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Adam Smiths Moralphilosophie und der Utilitarismus

Scholary Paper (Seminar), 2008, 18 Pages
Author: Constantin Schmidt
Subject: Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries

Details

Event: „Adam Smith: Theorie der ethischen Gefühle“
Institution/College: Humboldt-University of Berlin
Tags: Adam, Smiths, Moralphilosophie, Utilitarismus, Smith, Theorie, Gefühle“
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2008
Pages: 18
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 15  Entries
Language: German
Archive No.: V115059
ISBN (E-book): 978-3-640-16521-6

File size: 105 KB


Fulltext (computer-generated)

Humboldt-Universität zu Berlin

Philosophische Fakultät I

Institut für Philosophie

Wintersemester 2007/08

PS: ,,Adam Smith: Theorie der ethischen Gefühle"

Datum: 31.03.08

Hausarbeit zur praktischen Philosophie:

,,Adam Smiths Moralphilosophie und der

Utilitarismus"

Constantin Schmidt

Magisterstudent: Geschichte, Philosophie (4. FS)


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

3

2. Klassischer Utilitarismus

4

3. Die Kompatibilität zwischen dem Utilitarismus und Smiths Moralphilosophie 6

4. Humes und Smiths Gerechtigkeitsbegründungen im Widerstreit

9

5. Die Bewirkung des größten Glücks der größten Zahl durch die natürlichen

...Gefühle

12

6. Ergebnisse

15

7. Literatur

17


1. Einleitung

Schon die ältere Forschung beschäftigte sich mit Adam Smiths Bedeutung für

den Utilitarismus. So gab es eine Tradition, die Smith als Anhänger des Utilitarismus

sah, weil er eine besondere Nähe zu den englischen Empiristen Hume und Hutcheson

hatte, die als Vordenker des klassischen Utilitarismus gelten. Andere Forscher leiteten

Smith Utilitarismus aus einer Vorläuferfunktion ab: Smith soll einige wichtige

Positionen der klassischen Utilitaristen Bentham, Mill und Sidgwick begründet haben.

Smiths Ruhm als Utilitarist war durch sein Spätwerk ,,der Wohlstand der Nationen"

bedingt. Denn dieses Werk begründet, wie eine Nation zu Reichtum gelangt. Es zeigt

auf, welche Maßnahmen, wie zum Beispiel die Arbeitsteilung, in Hinsicht auf eine

prosperierende Wirtschaft nützlich sind. Eben aus diesem Nützlichkeitsdenken folgerten

die Forscher, dass Smith utilitaristisch geprägt sei.

Neben dieser Forschung, die Smith als Utilitaristen sieht, entwickelte sich ein

weiterer Forschungszweig, der sich besonders mit seiner ,,Theorie der ethischen

Gefühle" (TMS) beschäftigte. Dieser Forschungszweig kam zu ganz anderen

Ergebnissen, für diese Forscher ­ zu den auch Walter Eckstein gehörte ­ war Adam

Smith kein eingefleischter Utilitarist. In der Einleitung seiner 1925 veröffentlichten

Übersetzung der TMS bemerkte er, dass sich Smith gegen einen zu weit ausufernden

Utilitarismus wandte.1 Die folgende Arbeit möchte sich ebenfalls nur mit der TMS

beschäftigen, um eine These zu erarbeiten, die sich an Eckstein Position anlehnt. Diese

Arbeit wird zeigen, dass Smith innerhalb seiner TMS keinen normativen Utilitarismus

vertreten hat. An einigen Stellen seiner Arbeit werden verschiedene Prinzipien des

Utilitarismus benutzt, um seine Argumentation verständlich zu machen, trotzdem kann

daraus nicht gefolgert werden, dass Smith einen normativen Utilitarismus vertrat. Der

Utilitarismus ist eben nicht die wesentliche Handlungsnorm innerhalb der TMS.

Um dieses Vorhaben durchzuführen, wird in folgender Weise vorgegangen

werden: Zuerst soll ein allgemeiner Überblick zum klassischen Utilitarismus gegeben

werden. Es sollen erst die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Formulierungen dieser

Ethik dargestellt werden. Danach werden einige ausgewählte Positionen ­ Bentham,

Mill und Sidgwick ­ kurz dargestellt. Nach diesem einführenden Teil wird diskutiert,

inwieweit Smith einen normativen Utilitarismus vertreten hat. Zunächst wird gezeigt,

dass Smiths Moralphilosophie mit dem Utilitarismus nicht kompatibel ist. Dazu wird

zunächst demonstriert, dass Smiths Sympathiekonzeption für den klassischen

1 Eckstein X, LXVI


Utilitarismus von belang ist. Daraufhin, werden Argumente vorgebracht, aus denen

ersichtlich wird, dass Smith keinen normativen Utilitarismus vertreten hat. So wird der

Einfluss des Zufalls auf die Billigung von Handlung angesprochen. Außerdem wird auf

die Probleme, die mit einem idealen Beobachte zusammen hängen, aufmerksam

gemacht. Im nächsten Abschnitt der Arbeit werden die von Hume und Smith gemachten

Gerechtigkeitsbegründungen diskutiert. Dabei wird auf die jeweilige Herleitung der

Gerechtigkeit eingegangen. An Hand des Wachpostenbeispiels wird hervorgehoben,

dass Smith einen explanatorischen Utilitarismus vertrat. Im letzten Teil der Arbeit wird

dargestellt, dass Smith entgegen dem Utilitarismus eine Alternativbegründung formuliert

hat, die die allgemeine Glückseligkeit aus den Handlungsmotiven (Selbsttäuschung und

Streben nach Anerkennung) herleitet. Mit dieser Begründung wird die Auffassung der

Utilitaristen, dass die Handlungsfolgen das größte Glück der größten Zahl bewirken

können, zurückgewiesen.

2. Klassischer Utilitarismus

Der Utilitarismus ist eine Ethiktheorie, die sich mit den Beginn des 19.

Jahrhunderts

im

angloamerikanischen

Raum

ausbreitete.

Besonders

im

englischsprachigen Raum wurden verschiedene Fassungen des Utilitarismus diskutiert.

In Kontinentaleuropa setzte sich der Utilitarismus zunehmend nach den zweiten

Weltkrieg durch. Da es verschiedene Formulierungen des Utilitarismus gibt, folgt

zunächst ein allgemeiner Überblick über den klassischen Utilitarismus. Neuere

Konzeptionen, wie der Präferenzutilitarismus von Hare, der Regel- und Aktutilitarismus

bleiben im Folgenden unerwähnt.2

OTT führt fünf wesentliche Merkmale des Utilitarismus an, so zeichnet sich

Utilitarismus durch Folgendes aus: er besitzt eine ,,konsequentialistische Orientierung,

(eine)

hedonistische

Wertbasis,

(einen)

Gleichheitsgrundsatz,

(eine)

Maximierungsstruktur

und

(ein)

Kalkülisierungsideal".3

Durch

seine

konsequentialistische Grundstruktur hängt die moralische Beurteilung einer Handlung

stark von den Handlungsfolgen ab (konsequentialistische Orientierung). Damit steht der

Utilitarismus im Gegensatz zu den deontologischen Ethiken, die den Wert einer

Handlung vornehmlich aus den Handlungsmotiven ableitet. Wenn nun die moralische

Beurteilung einer Handlung von ihren Handlungsfolgen abhängt, so muss es ein

Verfahren geben, nach welchen die Konsequenzen einer Handlung beurteilt werden. Da

2 HÖFFE weist daraufhin, dass der Utilitarismus besonders in Deutschland wenig rezeptiert wurde. Vgl.

HÖFFE: 1992, S. 8.

3 Vgl. OTT: 2001, S. 97.

4 4


der Mensch grundsätzlich das Vermögen hat Schmerz oder Freude zu empfinden4,

braucht der Utilitarist nur den Schmerz oder das Leid der Betroffenen zu messen

(hedonistische Wertbasis). Der Schmerz und das Leid der Betroffenen wird

aufsummiert. Bei der Berechnung dieser Summe wird jeder Betroffene nur einmal

berücksichtigt (Gleichheitsgrundsatz). Einige Utilitaristen gehen bei dieser Summierung

davon aus, dass die unterschiedliche Qualität und Quantität des Leides und der Freude

mit berücksichtigt werden soll.

Eine Handlung wird von den Utilitaristen besonders dann gebilligt, wenn sie

besonders nützlich ist. Der Nutzen einer Handlung wird dabei als Summe von

Glückszuständen verstanden. Diese Glückszustände wiederum sind die durch die

Handlung bewirkten Freuden bei den Betroffenen.5 Bei der Beurteilung des Nutzens

einer Handlung können je nach Spielart des Utilitarismus verschiedene Parameter

berücksichtigt werden. So gibt es einige Ethiker, die es für zulässig halten, dass die

bewirkten Freuden und die bewirkten Leiden gegeneinander aufgerechnet werden.

Andere Moraltheoretiker fragen bei der Beurteilung nach dem Maximalnutzen oder den

Durchschnittsnutzen, den die Betroffenen aus der Handlung erhalten (auch Ausdruck des

Kalkülisierungsideals). Eine Handlung ist dann nützlich, wenn sie den meisten Nutzen

für die Betroffenen bewirkt. Optimal ist das Verhältnis zwischen Handlung und Nutzen,

wenn die Handlung möglichst wenig Leid und viel Freude verursacht

(Maximierungsstruktur).

Nach diesem kurzen Überblick über die Gemeinsamkeiten des Utilitarismus

sollen kurz die wichtigsten Positionen des klassischen Utilitarismus dargestellt werden.

Bentham gilt als Erster, der das utilitaristische Prinzip formuliert hatte. Für ihn hatte der

Utilitarismus eine sozialreformatorische Seite. So sollten die Gesetze in Großbritannien

so beschaffen werden, dass sie dem größten Glück der dort lebenden Bürger dienlich

waren. Neben einer umfassenden Reform der Gesetze sollte auch das Gefängniswesen

nach

dem

Panopticon-Prinzip

erneuert

werden.

Der

Hintergrund

dieser

Modernisierungen war, dass Bentham nicht das individuelle Wohl befördern wollte,

sondern dass größte Glück der größten Zahl bewirken wollte.6

4 Vgl. OTT: 2001, S. 98f. Vgl. HÖFFE: 1992, S. 16. Diese Ansicht wird dadurch begründet, dass der

Mensch von Natur aus Leid vermeidet und nach Lust strebt. Diese anthropologische Grundhaltung

entspricht auch den Gefühlen des Smithschen Zuschauers, wenn er mit sozialen Affekten eher

sympathisiert als mit unsozialen Affekten.

5 Vgl. OTT: 2001, S. 101.

6 Vgl. PAUER-STUDER: 2003, S. 33.

5 5


Mill gehörte zu denjenigen Utilitaristen, die sich intensiv mit der Qualität und der

Quantität von Lust- und Unlustempfindungen befassten. Er modifizierte den

Utilitarismus, sodass auch die Qualität der Empfindungen bei der Beurteilung des

Handlungsnutzens mit berücksichtigt wurde. So ging er davon aus, dass von zwei

Freuden, derjenigen Freude, Vorzug zu geben sei, die die Beliebteste der breiten Masse

sei. Mill zufolge waren die Freuden der breiten Maße genau die Freuden, die dem

Idealen des Bildungsbürgertums entsprachen. Vermutlich um sich gegen den Einwand

zu schützen, dass er eine hedonistische Ethik, die stark von ,,animalischen Freuden" der

breiten Maße geprägt sei7, betreibe, orientierte er sich deshalb an den Idealen des

Bürgertums.8 Einige Kritiker Mills folgerten daraus, dass Mill auch als Begründer der

,,Ethik des Genussmenschen"9 gesehen werden kann. In einer solchen Ethik würde ,,ein

Haufen glücklicher Schweine besser (da stehen) als ein unglücklicher Sokrates".10

Sidgwick aktualisiert den Utilitarismus dahin gehend, dass er nicht mehr von

Lusterhöhung und Unlustvermeidung spricht, sondern er führt dem Begriff der

Präferenzen ein. Für ihn sind Präferenzen die hypothetischen Interessen der von

Handlung betroffenen Personen. In Anlehnung an Benthams Prinzip der Beförderung

des ,,größten Glücks der größten Zahl" geht Sidgwick Pauer-Studer zufolge davon aus,

dass eine bestmöglichste Erfüllung der Präferenzen aller Betroffener erstrebenswert

sei.11 Sidgwick zufolge neigt der Mensch aus Intuition zur utilitaristischen Ethik.12

3. Die Kompatibilität zwischen dem Utilitarismus und Smiths
Moralphilosophie

Im Folgenden wird dargestellt, dass Smiths Ethik und der Utilitarismus nicht

kompatibel sind. Zunächst wird kurz auf die Quellen der moralischen Billigung bei

Smith und bei den Utilitaristen eingegangen. Dann wird gezeigt, dass für einen

Utilitaristen das Sympathievermögen wichtig ist, da es zur ,,Wahrnehmung" der Gefühle

der Betroffenen dient. Hier scheinen sich die beide Ethiken zu ähneln. Auf den zweiten

7 Solche Affekte könnten hemmungslose sexuelle Lust (Ebenso ,,würde eine utilitaristisch geprägte

Sexualmoral, die Aufforderung beinhalten, das Ausmaß der Geschlechtslust zu maximieren, (...) da

Sexualität eine Quelle von >> pleasure <<" sei. Vgl. OTT: 2001, S. 110.), aber auch riesigen Fressgelage

sein. Smiths führt jedoch an, dass genau mit solchen Affekten kaum Sympathie möglich sei, da ,,wir

körperliche Begierden anderer nicht nachfühlen können"7 (Vgl. ANDREE: 2003, S. 59.) Auch würden

diese Affekte, wenn sie übermäßig sind, ,,Widerwillen, den wir gegen diese körperlichen Begierden

empfinden", auslösen (Vgl. TMS: 2004, S. 34.). Wenn die Zielstellung dieser hedonistisch geprägten

Ethik auf wenig Sympathie durch den Zuschauer hoffen darf, so ist es auch verständlich dass Smith mit

dieser Ethik des Genussmenschen nicht sympathisieren kann.

8 Vgl. PAUER-STUDER: 2003, S. 35.

9 Vgl. HÖFFE: 1992, S. 22.

10 Vgl. OTT: 2001, S. 103.

11 Vgl. PAUER-STUDER: 2003, S. 36.

12 Vgl. HÖFFE: 1992, S. 26 und PAUER-STUDER: 2003, S. 36.

6 6


Blick kommt es zu Spannungen zwischen den beiden Ethiken, da Smiths unparteiischer

Zuschauer kein idealer Beobachter ist, der alle Handlungsfolgen oder alle

denkmöglichen Situationen wahrnehmen kann. Außerdem wird deutlich, dass der Zufall

auf die Gefühle einen entscheidenden Einfluss hat, der es den Utilitaristen unmöglich

macht, die konkreten Gefühle der Betroffenen zu deuten.

Für Smith hängt die moralische Billigung einer Handlung von den

sympathetischen Gefühlen für diese Handlung ab. Für die moralische Billigung einer

Handlung gibt es vier mögliche Wege. So können wir erstens mit den Beweggründen

des Handelnden sympathisieren, zweitens können wir Mitgefühl mit den Betroffenen der

Handlung haben (zum Beispiel: Dankbarkeit oder Teilnahme an Vergeltungsgefühle des

Betroffenen), drittens empfinden wir ,,den Grad der Übereinstimmung beider Gefühle

mit demjenigen, was in dieser Situation gemeinhin als Gefühl angemessen erscheint

(Schicklichkeit)" und viertens bewundern wir in diesem Handeln den Beitrag zur

natürlichen harmonischen Ordnung der Gemeinschaft.13. Neben diesen vier

Möglichkeiten werden keine weiteren Faktoren in der TMS genannt, wie Smith zufolge

eine Handlung moralisch beurteilt werden kann. Diese Auffassung über die moralische

Billigung von Handlungen steht der Position Benthams gegenüber. Für Bentham lässt

sich die moralische Billigung einer Handlung nur durch die Nutzenkalkulation

bestimmen.14

Auf den ersten Blick scheint es, dass Smiths Ethik überhaupt keinen Bezug zum

Utilitarismus hat. Jedoch ist es gerade für die Abschätzung des Nutzens, dass heißt für

die guten und schlechten Folgen einer Handlung, bedeutsam, wenn Rücksicht auf die

Lust- bzw. Unlustgefühle der Betroffenen genommen wird. Somit ist es für den

Utilitaristen ebenfalls sinnvoll Sympathie für die Betroffenen zu empfinden15,

andernfalls wäre eine Wahrnehmung der Unlust- und Lustgefühle der Betroffenen

unmöglich. Es scheint, dass der Utilitarismus zum Teil auf der Ethik Smiths aufbaut.

Solch

eine

Ethik

aber

bräuchte

einen

Beurteilenden,

der

ein

riesiges

Einfühlungsvermögen und Wahrnehmungsvermögen hat, um sich in alle Betroffenen

hineinzuversetzen. Außerdem müsste sich alle Handlungsfolgen eindeutig abschätzen

lassen.

13 Vgl. AßLÄNDER: 2007, S. 99; RAPHAEL: 1991, S. 50 und ANDREE: 2003, S. 185.

14 Vgl. PAUER-STUDER: 2003, S. 33?.

15 RAWLS weist daraufhin, dass ,,das Sich-in-den-anderen-Hineinversetzen" ein wichtiger Bestandteil der

Utilitaristischen Ethik ist. Vgl. RAWLS: 1979, S. 45.

7 7


Der Beurteilende müsste eine Art idealer unparteiischer Beobachter sein. Er

sollte Firth zufolge über ein enormes Erfahrungswissen verfügen, um sich in alle

denkmöglichen Situationen der Betroffenen hineinzufühlen. Außerdem ist es

erforderlich, dass er jeden Betroffenen wahrnehmen könne ­ auch jene die nicht

unmittelbar Betroffen sind ­, um ein korrektes Urteil abzugeben, dass aus der Summe

der Lust- bzw. Unlustempfindungen der Betroffenen resultiert. Zusätzlich müsste dieser

Beobachter unvoreingenommen und unparteilich sein, damit keine Bevorzugungen

stattfinden. Weil es ja für die Utilitaristen maßgebend ist, dass jeder Betroffene

gleichviel zählt. Außerdem müsste der ideale Beobachter auch sachlich sein.16

Campbell weist daraufhin, dass Smith keine Theorie des idealen Beobachters in

der TMS vertritt.17 Smiths unparteiischer Zuschauer genügt nicht diesen Ansprüchen, er

ist Campbell zufolge eine sehr indifferente Gestalt, so ,,dass Smith den unparteiischen

Betrachter auch mit einem ganz normalen Zuschauer, mit einem bystander und mit jeder

unbeteiligten Person identifiziert".18 Wenn also der unparteiische Zuschauer in

verschiedenen Gewändern auftritt, so ist es nicht ersichtlich, dass Smith von einer

einheitlichen Figur des idealen Beobachters ausgeht. Folglich kann es sich bei Smith

nicht um einen idealen Beobachter handeln, der die von Firth aufgeführten

Eigenschaften hat. Wenn Smiths unparteiischer Zuschauer nicht die geeignete Person ist,

um moralische Beurteilung im Sinne des Utilitarismus durchzuführen, so kann davon

ausgegangen werden, dass Smith mit seinen Konzeptionen der Sympathie und des

unparteiischen Zuschauers keinen Utilitarismus intendiert hat.

Angenommen der eben genannte Einwand würden nicht zu treffen und es würde

einen idealen Beobachter geben, so bliebe die Frage offen, ob dieser Beobachter die

durch eine Handlung bewirkten Lust- und Unlustgefühle richtig abschätzen könne.

Aßländer weist darauf hin, dass auf Gefühle der Betroffenen der Zufall einen immensen

Einfluss habe19. Smith spricht hierbei von einer ,,Regelwidrigkeit der Empfindungen"20.

So hinge zum Beispiel das Maß der Dankbarkeit von den Umständen der Handlung ab,

Smith verdeutlicht dies kurz: ,,Ein Mann, der sich für einen anderen um eine Stelle

16 Vgl. ANDREE: 2003, S. 146. Ähnlich beschreibt auch RAWLS den vernünftigen und unparteiischen

mitfühlenden Beobachter. Vgl. RAWLS: 1979, S. 213. Vgl. auch OTT : 2001, S. 103.

17 Entgegen der Interpretation von CAMPBELL geht RAWLS davon aus, dass es sich bei Smith gerade

um einen ,,ideal vernünftigen und unparteiischen Zuschauer handelt, der alle bedeutsamen Umstände

kennt". Vgl. RAWLS: 1979, S. 211. Eine Online-Recherche bei Google Books unter dem Eintrag ,,ideal*

Beobacht*" bzw. ,,ideal* Zuschau*" führt zu keinen Ergebnis, so dass Smith eine vermutlich eine solche

Person nicht vorsah.

18 Vgl. ANDREE: 2003, S. 147.

19 Vgl. AßLÄNDER: 2007, S. 66.

20 Vgl. TMS: 2004, S. 146.

8 8


bewirbt, ohne sie zu erhalten, wird (...) Zuneigung"21 erhalten. Würde er aber die Stelle

erhalten, so wäre ihm die Dankbarkeit des anderen sicher. Wenn also das Maß der

Intensität der lustvollen Gefühle des Betroffenen in diesem Fall vom Zufall abhängt, so

wird ersichtlich, dass der Zufall auf jede utilitaristische Nutzenkalkulation einen Einfluss

hat. Da Smith den Einfluss des Zufalls nicht bei der Beurteilung der Handlungen

ausschließen kann und möchte, wird ersichtlich, dass Smith keinen normativen

Utilitarismus vertritt.22

Diesem von Smith vorgebrachten Einwand, dass Utilitarismus mit zufälligen

,,Wirkungsketten" nicht umgehen könne, wird auch von heutigen Forschern vorgebracht.

Sie gehen davon aus, dass viele moralische Beurteilungen, die sich utilitaristischer

Methoden bedienen, von einem ungewissen Wissensstand, wie auch Smith am Beispiel

des Bewerbers zeigt, der keine hinreichende Kenntnis von der Zukunft hat, beeinflusst

sind.23 Es lässt sich daher annehmen, dass Smith den Utilitarismus ablehnt.

Wie gezeigt wurde, ist die Sympathiekonzeption für den Utilitarismus von

Bedeutung. Sie ist grundlegend für die ,,Messung der Gefühle" der Betroffenen. Jedoch

gibt es bei Smith keinen Zuschauer, der sich in alle Betroffene hineindenken kann, um

deren Gefühle nach zu empfinden. Außerdem geht Smith davon aus, dass die Gefühle,

die durch eine Handlung bei den Betroffenen bewirkt werden, stark vom Zufall

beeinflusst

sind.

Damit

stellt

er

sich

gegen

eine

Beurteilung

der

Handlungskonsequenzen. Die Ethik von Smith und der Utilitarismus sind nicht

vereinbar.

4. Humes und Smiths Gerechtigkeitsbegründungen im Widerstreit

Dieser Abschnitt der Arbeit befasst sich mit den Gerechtigkeitsbegründungen

von Hume und Smith. Hume begründet Gerechtigkeit durch ihre Nützlichkeit für das

gesellschaftliche Zusammenleben. Smith widerspricht dieser Position und wendet ein

dass Gefühle die Gerechtigkeit sichern und ihr Wesen mehrheitlich bestimmen. Durch

Smiths Zurückweisung der Humeschen Gerechtigkeitsbegründung, wird ersichtlich dass

Smith keinen normativen Utilitarismus vertritt. Sodann soll dargestellt werden, inwiefern

der Begriff der Nützlichkeit für Smith eine Bedeutung als Erklärungshilfe für die im

nächsten Satz beschriebenen Phänomene hat. In seinem Beispiel des militärischen

21 Vgl. TMS: 2004, S. 146.

22 Ebenso sieht GARRETT das später zu zeigenden Problem des einschlafenden Wachtpostens in der Sicht

einer möglichen Regelwidrigkeit der Gefühle. Ohne die mögliche Folgenabschätzung des Einschlafens

würde nicht die hohe Strafe vom Zuschauer gebilligt werden. Vgl. GARRETT, 2005, S. 164f.

23 Vgl. OTT: 2001, S. 109.

9 9


Wachpostens wird deutlich, dass Smith Nützlichkeitserwägungen benutzt, um die

Diskrepanz zwischen natürlicher und ,,künstlicher" Strafe zu erklären.

Hume war GIL zufolge jemand, der sich nicht ,,für die schöne exzellente Idee der

Gerechtigkeit an sich interessiert(e, sondern der davon ausging, dass ohne ihr) vieles in

der sozialen Welt nicht gut funktionieren würde. Hume konzentriert(e) seine

Aufmerksamkeit auf die Nützlichkeit der Gerechtigkeit für die Gesellschaft und wurde

so für die Utilitaristen (insbesondere für Jeremy Bentham) ein Vorfahr."24 Ausgehend

von der eben beschriebenen Funktion der Gerechtigkeit für das menschliche

Zusammenleben, wird klar, dass für Hume Gerechtigkeit nur eine künstliche Tugend

sei25, die sich aus ihrer Nützlichkeit, die sie für die Gesellschaft hat, ableiten lässt. So

würden Straftäter nur deshalb bestraft werden, weil es für die Gesellschaft nützlich sei,

denn die Strafe bewirkt, dass die Täter sich bessern. Außerdem schreckt sie andere

potentielle Täter von der Begehung einer Straftat ab. Eine solche Strafzwecktheorie setzt

nicht, bei den Gefühle bzw. den Motiven des Täters und des Opfers an, sondern sie setzt

bei dem Zweck an, der mit der Strafe verwirklicht werden soll. Diese

Strafzwecktheorien haben oftmals einen utilitaristischen Ursprung.26

Bei Hume wird Strafe, wie auch Gerechtigkeit, durch Nützlichkeit gebilligt. Die

Billigung wird also nicht wie bei Smith durch Sympathie gewonnen, sondern durch

rationale Reflexion über die Nützlichkeit der Strafe.27 Bei Hume findet neben der

Reflexion höchstens ein sympathetisches Gefühl zwischen dem Zuschauer und Inhaber

der Tugend der Gerechtigkeit statt. Dabei sympathisiert der Zuschauer nur mit dem

Nutzen dieser Tugend.28

Smith hält der Auffassung Humes entgegen, dass Gerechtigkeit eine natürliche

Tugend sei, die zu einem großen Teil durch unsere Vergeltungsgefühle gesichert wird29.

Bei ihm beschränkt sich der Begriff der Gerechtigkeit nur die persönliche Sicherheit.

Dabei berücksichtigt er Fragen der Verteilungsgerechtigkeit nicht, dies liegt aber auch

daran, dass er Gerechtigkeit nicht aus der Nützlichkeit ableitet. Für Hume jedoch ist

Verteilungsgerechtigkeit wichtig, da er eine Knappheit der Güter annimmt. Smith zu

folge findet der Schutz der persönlichen Sicherheit durch die natürlichen Gefühle statt.

So reagiere jeder Zuschauer mit Vergeltungsgefühlen auf die Opfer unsozialer Affekte

24 Vgl. GIL: 1993, S. 59.

25 Vgl. CAMPBELL & ROSS: 1981, S. 75.

26 Ebenso sieht Höffe den Ursprung der Generalprävention und der Vergeltungstheorie im Utilitarismus

begründet. Vgl. HÖFFE: 1992, S. 34.

27 Vgl. MARTIN: 1990, S. 107.

28 Vgl. BALLESTREM:

29 Vgl. ANDREE: 2003, S. 83.

1

1 0

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bzw. schädigender Handlungen. Ebenso geht Smith davon aus, dass das ,,system of

rules" sich aus solchen Vergeltungsgefühlen entwickeln würde.30 In der TMS hebt er

seine Stellung zu den Gefühlen als die Grundlage des staatlichen Strafens hervor: Der

Täter muss ,,gerade wegen dieser (schädigenden) Handlung Reue und Kummer

empfinden, damit andere durch die Furcht vor gleicher Strafe davon abgeschreckt

werden, sich der gleichen Beleidigung schuldig zu machen. Die naturgemäße

Befriedigung dieses Affekts wirkt von selbst dahin, alle die Zwecke zu verwirklichen,

auf welche die staatliche Bestrafung abzielt: die Besserung des Verbrechers und das

abschreckende Beispiel für die Allgemeinheit."31 Aus diesem Zitat wird eine Position

Smiths deutlich, die sich gegen die utilitaristischen Strafzwecktheorien richtet. Nicht

eine Reflexion über den Strafzweck begründet die Existenz staatlicher Strafen, sondern

die natürlichen Gefühle bewirken die Besserung des Täters und Abschreckung

potentieller Täter. Also werden Smith zufolge die Gerechtigkeit und die Bestrafung

schädlicher Handlungen durch die natürlichen Gefühle bewirkt.

Wenn für Smith die Gerechtigkeit nicht aus der Nützlichkeit abgeleitet wird,

dann bleibt die Fragen offen, welche Bedeutung utilitaristische Erklärungen für Smith

haben. Es ist offensichtlich, dass Smith sich ohne utilitaristischen Hintergrund solcher

Erklärungsweisen bedient, um bestimmte Maßnahmen des Staates zu begründen.32 So

weisen Campbell und Ross in ihrem Aufsatz daraufhin, dass Smith utilitaristische

Erklärungsweisen benutzt, um die staatliche Eingriffe gegen Schmuggler zu

rechtfertigen und um die Zollpolitik durchzusetzen.33 Daher soll im nächsten Abschnitt

gezeigt werden, dass sich Smith eines explanatorischen Utilitarismus in der TMS

bediente.

Für diesen Zweck ist das bekannte Beispiel des militärischen Wachposten

dienlich:,, so wird zum Beispiel der Wachposten, der während seines Dienstes einschläft,

nach dem Kriegsgesetzen mit dem Tode bestraft, weil solche Unachtsamkeit das ganze

Heer in Gefahr bringen kann." (TMS 135). Shaver weist daraufhin, dass der natürliche

Gräuel dieses Verbrechens äußerst gering ist (der Wächter schlief nur ein), aber die

verhängte Strafe würde über die natürliche Strafe hinausgehen, die unser

Vergeltungsgefühl billigen würde. Diese ,,Diskrepanz" zwischen den beiden Strafen

ließe sich nur mit Hilfe einer Erklärung bezüglich der Nützlichkeit schließen. Es ist

30 Vgl. ROSEN: 2000, S. 87.

31 Vgl. TMS: 2004, S. 99.

32 Vgl. SHAVER: 2006, S. 195.

33 Vgl. CAMPBELL & ROSS: 1981, S. 77ff.

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äußerst nützlich, dass der Wächter nicht einschläft, damit er vor herannahenden

feindlichen Heeren warnen kann. Ohne eine solche Warnung wäre der Fortbestand des

Staates gefährdet. Um den Staat dauerhaft zu erhalten, muss dem Täter eine drakonische

Strafe angedroht werden, damit er bemüht ist nicht einzuschlafen. Diese Erklärung

bedient sich nur eines explanatorischen Utilitarismus, um das drakonische Vorgehen

gegen den eingeschlafenen Wächter zu rechtfertigen. Ohne diese Nützlichkeitserwägung

würden unsere Gefühle nicht mit der verhängten Todesstrafe des Täters

sympathisieren.34

Aus dieser Diskussion wird deutlich, dass Smith den Begriff der Nützlichkeit

verwendet um gewisse Strafabsichten zu erklären. Trotzdem leiten sich für Smith

Gerechtigkeit und unsere Motive zur Bestrafung zuerst aus den Gefühlen ab. Die

rationalen Reflexionen über den Strafgrund treten erst dann hinzu, wenn die Gefühle

nicht mehr ausreichen um Handlungen zu billigen.35 Smiths Auffassung, dass erst die

Gefühle und die dann eventuell darauf folgenden Nützlichkeitserwägungen eine

Handlung billigen, widerspricht der Auffassung Sidgwicks, dem zufolge der

Utilitarismus intuitiv als Moralauffassung existiert.

Durch

Smiths

Zurückweisung

von

Humes

utilitaristisch

geprägte

Gerechtigkeitsbegründung bezieht Smith eindeutig Stellung. Smith lehnt einen

normativen Utilitarismus ab. Entgegen Humes Utilitarismus vertritt Smith, dass

moralisches Handeln durch die natürlichen Gefühle gebilligt werde. Trotzdem kann sich

Smith nicht zurückhalten, Nützlichkeitserwägungen zu verwenden um bestimmte

Strafpraxen zu beschreiben.

5. Die Bewirkung des größten Glücks der größten Zahl durch die
__natürlichen Gefühle

Im diesen Abschnitt der Arbeit wird demonstriert, wie nach Smith das größte

Glück der größten Zahl durch den Einfluss der natürlichen Gefühlen verwirklicht wird.

Dazu wird kurz beschrieben, wie die Utilitaristen das größte Glück der größten Zahl

bewirken wollen. Mit Smith lässt sich einwenden, dass für ihn nicht Ziele einer

Handlung maßgeblich sind, sondern die Vervollkommnung der Mittel. Dies wird an

seinem Beispiel des Uhrliebhabers belegt. Ausgehend von dieser Grundannahme wird

34 SHAVER: 2006, S.195.

35 Vgl. MARTIN: 1990, S. 109. Diese Auffassung ähnelt Hare´s Utilitarismusauffassung (Vgl. PAUER-

STUDER: 2003, S. 37.) Diese Auffassung kann jedoch im Rahmen dieser Arbeit nicht näher diskutiert

werden. Trotzdem wird durch die Zurückweisung der utilitaristische Strafbegründung Humes deutlich,

dass Smith einen normativen Utilitarismus ablehnt.

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gezeigt, dass auch die Menschen durch eine Vervollkommnung ihrer natürlichen

Vermögen, das Streben nach Anerkennung und die Selbsttäuschung, ihre Glückseligkeit

bewirken. Dadurch wird die allgemeine Glückseligkeit unabsichtlich bewirkt. Am Ende

des Kapitels wird kurz darauf eingegangen, welche Art von Utilitarismus sich aus den

Argumenten dieses Kapitel ableiten ließe.

Die Utilitaristen gehen davon aus, dass die Konsequenzen einer Handlung nach

der durch ihr bewirkten Lust- und Unlustgefühlen bewertet werden. Jeder, der von der

Handlung betroffen wurde, zählt gleich, dabei wird keiner bevorzugt. Für den

Utilitaristen, der das größte Glück der Größten Zahl befördern will, muss er stets

diejenige Handlung ausfindig machen, die am besten geeignet ist, um diesem Zweck zu

verwirklichen. Folglich zählen die Handlungsfolgen mehr als das Handlungsmotiv.

Smith stellt sich dieser Auffassung entgegen, wenn er behauptet, dass die

moralische Billigung einer Handlung eher von Handlungsmotiven abhängt.36 Smith

behauptet im vierten Teil der TMS, dass uns nicht die Handlungsfolgen zum Handeln

anleiten, sondern dass es in uns naturgegebene Motive gibt, die uns zum Handeln

anleiten. Daher bewertet er die Mittel, die zu einem gewissen Zweck führen, höher als

dem Zweck selbst.37 Smith erläutert dies am Beispiel des Uhrenliebhabers, der sich eine

neue und genauere Uhr kauft. Er wird seine alte und ungenaue Uhr verkaufen, um sich

dann eine bessere und exaktere Uhr zu kaufen. Ihm geht es dabei nicht, darum

pünktlicher als andere zu sein, sondern es geht ihm darum sich an der ,,Vollkommenheit

(seines) Instrumentes" zu erfreuen38. Wenn es dem Uhrenliebhaber nicht um die

Pünktlichkeit als Zweck geht, so hätte er sich auch auf die ungenaue Uhr einstellen

können und andere Arrangements treffen können, anstatt sich eine neue Uhr zukaufen.

Ihm geht es also nicht um den Nutzen, sondern für ihn ist die Vervollkommnung der

Mittel ­ ohne auf deren Nutzen Rücksicht zu nehmen ­ erstrebenswert.

Warum nehmen wir auf den Nutzen unserer Handlungen keine Rücksicht?

Warum geht es dem Uhrenliebhaber nicht vordergründig darum, dass seine Uhr genauer

ist, damit er pünktlicher ist? Dies liegt an einer geschickten Täuschung, die durch die

Natur bewirkt wird. Diese Täuschung motiviert uns zum handeln39. Sie ist dasjenige,

,,was den Fleiß der Menschen erweckt und in beständiger Bewegung erhält, Sie ist es,

36 Es sei darauf hingewiesen, dass Smith zufolge eine moralische Billigung eher bei den

Handlungsmotiven ansetzt als bei den Handlungsfolgen. Vgl. auch Seite 7 dieser Arbeit, besonders die

Punkte 1 und 2 der dort gemachten Aufstellung.

37 Vgl. ROSEN: 2000, S. 89.

38 Vgl. TMS: 2004, S. 309f.

39 Vgl. ANDREE: 2003, S. 157; AßLÄNDER: 2007, S. 77.

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was sie zuerst antreibt, den Boden zu bearbeiten, Häuser zu bauen, Städte und staatliche

Gemeinwesen zu gründen (...)"40. Durch diese Täuschung opfern sogar einige der

ärmsten Menschen ihre Gesundheit und Ruhe, um in höhere Schichten der Gesellschaft

zu gelangen. Sie gaukelt ihnen vor, dass Reichtum sie glücklicher macht.41

Das natürliche Streben nach Annerkennung begünstigt diese Entwicklung. Das

Annerkennungsstreben bewirkt, dass viele Menschen in höhere Schichten der

Gesellschaft aufsteigen wollen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Smith mit der von der

Natur bewirkten Täuschung das menschliche Anerkennungsstreben meinte. Dieses

Anerkennungstreben bewirkt, dass jeder Mensch Gegenstand der Sympathie der

Zuschauer sein will. Da die meisten Zuschauer mit den Annehmlichkeiten, die ein Palast

seinen Bewohnern bietet, sympathisieren, ist Reichtum erstrebenswert.42 Genauso wie

ein jeder ,,Aufsteiger" Anerkennung erheischen will, ist auch jeder Reformer und

Staatsmann bemüht Anerkennung für sein Handeln zu erlangen. Smith zufolge geht es

den Akteuren nicht um das Wohlwollen der von ihren Reformen und Maßnahmen

betroffenen Personen. Für diese Akteure ist nur das persönliche Ansehen wichtig, und

nebenbei bewirken sie eine ,,Vervollkommnung des Staatsapparates".43 Genauso wie der

Staatsmann und der Reformer bewirken auch die Aufsteiger durch die von ihnen

bewirkten Anstrengungen gesellschaftliche Veränderungen.

Das Streben nach Anerkennung treibt den Menschen, trotz der natürlichen

Selbsttäuschung und unabhängig vom Nutzen, zu seinen Handlungen an. Ballestrem

geht davon aus, dass die Natur uns Smith zufolge so programmiert hat, d.h. Gott pflanzte

dem Menschen das Streben nach Anerkennung und die Sympathie ­ die Grundlage des

Anerkennungsgefühls ­ a prior ein, dass wir die Mittel als solche anstreben, nämlich die

Anerkennung durch die Zuschauer. Der Zweck, den die Natur durch die

Programmierung der Menschen bewirkt, muss den Menschen nicht offenbar sein.44 Für

Smith genügt es ausgehend von seinem deistischen Grundverständnis, dass durch diese

Programmierung der Endzweck des menschlichen Handelns, die allgemeine

Glückseligkeit, bedingt wird45.Wenn nun der Aufsteiger, der Reformer, der Staatsmann

und jeder andere durch das jeweilige Streben nach Annerkennung Verbesserungen

bewirken, so tragen sie alle zur Beförderung des allgemeinen Wohlergehens bei.

40 Vgl. TMS: 2004, S. 315.

41 Vgl. BALLESREM: 2001, S. 87.

42 Vgl. TMS: 2004, S. 46f, S. 312f.

43 Vgl. AßLÄNDER: 2007, S. 78.

44 Vgl. BALLESTREM: 2001, S. 87.

45 Vgl. AßLÄNDER: 2007, S. 76.

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Smith leitet wie gezeigt wurde, dass allgemeine Wohlergehen aus den Motiven

der Handlungen ab. So ist für Smith nicht der Nutzen einer Handlung entscheidend,

sondern das individuelle Streben nach Anerkennung ist seiner Auffassung nach

maßgeblich. Der Nutzen der Handlung kann aus einem weiteren Grund nicht zum

Handeln motivieren, da die Menschen die Konsequenzen ihrer Handlung nicht bewusst

bewirken, sondern eher durch eine Art Selbsttäuschung zum Handeln bewegt werden.

Da der Nutzen nicht zum Handeln antreibt, wird ersichtlich, dass Smith aus diesen

Gründen heraus zu mindest vordergründig keinen utilitaristischen Ansatz vertritt. Seine

Alternativbegründung des größten Glücks der größten Zahl bzw. der allgemeinen

Glückseligkeit, die sich aus der natürlichen Selbsttäuschung des Menschen und dem

Annerkennungsgefühl des Menschen herleiten lässt, widerspricht der utilitaristischen

Auffassung, der zufolge ein Übergewicht an positiven Handlungsfolgen das größte

Glück bewirken soll. Ebenso betont Smith nicht die Geeignetheit des Mittels um den

bestmöglichen Zweck zu befördern, sondern eine Vervollkommnung der Mittel. Auch

diese Ansicht widerspricht der utilitaristischen Ansicht, da sie das Mittel unabhängig

von ihrem Zweck betrachtet. Smith zeigt hier ebenfalls antiutilitaristische Züge.

Ballestrem weist daraufhin, dass Smith zu mindest eine Art kontemplativen

Utilitarismus vertritt, wenn er schon keinen normativen Utilitarismus billigt. Der

kontemplative Utilitarismus geht davon aus, dass die allgemeine Glückseligkeit

unwillentlich durch Gott bewirkt wurde. Die Theoretiker wie Smith erkennen erst im

Nachhinein, dass der allgemeine Nutzen bewirkt wurde.46 Diese Unterform des

Utilitarismus entbehrt jedoch, das eingangs dargestellte Kalkülisierungsideal. Außerdem

mangelt es ihn daran, dass die Handlungen nicht intendiert sind. Somit handelt es sich

hier nicht um einen normativen Utilitarismus.

6. Ergebnisse

Adam Smith vertritt in seiner TMS keinen normativen Utilitarismus. Es wurde

ersichtlich, dass die moralische Billigung einer Handlung nicht von den

Handlungsfolgen abhängt. Nach Smith kann eine Billigung der Handlung nur durch die

Sympathie erfolgen. Dieses Vermögen setzt nicht bei den Handlungsfolgen an, sondern

es beurteilt die Handlungsmotive, dass heißt die Gefühle. Dies wurde besonders bei

Smiths Strafbegründungstheorie ersichtlich.

46 Vgl. BALLESTREM: 2001, S. 87.

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Da die Gefühle, besonders das Anerkennungsstreben, ­ nicht der Nutzen einer

Handlung ­ zum Handeln motiviert, wird verständlich, dass Smith zufolge nur die

Vervollkommnung der Mittel ­ ohne dass die Zwecke absichtlich bewirkt werden ­

erstrebenswert sei. Wenn also die Zwecke einer Handlung nicht absichtlich angestrebt

werden können, dann wird verständlich, dass Smith kein Utilitarismus vertreten kann.

Denn für die Utilitaristische Ethik haben die Handlungsfolgen Einfluss auf die

moralische Beurteilung der Handlung.

Ein weiteres Argument, dass Smith gegen einen möglichen Utilitarismus wendet,

ist folgendes: Smith leitet entgegen der utilitaristischen Vorstellung, das größte Glück

der größten Zahl aus den von Gott gegebenen Gefühlen her. Durch diese Gefühle würde

der Mensch nach Anerkennung streben. Während der Mensch nach Anerkennung strebt,

bewirkt er durch sein Tun nicht intendierte Verbesserungen seiner persönlichen

Umstände. Da alle Menschen mit diesen von gottgegebenen Gefühlen ausgestattet sind,

bewirken sie im gesellschaftlichen Wechselspiel die allgemeine Glückseligkeit.

Ebenso lässt sich aus der Sympathiekonzeption und dem Konzept des

unparteiischen Zuschauers kein normativer Utilitarismus ableiten. Da der in der TMS

beschriebene unparteiischen Zuschauer kein idealer Beobachter ist, der alle Folgen einer

Handlung abschätzen könne. Auch wenn es einen solchen Beobachter gäbe, so hätte er

Schwierigkeiten sich in Gefühle aller Betroffenen hinein zu fühlen.

Aus diesem Gründen wird ersichtlich, dass Smith keinen normativen

Utilitarismus vertreten hat. Es wurde gezeigt, dass Smith Nützlichkeitserwägungen

benutzt, um gewisse Regelwidrigkeiten der Gefühle zu korrigieren. Dies wurde am

Beispiel des militärischen Wachpostens deutlich. Folglich vertrat Smith zu mindest

einen explanatorischen Utilitarismus. Außerdem wurde gezeigt, dass Smith auch ein

Vertreter des kontemplativen Utilitarismus sei. Diese beiden Utilitarismusformen sind

jedoch keine Formen, die den normativen Utilitarismus nahe kommen, der im Kapitel 2

dieser Arbeit beschrieben wurde.

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7. Literatur

Andree, Georg Johannes: Sympathie und Unparteilichkeit. Adam Smiths System

der natürlichen Moralität. Paderborn 2003.

Aßländer, S. Michael: Adam Smith zur Einführung. Hamburg 2007.

Ballestrem, Karl Graf: Adam Smith. München 2001.

Campbell, T. D./ Ross, I. S.: The Utilitarianism of Adam Smith`s Police Advice.

In: Journal of the History of Ideas 42 (1981), S. 73 -92.

Garrett, Aaron: Adam Smith über den Zufall als moralisches Problem. In: Fricke,

Christel/ Schütt, Hans-Peter: Adam Smith als Moralphilosoph. Berlin 2005, S. 160 ­

177.

Gil, Thomas: Ethik. Stuttgart 1993.

Höffe, Ottfried: Einführung in die utilitaristische Ethik. klassische und

zeitgenössische Texte. Tübingen2 1992.

Martin, A. Martin: Utility and Morality. Adam Smith′s Critique of Hume. In:

Hume Studies 16 (1990), S. 107 ­ 120.

Ott, Konrad: Moralbegründungen zur Einführung. Hamburg 2001.

Pauer-Studer: Einführung in die Ethik. Wien 2003.

Raphael, D. D.: Adam Smith. Frankfurt am Main 1991.

Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt am Main 1979.

Rosen, F.: The idea of utility in Adam Smith`s The Theory of Moral Sentiments.

In: History of European Ideas 26 (2000), S. 79 ­ 103.

Shaver, Robert: Virtues, Utility, and Rules. In: Haakonsen, Knud: The

Cambridge Companion to Adam Smith. Cambridge 2006.

Walter Eckstein (Hrsg. und Übers.): Adam Smith. Theorie der ethischen Gefühle

(=Philosophische Bibliothek 200). Hamburg 2004.

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