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Masterarbeit, 2007, 115 Seiten
Autor: Master of Art Elisabeth Lawonn
Fach: Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Details
Institution/Hochschule: Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Tags: Gemeinsinn, Gemeinwohl, professionelles Handeln, Gemeinwesenarbeit, Integrative Heilpädagogik/ Inclusive Education
Jahr: 2007
Seiten: 115
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 67 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-18587-0
Dateigröße: 509 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Gemeinsinn gemeinsam erleben. In Stadtteilen werden Stadtteilbüros eingerichtet, es gibt Stadtteilfeste und zunehmend Projekte, die von den dort lebenden BürgerInnen eigenständig geplant und durchgeführt werden. Von seiten des Staates gibt es spezifische Förderprogramme zum Ziele der Selbstbestimmung und Aktivierung der BürgerInnen, ihre Lebenslagen zu verbessern. Was aber hält unsere Gesellschaft zusammen, die sich durch Vielfalt auszeichnet und als individualisiert und egoistisch angesehen wird? Gibt es noch einen Zusammenhalt, ein gemeinsames Interesse bzw. ein Interesse an etwas Gemeinsamen, an einem Gemeinwese? Welche Bedeutung nehmen professionell Handelnde in diesem Gemeinwesen ein? Die Masterarbeit beschäftigt sich mit diesen Fragen und setzt sich kritisch mit dem dafür notwendigen professionellen Handeln vor dem Hintergrund des Studiums der Integrativen Heilpädagogik/ Inclusive Education auseinander. Bewußt wurde hierbei keine Verbesonderung von Menschen, die als behindert bezeichnet werden, vorgenommen. ...Jeder Mensch ist einzigartig, und Alle sind angesprochen...
Volltext (computergeneriert)
´GemeinSinn`
Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle
durch gemeinwesenorientiertes Arbeiten
und deren Bedeutung für professionelles Handeln
Masterthesis vorgelegt von
Elisabeth Lawonn
Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Integrative Heilpädagogik/ Inclusive Education
SS 2007
Elisabeth Lawonn
Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Vorwort
Ich danke allen Menschen,
die mich während der Zeit der Erarbeitung dieser Masterthesis
unterstützt und ertragen haben.
Ihre offenen Ohren und kritischen Äußerungen
haben diese Arbeit wesentlich geprägt.
Elisabeth
Lawonn
Darmstadt,
im
Sommer
2007
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1 Gemeinsinn und Gemeinwohl 6
1.1 Die historische Entwicklung der Begriffe Gemeinsinn und Gemeinwohl 7
1.2 Die ethische Dimension des Gemeinsinns 11
1.3 Die politische Dimension von Gemeinsinn 14
2 Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle 18
2.1 Der Begriff der Teilhabe 18
2.2 Die Geschichte des Teilhabebegriffs 19
2.3 Eine uneingeschränkte Teilhabe woran? 20
Die Begrifflichkeiten Gesellschaft und Gemeinschaft 20
2.4 Eine uneingeschränkte Teilhabe aus sozialpolitischer Sicht 23
2.5 Eine uneingeschränkte Teilhabe aus heilpädagogischer Sicht 26
2.6 Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle 28
2.7 Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle vs. Gemeinsinn 29
Eine Zusammenführung 29
3 Gemeinwesenorientiertes Arbeiten 31
3.1 Eine mögliche Ausgangslage für ein Interesse am Gemeinwesen 32
3.2 Das Gemeinwesen 35
3.2.1 Die alten Strukturen im Gemeinwesen 37
3.2.2 Die Funktionen des Gemeinwesens 41
3.2.3 Den Wandel aktiv gestalten 44
3.3 Das Arbeitsprinzip ´Gemeinwesenarbeit` 45
3.3.1 Die Ursprünge der Gemeinwesenarbeit 45
3.3.2 Die Rezeption der Gemeinwesenarbeit in der BRD 46
3.3.3 Die Formen der Gemeinwesenarbeit 48
3.3.3.1 Die Wohlfahrtsstaatliche Gemeinwesenarbeit 48
3.3.3.2 Die Integrative Gemeinwesenarbeit 49
3.3.3.3 Die aggressive Gemeinwesenarbeit 50
3.3.3.4 Gemeinwesenarbeitsstrategien nach Saul D. Alinsky 51
3.3.3.5 Die katalytisch- aktivierende Gemeinwesenarbeit 53
3.3.3.6 Die integrative, lebensweltliche Gemeinwesenarbeit als Netzwerk 55
3.3.4 Die Merkmale der Gemeinwesenarbeit 56
3.3..5 Gemeinwesenorientierte Arbeit = Gemeinwesenarbeit? 59
3.4 Das Konzept der ´Alltäglichen Lebensführung` 60
3.5 Schwierigkeiten in der Umsetzung und Lösungsansätze 64
4 Das professionelle Handeln gemeinwesenorientierter Arbeit 66
4.1 Das Konzept Kwartiermaken 67
4.2 Das ´Anderssein anders denken` 68
4.3 Die Gastfreundschaft als Raum für das Anderssein 70
4.4 Professionelles Handeln 72
4.5 Der Studiengang ´Integrative Heilpädagogik / Inclusive Education` und seine Handlungsfähigkeiten in Bezug auf gemeinwesenorientiertes Arbeiten 76
4.5.1 Der Studiengang ´Integrative Heilpädagogik / Inclusive Education` 77
4.5.2 Handlungsfähigkeiten des Absolventen des Studiengangs ´Integrative Heilpädagogik/ Inclusive Education` in Bezug auf gemeinwesenorientiertes Arbeiten 78
5 Zusammenfassung 82
6 Ausblick 87
Literaturverzeichnis 95
Anhang 103
Abstract 108
Einleitung
Im Rahmen des Studiengangs ´Integrative Heilpädagogik/ Inclusive Education` stellt diese Arbeit die Masterthesis dar.
Das Thema lautet:
´GemeinSinn`- Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle durch gemeinwesenorientiertes Arbeiten und deren Bedeutung für professionelles Handeln Gegenwärtig kann besonders in großen Städten ein vermehrtes Interesse an gemeinwesenorientiertem Arbeiten festgestellt werden. In Stadtteilen werden Stadtteilbüros eingerichtet, es gibt Stadtteilfeste und zunehmend Projekte, die von den dort lebenden BürgerInnen eigenständig geplant und durchgeführt werden. Von seiten des Staates gibt es spezifische Förderprogramme zum Ziele der Selbstbestimmung und Aktivierung der BürgerInnen, ihre Lebenslagen zu verbessern. Was aber hält unsere heutige demokratische Gesellschaft zusammen, die sich durch Vielfalt auszeichnet und als individualisiert und egoistisch angesehen wird?
,,Entwurf einer egoistischen Welt1, Zur Krise des Helfens in der individualisierten Gesellschaft2,
Die Individualisierte Gesellschaft3"
Gibt es noch einen Zusammenhalt, ein gemeinsames Interesse bzw. ein Interesse an etwas Gemeinsamen? Fällt die moderne Gesellschaft nicht durch diese Vielfalt auseinander, sodass nur noch isolierte Individuen oder kleinere Gruppen existieren, die miteinander nichts mehr verbindet?
Die Fragen weisen darauf hin, dass eine gesellschaftliche Verunsicherung in Bezug auf den sozialen Zusammenhalt zu spüren ist.
Allerdings gibt es auch andere Meinungen, die besonders von einem Abschied des so genannten Egokults sprechen und eine neue Offenheit und politische Konjunktur des Gemeinsinns bemerken.4
Diese Widersprüchlichkeiten verdeutlichen, dass Phänomene wie u. a. Gemeinsinn mit der Gesellschaft verbunden sind und wieder als wertvolle Güter geachtet werden müssen. Ohne Zweifel könne gesagt werden, dass eine demokratische Gesellschaft für ihr
1 http://www.zeit.de/2004/43/Essay_Erbacher, (06.07.2007).
2 http://socio.ch/health/t_geser1.html, (06.07.2007).
3http://www.competence-site.de/wissensmanagement.nsf/85ba6c60fa84ab0bc1256a8c003146c9/059d2f359c6db6b4c1256e27004c18e0!OpenDocument, (06.07.2007).
4 Vgl. Bertelsmann Stiftung, Bertelsmann Forschungsgruppe, Politik (Hg.) (2002) S. 7.
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Funktionieren Menschen braucht, die gemeinschaftsfähig sind, sich vertrauen und sich für das Wohl der Gemeinschaft einsetzen.5
Das Interesse an dem Thema dieser Arbeit entstand durch eine persönliche Fragestellung, ob gemeinwesenorientiertes Arbeiten gegenwärtig und zukünftig eine Möglichkeit darstellen kann eine Teilhabe für alle Menschen am gesellschaftlichen bzw. gemeinschaftlichen Leben zu erreichen. Des Weiteren bestand das Interesse darin, die im Studium erworbenen Handlungskompetenzen in Beziehung zum gemeinwesenorientierten Arbeiten zu setzen und dadurch die Frage beantworten zu können, ob dies ein mögliches Arbeitsfeld sein kann.
Diese Entwicklung bzw. dieses Interesse am Gemeinwesen ist allerdings keine moderne Errungenschaft, sondern besitzt eine lange historische Entwicklung. Vor diesem Hintergrund erachte ich es als notwendig, die im Thema verwendeten Begrifflichkeiten in ihrem historischen Kontext zum Gegenstand zu machen, von dem aus anschließend eine weiterführende Betrachtung in Hinblick auf die Bedeutung des professionellen, am Gemeinwesen orientierten Handelns vorgenommen werden kann.
Die Arbeit stellt somit eine theoriegestützte Verdeutlichung der Verbindung zwischen den Begrifflichkeiten Gemeinsinn, uneingeschränkte Teilhabe für Alle und gemeinwesenorientiertem Handeln dar. Im Weiteren versucht sie eine Positionierung professionellen Handelns innerhalb dieser Verbindung zu finden.
Die Arbeit ist in vier eigenständige Kapitel unterteilt, die in einem engen Zusammenhang stehen, wobei sie durch einen Erarbeitungsweg vom Allgemeinen hin zum Besonderen gekennzeichnet ist.
Im ersten Kapitel beschäftigt sich die Arbeit mit dem Gemeinsinnsbegriff und mit dem nicht davon lösbaren Begriff Gemeinwohl. Einer historische Herleitung und Verdeutlichung ihrer vielfältigen Auslegungen folgt deren Einordnung in einer ethischen und politischen Dimension.
Hierbei werden die ´Theorie der Gerechtigkeit` von Rawls sowie Kants ´Kritik der Urteilskraft` als theoretische Basis verwendet. Das Ziel ist ein Verständnis vom Gemeinsinnsbegriff als Grundlage für die weitere Arbeit zu erlangen. Die Hervorhebung ´Gemein Sinn` im Titel spielt hierbei keine wesentliche Rolle, sondern soll lediglich den Sinn am Gemeinsamen verdeutlichen. Beachtet werden sollte, dass
5 Vgl. Bertelsmann Stiftung, Bertelsmann Forschungsgruppe, Politik (Hg.) (2002), S. 9.
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dieses Kapitel als Einführung in die gesamte Thematik dienen soll und demnach keine gewichtige Analyse darstellen kann.
Das zweite Kapitel betrachtet, was unter einer uneingeschränkten Teilhabe für Alle zu verstehen ist. Hierbei bietet eine anfängliche historische Betrachtung die Plattform für die Erkundung, worin die Teilhabe stattfinden soll. Wesentlicher Aspekt ist dabei der Gesellschafts- und Gemeinschaftsbegriff und deren Unterscheidung. Es folgt eine weitere Einordnung des Teilhabebegriffes im sozialpolitischen Raum und da besonders in Bezug auf Menschen, die als behindert bezeichnet werden. Diese so genannte ´Verbesonderung` wird als sinnvoll erachtet, um davon ausgehend noch einmal explizit aufzuzeigen, wer mit ´Alle` gemeint ist. Am Ende des Kapitels werden die Begrifflichkeiten Gemeinsinn bzw. Gemeinwohl und uneingeschränkte Teilhabe für Alle zusammengeführt.
Das dritte Kapitel beginnt mit der Charakterisierung einer Ausgangslage, die ein Interesse an gemeinwesenorientierter Arbeit wecken kann. Dabei geht es um die Entstehung marginalisierter Stadtteile und der darin vorkommenden Armutsthematik. Dieser Heranführung folgt eine Bestimmung des Begriffs Gemeinwesen und seinen Inhalten wie eine Betrachtung seiner historischen Entwicklung.
Davon ausgehend wird das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit als professionell ausgerichtetes gemeinwesenorientiertes Arbeiten betrachtet. Schwerpunkt hierbei bilden die verschiedenen Formen der Gemeinwesenarbeit in Bezug auf eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle.
Abschließend beschäftigt sich das Kapitel mit der Frage, ob gemeinwesenorientiertes Arbeiten nicht nur eine andere Bezeichnung für Gemeinwesenarbeit darstelle. Als Hintergrund gemeinwesenorientierten Arbeitens und für den Versuch einer Beantwortung der Frage wird auf das psychologische Konzept der ´Alltäglichen Lebensführung` von Klaus Holzkamp zurückgegriffen.
Die Bedeutung vom professionellen Handeln innerhalb gemeinwesenorientierter Arbeit wird im vierten Kapitel zum Gegenstand gemacht. Hierbei wird die Basis die von Doortje Kal verfasste Dissertation ´Gastfreundschaft` mit dem darin betrachteten Konzept ´Kwartiermaken` darstellen. Das Konzept der ´Alltäglichen Lebensführung` wird nochmals aufgegriffen, um damit Aspekte zu veranschaulichen, die für den professionell Handelnden bei seiner Arbeit von Bedeutung sind.
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Es wird erklärt werden, was unter der ´Anerkennung vom Anderssein des Anderen` und der Notwendigkeit von Gegenseitigkeit zu verstehen ist. In einem Exkurs wird das philosophische Symbol der Umarmung dargestellt. Es veranschaulicht auf verständliche Weise, welche Kernkompetenzen der professionell Handelnde besitzen muss, um tatsächlich eine am Gemeinwesen orientierte Arbeit leisten zu können. Der letzte Teil dieses Kapitels gibt einen Überblick über die handlungsbezogenen Kompetenzen der Studierenden des Studiengangs ´Integrative Heilpädagogik / Inclusive Education`, in Bezug auf gemeinwesenorientiertes Arbeiten und beantwortet somit die zweite Hauptfrage dieser Arbeit.
Es folgt eine Zusammenfassung, die die wesentlichen Ergebnisse dieser Arbeit zusammenführt und auf die vorangestellten Fragen unter Beteiligung einer persönlichen Positionierung eingeht. Der abschließende Ausblick stellt das bearbeitete Thema nochmals in einen komplexeren Zusammenhang u. a. in Bezug auf das staatliche Einwirken hin zu mehr Solidarität sowie einer veränderten Betrachtungsweise des Arbeitsbegriffs.
Vorab möchte beachtet werden, dass diese Arbeit einen Anspruch auf Vollständigkeit in Bezug auf den komplexen Zusammenhang zwischen Gemeinsinn, Teilhabe, gemeinwesenorientierten Arbeiten und deren Bedeutung für professionelles Handeln versucht und einen möglichen Zugang zu dieser Komplexität darstellt, der wiederum ausbaufähig ist und zur weiteren Beschäftigung anregen möge.
Außerdem möge zur Kenntnis genommen werden, dass vor dem Hintergrund des Studiums, in der diese Masterthesis geschrieben wird, zwar Menschen, die als behindert bezeichnet werden, eine besondere Rolle spielen, aber sie hier keiner außergewöhnlichen Betrachtung unterliegen werden. In Bezug auf eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle wird zwar eine heilpädagogische Sicht erfolgen, nicht aber in Bezug auf gemeinwesenorientiertes Arbeiten. Bewusst wird sich gegen eine besondere Beschäftigung mit gemeinwesenorientierter Arbeit und Menschen, die als behindert bezeichnet werden entschieden. Nicht die Unwichtigkeit dieser Zusammenführung, sondern die ohnehin schon komplexe Betrachtungsnotwendigkeit ebendieser gemeinwesenorientierten Arbeit veranlasst einen allgemeineren Blick.
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Es wird sichtbar, dass gemeinwesenorientiertes Arbeiten keinen Menschen unberücksichtigt lässt und somit Menschen, die als behindert bezeichnet werden, in keiner Weise ausschließt. In Bezug auf stilistische Mittel möge beachtet werden, dass Zitate und Vergleiche mit Fußnoten gekennzeichnet sind. Außerdem werden in den Fußnoten definierte Begriffe sowie weiterführende Literatur mit so genannten Kullern angemerkt. Diese Unterscheidung dient einer verbesserten Leseart. In Hinblick auf ein angenehmes Lesen wird in der Arbeit die maskuline Subjektform in Bezug auf die professionell handelnde Person verwendet. Daneben gibt es Zusammenführungen der männlichen und weiblichen Form wie zum Beispiel in dem Begriff ´BürgerIn`.
Empfehlenswerte Literatur für eine weitere Beschäftigung mit der Thematik ´Menschen, die als behindert bezeichnet werden und gemeinwesenorientierte Arbeit`: Knust-Potter, E. (1998); sowie: Maas, T.; Bayer, W.; Götz, D.; Heimler, J.; Kraft, W.; Nernheim, K.; Schulz, B.; Schulze Steinmann, L. (2007) und Wansing, G. (2004).
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1 Gemeinsinn und Gemeinwohl
Der Begriff Gemeinsinn kann, wie im weiteren Verlauf dieses Kapitels deutlich wird, nicht unabhängig von dem Begriff Gemeinwohl erklärt werden, sodass sie gemeinsam zum Gegenstand gemacht werden.
Die Begriffe Gemeinwohl und Gemeinsinn haben in den letzten Jahren überraschend neues Interesse geweckt.6 Sie sind zu konstanten politischen Leitbegriffen mit großer Attraktivität u. a. für politische Akteure geworden, wenn es zum Beispiel um Bürgerengagement, Föderalisierung, Dezentralisierung und Kommunalisierung geht.
Es scheint, als ob ihnen eine krisenresistente und universelle Verwendbarkeit sowie inhaltlich verfügbare Vielfalt der Begriffe innewohne.7 Auch in kulturkritischen Diskussionen genießen sie eine konstante Popularität.
Der Gemeinsinn, der sensus communis, beschwöre gewissermaßen ein Integrationspotential herauf und habe nahezu ohne Begründung und Analyse Prädikate der Moral auf seiner Seite. Auch erhebe sich kaum ein Widerspruch, wenn, bedingt durch eine immer radikaler werdende Individualisierung der Gesellschaft, von einem Appell an die Verantwortung für das Gemeinwesen gesprochen werde.8
Gerade wegen ihrer wechselseitigen Bedeutungen und ihrer richtungweisenden Funktionen konnten die zwei Begriffe den Übergang zur modernen Gesellschaft überstehen, gelten heute aber auch noch als politisch umstritten. Dessen ungeachtet stellt sich die Frage, ob ihnen heutzutage noch eine Funktion bzw. eine Bedeutung zukommt, da angenommen wird, die Menschen moderner Gesellschaften verfolgen eher Eigeninteressen, als gemeinwohlorientierte Interessen. Die Beantwortung dieser Frage wird zum Gegenstand gemacht. Dabei wird eine historische Betrachtung der beiden Begriffe die Beschäftigung mit der inhaltlichen Vielfalt einleiten. Außerdem werden sowohl die ethische Dimension besonders in Bezug auf Rawls ´Theorie der Gerechtigkeit` und Kants ´Kritik der Vernunft` als auch die politische Dimension des Gemeinsinns dargestellt.
6 Vgl. Hellmann, K.-U. (2002):Gemeinwohl und Systemvertrauen, Vorschläge zur Modernisierung alteuropäischer Begriffe; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (II) S. 77.
7 Vgl. Münkler, H.; Bluhm, H. (2001): Einleitung: Gemeinwohl und Gemeinsinn als politisch-soziale Leitbegriffe; In: Münkler/Bluhm (Hg.) (2001) (I) S.10.
8 Vgl. Wils, J.-P. (2002):Zur Produktion von Gemeinsinn, Ihre diffizilen Bedingungen und ihre problematischen Wirkungen; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (IV) S. 115. Der Begriff Gesellschaft wie auch Gemeinschaft werden im nächsten Kapitel zum Gegenstand gemacht. (Kapitel 2.3; S. 20)
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