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Textbook, 2008, 76 Pages
Author: Prof. Dr. Günter Kröber
Subject: Mathematics - Miscellaneous
Details
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Abstract
Palindromien ist ein Land des Wundersamen. In Raum und Zeit erstreckt es sich ins Unermeßliche. Menschen und Zahlen wohnen in ihm in trauter Gemeinschaft. Von den Menschen geht jeder seiner täglichen Arbeit nach, und alles ist, wie wir es kennen: Das Wachen und das Schlafen, das Gehen und das Stehen, das Essen und das Trinken, das Leiden und das Hoffen, das Lieben und das Hassen, und auch die Art, Nachkommen zu zeugen. Der Zauber, der über Palindromien liegt, bewirkt aber, dass in ihm Menschen auch Zahlen hervorbringen können. Denn auch die Zahlen haben Leben. Sie kennen Neigung und Freundschaft, Missgunst und Neid; sie gehen miteinander einheitliche oder unterschiedliche Beziehungen ein, leben in Gruppen oder einzeln, verhalten sich bald so, bald so, und erzeugen Nachkommen, indem sie sich verknüpfen. Für die Zahlen in Palindromien gilt jedoch eine strenge Regel: Jede muss es vermögen, sich umzukehren und mit ihrer Umkehrung eine Verbindung per Addition oder Subtraktion einzugehen. Nachkommen sollen nur aus solchen Verbindungen erwachsen. Im Lande regierte König Pal I. Er war jung und stark, und alle liebten ihn wegen seines freundlichen Wesens und seiner Güte. Doch sah man ihn bisweilen traurig und gesenkten Hauptes durch die palindromischen Gefilde reiten, denn er und seine Frau, die Königin Palina, wünschten sich nichts sehnlicher als ein Kind, das ihnen jedoch schon viele Jahre versagt blieb. „Ach, wenn wir doch ein Kindlein hätten“, sprach die Königin zu ihrem Gemahl, „wie wollte ich es herzen und lieben.“ „Wär`s ein Knabe, so sollte er nach unserem Tode das Königreich mit starker Hand regiere. Wär`s ein Mädchen, so würde ihm ein würdiger Freier zuteil, der an seiner Seite das Land vor feindlichem Begehren schützen könnte“, pflichtete der König bei. Es vergingen noch mehrere Jahre, bis ihr Wunsch endlich in Erfüllung ging und die Königin ein Mägdelein gebar. Im ganzen Land herrschte Freude und Festtagsstimmung. Es war ein fröhliches Umkehren und Addieren und Subtrahieren unter den Zahlen, das allerorten die Straßen und Plätze erfüllte und an dem alle Bewohner Palindromiens – Menschen wie Zahlen gleichermaßen - freudigen Anteil nahmen.
Excerpt (computer-generated)
Günter Kröber
Ababa von Palindromien
Leben und Ansichten einer Zahl,
in Wort und Bild aufgezeichnet von einem ihrer Verehrer
Bd. I. Die Meisterfreier von Palindromien
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Inhalt
Das Dekret
Die Generalprobe
Otto
Die Eröffnung
Minister Etsinim
Prominenz
Kanzler Elznak
Kaplan Alpak
NATO-Wotan
Dr. O. Lesser, Presselord
Regisseur Dr. U. Essiger
Berufe
Reporter E. Troper
Kassierer Eissak
Akrobat Aborka
Klavierlehrer Helrei-Valk
Skilehrer Heliks
Sonstige
Aktivist Sivitka
Genosse Jessoneg
Herr Reh
Der Freibier-Fred
Apoll-Opa
Rebell Leber
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Das Dekret
Palindromien ist ein Land des Wundersamen. In Raum und Zeit erstreckt es sich ins Unermeßliche. Menschen und Zahlen wohnen in ihm in trauter Gemeinschaft.
Von den Menschen geht jeder seiner täglichen Arbeit nach, und alles ist, wie wir es kennen: Das Wachen und das Schlafen, das Gehen und das Stehen, das Essen und das Trinken, das Leiden und das Hoffen, das Lieben und das Hassen, und auch die Art, Nachkommen zu zeugen. Der Zauber, der über Palindromien liegt, bewirkt aber, dass in ihm Menschen auch Zahlen hervorbringen können.
Denn auch die Zahlen haben Leben. Sie kennen Neigung und Freundschaft, Missgunst und Neid; sie gehen miteinander einheitliche oder unterschiedliche Beziehungen ein, leben in Gruppen oder einzeln, verhalten sich bald so, bald so, und erzeugen Nachkommen, indem sie sich verknüpfen.
Für die Zahlen in Palindromien gilt jedoch eine strenge Regel: Jede muss es vermögen, sich umzukehren und mit ihrer Umkehrung eine Verbindung per Addition oder Subtraktion einzugehen. Nachkommen sollen nur aus solchen Verbindungen erwachsen.
Im Lande regierte König Pal I. Er war jung und stark, und alle liebten ihn wegen seines freundlichen Wesens und seiner Güte. Doch sah man ihn bisweilen traurig und gesenkten Hauptes durch die palindromischen Gefilde reiten, denn er und seine Frau, die Königin Palina, wünschten sich nichts sehnlicher als ein Kind, das ihnen jedoch schon viele Jahre versagt blieb.
,,Ach, wenn wir doch ein Kindlein hätten", sprach die Königin zu ihrem Gemahl, ,,wie wollte ich es herzen und lieben."
,,Wär`s ein Knabe, so sollte er nach unserem Tode das Königreich mit starker Hand regieren. Wär`s ein Mädchen, so würde ihm ein würdiger Freier zuteil, der an seiner Seite das Land vor feindlichem Begehren schützen könnte", pflichtete der König bei.
Es vergingen noch mehrere Jahre, bis ihr Wunsch endlich in Erfüllung ging und die Königin ein Mägdelein gebar. Im ganzen Land herrschte Freude und Festtagsstimmung. Es war ein fröhliches Umkehren und Addieren und Subtrahieren unter den Zahlen, das allerorten die Straßen und Plätze erfüllte und an dem alle Bewohner Palindromiens Menschen wie Zahlen gleichermaßen - freudigen Anteil nahmen.
Die Prinzessin war klein und zierlich. Die Eltern nannten sie Ababa. Der Name war sorgsam gewählt. ,,Ababa ist ein Palindrom", ließ Pal I. verlauten. ,,So wird vor aller Welt dokumentiert, dass die Prinzessin zum Geschlecht derer von Palindromien gehört. Und weil er ein Palindrom ist, kann man ihn auch rückwärts lesen oder sprechen, ohne dass eine Umkehrung ihn je verändern könnte."
Ababa war eine Zahl; sie bestand aus nur vier Ziffern, die zudem als farbige Pixel verkleidet waren. Doch besaß sie die wundersame Eigenschaft, in Abhängigkeit von ihrem Alter in verschiedenen Gestalten auftreten zu können. Am besten gefiel sie sich, wenn sie als ihre ersten beiden Ziffern die Eins und die Null tragen durfte, denn das waren die zwei einzigen
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Ziffern, die in jedem Zahlensystem vorkommen. Die beiden letzten Ziffern Ababas aber waren die beiden Vorgängerinnen derjenigen Jahreszahl, die ihr jeweiliges Alter angab. Als sie drei Jahre zählte, hatte sie mithin die Gestalt 1012, mit zehn Jahren sah man sie als 1089 usw. Wie wir Menschen auch, so veränderte sie sich also mit zunehmendem Alter.
Doch besaß sie darüber hinaus die erstaunliche Fähigkeit, mit jeder beliebigen Zahl a zu beginnen, wenn diese nur kleiner war als die Zahl b ihrer Jahre. Diese Eigenschaft bewirkte, dass Ababa immer in der Gestalt a(a 1)(b a- 1)(b a) erschien.Was alle Bewohner Palindromiens an ihr aber am meisten bewunderten, war, dass sie immer gerade so alt war, wie sie es wollte. War sie ihren Gespielinnen gestern noch als vierzehn-jährige Teenagerin in den Gestalten 10(12)(13) oder 21(11)(12) oder 32(10)(11) bis hin zu (13)(12)01 erschienen, so konnte sie heute als Dreijährige den Kindergarten in den Gestalten 1012 und 2101 betreten, und morgen als zweiunddreißigjährige erfolgreiche Managerin ihre Mitarbeiter bald als 10(30)(31) oder 21(29)(30) oder 32(28)(29) bis hin zu (31)(30)01 befehligen.Die Vielfalt möglicher Gestalten machte Ababa begehrenswert für viele Verehrer. Aus allen Teilen Palindromiens und auch von außerhalb des Landes strömten sie herbei, um ihre Kunst und ihre Anmut zu preisen und um ihre Hand anzuhalten. König Pal I. und Königin Palinawähnten sich ins menschliche Mittelalter versetzt, in die Zeit der Minnesänger und Troubadure und deren späteren Nachfolger. Sie sannen deshalb darüber nach, wie das Werben um die Prinzessin in geregelte Bahnen gelenkt werden könne. Sie waren sich einig, dass jeder Freier sich einer strengen Prüfung unterziehen müsse.
Die Königin, die alle Märchen der Brüder Grimm auswendig kannte, schlug vor, Ababa solle so vorgehen, wie die übermütige Königstochter aus dem Märchen ,,Das Rätsel".
,,Diese", erklärte sie dem König, der sich in Märchen weit weniger auskannte als im guten Regieren, ,,hatte bekannt machen lassen, wer ihr ein Rätsel vorlege, das sie nicht erraten könnte, der sollte ihr Gemahl werden. Sie war aber so klug, dass sie immer die vorgelegten Rätsel in einer Frist von drei Tagen erriet, worauf dem Bewerber das Haupt abgeschlagen wurde." Ein unfehlbare Prozedur, den Richtigen zu ermitteln, befand die Königin.Der König hatte jedoch Bedenken. Sollte Ababa so klug sein wie die Königstochter aus dem Märchen, und daran war nicht zu zweifeln, wo sollte er mit den vielen abgeschlagenen Köpfen hin? Im Operntheater der Hauptstadt Palindromiens hatte neulich eine Mozart-Oper viel Staub aufgewirbelt, weil am Ende die abgeschlagenen Köpfe dreier Religionsstifter auf der Bühne präsentiert wurden. Natürlich richtete sich die Empörung der palindromischen Öffentlichkeit nicht gegen Mozart, dem diese Gräulichkeit fremd gewesen war; im Gegenteil, Mozart erfreute sich bei ihnen großer Beliebtheit, weil er neben seinen großen und weltweit bekannten Werken auch kleinere mit einer palindromischen Struktur komponiert hatte, die sich vorwärts wie rückwärts spielen ließen und dabei einmal wie das andere Mal gleich gut klangen.
Pal I., der schon zu seinen Lebzeiten ,,der Gutmütige" genannt wurde, gab Königin Palina weiter zu bedenken, dass unter den Rätseln, die Ababa zu lösen hätte, auch solche sein könnten, die voll und ganz der subjektiven Erlebniswelt des Bewerbers entsprangen, so dass sie nur zu erraten waren, wenn man den Betreffenden im Schlafe belauschte und ihn in diesem Zustand zum Sprechen brachte.
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Palina erinnerte sich, dass der Königssohn im Märchen der Brüder Grimm der Königstochter das Rätsel aufgegeben hatte: ,,Was ist das: Einer schlug keinen und schlug doch zwölfe." Die Königstochter hatte das Rätsel nur lösen können, indem sie den jungen Herrn im Schlafe befragte und er ihr das Erlebnis freiwillig preisgab, aus dem er das Rätsel geschöpft hatte: ,,Einer schlug keinen das ist ein Rabe, der von einem toten und vergifteten Pferde fraß und davon starb. Und schlug doch zwölfe das sind zwölf Mörder, die den Raben verzehrten und daran starben."
Nein, von der Art sollte die Prüfung nicht sein, der sich die Freier in Palindromien unterziehen sollten.
Das Lösen von Rätseln als Voraussetzung für ein erfolgreiches Werben um eine schöne und kluge Königstochter war in der Literatur überhaupt nicht selten anzutreffen.
,,Wie war das doch mit Turandot, der einzigen Tochter des Kaisers von China?", fragte der König seine Gemahlin. ,,Ging es da nicht auch um drei Rätsel?"
,,O ja, mein Lieber," stimmte Palina ein und nutzte sogleich die Gelegenheit, ihre tiefe Verehrung für Friedrich von Schiller kund zu tun. ,,Im Falle von Turandot ist das Verhältnis
von Rätsel-Lösen und Hochzeit-Machen genau umgekehrt wie bei den Brüdern Grimm. Während bei denen die Freier die Rätsel vorlegen müssen und sie enthauptet werden, wenn die Prinzessin das jeweilige Rätsel löst, ist es Turandot, welche selbst das Rätsel aufgibt. Löst der Bewerber drei Rätsel, so sollte er ihre Hand und mit derselben Krone und Reich empfangen; löst er sie nicht, war sein Haupt dem Schwerte verfallen."
,,Entsetzlich!", stöhnte der König. ,,Und die Köpfe wurden, wenn ich mich recht erinnere, als Zierat symmetrisch auf dem Stadttor von Peking aufgepflanzt."
,,Gewiss, die beste Art der Entsorgung war das nicht", entgegnete Palina, ,,aber immerhin sollten dadurch stets neue Bewerber davon abgehalten werden, ihr Leben aufs Spiel zu setzen."
,,Trotzdem, das ist barbarisch, rasend, toll und unvernünftig", wandte ihr königlicher Gemahl ein. ,,Wo hat man je gehört, dass man den Leuten den Hals abschneidet, weil sie schwer begreifen? Und auch noch so viele Feiertage wie viele Köpfe? Nein, das ist nicht mein Fall.",,Nun ja", gab die Königin zu bedenken, ,,es widerstrebte der Prinzessin eben, mit einem Mann vermählt zu werden, der zwar so war die Bedingung ein Königssohn war, den sie aber nicht lieben konnte, weil er nicht einmal imstande war, einfache Rätsel zu lösen. Und die drei Rätsel, die sie dem Prinzen Kalaf aufgab, waren ja nachweislich so leicht, dass er sie im Handumdrehen löste. Erinnere Dich bitte: Der Baum, der den Menschen das Alter aller Dinge anzeigt, ist natürlich das Jahr, was denn sonst? Und der Kristall, dem an Wert kein Edelstein gleicht, der leuchtet, ohne zu brennen, der das ganze Weltall einsaugt und oft Schöneres von sich strahlt als was er empfängt, was kann das anderes sein als das Auge? Das Ding aber, das nur wenige schätzen, das aber des größten Kaisers Hand ziert, das Leben sanft und leicht macht, die größten Reiche gegründet und die ältesten Städte erbaut hat, und - merke auf ! doch niemals Kriege entzündet hat, das ist natürlich der Pflug. Oder?",,Du hast gut reden, meine Liebe. Ich muss gestehen, wenn ich nicht Dich, oh Königliche Lieblichkeit, früh zur Gemahlin erkoren und statt dessen im fernen China um Turandots Hand angehalten hätte, so würde mein Kopf neben vielen anderen das Stadttor von Peking zieren.
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Du kannst sagen, was Du willst: Turandot war die Ausgeburt der Grausamkeit. Ich bin froh, dass unsere Ababa nicht auch solche Allüren zeigt."
,,Grausam war sie nur gegen Männer, die um sie warben. Im Grunde aber war sie gütig gegen alle Welt. Sie wollte frei sein und sich nicht binden. Allein ihr Stolz war das einzige Laster, das sie schändete."
,,Unsere Ababa ist ebenfalls eine stolze Königstochter. Zu Recht ist sie stolz auf ihre Eltern, auf das Königreich, das ihr einst gehören wird, auf die vielen Bewohner unseres Landes, die mit unermüdlichem Eifer dabei sind, sich zu palindromisieren, indem sie sich umkehren und sich mit ihrer Umkehrung durch Addition oder Subtraktion verbinden. Stolz muß kein Laster sein, das schändet. Ababa darf stolz sein, dem Stamme der Palindromier anzugehören. Das gibt ihr jedoch nicht das Recht, über Leben und Tod anderer und seien es auch Königssöhne zu befinden."
,,Gut, wenn Du meinst", gab Palina klein bei. ,,Trotzdem sollten wir es künftigen Freiern nicht zu leicht machen, Ababa in den Hafen der Ehe zu führen. Man muss ihnen ja nicht gleich den Kopf abschlagen, wenn sie die Prüfung nicht bestehen; aber des Landes verweisen sollten wir sie auf jeden Fall, sonst verleitet ihr Frust sie womöglich zu irgendwelchen Böswilligkeiten, die sie in unserem geliebten Palindromien anstellen."
,,So lass uns überlegen, welche anderen, weniger blutrünstige Arten es gibt, Ababas Freier zu prüfen, ob sie ihrer würdig sind", beschloss Pal I.
Königin Palina hatte auch für diesen Fall ein Angebot parat.
,,Ich erinnere mich des Teufels Großmutter, die dem Teufel, während er schlief, drei goldene Haare nacheinander auszupfte und ihn damit jedesmal bewog, Antworten auf drei Fragen zu geben, die einem Glückskind, das sie als Ameise in ihrer Rockfalte verborgen hielt, aufgegeben waren und die nur allein der Teufel zu beantworten wusste. Und da Ababa als
unsere Tochter natürlich ein Glückskind ist, hätte sie alle Chancen, die ihr
aufgegebenen Fragen zu beantworten, und müsste sich dabei nicht einmal als Ameise in der Rockfalte von des Teufels Großmutters verbergen."
Doch auch diese Art des Lösens von Rätseln war nicht nach Pal Indroms frommen Geschmack.
,,Mit dem Teufel ist nicht gut Kirschen essen", überlegte er. ,,Und wenn wir schon den Teufel bemühen, dann nur, wenn auch Gott in dem Rätsel vorkommt."
Er hatte gut reden, denn vor kurzem hatte ihm ein befreundeter Monarch das Rätsel aufgegeben:
,,Was ist es?
Es ist größer als Gott. Es ist böser als der Teufel.
Die Armen haben es. Die Reichen brauchen es.
Und wenn Du es isst, stirbst Du."
Der König war stolz darauf, das Rätsel nach einigem Hin- und Her-Überlegen geknackt zu haben, indem er sich an der Frage festbiss: ,,Was ist größer als Gott?" Die einzige Antwort, die ihm darauf einfiel, war: ,,Nichts". Und sobald er das gefunden hatte, stand alles an seinem Platz: ,,Nichts ist größer als Gott. Nichts ist böser als der Teufel. Die Armen haben nichts. Die Reichen brauchen nichts. Und wenn Du nichts isst, stirbst Du."
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,,Doch warum müssen es immer Rätsel sein?", fragte er sich und seine Gemahlin. An langen Winterabenden, wenn es kalt und dunkel war in Palindromien, lösten sie beide gewöhnlich Kreuzworträtsel. Wie verzwickt sich manche auch zeigten, so gab Palina doch nie Ruhe, bis alle Felder richtig und stimmig ausgefüllt waren. Besonders bei Fragen nach Nebenflüssen ihr ohnehin schon unbekannter Flüsse war sie mitunter am Verzweifeln, doch die reiche Bibliothek des Königs half ihr immer wieder über alle Schwierigkeiten hinweg. Pal I. hingegen, der außer dem eigentlich Raten auch noch alles zu notieren hatte, war mit seinen Gedanken nicht immer voll bei der Sache, weil das Regieren ja seine ganze Aufmerksamkeit und Konzentration beanspruchte.
,,Was gibt es in den Märchen noch alles an Prüfungen zu bestehen, die nicht auf das Lösen von Rätseln hinauslaufen und bei denen das Nichtgelingen nicht zur Tötung führt?", begehrte er von der Königin zu wissen.,,Da wäre zum Beispiel das tapfere Schneiderlein, das drei Heldentaten vollbringen musste, bevor es die einzige Tochter des Königs zur Gemahlin und das halbe Königreich zur Ehesteuer dazu bekam," erinnerte sie sich. ,,Es musste als erstes drei Riesen überwinden und töten, die im Lande hausten und mit Rauben und Morden, Sengen und Brennen großen Schaden stifteten. Als zweite Heldentat sollte es ein Einhorn einfangen, das den Wald verwüstete. Und die dritte Forderung war, ein Wildschwein einzufangen. Das kleine, schwächliche Schneiderlein löste alle drei Aufgaben mit List. Es ließ die Riesen sich gegenseitig verprügeln, so dass sie entkräftet ins Gras sanken und leicht zu töten waren. Das Einhorn ließ es sein Horn in einen Baum spießen und das Wildschwein in eine Kapelle rennen, in der er es sofort einsperrte. So wurde aus einem Schneider ein König.",,Auch hier wird getötet und werden Tiere des Waldes misshandelt," lehnte der König jedoch Palinas Angebot ab.
Dero Königliche Lieblichkeit überlegte ungewöhnlich lange, ging im Geiste noch einmal die ihr bekannten Grimmschen Märchen durch und fand, dass es gar nicht einfach sei, eines zu finden, in dem nicht irgendwelche hässlichen und verwerflichen Grausamkeiten geschahen. Schließlich hellte sich ihr Antlitz auf; sie glaubte gefunden zu haben, wonach der König suchte.
,,Es war einmal eine Frau Füchsin," begann sie ihre Rede, ,,deren alter Herr Fuchs, welcher über neun Schwänze verfügt hatte, gestorben war. Weil die Frau Füchsin bald wieder heiraten wollte, bewarb sich ein junger Freier nach dem anderen bei ihr, doch sie wurden alle abgewiesen, weil keiner soviel schöne Zeiselschwänze aufzuweisen hatte, wie ihr verstorbener seliger Herr Gemahl."
,,Ja, das gefällt mir schon eher," räumte der König ein. ,,Was mich dabei stört, sind nur die Schwänze. Woher soll denn einer neune davon nehmen?"
,,Es geht nicht um die Schwänze," nahm sich Palina die Freiheit, ihren Gemahl zu korrigieren. ,,Was ich sagen will ist, dass man die Freier auf irgendeine Eigenschaft hin beurteilen könnte. Die Schwänze sind doch nur ein Beispiel, wenn auch ein nicht uninteressantes. Es gibt übrigens noch eine andere Version dieses Märchens. In dieser sind es nicht Schwänze, welche die Freier auszeichnen mussten, sondern rote Höslein und ein spitzes Mäulchen. Alle, die sich um die Füchsin bewarben Wolf, Hund, Hirsch, Hase, Bär, Löwe und nacheinander alle Waldtiere wurden abgewiesen, denn es fehlte ihnen immer eine von diesen guten Eigenschaften."
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Doch auch diese Lösung konnte Pal I. nicht befriedigen. ,,Niemand kann etwas dafür, wie er gebaut ist und wie der liebe Gott ihn erschaffen hat, ob mit neun Schwänzen oder mit einem spitzen Mäulchen. Viel wichtiger wäre, was ein Freier vermag, über welche Fähigkeiten er verfügt, ob er zum Beispiel in der Lage ist, durch seine Liebe unserer Ababa, welche klein und zierlich ist, anmutige Form und Figur zu verleihen, sie zu solcher Schönheit erstrahlen zu lassen, dass alle Welt sie preisen und loben wird."
,,Wie sollt ein Freier das bewirken?", zögerte Palina.
Pal I. legte die Stirn in Falten; das tat er immer, wenn er ganz intensiv nachdachte. Als die Stirn sich wieder glättete, sprach er aus, was er erdacht hatte:
,,Ein Freier sollte durch und durch ein Palindromier sein. Das würde ich als erstes und oberstes Gebot verfügen. Er müsste es also auf vorzügliche Art vermögen, sich umzukehren und sich durch Addition oder Subtraktion mit seiner Umkehrung zu verbinden. Und das müsste er mit allen Zahlen, die er dabei als Ergebnisse erhält, immer wiederholen."
,,Das kann doch jeder hier in Palindromien," wandte die Königin ein. ,,Was ist daran Besonderes?"
,,Er soll es ja nicht in erster Linie mit sich selbst tun können, sondern Ababa dazu bringen, sich umzukehren und zu ... ach sagen wir doch einfach: sich zu palindromisieren. Je nachdem, welche Abfolge von Additionen und Subtraktionen er vorschlägt, wird Ababa diese oder jene Gestalt annehmen. Wenn wir diese Abfolge den Modus, nämlich den Palindromisierungsmodus nennen wollen, so lautet die Forderung an den Freier, einen solchen Modus vorzuschlagen, der Ababa zu einzigartiger Schönheit und Eleganz verhilft."
,,Das funktioniert aber nur," setzte sie als folgsame Frau Gemahlin seinen Gedankengang fort, ,,wenn er alle Ergebnisse von Umkehrung und Addition beziehungsweise Subtraktion, also die Ergebnisse jedes Palindromisierungsschrittes, in der Form farbiger Pixel zentriert untereinander anordnet, so dass ein flächiges buntes Pixelgemisch entsteht."
,,Eben," griff Pal I. den Faden wieder auf. ,,So würde er Ababa, die ein eindimensionales Wesen ist, eine zweite Dimension verleihen, und wir könnten beurteilen, ob auf diese Weise ein Muster entsteht, dessen Reiz und Anmut unserer Ababa würdig wäre."Und er fügte hinzu: ,,Wir könnten ihm ja erlauben, dabei nach seinem Belieben entweder vom Ergebnis jedes Palindromisierungsschrittes Gebrauch zu machen oder auch nur von dem jedes zweiten oder jedes vierten oder jedes n-ten Schrittes. Auch sollte er selbst wählen dürfen, in welchem Alter und in welcher Ausgangsgestalt er sie palindromisieren möchte. Sollte er Ababa dazu bewegen können, bei dieser Prozedur eine gefällige zweidimensionale Gestalt anzunehmen, so möge er in die engere Wahl kommen, aus der sodann durch Stichwahl der letztlich Glückliche ermittelt werden würde. Sollte einer von ihnen Ababa aber straucheln lassen und sie in ein wildes Durcheinander von farbigen Pixeln versetzen, so soll er im Vollbesitz seines Hauptes sogleich des Landes verwiesen werden."Königin Palina nickte zustimmend und ging noch einen Schritt weiter: ,,Reiz und Anmut, Eleganz und Schönheit sind hoch zu lobende Eigenschaften. Kaum jemand vermag jedoch mit Bestimmtheit zu sagen, was Schönheit ist. Du, mein lieber Pal, weißt es natürlich, sonst hättest Du mich nicht zu Deiner Gemahlin erkoren.. Doch was für den einen schön ist, muss es nicht auch für den anderen sein. Was einer reizvoll findet, kann für den anderen grässlich
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