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Hausarbeit, 2006, 25 Seiten
Autor: Bettina Abriß
Fach: Ethik
Details
Institution/Hochschule: Eberhard-Karls-Universität Tübingen (Indologie/ev. Theologie)
Tags: Buddhistische, Meditation, Mystik, Weltreligionen
Jahr: 2006
Seiten: 25
Note: 2,0
Literaturverzeichnis: ~ 12 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-16553-7
Dateigröße: 909 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Diese Hausarbeit zum Thema „Buddhistische Meditation“ wird im Rahmen des Seminars „Mystik und Lebensentwurf in den Weltreligionen“ im WS 2005/2006 erstellt. Nach diesem Seminar machten wir uns Gedanken über ein mögliches Thema für unsere Hausarbeit. Aufgrund unseres persönlichen Interesses an fernöstlichem Glauben und der Absicht tiefere Einblicke in die buddhistische Religion zu erhalten, wählten wir als zentralen Bezugspunkt unserer hiesigen Hausarbeit den Buddhismus. Da es die Intention des Seminars war, mystische Inhalte verschiedener Glaubensrichtungen zu erörtern, betrachten wir in dieser Arbeit besonders die buddhistische Meditation, die als eine Art Hilfe oder Weg zu einem mystischen Erlebnis gilt. Wir stellen uns dabei die Frage, ob Buddhisten im meditativen Zustand mystische Erlebnisse erfahren. In dieser Arbeit werden wir versuchen, diese Frage weitgehend zu beantworten und die Eigenheiten buddhistischer Meditation darzustellen. Dazu erläutern wir im ersten Kapitel grundlegende Aspekte buddhistischer Religion. Sie sind von fundamentaler Bedeutung für das Verständnis der Ziele buddhistischer Meditation. Im zweiten Kapitel werden die vier großen Stadien und der achtfache Pfad der Meditation erläutert. Das darauf folgende Kapitel befasst sich mit den fünf grundlegenden Meditationsmethoden. Im vierten Kapitel werden wir versuchen einen Einblick in das höchste Ziel der Meditation – der Erleuchtung – zu erlangen. Wir werden dessen Bedeutung klären und weitestgehend eine Erläuterung, für diese hohe Stufe der buddhistischen Religion, liefern.
Volltext (computergeneriert)
Inhalt
EINLEITUNG 1
1. DIE ZIELE DER MEDITATION 2
1.1 DER GEIST 2
1.2 SAMSARA - EWIGER KREISLAUF DES LEIDENS 4
1.3 DIE VIER EDLEN WAHRHEITEN 6
2. DIE VIER GROßEN STADIEN DER MEDITATION UND DER 9
ACHTFACHE PFAD 9
2.1 DIE VIER STADIEN DER MEDITATION 9
2.1.1 Die erste Versenkungsstufe 10
2.1.2 Die zweite Versenkungsstufe 10
2.1.3 Die dritte Versenkungsstufe 11
2.1.4 Die vierte Versenkungsstufe 12
2.2 INTERPRETATION DER VERSENKUNGSSTUFEN 12
2.3 DER ACHTFACHE PFAD 13
3. DIE FÜNF GRUNDLEGENDEN MEDITATIONSMETHODEN 14
3.1 ZERSTREUTHEIT 14
3.2 ÄRGER 15
3.3 BEGIERDE 16
3.4 DÜNKEL 17
3.5 UNWISSENHEIT 18
4. BODHI DIE ERLEUCHTUNG 19
4.1 BEDEUTUNG 19
4.2 DIMENSIONSWECHSEL 19
4.3 DIE EBENE DER ERLEUCHTUNG 21
5. FAZIT 22
6. LITERATUR 23
Einleitung
1
Einleitung
Diese Hausarbeit zum Thema ,,Buddhistische Meditation" wird im Rahmen des Seminars
,,Mystik und Lebensentwurf in den Weltreligionen" im WS 2005/2006 erstellt.
Nach diesem Seminar machten wir uns Gedanken über ein mögliches Thema für unsere
Hausarbeit. Aufgrund unseres persönlichen Interesses an fernöstlichem Glauben und der
Absicht tiefere Einblicke in die buddhistische Religion zu erhalten, wählten wir als zentralen
Bezugspunkt unserer hiesigen Hausarbeit den Buddhismus. Da es die Intention des
Seminars war, mystische Inhalte verschiedener Glaubensrichtungen zu erörtern, betrachten
wir in dieser Arbeit besonders die buddhistische Meditation, die als eine Art Hilfe oder Weg
zu einem mystischen Erlebnis gilt. Wir stellen uns dabei die Frage, ob Buddhisten im
meditativen Zustand mystische Erlebnisse erfahren. In dieser Arbeit werden wir versuchen,
diese Frage weitgehend zu beantworten und die Eigenheiten buddhistischer Meditation
darzustellen.
Dazu erläutern wir im ersten Kapitel grundlegende Aspekte buddhistischer Religion. Sie sind
von fundamentaler Bedeutung für das Verständnis der Ziele buddhistischer Meditation.
Im zweiten Kapitel werden die vier großen Stadien und der achtfache Pfad der Meditation
erläutert. Das darauf folgende Kapitel befasst sich mit den fünf grundlegenden
Meditationsmethoden. Im vierten Kapitel werden wir versuchen einen Einblick in das höchste
Ziel der Meditation der Erleuchtung zu erlangen. Wir werden dessen Bedeutung klären
und weitestgehend eine Erläuterung, für diese hohe Stufe der buddhistischen Religion,
liefern.
Literatur
2
1. Die Ziele der Meditation
Anthony Matthews macht in seinem Buch ,,Der buddhistische Weg zu Glück und Erkenntnis"
zu Beginn deutlich, dass die Ziele einer Meditation ganz unterschiedlich sein können, wobei
sich ihre Techniken im Grunde sehr ähneln. Heutzutage und vor allem in unserer westlichen
Gesellschaft wird, laut Matthews, die Meditation als eine Technik für Stressreduzierung und
Stressbewältigung angesehen.
Das wesentliche Ziel buddhistischer Meditation aber, sagt Matthews, ist eine Entwicklung in
Gang zu setzen, die einen Menschen von Grund auf ändert und auf das höchste Ziel der
Erleuchtung hinausläuft.1
Mit Erleuchtung mein Matthews: ,,[...]die bis zur Vollkommenheit entwickelte menschliche
Lebensform die Verwirklichung von Weisheit und Erbarmen in einem Ausmaß, das alle
unsere Vorstellungen von ,menschlich′ und ,Existenz′ weit übersteigt."2
Buddhistische Meditation hat demnach als höchstes Ziel die ,Erleuchtung′. Um den Begriff
der Erleuchtung näher verstehen zu können, werden wir im folgendem die grundlegenden
Aspekte der buddhistischen Philosophie darlegen.
Es ergibt sich aus der Natur eines höchsten Ziels, dass wenn es erreicht wurde, auf dem
Weg dahin, viele andere, kleinere Zwischenziele erreicht wurden. So soll der kommende
Abschnitt auch eine Hilfe für das bessere Verständnis dieser Zwischenziele, die auf dem
Weg zur vollkommenen Erleuchtung erreicht werden können, bieten.
1.1 Der Geist
Wenn wir behaupten, der Mensch bestehe aus Körper und Geist, so ist es unbestreitlich,
dass der Mensch aus einem Körper besteht. Jedoch können wir, im Gegensatz zum
substanziellen Körper, den Geist eines Menschen nicht physisch fassen. Der Geist ist kein
Ding, er hat weder Farbe, Gewicht noch Maß. Dadurch aber, dass wir uns bewusst sind,
dass wir die Fähigkeit haben zu Wissen, zu Erleben und zu Erkennen wissen wir, dass es da
noch was anderes geben muss außer unseren unbelebten Körper. Dieses andere
bezeichnen wir als unseren Geist. Er erst macht aus unserem unbelebten Körper einen
belebten und zeichnet uns und unsere Persönlichkeit aus.
Im Buddhismus gilt der Geist als der große und bestimmende Faktor unseres Seins. Nach
einer sehr alten Aussage, die auf den Buddha zurückgeht, ist unser ganzes Leben eine
1 vgl. Matthews 1997, S. 16
2 Matthews 1997, S.16
Literatur
3
Schöpfung unseres Geistes: Handeln wir mit reinem Geist, dann folgt daraus Glück, handeln
wir mit unreinem Geist, dann führt das zu Leiden. 3
Man kann laut Anthony Matthews nicht genau sagen was der Geist eigentlich ist. Viele
Versuche wurden unternommen, sowohl in der Philosophie, Religion als auch in der
Psychologie, um den begrifflichen Ausdruck Geist eindeutig zu definieren. Matthews kommt
zu der abschließenden Entscheidung lediglich die Funktionsweise des Geistes beschreiben
zu können.4
Des weiteren im Text vertritt Matthews die wissenschaftliche Sicht, dass der Geist eines
Menschen in einem bestimmten Zusammenhang mit Gehirn und Nervensystem steht, da,
wie er sagt, wir unserer Erinnerungen, Gefühle, Wahrnehmungen und Gedanken bewusst
sind und sie erleben. Jedoch ist Matthews der Meinung, dass wir uns nicht von uns selbst
lösen können. Er sagt:
,, Wir können nicht über die Grenzen des Geistes hinausgehen und sozusagen von außen
anschauen, was tatsächlich geschieht und worin diese Erfahrungen wirklich bestehen."5
Letztlich haben wir keine Vorstellung von der Außenwelt, weil die Welt, so wie sie auf uns
wirkt, ,,immer nur unsere eigene Wahrnehmung der Welt" ist und unsere persönliche
,,besondere Erfahrung von ihr ist". 6
Weiterhin merkt Matthews an, dass sich unsere geistigen Erfahrungen zweiteilen lassen. Ein
sehr geringer und schon fast bedeutungsloser Teil ist das bewusste ,,Ich-Erlebnis", welches
wir als rational denkender Mensch fassen und beschreiben können. Ein weitaus viel größerer
Teil unserer geistigen Erfahrung können wir nicht bündeln, wir wissen zwar dass es diesen
durchaus größeren Bereich geben muss faszinierende Bilder in unseren Träumen sind
relevante Zeichen dafür doch sind wir nicht in der Lage bewusst zu sagen warum wir
bestimmte Träume träumen oder warum wir in einer bestimmten Art und Weise Handeln. 7
Er schreibt:
,,Bei allem was wir tun, sind Körper, Rede und Geist beteiligt, wobei es der Geist ist, der
unser Tun und das was wir reden, bestimmt, da Körper und Rede von sich aus keine
Aktivität einleiten können."8
Es ist beängstigend sich zu verdeutlichen, dass nicht wir selbst in diesem Falle meine ich
hiermit unser bewusstes Ich gänzlicher Herr über uns und über unser Handeln sind,
3 vgl. Matthews 1997, S.18
4 vgl. Matthews 1997, S.19
5 Matthews 1997, S.19
6 vgl. Matthews 1997, S.19
7 vgl. Matthews 1997, S.20
8 Rinpoche 1996, S.17
Literatur
4
sondern wir unter dem Einfluss - ,,der Macht" 9 so Weil - unseres Geistes, die sich durch
unsere geistigen Erfahrungen auszeichnet, stehen.
Weil macht deutlich, dass unsere Erfahrungen durch Leidenschaften wie Begierde, Hass und
Verblendung geprägt werden. Begierde, Hass, Neid und Abscheu bezeichnet Weil als
Geistesgifte. Durch diese Geistesgifte, erklärt Weil, kann unser Geist nicht frei sein. Unser
Geist ist aufgrund dieser ,,Geistesgifte" nicht frei und wir stehen vollständig unter seiner
Kontrolle.10
1.2 Samsara - Ewiger Kreislauf des Leidens
Unser Leben ist erfüllt von schlechten sowie guten Tagen, mal wandert man himmelhoch
jauchzend, mal zu Tode betrübt durchs Leben. Gründe dafür können verschiedene Faktoren,
wie zum Beispiel Gefühle des Glücks, der Trauer oder der Einsamkeit sein.
Man ist sich jedoch selten bewusst, dass die eigene Situation, die gerade erfahren wird,
durch das eigene Handeln verursacht wurde. Unser Erleben wird durch unsere eigenen
Einstellungen bestimmt, die Antrieb unserer Gefühle sind. Dieser Zusammenhang von
vorherrschenden Einstellungen und Haltungen und der damit verknüpften Qualität des
jeweiligen Erlebens wird im Buddhismus ,Samsara′ genannt und als Rad des Lebens
dargestellt.
9 Weil 1998, S.53
10 vgl. Weil 1998, S.53
Literatur
5
In der Buddhistischen Religion sind all unsere positiven und negativen Stimmungen, die wir
erleben, durch frühere Taten bedingt. Unser gegenwärtiges Handeln bedingt demnach
unsere zukünftigen Gemütszustände. Diese Auffassung, dass äußere (relativ bewusste)
Taten tiefe (und verhältnismäßig unbewusste) innere Reaktionen auslösen zählt zu den
Grundlagen der buddhistischen Psychologie.11
Dieses Kausalitätsprinzip oder die ,,Theorie des abhängigen Ursprungs" wird in der
Buddhistischen Religion als Karma bezeichnet. Das Karma hat Auswirkungen auf den
Wiedergeburtenkreislauf. Gutes Karma verhilft zu einer Wiedergeburt in entsprechend
menschlichen Verhältnissen und trägt zur einer Vervollkommnung bei, negatives Karma
dagegen bestärkt die Gegenrichtung.12
Nach vorhergehendem Abschnitt wissen wir, dass unser Geist seit ,,anfangsloser Zeit" eine
doppelte Natur hat. Er hat die Eigenschaft alles zu erkennen und zu wissen, ist aber nicht
fähig sich selbst zu sehen. Das was erkennt sagt ,,Ich" und das Gesehene wird als ,,Du"
aufgefasst - diese Tatsache der Dinge bezeichnet man als das ,,Dualitätsprinzip". Aufgrund
dieser Trennung der Dinge entstehen in uns Gefühle der Ablehnung oder Anhaftung, die
wiederum Störgefühle, wie Begierde, Ablehnung, Stolz, Eifersucht, Geiz, Dummheit, Zorn
nach sich ziehen.
Im ersten Kreis, der Radnabe, des ,Rad des Lebens′ werden die drei wichtigsten Störgefühle
durch einen Hahn, einer Schlange und einem Schwein verdeutlicht. Sie sollen die
Störgefühle, auch Triebkräfte oder Wurzelgifte genannt, Gier, Hass und Verblendung
symbolisieren. 13
Der zweite Kreis ist gekennzeichnet durch eine dunkle und eine helle Hälfte. Die dunkle linke
Hälfte steht für den karmischen Abstieg und die rechte helle Hälfte steht für den karmischen
Aufstieg. Jedes Wesen hat die Möglichkeit zwischen gutem und schlechtem Handeln zu
wählen.14
Der dritte Kreis symbolisiert die nach buddhistischem Verständnis sechs Daseinsbereiche.
Entsprechend dem stärksten vorherrschenden Störgefühl und der Qualität ihrer Taten
(Karma) werden die Wesen in diese Welten wiedergeboren werden. Es gibt den Bereich der
11 vgl. Matthews 1997, S.143
12 vgl. Lowenstein 1998, S.16
13 vgl. Halcour 1991, S.35-37
14 vgl. Halcour 1991, S.37
Literatur
6
Götter, der eifersüchtigen Götter, der Menschen, der Tiere, der hungrigen Geister (Pretas),
und der Höllenwesen.15
Im vierten Kreis des ,,Rad des Lebens" sind die verschiedenen Daseinsfaktoren dargestellt,
die das Leben jedes Menschen bestimmen. Sie werden als die zwölf Glieder einer
Kausalkette beschrieben, die beschreibt, wie das Leid aus Unwissenheit entsteht und wie
dieses Nichtwissen weiter auf unser Denken und Handeln einwirkt. Jedes der zwölf Glieder
ist nicht alleinige Ursache, sondern eine von mehreren Bedingungen dafür, dass das nächste
Glied entsteht. Es ist ein Kreislauf von Nichtwissen, ,,für wirklich halten", Fühlen, Handeln,
Reifen von Eindrücken und wieder Nichtwissen. So wird der Mensch immer wieder in den
Kreislauf von Geburt und Tod hineingezogen.16
1.3 Die vier edlen Wahrheiten
Eine der drei grundlegenden Komponenten des buddhistischen Dharma die Lehre
Buddhas ist die Lehre von den vier edlen Wahrheiten.
Die Vier Edlen Wahrheiten erklären auf allen Ebenen buddhistischer Belehrungen
Grundlage, Weg und Ziel.
Die Vier Edlen Wahrheiten nach Gyatso ,,Freudvoller Weg" lauten:
1. Alles Bedingte, das Leben im Daseinskreis, ist Leid.
Die buddhistische Lehre unterteilt die verschiedenen leidvollen Zustände, in denen man sich
befinden kann in drei Arten:
Leid des Leidens
Wir leiden an dem was unmittelbar schmerzt, an Alter, Krankheit und Tod.
Leid der Veränderung
Wir leiden, wenn wir versuchen an angenehmen Eindrücken festzuhalten. Es ist schwer
andauerndes Glück von veränderlichen Dingen zu erwarten.
Leid der Bedingtheit
Dieses Leid drückt sich in der Erfahrung aus, dass unser Geist fast immer verschleiert ist
und wir daher keinerlei Kontrolle über unser Leben haben. Diese Art von Leid ist das Leid,
was wir verspüren, selbst wenn all unsere Wünsche erfüllt sind, weil wir wissen, dass wir
diese Freude nicht für immer erfahren werden.
15 vgl. Halcour 1991, S.38-46
16 Halcour 1991, S.51-58
Literatur
7
2. Leid hat eine Ursache
Nach Buddhas Aussage ist die Unwissenheit die Ursache des Leids. Die Unwissenheit
zeichnet sich durch die Unfähigkeit des Geistes sich selbst zu erkennen aus. So ist jede
Erfahrung die ein Wesen macht von einem Gefühl der Trennung begleitet (Dualität). Aus
dieser zweifachen, dualistischen, Sichtweise entsteht Anhaftung an Angenehmes und
Abneigung gegen Unangenehmes. Aus Anhaftung und Abneigung entstehen wiederum die
Störgefühle, Geistesgifte, Geiz, Eifersucht und Stolz. Aus Dummheit und Verblendung nimmt
man diese Störgefühle ernst und Handelt dementsprechend, wobei wiederum weitere
Störungen und Leid entstehen.
3. Es gibt ein Ende des Leids
Erlöschen die Ursachen, erlischt das Leiden.
,,Wie ist die Aufhebung des Leidens? Es ist hinsichtlich dieses Durstes restlose
Entleidenschaftlichung, Aufhebung, Aufgabe und Befreiung."17
Widerstreitende Gefühle kommen zur Ruhe, und es entstehen mehr Einsicht und
Klarheit. Es ist ein Zustand des Freiseins von allen Begrenzungen und Einengungen im
eigenen Geist. Der Schleier entfernt sich und alle dem Geist innewohnenden Eigenschaften
sind voll entfaltet.
4. Es gibt einen Weg zum Ende des Leids
Es gibt ein Ende des Leids, wenn man den Weg geht und dabei alle Ursachen für Leid
entfernt. Zum Erlöschen des Leidens führt der ,,Achtfältige Pfad". Der achtfältige Pfad fordert
den Menschen zu rechter Einsicht, rechtem Entschluss, rechter Rede, rechtem Handeln,
rechter Lebensführung, rechtem Streben, rechter Aufmerksamkeit und rechter Versenkung
auf.
Rechte Einsicht meint die Einsicht in die vier edlen Wahrheiten und in die Unpersönlichkeit
des Daseins.
Der rechte Entschluss bezieht sich vor allem auf die Entsagung gegenüber weltlichen Dingen
und auf Nicht-Schädigung von Lebewesen.
Die rechte Aufmerksamkeit oder Wachsamkeit ist ein zentrales Konzept des Buddhas. Es
bezieht sich auf meditative Übungen, soll aber das ganze Leben des Buddhisten
überstrahlen das heißt: vollkommene Achtsamkeit (Siriti) auf Körper, Gefühle und Denken.
Der Buddha lehrte, Extreme zu meiden und einem ,,mittleren Weg" zu folgen. Nur dieser Weg
könne Erkennen, Einsicht und Erleuchtung bewirken und zum Verlöschen, zum Vergehen,
dem Nirwana, führen.
17 Schlingloff I 1962, S.102
Literatur
8
Wenn wir uns jetzt die einhergehende Frage stellen, was die Ziele buddhistischer Meditation
sind, so können wir entschlossen sagen, dass das Ziel, das vollkommene Ziel,
buddhistischer Meditation durchaus das ,Erwachen′ bzw. die ,Erleuchtung′ ist. Gyatso sagt:
,,Durch Meditation gewinnen wir Erfahrungen der vielen Ebenen der spirituellen Realisation
und schreiten zu immer höheren Ebenen der spirituellen Erlangung fort, bis wir die höchste
von allen, den Zustand der Buddhaschaft, erreichen."18
Auch in Debes Buch ,Meditation nach BUDDHA warum und was′ lässt sich finden:
,,Die Meditation ist der Weg und der Schlüssel zur Heiligkeit und Geborgenheit [...] sie ist der
Schlüssel zur Welt und zur Weltüberwindung."19
Dieses Ziel zu erreichen erfordert harte Arbeit und Selbstbeherrschung und wenn wir es
geschafft haben ist es sicherlich das größte Geschenk, das wir uns selbst je hätten machen
können. Vielleicht wird es uns aber in diesem Leben nicht gelingen dieses Ziel zu erreichen,
egal aus welchen Gründen, das bedeutet dann aber nicht, dass uns unsere Meditation nicht
schon zuvor belohnt. Stellen wir uns den Weg zu unserem höchsten Ziel, der ,Erleuchtung′,
als eine lange Sprossenleiter vor, dann ist jede Sprosse auf unserem Aufstieg, ein Unterziel
dieses großen Ziels.
Unser Geist ist im alltäglichen Leben von Gedanken, Gefühlen, Eindrücken und Ereignissen
übersäht. A. Woll sagt in seinem Buch ,Das Licht des wahren Lernens′, dass unser Geist
dadurch unruhig ist und wir ihn durch die Meditation zur Ruhe und Entspannung bringen. Ist
unser Geist zur Ruhe gekommen, kommen auch unsere Verwirrungen, Unruhe und
Nervosität zur Ruhe. Durch regelmäßige Meditation wird unser Leben friedvoller. Wir werden
stressfreier und unsere inneren Spannungen werden reduziert, wir fühlen uns
ausgeglichener, gelassener und freudiger. 20
Durch die Meditation werden wir selbst in der Lage sein Blockaden, unerwünschte
Gewohnheiten und Muster zu erkennen sowie gleichzeitig zu beseitigen. Wir können
Eigenschaften, wie Liebe, Mitgefühl, Selbstvertrauen oder Weisheit entfalten und sie
verinnerlichen und somit unsere Persönlichkeit bewusst verändern und gestalten.21
Auch Gyatso bekräftigt diese Aussage, in dem er sagt, dass die Meditation uns befähigt
tugendhafte Absichten zu fördern und nichttugendhafte Absichten zu beseitigen. Durch
tugendhafte Absichten werden wir gute Handlungen ausführen. Er sagt auch:
,,[...] unser Geist vermischt sich mit Mitgefühl und so wird unser Geist in allen unseren
Gedanken und Handlungen niemals ohne Mitgefühl sein."22
Als Konsequenz guten Handeln sagt Debes erfährt man früher oder später in seiner
Umgebung Gegenliebe und Entgegenkommen. Es kommt zu einem Klima eines herzlichen
18 Gyatso 1998, S.105
19 Debes 1987, S.1
20 vgl. Woll 1994, S.71
21 vgl. Woll 1994, S70-77
22 vgl. Gyatso 1998, S.105-108
Literatur
9
Miteinanders. Als Ergebnis positiver Meditation sieht Debes, sowohl beim Einzelmenschen
als auch bei ganzen Völkern und Kulturen eine Erhöhung, eine Reinigung und eine
Veredlung des Menschen sowie den damit verbundenen kulturellen Aufstieg.23
Abschließend kann man sagen, dass das Ziel der Meditation zunächst einmal die Befreiung
von allem, was einen stört, wie Ängste, störende Gefühlsausbrüche, Verwirrung usw. ist. Die
Entwicklung von Liebe und Mitgefühl wird gefördert, um viele positive Eindrücke im Geist
anzusammeln, was zu sehr angenehmen Erfahrungen führt. Es werden Qualitäten wie
Freude, Furchtlosigkeit und Liebe vergegenwärtigt. Als vollkommenes Ziel, ist die Meditation
der Weg zur Erkennung aller geistigen Fähigkeiten. Die Einsicht in die Natur des Geistes.
Sich Wohlfühlen in jeder Situation, das Erleben grenzloser Freude, die frei von äußeren
Bedingungen ist, und das Hervorbringen unterscheidungsloser, sehr tatkräftiger Liebe.
2. Die vier großen Stadien der Meditation und der achtfache
Pfad
2.1 Die vier Stadien der Meditation
Während der Meditation werden vier Stufen der Versenkung durchlaufen. Sind gewisse
Vorübungen zur Meditation, auf die wir an dieser Stelle nicht näher eingehen, vonstatten
gegangen, ist man bereit, die erste Stufe zu erreichen.
Benz beispielsweise schreibt, dass ein Mönch erst dann bereit für die wahre Versenkung sei,
wenn er Regeln der sittlichen Zucht befolgt, einwandfrei und untadelig lebt, besonnen und
bewusst handelt und voll Zufriedenheit ist. Ist dies der Fall solle er sich an einen
,,weltentrückten Ort" begeben.24
,,Dort soll er sich mit gekreuzten Beinen niedersetzen, den Oberkörper gerade aufgerichtet,
sich innerlich sammeln und so die vier Stufen der Versenkung durchlaufen."25
Sangharakshita stellt zudem die vier
dhynas
vor, die in der Regel durch Meditation
erreichten höheren Bewusstseinsverfassungen. Diese werden wir in diesem Abschnitt den
folgenden Versenkungsstufen jeweils zuordnen und erläutern.
23 vgl. Debes 1987, S.2-5
24 vgl. Benz 1972, 45
25 Benz 1972, 45
Literatur
10
2.1.1 Die erste Versenkungsstufe
Die erste Stufe wird nach Schlingloff abgesondert von Begierden und unheilsamen
Gegebenheiten erreicht. Sie sei mit Überlegen und Erwägen verbunden, freud- und lustvoll.26
Benz beschreibt genauer, dass in dieser Stufe die Körperlichkeit zur Ruhe gekommen sei
und dadurch Glück empfunden werde. Wenn sich der Meditierende wohl fühle, gelange
schließlich auch sein Geist, nicht nur sein Körper, zur Konzentration. Indem er sich losmacht
von Sinnensgenüssen, von allen verwerflichen Tätigkeiten, werde die mit energischem
Denken und Erwägen verbundene erste Stufe erreicht.27
Sangharakshita nennt diese erste Versenkungsstufe die Phase der Integration, in der das
integrierte Selbst herausgebildet werde. Dies werde besonders durch die Achtsamkeit beim
Atem (siehe 3.1) erreicht.28
Sangharakshita schreibt über das erste
dhyna
das Folgende:
,,Psychologisch betrachtet ist das Erleben des ersten dhynas durch die Abwesenheit
negativer Emotionen gekennzeichnet, genauer, durch die Abwesenheit der ,fünf geistigen
Hindernisse′": sinnliche Begierde, Abneigung, Trägheit und Stumpfheit, Unruhe und
Besorgtheit sowie Zweifel."29
Positiv gesehen ließe sich das erste
dhyna
als ,,die Sammlung und Vereinigung all unserer
psychophysischen Energien" kennzeichnen. Durch die Meditation würden alle Energien
zusammengeführt, so Sangharakshita. Zum ersten
dhyna
gehöre ebenso ein gewisses
Ausmaß diskursiver, d.h. logisch fortschreitender Denktätigkeit.30
2.1.2 Die zweite Versenkungsstufe
Nach dem Zur-Ruhe-Kommen von Überlegen und Erwägen kann die zweite Stufe erlangt
werden, meint Schlingloff. Diese kann als innere Klärung und Einigung des Geistes
beschrieben werden, sie sei frei von Überlegen und Erwägen und entstehe durch die
Sammlung. Wie auch die erste Stufe, sei die zweite freud- und lustvoll.31
Bei Benz wird diese zweite Stufe als diejenige erklärt, ,,die Frieden im Inneren und Erhebung
und im Zusammenschluss des Geistes bringt"32.
Dieses Stadium nennt Sangharakshita die Phase emotionaler Positivität, die vor allem durch
die Übung von
mett
(liebende Güte oder echte Freundlichkeit),
karun
(tätiges Mitgefühl),
mudit
(Mitfreude) etc. (siehe 3.2) weiterentwickelt werde.33
26 vgl. Schlingloff 1962, 58
27 vgl. Benz 1972, 48
28 vgl. Sangharakshita 2002, 71
29 Sangharakshita 2002, 103
30 vgl. Sangharakshita 2002, 104
31 vgl. Schlingloff 1962, 58
32 Benz 1972, 48
33 vgl. Sangharakshita 2002, 71
Literatur
11
Der Autor erläutert zudem folgendes:
,,Hier wird das integrierte Selbst auf eine höhere, verfeinerte und zugleich weitaus kraftvollere
Stufe gehoben, was durch einen wunderschön blühenden weißen Lotus symbolisiert wird."34
Erst im zweiten, von Sangharakshita genannten,
dhyna
hört die diskursive Geistestätigkeit
auf. Es sei somit ein Zustand des Nicht-Denkens. Zugleich sei der Meditierende aber
hellwach, gewahr und seiner selbst voll bewusst.35
,,Im zweiten
dhyna
werden die psychischen Energien noch gesammelter und vereinter,
sodass die angenehmen geistigen und körperlichen Empfindungen der ersten
dhynas
weiter andauern."36
Diese Aussage Sangharakshitas deckt sich unserer Meinung nach mit den zuvor genannten
Beschreibungen der zweiten Versenkungsstufe.
2.1.3 Die dritte Versenkungsstufe
Schlingloff beschreibt folgendermaßen, wie ein Mönch die dritte Versenkungsstufe erreicht:
,,Nach dem Verblassen der Freude verweilt er gleichmütig, achtsam und bewusst, empfindet
er mit seinem Körper Lust, so, wie es die Edlen bezeichnen: Er ist gleichmütig, bewusst, in
der Lust verweilend; so erlangt er alsdann die d r i t t e Stufe."37
In dieser dritten Versenkungsstufe muss der Meditierende, spirituell gesehen, sterben, so
Sangharakshita. Mit direkt schauender Erkenntnis werde dabei das verfeinerte Selbst
durchdrungen, man erfahre den spirituellen Tod. Dieses Meditationsstadium werde vor allem
durch ,,die Betrachtung der sechs Elemente, aber auch durch die Reflexion über
Vergänglichkeit" (siehe 3.3 und 3.4) und andere Techniken erlangt.38
Sangharakshita erklärt, dass im dritten
dhyna
zwar der Geist glückselig sei, aber das
Bewusstsein ziehe sich zunehmend vom Körper zurück und die angenehmen Empfindungen
würden nicht länger körperlich erlebt. Die übrigen positiven Faktoren der ersten beiden
dhynas
bleiben jedoch erhalten und werden noch weiter verstärkt.39
34 Sangharakshita 2002, 71
35 vgl. Sangharakshita 2002, 105
36 Sangharakshita 2002, 105
37 Schlingloff 1962, 58
38 vgl. Sangharakshita 2002, 71
39 vgl. Sangharakshita 2002, 105
Literatur
12
2.1.4 Die vierte Versenkungsstufe
Schlingloff äußert folgendes:
,,Nach dem Ablegen von Lust und nach dem Ablegen von Leid und nach dem schon
vorhergehenden Untergang von Wohlbehagen und Missbehagen erlang er alsdann die
freud- und lustfreie, in Gleichmut und Achtsamkeit geläuterte v i e r t e Versenkungsstufe."40
,,In diesem Zustand völliger Gefühlslosigkeit, aber äußerster geistiger Anspannung ist der
Meditierende in der Lage, die religiösen Wahrheiten zu begreifen."41
Es herrscht nun ,,Leid- und Glücklosigkeit", so Benz.42
Sangharakshita benennt diese letzte Versenkungsstufe als ,,Stadium der spirituellen
Wiedergeburt". 43
,,Im vierten
dhyna
hört sogar das geistige Glückserlebnis auf", schreibt Sangharakshita.
Dies entspricht den Ausführungen über die vierte Versenkungsstufe ebenfalls. Der Autor
bezeichnet dieses
dhyna
als Zustand tiefen Gleichmuts. Alle Energien seien nun völlig
integriert. Es sei eine ,,Erfahrung völliger geistiger und spiritueller Harmonie, absoluter
Ausgewogenheit und vollkommenen Gleichgewichts".44
2.2 Interpretation der Versenkungsstufen
Schlingloff berichtet von der Gleichsetzung der vier Stufen mit kosmischen Sphären:
(1)
,,Bereich der Unendlichkeit des Raumes
(2)
Bereich der Unendlichkeit des Bewusstseins
(3) Bereich
des
Nichts
(4) Bereich
der
Weder-Wahrnehmung-noch-Nicht-Wahrnehmung"45
Wenn der Meditierende diese Stufen durchlaufen hat, erreicht er den Zustand der
,,Vernichtung von Wahrnehmung und Empfindung". Durch die Gleichsetzung der einzelnen
Versenkungsstufen mit den Himmelssphären werde angedeutet, dass sich der Geist des
Meditierenden in die höheren Welten erhebe, so Schlingloff.46
Der Autor erläutert im folgendem genauer, dass von Versenkungsstufe zu Versenkungsstufe
eine Erhöhung der geistigen Konzentration angestrebt werde:
40 Schlingloff 1962, 59
41 Schlingloff 1962, 62
42 Benz 1972, 48
43 vgl. Sangharakshita 2002, 71
44 vgl. Sangharakshita 2002, 106-107
45 Schlingloff 1962, 61
46 vgl. Schlingloff 1962, 61
Literatur
13
,,Auf der e r s t e n Stufe soll man frei von Begierden und den unheilsamen Gegebenheiten
sein [...]. Auf der z w e i t e n Stufe wird in der Einigung des Geistes das umherschweifende
Denken ausgeschaltet, und nur Freude und Lust bestehen noch. Auf der d r i t t e n Stufe
verschwindet dann die konkrete Freude, und Gleichmut tritt an ihre Stelle; es bleibt noch ein
unbestimmtes Lustgefühl. Auf der v i e r t e n Stufe endlich verschwindet auch dies; keine
Gefühlsregung oder Denkabschweifung durchbricht den Zustand des Gleichmutes und der
reinen Geistigkeit."47
Auch Sangharakshita stellt eine ähnliche Interpretation an wie Schlingloff. Er bezeichnet die
Zuordnungen der kosmischen Sphären als ,,die vier formlosen
dhynas
", die die Erfahrung
von Bereichen beschreiben, die zunehmend feinstofflicher und subtiler werden.48
Das erste
dhyna
kann so der formlosen Sphäre unendlichen Raums oder dem Erleben von
Raumunendlichkeit zugeordnet werden. Dabei gebe es keinerlei Objekte mehr.
Sangharakshita beschreibt dieses Erleben als ein Gefühl von Freiheit und Weite, eine
Erfahrung, in der sich das ganze eigene Sein grenzenlos ausdehne. Neben dem zweiten
dhyna
besteht das formlose
dhyna
der Sphäre unendlichen Bewusstseins, so
Sangharakshita. Durch das Gewahrsein endlosen Raums komme man zu der Erkenntnis,
dass das Bewusstsein ebenfalls nicht endlich sein könne. Die Sphäre der Nicht-
Dinghaftigkeit oder Nicht-Eigentümlichkeit ist das dritte formlose
dhyna
, das
Sangharakshita erklärt. In dieser Erfahrung sei es nicht mehr möglich, irgendein bestimmtes
Objekt als von einem anderen verschieden auszumachen. Die Sphäre von Weder-
Wahrnehmung-noch-Nicht-Wahrnehmung sei schließlich das vierte formlose
dhyna
, das
der letzten Versenkungsstufe entsprechen könnte. Man befinde sich noch in dieser Sphäre
nicht völlig jenseits von Subjekt und Objekt, aber man könne auch nicht mehr im Sinn von
Subjekt und Objekt denken oder erleben. 49
2.3 Der achtfache Pfad
Schlingloff berichtet von einer Rede des Buddhas, in der dieser den edlen achtgliedrigen
Weg erklärt. Dies sei der mittlere Weg zwischen Hingabe zu Begierden und Hingabe zur
Selbstpeinigung, der Einsicht, Kenntnis und Frieden bewirke. Er führe zur Erkenntnis, zum
Aufheben des Leidens, zur Erleuchtung und zum Nirvna, worauf wir an anderen Stellen
dieser Arbeit näher eingehen. Keines der beiden Extreme, weder Begierde noch
Selbstpeinigung, hatten Buddha nicht zur Erleuchtung geführt, schreibt Schlingloff. Erst
dann, als er beides aufgab und körperlich ruhig und ausgeglichen war, war er bereit für die
Meditation. Der achtgliedrige Pfad sei nun der Weg der Meditation, so Schlingloff.50
Diesen Weg beschreibt der Autor folgendermaßen:
47 Schlingloff 1962, 62
48 vgl. Schlingloff 1962, 109
49 vgl. Sangharakshita 2002, 109-110
50 vgl. Schlingloff 1962, 100-101
Literatur
14
,,(1) Die
rechte Ansicht
ist das Wissen um Alter, Krankheit und Tod und um die
Vergänglichkeit alles irdischen Glückes; (2) das
rechte Entschließen
ist die aus dieser
Einsicht zu ziehende Konsequenz, dem Weltleben zu entsagen und Mönch zu werden. (3)
Rechtes Reden
, (4)
Handeln
und (5)
Leben
ist die s i t t l i c h e L e b e n s f ü h r u n g [...].
Diese Lebensführung ist die unerlässliche Vorbedingung für die M e d i t a t i o n. (6) Das
rechte Streben
ist die Geisteszügelung, die in dem Heilsweg durch das
Bewachen der
Sinnesorgane
ausgedrückt wird, und (7) die
rechte Achtsamkeit
entspricht dort der
Achtsamkeit und Bewusstseinsklarheit der Körperfunktionen
. "51
Der letzte Schritt bzw. die letzte Stufe auf dem achtgliedrigen Weg ist die
rechte Sammlung
,
womit die zuvor beschriebenen vier Versenkungsstufen gemeint seien. Sammlung ist ein
altertümliches Wort für Meditation, bemerkt Schlingloff. Die Reihe kann nach Schlingloff auch
erweitert werden, um (9)
die rechte Erkenntnis
und (10) die
rechte Befreiung
.52
Der edle achtgliedrige führt laut Schlingloff nicht nur zur Erkenntnis, sondern bewirke damit
auch die Aufhebung des Leidens.53
3. Die fünf grundlegenden Meditationsmethoden
Sangharakshita beschreibt die folgenden fünf grundlegenden buddhistischen
Meditationsmethoden. Er sieht jede Methode als Gegenmittel für jeweils eines der ,,fünf
Geistesgifte" Zerstreutheit, Ärger, Begierde, Dünkel und Unwissenheit.54
3.1 Zerstreutheit
,,Zerstreutheit ist die Neigung des Geistes, von einer Sache zur anderen zu springen."55 Das
bedeutet also, zerstreute Menschen sind nicht in der Lage, sich konsequent und konzentriert
einer Sache zu widmen.
Sangharakshita ist der Ansicht, dass Zerstreutheit vor allem ein Phänomen des modernen
Lebens sei. Das entsprechende Gegengift sei die Meditationsübung der Achtsamkeit beim
Atem.56
Diese Versenkungstechnik wird von zahlreichen AutorInnen als Methode für Meditations-
Neulinge empfohlen, so auch Sangharakshita. Er beschreibt sie als außerordentlich wichtige
Meditationsmethode, die sowohl der Ausgangspunkt für Achtsamkeit schlechthin, als auch
der Schlüssel zu psychischer Integration darstelle. Letztlich gehe es darum, der Wirklichkeit
im höchsten Sinn gewahr zu werden. Um dies zu erlernen, sei der Beginn mit der
Achtsamkeit beim Atem nützlich. Viele Menschen, die zu meditieren beginnen, haben
eigentlich noch gar keine echte Individualität entwickelt, meint Sangharakshita. Manche ihrer
51 Schlingloff 1962, 101
52 vgl. Schlingloff 1962, 101
53 vgl. Schlingloff 1962, 102
54 vgl. Sangharakshita 2002, 76
55 Sangharakshita 2002, 76
56 vgl. Sangharakshita 2002, 76
Literatur
15
Sehnsüchte und Teilpersönlichkeiten seien mehr oder weniger bewusst, andere wirkten
unbemerkt im Verborgenen. Doch schon die Achtsamkeit beim Atem könne behilflich sein,
diese ,Teile′ zusammen zu führen. Durch Achtsamkeit bildet sich demnach eine etwas
festere Mitte und macht persönliche Entwicklung erst möglich. Ganz allmählich entsteht so
ein deutlich erkennbares oder klarer strukturiertes Bündel der zahlreichen Wünsche und
Persönlichkeiten. Dies bewirkt echte Einheit und Harmonie zwischen den verschiedenen
Aspekten des Selbst, so Sangharakshita. Durch Achtsamkeit beginne man Individualität zu
entwickeln. Diese sei ihrem Wesen nach immer integriert. Erst, wenn sie entwickelt ist, ist
man in der Lage, sich verbindlich zu entscheiden und zu verpflichten. Der Autor weist in
diesem Zusammenhang jedoch auch auf eine Gefahr hin. Im Laufe dieser Übung kann es
passieren, dass eine falsche Art von Gewahrsein (,,entfremdetes Gewahrsein") entwickelt
werde. Dies entstehe, wenn man sich selbst wahrnimmt, ohne sich tatsächlich zu erleben.
Man muss deshalb die eigenen Gefühle und Empfindungen spüren. Zunächst wird man ein
Gespür für negative Emotionen entwickeln müssen, dann kann man im Idealfall mit den
positiven Emotionen in Berührung kommen.57
Die Achtsamkeit beim Atem ist eine Meditationsübung, die Konzentration bedarf. Es ist
wichtig, sie bewusst und voller Achtung durchzuführen, wie Kasper im folgendem anmerkt:
,,Der Atem ist das Elixier des Lebens. Beachten wir dieses Elixier des Lebens aber nicht mit
großer Ehrfurcht, dann atmen wir nicht, sondern pumpen lediglich Sauerstoff in unsere
Lungen."58
3.2 Ärger
Als zweites der fünf Geistesgifte nennt Sangharakshita Ärger. Das entsprechende Gegengift
sei die
mett-bhvan
, eine Meditationsübung, durch die man allumfassende liebende Güte
entwickeln kann.59 Positive Emotionen können durch diese Übung entfaltet oder
wohlwollender und offener werden sowohl sich selbst wie anderen Menschen gegenüber.
Einerseits müsste dabei wir
mett
, d.h. liebende Güte oder echte Freundlichkeit, entwickelt
werden, sowie auch die übrigen sogenannten
brahma-vihras
oder ,,göttlichen
Verweilungen", erklärt Sangharakshita.
karun
(tätiges Mitgefühl),
mudit
(Mitfreude) und
upekkh
(Gleichmut, Geistesruhe) werden benötigt. Andererseits brauche man
saddh
, das
gläubige Vertrauen in Buddha als erleuchteten Menschen und in unsere eigene Fähigkeit,
ebenfalls Erleuchtung zu erlangen. Alle diese Geistes- bzw. Herzensverfassungen haben
ihren Ursprung in
mett
. Positive Emotionen fördern das Vorankommen auf dem spirituellen
Pfad. Sie wecken Begeisterung und stärken das Vertrauen. Auf dem spirituellen Pfad
benötige man als Grundlage für jeden weiteren Schritt ein ausgeprägtes Gefühl von
mett
für
sich selbst ebenso wie starke Gefühle von Verbundenheit und spiritueller Gemeinschaft, so
57 vgl. Sangharakshita 2002, 60-63
58 Kasper 2000, 51
59 vgl. Sangharakshita 2002, 76-77
Literatur
16
Sangharakshita. Auf dieser Grundlage von Freundlichkeit für uns selbst und andere kann
und muss
karun
entwickelt werden. Dies ist wiederum die Basis für die Entwicklung von
mudit
und
upekkh
. Letzteres, Gleichmut, gilt als unerschütterliches Fundament, mit dem
der positiven Begegnung mit den Wechselfällen des Lebens kaum etwas im Wege steht.
Schließlich benötigen wir noch
saddh
, was sich besonders in der klaren, von Herzen
kommenden Überzeugung, dass Buddha Erleuchtung erlangt und damit das vorgelebt hat,
was jeder nun selbst tun kann und auch sollte, zeigt.60
Sangharakshita schließt seine Beschreibung der
mett-bhvan
mit folgenden Worten:
,,Nur wenn unsere Emotionen positiv sind wenn wir also wirklich erfüllt sind von
mett,
karun, mudit, upekkh
und
saddh
-, wird auch der Sangha, die buddhistische
Gemeinschaft, zu einer lebendigen Kraft. [...] In diesem Sinn ist die
mett-bhvan
die
zentrale Meditationsform, da man mit ihrer Hilfe die grundlegende positive Emotion von
mett
oder liebender Güte entwickelt."61
3.3 Begierde
Als weiteres Geistesgift gibt Sangharakshita Begierde an, damit sei jedoch nicht einfach
Verlangen, sondern neurotisches Verlangen gemeint.62
Dies lässt sich am Beispiel der Pflege der Körperhygiene zeigen. Jeder Mensch hat ein
gewisses Bedürfnis danach, sich zu waschen. Normalerweise ist dies eher gesund als
schädlich. Doch dieses Verlangen wird zu einer Neurose, wenn die Einhaltung der
Körperhygiene zum Ersatz für ein anderes geistiges oder emotionales Bedürfnis wird, das
auf andere Weise nicht befriedigt werden kann. Heutzutage treten solche Probleme äußerst
oft auf. Zahlreiche TherapeutInnen beschäftigen sich mit PatientInnen, die derartige
Verhaltensweisen zeigen. Die Nachfrage nach seelischem Beistand aufgrund neurotischen
Zwängen ist, unserer Beobachtung nach, in den letzten Jahren deutlich gestiegen.
Sangharakshita erwähnt die Werbebranche als riesigen Wirtschaftszweig, dessen einzige
Aufgabe darin bestehe, Begierde zu entfachen und zu lenken.63
Der Autor erläutert zahlreiche Gegenmittel für das Geistesgift Begierde. Er bemerkt, dass
deren große Anzahl für die Größe des Problems spreche. Zunächst wird die Betrachtung der
zehn Verwesungsstadien eines Leichnams oder die Meditation auf einem
Leichenverbrennungsplatz genannt. 64
60 vgl. Sangharakshita 2002, 63-65
61 Sangharakshita 2002, 65
62 Sangharakshita 2002, 77
63 vgl. Sangharakshita 2002, 77
64 vgl. Sangharakshita 2002, 77
Literatur
17
Sangharakshita beschreibt das Ziel dieser Übungen wie folgt:
,,Die Verbindung von Tod mit Entsagung und der Ausrottung aller weltlichen Begierden ist
Ausdruck derselben Idee wie die Kontemplation eines Leichnams."65
Der Autor beschreibt als einfachere Übungsform die Meditation über den Tod, darüber, dass
er unausweichlich ist. Diese Technik bringe die Überzeugung, dass man von seinem Leben
den bestmöglichen Gebrauch machen solle. Weitere Übungsmöglichkeiten seien die
Meditation über die allgemeine Vergänglichkeit oder die Kontemplation der Widerlichkeit von
Nahrung (z.B. bei Gier nach Süßigkeiten).66
Sangharakshita erklärt in folgenden Worten, welche Übung zu wählen ist:
,,Von den verschiedenen Gegengiften zur Begierde sollte man sich dasjenige auswählen, das
der persönlichen Ausprägung von Gier am genauesten entspricht. Stellt man fest, dass die
eigene Begierde sehr stark ist und einen fest im Griff hat, dann sollte man die Zähne
zusammenbeißen und zum Verbrennungsplatz gehen. Wenn man [...] irgendetwas [...] finden
kann, das an Tod erinnert und seien es auch nur ein paar Knochen -, dann kann man sie
nutzen, um bei der Vorstellung des Todes zu verweilen."67
Der Autor betont abschließend, dass der Tod ebenso natürlich sei wie der Tod. Deshalb
sollte man sich davor nicht fürchten.68
3.4 Dünkel
Das vierte Geistesgift ist laut Sangharakshita Dünkel. Dafür sind die Assoziationen
Überlegenheit, Arroganz, Einbildung oder Ähnliches möglich. Das Gegengift dazu ist die
Meditation über die sechs Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft, Raum und Bewusstsein. Man
beginne mit der Meditation über Erde und reflektiert darüber, in welcher Form, das feste
Element Erde im physischen Körper vorhanden ist, z.B. in der Form von Knochen. Dann
stelle man fest, dass es dem Erdelement im Universum entstammt, sich auflösen und dorthin
zurückkehren wird, wenn man stirbt. So denkt und reflektiert man in der Sechs-Elemente-
Meditation. Danach wendet man sich den anderen fünf Elementen zu und reflektiert über
jedes dieser Elemente im eigenen Körper. Man erkennt, dass keines wirklich besitzt, sondern
irgendwann dem Universum zurückgeführt wird.69
,,Zunehmend löst man sich zunächst vom physischen Körper, der aus den grobstofflichen
Elementen besteht, dann vom Raum, den der Körper einnimmt, und schließlich von dem
begrenzenden Bewusstsein, das mit diesem Körper und seinem Raum verbunden ist. So
wird man völlig frei und erleuchtet."70
65 Sangharakshita 2002, 78
66 vgl. Sangharakshita 2002, 77-79
67 Sangharakshita 2002, 79
68 vgl. Sangharakshita 2002, 79-80
69 vgl. Sangharakshita 2002, 80-82
70 Sangharakshita 2002, 82
Literatur
18
Die Betrachtung der sechs Elemente ist nach Sangharakshitas Ansicht nötig, um unsere
weltliche Persönlichkeit wieder aufzulösen, d.h. die Spaltung zwischen uns als
wahrnehmendem Subjekt und der Welt als wahrgenommenem Objekt muss überwunden
werden. Das glückliche, gesunde Individuum, das man geworden oder gewesen ist, muss
folglich sterben.71
,,In der Meditation vergegenwärtigt man sich, dass jedes dieser Elemente auf seine
besondere Weise im Universum vorhanden ist, dass wir von diesen Elementen all das
geborgt haben, was zum Aufbau und zur Erhaltung des Körpers und der Persönlichkeit nötig
ist und es wieder zurückgeben müssen. Die Betrachtung der sechs Elemente ist die
Schlüsselmethode, mit der wir das irreführende Empfinden auflösen können, unsere bloß
relative Persönlichkeit zu besitzen bzw. zu sein."72
Bei tiefergehender Meditation sei es möglich, dass man eine große Furcht spürt, erklärt
Sangharakshita weiter. Es sei gut, diese zuzulassen und zu erleben. Von
nyat
(,,Leerheit", ,,Relativität", ,,Nichts") bei der Meditation der sechs Elemente berührt zu werden,
fühle sich an wie ein Tod. Für das bedingte Selbst ist es der Tod und deshalb entstehe
Angst.73
3.5 Unwissenheit
Als fünftes Geistesgift nennt Sangharakshita spirituelle Unwissenheit oder unzureichendes
Gewahrsein der Realität, die grundlegende ,,Verunreinigung" des Geistes. Die Menschen, die
diese Eigenschaft haben, verschließen die Augen vor den Wesensmerkmalen des Daseins.
Das entsprechende Gegengift sei die Meditation über die sogenannten ,,Kettenglieder"
(
nidnas
) des bedingten Entstehens. 74
Der Autor beschreibt diese Übung folgendermaßen:
,,Davon [von den
nidnas
] gibt es 24, die den gesamten Verlauf der bedingten Existenz und
sein Verhältnis zum Bereich des Unbedingten, des Transzendenten abbilden. Die einen
zwölf beziehen sich auf das bedingte Dasein, das kreisförmig als Lebensrad dargestellt wird;
die anderen zwölf weisen den Weg zur Befreiung vom Bedingten, des Weg aus der
spirituellen Unwissenheit, den man als Spirale der Befreiung oder spiritueller Pfad
bezeichnen kann. Die erste Zwölfer-Reihe entspricht dem ,reaktiven′ Geist, die zweite dem
,schöpferischen′."75
71 vgl. Sangharakshita 2002, 65-66
72 Sangharakshita 2002, 66
73 vgl. Sangharakshita 2002, 66-67
74 vgl. Sangharakshita 2002, 82-83
75 Sangharakshita 2002, 83
Literatur
19
4. Bodhi Die Erleuchtung
4.1 Bedeutung
Wenn Sangharakshita von Bodhi, der Erleuchtung, in seinem Buch ,,Buddhistische Praxis-
Ethik, Meditation, Weisheit" spricht, dann meint er damit eine Weisheit des Wesens genauer
eine Einsicht in etwas ganz Übernatürlichem. Weisheit, was übersetzt
prajna
heißt, ist die
direkte Einsicht in die höchste Wahrheit oder der absoluten Wirklichkeit. Eine solche
Erfahrung ist zunächst nur flüchtig, wird aber im laufe der Zeit verfestigt. Sangharakshita
sagt: ,,[...] irgendwann werden wir fähig sein unseren Geist zur Kontemplation der
Wirklichkeit selbst emporzuheben".76
Sangharakshita merkt aber auch an, dass es auf dieser Ebene der Erleuchtung nicht allein
um das wissensmäßige Erkennen geht, sondern auch um Liebe und Mitgefühl, aber dabei
eher um die transzendente Entsprechung dieser Gefühle, denen wir diesen Namen geben.77
Geshe Keisang Gyatso beschreibt die Erleuchtung in seinem Buch ,,Die volle Erleuchtung"
als eine Freiheit von zwei Behinderungen, die Ursache aller unserer Fehler sind. Die erste
Behinderung sagt Gyatso sei die Verblendung unseres Geistes und die zweite die
Behinderung zur Allwissenheit. Des weiteren führt Gyatso auf, dass wir mit dem Erreichen
der vollen Erleuchtung die vier Körper eines Buddhas erlangen. Die vier Körper eines
Buddhas unterteilt man in zwei Oberkörper, dem Hauptkörper und dem Formkörper, wobei
der Hauptkörper aus dem Weisheits- und dem Naturkörper besteht und der Formkörper aus
dem Freudenkörper und dem Ausstrahlungskörper. Diese vier Körper eines Buddhas werfen
viele Qualitäten auf. Als Beispiel nennt er die Unveränderlichkeit sowie die Freiheit von
Geburt, Alter, Krankheit und Tod.78
4.2 Dimensionswechsel
Sangharakshita beschreibt an einer anderen Stelle in seinem Buch die Erleuchtung, als ein
spirituelles Erwachen. Damit meint er den Zeitpunkt, ab dem man den direkten und
unmittelbaren Einblick in die Wirklichkeit oder der Realität erlangt hat. Dieser Einblick ist frei
und unverzerrt. 79
Was aber bedeutet Realität für einen Buddhisten? Im Buddhismus gibt es laut
Sangharakshita keinen Begriff, der unserer westlichen Bedeutung von Realität entspricht.
Der Buddhismus unterscheidet zwischen zwei Arten von Realität. Auf der einen Seite haben
76 Sangharakshita 2002, S.15-17
77 vgl. Sangharakshita 2002, S.15
78 vgl. Gyatso 1998, S. 643-645
79 vgl. Sangharakshita 2002, S.135
Literatur
20
wir die zusammengesetzte, vermischte bedingte Realität ,,samskrata" und auf der anderen
Seite die einfache, unvermischte Realität ,,asamskrata".80
Um den Begriff der Erleuchtung besser verstehen zu können versucht Sangharakshita ihn
als den Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit zu umschreiben, verbessert sich jedoch gleich
und redet nicht weiter von einem Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit, sondern von der
Auflösung der Zeit in die Ewigkeit. Als Beispielbild führt er einen Fluss auf, der im Meer
mündet sich in den tiefen des Meers auflöst und nicht mehr auszumachen ist. Den Fluss
entspricht in seinem Beispiel der Zeit und das Meer der Ewigkeit. So wie der
eindimensionale Fluss, im Falle wir betrachten ihn als Linie, in etwas höherdimensionales,
hier das zweidimensionale Meer, einmündet und sich auflöst, können wir sagen, dass mit
dem Erreichen der Erleuchtung wir in eine andere Dimension übertreten. Sangharakshita
schreibt: ,,Das Erreichen von Erleuchtung bezeichnet als den Eintritt in eine andere
Dimension des Seins."81
Mit dem Übertreten in diese andere Dimension des Seins, vollzieht sich in uns eine
komplette Verwandlung. Diese Verwandlung ist nicht zu vergleichen mit der Verwandlung
eines Menschen, wenn er erwachsen wird. Der Erwachsene ist trotz seines Alters von seiner
Kindheit geprägt und es wird ihm schwer gelingen seinen Einstellungen der Kindheit zu
entwachsen. Die Verwandlung die mit der Erleuchtungserfahrung einhergeht beschreibt
Sangharakshita als ,,[...] das war nicht nur eine kleine, unwesentliche Veränderung an der
Oberfläche. Sie war etwas viel Tieferes und Dramatischeres, eher jener Verwandlung
vergleichbar, die sich zwischen zwei Leben ereignet: wenn man in einem Leben stirbt, in ein
anderes wieder geboren wird und dazwischen eine große Lücke erlebt. Die
Erleuchtungserfahrung ist eher wie ein Tod." 82
Wir, die die bedingte Realität wahrnehmen betrachten die Dinge, unsere Erscheinungen, im
Umfeld von Raum und Zeit. Mit dem Eintritt in die Dimension der Ewigkeit, werden Raum
und Zeit übergangen. Man wächst über alle Erscheinungen hinaus, die nur durch Raum und
Zeit als wirklich erfahren werden. Sangharakshita tirfft es genau, in dem er sagt, dass man
das Samsara verlässt und ins Nirvana eintritt.83
Hellmuth Hecker vermerkt in seinem Buch ,,Das Buddhistische Nirvana" das Nirvana der
,,Wunschlosigkeit" gleichgestellt werden kann. Als Begründung verweist er auf zwei Stellen
aus dem Palikanon. Die beiden Lehrreden aus dem Palikanon auf die Frage, was das
Nirvana sei, sind:
80 Sangharakshita 2002, S.123/124
81 Sangharakshita 2002, S.150
82 Sangharakshita 2002, S.151
83 vgl. Sangharakshita 2002, S. 151/152
Literatur
21
Es ist die Versiegung von Gier, Hass und Irre
Es ist die Versiegung des Durstes
Hecker merkt noch an, dass man zwischen dem relativen und dem absoluten Nirvana
unterscheiden sollte. Jedoch fügt er hinzu, dass das relative Nirvana nur eine Vorstufe des
absoluten Nirvanas sei, und als allmähliche Annäherung an das absolute Nirvana dient. 84
Lowenstein liefert eine ähnliche Definition wie Hecker. Nirvana heißt für ihn: ,,Der Friede. Das
Absolute. Das Ende des Konstrukts der menschlichen Persönlichkeit. Das Ende jeder Spur,
die wiedergeboren werden könnte. Der Tod der Sehnsucht. Loslösung. Auslöschung." Im
Vergleich zu Samsara, sagt Lowenstein, welches sich auf den Kreislauf der Wiedergeburt
bezieht, ist das Nirvana ,,ohne Ursprung, nicht erschaffen, formlos".85
4.3 Die Ebene der Erleuchtung
Hat man die Hürde der Erleuchtung genommen, ist man zur Wahrheit der Dinge erwacht,
dann wird dieser Zustand, von Sangharakshita beschrieben, als einen Zustand, in dem man
die Dinge sieht wie sie wirklich sind, frei von jeglichem Schleier des Geistes.
D.h. laut Sangharakshita:
,,[...] frei von aller Verblendung, von falschen Auffassungen, von allem verworrenen und
fehlerhaften Denken, frei von Verschwommenheit, Undeutlichkeit, jeglicher
verstandesmäßiger Konditionierung und von Vorurteilen."
Wir sind in der Lage die Dinge in vollkommener Objektivität zu sehen, ohne von psychischen
Konditionierungen beeinflusst zu werden. Wir werden die Dualität von Subjekt und Objekt
nicht länger erfahren. Unser Gewahrsein ist in diesem Zustand rein und klar. Er hebt dies
hervor in dem er sagt: ,,[...] ein mit den Dingen, eins mit der Realität werden".
Sangharakshita betont, dass das hier benutzte Wort ,,Dinge" keine Gegenstände
verdeutlichen soll, ,,Dinge" soll Ausdruck für die Wirklichkeit, jenseits unserer von Subjekt-
und Objektvorstellung, sein. 86
Die Ebene der Erleuchtung, so Sangharakshita, birgt für die Erwachten noch einen anderen
Aspekt. Man befindet sich in einer Verfassung kraftvoller, tiefer, überströmender Liebe und
mitfühlenden Erbarmens. Sangharakshita vergleicht dies mit der Liebe einer Mutter zu ihrem
einzigstem Kind. Diese allumfassende und unterschiedlose Liebe bestehe aus dem inneren
Herzenswunsch und dem Verlangen, dass es allen Wesen wohl ergehen möge und sie
glücklich werden. Dies ist der Wunsch, dass alle Lebewesen frei von Leiden und
Schwierigkeiten wachsen, sich Entfalten und zur Erleuchtung erlangen.87
84 vgl. Hecker 1971, S.11-13
85 Lowenstein 1997, S.17
86 vgl. Sangharakshita 2002, S.161-163
87 vgl. Sangharakshita 2002, S.161-163
Literatur
22
5. Fazit
Abschließend können wir sagen, dass ein Erlebnis als eine mystische Erfahrung gilt, wenn
das normale Alltagsbewusstsein eines Menschen auf eine bestimmte Art und Weise
überschritten und eine Einsicht über die Realität gewonnen wird. Die Erleuchtung ist eine
mystische Erfahrung, wenn die Veränderung, die die Person durchlaufen ist, unumkehrbar
ist.
Wir können sagen, dass eine mystische Erfahrung durch Meditation, Gebet, Kontemplation
und Askese zwar nicht erzwungen werden kann, jedoch diese Methoden grundlegende
Hilfsmittel und Verfahren, zum hervorrufen mystischer Erlebnisse, darstellen.
Literatur
23
6. Literatur
Benz, E. (Hg.) (1972): Probleme der Versenkung im Ur-Buddhismus. Joachim Wach-
Vorlesungen der Philipps-Universität Marburg. In: Beihefte der Zeitschrift für Religions- und
Geistesgeschichte. Leiden (Niederlande).
Debes, P. (1987): Meditation nach dem Buddha warum und was. Bindlach.
Gyatso, G. K. (1998): Freudvoller Weg. Zürich.
Halcour, D. (1991): Das Lebensrad der Tibeter. Weingarten.
Hecker, H. (1971): Das Buddhistische Nirvana. Hamburg.
Kasper, R. (Hg.) (2000): Der Anfang ist das Ziel Weisheit für unsere Zeit. Freiburg.
Lowenstein, T. (1998): Buddhismus. München.
Matthews, A. (1997): Meditation Der buddhistische Weg zu Glück und Erkenntnis. Essen.
Rinpoche, P. (1996): Das Herzjuwel der Erleuchteten. Berlin.
Sangharakshita, U. (2002): Buddhistische Praxis Ethik, Meditation, Weisheit. Essen.
Schlingloff, D. (1962): Die Religion des Buddhismus. Band 1: Der Heilsweg des Mönchtums.
Berlin.
Weil, A. (1998): Stiller Geist Klarer Geist. Berlin.
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