Subtitle: Gefährliches Menschenexperiment oder harmlose Geldmaschine?
Scholary Paper (Seminar), 2001, 30 Pages
Author: Diplom-Kommunikationswirtin Julia Schroeter
Subject: Communications: Movies and Television
Details
Institution/College: University of the Arts Berlin
Tags: Brother, Unterhaltung, Umbruch-Facetten, Fernsehkultur
Year: 2001
Pages: 30
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 41 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-16966-5
File size: 160 KB
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Abstract
Selten war ein Start eines neuen Fernsehformates so umstritten wie der von „Big Brother“. Ausschweifende Phantasien, Ängste und eine tiefgehende moralische Entrüstung wurden von Journalisten, Psychologen, Vertretern der Kirche und der Landesmedienanstalten artikuliert und so eine regelrechte Medienhysterie entfacht. Die Produzenten von „Big Brother“ heizten die Stimmung dabei insofern an, als dass sie eine nicht enden wollende Flut von Spekulationen über mögliche Drogenexzesse, Orgien und Gewalt publizierten. Den Zuschauern wurde die Erfahrung von etwas außerordentlich Skandalösem und Exzessiven in Aussicht gestellt und Schlagwörter wie Menschenexperiment oder Menschenzoo kursierten in sämtlichen bundesdeutschen Gazetten. Als die Reality-Soap „Big Brother“ am 1. März 2000 um 20.15 Uhr auf RTL2 dann tatsächlich das erste Mal über die Mattscheibe flimmerte, waren die Erwartungen der Zuschauer erwartungsgemäß hoch. Was dann aber wirklich zu sehen war, war verglichen mit den Prophezeiungen für die meisten wohl eher enttäuschend. Die mediale Inszenierung eines 100-tägigen WG-Lebens war banal, langweilig und äußerst unspektakulär. Ich widme diese Hausarbeit all denjenigen, die wie ich -angestachelt durch die mediale Hysterie- in „Big Brother“ zunächst ein gefährliches Menschenexperiment vermuteten und in zahlreichen Diskussionen, zu Protest und Boykott aufriefen –so lange bis ich durch die intensive Beschäftigung der Thematik bemerkte, worum es bei diesem Phänomen in Wirklichkeit geht. Diesen „Sinneswandel“ möchte ich in dieser Hausarbeit skizzieren und belegen und meinen Erkenntnisgewinn all denjenigen zugänglich machen, die dem gleichen „trojanischen Pferd“ aufgesessen sind.
Excerpt (computer-generated)
Hochschule der Künste Berlin
Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation
Unterhaltung im Umbruch-Facetten gegenwärtiger Fernsehkultur
Wintersemester 2000/2001
Hausarbeit zum Thema
,,Big Brother"
Gefährliches Menschenexperiment
oder harmlose Geldmaschine?
eingereicht von:
Julia Schroeter
Berlin, den 29.03.2001
Inhalt
1
Vorwort 3
2
Was ist ,,Big Brother" überhaupt? 4
2.1
Das Konzept 4
2.2
Die Spielregeln 4
2.3
Die Kandidaten 6
2.4 Die Macher 7
2.4.1
Endemol Entertainment 7
2.4.2
RTL 2 8
3
Die Medienhysterie 9
3.1
Die Historie des Reality-TV 10
3.2
Die Menschenrechtsdebatte 12
3.3
Die totale Kontrolle à la Orwell 14
4
Das große Geschäft mit den Kandidaten 16
4.1
Authentizität oder Inszenierung? 16
4.2
Der Goldesel Zlatko 18
4.3
Die Knebelverträge Endemols 19
5
Der Fankult 21
5.1
Theorien des Erfolgs 21
5.2
Voyeurismus 23
5.3
Promotion 24
6
Fazit und Ausblick 26
6.1
Geldmaschine Big Brother 26
6.2
Was kommt nach Big Brother & Co? 26
7
Literaturverzeichnis 1
2
1 Vorwort
Selten war ein Start eines neuen Fernsehformates so umstritten wie der von ,,Big Brother". Ausschweifende Phantasien, Ängste und eine tiefgehende moralische Entrüstung wurden von Journalisten, Psychologen, Vertretern der Kirche und der Landesmedienanstalten artikuliert und so eine regelrechte Medienhysterie entfacht. Die Produzenten von ,,Big Brother" heizten die Stimmung dabei insofern an, als dass sie eine nicht enden wollende Flut von Spekulationen über mögliche Drogenexzesse, Orgien und Gewalt publizierten. Den Zuschauern wurde die Erfahrung von etwas außerordentlich Skandalösem und Exzessiven in Aussicht gestellt und Schlagwörter wie Menschenexperiment oder Menschenzoo kursierten in sämtlichen bundesdeutschen Gazetten.
Als die Reality-Soap ,,Big Brother" am 1. März 2000 um 20.15 Uhr auf RTL2 dann tatsächlich das erste Mal über die Mattscheibe flimmerte, waren die Erwartungen der Zuschauer erwartungsgemäß hoch. Was dann aber wirklich zu sehen war, war verglichen mit den Prophezeiungen für die meisten wohl eher enttäuschend. Die mediale Inszenierung eines 100-tägigen WG-Lebens war banal, langweilig und äußerst unspektakulär.
Ich widme diese Hausarbeit all denjenigen, die wie ich -angestachelt durch die mediale Hysterie- in ,,Big Brother" zunächst ein gefährliches Menschenexperiment vermuteten und in zahlreichen Diskussionen, zu Protest und Boykott aufriefen so lange bis ich durch die intensive Beschäftigung der Thematik bemerkte, worum es bei diesem Phänomen in Wirklichkeit geht. Diesen ,,Sinneswandel" möchte ich in dieser Hausarbeit skizzieren und be-legen und meinen Erkenntnisgewinn all denjenigen zugänglich machen, die dem gleichen ,,trojanischen Pferd" aufgesessen sind.
3
2 Was ist ,,Big Brother" überhaupt?
2.1 Das Konzept
Zehn Menschen ziehen gemeinsam in eine Wohngemeinschaft und geben damit freiwillig für 100 Tage jegliches Privatleben auf. Vierundzwanzig Stunden täglich werden sie von 28 Kameras beobachtet, jedes Wort und jede Handlung werden aufgezeichnet und um 20.15 Uhr von RTL2 einem Millionenpublikum in einem Zusammenschnitt präsentiert. Wer die 100 Tage Überwachung durchhält ohne aufzugeben oder vom Fernsehpublikum aus dem Haus gewählt zu werden, erhält das Preisgeld von 250.000 Mark.1
2.2 Die Spielregeln
Die zehn Bewohner haben sich vor dem Start von ,,Big Brother" niemals zuvor getroffen. Jeder Kandidat muss sich vor dem Einzug in das ,,Big Brother"- Haus intensiven psychologischen und allgemeinmedizinischen Tests unterziehen. Diese sollen die überdurchschnittliche Ausprägung der seelischen Stabilität, des Durchsetzungsvermögens, der emotionalen Intelligenz und der Gruppenfähigkeit der zukünftigen Bewohnern gewährleisten. Mediziner und Psychologen stehen während des Projektes ständig bereit. In der dritten Staffel wurde diese Regel dahingehend modifiziert, dass nun ein Paar, das sich bereits seit längerem kennt mit in die Wohngemeinschaft einzieht.
Die Gruppe ist von der Außenwelt hermetisch abgeriegelt. Kameras, technisches Personal, Redaktion und Betreuer sind für die Gruppe nicht zu sehen oder zu hören. Das Team kommuniziert nur per Lautsprecher mit der Gruppe. Massenmedien wie Fernsehen, Radio oder Zeitung stehen ihr nicht zur Verfügung. Ab der dritten Staffel kommuniziert das ,,Big Brother"- Team nur noch per E-mail oder mit einer elektronisch veränderten Stimme mit den Bewohnern.
1 http://www.bigbrother-haus.de
4
Das Prinzip "Back to the Basics" gilt als Lebensstil bei ,,Big Brother". Die Bewohner müssen während der 100 Tage vollständig auf Luxus und Komfort verzichten. Jeder Teilnehmer darf nur einen Diplomatenkoffer voll persönlicher Habe mitbringen. Holz zum Heizen muss selbst gehackt werden, Brot von Hand gebacken und Gemüse im Garten des Containers gezogen und geerntet werden. Für alle weiteren Waren steht der Gruppe ein - geringes -Budget zur Verfügung, über das sie gemeinsam entscheiden muss. Das Budget kann erhöht werden, indem die Gruppe die Tages- und Wochenaufgaben erfolgreich löst. Die Kameras sind ständige Beobachter der Aktivitäten im ,,Big Brother"- Haus. Alles wird von ihnen registriert und die Bewohner werden selbst auf der Toilette beobachtet. Diese intimen Bilder werden jedoch nicht veröffentlicht, sondern dienen lediglich der Sicherheit.
Die Bewohner müssen täglich einen persönlichen Bericht abgeben. Dies geschieht im sogenannten Sprechzimmer, in dem sie unbeobachtet und unbelauscht von den Mitbewohnern über ihre individuellen Erfahrungen, Gefühle und Konflikte reden.
Alle zwei Wochen muss ein Bewohner die Gruppe verlassen Die Gruppe spricht dafür je zwei Nominierungen aus. Jeder Teilnehmer nennt im Sprechzimmer zwei Mitbewohner, die gehen sollen. Jene beiden Bewohner, die von ihren Mitbewohnern in der betreffenden Runde am häufigsten genannt wurden, sind nominiert. Wer tatsächlich gehen muss, entscheiden die Zuschauer. In der dritten Staffel wurde das Nominierungsverfahren dahin-gehend modifiziert, dass fortan die Nominierungen gewichtet werden müssen: Einer der nominierten Bewohner erhält zwei Punkte, der andere einen. Die beiden Kandidaten mit den meisten Punkten - plus Publikumspunkte - sind nominiert. Wer dann tatsächlich gehen muss, entscheiden die Zuschauer von RTL und RTL II und die Fans aus dem Internet bis zum Samstag der folgenden Woche per TED und via Internetvoting.
Jeder Bewohner darf zu jedem Zeitpunkt aus freien Stücken den ,,Big Brother"- Container verlassen. Mit dem Austritt ist das Spiel jedoch unwiderruflich beendet. Nur wer von Anfang an bis zum 100-sten Tag ausharrt, hat die Chance auf den Hauptpreis von 250.000 Mark. In der dritten Staffel
5
wird jeder Bewohner der durch Zuschauer-Abwahl nach Nominierung den Container verlässt, zusätzlich mit einem Geldgeschenk belohnt. Der erste erhält einen Bonus von DM 2.000 und die folgenden erhalten jeweils 2.000 DM mehr als ihre Vorgänger.2
2.3 Die Kandidaten
Obwohl die Gewinnchancen beim ,,Big Brother" Spiel eher gering sind, bewarben sich nichtsdestotrotz Tausende als Teilnehmer für die erste Staffel. Die Freiwilligen waren bereit, ihre Privatsphäre für 100 Tage im ,,TV-Knast" aufzugeben. Nach einer einzigen Kandidaten-Such-Show im Dezember 1999 stritten sich 20 000 Bewerber um die zehn Betten im ,,Big Brother"- Container.3
Bei der Auswahl der Kandidaten wurde stark darauf geachtet, dass diese ein möglichst breites gesellschaftliches Spektrum abdecken, so dass es viele Identifikationsmöglichkeiten für die Zuschauer gibt. Es ging der Produktionsfirma Endemol nicht darum, Menschen mit Starqualitäten für den Container zu gewinnen. Es genügte, wenn die Probanden sich als kommunikativ erwiesen: ,,Sie sollen schon viel erlebt haben und sich ordentlich ausdrücken können. Schließlich müssen sie die Zuschauer 100 Tage unterhalten.
Ein unsympathischer Langweiler hat keine Chancen.", sagt Rainer Laux, verantwortlicher Produzent der Produktionsfirma Endemol.4 Lutz Ellrich, Privatdozent für Soziologie und Kulturanthropologie in Frank-furt/Oder hat beobachtet, dass man bei der Auswahl der Frauen weniger auf klassische Schönheitsindikatoren als auf ausgeprägte Charaktereigenschaften geachtet habe, bei den Männern hingegen auf modellierte Muskelpartien, die sich makellos ins Fernsehbild setzen ließen. Die Tatsache, dass propere Männerkörper inzwischen profitable Werbeträger hergeben, wurde
2 http://www.bigbrother-haus.de/regeln
3 http://www.big-brother-kandidaten.de/
4 http://www.stern.de/magazin/kultur/2000/03/bigbro-2.html
6
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