunst. Sie ließen sich bis zu 40 Tage lang, gut sichtbar für Zuschauer, einsperren und demonstrierten ihre ‚Kunst’, indem sie in dieser Zeit komplett auf Nahrung verzichteten. Der Gedanke daran scheint uns heute eher befremdlich, doch auf das zeitgenössische Publikum übten diese „Hungerkünstler“ eine Faszination aus. Auch wenn der finanzielle Aspekt dabei eine gewisse Rolle spielte (für das Anschauen wurden Eintrittsgelder erhoben), stand doch immer das Hungern als Schauspiel im Vordergrund. Dieser Thematik nahm sich auch Franz Kafka (1883-1924) in seiner Erzählung Ein Hungerkünstler an. Die Geschichte handelt von einem ‚Hungerkünstler’, der, anfangs noch von allen bewundert, immer mehr in Vergessenheit gerät und am Ende vollständig verschwindet, „weil [er] nicht die Speise finden konnte, die [ihm] schmeckt.“2 Im Blickpunkt der folgenden Arbeit soll eine Analyse Kafkas Erzählung stehen, die erläutert, aus welchen Gründen heraus der ‚Hungerkünstler’ seine Kunst präsentiert, wie seine Beziehung zu den Menschen in seinem Umfeld aussieht und wie seine Kunst ihr Ende findet. Den Rahmen der Arbeit bildet die Darstellung zweier ‚Hungerkünstler’ im 19. Jahrhundert und der Bezug zu heute am Beispiel eines Hungerkünstlers des 21. Jahrhunderts. [...]
Excerpt (computer-generated)
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Fakultät Sprach- und Literaturwissenschaften
Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft/Literaturvermittlung
Proseminar: Essen und Essstörungen in der deutschsprachigen Literatur
Sommersemester 2007
,,Weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt"
Das Hungern nach Anerkennung in Franz Kafkas
,,Ein Hungerkünstler"
Stefanie Elke Pokorny
3. Oktober 1984
Gymnasiallehramt Germanistik/kath. Theologie
Semester 04
Inhaltsverzeichnis:
1. Hungern für die Kunst 2
2. Hungerkünstler im 19. Jahrhundert 3
2.1 Dr. Henry Tanner 3
2.2 Giovanni Succi 4
2.3 Betrugsfälle in der Hungerkunst 6
3. Die Wandlung von Kafkas Hungerkünstler vom ,Star′ zum ,Toten′ 7
3.1 Motivationen des Hungerkünstlers 7
3.2 Das soziale Umfeld des Hungerkünstlers 8
3.3 Das Ende des Hungerkünstlers 10
4. Ein Hungerkünstler im 21. Jahrhundert: David Blaine 12
5. Zwei Seiten der Medaille 15
6. Literaturverzeichnis 16
1
1. Hungern für die Kunst
Es gibt eigentlich nichts zu sehen, als einen Menschen hinter Gitter oder Glas, der so langsam leidet, dass man ihn vorerst lange Zeit nicht leiden sieht. Dieser langsame Qualprozeß ist (...) zwar von wissenschaftlichem Wert, aber im Großen und Ganzen doch eine Schaustellung, die nicht schön ist. Jeder große Zauberakt, jede nervenkitzelnde Vorbereitung tollkühner Luftakrobaten sind in ihrem Endeffekt wirksamer als diese Schaustellung, die zwar qualvoll ist, aber doch einem wenig schönen Endzweck dient.1
Was kann einen Menschen dazu bewegen, sich aus freien Stücken tagelang alleine
einsperren zu lassen und nichts zu essen? Essen ist eine Lebensnotwendigkeit, ein
Genuss und oftmals eine soziale und gesellschaftliche Angelegenheit. Auch die Freiheit
ist ein Privileg, das im Laufe der Geschichte immer wieder hart erkämpft werden
musste. Heute würde wohl kaum mehr jemand freiwillig und über längere Zeit auf
Freiheit und Nahrung verzichten wollen, doch im 19. Jahrhundert war das
Schauhungern sehr populär. So genannte Hungerkünstler verdienten ihren
Lebensunterhalt durch ihre, im wörtlichen Sinne, brotlose Kunst. Sie ließen sich bis zu
40 Tage lang, gut sichtbar für Zuschauer, einsperren und demonstrierten ihre ,Kunst′,
indem sie in dieser Zeit komplett auf Nahrung verzichteten. Der Gedanke daran scheint
uns heute eher befremdlich, doch auf das zeitgenössische Publikum übten diese
,,Hungerkünstler" eine Faszination aus. Auch wenn der finanzielle Aspekt dabei eine
gewisse Rolle spielte (für das Anschauen wurden Eintrittsgelder erhoben), stand doch
immer das Hungern als Schauspiel im Vordergrund.
Dieser Thematik nahm sich auch Franz Kafka (1883-1924) in seiner Erzählung Ein
Hungerkünstler an. Die Geschichte handelt von einem ,Hungerkünstler′, der, anfangs
noch von allen bewundert, immer mehr in Vergessenheit gerät und am Ende vollständig
verschwindet, ,,weil [er] nicht die Speise finden konnte, die [ihm] schmeckt."2
Im Blickpunkt der folgenden Arbeit soll eine Analyse Kafkas Erzählung stehen, die
erläutert, aus welchen Gründen heraus der ,Hungerkünstler′ seine Kunst präsentiert, wie
seine Beziehung zu den Menschen in seinem Umfeld aussieht und wie seine Kunst ihr
Ende findet. Den Rahmen der Arbeit bildet die Darstellung zweier ,Hungerkünstler′ im
19. Jahrhundert und der Bezug zu heute am Beispiel eines Hungerkünstlers des 21.
Jahrhunderts.
1 Payer, Peter. Hungerkünstler in Wien. Zur Geschichte einer verschwundenen Attraktion. Wien: Verein für Geschichte der Stadt Wien 2000 (= Wiener Geschichtsblätter. Beiheft 5/2000), S. 12 [Kurztitel: Payer, Wien].
2 Kafka, Franz. Kritische Ausgabe. Drucke zu Lebzeiten. Hg. von Kittler, Wolf, Hans-Gerd Koch und Gerhard Neumann. Frankfurt am Main: Fischer 1994, S. 349 [Kurztitel: Kafka, Hungerkünstler].
2
2. Hungerkünstler im 19. Jahrhundert
2.1 Dr. Henry Tanner
Die Hungerkunst erreichte ihre Blütezeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem amerikanischen Mediziner Dr. Henry S. Tanner. Er wanderte 1848 mit 17 Jahren von England nach Amerika aus und eröffnete nach seinem Medizinstudium zusammen mit seiner Frau eine Praxis in Ohio. Tanner war ein Vertreter der Homöopathie und zugleich der Ansicht, dass eine befristete Nahrungsenthaltung zahlreiche Leiden heilen würde.3 Im Jahr 1880 erfuhr er von Mollie Fancher, einer Frau, die angeblich mehrere Jahre lang gefastet hatte. Als der Mediziner William Hammond eine öffentliche Untersuchung an ihr durchführen wollte, lehnte sie jedoch ab. Tanner wollte bei dieser Untersuchung für Mollie einspringen, konnte sich aber mit Hammond nicht über die Art der Aufsicht einigen und beschloss, sein Experiment ohne Unterstützung zu beginnen.4 So führte der 50jährige am 28. Juni 1880 in der Clarendon Hall in New York City einen 40tägigen Fastenversuch durch, bei dem es ihm nur erlaubt war, Wasser zu trinken.5 Unter ständiger Aufsicht ,,verbrachte er seine Zeit in einer Hängematte liegend oder auf einem Wagen sitzend mit Zeitunglesen oder im Gespräch mit seinen Bewachern."6 Dieses Fastenexperiment war sowohl gesellschaftlich als auch finanziell äußerst lukrativ. Tanner bekam viele Briefe, Geschenke, einen Heiratsantrag und sogar ein Angebot von einem Museum, das ihn für den Fall, dass er das Experiment nicht überleben sollte ausgestopft ausstellen wollte. Zudem bezahlte auch jeder Besucher, der den ,Künstler′ sehen durfte, ein Eintrittsgeld von 25 Cent, was ihn am Ende der 40 Tage zum stolzen Besitzer von 137.640 Dollar machte.7 Selbstverständlich zog Tanners Experiment nicht nur finanzielle, sondern auch körperlich sichtbare Folgen nach sich. Er fühlte sich häufig unwohl, schwach und schlapp und musste sich gegen Ende der Fastenzeit fast täglich übergeben. Zudem nahm er während dieser 40 Tage 35 Pfund ab und wog am Ende nur noch 61 Kilogramm.8
Wie bereits erwähnt, übten Hungerkünstler eine enorme Faszination auf das Publikum aus und ernteten große Bewunderung. Auch Henry Tanner bekam viel Anerkennung für seine Leistung, doch musste er auch Kritik annehmen. Anerkannte Mediziner nannten
3 Vgl. Vandereycken, Walter, Ron van Deth und Rolf Meermann. Hungerkünstler, Fastenwunder, Magersucht. Eine Kulturgeschichte der Essstörungen. Zülpich: Biermann 1990, S. 100 [Kurztitel: Vandereycken, Hungerkünstler].
4 Vgl. ebd., S. 101.
5 Vgl. ebd., S. 101.
6 Payer, Hungerkünstler, S. 4.
7 Vgl. ebd., S. 4.
8 Vgl. ebd., S. 4f.
3
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